Autorenseite

 << zurück weiter >> 

21. Wandernd

Es war ein harter Kampf, aber die Sonne gewann ihn. An seinem letzten Tag wenigstens wollte der trübe Oktober der Welt ein freundliches Gesicht zeigen. Ein frischer Ostwind kam dem jungen Schneidergesellen entgegen und blies ihm mit jedem Schritt neues Leben in Lunge und Herz. Die wogenden Nebel, die über dem Donaumoos gelegen hatten, schlüpften in den Boden; am weiten blauen Himmel zeigte sich kein Wölkchen mehr. Von links herüber warf ihm die Abtei Elchingen im hellen Morgenlicht einen Abschiedsgruß zu. Er wandte sich noch einmal um und grüßte selbst den gewaltigen stumpfen Münsterturm, das letzte Wahrzeichen von Ulm, das blau auf mattgelbem Grund über braunes Weidengehölz emporragte. Welch wunderliche Stunden hatte er dort oben verlebt! Es war ihm, als wollten sie ihn noch nicht freilassen; als müßte er sich schütteln, um sie loszuwerden, wie es die Bäume am Weg machten, in denen noch Nebelschleier hingen. Dann aber ging er rüstigen Schritts weiter, leise vor sich hin pfeifend, und ehe er sich's versah, sang er laut in den frischen Morgen hinein. Es war eines von Enderles Liedern – wer weiß, wo der es herhatte – und wollte nicht zu einem Oktobertag passen. Aber des Menschen Frühling hängt nicht an den Jahreszeiten, und das Lied lautet also:

Wer heut noch näht und spinnt!
Mit Gunst, Frau Meisterin, ade!
Die Sonne winkt, fort ist der Schnee,
Das Wandern jetzt beginnt,
Juhe!
Das Wandern jetzt beginnt.

Als ging's zu Tanz und Spiel,
Ade, Herr Meister, und mit Gunst:
Raus muß ich aus dem Werkstattdunst,
Das Wandern ist mein Ziel,
Juhe!
Das Wandern ist mein Ziel.

Die Hecken werden grün,
Kirschbäume stehn im Frühlingskleid,
O junge gold'ge Wanderzeit,
Jetzt weiß ich, wo ich bin,
Juhe!
Jetzt weiß ich, wo ich bin.

Im lieben Sonnenschein.
Herzallerliebster Schatz, ade!
Tut Scheiden auch ein bissel weh,
Das Wandern muß ja sein,
Juhe!
Das Wandern muß ja sein.

Und fühlbar, schien es ihm, sanken die letzten Jahre, selbst die letzten Tage wie schwere, ängstigende Nebel in den Boden. Es war keine entzückende Gegend, durch die ihn die ersten Stunden seiner Wanderschaft führten: eine flachwellige, gelbbraune Ebene, da und dort der Saum eines Wäldchens, ein einsamer, schlichter Dorfkirchturm oder ein paar ärmliche Bauernhäuschen; wo die nicht sichtbare Donau durch ihr Buschwerk schlich, noch immer leichte langgestreckte Nebelstreifen, am Horizont niedere bläuliche Hügel; über allem aber der wunderbar klare Himmel und die lichte, freie Weite in allen Richtungen. Das war's, was er brauchte nach dem engen dumpfigen Leben hinter den Mauern der quälenden und gequälten Stadt: hinaus!

O wandern, wandern! Abwerfen, was uns an Unnötigem anklebt, zurücklassen, was uns drückt, im hellen Sonnenlicht den alten Traum von der Freiheit träumen, die irgendwo draußen zu finden sein muß und die wir törichten Menschen immer wieder mit unsern Mauern und Ketten zu erdrücken suchen. Wandern! Jetzt fühlte der Bursche wieder, was Leben heißt.

Natürlich: Er war diese Art von Glückseligkeit nicht gewöhnt und spürte dies schon in Günzburg, wo ihn ein Wirtshaus am Weg zu kurzer Rast verführte. Dann ging's weiter. Das muntere, altertümliche Städtchen lockte ihn wohl, allein weit mächtiger trieb ihn die Neugier in die Ferne. In den ersten Tagen seiner Wanderschaft folgte eine Überraschung der andern, denn schon jetzt war alles anders als zu Hause: die Bauernwagen, die Giebel der Häuser, die Tracht der Leute. Selbst die Sprache hatte nicht mehr den Klang des breiten Ulmer Schwäbischen. Sie war feiner, dachte er, denn auch er war ein Schwabe. Am ersten Tag kam er bis Lauingen, ohne große Abenteuer zu erleben; aber das kleinste war ihm willkommen. Zweimal wurde er angehalten und mit strenger Miene nach seinen Papieren gefragt. Sie waren nagelneu und in musterhafter Ordnung; aber als ob sich die hohe Obrigkeit hierüber nicht wenig ärgerte, wurde ihm in barscher oder grämlicher Weise befohlen, sich weiterzuscheren. Dies tat er denn auch und dachte dabei, daß er doch noch nicht allzu weit von Ulm entfernt sein könne, denn dort hatte er oft genug ähnliches bemerkt. In der Tat, wenn er auch vieles, ja fast alles im Lauf seiner Wanderschaft verändert fand, die hohe Obrigkeit blieb dieselbe von Basel bis Königsberg. Sie war noch nicht so schneidig, wie sie es später geworden ist, aber sie drückte ihr stumpferes Messer nicht weniger kräftig ins Fleisch der armen Teufel, die sich gesetzesgemäß ihres Schutzes erfreuten.

In Lauingen gab es keine Schneiderherberge; auch war im Städtchen große Aufregung. Eine Truppe der Nachhut der Franzosen, die in der Richtung auf München zogen, hatte hier haltgemacht und jedes Nachtlager des Städtchens mit Beschlag belegt. Berblinger mußte in dem Heuschober des kleinen Wirtshauses übernachten, in dem er Unterkunft gesucht hatte. Aber er schlief zwischen sechs Franzosen mit diesen in die Wette und unterhielt sich mit ihnen in Zeichen und unartikulierten Lauten aufs beste. Auch sein Franzosenhaß hatte beim Wandern schon etwas abgenommen, als ob er zu den Nebeln gehörte, die ihn in Ulm geängstigt hatten. Franzosen waren sichtlich doch auch Menschen, einer sogar ein Schneider, der seine Hosenknöpfe zunftgerecht anzunähen vermochte. Dies besonders beobachtete Berblinger mit freudigem Erstaunen.

Am zweiten Tag erreichte er Donauwörth. Das Wetter war wie gestern prachtvoll, die Gegend wurde lieblicher, die altertümlichen Städtchen immer wunderlicher. Es war eine Lust zu wandern, wenn nur die Füße nichts dabei zu tun gehabt hätten. Das Schneiderlein mußte sich erst daran gewöhnen, daß die Landstraße kein Arbeitstisch war, auf dem man mit gekreuzten Beinen vorwärts kam. Am Tor von Donauwörth wurde ihm gesagt, daß er die Schneiderherberge unten am Fluß finden werde, den Blauen Hecht. Es sei auch die Schifferkneipe. Dies paßte ihm nicht schlecht, denn es lag in seinem Plan, hier das Ulmer Ordinarischiff zu erwarten, um mit dieser Gelegenheit unbemerkt und schneller die Donau hinunter und aus dem Bereich der Franzosen zu kommen. So hatte er es mit Magister Krummacher schon in Ulm des langen und breiten besprochen.

Er war deshalb auch nicht allzusehr erstaunt, im Blauen Hecht, den er nicht ohne Mühe fand, denn das Wirtshaus stand zur Hälfte im Wasser, zur Hälfte auf der Donaubrücke, hinter einem mächtigen Humpen bayrisch Bier den alten Molfenter, den Schiffsmeister, zu entdecken, der tat, als ob er hier zu Hause wäre oder gar an seinem Stammtisch in der Forelle zu Ulm säße. Er war vor einer halben Stunde mit dem Ordinarischiff angekommen, das hier nächtigen sollte; denn sie hatten Waren nach Passau zu laden: zehn Fässer Pulver für die Franzosen und Kanonenkugeln, soviel die Zille tragen konnte. Er wolle Berblinger gerne mitnehmen, sagte er. Im offenen Teil des Boots sei die Taxe bis Passau ein Gulden dreißig Kreuzer, bis Wien fünf Gulden; einen Schneider nehme er aber um die Hälfte, des leichten Gewichts wegen. Er fahre diesmal überdies vornehme Reisende, die mehr als voll zahlten. Auch finde ein Schneiderlein auf seiner Zille jederzeit lohnende Arbeit, seitdem ihm seine Frau gestorben sei. Dabei erhob er sich langsam, drehte sich feierlich um und brauchte des weiteren nichts zu sagen. Das nannte man Ulmer Humor, entlang der Donau; es war ein beliebter Exportartikel. Berblinger aber konnte jetzt mit Beruhigung die Blasen an seinen Fußsohlen betrachten, als er sich zur wohlverdienten Ruhe niederlegte.

