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33. Im Flug

Nicht ehe er das Erdgeschoß des benachbarten städtischen Spitals erreicht hatte, in der kleinen Kammer, die ihm eingeräumt worden war, um sich für den Flugversuch anzukleiden, kam Berblinger wieder ganz zu sich selbst. Noch konnte er das Geschrei und Getümmel der abziehenden Volksmenge hören; äußerlich wenigstens war er geborgen, und langsam fühlte er auch die Widerstandskraft zurückkehren, die ihn seit Monaten aufrechterhalten hatte. Es war eine furchtbare Niederlage, welche ihn in der unvorhergesehensten Weise überwältigte, aber nicht das Ende des Kampfes; der konnte in vierundzwanzig Stunden erneuert werden. Länger, das fühlte er schon jetzt, brauchte er nicht, um seine Kräfte wieder zu sammeln und aufs neue das Schicksal herauszufordern. Es hatte ihn schlecht, ungerecht behandelt; dafür war ein Trotz über ihn gekommen, der wie Kraft aussah.

Draußen lachten und johlten sie noch immer: »Haut den Schneider!« – »Wo ist der Schneider?« ›Laß sie schreien, Berblinger‹, sagte er zu sich selbst, die bunten Kleider abwerfend, ›wer zuletzt lacht, lacht am besten‹.

George Baldinger hatte ihn aufgefordert, nach der Frauenstraße zu kommen, sobald er sich umgekleidet hatte. Das wollte er jetzt tun. Es mochte wohl eine Stunde dauern, ehe der zerschnittene Apparat nach dem Rathaus gebracht werden und er mit der Wiederherstellung beginnen konnte. Wie ließe sich diese Zwischenzeit besser verwerten? Lucinde sollte ihn richten, niemand sonst. Er wußte, daß sie ihm helfen würde, sein unverschuldetes Unglück zu tragen.

Er rollte den Versuchsanzug in ein Bündel, das er in einer Ecke der Kammer verbarg. Morgen hatte er ihn ja wieder nötig. Draußen verlor sich das Schreien mehr und mehr. Es war grabesstill in dem klösterlichen Bau, in welchem man nur das Stöhnen von Kranken und Sterbenden zu hören gewohnt war. Fort!

In der düsteren, engen Flur, die zum Hauptausgang führte, begegnete er einer schwarz und weiß gekleideten Frauengestalt. Seine heutigen Erlebnisse hätten die Nerven eines stärkeren Mannes angreifen können; zu erschrecken brauchte er deshalb doch nicht, als er seinen Kindernamen leise rufen hörte:

»Brechtle!«

Es war die gute, tiefe, treuherzige Stimme, die er zum letztenmal auf der Brandstätte im Taubengäßchen gehört hatte. Warum erschrak er heute wieder wie damals? Hatte sie ihm aufgelauert? Er raffte sich zusammen.

»Gretle, bist du's?« fragte er nicht unfreundlich.

»Es ist mein Revier«, antwortete sie. »Ich habe ein Dutzend Kranke hier unten. Dich auch.«

»Sag nicht so. Ich bin gesund genug.«

»Wer weiß? Du warst am Sterben vor einer Stunde, so daß ich für dich beten mußte«, sagte sie leis und fast feierlich. »›Mitten wir im Leben sind von dem Tod umfangen.‹«

»Das sind alle Menschen, und jeder geht seinen Weg dem Ende zu.«

»Nicht alle so rasch, so selbstwillig, so leichtfertig. Tu's nicht, Brechtle! Du bist zu Besserem auf der Welt.«

»Das verstehst du nicht«, versetzte er ungeduldig. »Was ich tue, ist das Beste, was ich tun kann. Mach mir's nicht schwerer; leicht ist es nicht.«

»Tu's nicht, ich bitte dich drum!« sagte sie dringender. »Ich weiß, du wirst es nie vollbringen. Gott hat den Menschen ein Ziel gesetzt. Frag den Pestilenziarius.«

»Dem – ja!« lachte Berblinger gezwungen. – Sie waren sich nahe genug gewesen, Herz an Herz. Wie weit waren sie jetzt auseinander!

»Tu's nicht!« wiederholte sie. »Seit drei Nächten träumt mir, du seist ins Wasser gegangen, und niemand in der ganzen Stadt wisse, warum. Du weißt, wie ich die Donau fürchte, und du weißt, warum. Das halt' ich nicht aus.«

»Wenn es so kommt, müssen wir's kommen lassen«, versetzte er ernst. »Es treibt mich etwas im Innern, dem ich nicht widerstehen kann, und ich weiß, es ist nichts Schlechtes. Es treibt alle Menschen, die höher hinauf wollen, seit wir aus dem Paradies mußten.«

»Du versündigst dich!« rief Gretle fast heftig. »Wenn wir das Paradies suchen, müssen wir zurück, nicht vorwärts, hinunter, demütig hinunter, nicht hinauf. Tu's nicht! Ich kann's nicht ertragen, dich so zugrund gehen zu sehen.«

Sie faßte seine beiden Hände und begann zu weinen.

»Ich muß; ich hab' geschworen!« sagte er zornig; gegen dieses leise Weinen wußte er sich nicht anders zu wehren.

»So geht!« sagte auch sie heftig. »Mehr kann ich nicht tun, als leiden – leiden –«

Er ging an ihr vorüber, hastig, als ob er fliehen müßte. Noch unter der Türe hörte er, daß sie schluchzte.

»Will sie, daß ich einen Eid breche?« fragte er wütend und flog die Steingasse hinauf.

 

In Baldingers Wohnzimmer fand er den Staatsrat und George, in einer Fensternische plaudernd.

»Na, Brechtle«, rief ihm der alte Herr entgegen, »lebst du noch? Das war kein Spaß für uns alle!«

»Eins muß man dem König lassen«, sagte der Doktor, »er ist ein vernünftiger Herr und nahm den Reinfall an der Donau ruhiger als die Ulmer.«

»Kein Tag für schlechte Witze, George«, mahnte der Staatsrat. »Dem Berblinger müssen wir vor allen Dingen auf die Beine helfen, daß er wieder flügg wird. Hol eine Flasche Burgunder; das wird uns allen guttun. Aber wer ins Kuckucks Namen hat uns diesen Streich gespielt?«

»Ich habe meinen Verdacht«, sagte der Doktor im Hinausgehen, um nach dem Wein zu sehen. »Hinter allen kleineren Verbrechen steckt etwas Liebe!«

»Unmöglich!« rief Herr von Baldinger, als ob er den Neffen vollständig verstanden hätte, und fuhr dann fort, sich zu Berblinger wendend:

»Er hätte seinen eignen Vater einem Schlaganfall ausgesetzt. Ich fürchtete, du würdest deinen Onkel nicht mehr lebendig sehen, als du anfingst, an der Leiter herunterzuklettern. Aber mach dir jetzt keine Gedanken über das, was überstanden ist. Wie kommen wir weiter – das ist jetzt die Frage.«

Berblinger erklärte, was geplant werde: Sein Onkel sei noch lebendig genug und entschlossen, die Scharte auszuwetzen. Der Herzog Heinrich habe versprochen, morgen auf dem Platz zu sein. Die Flügel seien auf dem Weg nach dem Rathaus. Dort werde er in einer Stunde mit ihrer Wiederherstellung beginnen, so daß bis morgen nachmittag alles in bester Ordnung sein könne.

