Autorenseite

 << zurück weiter >> 

22. Die Feuermaschine

Fast sah es aus, wie wenn Berblingers Wandern schon zu Ende gehen wollte, als er eine Wegstunde von Struden in der Abenddämmerung den Marktflecken Sarmingstein erreichte. Er hinkte bedenklich und sein Herz war zentnerschwer; von seinem durchnäßten Anzug und dem blauen Lehm zu schweigen, in den er noch immer teilweise gekleidet war. Am liebsten wäre er allerdings weitergezogen; so weit weg von Struden, als ihn sein Bein tragen mochte. Allein beim letzten Haus des Dorfes, das glücklicherweise eine Herberge war, sagte man ihm, daß er bis Ybbs, dem nächsten Städtchen, drei gute Stunden zu gehen habe. Das war mehr, als er sich nach einem solchen Tag zutrauen konnte. Er trat ein und bat um ein Nachtquartier. Die runde Wirtin sah ihn erst mißtrauisch, dann aber mitleidig an und führte ihn in ein Dachkämmerlein. Doch was half ihn ein gutes Bett in einer schlaflosen Nacht, in der das Murmeln und Rauschen der Donau nicht aufhörte, ihm ins Gewissen zu reden, und das Donauweibchen, wenn er die Augen schloß, auf und nieder tauchte und ihn verlockend und spöttisch zugleich anlachte!

Er schlief endlich ein und lange in den trüben Morgen hinein. Ein stechender Schmerz in seinem gebissenen Bein, das lebhaft entzündet war, weckte ihn. Das mußte ertragen werden und war das schlimmste nicht. Als er vor dem kleinen Dachfenster seine Kleider wieder in Ordnung zu bringen suchte und über den breiten Strom wegsah, der auch hier noch von steilen Bergen eingeengt ist, bemerkte er am jenseitigen Ufer das Ordinariboot, das scheinbar heil und munter, die Ulmer Flagge am vorderen, die österreichische am hinteren Kranz, den Fluß hinabglitt. Trotz der beträchtlichen Entfernung glaubte er auf dem Oberdeck wohlbekannte Gestalten zu erkennen. Nach vorn stand der alte Molfenter, der sichtlich wieder allein kommandierte; auf den Bänken saßen zwei Frauen, denen Hans etwas zu erzählen schien. Es war, als ob Lucinde nicht aufmerkte, sondern herüberwinkte, lachend und neckisch; überdies hörte er ganz deutlich das boshafte Bellen Alis, das der Morgenwind in Stößen über das Wasser trug. Das Boot schoß förmlich am Wald hin und verschwand nach zehn Minuten hinter der nächsten Bergkante. Er atmete auf und bürstete weiter. Dann biß er die Zähne zusammen und machte sich auf den Weg.

Es war ein harter Tag. Nicht ein Sonnenblick drang durch den grauen Novemberhimmel, und der Strom, der an dem schmutzigen Landsträßchen hinzog, war bleifarben. Sein Bein wurde mit jeder Stunde schlimmer. Als er am Abend die Mauern und Türme des altertümlichen Pöchlarn vor sich sah, war es zweifellos, daß er hier Stab und Ränzel auf ein paar Tage an den Nagel hängen mußte.

Pöchlarn hatte eine Schneiderherberge. Als er eintrat, fand er zu seinem Erstaunen einen Bekannten; keinen von der Zunft und doch etwas derart: Herrn Moses Silberblick, den Handelsmann vom gestrigen Tag. Der Jude setzte sich sofort zu ihm und schien ordentlich erfreut, ihn wiederzusehen und ihm zu seiner kühnen Vorstellung auf dem hohen Seil, wie er es nannte, Glück wünschen zu können.

»Gott der Gerechte, hab' ich eine Angst gehabt für Sie!« rief er. »Aber Sie sind ein kurioser Mensch, ein tapferer Mensch! Alles wegen einem Hund! Erst hab' ich gedacht, Sie seien verrückt, rein verrückt. Dann hab' ich gesehen, daß Sie sind ein mutiger Mann. Dann hab' ich müssen sehen, wie Sie sind davongelaufen und haben nichts genommen, und der Hund war wert – sagen wir fünf Gulden unter Brüdern. Gott der Gerechte, gibt es kuriose Leut' auf dieser Welt. Na nu, was heißt! Sie werden's noch weit bringen, Herr Berble, oder wie Sie heißen.«

Bald genug zeigte sich auch, was den Silberblick in die Schneiderherberge geführt hatte. Er handelte nicht bloß mit falschen Steinen, ›wert viele tausend Gülden‹, sondern war auch Agent eines Großkaufmanns seines Glaubens in Wien, der die Lieferung von zehntausend Uniformen übernommen hatte, welche das österreichische Heer dringend und schleunigst bedurfte, um dem anrückenden Kaiser der Franzosen in würdiger Weise die Stirne bieten zu können. Denn hierfür fehlte es an allen Enden und Ecken, nicht nur an Feuerwaffen, sondern auch, namentlich für die kroatischen und südungarischen Regimenter, an den unumgänglich erforderlichen Beinkleidern. Derartige Bestellungen, erzählte Silberblick, hatten die Löhne der Schneidergesellen in und um Wien ins Unerschwingliche gesteigert, so daß er und andre den Auftrag erhielten, die ganze Zunft entlang der Donau mobil zu machen. Auch in Pöchlarn seien drei Meister bereit, in vier Wochen fünfhundert Hosen anzufertigen, wenn sie nur die nötigen Gesellen auftreiben könnten.

»Dazu seid Ihr gerade der rechte Mann, Berble, oder wie Ihr heißt«, meinte der Jude mit funkelnden Augen. »Fünfhundert Paar Hosen, das ist ein Wort! Klopft Euch nicht das Herz im Leib, wenn Ihr die in den Mund nehmt, junger Mann?«

Silberblick erhielt nämlich von dem Großkaufmann in Wien fünfundsiebzig Kreuzer für jedes Dutzend Beinkleider, das er vergeben konnte, zwei Gulden von jedem Schneider, an den er sie vergab, und drei Gulden für jeden Schneidergesellen, den er auftrieb. Anfänglich hatte er auch versucht, ebensoviel von jedem Schneidergesellen zu erhalten, den er einem Meister zuschickte. Es wollte sich jedoch wegen der außerordentlichen Nachfrage nach Gesellen zu seinem großen Bedauern nicht machen lassen, und da er nach seiner Art ein ehrlicher Mann war, ließ er diesen Teil des Plans fallen. Trotzdem war sein Unternehmen besser organisiert als alles, was das Kriegsministerium in eigner Regie betrieb.

So kam's, daß Berblinger am folgenden Morgen auf dem Weg zu Meister Scherer in der Horngasse zu Pöchlarn war und schon am Nachmittag damit beginnen konnte, sein krankes Bein in Ruhe auszuheilen und dabei das erste Dutzend königlich-kaiserlich österreichischer Beinkleider zuzuschneiden. Nach seinem wunden Herzen fragte niemand; doch auch dieses vernarbte ein wenig im Lauf der nächsten Monate, in denen er in dem gemütlichen Städtchen das Stilleben eines ehrsamen Schneidergesellen führte und auf den Frühling wartete.

