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30. Der Türmer

Das Freudenfeuer auf dem Kienlesberg fiel weit nicht so glänzend aus, als der Amtsgerichtsdiener Stöckle erwartet hatte. Es war ein trüber, regnerischer Novembernachmittag; die wirre Masse von Waren aller Art, die man scheiterhaufenartig aufgetürmt hatte, wollte nicht brennen und begnügte sich, einen erstickenden Qualm und Gestank über die Stadt zu breiten, bis die Obrigkeit in strömendem Regen das Zerstörungswerk für beendet erklärte, obgleich noch halbverkohlte Reste von Baumwollzeug, Zucker, Kaffee, Fischbein und sogar etliche Bambusstöcke auf der Brandstätte lagen. Verdorben war indessen alles und somit der Zweck der hohen Politik erfüllt.

Berblinger sah dem Untergang seiner sechs Paar Flügel – das einzige, was tadellos brannte – in dumpfer Wut zu. Sie waren nicht zu retten, denn Stöckle ließ sich kein X für ein U vormachen und wußte aus seinem Notizbuch, woher Bambus, Fischbein und Kaliko stammen. »Wächst alles nur in England!« erklärte er kategorisch. Übrigens hatte er den besonderen Auftrag, den Schneider nicht zu schonen, den man auf diese Weise vielleicht retten könne. Das Bewußtsein, daß ihm die Esel – der arme Mann war verzeihlicherweise bitterböse – den Kopf nicht herunterbrennen konnten, in dem bereits wieder ein neues Flügelpaar heranwuchs, tröstete ihn wenig, denn mit dem Kopf allein war nichts zu machen. Mit seinem hilflosen, fast unerträglichen Grimm im Herzen und ohne zu wissen, wie er nun weiterkommen sollte, fürchtete er sich, in seine leere Werkstatt zurückzukehren. Für das Wirtshaus, wo mancher andre an diesem Abend Zuflucht suchte, um seinen Zorn niederzutrinken oder auszutoben, hatte er kein Geld, auch keine Lust; denn er allein hätte niemand gefunden, der ihn nicht achselzuckend ausgelacht hätte. Selbst der Pestilenziarius und Professor Zeller würden wahrscheinlich nur mitleidig lächeln. So stieg er, wie öfter in jüngster Zeit, langsam und schweren Herzens die dreihunderteinundsiebzig Stufen zur Münsterturmplattform hinauf. Dort oben war wenigstens die Luft noch nicht ganz verpestet.

Es war schon dunkel, als er oben ankam. Eine wilde, stürmische Nacht zog von Osten heran und heulte förmlich in den Fensterchen der Wendeltreppe und um das kühne, frei stehende Stabwerk, das bis zum Kranz hinaufreichte. Der Hilfswächter, der den Dienst versah, wies ihn in das Innere der Wächterwohnung, und Lombard, ruhig und ernst wie immer, bat ihn, in das Hexenstübchen einzutreten. Dies war eine große Ausnahme vom üblichen Empfang. Früher bekam Berblinger das Innere der kleinen Kammer, die im Mund der Hilfswächter diesen unheimlichen Namen führte, nur gelegentlich durch das offene Fenster oder die halbgeöffnete Türe zu sehen.

Lombard hatte den Rauch auf dem Kienlesberg während des Nachmittags von Amts wegen beobachtet und wußte schon, daß auch Berblingers Fischbein und Bambus der genialen (der infamen, sagten einige Böswillige, wenn es niemand hören konnte) Politik des großen Kaisers zum Opfer gefallen waren. Im Gesicht des unglücklichen Schneiders las er, daß nicht bloß Fischbein und Bambus gelitten hatten. Er bat ihn freundlich, sich zu setzen.