»Gott geb's!« sagte der Staatsrat inbrünstig. »Die Blamage können wir nicht auf uns sitzen lassen, das siehst du wohl auch ein.«

In diesem Augenblick trat Lucinde ins Zimmer. Sie hatte einen altertümlichen Präsentierteller in der Hand, auf dem vier silberne Becher standen. Hinter ihr kam George, der vorsichtig eine bestaubte Flasche trug.

»Die Sache macht sich«, fragte Herr von Baldinger munter. »Unser Preisvogel ist nicht halb so zerfallen, als ich fürchtete, und unser Gänschen kann seine Tränen trocknen. Siehst du, Schneider, was du angestellt hast!«

Er faßte Lucinde am Kinn, drückte den niedlichen Kopf nach oben und küßte sie auf die Stirne. Staunend sah Berblinger, daß sie rotgeweinte Augen hatte und ein ungewohnter bitterer Zug um ihren Mund spielte. Jetzt erst nickte sie ihm zu und lächelte.

»Wir können's nicht wegdisputieren«, fuhr der Staatsrat fort; »es bleibt ein unglückseliger Zwischenfall, den einige, die auf den König rechneten, kaum verwinden werden, Berblinger. Dein Onkel zum Beispiel, der für den Glanz der Familie sorgt. Wir andern sind jünger und vernünftiger und können's tragen; du besonders, wenn es dich auch im ersten Augenblick nicht übel gepackt haben mag. Männer dürfen nicht vom Augenblick abhängen. Prosit!«

Sie stießen an. Lucinde sah bewundernd an ihrem Vater hinauf, und Berblinger fühlte mit jeder Minute mehr, wie wenig der Unfall zu bedeuten hatte.

»Ich verstehe nichts von euren Erfindungen«, begann der alte Herr wieder, »aber ich habe mir sagen lassen, daß sie wie Kinder sind und keine ohne Schmerzen zur Welt komme. Je größer die Schmerzen, um so kräftiger der Junge. So könnt' ich dir fast gratulieren, Brechtle. Du siehst, man muß die Dinge nur in das richtige Licht stellen, um ihre wahre Farbe zu sehen. Prosit noch einmal! Leere das Fläschchen in aller Ruhe. Wir, George und ich, müssen gehen, um die Majestät zur Stadt hinauszukomplimentieren.« Er griff rasch nach Hut und Stock. Wenige Minuten später standen Lucinde und Berblinger allein im Zimmer.

»Ich hatte alles vom heutigen Tag gehofft«, sagte sie, sich abwendend.

»Ich auch«, versetzte Berblinger; »aber ich gebe nichts von meinen Hoffnungen auf.«

»Und alles ist noch zu tun«, meinte sie schmollend, »alles! Ich glaubte, Sie seien am Ziel.«

»Das Ziel ist höher, als wir vielleicht dachten«, sagte er. »Aber ich habe den Mut, es nicht aus den Augen zu lassen.«

»Sie wollen es noch einmal wagen, und wir könnten am Ende doch noch triumphieren!« sagte sie mit fliegendem Atem. »Sehen Sie, Herr Berblinger, einem Mann, der den Mut hätte, nach dem, was wir heute erlebt haben, noch einmal vor alle Welt zu treten und den Sprung von dem Turm herab zu wagen, weil er an seine Sache glaubt, dem Mann könnte ich – alles versprechen.«

»Aber können Sie zweifeln?« antwortete Berblinger mit klopfendem Herzen. »Ich habe jahrelang an dem Gedanken gehangen und war bereit, ihm alles zu opfern, und dachte dabei nur an die Menschheit. Glauben Sie, ich werde zaudern, seitdem ich weiß, für wen ich das letzte kleine Opfer bringen darf?«

»Sie sind ein Mann, Albrecht, Sie sind ein Mann!« rief Lucinde fast mit einem Aufschrei und flog an seinen Hals. Ihm wirbelte Himmel und Erde durcheinander; aber es war nur ein Augenblick. Das leidenschaftliche Mädchen hatte sich ebenso rasch wieder gefaßt und sagte halb abgewandt, fast weinend:

»Gehen Sie, bitte, gehen Sie! Wenn Ihnen morgen das Glück lacht wie Sie heute das Unglück verfolgt hat, so will ich Ihnen den Preis nicht weigern. Das wissen Sie jetzt.«

Er ging. Niemand, der ihn gehen sah, hätte vermutet, dem unglücklichsten Menschen in Ulm begegnet zu sein, der sich vorsichtig nach dem Rathaus schleichen mußte, um nicht von Banden johlender Gassenjungen verhöhnt zu werden.

 

Während der mit sechs prächtigen Rappen bespannte Reisewagen des Königs vor dem Rathaus stand und die Majestät oben im Saal die Behörden der Stadt verabschiedete, während die Kanonen vom Michelsberg zu donnern begannen, schlüpfte Berblinger unbemerkt in die Spritzenkammer im Erdgeschoß des ehrwürdigen, wenn auch etwas reparaturbedürftigen Baues und fand dort Fränzle, den Lehrjungen, der zwischen den beiden Flügeln saß und heulte. Das Unglück seines Meisters war ihm derart zu Herzen gegangen, daß er sich noch nicht zu fassen vermochte. Auch hatte er keinen Burgunder bekommen, der ihn hätte trösten können.

»Dummer Bub!« sagte Berblinger, faßte ihn nicht unfreundlich am rechten Ohr und stellte ihn auf. »Heulen kannst du später. Lauf zum Gürtlermeister Kimmel in der Kammachergasse und sag ihm, er müsse ohne Verzug aufs Rathaus kommen. Aber flink! Und sorge für Lichter; heute nacht wird durchgearbeitet.«

Der Junge ging, indem er das nasse Gesicht mit dem Ärmel abwischte und halb beruhigt sein rotes Ohr rieb, während der Meister den rechten Flügel auf den Boden legte, um den angerichteten Schaden zu betrachten. Eine halbe Stunde später war er und Meister Kimmel lautlos und emsig beschäftigt, neues Lederzeug zuzuschneiden und Riemen aneinander zu passen. So wenig man auf den ersten Blick bemerken konnte, so gründlich und geschickt war das Zerstörungswerk ausgeführt worden. Drei Talgkerzen erhellten den düsteren, unbehaglichen Raum genügend für die Arbeit, die, wenn alles gut ging, vor Anbruch des Morgens zur Hälfte beendet sein konnte.