Allerdings kam im Dezember die Schlacht von Austerlitz dazwischen; die letzten Reste des alten deutschen Reichs stürzten zusammen und beinahe das kaum geborene neue österreichische Kaisertum ihnen nach. Allein über Pöchlarn ging die Erschütterung weg, fast ohne es zu berühren. In der Verwirrung des allgemeinen Umsturzes hatte man ›darauf vergessen‹, wie sie dort sagen, daß eine Armee, die aufgehört hat zu sein, keiner Beinkleider mehr bedarf, und die Bestellung nicht zurückgezogen. So arbeitete auch Berblinger rüstig weiter, und in Pöchlarn und andern abgelegenen Orten häuften sich Berge von Hosen an, von denen zunächst niemand etwas wissen wollte. Es war dies kein Unglück, denn die Zeit kam wieder, in der man laut nach Beinkleidern und andern Uniformstücken schrie, und da lagen sie! Das sprichwörtliche Glück des Hauses Habsburg hatte sich auch in diesem Fall bewährt.

Mit frischem Mut, gesunden Beinen und einem ansehnlichen Sparpfennig in der Tasche begann in den ersten Tagen des Frühlings Berblinger seine Wanderschaft aufs neue. Gegen das Donaugebiet hatte er seit den Tagen von Struden eine Abneigung gefaßt, die seinen Plänen, soweit er Pläne hatte, eine neue Richtung gab. Er wandte sich nach Norden und zog mit zwei Kollegen leichten österreichischen Bluts vierzehn Tage später in Prag ein. Es kann jedoch nicht unsre Aufgabe sein, das Unmögliche zu versuchen und das leichtfüßige Schneiderlein auf seinen drei Jahre langen Kreuz- und Querzügen zu verfolgen. Pflichtgetreu zerriß er seine Handwerksburschenstiefel zwischen Königsberg und Salzburg, Hannover und Pest, bald fröhlich und guter Dinge, den Beutel leidlich gefüllt mit dem ersparten Lohn der letzten Arbeitszeit, bald abgerissen, hungrig und dem Fechten nah, das viele seinesgleichen als Hauptsport eines Lebens voll lustiger Abenteuer und wechselvoller Überraschungen betrieben. Langsam, aber fühlbar verblaßte das Bild der Heimat, und selbst Gretles treue Augen sah er nicht mehr so klar, wenn er den alten Vers ›Übers Jahr, übers Jahr, wenn mer Träuble schneid't‹ auf den Sandwegen von Pommern oder Lüneburg vor sich hin sang. Es ist nicht billig, ihn hierfür allzu hart zu beurteilen. Mit jedem Briefwechsel stand es in jenen Tagen, in denen die Kriegsfurie über Europa fegte, jammervoll, und es war ein reiner Zufall, wenn das krause Schreiben eines Handwerksburschen oder seines Schatzes das Ziel nicht verfehlte.

Begnügen wir uns damit, aus den drei bunten Jahren seiner Wanderzeit zwei oder drei Bilder herauszugreifen, die einen tieferen Eindruck auf den jungen Schneidergesellen machten. Sie werfen vielleicht auch in andrer Richtung ein vorübergehendes Streiflicht auf eine Zeit, in der unter den großen weltgeschichtlichen Stürmen jener Tage in aller Stille und kaum bemerkt von Millionen, die ihr heute Leben und Wirken verdanken, Größeres keimte und der Reife entgegenging.

 

Es war in Oberschlesien; nahezu ein Jahr nach dem schweren Tag bei Struden. Durch das ganze Land zog ein unruhiges, gärendes Bangen, obgleich sich's niemand gestehen mochte. Der Krieg war wieder ausgebrochen, diesmal mit Preußen, das sich unter dem alten Fritz vor kaum einem Menschenalter zur jüngsten Großmacht aufgeschwungen hatte. Die stramme Armee des großen Königs konnte sich doch unmöglich vor dem Haufen eines sogenannten Kaisers fürchten, der aus dem Straßenpöbel emporgestiegen war. Die Österreicher – Ulm und Austerlitz – bewiesen nichts. Die hatte der alte Fritz oft genug gehauen. Aber bei allem Vertrauen auf den unsterblichen Ruhm der Vergangenheit fühlte man sich nicht behaglich. Der Feind war im Land, das Heer stand im Thüringischen, und jeden Tag konnte es mit den Franzosen zusammenstoßen, unter deren Fahnen Tausende deutscher Landsleute standen. Das war das Ärgerliche!

Seit Monaten gingen die Geschäfte überall schlecht. Selbst Kleider wollten sich die Leute nicht mehr machen lassen, bis die Frage entschieden war, wer Herr in Europa sein sollte. Auch die Handwerksburschen, die den Soldatenrock noch nicht anhatten, suchten in allen Richtungen vergeblich nach Arbeit, oder taten wenigstens so. Das Vagabundieren war in diesen Tagen leichter und lohnender als seit lange. Die Polizei hatte andres zu tun, als den arbeitslosen Schustern und Schneidern nachzulaufen. Es war immerhin besser, sie fochten sich selbst durch, als daß sie den Behörden zur Last fielen, dachten sogar diese.

Berblinger hatte zuletzt, von Posen kommend, einige Wochen in Breslau gearbeitet, aber es war nichts mehr in Preußen. Schlechter konnte es in Österreich auch nicht stehen, und plötzlich, während er eines Sonntagnachmittags an der Oder hinschlenderte, packte ihn eine wunderliche Sehnsucht nach der Donau. Es war doch ein andres Wasser, das vom Schloßbrunnen zu Donaueschingen, als die gelbe Brühe hierzulande von der ihm niemand sagen konnte, woher sie kam. Etliche Tage später hatte er sein nachgerade wohlzerriebenes Ränzchen wieder geschnürt und wandte sich, den Schwalben und Störchen folgend, dem Süden zu.

Es war allerdings fast zu spät im Jahr, ein großes Wandern anzutreten, und er hatte kein Glück. Schon in Oppeln ging sein Geld auf die Neige und es regnete viel. Aber nun war es einmal so; er mußte sich durchfechten. Auch machte er sich nicht viel daraus, denn das Wandern war ihm schon eine liebe, fast allzu liebe Gewohnheit geworden. Der Arbeitstisch in der Schneiderwerkstätte, mochte er in Mecklenburg stehen oder in Polen, in Berlin oder Dresden, entleidete ihm nach vierzehn Tagen überall. Kein gutes Zeichen; und mancher Meister, der den tüchtigen kleinen Gesellen ungern verlor, schüttelte den Kopf. Aber sie merkten alle, daß Berblinger kein Geselle gewöhnlicher Art war, und mußten ihn laufen lassen. Fliegen hieß er es. Dieser Gedanke verfolgte ihn wieder, wo er ging und stand; namentlich wenn ihn wunde Füße quälten, was nicht selten vorkam. Auch das Wandern hatte seine Plagen.