»Mit Gunst, Junger, aller Anfang ist schwer!« sagte sein Bettnachbar lachend, ein alter Kunde, der geradewegs von Memel in Ostpreußen kam und geschworen hatte, keinen Stich zu tun, bis er Zürich im Schweizerland erreicht hätte. »Ein Fechtbruder von altem Schrot und Korn«, erklärte er nicht ohne Stolz, wenn man ihn nach dem Handwerk fragte.

Am andern Morgen lag dichter Nebel auf dem Fluß; man durfte nicht daran denken, vor zehn Uhr weiterfahren zu können. Trotzdem war Berblinger frühzeitig auf dem Boot und wartete fröstelnd und etwas ungeduldig auf den Beginn seiner Donaufahrt. Er saß im vordersten Teil der breiten, schmucken Zille, deren Mitte ein hübsch ausgestattetes Bretterhüttchen einnahm. Das Dach dieses kleinen Oberbaues war für die Reisenden erster Klasse bestimmt wenn sie sich im Freien aufhalten wollten. Daß die Ausstattung des Bootes weit besser war als gewöhnlich, hatte seinen Grund darin, daß die Schiffahrt nach einer Unterbrechung von mehreren Monaten jetzt wieder in Gang kommen sollte und die erste Fahrt nach den Franzosenwirren eine Art Festfahrt vorstellte, wie auch in Ulm, trotz aller Not, gleichzeitig der erste Ball auf der unteren Stube wieder angezeigt werden konnte. Die uralte Festfreudigkeit der Ulmer zu unterdrücken, war auch der Schlacht von Elchingen nicht geglückt. Auf dem hinteren und vorderen Teil des Boots lagen Waren aller Art aufgehäuft, und über die zwei Bretter, die das Deck mit dem Land verbanden, ging ein Dutzend Männer und Weiber hin und her, die aus einem benachbarten Schuppen Kanonenkugeln herbeischleppten. Die Pulverfässer waren bereits an Bord und wurden von jedermann aus achtungsvoller Entfernung flüsternd beobachtet, als ob sie das laute Sprechen nicht ertragen könnten. Hinten und vorn hatte die Zille zwei Steuer, welche gewöhnlichen Rudern von riesiger Größe glichen. Jedes derselben wurde von zwei Schifferknechten gehandhabt: gewaltige Gestalten, die jetzt behaglich auf dem Boden sitzend eine große Schüssel Haferbrei leerten und Berblinger lachend einluden, zuzugreifen. Ein Spatz mehr oder weniger habe nichts zu sagen.

Nach neun Uhr schickte man einen Jungen in die Post, wo die Herrschaften übernachtet hatten. Noch war der Nebel so dicht, daß Berblinger von den sechs Leuten, die nach einer Viertelstunde herankamen – es waren Männer und zwei Frauen –, drei erst erkannte, als sie das obere Deck betraten und, in Mänteln und Tüchern eingehüllt, auf den Längsbänken Platz nahmen, welche zugleich das Geländer des Decks bildeten. Er kannte die Art von Schrecken schon, der ihm hierbei durch die Glieder fuhr und für einen Augenblick den Atem nahm. Es war wie damals im Ruhetal und in dem großen Haus in der Frauenstraße und später drei- oder viermal in den Gassen von Ulm. Der dicht eingehüllte Herr, der sich zuerst gesetzt hatte, war ihr Vater, der Staatsrat von Baldinger. Vor ihm stand Vetter Hans in regelrechter, zünftiger Schiffertracht, hohen Flößerstiefeln, blauem Wollhemd, heller Jacke und einem Hut mit großer Krempe im Nacken – alles sehr fein und sauber und so neu, daß es glänzte. Der kräftige Junge stellte in diesem Anzug mehr vor als in seinem Wiener Sonntagsrock, mit dem er im Ruhetal geprunkt hatte. Neben Baldinger aber hatte sie sich niedergelassen – Lucinde!

Am vordersten Ende des Schiffs, zwischen den zwei Steuerrudern, saß zwei Minuten später der Schneidergeselle und ließ die Beine über den Rand des Boots hängen. Er sah in den Nebel hinaus und über die murmelnde Wasserfläche hin. Dort begann es zu schimmern wie der Leib eines riesigen silbernen Schuppenfischs, denn die Sonne drang jetzt kräftig durch die wogenden Dunstschleier. Er versuchte zu überlegen, sich zu sammeln. War es nicht Wahnsinn, dieses Herzklopfen? Die Überraschung war groß, aber es war nicht die Überraschung, die ihn aus der Fassung brachte, das wußte er recht wohl. Was ging den armen Schneidergesellen eine Patrizierstochter und gar Lucinde von Baldinger an? Es war ja zum Verrücktwerden! Und woher kam es, dieses Verrücktwerden? Er fragte sich ganz ernsthaft, ob sie ihm jemals etwas Gutes getan oder gegeben habe, auch nur ein gutes Lächeln; aber das Herzklopfen wollte nicht weichen. Er dachte an Gretle, das herzensgute Mädchen, das er mit ganzer Seele liebhatte: das Herzklopfen wollte nicht aufhören. »Jetzt schon, jetzt schon!« stöhnte er, und eine Gewissensangst überfiel ihn, daß ihm der Gedanke kam, ob es nicht das gescheiteste wäre, ohne Verzug in die Donau zu springen. Des Pestilenziarius' neue Stiefel waren ja schon im Wasser. Aber hatte er nicht seinem guten alten Freund versprochen, ein braver Schneidergeselle zu bleiben? Nein! Gesprungen wird noch nicht! –

Die Gangbretter wurden jetzt zurückgezogen, die Taue gelöst. Der alte Molfenter kommandierte vom Kajütendach herab, und die Schifferknechte riefen Berblinger lachend zu: er möge sich wegscheren, das sei nicht der Platz für die Herren Passagiere. Man könnte ihn leicht mit den Rudern ins Wasser stoßen, ohne zu bemerken, daß einer fehle. Er erhob sich und stand im nächsten Augenblick vor Baldinger, der ebenfalls nach vorn gegangen war und einen für einen älteren, würdigen Herrn kaum schicklichen Stampftanz aufführte, um sich zu erwärmen. Damit hörte er plötzlich auf.

»Ei so schlag'! Schwarzmanns Brechtle!« rief er und packte Berblinger an den Schultern, als ob er ihn näher betrachten wollte wie einen seltenen Käfer. »Wahrhaftig, er scheint's zu sein. – Lucinde! – Wenn ich den neuen Kaiser von Österreich zwischen den Fingern hätte, könnte ich nicht erstaunter sein. – Lucinde, sieh mal her! Wir haben Vetter Schwarzmanns Schneiderlein an Bord. Wenn uns jetzt ein Knopf reißt, hat's keine Not mehr. – Lucinde!«

Sie kamen beide herunter. Lucinde lachte. Hans machte sein erstauntestes Gesicht und sah dabei ungewöhnlich dumm aus. Dann lachte auch er aus vollem Hals, gab aber seinem Vetter gutmütig die Hand.

»Aber Papa, wie kommt er denn hierher?« fragte Lucinde, die fühlen mochte, daß Berblinger einer unmittelbaren Frage nicht gewachsen war.

»Ja, das weiß er selbst nicht, möchte ich behaupten, wenn ich ihn so dastehen sehe«, versetzte der Staatsrat. »Mach's Maul auf, Junge! – Na, na, nimm's nicht für übel. Du bist gewachsen, wie ich sehe, und vermutlich Weltreisender nach Zunftgebrauch. Du solltest wissen, daß ich's nicht bös mit dir meine, aber ›eineweg‹: Mach's Maul auf! Es wird schon gehen, wenn du dich zusammennimmst.«

Berblinger machte es in der Tat jetzt auf und nahm sich zusammen. Es ging, und ging sogar merkwürdig gut. Er fühlte, daß er ein Mann geworden war, seitdem er einen Franzosen fast totgeschlagen hatte. Er erzählte, daß er zu Fuß von Ulm komme und vielleicht nach Wien fahre, jedenfalls aber nach Passau; daß er sich drei Jahre lang die Welt ansehen wolle wie jeder andre und später zurückkommen werde, vielleicht gescheiter als mancher, der zu Haus sitzen bleibe. Er sei zwar nur ein Schneidergesell und einer der jüngsten dazu. Aber Schneider hätten Augen und Ohren wie andres Volk und etliche unter ihnen das Herz auf dem rechten Fleck. Soviel habe er schon gelernt, seitdem er aus der Klosterschule von Blaubeuren hinausgeworfen worden sei, und damit hoffe er durchzukommen.