Ganz ungestört sollte die Nacht jedoch nicht verlaufen. Gegen zehn Uhr trat Schwarzmann ein, um nach seinem Neffen und dem Fortschritt der Arbeiten zu sehen. Er kam aus der Ofengabel, wo nach der Abfahrt des Königs, der die Stadt in bester Stimmung verlassen und auch ihn mit einigen ermunternden Worten ausgezeichnet hatte, die Ereignisse des Tages besprochen worden waren. Der Herr Onkel war sichtlich völlig beruhigt und betrachtete jetzt den ganzen Vorfall als ein zwar unangenehmes, aber wenig bedeutendes Zwischenspiel. Der große Tag war ja schon ursprünglich für morgen geplant und die Änderung des Programms kaum bekannt geworden, so daß noch bis spät in den Abend Freunde eintrafen, die das Fliegen sehen wollten und die Gasthöfe überfüllten. Auch spreche man in der Henne, im Bäumle und allen besseren Weinwirtschaften – von den Bierstuben wolle er gar nichts sagen – nicht von dem heutigen Malheur, sondern von dem morgen bevorstehenden Gelingen der Versuche. Der Herzog Heinrich habe das höchste Interesse an den Tag gelegt, und die ganze Honoratiorenwelt, die sich dem leutseligen Herzog gegenüber etwas weniger befangen fühlte als vor dem König, werde sicher wieder erscheinen, um an dem Triumph der Stadt teilzunehmen. Selbst Nusser, der boshafte Kerl, habe bemerkt, seitdem man sich das erstemal blamiert habe, glaube er an die Sache. Das sei bei allem Guten so; beim Schlechtesten gehe es umgekehrt. »Er mag recht haben!« schloß der Rat und setzte sich behaglich auf eine kleine Feuerspritze, um den schweigend arbeitenden Leuten zuzusehen.

»Das wird doch alles fertig bis morgen nachmittags Brechtle. Ich habe mich dafür verbürgt«, sagte er nach einer Pause. Das Gewirr von Bändern, Riemen und Schnallen und das stille hastige Arbeiten machten ihn unruhig.

»Sie dürfen sich darauf verlassen, Onkel«, versetzte Berblinger, sich aufrichtend. »Es ist mir selbst zumut, als ob mein Leben daran hinge.«

»Na, so schlimm wird es nicht sein«, sagte Schwarzmann. »Aber Punkt vier Uhr mußt du fliegen; überall hab' ich das versprechen müssen. Um halb vier verläßt der Festzug das Rathaus. Die Stadtmusik ist bestellt, die Stadtreiter wollten voranziehen, aber man fürchtet, die Pferde könnten an den großen Flügeln scheu werden. Ich bin der Ansicht, daß vier Berittene genügen dürften, und der Wirt vom Goldenen Ochsen will dir sein Reitpferd leihen. Es ist ein ruhiges Tier, so daß du keine Sorge zu haben brauchst. Ich habe an alles gedacht. Du wirst sehen, morgen abend ist radikal vergessen, was heute passiert ist, und Prinz Heinrich hat versprochen, dem König nichts vorzuenthalten, was uns zur Ehre gereichen könnte. Ich bin ganz ruhig. Alles kommt jetzt nur darauf an, daß du mit den Malefizflügeln fertig wirst.«

Während dieser Worte war die Türe halb aufgegangen und ein weiterer Besucher lautlos hereingeschlüpft, der jetzt aus dem Dunkel hervortrat. Es war der Magister Krummacher. Er machte eine höfliche Verbeugung gegen den Herrn Rat, wandte sich dann aber ohne weiteres Berblinger.

»Ich hoffe zu Gott, Brechtle«, sagte er hastig, wie jemand, der eine unangenehme Botschaft los werden möchte, »daß du als Warnung ansiehst, was dir heute begegnet ist.«

Schwarzmann sah den Pestilenziarius mit großen Augen an; ein toller Verdacht war in ihm aufgestiegen. Der Magister schien den Blick zu verstehen.

»Nein!« sagte er, entrüstet auf die Flügel weisend, »ich habe das nicht getan. Ein größerer als wir alle, den König nicht ausgenommen, hat dich warnen wollen, Brechtle. Das treibt mich auch jetzt hierher. Du wirst nicht so vermessen sein, ihn noch einmal zu versuchen.«

»Was wollen Sie eigentlich, Herr Magister«, fiel Schwarzmann ärgerlich ein. »Sie sitzen zwar seit Jahrzehnten an meinem Tisch, deshalb brauchen Sie sich doch nicht in unsre Familienangelegenheiten zu mischen, und die Sache hier und der Albrecht – das ist meine Familiensache. Verstanden!«

Zum erstenmal seit einem halben Jahrhundert vergaß Krummacher seinen Respekt vor dem Herrn Rat und fuhr fort zu Berblinger zu sprechen:

»Die ganze Welt steht dir offen, in ehrsamer Weise deinen Weg zu finden, Brechtle! Warum kannst du, wie alle andern Leute, dich damit nicht zufrieden geben? Glaubst du, sie werden dir's danken, wenn du ihnen über den Kopf wegfliegst? Sie verhöhnen dich heute schon, weil du nichts zustande gebracht hast. Sie werden mit Steinen nach dir werfen, wenn dir's gelingt.«

»Ich verbitte mir das, Krummacher!« rief Schwarzmann grob. »Wenn Er nicht sieht, wo's mit der Welt hinauswill, mut Er nicht andern zu, den Maulwurf zu spielen. Überhaupt! Das ist das Jahrhundert des Fortschritts, hab' ich mir sagen lassen. Scher Er sich zum Teufel, wenn Ihm das nicht gefällt, und schreib Er's in seine alte Chronik. Die Zukunft gehört Leuten wie meinem Neffen Berblinger und – und mir!«

»Laß die Zukunft für sich selber sorgen, Brechtle«, fuhr der Magister dringender fort, als ob er Schwarzmann nicht gehört hätte. »Ich habe Vaterstelle an dir vertreten, seitdem du ein kleiner Abc-Schütz warst und laß mich nicht über Nacht verdrängen. Glaub wenigstens deinem Freund, dem Türmer, der dir heute geschrieben hat.«

»Der alte Hexenmeister!« rief der Rat grimmig. » Der Schwindel ist ausgespielt, und jetzt hab ich's satt. Laß Er den Berblinger in Ruh. Der Junge hat genug zu tun, auch ohne Ihn! Ich auch. Und Er würde mir einen großen Gefallen tun, wenn Er zu Bett ginge, 's ist Zeit für alte Leute.«

Aber heute war alles aus Rand und Band. Der Pestilenziarius wandte sich jetzt gegen Schwarzmann.

»Ich gehe zu Bett, wenn ich nichts mehr zu tun habe, aber hier braucht man mich noch, um auch Euch einmal die Wahrheit zu sagen, Herr Rat: Ihr habt das Geld gestohlen, das Brechtles Mutter gehörte, Ihr habt ihn zum Schneider gemacht und gebt Euch alle Mühe, ihn in den Tod zu treiben, um Euch mit fremden Federn herauszuputzen, und der dumme Bub merkt's nicht. Das wollte ich ihm sagen, und will's durch die ganze Stadt schreien, eh' ich zu Bett geh.«

Der Rat war aufgesprungen und suchte stammelnd nach Worten und nach seinem Stock, der hinter der Feuerspritze auf dem Boden lag. Man war zu jener Zeit mit Tätlichkeiten rascher bei der Hand als heutzutage und der Pestilenziarius hatte sich bereits mit einem Feuereimer als Schutzwaffe bewehrt. Aber auch Berblinger richtete sich jetzt auf.