Dafür sah er um so mehr; weit mehr als andre. Wo er von etwas Neuem hörte, das ihn an das alte Münster zu Ulm und seinen Freund, den Turmwart, erinnerte – wieviel hatte der nicht von Dingen gewußt, die weit, weit weg von Ulm die Welt bewegten! –, war ihm ein Seitensprung von zwölf Stunden nicht zuviel, der Sache auf den Grund zu sehen. Tagelang strich er in Berlin um die königliche Porzellanfabrik – was ging den Schneider das königliche Porzellan an? –, weil er gehört hatte, daß sie dort eine Feuermaschine zum Betrieb der Stampfmühlen aufstellten. Aber er brachte es nicht weiter, als daß sie ihn zweimal zum Haus hinauswarfen und drohten, ihn das nächstemal auf der Polizei abzuliefern. Dort werde man dem naseweisen Schwaben schon das Neueste zeigen.

Etwas Ähnliches begegnete ihm in Oppeln. Hier hörte er, daß vor wenigen Monaten ein riesiger Zylinder, der auf der Oder geradenwegs von England kam, ausgeschifft worden sei und mit sechzehn Pferden den Weg nach Tarnowitz angetreten habe. Dort in den Bergwerken, die der alte Fritz wieder in Betrieb gesetzt hatte, sei zum Heben der Grubenwasser schon seit Jahren eine Feuermaschine in Tätigkeit, die zweite im ganzen deutschen Reich, die jetzt einer größeren Platz machen solle. Die ihm wohlbekannte Wahrheit, daß die gerade Linie der kürzeste Weg zwischen zwei Punkten ist, war in Handwerksburschenkreisen nie sonderlich beliebt. So kam es, daß Berblinger auf seiner Fußreise nach Wien etwas zu weit nach Osten geriet und in der Dämmerung eines trüben Oktoberabends mißmutig, nur noch mit wenigen Groschen in der Tasche, durch ein kahles Hügelland in Oberschlesien marschierte. Er wußte nicht, ob er früher oder später hoffen durfte, auf menschliche Wohnungen zu stoßen, folgte aber schon seit einer Stunde einem großen, fast riesenhaft gebauten Herrn, der zuversichtlich ausschritt und doch wohl irgendwo in der Nähe wohnen mußte, denn er führte nichts als einen keulenartigen Spazierstock bei sich. Zweimal waren sie an unnatürlich hohen Gebäuden vorübergekommen, die in unheimlicher Einsamkeit abseits vom Wege standen. Schließlich war es Nacht geworden, als in weiter Ferne ein schwaches Licht auftauchte, das wenigstens hoffen ließ, daß die Wanderschaft für heute ihr Ziel erreichen werde. Auch der Herr schien ermüdet zu sein und ging jetzt langsamer. Da kam Berblinger ein nicht mehr ganz ungewöhnlicher Gedanke: Wie wäre es, wenn er den Herrn höflich ersuchte, ihn mit einem kleinen Beitrag zu seinem Nachtquartier zu erfreuen? War dies auch noch nicht notwendig: Eine so günstige Gelegenheit bot sich nicht alle Stunden. Er beschleunigte deshalb seine Schritte, während der andre die seinen in sichtlich menschenfreundlicher Absicht verlangsamte, bis sie nebeneinander gingen.

Berblinger hinkte etwas auffälliger, um seinem Sprüchlein eine passende Einleitung zu geben und räusperte sich, wie wenn er soeben von einer heftigen Erkältung befallen worden wäre; der Große aber kam ihm zuvor. Mit einer Bärenstimme und in einer Mundart, die den Schneider wie ein belebender elektrischer Schlag berührte, sagte er dumpf, fast drohend:

»An armer Handwerksbursch möcht um a kleine Wegzehring bitta.«

»So was!« stieß Berblinger heraus, indem er sich auf die Zehen stellte, um dem andern ins Gesicht sehen zu können; »'s nämlich han i grad au sage wölle.«

»Herr Gott von Feuerbach!« rief der andre erregt. »A Schwob! Jetzt dös gfreut mi! Wo kommscht denn du her, du kleins Luder, du verfluchts? Herr Gott, ischt dös a Gschpaß! Unter dene grobe Saupolacke a lebendiger Schwob! Jetzt kann i nemme! Ei, so verreck – a Schwob!«

»Du alts Sackermentsrindvieh«, versetzte Berblinger, ebenfalls aufs tiefste bewegt. »Kannst dei Maul net wäsche, eh de grüß de Gott zum a Landsmann sägscht?«

Es war ungeheuchelte, überströmende Freude, die in diesen fast unartikulierten Naturlauten Ausdruck suchte, und es dauerte mehrere Minuten, in denen sie sich mit den derbsten Schimpfworten ihrer Heimat überschütteten. Ein Psychologe hätte in diesem wunderlichen Ausbruch jene Zartheit und Zaghaftigkeit der Volksseele finden können, die ihre besten und wärmsten Gefühle ängstlich verbirgt, und hätte damit nicht ganz falsch geraten. Endlich legte sich der Sturm und der Riese fragte etwas ruhiger:

»Bist vom Handwerk, du?« – Wir lassen im Interesse der Menschlichkeit die Mundart wieder fallen.

»Ein Schneider«, versetzte Berblinger, indem er sich ein wenig in die Brust warf. Dabei betrachtete er den Großen aufmerksam. Die großen schweren Hände, die etwas nach innen gebogenen Beine sprachen ihre eigne Sprache. »Du bist ein Schlosser, mit Gunst!« sagte er zuversichtlich.

»Ein Stück davon!« versetzte der andre nach zünftiger Weise und mit dem vollen Bewußtsein, daß er auf den Kleinen nicht bloß körperlich herabsehen dürfe. »Aus Esslingen«, fügte er bei; »Jakob Keßler aus Esslingen. Und du?«

»Ulmer. Albrecht Berblinger aus Ulm.«

»Na, das trifft sich schön«, meinte der Schlosser, »zwei eingebrockte Reichsstädter. Aber was der Kuckuck führt ein Schneiderlein in diese Wildnis?«

»Des Schusters Rappen«, versetzte Berblinger prompt. »Und dich? Dazu ohne Ränzel und Rucksack, wie ein Herr, der seinen Abendspaziergang macht!«

Wäre es nicht schon finstere Nacht gewesen, so hätte der Schneider diese Bemerkung schwerlich beigefügt; denn sein neuer Reisegefährte sah bei Tageslicht abgerissen genug aus. Bezüglich seines Reiseziels tat er anfänglich geheimnisvoll. Nach einer halben Stunde war jedoch das gegenseitige Vertrauen hergestellt. Beide merkten, daß sie nicht auf einen gewöhnlichen Fechtbruder gestoßen waren; die Landsmannschaft in der wilden Fremde tat das übrige, und es zeigte sich, daß sie ein Ziel im Auge hatten: sie waren auf dem Weg nach der Friedrichshütte bei Tarnowitz und wollten beide der neuen Feuermaschine einen Besuch abstatten.