Das Stübchen war überfüllt von wunderlichen Geräten, Flaschen und Tiegeln. In der hintersten Ecke stand ein kleiner gemauerter Herd, auf dem ein unruhig loderndes Holzkohlenfeuer brannte, das nicht bloß zum Kochen und Schmelzen, sondern auch zur Heizung und Beleuchtung des Gemachs dienen mochte. Die Ecke war einem offenen Kamin nicht unähnlich, zu dessen rechter Seite ein sichtlich vielbenutzter lederner Armsessel Platz fand, während links ein kleiner dreibeiniger Holzstuhl stand. Auf diesen setzte sich Berblinger, stützte die Ellbogen auf die Knie und begrub sein Gesicht in den Händen: eine Stellung, die ihm neuerdings zur Gewohnheit geworden war.

»Du siehst nicht lustig aus, Brechtle«, sagte der Türmer, »wart einen Augenblick!«

Er goß Wasser in ein Gefäß, erwärmte es über dem Feuer und füllte zwei zinnerne Becher, in die er zuvor eine dunkelrote Flüssigkeit gegossen hatte. Den einen bot er seinem Gast, den andern nahm er selbst zur Hand.

»Du kommst mir gerade recht«, sagte er dabei, »ich habe heute meinen Ulmer Geburtstag zu feiern. Vor – laß einmal sehen –«, er sah auf das schwarzbraune Getäfel, mit dem das Kamin umrahmt war und auf dem rote und weiße waagerechte Striche in unregelmäßiger Reihenfolge eine Art von Leiter darstellten, »heute vor fünfundsiebzig Jahren bin ich zum erstenmal auf euern Münsterturm gestiegen, ungefähr so glücklich, wie du es jetzt bist. Es geht alles vorüber. Stoß an, Schneiderlein. Vivat die Vergänglichkeit!«

Müde lächelnd stieß Berblinger seinen Becher gegen den des alten Mannes, dessen Hand er heute zum erstenmal zittern sah. Der Trunk, ein heißer, feuriger Wein, der nicht in Söflingen gewachsen war, erwärmte ihn bis ins Herz. Er sah den Türmer dankbar an und fühlte wieder, daß er noch nicht am Ende seiner Kräfte angelangt war.

»Mach dir nichts daraus!« sagte Lombard aufmunternd, indem er bedächtig einen weißen Strich unter die Leiter auf der Holztäfelung malte. »Die verbrannten Flügel waren nicht viel wert, und du liegst noch lange nicht am Boden wie dein Freund Ikarus. Wer solche Stunden nicht durchleben kann, darf nichts erfinden; sie gehören zum Beruf. Fliegen?! Warte noch ein Weilchen, drei Wochen, höchstens vier, bis ich mit meinem Pulver völlig im reinen bin; dann sollst du fliegen wie eine Lerche. Kraft brauchst du, Kraft; das ist das ganze Geheimnis. Inzwischen laß die Flügel nicht sinken. Du bist auf dem rechten Weg. Ballon? Lächerlich! Zeig mir einen Vogel, den die Natur an einen Ballon hängt. Dünk dich nicht weiser als der Geist, der spielend die Welt geschaffen hat. Suche weiter, schaffe weiter; auch wenn sie dir die Flügel noch zehnmal verbrennen. Keine Arbeit ist ganz verloren.«

Er rückte näher ans Feuer. Berblinger sah ihm zu, wie er energisch mit dem Schürhaken hantierte, und starrte nicht mehr ganz hoffnungslos in die aufflackernde Lohe. Etwas vom Lebensmut des alten Mannes schien auf ihn überzuspringen. Induktion heißen dies die Elektriker des heutigen Tags. Lombard begann wieder:

»Wir haben eine Nacht vor uns, Brechtle – horch, wie es stürmt? –, die ich nicht verschlafe; in der ich an alte Zeiten zu denken pflege, allein, gottverlassen. Heute sollst du mir durchhelfen. Es wird dir guttun und mir auch. Aber trinke! Man darf nicht zu schwach sein, wenn man hören will, was ich zu erzählen habe. Horch, wie der Wind heult!«

Das Kohlenfeuer brannte jetzt, daß die Flamme hoch aufschlug und Gläser und Retorten in rotem Lichte flackerten, als seien sie lebendig geworden. Ein märchenhaftes, geheimnisvolles Leben schien in dem kleinen Gemach erwacht zu sein, während der fast Hundertjährige Erinnerung an Erinnerung reihte und längst vergangene Zeiten aus dem Reich der Schatten emporstiegen. Er sprach anfänglich leise und langsam, bald aber wurde sein Erzählen lebhafter, bald so stürmisch, daß sich Worte und Bilder überstürzten und Berblinger seinen eignen Kummer in fremdem Leid vergessen hatte, lang ehe der Alte zu Ende war.