»Lassen Sie mich in Ruh, Herr Krummacher«, sagte er bittend. »Was geschieht, muß geschehen. Bei Gott, es ist nicht der Rat, der mich treibt, und wenn's schlimm geht – mein Vater wäre an seinem Perpetuum mobile zugrunde gegangen, wenn ihn nicht ein Franzose erschossen hätte. Ich bin nicht besser als meine Väter, und vielleicht kommt die Zeit, daß auch Sie noch sagen werden, der Brechtle, der dumme Bub, hat uns alle um einen Schritt vorwärts gebracht. Daraufhin wag' ich's. Was macht's – ein lumpig Schneiderlein mehr oder weniger auf der Welt?«

»'raus! 'naus!« schrie Schwarzmann, dem der elegische Ton nicht gefiel. »Er soll in seinem Münsterhäuschen weiterheulen, nicht hier! 'naus!«

Aber der Magister hatte den Rückzug bereits angetreten. Zum erstenmal seit Jahrzehnten war ihm die Galle übergelaufen. Beim Nachhausegehen merkte er mit Verwunderung, welche Wohltat dies war, obgleich er das Schlachtfeld nicht zu behaupten vermocht hatte. Erst als er sich niederlegte, kam es wie ein großer Jammer über ihn, daß er seinen Brechtle nicht hatte retten können, und er bat Gott mit aller Inbrunst, er möge ein Einsehen haben und den Jungen nicht in diesem Teufelswerk untergehen lassen. Daß er seine letzte Hoffnung auf Lombard, den alten Heiden, setzte, sagte er seinem Herrgott nicht.

 

Auch Schwarzmann verließ die unbehagliche Werkstätte, nachdem er den Zurückbleibenden mit wichtiger Miene eine gute Nacht und gute Verrichtung gewünscht hatte. Fast ohne ein Wort zu wechseln, arbeiteten sie weiter: Berblinger jetzt in fieberhaftem Eifer, der Gürtlergeselle, der anstatt des Meisters gekommen war, grämlich und verschlafen, Fränzle kaum noch imstande, die Augen offen zu halten, entschlossen, eher tot umzufallen, als seinen Meister im Stich zu lassen. Ringsum herrschte tiefe Stille. Nur von Zeit zu Zeit hörte man draußen das Tuten eines Nachtwächters. »Laßt sie tuten; sie gehören auch zum alten Eisen!« sagte Berblinger und schnitt einen zweiten Brustriemen zurecht, da der Gürtler den ersten im Halbschlaf verpfuscht hatte.

Gegen drei Uhr war der rechte Flügel fertig. Es war jetzt zweifellos, daß sie mit dem andere bis Mittag ebenfalls zurechtkommen würden, und Berblinger beschloß, Feierabend zu machen. Schläfrig sagte der Gürtlergeselle gute Nacht und verschwand. Fränzle versprach bereitwillig, Wache zu halten, sichtlich ohne zu wissen, was er sagte, warf sich auf eine Pferdedecke und schlief nach zwei Minuten wie ein Murmeltierchen. Auch Berblinger wollte das Spritzenhaus nicht verlassen, um sicher zu sein, daß der geheimnisvolle Bösewicht von gestern sein finsteres Treiben nicht wiederhole. Er streckte sich ebenfalls auf dem Boden aus, schob einen Feuereimer unter den Kopf und wollte so den Morgen erwarten.

Bald aber umgaukelten ihn Träume aller Art, in denen schließlich ein neues Flügelpaar aus riesigen Adlersfedern und Lucindens letztes Lächeln in eine stille, tiefe Nacht hinüberführten, durch die er hinsegelte, wie es Adler tun, langsam, feierlich, ohne Mühe; weiter, immer weiter. Wie lange das dauerte: stundenlang jedenfalls, vielleicht aber auch eine halbe Ewigkeit, vermochte er nicht zu schätzen. Endlich wurde es Dämmerung und dann heller, immer heller. Nun sah er über sich etwas fliegen, langsam, feierlich, ohne Mühe; eine hell wallende Gestalt, aber nicht mit zwei Flügeln. Sie hatte deren vier; ganz deutlich vier! Wenn das eine Paar nach unten schlug, hob sich das andere; eins war immer im Niedergang, eins im Aufsteigen, und so oft das rätselhafte Wesen in den weißen, langhin flatternden Gewändern eine raschere Bewegung machte, hob es sich leicht, ohne alle Anstrengung, wie man es Fische tun sieht, die in klarem Wasser auf- und niedersteigen. Wie die zwei Flügelpaare aneinander vorbeikamen, konnte Berblinger nicht deutlich sehen; wohl aber fühlte er mit großer Bestimmtheit, daß das ganze Geheimnis dieser Art des Fliegens auf den vier Flügeln beruhte.

Hatte er das Wesen nicht schon früher gesehen? Gewiß: in der alten Bilderbibel seiner Mutter. Es war ein Cherubim. Daß er sich hieran nicht früher erinnert hatte!

Er nahm alle Kraft zusammen, ihn zu erreichen. Sie stiegen beide; es wurde immer heller um ihn her, aber er kam dem Cherub nicht näher. – Ein neuer Aufschwung! – Er fühlte den Schweiß, der ihm auf die Stirne trat, den Schmerz in den Armen, denen die Flügel zu schwer wurden. –

Da erwachte er. Der Feuereimer war davongerollt; er lag mit dem Kopf auf den kalten Steinplatten des Bodens. Rasch richtete er sich auf und rieb sich die Augen. Es war heller Tag.

»Vier Flügel!« –

Der Lehrjunge hatte bereits Wasser in einem ledernen Eimer herbeigeholt und wusch sich in einem Winkel der Kammer, laut plätschernd. –

»Vier Flügel!«

Er sah jetzt, daß der Meister erwacht war, aber vor sich hinstarrte, als schliefe er mit offenen Augen. Er fragte, ob er ihm auch Wasser bringen solle, draußen vom Fischkasten; erhielt aber keine Antwort.

»Vier Flügel!« – Der Traum begann erst zu weichen, nachdem er sich einen Eimer Wasser über den Kopf gegossen hatte. Es fiel ihm plötzlich ein, daß er heute nicht träumen durfte und seinen klaren Verstand brauchte; aber immer wieder sah er die helle, wallende Gestalt mit ihren vier Flügeln ruhig dahinsegeln.

»Oh, wenn ich Zeit hätte – nur vier Wochen«, murmelte er vor sich hin, wie wenn ihn eine plötzliche Angst erfaßte, »Gott im Himmel, wenn ich Zeit hätte!«

Doch was half das Geseufze. Franz brachte heiße Milch und Brot aus der Schenke über dem Weg. Man mußte rasch frühstücken und die Arbeit aufnehmen. Es war gar mancherlei zu tun, wollte man ganz sichergehen, und immer wieder verwirrte ihn der eine Gedanke:

»Vier Flügel! Das war die Lösung! Oh, wenn ich Zeit hätte; nur drei Wochen – nur zwei!«

Aber schon kam Besuch. Es war der Hilfswächter vom Münsterturm mit einem Brief an Meister Berblinger. Er hätte ihn schon gestern abgeben sollen, sagte der Mann, habe aber den Meister in der Herrenkellergasse nicht gefunden.