Lucinde sah ihn mit großen lachenden Augen an. Er war wirklich ein nettes Kerlchen geworden, größer, als er ihr früher vorgekommen war. Und wie er plauderte. Hansens Gesicht verfinsterte sich. Da lachte sie auch ihn an.

»Recht hast du, Junge!« rief der Staatsrat und klopfte ihm derb auf die Schulter. »Wenn du auch nicht das Pulver erfunden hast, was mir dein Onkel anvertraute – ein braver Kerl kann auch ein Schneider sein und ein großer Mann dazu. Das sieht man an dem verdammten Napoleon: wie der das Reich zusammenschneidert; Gott sei's geklagt! Komm herauf zu uns! Der Molfenter wird nichts dagegen haben; du bist oben nicht schwerer als hier unten, und ich habe immer gern Ulmer um mich in fremdem Land. Sie verstehen einen, der das Maul aufmacht und kein Blatt davor nimmt.«

Lucinde rümpfte ihr Näschen, lächelte aber doch. Seitdem sich herausstellte, daß Berblinger sprechen gelernt hatte, ließ sich mit ihm reden, und den Hans Schwarzmann zu ärgern war seit einiger Zeit ein Vergnügen, das sie sich nicht gerne entgehen ließ. Daß sich der aber ärgerte, mit seinem Vetter zusammengetroffen zu sein, konnte jedermann sehen.

Sie trieben jetzt munter den Fluß hinab. Die Strömung der Donau ist hier oben so lebhaft, daß die Schifferknechte mit ihren langen Rudern nichts zu tun haben, als das Boot in der Mitte des Fahrwassers zu halten. Dann geht es flink genug vorwärts. Die Sonne strahlte warm aus einem wolkenlosen Himmel auf die immer freundlicher sich gestaltende Uferlandschaft herab. Von beiden Seiten rückten bewaldete Hügel dem Strome näher und prangten im Gold spätherbstlicher Schönheit; allein Berblinger hatte den Sinn für Wald und Flur, für Berg und Tal verloren. Die sanfte, geräuschlose Art des raschen Fortgleitens mochte damit zu tun haben. Der ganze Tag mit Neuburg und Ingolstadt, mit Dörfchen, Klöstern und weithin sichtbaren Kapellen entlang der sonnigen Wasserstraße ging an ihm vorüber wie ein Traum. Selbst Kelheim und seine wilde, bergige Umgebung, wo der Strom den Schwäbischen Jura durchbricht und die Altmühl aus ihrem Waldtal heraustritt, vermochte ihn nicht aufzuwecken. Sein Auge hing an Lucinde, so oft er sich unbeobachtet glaubte, und an dem gutgelaunten Staatsrat, der, wie der Jüngste der Jungen, Ernst und Sorge in Ulm zurückgelassen hatte und sie erst wieder auftauchen sah, als sich das Schiff gegen Abend der Regensburger Brücke näherte, die mit ihren fünfzehn wuchtigen Pfeilern schwarz und drohend die Wasserstraße sperrte. Seine Scheu hatte der Wanderbursche nahezu verloren. Zum erstenmal empfand er etwas von dem befreienden Zauber der Fremde, in der sich jeder, losgelöst von dem Druck gewohnter Verhältnisse, als Mann fühlt, der soviel wert ist als jeder andre. Lucindens Gegenwart, die ihn früher bis zum Verstummen einschüchterte, hatte jetzt die gegenteilige Wirkung. Er sprach lebhaft und nicht schlecht, erinnerte sich manches Wortes, das er als Klosterschüler aufgeschnappt hatte, überraschte den Staatsrat mit Zitaten, die niemand von einem Handwerksburschen erwartet hätte, und wußte bei Ovid und Homer Bilder und Gedanken zu entlehnen, die Lucinde in Gefahr brachten, zu vergessen, daß sie mit dem Schneider ihres Papas sprach. Er selbst hörte im Lauf des Tags, daß ihr Vater im Begriff war, sie bis nach Regensburg zu begleiten, wo er in den noch dort liegenden Protokollen des letzten Reichstags Schriftstücke zu finden hoffte, die seinen Mitbürgern zu Ulm in ihrem Verhältnis zu ihrem neuen Herrn von Nutzen sein konnten. Lucinde dagegen hatte eine weitere Reise angetreten. Sie sollte eine Tante in Wien besuchen und so lange dort bleiben, bis der Franzosenschwindel vorüber sei. Baldinger wäre längst selbst mit ihr abgereist, um den Jammer nicht mit ansehen zu müssen, wenn nicht alles so rasch gekommen wäre. Lange konnte die Verwirrung ja nicht dauern, meinte er. Das schwere Unglück, das der Esel von Mack verschuldet habe, sei nicht niederschmetternd. Die österreichische Armee bestehe noch, die Russen rückten heran, und es sei nahezu sicher, daß auch die Preußen nicht länger untätig zusehen würden. Wenn die ganze Kraft von Alt-Europa sich erhebe, sei das Ende des Kaisers, den eine Lumpenrepublik auf den Thron gesetzt habe, doch wohl nicht zweifelhaft. Dann werde man wieder ruhig wenn nicht reichsstädtisch, so doch – in Gottes Namen – gut bayrisch zwischen seinen vier Wänden hausen und auch Lucinde zurückkommen können, ohne von französischen Flickschneidern und ihren Sansculottes – Pardon, Brechtle, aber die Galle läuft einem seit vierzehn Tagen manchmal über – insultiert zu werden. Das halte ein reichstreuer deutscher Mann nicht aus, wenn auch der Herr Onkel in Ulm und achtzig Prozent der Schufte in Baden und Württemberg und fünfundneunzig in Bayern und den Rheinlanden andrer Ansicht seien. –

Berblinger hatte bis Passau bezahlt. Von dort aus wollte er ursprünglich zu Fuß als ehrsamer Handwerksbursch querfeldein wandern und bis zum Frühjahr in der nächsten besten Stadt in Arbeit gehen. Nun beschloß er im stillen und fast ohne Kampf, ja fast ohne zu fühlen, daß er hätte kämpfen sollen, bis Wien auf dem Ordinarischiff zu bleiben und sich in der neuen Kaiserstadt nach Arbeit umzuschauen. Das schien ihm mit einemmal in vieler Beziehung das einzig Richtige. Dort konnte er sicherlich für den Frühjahrsfeldzug leichter Geld verdienen, namentlich aber auch – und dies war die Hauptsache – mehr lernen. Sollte und wollte er nicht nach Paris, so war Wien der nächstbeste Arbeitsplatz für einen strebsamen Schneider, und hatte er nicht seinem guten Krummacher versprochen, dieses Ziel nicht aus den Augen zu lassen und Ulm in Erstaunen zu setzen, wenn er zurückkäme?

Es war verzeihlich, daß er sich belog. Lucinde sprach jetzt mit ihm, fast wie wenn er zu ihrem Gefolge gehörte. Sie nannte ihn Herr Albrecht. Sie hatte zu Ulm auch ihre Belagerungsabenteuer durchgemacht, so daß sie beiderseits erzählen konnten, was sie erlebt hatten. Die Not jener Tage half mit die Mauer zwischen dem Patrizierhaus und der Schneiderwerkstätte zu durchbrechen. Da auch sie nach dem Beispiel ihres Vaters gut deutsch gesinnt war und einem französischen Offizier, der so ungebührlich gewesen war, sie küssen zu wollen, eine Ohrfeige gegeben hatte, die der unverschämte ›Musiö‹ zum Glück für einen deutschen Witz gehalten habe, war Berblinger im Begriff, in aller Bescheidenheit zu gestehen, daß er einen andern Franzosen mit einem Bügeleisen soviel als totgeschlagen habe. Da fiel ihm siedendheiß ein, daß sich die Nebenumstände des Vorfalls nicht gut erzählen ließen, und noch heißer, welche Rolle Gretle, sein Gretle im gefährlichsten Augenblick gespielt hatte. Eine halbe Stunde lang war er sehr still und überließ dem Vetter Hans das Feld, auf dem bereits ein förmlicher Kampf entbrannt war. Dann aber zog ihn Lucinde wieder heran, die bemerkte, daß bei dem jungen Schiffsherrn das Gefühl der Überlegenheit zurückgekehrt war. Sie wollte wissen, ob Herr Albrecht sagen könne, welcher Turm höher sei, der des Ulmer Münsters oder der des Regensburger Dorns, welcher jetzt im Widerschein der Abenddämmerung aufleuchtete. Da sie alle Ulmer waren, entschied man sich für das Münster, so unausgebaut es sein mochte.