Später gestand der Schlosser, daß er sein Reisebündel nicht ganz freiwillig zurückgelassen habe. Der Wirt zu Sandewitz, seinem letzten Nachtquartier, habe es der Sicherheit wegen aufgehoben, wegen einer lumpigen Zeche von fünf Groschen. Aber so seien all die Spitzbuben in diesem Land. Kein Vertrauen. Nun sei er aber entschlossen, die neue Feuermaschine zu sehen oder zu sterben. Die bei Hettstadt im Mansfeldschen habe er schon vor zwei Jahren gesehen. Donnerwetter, sei das ein Ding! Ein Weltwunder, zu dem die Leute wallfahren sollten, wie hierzuland zum heiligen Ladislaus. Aber unter Tausenden wisse kaum einer etwas davon. Das habe ihn schon oft gottsträflich geärgert.

Berblinger gehörte nicht zu den neunhundertneunundneunzig Unwissenden, obgleich er nicht ins Mansfeldsche gekommen war. Schon Magister Zeller in Blaubeuren und sein Physikbuch hatten ihm einen Begriff von der Gewalt des Luftdrucks gegen die Wände eines luftleeren Gefäßes gegeben, und was hatte ihm nicht der alte Lombard auf dem Münsterturm zu erzählen gewußt! Es war dem Schlosser nicht ganz behaglich, von einem Schneider belehrt zu werden, während sie wieder rüstig ausschnitten, aber es verkürzte den Weg – und das läßt sich jeder Handwerksbursche gefallen – zu hören, wie vor hundert Jahren schon ein Mann namens Papin ein Gefäß mit Dampf gefüllt, diesen durch Erkalten wieder in Wasser verwandelt, zu deutsch kondensiert, und dadurch einen luftleeren Raum geschaffen habe, in den ein Kolben mit großer Kraft hineingedrückt werde. Und da der Dampf in einem Kessel erzeugt werde, unter dem ein Feuer brennt, sei auf diese Weise die erste Feuermaschine entstanden, der Erfinder selbst aber sei, wie es oft gehe, verdorben und gestorben. Dann habe ein Engländer namens Newcomen den Gedanken aufgegriffen und solche Feuermaschinen gebaut, die eigentlich Luftdruckmaschinen heißen sollten, denn es sei der Luftdruck, von dem die Kraft komme. »Gesehen habe ich noch keine«, schloß Berblinger, »aber gehört. In der königlichen Porzellanfabrik zu Berlin treibt sie die großen Stampfmühlen und wird bewacht, als ob sie der Teufel selbst wäre. Aber gehört habe ich sie, daß es mir gruselte.«

»Wohl, wohl!« sagte der Schlosser. »Das ist aber jetzt alles altes Eisen. Nach deinem Newcomen kam ein andrer, Watt soll er heißen. Der läßt den Dampf im Zylinder selber drücken und braucht deine Luft nicht dazu. Das gibt zweimal so viel Kraft oder zehnmal, was weiß ich! Jedenfalls ist es ein Riesenfortschritt, und ich bin seit drei Wochen auf der Wanderschaft, nur um das Ding zu sehen. Wieviel Geld hast du noch, Bruder Schneider?«

»Ich habe in Berlin auch davon gehört«, versetzte Berblinger eifrig, ohne auf die letzte Frage einzugehen, »und in Oppeln von einem neuen Zylinder, der aus England gekommen sei. Das nehme ich mit, sagte ich mir, mit einem Umweg von drei Tagen ist es billig bezahlt. Wer weiß, wozu man's noch brauchen kann.«

»Willst du damit nähen?« fragte Keßler lachend.

»Wer weiß!« sagte Berblinger nachdenklich. »Es ist Kraft. Die hat der Mensch noch nie gemacht, seit die Welt steht. Daraus kann alles werden.«

»Solange er Holz und Kohle hat«, sagte der Schlosser, der offenbar auch nicht zum erstenmal darüber nachgedacht hatte. Es sind plumpe, nachdenkliche Leute, die Schwaben, und brüten monatelang über einem Gedanken, ohne ein Wort zu sagen. Dabei kommt manchmal etwas heraus, das die Welt in Erstaunen setzt, zum Beispiel das Gesetz von der Erhaltung der Kraft. Das lag wohl schon damals in der schwäbischen Luft.

»Kohle oder Holz, natürlich!« gab Berblinger zu. »Aus nichts wird nichts. Aber Kraft aus Wasser und Feuer, wenn wir sie erst im großen fabrizieren, nicht bloß hinter dicken Mauern in Berlin und in Tarnowitz – das kann die Welt noch auf den Kopf stellen.«

»Na, bleib du nur erst fest auf deinen Beinen, Schneiderle«, mahnte der Schlosser. »Ich glaube, wir sind nicht mehr weit vom Ziel. Hast du noch genug Kies im Eisbär zu einem Nachtessen für zwei? Ich spüre ein Vakuum, das deinen Newcomen glückselig gemacht hätte.«

Sie standen jetzt, soviel sie noch sehen konnten, in der breiten Straße eines kleinen Dorfs von einstöckigen, strohgedeckten Häuschen, hinter deren halbgeschlossenen Fensterläden da und dort ein Licht schimmerte. Den Abschluß der Straße bildete ein größeres Haus mit einem weit offenen, scheunenartigen Tor, über dem eine Laterne hing. Ihr trüber Schein hatte sie schon aus weiter Ferne angezogen; es war sichtlich die Herberge des Orts. Links von ihr, in einer Entfernung von mehreren hundert Schritten befand sich eine Gruppe von Gebäuden, die kaum zu sehen gewesen wären, wenn nicht ein weißlicher, wogender Dunst über ihnen gelagert hätte, den von Zeit zu Zeit ein greller Feuerschein beleuchtete. Ein hoher plumper Schornstein überragte den Dunst und lehnte sich an einen Bau, welchen man in der Dunkelheit für eine alte Ritterburg hätte halten können. Das Ganze machte, einen unheimlichen Eindruck, und doch klopfte Berblingers Herz freudig. Von Zeit zu Zeit dröhnte mit großer Regelmäßigkeit ein dumpfer, schwerer Schlag unheimlich durch die Nacht. Kein Zweifel, dort drüben bewegte sich das Ding, das er seit Jahren gern gesehen hätte.

 

Die große niedere Stube der Herberge, in die sie eintraten, war von zwei an der Decke hängenden Öllampen spärlich erleuchtet. In der einen Ecke des Gemachs drängte sich um einen großen rohgezimmerten Tisch wohl ein Dutzend Bergleute in ihrem gnomenhaften Arbeitsanzug und unterhielten sich halblaut in polnischer Sprache. Hinter einem kleineren Tisch in der gegenüberliegenden Ecke saß ein besser, aber fremdartig gekleideter rotbärtiger Herr in dem einzigen Armstuhl der Wirtschaft, weit zurückgelehnt, die Beine ausgestreckt, vor einem leeren Teller und einem vollen Glas Wein und betrachtete, ohne sich zu rühren, die schwarze Zimmerdecke. Berblinger warf sein Ränzchen auf die Bank neben der Türe, nachdem er von der Wirtin in gebrochenem Deutsch die Versicherung erhalten hatte, daß sie ›sehr eine gute Bett‹ finden würden. Dann traten die beiden Ankömmlinge, die keinen andern Platz in der Stube sahen, vor das Tischchen des fremdartigen Herrn.

»Mit Gunst!« sagte Berblinger nach Handwerksburschenart, indem er sich setzte.