Berblinger erbrach das Siegel, einen Drudenfuß unter einem geflügelten Schlüssel. Das Schreiben war von Lombard. Er las:

 
Freund und Mitstreiter!

Ich weiß, was Dich betroffen hat und was Dir not tut. Nicht Mut – Geduld. Laß sie schreien. Sieh nicht nach rechts, noch nach links. Nur so erreichst Du das Ziel.

Ich mache morgen den letzten Versuch mit meinem Sprengöl. Ich weiß, daß er gelingen wird. Dann wirst Du fliegen ohne jede Anstrengung, ohne jede Gefahr.

Du sollst für Deine Zwecke mein ganzes Geheimnis haben, denn ich habe Dich liebgewonnen und niemand, außer Dir, der mich versteht. Auch bleibt mir genug übrig für meinen Zweck, die Welt auf den Kopf zu stellen. Was ich ihr gebe, ist eine neue Kraft. Damit läßt sich alles machen. Auch Du brauchst nichts andres.

Also warte! Warte! In vierundzwanzig Stunden brauchst Du deine alten Flügel nicht mehr und wirst doch fliegen.

Lombard,
Münstertürmer
 

Berblinger ließ den Brief auf die Erde fallen, dann hob er ihn wieder auf und las ihn zum zweitenmal. Hatte er nicht vor wenigen Minuten seufzend ersehnt, was sein Freund verlangte? Geduld, Zeit. Ob nun die vier Flügel die Lösung bringen mochten oder die neue Kraft des Türmers, Zeit brauchte er für beides. Wo aber sollte er Zeit herbekommen im Drang dieser Stunden? Er hatte das Tor der Spritzenkammer verriegelt, um einige Minuten wenigstens ruhig denken zu können, und saß bleich und schlaff auf einer Feuerspritze, während der Lehrjunge den zweiten Flügel zurechtlegte, wie er es gestern mit dem ersten hatte tun müssen. Aber schon kamen die ersten Sonnenstrahlen eines herrlichen Frühlingstags durch die verstaubten Fenster, und an der Türe klopfte es heftig mit einem Stockknopf. Franz öffnete.

Schon wieder Schwarzmann! Auch der Herr Rat hatte schlecht geschlafen.

»Nun, wie steht's?« rief er laut. »Guten Morgen, Brechtle! Sind sie fertig?«

Man hörte den kurzen Sätzen an, wie es ihn umtrieb. Aber schon kam hinter ihm ein zweiter Besucher: George Baldinger.

»Morgen Berblinger! Schon munter? Wie ging's heute nacht? Sie haben hoffentlich Zeit gefunden, auszuschlafen. Heute werden Sie alle Kräfte beisammen haben müssen. Sind die Flügel fertig? Lucinde behauptet, kein Auge geschlossen zu haben, und schickte mich her, Ihnen guten Morgen zu sagen und das Röschen zu bringen. Weiberart; man muß Geduld haben. Mein Onkel schickt Ihnen die Flasche Burgunder; das hat wenigstens Sinn. Ich höre unten im Rathaus, der Herzog habe auch schon nachfragen lassen. Es scheint in Ulm alles schon jetzt halb verrückt zu sein. Das mag gut werden bis gegen Abend!«

Berblinger sprang auf.

»Einer ist fertig«, sagte er entschlossen, »der andre wird's. Aber lassen Sie mich in Ruh, meine Herren. Mit Schwatzen ist niemand gedient, und ich habe keine Minute zu verlieren.«

Er schob beide halb lachend zur Türe hinaus, schlug sie zu, drehte den Schlüssel in dem kreischenden Schloß, rief den Lehrjungen heran und machte sich an die Arbeit.

Schwarzmann sah Baldinger erstaunt an. So hatte Brechtle seinen Herrn Onkel noch nie zu behandeln gewagt.

»Man muß diesen Erfindern manches zugute halten, Herr Rat«, sagte Baldinger lachend. »Wenn sie uns dafür das Fliegen beibringen, können wir zufrieden sein.«

 

Wenn je das ehrwürdige, altschwäbische Ulm Gefahr lief, in eine fieberhafte Aufregung zu geraten, so war es am 31. Mai 1811. Schon am Nachmittag kam nicht nur das Landvolk aus den benachbarten Dörfern herbei, das von den Ereignissen des vorigen Tags nichts erfahren hatte, auch aus weiter Ferne, aus Ehingen, Günzburg, Geislingen, zu Wagen, zu Pferd und zu Fuß strömten sie heran, um sich zu überzeugen, daß der Mensch nun auch König der Lüfte geworden war. Aus Blaubeuren erschien – ein fast ebenso unerhörtes Ereignis – eine kleine schwarze Schar, fast die ganze ›Promotion‹ der Klosterschule, an ihrer Spitze der Prälat und frühere Professor Gaum, der im Lauf der Jahre wunderbar mild geworden war; alle sehr durstig und bestaubt, um den früheren Alumnus Berblinger, der dem gesamten Lehrercollegio so viel Sorge und Verdruß bereitet hatte, fliegen zu sehen. Unterwegs teilte der Herr Prälat einer gierig lauschenden Jugend manches aus der Vergangenheit Berblingers mit, indem er eindringlich darauf hinwies, wie auch in diesem Falle die humanistische Erziehung und eine streng klassische Bildung selbst bei einem weniger begabten Schüler die höchsten Bestrebungen der Menschheit gefördert habe und zu erstaunlichen Erfolgen führen könne. Indirekt – nun ja! Aber wo wäre Berblinger jetzt, wenn er nicht durch die Klosterschule gelaufen wäre? Niemand vermochte hierauf zu antworten.

Gegen Nachmittag erreichte die Erregung einen bedrohlichen Grad. Der Mißerfolg von gestern trug nur dazu bei, das Interesse an den kommenden Versuchen zu steigern. Alles strömte nach der Donau; die meisten, die entdeckt hatten, daß der Flug vom jenseitigen Ufer, wo man die Adlerbastei mit dem Holzturm vor sich hatte, am besten gesehen werden konnte, durch das Herbeltor hinüber auf bayrisches Gebiet. Die Zeit des Versuchs war durch Ausschellen zugleich mit der Warnung bekanntgegeben worden, sich in Gegenwart Seiner Königlichen Hoheit des Herzogs Heinrich von Württemberg alles ungebührlichen Tumults zu enthalten. Schon eine Stunde zuvor stand die Volksmenge Kopf an Kopf auf der Spitze der benachbarten Insel und entlang dem jenseitigen Ufer, die einen geduldig wartend, die andern nach rechts und links mit derben, altbewährten Witzen um sich werfend, die ihre Wirkung nie verfehlten, wieder andre ernsthaft das Für und Wider des Gelingens erwägend oder in volkstümlichen, deshalb aber nicht weniger tollen Phantasien die Folgen der neuen Erfindung ausmalend. Einer der unruhigsten war ein Mann, der im gewöhnlichen Leben zu den ruhigsten gehörte und sonst nie in einem ähnlichen Volksgewühl gesehen wurde: Professor Zeller. Auch er hatte während des Vormittags versucht, Berblinger zu sprechen und womöglich abzuhalten, das tolle Wagnis zu wiederholen, war aber von zwei Stadtsoldaten zurückgewiesen worden, die der Bürgermeister zum Schutz des Erfinders vor dessen Notwerkstätte aufstellen ließ. Jetzt erwartete er wie tausend andre das vermutlich Unvermeidliche mit einer Ungeduld, die ihm nicht gestattete, drei Minuten lang ruhig auf einem Platz zu stehen. Das Los seines jungen irregeführten Freundes ging ihm tief zu Herzen, nicht minder aber der peinliche Gedanke, daß, wenn Berblinger wirklich fliegen sollte, die ganze herrliche Theorie der Statik elastisch-flüssiger Körper, deren Gesetze er teilweise selbst gefunden und aufgestellt hatte, als vernichtet anzusehen wäre.