Oberhalb der alten steinernen Brücke legte die Zille an. Der Staatsrat nahm Berblinger auf die Seite und drückte ihm einen Dukaten in die Hand.

»Nicht geschenkt, nicht geschenkt!« sagte er fröhlich, als der Junge zu stottern anfing. »Vorausbezahlung für den Wiener Frack, den ich mir bei dir bestellen werde, wenn wir alle wieder in Ulm beisammen und die Franzosen beim Kuckuck sein werden. Wenn du jetzt wirklich nach Wien gehst, wie du sagst, so kannst du ein bißchen auf meine Lucinde achtgeben. Sie hat zwar unsre alte Martha bei sich, die den Drachen zum Verwechseln spielen kann, und ihren Ali, ein bissiges Luder, der es mit dem Kaiser von Frankreich aufnimmt. Auch hat der junge Schwarzmann geschworen, sie in Wien heil und ganz abzuliefern. Allein es kann nichts schaden, wenn in diesen bösen Zeiten ein vierter mithilft, und – unter uns gesagt – du scheinst mir ein ordentlicher Bursche zu sein. Also hilf aufpassen, wenn's not tut – und vergiß nicht, wenn du wieder nach Ulm kommst, Maß bei mir zu nehmen. Ich könnte trotz aller Franzosennot in den nächsten drei Jahren dicker werden.«

Wie gestern begaben sich die Herrschaften ans Land, um im ›Goldenen Engel‹ zu übernachten. Berblinger ging mit Molfenter in die billigere Schifferherberge ›Zur grünen Ente‹. Dort beklagte sich der alte Schiffsmeister bitter über Hans, den Herrn Vetter, wie er ihn nannte. Der Junge sei jetzt zweimal in Wien gewesen, habe sich dort jedesmal wochenlang verlustiert und seines Vaters Geld in den Wind gejagt und bilde sich jetzt ein, gelernter Schiffsmeister zu sein. Von der Donau unterhalb Passau verstehe er soviel als das Käuzchen auf dem Münsterturm zu Ulm. Der vertrackte Junge habe ihm, dem alten Molfenter, das letztemal schon gesagt, er hätte im Kachlet bei Vilshofen mehr ans linke Ufer halten sollen, dann wäre die Zille mit Ziegelsteinen nicht sitzen geblieben, die wir angerannt haben. Aber so sei es mit den Jungen, die nichts als ihres Vaters Geld im Kopf und einen Zunftmeister zum Vater hätten. Ein schöner Zunftmeister dazu! Vor den Franzosen und den Bayern zu schwanzwedeln, das könne man ihm anvertrauen; ein Schiff durch den Struden zu führen bringe der Herr Onkel zeitlebens nicht mehr fertig.

Molfenter hatte sich einen tüchtigen Zorn angetrunken und machte Berblinger, der ihn zu Bett brachte, keine kleine Mühe. Dem Alten fiel immer wieder etwas ein, das er gegen die Schwarzmanns zu sagen hatte und nur vor des Jungen Bett stehend mit dem nötigen Nachdruck auseinandersetzen konnte. Berblinger war nicht schläfrig; im Gegenteil. Aber seine Gedanken waren nicht die des alten Molfenters. Sie hatte ihm die Hand gedrückt, als sie das Schiff verließ. Er überlegte ernstlich, ob er es verantworten könne, diese Hand je wieder zu waschen. Hans hatte dabeigestanden und geknurrt wie eine Ulmer Dogge. Aus Eifersucht. Hätte er sich's noch gestern träumen lassen, daß jemand auf ihn eifersüchtig sein könne wegen Lucinde? – Lucinde! – Es war vielleicht alles nur ein Traum. – Nein, es war kein Traum. Ihres Vaters Dukaten war sicherlich kein Traum. Davon hatte er sich überzeugt, als er noch ganz wach war. Und hatte nicht eine Königstochter einmal ein tapferes Schneiderlein allen andern vorgezogen? – Kein Traum. – Wachen wollte er über sie wie ein Schutzengel. – Schutzengel? – Nein, soweit war er wohl noch nicht; aber wie ein Hund, wie der treueste Hund. Mehr konnte und wollte er ja nicht beanspruchen. – Hatte sie ihren Ali, den Seidenspitzer, nicht lieb? Hatte sie ihn nicht vor seinen Augen geküßt? – Nein, es war nicht zum Ausdenken. – Lucinde – Lu – Lu –

Damit war er in das Reich der Träume hinübergesegelt, glücklich, wie man es mit neunzehn Jahren sein kann, ob man Prinz oder Schneider ist. Und auch Molfenter schnarchte. –

 

Ein prachtvoller Sonnenaufgang leitete den folgenden Tag ein. Es war, als ob der November gutmachen wollte, was der Oktober verbrochen hatte. Man konnte heute in aller Frühe abstoßen. Ohne die Reisenden abzuwarten, hatten die Bootsleute ihre große Zille unter der altehrwürdigen Brücke – dem Stolz aller Regensburger und der Verzweiflung aller Donauschiffer – durchgesteuert, ohne mehr als eine Ruderstange zu zerbrechen, und hatten unterhalb der Brücke wieder angelegt. Dann endlich kamen die Herrschaften. Hans war sehr ärgerlich; er hatte während des Durchfahrens zwischen den enggestellten Pfeilern den Befehl übernehmen wollen, um Lucinde zu zeigen, wie es gemacht wird. Nun war es schon geschehen. Hinter dem Rücken der andere sagte er dem alten Molfenter, daß er seinem Vater schreiben werde, wie unvorsichtig man mit seinen Ordinaribooten umgehe. »Wem gehört denn die ganze Bagage, Schiffe und Schiffer, bitte?« fragte er zum Schluß, ohne eine Antwort abzuwarten.

Natürlich hatte der Staatsrat seine Tochter aufs Schiff begleitet und nahm zärtlichen Abschied. Eine Reise von Ulm nach Wien war damals kein Kinderspiel und kam einer Fahrt in unsern Tagen von Hamburg nach New York gleich. Lucinde weinte am Hals ihres Papas, der Drache, die alte Martha, schluchzte laut, Ali bellte entrüstet und lief unentschlossen auf dem Gangbrett hin und her. Des Staatsrats Augen waren feucht, Hans sah mit grimmiger Amtsmiene nach den Steuerleuten, und Berblinger schwor in der Stille, daß er sein Leben für Lucinde lassen werde, sobald sich die geringste Veranlassung hierzu bieten sollte. Dann trieb das Boot in den Strom hinaus, und Taschentücher wehten, bis – bis sie trocken waren.

Dies dauerte nicht gar lang. Es war ein allzu luftig Ding, durch das freundliche Bayerland den immer breiter werdenden Strom hinabzugleiten. Hans hatte reichlich für alles gesorgt, was der Mensch auf dem Wasser bedarf, das einen gesunden, fröhlichen Appetit nicht ruhen läßt. Die Gegend bot jetzt immer etwas zu sehen, und der junge Schiffsherr, der den Fremdenführer machte, wußte sich zu helfen, wenn ihm das eigne Wissen ausging. Auch hörte ihm Lucinde nicht immer zu. Es schien sie mehr zu interessieren, wenigstens lachte sie lauter und lieblicher, wenn Berblinger von seinen Klosterzeiten erzählte: wie Busch und Seeger die Gans gestohlen und er Luftballons gebaut hatte. Dabei bestand sie auf Einzelheiten und wurde nicht müde zu fragen: ob Thusnelde schön gewesen sei, wie es ihm im Karzer gefallen habe. Ihr Papa sei auch einmal im Karzer gesessen, weil er einen Nachtwächter zurechtgewiesen habe. Was aus seinem Freund Fischer, dem Dichter, geworden sei? Hätte sie damals, im Ruhetal, gewußt, daß er geholfen habe, die Gans zu verspeisen, so hätte er unweigerlich den Preis für das schönste Lied bekommen. – Dauerten Gespräche dieser Art zu lange, so wurde Hans wütend und begann erstaunliche Dinge von seinen Abenteuern in Wien zu erzählen. Dort kannte Lucinde, die schon als Kind ihre Tante besucht hatte, Straßen und Plätze, die er erwähnte. Dabei stritten sie sich, ob der Weg in den Wurstelprater so oder so gehe, und versöhnten sich wieder, so daß Berblinger in tiefste Betrübnis verfiel. Wenn dann beide die junge Dame gleichzeitig zu unterhalten und ihr Lächeln zu gewinnen suchten, begrub sie ihr Gesichtchen in dem silbernen Pelz Alis, umarmte und küßte ihn, erklärte ihm, daß er ihre erste und einzige Liebe sei, und sah die verdutzten Herren zwischen den Ohren des Hunds hindurch an, daß Berblinger vor Sehnsucht nach einem Etwas, das ihm völlig unerklärlich war, zu vergehen glaubte. Andre Frauen und Männer, Mädchen und Jungen stiegen ein und aus. Die zwei sahen nur sie und waren abwechslungsweise im Himmel und im Fegefeuer, obgleich die Sonne einen Frühlingstag in den November gezaubert hatte und vom Aufgang bis zum Untergang nicht ein Wölkchen am Firmament duldete.