»Nix Kunst«, erwiderte der Fremde. »Ik spreken sehr gut deutsch, aber nix alles verstehen. Nix Kunst. Ik Feuermaschine.«

Dem Herrn mußte es wohl an Unterhaltung gefehlt haben. Er strich sich behaglich den roten Bart und schien durchaus geneigt, das Gespräch mit den zwei Handwerksburschen fortzusetzen, nachdem er sie wiederholt versichert hatte, daß er sehr gut Deutsch spreche. Was das ›nix Kunst‹ zu bedeuten hatte, wurde den beiden erst mit der Zeit klar. In der Bergwerkssprache nannte man die alten maschinellen Einrichtungen eine ›Kunst‹. Man sprach von einer Roßkunst, hieß auch eine Windevorrichtung, ein Pumpengestäng eine ›Kunst‹. Der Fremde wollte betonen, daß er mit diesen veralteten Einrichtungen nichts zu tun habe. Er war ein Mann der Neuzeit.

»Ik heißen Potter, Tschäms Potter«, erklärte er. »Ik geboren aus England, und ik habe gebracht eine neue große Zylinder für alte kleine Feuermaschine. Ist fast su groß. Ik habe es aufgestellt und ik habe es probiert gestern. Geht sehr gut. Gibt Wasser viermal soviel als Roßkunst von swansig Ferden. Braucht Kohle nix von Bedeutung. 'abe auch aufgestellt Jack in the box; arbeitet wie kleines Teufel. Neue Erfindung von mein Meister, Mister Watt. Ist jedermann ensückt. Arbeiter 'aben Angst vor das Teufel. Ist zum Lachen. Ik von England, Feuermaschinenmeister. Verwandter von der berühmte Mister Potter, der invented selfacting valvegear, als es noch klein, klein Bub war. Ik ein kleiner Onkel von der große Mister Potter – wie heißt das in Deutsch: Neffiu?«

Der Schlosser aus Esslingen saß mit offenem Munde da, und auch Berblinger horchte mit klopfendem Herzen. ›Das also war ein Engländer, einer von denen, die die Feuermaschine in die Welt gesetzt haben. Er sah aus wie gewöhnlicher Mensch und sprach läppischer als ein Kind. Woran mochte es liegen, daß diese Leute solche Wunderdinge fertigbringen? Konnten die Deutschen, die soviel gelehrter waren, dies nicht auch? Brauchte man dazu ein großes Wunderkind aus einem fremden Land kommen zu lassen wie diesen Potter?‹ dachte Berblinger. Keßler beschränkte sich vorläufig darauf, zu staunen.

Nach einer halben Stunde verstanden sie den Engländer schon besser, und dieser schien sich der andächtigen Zuhörer zu freuen. Berblinger wagte seinen letzten halben Taler und bestellte eine Flasche Schlesier, und Mister Potter die zweite. Nachdem auch diese geleert war, sprachen alle drei ein gebrochenes Deutsch, um sich besser verständlich zu machen, in das der Schneider sogar einige soeben aufgeschnappte englische Worte einflocht, die Herrn Potter höchlich belustigten. Ein oberflächlicher Beobachter hätte sie für ›voll süßen Weins‹ halten können, und hätte ihnen schweres Unrecht getan. Denn erstlich war es Schlesier, und dann waren zwei Flaschen dieses Weins niemals imstande gewesen, auch nur einen der drei Männer aus seinem seelischen Gleichgewicht zu werfen. Es war die Freude, einem längst ersehnten Ziel so merkwürdig nahe zu sein, und vor allem der Drang, sich dem Fremden anzupassen. Denn die beiden waren mehr als Deutsche, sie waren Schwaben, und der Engländer überrumpelte sie mit seiner Ruhe und der Selbstverständlichkeit, mit der er sich als Meister der Verhältnisse gab.

Er erzählte, daß er nicht immer ein so großer Herr gewesen sei wie jetzt. Er habe als Lehrling in den Werkstätten von Mister Boulton in Soho angefangen und sei vielfach als Hilfsarbeiter bei den Versuchen verwendet worden, die Mister Watt dort gemacht habe. Das sei ein Mann, den der Schwingbaum einer Feuermaschine nicht zu Boden werfe, wenn er ihm auf den Kopf falle, der immer wieder einen Weg sehe, wenn alle andern am Verzweifeln seien. Es sei nicht immer glattgegangen mit den neuen Feuermaschinen. Es sei nie glattgegangen. Aber da seien sie jetzt und fräßen Kohle und gäben Kraft dafür, soviel man verlange. Zu Ende sei man ja noch lange nicht. Heute pumpten sie Wasser aus Bergwerken in Cornwall, in Northumberland, in Schlesien. Gut; aber das werde noch ganz anders kommen. Herr Watt sage, er wolle es noch erleben, daß sie Wagen ziehen und Schiffe treiben und fliegen!

»Pflügen«, verbesserte Keßler. Berblinger hatte zusammengezuckt und wurde ganz still, als ob er horchte. Man hörte in der Tat aus weiter Ferne die dumpfen, taktfesten Schläge der Maschine, die die Nacht durch arbeiten sollte, denn es hatten sich während des Umbaus große Wassermassen in der Grube gesammelt. Nun mußte sich zeigen, ob sie ihrer Aufgabe gewachsen war und fertig brächte, was mit keiner Roßkunst mehr zu bewältigen war.

Potter erhob sich.

»Ik muß noch mein großes Kind sehen«, sagte er vergnügt. »Dann kann ik schlafen und er muß arbeiten.«

Berblinger bat um die Erlaubnis, ihn begleiten zu dürfen. Potter sagte:

» Come along! Es wird mir nix schaden und dir nix nutzen. Nix Kunst; Feuermaschine. Die Deutsche werden nix begreifen, noch lange nicht. Ist ein Professor gekommen aus Breslau und hat gerechnet und gerechnet, daß neue Maschine nicht gehen könne. Wie er sie gestern hat gesehen pumpen, ist er wieder nach Breslau gegangen und rechnet und rechnet. In drei Wochen will er wiederkommen. Dann wird er mir seigen auf seine Papier, daß die Maschine geht, weil er gemacht hat eine kleine Rechnungsfehler. Dazwischen 'abe ik die Grube ausgepumpt. Die einen maken es so, die andern so. Come along!«

Auf dem Weg nach dem Maschinenhaus hörten sie die dumpfen, geheimnisvollen Schläge des Ungetüms mit jedem Schritt deutlicher. Vor dem Haus schien der Boden zu zittern, Ketten klirrten, Stangen rasselten; hinter dem Haus hörte man Wasser rauschen, als ob ein mächtiger Bach über Felsen stürzte. Potter lachte, als er in die Gesichter seiner Begleiter leuchtete, die eine gewisse erwartungsvolle Bangigkeit nicht verbergen konnten.