Zuerst unterhielt er sich eine Zeitlang mit Prälat Gaum, der sich vergeblich bemühte, seine junge schwarze Schar im Zaum zu halten, von welcher bereits etliche entwichen waren, um im Roten Ochsen hinter Bierkrügen die Fortschritte des Jahrhunderts zu vergessen. Er war erstaunt und erschreckt, in Gaum einen begeisterten Freund des menschlichen Flugs zu finden, und als einzige Begründung das Tempora mutantur, et nos mutamur in illis hören zu müssen. Übrigens sei es durchaus nicht zu verwundern, daß ein Alumnus der Klosterschule zu Blaubeuren an der Spitze dieser großartigen Bewegung stehe und daß auf diese Weise die Ahnungen der Alten, wie sie sich in Sage und Geschichte erhalten haben, zur Wirklichkeit geworden seien. Er könne nicht umhin, an Ikarus zu erinnern, obgleich diese mythische Persönlichkeit mit unsrem Berblinger aus vielen Gründen, vornehmlich auch wegen des durch den Sonnengott herbeigeführten tragischen Endes des älteren Luftseglers, nicht verwechselt werden dürfe.

Lebhaft Zustimmung nickend, da er kein Wort einzuschieben vermochte, verließ Zeller den beredten Prälaten und wurde von einer größeren Gruppe aufgehalten, die sich um ein altertümliches Fähnlein geschart hatte und in besonders freudiger Erregung zu sein schien.

»Ich sage, es ist der stolzeste Tag, den die Zunft seit Jahrhunderten erlebt hat«, rief der Bannerträger sehr laut. »Sobald wir seiner habhaft werden können, muß eine Feier vor offener Lade veranstaltet werden. Schon längst sollte ein Komitee ernannt sein, das Vorschläge macht, wie das Ereignis gemeinsam mit unserem großen Zunftgenossen würdig gefeiert werden kann. Die silberne Schere genügt nicht!«

Es waren die Schneidermeister, die heute nach langer Zeit wieder einmal mit ihrem Fähnlein ausgerückt waren. Zeller hörte ihnen eine Zeitlang zu.

»Ich bin für einen großartigen Festtrunk, wie er im ›Wilden Mann‹ noch nie kredenzt wurde«, sagte Meister Bockelhardt.

»Die Veranlassung ist so ganz eigenartig«, meinte Knöppel nachdenklich, »daß ich nichts von dem alten Handwerksbrauch zu verwerten wüßte. Ich tu's ungern, aber wir müssen an etwas Neues, noch nie Dagewesenes denken.«

»Wie wär's«, sagte Glöcklen, »wenn ihn die Zunft nach einem opulenten Mahle zum Geheimen Ehrenschneidermeister ernennen würde? Das war noch nie da. Herr Geheimer Ehrenschneidermeister – Sapperlot, es klingt nicht schlecht.«

Zeller drängte sich durch und blieb hinter einigen freundschaftlich streitenden Leuten stehen. Ein großer breitschultriger Mann hatte sich zweier andrer zu erwehren. Der eine, eine lange hagere Gestalt mit einem Bocksbart und stechenden schwarzen Augen, hätte für einen Franzosen gelten können; der andre, kaum mittelgroß, mit einem gutmütigen rosigen Kindergesicht und veilchenblauen Augen, war zweifellos ein Schwabe, obgleich er nach Kleidung und Benehmen aus weiter Ferne kommen mochte.

»Ich glaube an festen Boden«, sagte der Breitschulterige. »Wir sehen genug Wunder in unsrer Zeit und brauchen dazu nicht in der Luft herumzuflattern. Eisen und Stahl, Kohlen und Dampf – das ist's, was mir behagt. Er hat auch die Augen weit aufgerissen, euer Berblinger, als wir zusammen, weit hinten in Schlesien, die erste Feuermaschine sahen.«

»Dabei seid ihr zusammengetroffen?« fragte der Blauäugige. »Donnerwetter, wie sich alles begegnet. Er erzählte mir selbst davon in Wien. Keßler heißt du?«

»Keßler heiß' ich«, versetzte der andre nickend, »und Feuermaschinen will ich bauen, sobald ich meine Schmiede in dem alten Nest aufgetan habe, drunten am Neckar. Die Schlesier sollten den Schwaben nicht zu weit voranlaufen, und ihr sollt mir die Augen ebensoweit aufreißen, als wenn einer in der Luft herumvagabundiert. Ich bin auch für den Fortschritt, aber festen Boden will ich unter den Füßen haben, auf dem ich dabei stehen kann.«

»Es gibt überall Spatzen und Schnecken, jedes nach seiner Art«, brach jetzt der Lange mit großer Lebhaftigkeit los. »Ich sage, Fortschritt, Zivilisation, Freiheit! Dazu brauchen wir Luft und müssen lernen, uns darin zu bewegen. Mir gefällt der Berblinger, ich hätt' es ihm nie zugetraut. Er denkt wie ich und hat recht. Je höher, je lieber. Wie eine Rakete müssen wir aufsteigen, so kommt man in die Höhe.«

»Und wie ein verbrannter Stecken herunter!« lachte der Rotbackige. »Sieh dich an! Wie wir dich angestaunt haben bei Bockelhardt vor zehn Jahren. Du hast's weit gebracht, alter Kunde!«

Der Lange strich seinen grauen Bocksbart heftig.

» Sacre bleu! Ich hab' die Welt gesehen, Enderle, und mein Pläsier gehabt ab und zu. Es hat jeder seine Fasson, und wenn der Berblinger heute fliegt, bin ich der erste, der zu ihm in die Lehre geht. Du kannst schneidern und du schmieden, Keßler, so lang ihr Lust habt. Ich flieg über all eure Köpfe weg, sobald mir euer Prätle, der Malefizkerl, zeigt, wie's gemacht wird. Fortschritt! Freiheit! Der greift's am rechten Ende an. Hurra!«

Da und dort erhob sich ein Jubelgeschrei, verstummte aber wieder unter lautem Gelächter; es war wieder einmal ein blinder Lärm gewesen. Die Spitze des Gerüsts, die mit roten Tüchern geschmückt war, blieb noch immer leer, nur die zwei Flügel hingen dort wie gestern und bewegten sich leise im lauen Sommerwind.