So kamen sie bis Deggendorf. Die Frauen, Hans und Ali gingen mit etlichen andern Reisenden erster Klasse in das ›Goldene Kreuz‹, Berblinger, wie nun üblich, mit Molfenter nach der Schifferherberge im ›Roten Hafen‹. Auf dem Weg sprach der Alte zu ihm wie ein Vater: »Nimm dich in acht, Berblinger! Du bist noch zu jung für diese Art von Spiel. Glaub mir, sie mag zwei, drei Jahre jünger sein als du, aber sie ist viel zu alt für dich. Ich hab's gesehen, wie sie dich zwischen den Ohren ihres Seidenspitzers anblinzelte. Da hatte ich genug. Ich halte sie nicht für eine Eva. Das sind alle Weiber, zu unserm Schaden. Sie ist die leibhaftige Schlange. Das sag' ich, ein alter Mann, der schon viel gesehen hat, Schlangen und andres Gezücht. Für die bist du zu jung, Berblinger, viel zu jung. Dem Hans – du weißt, was ich von dem halte –, dem gönn' ich's. Na, übermorgen, in Passau hat's ein Ende.«

»Aber ich gehe mit bis Wien, Herr Molfenter«, sagte Berblinger. »Der Staatsrat hat mich selbst darum gebeten.«

»Dann holt dich der Teufel!« versetzte Molfenter, und beide sprachen nichts mehr an diesem Abend.

Am folgenden Tag war Fräulein Lucinde weniger gnädig, obgleich sich Hans alle Mühe gab, als sie durch das Kachlet, eine Stromstrecke voll von Klippen und Untiefen, fuhren, sie von der Gefahr der nächsten halben Stunde zu überzeugen und zugleich zu versichern, daß, solang er sich an Bord befände, nichts Ernstliches zu befürchten sei. Dem alten Molfenter habe er die strengste Weisung erteilt, den Fehler, den er vor einem halben Jahr hier gemacht habe, wo das Ordinarischiff mit einer Zille voll Backsteinen zusammengestoßen sei, nicht zu wiederholen. Das wäre nie vorgekommen, wenn Hans Schwarzmann kommandiert hätte. Allein Lucinde wollte von der Gefahr nichts wissen, noch weniger sich beruhigen lassen.

Trotzdem sah Berblinger, daß er gegen diesen Süßwasserseehelden zunächst nichts ausrichten könne, und fühlte sich dementsprechend unglücklich. Er machte einen kleinen Versuch, Trost bei Ali zu finden. Allein der Hund schnappte nach ihm und zeigte eine verächtliche, weil käufliche Zuneigung für Hans, der eine Wursthaut nachdenklich auf und ab schwang und dabei Lucinde mit unverschämt verliebten Augen ansah. Hatte je ein armes Schneiderlein größere Qualen zu erdulden?

Die Zille erreichte Passau schon am Nachmittag, setzte ihre Fahrt aber nicht fort, da das Ausladen des Pulvers und der Kanonenkugeln, das alle Mitreisenden als eine große Erleichterung empfanden, und die damit zusammenhängenden Formalitäten den Rest des Tags in Anspruch nahmen. Sie benutzten den Abend, am Land ein Stückchen der Welt zu genießen, dessen Reize ein sonniger Spätherbsttag in die prächtigsten Farben gekleidet hatte. Der reißende Inn, scheinbar größer als die Donau selbst, und die liebliche Ilz vereinigen sich an dieser Stelle mit dem Hauptstrom. Das romantisch gelegene Städtchen auf der schmalen Landzunge zwischen den beiden Flüssen, mit seinen Kirchen und Kapellen, mit den im Waldesdickicht fast begrabenen Festungswerken auf den benachbarten Höhen belebt eine Gebirgslandschaft, die wild und düster wäre ohne diese Zeichen menschlicher Tätigkeit. Doch läßt sich hier die Natur mit ihren hohen bewaldeten Berghalden und ihren gewaltigen Felsbauten vom kleinen Tun und Treiben des Menschen nicht bewältigen und hatte ihren befreienden Einfluß auch auf Berblinger noch nicht verloren. Liebliche Waldwege schlängelten sich in allen Richtungen an den Berghängen hinauf und boten entzückende Ausblicke auf die grünlichen Ströme und die blauen Schluchten und Höhen am jenseitigen Ufer, wo immer sich eine Lücke in dem roten und gelben Laubwerk fand. Still und in sich gekehrt ging Berblinger neben Lucinde und Hans her, die lustig plaudernd auf Entdeckungen ausgingen. War es nicht wunderlich: Gedanken an die vor nur wenigen Tagen verlassene Heimat stiegen in ihm auf, wehmütig und mahnend? All das war noch so nahe und schien doch schon so fern, als ob er sich selbst verloren hätte. Lucinde überließ ihn mehr als gestern seinem eignen Sinnen und sagte gleichgültig und halb spöttisch: »Wünsche wohl zu träumen, Herr Albrecht!« als sie sich in der Dämmerung trennten. Gestern hatte sie ihm die Hand gegeben.

Man fuhr am folgenden Morgen beizeiten ab. Die Berge wurden immer höher, die jäh in das Tal abfallenden Halden und Hänge bunter. Auf lange Strecken zog der Strom durch wilde Waldeinsamkeiten, in die sich gelegentlich ein Dörfchen am Ufer, eine Kapelle auf den Höhen verloren zu haben schien. Lucinde langweilte sich. Sie fühlte wieder etwas Erbarmen für ihre nächste Umgebung, aber auch heute empfing der Hund den weitaus größten Teil ihrer Aufmerksamkeit. Doch ging Berblinger nicht leer aus, und nur Hans hatte einen wirklich schlimmen Tag. Er wußte Stellen, wo ein zwei- und dreifaches Echo aus den Bergschluchten antwortete, und sang Schifferlieder, bis er heiser war, um das verlorene Gelände wiederzugewinnen. Allein sie blieb kühl und meinte, als sie am Abend in Linz das Boot verließen, die Lieder wären so übel nicht, wenn er singen gelernt hätte. Das könne man aber den Ulmern nicht zumuten; das lerne sich nur in Wien. Ah, Wien! seufzte sie, dort fänden sich junge Kavaliere, mit denen sich verkehren lasse. Man habe das schon in Passau gemerkt und spüre es in der warmen, weichen Luft, die von Linz her komme. Wie höflich da jedermann sei und wie gemütlich! Und wie sie sich schon geärgert habe, bei den unbeholfenen Schwaben auf die Welt gekommen zu sein.

Hans blieb heute zurück und ließ die Frauen allein gehen, denen ein Schiffsjunge den Weg zur Goldenen Gans zeigen mußte, wo sie übernachten sollten.

»Heiliges Kreuzdonnerwetter!« sagte er zu Berblinger, als sie nebeneinander sitzend die dämmernde Stadt betrachteten, in der da und dort ein Lichtchen flimmerte. »Möchte man nicht gleich aus der eignen Haut in eine österreichische fahren, wenn man sie anhört? Morgen will ich ihr aber zeigen, was die Schwaben wert sind. Morgen geht's durch den Struden.« Hans war bei all seinen Fehlern, deren Zahl nicht klein war, ein ehrlicher, hilfloser Kerl, der seinen Todfeind ins Vertrauen gezogen hätte, wenn ihn die Herzensnot übermannte.