Es war dies verzeihlich genug. Als sie in den hohen, matt erhellten Raum eintraten, war es zunächst schwierig, irgend etwas zu unterscheiden. Ein finsteres, formloses Ding wie die Trommel einer riesigen Säule stand auf einem Untersatz aus rohbehauenen Quadern. Dies war der neue Zylinder, aus dem eine blinkende runde Stange emporschoß, um sodann wieder in seinem Innern zu versinken. Die Stange hing an einer schweren Kette, welche hoch oben, fast am Dach des Gebäudes, von einem Arm aus wuchtigen Holzbalken in die Höhe gezogen wurde, der sich langsam und feierlich auf und ab bewegte, aber bei jedem Niedergang mit dröhnendem Lärm auf eine Unterlage aufschlug, die im Mauerwerk angebracht war. Hinter dem Steinpfeiler, der den Drehzapfen dieses waagebalkenartigen Doppelarmes trug, hing, wieder an einer Kette, das gewaltige Pumpengestäng, das in der unergründlichen Tiefe einer schwarzen Schachtöffnung verschwand. Von den Armen des Schwingbaums – Balancier nannte ihn Berblinger, der vom Ulmer Turmwart schon so viel gelernt hatte, ›beam‹, ›Baum‹ hieß ihn der einfache Potter, der kein Deutsch-Französisch verstand – von seinen Armen vor und hinter dem Pfeiler hingen weitere Stangen herab, von denen die eine an wunderlich geformten Hebeln und Knaggen zog und drückte, die manchmal dem Gang der Stange folgten, dann wieder plötzlich, als ob sie ärgerlich wären, selbständige, unerwartete, schnappende Bewegungen machten. Die Stange auf der andern Seite des Pfeilers saugte an einer kleinen Pumpe, die in einer Grube versteckt stand und in heftigen Stößen dampfendes Wasser in eine Rinne warf, das gurgelnd durch ein Loch in der Mauer davonlief.

Das also war die Feuermaschine. Neben ihr, in einen unförmlichen Backsteinmantel eingemauert, stand der Dampfkessel, vor dessen feuersprühender Esse ein schweißtriefender, kohlschwarzer Mann hantierte. Wenn er die Feuertüre öffnete, um frische Kohlen auf die sausende Glut zu werfen, glühten der ganze Raum, die Hebel und Knaggen, die blinkende Kolbenstange und die schwarzen Ketten in flammrotem Licht, das wildbewegte, fast greifbare Schatten in die Ecken und Winkel des finsteren Gebäudes warf. Das Unheimlichste waren die Töne des Ungetüms: das knarrte und ächzte, knallte und krachte, zischte und sauste, seufzte und stöhnte, bald da bald dort, als ob in jedem Winkel ein andrer Kobold säße. Alles aber übertönte der donnerähnliche Schlag in der Höhe, wenn der Schwingbaum auf seine Unterlage traf. Dem Schlag folgte eine fünf Sekunden lange feierliche Stille. Dann war es, als ob jemand unter dem Boden auf ein Blech klopfte; langsam, widerwillig setzte der Schwingbaum sich wieder in Bewegung, unten im Schacht räusperten sich die Pumpen und das grause Spiel, das Ächzen und Stöhnen, das Sausen und Zischen, das Knallen und Schlagen begann aufs neue.

Wer erinnert sich an all das, wenn er in den spiegelblanken Salon tritt, in dem heutzutag eine Dampfmaschine von tausend Pferdekräften mit einem kaum hörbaren Seufzer, wenn nicht ganz lautlos, ihre Riesenarbeit verrichtet? So aber sah und hörte es sich an, als die Dampfmaschine in ihrer Kindheit die Glieder zu regen begann.

Sie standen beide still, Schneider und Schlosser, halb betäubt, ein wenig besorgt, ob sie nicht bei der nächsten Bewegung des Ungetüms zermalmt werden könnten. Der Schlosser packte Berblinger an den Schultern und dieser fühlte, daß sein großer Freund zitterte. Ihm selbst war ganz feierlich zumute. Er hatte keine Furcht, denn er wußte, daß das Ungeheuer keine Bewegung machen konnte, die auch nur um das Zehntel eines Zolls von denjenigen abwich, die es heute schon hundertmal wiederholt hatte. Nur als er beim nächsten Öffnen des Feuertors Potter in roter Glut auf dem Zylinder stehen sah und der Riesenarm des Schwingbaums herabkam, als müßte er den Mann zerquetschen, der in aller Ruhe die zischende Stopfbüchse des Zylinders fester anzog, zitterte er mit seinem Gefährten. Aber es geschah nichts Bedenkliches. Der Arm schlug krachend auf seine Unterlage. Die Maschine stand still, genau fünf Sekunden lang. Dann knackte es unter dem Brett, auf dem sie standen. Man fühlte förmlich, daß sich etwas öffnete und der arbeitsgierige Dampf durch Röhren zischte. Der Schwingbaum begann seine Aufwärtsbewegung und Potter stand noch immer ruhig und unzermalmt auf dem Zylinder, während der Riesenarm des Schwebebalkens, zum nächsten Schlag ausholend, den Ärmel seiner Jacke streifte.

Sie waren beide ruhiger geworden. Berblinger suchte zu verstehen, was er sah, und schrie Keßler in die Ohren, was er verstand: Dort über dem sausenden Feuer lag der Kessel, der den Dampf an die Maschine abgab, hier das Rohr, das ihn nach dem Zylinder leitete, in welchem sich der Kolben mit der Kolbenstange auf und ab bewegte. Diese hing an der Kette, die sie mit dem einen Arm des Schwingbaums verband, während am andern Arm das schwere Gestäng befestigt war, das zu den Pumpen im Schacht hinabführte. Die Knaggen und Hebel, welche ein vom Schwingbaum auf und ab gezogener Rahmen in Bewegung setzte, öffneten und schlossen die Ventile, die den Dampf bald in den oberen, bald in den unteren Zylinderraum eintreten ließen. Das aber ging so zu: Zuerst strömte der Dampf in den oberen Zylinderraum und drückte den Kolben nach unten. War der Kolben am Boden angelangt, so schloß sich das Einlaßventil und ein andres öffnete sich, so daß der Dampf aus dem oberen in den unteren Zylinderraum treten konnte, während das Gewicht des Pumpengestängs am andern Ende des Schwingbaums den Kolben nach oben zog. War der Kolben wieder oben und aller Dampf im Zylinder infolge hiervon in den unteren Zylinderraum getreten, so schloß sich das Ventil zwischen dem oberen und unteren Raum, und gleichzeitig spritzte eine kleine Hilfspumpe kaltes Wasser in den Zylinder, so daß sich der dort befindliche Dampf kondensierte und ein luftleerer Raum entstand, der den Kolben wieder herabzusaugen suchte. Wenige Sekunden nachher öffnete sich aber auch das Ventil wieder, das frischen Dampf in den oberen Zylinderraum zuließ, so daß sich der Kolben mit voller Kraft wieder abwärts bewegte und das Pumpengestäng aufs neue emporhob, worauf sich diese Bewegungen wie zuvor wiederholten. Das Gewicht des Pumpengestängs drückte die Grubenwasser in die Höhe; was die Feuermaschine tat, war, nach jedem Pumpenstoß das Gestäng wieder zu heben, oder in andern Worten, die vierzig Pferde zu ersetzen, die vordem an dem Pumpengestäng gezogen hatten.