Zeller trat ans Ufer. Auf der andern Seite des Flusses waren jetzt auch die Zinnen der Bastei dicht besetzt. Das waren die Plätze für die Honoratioren der Stadt. Unter dem Königszelt, in dessen Inneres man sehen konnte, war es ein beständiges Knicken und Verbeugen: Der Herzog mußte schon angekommen sein. An der Mauer der Bastei lag ein Nachen, in dem ein einzelner Schiffer saß. Der Kahn war angebunden und der Mann hatte sein Ruder quer über das Boot gelegt, stützte das Kinn auf die Hand und den Ellbogen aufs Knie, die einzige Gestalt in dem bunten Bild, die ruhig und fast trübselig dreinsah. Dies fiel Zeller und wohl manchem andern auf, namentlich nachdem man den trübseligen Schiffer erkannt hatte. Es war Hans Schwarzmanns Art nicht, in dieser Weise stillzusitzen und zu brüten, wenn sich alles andre lustig umhertrieb.

Unterhalb der Bastei lag ein zweiter Nachen, ebenfalls nur von einem Mann besetzt, der aber lachend mit den Leuten am Ufer verkehrte. Es war der Günzburger Stromer, der Schneider Nickels, den man seit dem letzten Fischerstechen kannte. Hatte der Kerl noch nicht genug von damals? Was hatte er wieder in Ulm zu schaffen, der Taugenichts? Den Leuten am Ufer, die ihm derartige Fragen zuriefen, erklärte er, er sei Berblingers Freund und Kumpan und bestellt, den Vogel aufzugabeln, wenn er sich in einen Fisch verwandeln sollte. Den Ulmern sei alles möglich, seit ihre Schneider flügge geworden seien. Einige machten Anstalt, den frechen Bengel zu verhauen. Er stieß aber lachend vom Ufer und legte erst wieder an, nachdem sie sich beruhigt hatten.

Jetzt hörte man Paukenschläge, dann Musik, einzelne Takte eines lustigen Marsches. Alles geriet in Bewegung. »Sie kommen, sie kommen!« schrie es herüber und hinüber. Nun gewann die Musik Zusammenhang und klang laut und voll über den Fluß; dann schwieg sie plötzlich. Auf der Bastei schien sich alles nach einem Punkt zu drängen, soweit dies möglich war. Vom rechten Ufer starrten sie gierig hinüber, hoben Kinder in die Höhe und da und dort ein schreiendes Frauenzimmer, die zu ersticken behauptete. Vier, fünf Personen wurden von der drängenden Menge in den Fluß gestoßen und unter schallendem Gelächter wieder herausgezogen, und jetzt brauste ein ›Hurra‹ – ein ›Vivat‹ – ein ›Da ist er! Da ist er!‹ durch die Luft, wie es in den letzten Tagen dem König nicht zuteil geworden war. Berblinger stand oben auf dem Gipfel des turmartigen Holzgerüsts und grüßte ruhig und nicht ohne Anstand seine jubelnden Mitbürger.

Eine ganze Anzahl Herren hatten ihm am Fuß des Turms die Hand gedrückt. Auch sie! Diesmal aber mochte er es kaum bemerkt haben, denn er fühlte sich jetzt wundervoll ruhig und kühl, wie geistesabwesend für alles, das nicht zur Sache gehörte. In wenigen Minuten mußte sich das Schicksal seines Lebens entscheiden, und doch hatte er keinen andern Gedanken als die Aufgabe, die unmittelbar vor ihm lag. Er wunderte sich selbst darüber und dankte Gott, daß es so war. Bei der Aufregung von gestern wäre er sicher nicht über den Fluß gekommen.

Seine beiden Begleiter, der Stadtsoldat und der Turmwächter, kamen diesmal hinter ihm herauf und machten sich auf seinen Wink sofort an die Arbeit. Die Flügel waren diesmal in tadelloser Ordnung. Er schlüpfte ohne Schwierigkeiten mit den Armen in die Ringe, die, den Griffen eines Schildes ähnlich, an der Unterseite der mächtigen Schwingen befestigt waren. Die Riemen über Brust und Rücken, die sinnreiche Verbindung durch Zugbänder, mittels deren er durch das Anziehen und Strecken der Beine das Heben der Flügel unterstützen konnte, all das schien wie von selbst seinen Platz zu finden. Etwas fester hier, etwas loser dort, das war alles, was er den Leuten zu sagen hatte, während das tausendstimmige Brausen allmählich erstarb und ein erwartungsvolles, fast banges Schweigen eintrat. Trotz seines Widerspruchs hatte Schwarzmann angeordnet, daß auf ein Zeichen von oben eine schmetternde Fanfare geblasen werden solle, bei deren letztem Ton sich Berblinger in die Lüfte zu schwingen hatte. Er hätte viel darum gegeben, dies in aller Ruhe und Stille tun zu dürfen, aber bei aller Entschiedenheit, die er in wesentlichen Dingen an den Tag legte, war er in andrer Beziehung gleichgültig und ließ mit sich machen, was den Leuten gut dünkte. So blieb es bei der Fanfare.

Jetzt war er bereit und sah hinaus in das freie, uferlose Luftmeer. Ein leiser Schauder, ein kleines Zaudern rieselte ihm durch Leib und Seele. Es war nicht Furcht vor dem Sturz, nur das Gefühl gespannter Erwartung, was die nächste Minute aus den Hoffnungen und Sorgen und der Arbeit eines ganzen Lebens machen würde.

Er sah mit seinem scharfen Auge vom jenseitigen Ufer Gesicht an Gesicht auf sich gerichtet; eines, auf das gerade ein Sonnenstrahl fiel, besonders deutlich, ein gutes, rosiges Gesicht. Es drückte nichts andres aus als die hundert andern: die Angst vor der Entscheidung... Da plötzlich erkannte er es: Er hatte es in einem andern entscheidenden Augenblick seines Lebens schon einmal gesehen, gerade mit demselben Ausdruck. Irmas letzter, mutiger, zürnender Blick schoß ihm durch die Seele. Dort unten stand er wieder – Enderle!

»Zweimal sollst du mich nicht zum Feigling machen!« sagte er halblaut zu sich. Dann rief er laut: »Die Flagge hoch!«

Dies war das Zeichen für die Fanfare. Der Turmwächter hob das schwarz-weiße Fähnchen, und vier Trompeten schmetterten von unten herauf. Er nahm einen Anlauf, soweit es die Plattform gestattete, und flog hinaus.

Was in den nächsten fünf Sekunden geschah, läßt sich schwer in Minuten erzählen. Im ersten Augenblick fühlte er die Tragkraft der Flügel, aber gleich darauf auch das Sinken. Mit aller Kraft schlug er nach unten, und wirklich – er hatte das Gefühl des Sichhebens. Aber im nächsten Moment knackte etwas, der hebende Druck auf der linken Seite war plötzlich geschwunden, der Flügel bäumte sich in die Höhe, sein Körper machte eine drehende Bewegung und alles Halten war vorüber.