 

Das Wetter änderte sich in Linz über Nacht; Lucinde war am Morgen die Liebenswürdigkeit selbst. Hätte der Hund ein fühlendes Herz gehabt wie die zwei armen Ulmer Vettern, er wäre heute unglücklich genug gewesen. Mißmutig trippelte er hin und her, sooft ihm Hans oder Berblinger nahe kamen, selbst seine Herrin blinzelte er nur mit Mißtrauen an und vertiefte sich schließlich in die Betrachtung der vorüberziehenden Uferlandschaft. Von Linz an fuhr man stundenlang durch ein verhältnismäßig offenes Tal, das von freundlichen, rebenbestockten Hügeln eingeschlossen war. Dann traten wieder waldige Berge dem Strom näher und zwangen ihn, aus seiner östlichen Richtung scharf nach Norden auszubiegen, um sich zwischen den Ausläufern des Böhmerwaldes und der österreichischen Alpen hindurchzuwinden. Der Himmel schien des beständigen Sonnenscheins gründlich müde geworden zu sein. Einem trüben Morgen folgte ein düsterer Nachmittag. Schwarze Wolken hingen in allen Richtungen tief herab, als sie oberhalb Greins in den finsteren Gebirgspaß eintraten.

Schon von Regensburg an überließ man das Schiff nicht mehr ausschließlich der Strömung. Dort waren sechs Ruderknechte an Bord gekommen, die, drei auf jeder Seite, mit langen Rudern arbeitend ersetzten, was das Fahrzeug in der langsamer werdenden Strömung an Geschwindigkeit eingebüßt hätte. Streckenweise war dies kaum nötig; dann ruhten die Leute aus. An andern Stellen des Stroms, in welchem es an Kiesbänken, Stromschnellen und Klippen nicht fehlte, halfen sie durch die Art ihres Einsetzens dem Steuern nach. Wo dies nötig war, stand auch Molfenter auf dem Dach der Kajüte und kommandierte. Hierzu gehörte vor allem eine genaue Kenntnis des Flusses, namentlich bei gutem Wasserstand, welcher einen Teil der gefährlichsten Klippen nicht zutage treten ließ, und die Geschicklichkeit eines erfahrenen Flußschiffers, der die Steuerfähigkeit seines Bootes genau kannte. Darauf war der alte Molfenter besonders stolz.

Bei Grein bildet das von hohen, waldigen Bergen eingeengte Tal einen weiten Kessel, aus dem der Fluß keinen Ausgang zu finden scheint. Von dort biegt er sich wieder scharf nach Osten und bildet den ›Schwall‹, eine gefährliche Strecke voll kleiner versenkter Riffe, über die das Wasser in schäumenden Wogen wegjagt. Dann liegt mitten im Strom eine steil ansteigende waldige Insel, von deren Gipfel eine kleine Kapelle still und ernst auf die rauschenden Wasser herabblickt. Hier beginnen die weit und breit gefürchteten Stromschnellen, die allerdings heutzutag infolge großartiger Sprengungen eine wesentlich andre Gestalt angenommen haben, so daß sich das Folgende nur bei den Stromverhältnissen ereignen konnte, wie sie vor hundert Jahren bestanden. Der größere Teil des Flusses umkreiste die linke, nördliche Seite der Insel ›Wörth‹. Das mit Felsen, an denen das Wasser schäumend emporstieg, dichtbesäte Flußbett teilte den Strom in zwei Kanäle. Der am linken Ufer führte den Namen ›Waldwasser‹, der mittlere hieß Wildriß und der an der Insel Wörth hinstreichende, der wenigst gefährliche, das Strumm-Fahrwasser. Auch um die rechte, südliche Seite der Insel Wörth führte damals eine fahrbare Wasserstraße: der Heßgang, die weniger felsig war und ruhigeres Wasser zeigte, aber voll von beweglichen Sandbänken schon deshalb Gefahren andrer Art bot. Unterhalb der Insel auf dem linken Flußufer erschien eine noch wohlerhaltene Burgruine, der Werfenstein, hinter welcher der von allen Donauschiffern gefürchtete Marktflecken Struden lag. Dann, noch weiter unten, ragte vom rechten Ufer her ein halbinselartiger Fels, der Haustein, fast bis mitten in den Stromlauf und ist die Ursache des am linken Ufer entstehenden großen Wirbels oder Strudels. Dieser hat mit der Zeit eine tiefe Bucht in das linksseitige Flußufer gerissen, über welcher im tiefen Waldesschatten der jäh aufsteigenden Berghalde die von der Gemeinde Struden errichtete Totenkammer auf die Schiffer wartet, mit deren Leichen der Wirbel tagelang spielt, ehe er sie ans Ufer wirft. Wenn eine Zille dieser Stelle zutreibt und die Ruderknechte arbeiten, daß ihnen der Schweiß von der Stirne tropft, bekreuzigen sich selbst die evangelischen Schiffer von Ulm, welche von den andern gehört haben, daß das Donauweibchen, das beim Haustein haust wohl darauf achtet, ehe sie eine Zille in den Wirbel zieht.

Wäre der Himmel etwas heiterer gewesen, so hätte die Herbstpracht der Wälder wohl die Schrecken des Orts überwogen, die Hans, als sie sich Grein näherten, durch grausige Geschichten von zerschmetterten Zillen zu erhöhen trachtete, von Schiffern, die stundenlang im Wirbel kreisend um Hilfe schrien; vom Donauweibchen, das die Leute von Struden oft genug mit leiblichen Augen gesehen hatten. Es habe früher auf Wörth gelebt, hause aber jetzt in einem Felsloch unter dem Haustein und sei besonders bösartig geworden, seitdem man die Kapelle auf dem Waldhügel gebaut habe. Aber, fügte er zum Trost jeder seiner Geschichten bei, ein braver Ulmer fürchte sich vor Wasserhexen nicht, und Fräulein Lucinde könne so ruhig sein als in der Frauengasse zu Ulm, solange Hans Schwarzmann Herr auf seines Vaters Schiffen sei.

Dabei waren sie jetzt in den Schwall eingefahren. Die leichtgebaute, breite Zille ächzte und krachte und wurde von den unregelmäßigen, stürmischen Wellen und den sich kreuzenden Strömungen unruhig hin und her gezogen. Nun trat auch Wörth mit seiner Kapelle hinter der nächsten Bergkante hervor, und der Zufall wollte es, daß in diesem Augenblick ihr schrilles Glöckchen zu läuten begann und mit seiner klagenden Stimme das enge, düstere Tal zu füllen schien. Hans wurde plötzlich still und trat zu Molfenter, der auf das Oberdeck gekommen war, um während der nächsten halben Stunde die Steuerleute und die Ruderknechte von hier aus zu befehligen.

»Wir gehen durch den Wildriß, Molfenter«, sagte Hans laut und in fast befehlendem Ton.

»Ich denke, wir gehen durch den Heßgang«, versetzte Molfenter nachdenklich, aber sichtlich geärgert. »Das Wasser steht hoch genug für den Heßgang. Wir brauchen nichts zu riskieren.«

»Aber es ist schöner durch den Wildriß, und ich will der Mamselle von Baldinger zeigen, daß meines Vaters Sohn ein Schiff zu steuern versteht«, sagte Hans lachend. »Ohe, ihr Kerls! Scharf links halten!«

»Bin ich Schiffsmeister oder bin ich's nicht?« fragte der Alte zornig. »Rechts, ihr Leute! Scharf rechts!«

»Donnerkeil, wem gehört das Schiff?« rief Hans zornig. »Links, Jakob! Links, Henner!«

Die Leute hatten bei Hansens erstem Ruf nach links gehalten. Nach Molfenters Kommando hoben drei der Schiffer die Ruder hoch und sahen fragend und verwirrt nach dem Oberdeck. Die vorderen Steuerleute hatten nach links, die hinteren nach rechts gedreht. Das Schiff begann sich quer über den Strom zu stellen und von der heftigen Strömung erfaßt gegen das Waldwasser hin zu treiben.

»Heilige Mutter Gottes!« schrie Molfenter, der gewohnt war, von Regensburg an katholisch zu fluchen. »Wir liegen im Wasser, ehe wir am Strudel sind. Rechts drehen, ihr Sackermenter, rechts drehen!«

Hans, dem jetzt angst wurde, sagte nichts mehr. Aber Molfenter sah, daß es schon zu spät war, an den Heßgang zu denken. Selbst der Wildriß war nicht mehr zu gewinnen. Durch das verwirrte Kommandieren hatte sich das Schiff so schief gestellt, daß es rasch gegen das linke Ufer hin getrieben wurde. Man mußte jetzt den gefährlichsten Kanal, den Waldgang, nehmen. Es war ein wahres Glück, daß der Wasserstand ausnahmsweise hoch war. Sonst hätte man dort ein Auflaufen auf Klippen kaum vermeiden können.