»Na, Keßler, verstehst du jetzt, wie das alles zusammenhängt?« fragte Berblinger, der sich in seinem Eifer heiser geschrien hatte, mehr um sich, als um dem andern die Sache deutlich zu machen.

Der Schlosser, dessen Gehirn langsamer arbeitete als das des Schneiders, was mit ihrem beiderseitigen Handwerk zusammenhing, nickte, obgleich er nichts begriffen hatte. Nur eins war ihm klargeworden: daß er nicht mehr vom Platze gehen werde, ehe er mit dem Wie und Warum jeder Klinke, jedes Hebels an der Höllenmaschine so vertraut war wie mit seinem Blasebalg zu Esslingen im Württembergischen. Dann wollte er selbst Feuermaschinen bauen, »ist's heute nicht, ist's morgen«, wie's in den Zunftsprüchen heißt, daß die alten Weiber in Schwabenland die Hände über dem Kopf zusammenschlagen sollten, von wegen dem Keßler in Esslingen.

Sie hatten eine unruhige Nacht. Beide träumten von der Feuermaschine. Keßler aber träumte unruhiger, denn es schien ihm, er sei selbst eine solche geworden und habe die Aufgabe, alle Minuten zweimal abwechslungsweis an die Decke und auf den Fußboden zu schlagen. Da er beide nicht erreichen konnte, schlug er Berblinger, seinen Bettnachbarn, auf den Kopf, was diesen weckte und ärgerte. Denn er war im Begriff, selbst einen feinen Traum zu träumen: daß die Maschine Flügel bekommen habe und er, auf dem Schwingbaum sitzend, nach Ulm flöge. Es schien ziemlich gefährlich zu sein, aber es ging vortrefflich, bis ihn der Schlosser auf die Nase traf. Dies hätte beinahe eine kleine handgreifliche Verstimmung hervorgerufen. Doch begnügte sich Berblinger mit Keßlers Entschuldigungen, der begütigend versprach, ohne Tätlichkeiten weiterträumen zu wollen.

 

Als sie am andern Morgen erwachten, war Potter bereits wieder bei seiner Maschine. Sie folgten ihm und sahen sich das Wunderding in Ruhe und bei Tageslicht an. Es war weniger grauenhaft als gestern, aber doch noch erstaunlich genug: die Haufen von Kohle, die der Heizer in das sausende Feuer warf, die Tonnen um Tonnen von gelbem Grubenwasser, welches die Pumpen dafür aus dem zweihundert Klafter tiefen Schacht herausspien. Noch einmal verfolgte Berblinger das Spiel der Ventilhebel, die Bewegungen des Katarakts, den er gestern ganz übersehen hatte und der wie ein nachdenkliches Wesen der Maschine den Takt zu ihrer Arbeit gab, den Weg, welchen der Dampf vom Kessel durch die Ventile und den Zylinder machte, bis er als kleines dampfendes Bächlein zu einem Loch in der Mauer hinauslief, als sei er ganz unschuldig an dem Tosen und Schlagen hier oben und an der großartigen, die ganze Friedrichsgrube rettenden Arbeit drunten im Schacht. Dann, als er nun wirklich alles begriffen zu haben glaubte, erklärte er die Sache noch einmal seinem Reisegefährten, und dieser begriff noch einmal nichts, ohne sich viel daraus zu machen, denn er war jetzt fest entschlossen, den geradesten Weg zu gehen, selbst Dampfmaschinen zu bauen. Als alle drei zum Frühstück nach der Herberge zurückgingen, vertrat er plötzlich dem Engländer den Weg, nahm seinen Filz ab und sprach:

»Mit Gunst, Herr Potter! Ich hab' etwas zu sagen. Ich möcht' um Arbeit bitten bei der Feuermaschine.«

Potter verstand ihn anfänglich nicht. Dann lachte er:

»Ik kann nix brauchen deutsche Feuermaschinmann, der nix verstehen.«

»Aber ich bitt' schön, ich werde schon verstehen!« sagte der lange Schlosser sehr bescheiden.

»Ik kann auch nix brauchen Feuermaschinmann, der wird verstehen!« war der Bescheid.

»Aber«, sagte Keßler, »ich hab' beim Herrn Angele in Aalen gelernt und bin ein guter Schlosser. Wollt Ihr mich nicht als Heizer nehmen?«

»Ik kann nix brauchen so lange Heizer«, sagte der Engländer, indem er ihn vom Kopf bis zu Fuß ernsthaft betrachtete.

»Donnerwetter«, fuhr jetzt Keßler etwas zornig auf, »ich hab' das beste Gesellenstück gemacht zu Gmünd im Remstal. Hier könnt Ihr meine Flebben selbst sehen. Ich will Kohlen karren, wenn's nicht anders geht.«

Er zog eine zerriebene Brieftasche aus dem Rock und hielt sie Potter unter die Nase.

»Papier nix gut«, sagte dieser ruhig. »Aber jetzt gefällt Er mich. Er sein groß genug und mag haben der Verstand. Ik hab' auch angefangen mit Karrenschieben. Ik will spreken mit das Direktor. Dort kommt es.«

Zehn Minuten später hatte der eigensinnige Schwabe sein Ziel erreicht, suchte sich ohne ein weiteres Wort zu verlieren den größten Schiebkarren unter zehn aus, die gegen die Wand des Maschinenhauses lehnten, malte mit Kreide, die er aus der Tasche seiner Jacke zog, ein großes Kreuz auf dessen Seitenbrett, indem er den sechs Polacken einen drohenden Blick zuwarf, die auf einem benachbarten Kohlenhaufen saßen. Der Direktor lachte wohlgefällig. Er sah, daß er keinen schlechten Mann eingestellt hatte.

Nach dem Frühstück war Berblinger im Begriff, sein Bündel zu schnüren, etwas besorgt, wie hoch sich seine Zeche belaufen möge. Keßler trat zu ihm, um Abschied zu nehmen, denn er wollte ohne weiteren Verzug die Arbeit antreten.

»Behüt dich Gott, Schneider!« sagte er trocken. »Wenn wir uns wiedersehen, weiß ich mehr von Feuermaschinen als du. Nimm's nicht für ungut, daß ich dir den Kopf verhauen hab'. Wir sind Landsleut'. Und wenn du nach Schwabenland kommst, vor mir, so sag dem Angele in Aalen, sein Lehrbub sei erster Feuermaschinist in Schlesien geworden. Der wird Augen machen!«

Damit drückte er dem erstaunten Schneider zwei Taler in die Hand.

»Nicht geschenkt, Rindvieh, geliehen!« fuhr er fort, als Berblinger kirschrot wurde. »Ich habe den Potter angepumpt. Das geht jetzt alles mit Dampf. Sag's dem Angele in Aalen. Der kann sich ein Beispiel dran nehmen. Die andern, die zu Haus sitzen, auch. Gott befohlen, Schneider, Gott befohlen!«

Er war zur Türe draußen und lief mit großen Schritten seinem neuen Herrn nach, der schon wieder auf dem Weg nach der Feuermaschine war. Man hörte das Schlagen des Schwingbaums deutlicher. Die Maschine schien schneller zu gehen als vor einer Stunde, und auch Herr Potter lief rascher. Keßler aber rannte; er war voll Arbeitseifer oder wollte nach Schwabenart von Berblingers Dank nichts hören. Dieser bezahlte den Wirt für sich und den ehemaligen Schlosser, jetzigen Kohlenkarrenschieber und künftigen Feuermaschinisten erster Klasse, schulterte sein Ränzchen und machte sich auf den Weg nach Tarnowitz.