Dann kam der Sturz – drei Sekunden – eine halbe Ewigkeit. – Sausen und leises Krachen um ihn her, aber kein Schmerz. Er sah Lucinde mit jenem höhnischen, zornigen Lachen auf dem sonst so lieblichen Gesicht, das er zum erstenmal am Struden gesehen hatte; er sah die schöne, tapfere Irma, wie sie kopfüber aus der Höhe von dreitausend Fuß auf die Erde niederschoß; er sah Gretle, die Augen voll Tränen, wie sie die Arme nach ihm ausstreckte – das alles in der ersten Sekunde. Dann sah er sein ganzes Leben: Wie er an der Hand seines Vaters den Vögeln nachgeblickt hatte, wie er in Blaubeuren unter dem brennenden Kirchendach gestanden, wie er in der Lehre davon geträumt hatte, im Flug allem Elend zu entrinnen, wie er Gotthilf hatte sterben sehen, wie sein Freund im Elend allem Jammer nun wirklich entrann und wie er neben Gretle stand und sie zum erstenmal küßte – auch ein Entrinnen. Und dann wie ihn Lombard angezogen und weiter gelockt hatte – weiter – weiter –

Das waren wieder zwei Sekunden.

Und dann glaubte er die schrille Stimme Lucindens zu hören, die, außer sich, an die Brüstung der Bastei gestürzt war und mit ausgestreckten Armen und in kreischenden Tönen, den Schrecksturm der Menge überschreiend, gerufen hatte: »Narr! Narr! Narr!« und dann ohnmächtig umgesunken war.

Im gleichen Augenblick schlugen die Wasser der Donau über ihm zusammen.

Nur auf eine Viertelsminute verlor er die Besinnung. Dann fühlte er, wie ihn die reißende Strömung flußabwärts wirbelte und drehte und drehte. Die Reste der Flügel, die an ihm hingen, hinderten ihn am Schwimmen. Aber eine kleine Weile später fühlte er sich von kräftigen Händen ergriffen. Er öffnete die Augen und sah in Hans Schwarzmanns Gesicht, der sich tief über die Kante seines Nachens beugte und ihn festhielt. Und jetzt packte ihn ein zweites Händepaar an den Fetzen seiner Flügel. Ein zweiter Nachen trieb neben dem ersten her, er noch immer im Wasser zwischen beiden.

»Laß ihn mir«, sagte der zweite Retter, »er ist mein Kamerad!«

»Laß los, Günzburger!« schrie Hans wütend, »oder ich schlag' dich tot!«

Sie rissen beide an Berblinger; die steuerlosen Kähne begannen sich zu drehen, als wären sie in einen Wirbel geraten. Vom Ufer tönten Warnungsrufe.

Nickels, der wie immer nichts weiter beabsichtigt hatte, als sich einen Spaß zu machen, gab nach. Hans zog den jetzt halb Ertrunkenen in sein Boot und legte ihn sanft und vorsichtig auf den Boden des Nachens. Dann griff er nach dem Ruder und arbeitete sich dem Ufer zu, das sie ziemlich weit unterhalb der Stadtmauer erreichten.

Berblinger richtete sich auf, betäubt, aber unverletzt, und sah um sich.

»Lauf, eh sie dich erwischen!« sagte Hans grimmig. »Ich war dir einen Dienst schuldig, wegen gestern. Jetzt hab' ich dir das Leben gerettet. Du kannst zufrieden sein, wir sind quitt. Aber lauf, lauf! Dort kommen sie schon.«

Mit den Ulmern ist nicht zu spaßen, wenn sie zornig werden. Von der Bastei her brauste ein tausendstimmiges Geschrei der Wut, des Hohns.

Berblinger riß die Riemen ab, an denen die Reste seiner Flügel hingen, sprang ans Ufer und lief.

 

Gebückt, an Hecken und Zäunen hin, über die ›Untere Bleiche‹ weg, gegen den Gaisberg – er wußte selbst nicht, wohin er wollte; nur hinweg von dem Gebrüll, das hinter ihm schwoll und sank. Er hatte einen Arm der Blau zu kreuzen, die dort, in moorige Wiesen eingesenkt, alte Weidenbäume an beiden Ufern, langsam nach der Donau schleicht. Ein Sprung, wie er ihn in seinem Leben noch nie gewagt hatte, brachte ihn hinüber; doch glitt er aus, stürzte und blieb liegen. Das war besser als Laufen. Niemand konnte ihn von den benachbarten Wegen aus in der Versenkung sehen, und das Geschrei kam nicht näher, wurde sogar schwächer. Alles um ihn her erschien ihm jetzt wie ein toller, stiller werdender Traum, und dann wie nichts, aber ein Nichts voller Qual und sinnloser Angst. Das mußte ein paar Stunden gedauert haben, denn es war tiefe Dämmerung, als er sich wieder aufraffte. Hier konnte er nicht für immer liegenbleiben und dem Murmeln des Flüßchens zuhören. Es mußte etwas geschehen, um der quälenden Angst zu entrinnen, die keinen Sinn hatte. Er wußte jetzt auch was, wenigstens für die nächste Viertelstunde.

Wie er unbemerkt durch das Frauentor kam und dann durch die kleinen Gäßchen, die zum Münster führen, ist ihm selbst nie klargeworden; er konnte auf diesem Weg vermeiden, am Baldingerschen Haus vorbeizukommen, an das er mit einem Schauder dachte. Jetzt stand er vor dem Häuschen des Pestilenziarius und klopfte leise an der wohlbekannten Pforte, hinter der er Hilfe finden mußte – Rettung! Niemand öffnete. Die Fensterchen starrten schwarz und leblos in die Nacht hinaus. Sichtlich war der Magister nicht zu Hause. Also weiter! Der nächste Gedanke, der auch der erste gewesen war: Hinauf zum Türmer!

Das Mesnerstübchen war offen und leer. Endlich einmal ein Schimmer von Glück an diesem unglückseligen Tag! Eine Lampe stand brennend auf dem Tisch, und die Schusterwerkzeuge lagen in wirrer Unordnung umher. Berblinger war im Begriff, das Pförtchen zu öffnen, das nach der Turmtreppe führt, da sprang es von selbst auf und eine Gestalt stürzte ihm entgegen, die er für ein Gespenst, einen Kobold, einen Teufel der kleineren Gattung hätte halten können. Entsetzt prallten beide zurück, er im nassen, zerrissenen Seiltänzeranzug – so sah er jetzt aus –, der andre mit verzerrten Zügen, mit geschwärztem Gesicht, Blut an den Händen und auf dem zerfetzten, halbverbrannten Rock. Aber es war kein Kobold, noch weniger ein Teufel; es war Krummacher, der Pestilenziarius.

»Berblinger!« schrie er auf.

»Zu Lombard will ich«, keuchte der Unglückliche. »Laß mich vorüber!«

»Geh nicht! Er – er –«

»Laß mich vorüber, sag' ich!«

»Wozu? Er liegt droben – verbrannt – tot. Das Hexenstübchen ist in die Luft geflogen.«

Das war zuviel für Berblinger nach einem solchen Tag. Er trat zurück, schwankend, griff nach der Wand, um sich zu halten und sank dann zusammen, wie wenn er keine Knochen mehr im Leib hätte.


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