Als sich die Zille in die neue Stromrichtung gestellt hatte und scheinbar munter und wohlauf, aber mit rasender Geschwindigkeit am waldigen Ufer hinschoß, trat Hans wieder zu Lucinde und Berblinger. Er hatte ein sehr rotes Gesicht und erklärte, daß er dem eigensinnigen Molfenter das Kommando abnehmen werde, bis sie die gefährlichsten Stellen passiert hätten. Ob es nicht herrlich sei, in einem Schiff so durch den Wald zu schießen? Diesen Genuß habe er Fräulein Lucinde verschaffen wollen. – Sie lächelte ihn an. Er war doch ein Mann, der Hans! Was konnte Berblinger dagegen tun, der etwas bleich geworden war, als sich das Boot in seiner schrägen Stellung flußabwärts treibend auf die Seite geneigt hatte.

Molfenter stieß von Zeit zu Zeit einen Laut aus, der das Echo weckte, den aber niemand verstehen konnte, der nicht zur Zunft gehörte. Sie waren glücklich durch das Waldwasser gekommen, wo die stürmischen Wellen mehrere Male über den Rand des Boots schlugen, so daß drei Marktweiber von Grein laut zu kreischen begannen und ein Handelsjude von Pöchlarn wegen ausgestandener Ängsten sein Fahrgeld zurückverlangte. Jetzt fuhren sie in etwas ruhigerem Wasser am Fuß des Werfensteins und an den freundlichen Häuschen von Struden hin.

Dort, etwas weiter unten, links vom schwärzlichen Haustein, dessen schroffe Felswände schon in tiefem Schatten lagen, sah man eine weißlich schimmernde Fläche, die in den Berg eingewühlte Bucht und darüber an der indigoblauen Bergwand ein helles, gelbliches Fleckchen: das Leichenhaus von Struden. Das also war der gefürchtete Wirbel.

Lucinde hielt sich mit beiden Hände an der Bank fest, auf der sie saß, obgleich das rasch hineilende Schiff nicht schwankte, und sah fragend an Hans hinauf. Seine Geschichten hatten ihre Wirkung doch nicht ganz verfehlt. Dieser trat wieder zu Molfenter.

»Wenn du noch ein Wort sagst«, brummte der alte Schiffsmeister halblaut, aber grimmig, »so werf' ich dich in die Donau.«

»Dazu gehören zwei!‹, versetzte Hans, ebenfalls leise sprechend. »Warte, bis wir heimkommen!« Aber er wurde blau im Gesicht.

Verstellung gehörte nicht zu seinen Untugenden. Eine heftige Erregung packte ihn plötzlich. Man hätte jetzt die helle Angst in seinen Zügen lesen können.

»Der Haustein! Wir kommen zu weit rechts, Molfenter! Bei Gott, wir kommen zu weit rechts!« schrie er auf. »Links halten, ihr Leute! Links halten!«

Molfenter packte ihn buchstäblich an der Gurgel: »Willst du ersaufen, du junger Teufelsbraten, du verfluchter! Gerad' halten, ihr Leut'! Donnerwetter, gerad' halten!«

Die Zille machte plötzlich eine ganz wunderliche Bewegung. Die Spitze drehte sich scharf nach links, als ob sie in dieser Richtung gesaugt würde. Der Stern flog quer über den Strom, nach unten. Alle packten den nächstliegenden Gegenstand, um nicht zu fallen. Lucinde griff mit beiden Händen nach Berblinger, daß diesem ein heißer Schauder durch Leib und Seele ging. Er hätte es kaum bemerkt, wenn sie beide in diesem Augenblick ins Wasser gestürzt wären.

»Wir sind drin!« sagte Molfenter und warf seinen Ulmer Kopf, die Tabakspfeife, die ihn seit zwanzig Jahren nicht verlassen hatte, auf den Boden, daß sie in zehn Stücke zerbrach. Das Schiff schoß jetzt zitternd und unruhig schwankend dem linken Ufer zu, drehte sich aber, ehe es aufstieß, nach links, der Stromrichtung entgegen. Die Schiffer, die eine Minute lang zu rudern aufgehört hatten, setzten die Ruder wieder ein und arbeiteten mit allen Kräften, um das Ufer zu gewinnen. Die Marktweiber schrien zur Jungfrau Maria und zum heiligen Nepomuk, der Handelsjude von Pöchlarn wandte sich laut an Gott den Gerechten und verlangte allein gerettet zu werden. Hans stand hilflos da und starrte nach dem Leichenhaus hinauf, an dem sie gerade vorübertrieben. Molfenter stieß wieder seine unartikulierten Kommandolaute aus, und die Schiffer gehorchten jetzt stumm wie Fische. Der Kampf war noch nicht zu Ende.

Und ein gütiges Geschick ließ die Wackern nicht im Stich. Plötzlich krachte das Schiff in allen Fugen. Hans stürzte zu Boden. Berblinger wäre um ein Haar in Lucindes Arme gefallen. Die Ruderer sprangen auf, die Marktweiber heulten laut, denn zwei von ihnen saßen in ihren Eierkörben und konnten sich nicht befreien, der Jude kroch auf allen vieren einem Kästchen nach, das auf eigne Faust umhertanzte und ohne das er nicht sterben wollte. Das Vorderteil des Boots schien festzusetzen, der Stern schwang nach dem Fluß hinaus. Dabei drehte sich das ganze Boot knirschend und knackend, bis auch das hintere Ende auf Felsen stieß und beiläufig zehn Schritte vom Ufer in derselben Längenrichtung wie dieses festlag. »Gerade als ob man beim Leichenhaus hätte landen wollen!« rief einer der Schiffer laut lachend. Sie waren alle schon wieder ganz munter.

Über den Rand des Vorderteils schlugen die Wellen, aber das Schiff saß fest. Das Wasser des Strudels sauste an ihnen vorüber, als ob es kochte. Die Zille hing an zwei Felsspitzen, die kaum acht Schritte vom Ufer jäh aus der Tiefe aufstiegen, ohne über das Wasser herauszuragen. Die äußerste Gefahr war vorüber; jeden Augenblick aber konnte das Boot vollends umschlagen oder in Stücke brechen.

Der alte Molfenter war der erste, der seine fünf Sinne wieder ganz in der Gewalt hatte. Von Struden her kamen schreiend ein Dutzend Leute gelaufen, Männer und Weiber. Der Schiffsmeister ringelte ein Tau bedächtig und zunftgerecht zusammen und schleuderte das eine Ende ans Ufer, wo es die ersten Männer, die die Unglücksstätte erreichten, an einem Weidenbaum befestigten, während es die Bootsleute straff anzogen und um einen Ring am Vorderteil des Schiffs schlangen. Sodann wurde das Hinterteil in ähnlicher Weise mit dem Ufer verbunden. Nun war man wenigstens sicher, nicht mehr in den Strudel hinausgezogen zu werden. Jeden Augenblick aber konnte der Schiffsboden durchstoßen werden und die Zille in den Wellen, die begehrlich an ihren Seiten emporspritzten, versinken. Die Felsen, an denen sie hing, stiegen wie Nadeln aus einer Tiefe, die mit den langen Rudern nicht zu ergründen war. Man mußte so rasch als möglich wenigstens die Menschen ausschiffen.