Die öde, vom Bergbau bereits entwaldete Gegend lenkte seine Gedanken nicht von den Eindrücken ab, die ihn gestern und heute früh fast überwältigt hatten. Nach einer halben Stunde führte der zerfahrene Weg bergan. Hier begegnete er einem langen Zug von Kohlenwagen, die aus einem entfernten Steinkohlenbergwerk der Friedrichshütte zufuhren. Auf dem Gipfel des sanften Hügels angelangt, wandte er sich noch einmal um. Hinter ihm, fast schon am Horizont, lagen die niederen rauchgeschwärzten Gebäude des Hüttenwerks, über denen der gelbgraue Dunst aus den Schmelzöfen qualmte. Der düstere turmartige Bau, in dem die Feuermaschine arbeitete, durch die allein es möglich geworden war, den Grubenbau fortzusetzen, überragte auch äußerlich das ganze Bild. Was Potter davon erzählt hatte, von den jahrelangen Versuchen, von den Kämpfen und Niederlagen und zuletzt noch von dem Wettstreit zwischen der alten Luftdruck- und der neuen Dampfdruckmaschine, hatte ihn aufs tiefste bewegt. Jetzt, nach einem Jahrhundert der Arbeit, der Hoffnungen und Enttäuschungen, des Spotts und Kopfschüttelns der Leute über die verrückten Erfinder, die ihr Wohlbehagen und ihre Gesundheit, ihr Vermögen und das Glück und Fortkommen ihrer Familie gewagt und oft genug verloren hatten, stand das neue Ding da, unförmlich, aber gewaltig, die Verkörperung eines Gedankens, der die Zeit von drei Generationen gebraucht hatte, um greifbare Wirklichkeit zu werden. Da stand er jetzt, ein neues Geschöpf mit Leben und Kraft in seinem Riesenleib, und arbeitete, wenn auch stöhnend, wie ihm das kleine Menschengehirn befahl, das ihn gezeugt hatte.

Keine Frage: Berblinger hatte Augenblicke, in denen er weiter sah als gewöhnliche Schneider. War er in tiefster Seele bewegt, so sprach er halblaut vor sich hin, wie Poeten, Seher und andre Halbverrückte zu tun pflegen. »Was kann nicht alles aus dir noch werden«, wandte er sich an die eine Wegstunde entfernte Dampfmaschine, »die du dem Menschen Kräfte gibst, die alles übersteigen, was er sich in früheren Zeiten dienstbar machen konnte. Sieht man's nicht jetzt schon an dem Wasserstrom, den du aus der Grube heraufholst? Aber Potter sprach auch von andern Dingen. Dort schleicht der lange Zug von Kohlenwagen den zerfahrenen Weg entlang, dreißig Pferde in mühevoller Arbeit! Die Feuermaschine leistet so viel als achtzig. Der Engländer erzählt, daß man in seiner Heimat die Kohlenwagen auf Holzschienen stellt und schon daran gedacht hat, sie auf Eisenschienen von einer Feuermaschine schleppen zu lassen. Zwar hätten gelehrte Herren bewiesen, daß dies eine Unmöglichkeit sei, aber Herr Watt habe gesagt, er werde es trotzdem probieren, sobald er Zeit habe. Das ist's. Nur Zeit ist nötig und Mut; die beiden haben auch schon früher alles gelehrte Wissen auf den Kopf gestellt. Hat nicht vor mehr als hundert Jahren der tapfere Papin schon ein Feuerschiff aufs Wasser setzen wollen? Es ist nicht gelungen und der Mann ist darüber zugrunde gegangen. Was beweist das? Daß ohne Kampf nichts zu gewinnen ist, und daß es in keinem Kampf ohne Gefallene abgeht. Ehre den Besiegten!«

Noch immer glaubte Berblinger das Aufschlagen des Schwingbaums aus der Ferne zu hören. Es war ihm, als ob er sich kaum davon losreißen könnte.

»Das ist jetzt anders als vor hundert Jahren«, sagte er zuversichtlich und lauter sprechend; es war ja niemand um den Weg, der ihn hören und auslachen konnte. »In der ganzen Welt wie im hintersten Winkel des Reichs regt es sich. Hundert Köpfe, tausend Hände arbeiten an einer großen Umwälzung aller Dinge. Wenn das lebendige Feuer, die tote Kohle für uns schafft, was kann daraus nicht alles werden. Man kann ja vorläufig zugeben, daß es eine Unmöglichkeit ist, mit einer Feuermaschine, die die Kraft von achtzig Pferden hat, durch die Welt zu fahren. Etwas andres aber ist es, zu tun, was jeder Vogel fertig bringt – mit Zeit und Mut. Das, wenn sonst nichts, habe ich da unten gelernt, und das soll mir die Feuermaschine für immer in die Seele hämmern. Wenn ich die Kraft habe und sie richtig anwende, kann mich der leibhaftige Teufel nicht hindern, über Berg und Tal zu fliegen. Nur Zeit und Mut braucht es. Aber Zeit und Mut gehen nicht aus in der Welt, solange Menschen leben. Also!«

Er drehte sich um und marschierte weiter. Das Schneiderlein war auf dem Holzweg und hatte doch nicht ganz unrecht. Nur verrechnete es sich in der Zeit, mit welcher die Menschheit rechnet und der, der sie durch Jahrtausende geführt hat, vielleicht auch in bezug auf den Mut, der einem Schneider zu Gebot steht.

Nicht weniger bewegt wäre er seiner Wege gegangen, wenn er klarer hätte sehen können, was in diesem Augenblick in der Welt vorging. Es war der 20. Oktober 1806. Während er der stillen, öden Landstraße folgte, die ihm nichts zu sagen wußte, tobte eine blutige Schlacht im Herzen Deutschland. Jena. Eine alte glorreiche Vergangenheit ging ruhmlos in Trümmer, und unsagbares Elend schien das Vaterland zu überwältigen. Sinnloser Kampf und zweckloser Streit überall, während die Weltgeschichte ein mit Blut beschriebenes Blatt umwandte. Aber mitten im Tumult und Geheul des Zusammenbruchs der alten Zeit regte sich fast lautlos, unbemerkt von Tausenden, die alles zu wissen glauben, ein andres Ringen, und ein neues Weltreich wurde geboren, mächtiger und größer als alles, was Wassergewalt zu schaffen und zu zerstören vermochte. Die plumpe Feuermaschine begann ihren Siegeszug über den Erdkreis. Nach einem Jahrhundert hatte sie ihn erobert und umgestaltet und ein Weltbild und eine Menschheit geschaffen, die die Alten kaum mehr erkannt hätten. Das konnte selbst Berblinger mit der genialen Phantasie eines Schneiders, der über Berg und Tal zu fliegen bereit ist, nimmermehr ahnen.


 << zurück weiter >>