Das kleine Landungsboot wurde herangeholt und mittels der verschiebbaren Schlinge eines kurzen Seils an dem ausgespannten Tau am Vorderteil der Zille befestigt. Die reißende, flußaufwärts gerichtete Strömung schwang es sofort in dieselbe Richtung, indem sie es an die Seite des Schiffs drückte. Nun konnte man an die Rettung der Reisenden gehen. Ein Schiffer stand im Vorderteil des wild schwankenden Kahns und schob die Schlinge entlang dem ausgestreckten Tau, so daß sich auf diese Weise der Nachen zwischen dem gestrandeten Schiff und dem Ufer hin und her bewegte. Da er nur drei bis vier Personen zu tragen vermochte, konnten auch nur zwei Reisende gleichzeitig ans Ufer gebracht werden, und es kostete keine kleine Mühe, Lucinde zu bewegen, in Begleitung von Hans, der den Kopf völlig verloren zu haben schien, die nicht ungefährliche Fahrt anzutreten. Trotzdem ging es über Erwarten gut. Nun sollte Berblinger und die alte Martha, der Drache, wie sie Hans nannte, an die Reihe kommen. Der Handelsjude von Pöchlarn saß aber, ehe man sich's versah, schon im Nachen, sein Kästchen auf den Knien, und bestand darauf, zuerst und allein gerettet zu werden, da er für viele tausend Gülden kostbare Waren bei sich trage. Es war ein Glück für den Mann Israels, daß seine sichtliche Todesangst selbst in diesem ernsten Augenblick alle zum Lachen brachte. So erreichte Berblinger und Lucindes Begleiterin, die sich krampfhaft an den kleinen Schneider klammerte, bis man sie ans Ufer gezogen hatte, erst mit der dritten Fahrt festen Boden. Die übrigen Passagiere machten keine Schwierigkeiten mehr. Der Nachen bewegte sich mit einer Sicherheit hin und her, als ob ein Stranden bei Struden zu seinen täglichen Erlebnissen gehörte.

Bald waren nur noch Molfenter und die sechs Ruderknechte an Bord. Der Nachen lag für einen Augenblick leer an der Seite des Schiffs, da machte dieses plötzlich eine heftige Bewegung, als wollte es seine dem Strom zugekehrte Seite unter Wasser tauchen. Gleichzeitig löste sich die schlechtgeschürzte Schleife des Seils, an dem der kleine Kahn hing, und dieser schoß pfeilschnell entlang der Bootseite hinaus in den Wirbel. Erschrocken starrten ihm alle nach. Er drehte sich drei-, viermal in dem weißlichen Gischt in immer kleineren Kreisen, richtete dann plötzlich seinen Schnabel in die Höhe und versank. Die Frauen schrien laut auf, die Männer bekreuzigten sich. Es hatte den Anschein, als ob ein lebendes Wesen die Hände zum Himmel erhoben hätte, ehe es von den gurgelnden Wassern verschlungen wurde. Dann aber kam ihnen der Gedanke wieder, daß es ja nur ein leeres Boot gewesen war und die aufgeworfenen Hände ein Ruder, und sie begannen alle zugleich zu schwatzen, selbst zu lachen, bis jemand daran erinnerte, daß jetzt die Verbindung mit der sich immer mehr neigenden Zille unmöglich geworden war.

Da kreischte Lucinde auf, scharf, schneidend, in Verzweiflung: »Ali! Mein Ali! Um Gottes willen, mein Ali!«

Der Seidenspitz stand allein auf dem Oberdeck und hub laut zu heulen und zu bellen an.

»O Gott, o Gott, mein Ali! Rettet meinen Ali!« schluchzte Lucinde.

»Seien Sie doch ruhig, Mamsellchen!« sagten die Leute von Struden. »Es sind schon zwei von uns fort, um einen andern Nachen herbeizuschaffen. In einer Viertelstunde muß er dasein!«

»O mein Ali, mein Ali!« war die Antwort. »Rettet niemand meinen Ali! Herr Hans! Herr Albrecht! Eh' der Nachen kommt, kann das Schiff untergehen. O mein Ali, mein Ali!«

Sie sank auf die Knie. Ali heulte jammervoll. Und nun mußte auch das Glöckchen in der Kapelle auf Wörth wieder zu läuten anfangen. Das wahre Winseln eines Glöckchens! Berblinger sah, wie der Schmerz das liebliche Gesichtchen verzerrte. Er warf seine Jacke ab.

»Bist du verrückt? Was willst du machen?« rief einer der Schiffer zornig.

»O mein Ali – mein süßer Ali!« lispelte Lucinde und schloß die Augen.

Berblinger konnte das nicht länger mitansehen. Sie war todesblaß geworden, und die Tränen stürzten in zwei Bächlein über ihre Wangen. Er war ein gewandter Bursche und wußte mit Seilen umzugehen; das hatte ihm in der Klosterkirche zu Blaubeuren gute Dienste getan. Er hing an dem ausgespannten Tau, ehe man sich's versah, und arbeitete sich Hand über Hand vorwärts, während er sich mit dem Kniegelenk einhakte. Als er die Mitte des Seils erreicht hatte, berührte er fast das Wasser. Molfenter schimpfte laut über den verrückten Jungen. Es ging jetzt aufwärts, etwas langsamer; aber es ging. Alle, auch Lucinde, waren ganz still geworden. Es hatte gefährlich genug ausgesehen, das tiefeingebogene Seil, das kochende Wasser. Jetzt schwang er sich an Bord und kletterte auf das Oberdeck. Der Spitz wandte sich wütend gegen seinen Retter, bellte und schnappte. Aber Berblinger machte keine Umstände, packte ihn geschickt am Halsband und hob das zappelnde Tierchen in die Höhe. Jetzt schrie Lucinde wieder auf:

»Nicht so! Nicht so! O mein Ali! Es tut ihm weh. O mein Ali, mein Ali! Er streckt schon die Zunge heraus! Sie tun ihm weh! – O Sie – o du – o mein Ali!«

Berblinger sah kein andres Mittel, den Hund zu retten, der in die Luft biß und mit allen vier Pfoten kratzte, als ob er ein kleiner Teufel wäre. Der Rückweg war in der Tat kein Kinderspiel, mit den Kniekehlen und dem Ellbogen des rechten Arms hing der Junge jetzt wieder am Seil. In der rechten Hand hielt er den zappelnden Hund, mit der linken arbeitete er sich vorwärts. Wieder war selbst Lucinde still. Man konnte im Zweifel sein, wenn man das erschreckte Engelsköpfchen sah, ob sie betete oder aus der Ferne Ali zu trösten suchte. Die Marktweiber taten sichtlich das erstere. Da, kaum noch einen Schritt vom Ufer, schlüpfte das Seil ein wenig. Berblingers Kräfte waren erschöpft, der rechte Arm mit dem Hund flog nach oben, das wild schwankende Tau entglitt der Linken. Einen Augenblick hing er an den Knien. Dann fiel er samt dem Hund kopfüber in das gurgelnde Wasser.

Ein vielstimmiger Schrei durchschnitt die Luft. Im nächsten Augenblick lief der Spitz, wie toll sich schüttelnd, in die Arme seiner Herrin, und Berblinger kletterte, von zwei vor Freude schluchzenden Marktweibern gezogen, etwas mühselig an der felsigen Böschung hinauf.

Er war natürlich naß wie eine gebadete Maus. Die Kleider klebten ihm am Leib, sein Hemd war zerrissen, die Haare hingen ihm über die Stirne und er hinkte. Als Lucinde, die noch immer am Boden kauerte, aus der Umarmung Alis aufsah, lächelte sie einen Augenblick. Dann aber brach sie in ein lautes Lachen aus, häßlich, gellend.

»Nein! Sieht der Brechtle aus!« rief sie und begann aufs neue zu lachen. Hans lachte mit. Der Retter Alis war in diesem Augenblick in der Tat nicht salonfähig. Zum Glück war das Wasser an der Stelle, wo er abgestürzt war, nicht mehr tief, der Grund aber, ein zäher blauer Lehm, in dem er zuerst mit dem Kopf und dann mit dem ganzen übrigen Körper gewühlt hatte, von erstaunlicher Anhänglichkeit an seine Person gewesen. Überdies blutete er an der linken Hand und auch sein rechter Strumpf zeigte Blutspuren. Der Seidenspitz hatte nicht ohne Erfolg gegen die Art seiner Rettung Widerspruch erhoben. Es war ja jetzt alles gut; aber es war zu komisch, wie der Held des kleinen Abenteuers aussah!

Lasset uns hoffen, daß es ein hysterisches Lachen war, das nach der Aufregung der letzten Minuten Lucinde befiel. Berblinger, der sein rechtes Bein schmerzhaft empfand, hielt es für das Lachen eines Herzens von Stein. Er zog die Jacke an, die ihm eines der Marktweiber reichte, warf sein Ränzchen über und hinkte davon, flußabwärts.

Sie riefen ihm nach; selbst Lucinde rief, aber er ging weiter. Ein Fußweg führte den Berg hinan und verlor sich dann in dichtem Buschwerk. Nach einer halben Stunde setzte er sich unter eine Buche, um nach der Wunde an seinem Bein zu sehen, die noch immer ein wenig blutete. Aber er vergaß dies wieder, dachte an Gretle und weinte bitterlich.


 << zurück weiter >>