»Ihr Plebejer werdet es kaum begreifen«, begann er und drückte plötzlich Berblingers Hand, der ihn verwundert ansah, denn das Wort, das einen andern gekränkt hätte, tropfte an ihm ab wie Wasser an einer Ente, »ihr werdet es nie begreifen, wie die Geschichte der Väter in unser Leben eingreift zu Heil und Unheil, und wie stolz, wie sehnsüchtig, wie ängstlich sie uns macht, wenn wir aus Chroniken, aus Mären und Sagen erfahren, was unsre Voreltern vor Jahrhunderten getan und gelitten haben. Laß mich davon plaudern, auch wenn du mich nicht verstehst.

Meine Familie, die Lombardi, kam in jenen stürmischen Zeiten, in welchen hundert Volksstämme in wilder Verwirrung neue Heimstätten suchten, aus Deutschland und baute sich ein wehrhaftes Haus in einer Seitenschlucht des Etschtals, nicht weit von der Stelle, wo der gewaltige Gebirgsstrom in späteren Zeiten aus dem Bistum von Trient in das Land Venetia tritt. Man nannte das Haus die Casabianca der Longobardi. Auf einer Höhe mitten im waldbedeckten Tale liegen seine Trümmer noch heute, wenn die Trientiner sie nicht gestohlen haben, um ihre Riegelwandhäuschen zu stärken. Es war ein stattlicher Bau, der weiß und gespenstisch durch das wundersame Gewirr von Kastanien und Tannen schimmerte, welches nirgends, weit und breit, in ähnlicher Mischung wie hier gefunden wurde. Das Haus überragte ein gewaltiger Turm, auf dessen flachem Dach man ein kleines Häuschen aufgesetzt hatte. Von dort übersah man das Etschtal meilenweit nach Nord und Süd, was die Lombardi in ältester Zeit wohl fleißig benutzt haben mögen.

Meine Vorfahren waren dem Bischof von Trient lehnspflichtig, aber sie kümmerten sich wenig um den geistlichen Herrn. Es war ein ruheloses Geschlecht, und in der abgelegenen Waldschlucht war nicht viel zu holen, obgleich die große Heerstraße von Deutschland nach Venedig einiges abwarf und die Kaufleute von Nürnberg, Ulm und Augsburg ihren Tribut willig oder unwillig entrichteten, wenn die Herren der Burg zu Haus waren und ihre Zeit nicht verträumten. Das aber war ihre Hauptbeschäftigung, sagten die Nachbarn und auch der Bischof von Trient, der den Zehnten an allem ehrlichen Raub begehrte.

Es lag im deutschen Blut. Aber noch etwas andres lag in ihrem Blut, das mit der Zeit manchen guten und manchen schlimmen Tropfen aus dem schönen Italien aufgesaugt hatte: ein ruheloser Drang, in alle Geheimnisse über und unter der Erde einzudringen, ein fast krankhaftes Streben, zu gebieten, zu herrschen, wo andre kaum zu fragen und zu bitten wagen. ›Wissen ist Macht‹, war in ältester Zeit der Wahlspruch unseres Hauses. Einer der kecksten, der italienischsten meiner Ahnen hatte einen heimlichen Spruch beigefügt, den wir nie unter unser Wappen setzten und den dennoch jeder kannte. War es doch der erste große Gedanke, welchen der Böse dem Menschen einblies: ›Eritis sicut deus.‹

Man liebte sie nicht, die Lombardi von Casabianca. Sie waren anders als andre Leute: keine Trinker, keine Raufbolde, ernst und gemessen, immer an Dinge denkend, die niemand verstand, etwas suchend, das niemand begehrte. Dabei fanden sie von Zeit zu Zeit ein Rezept, verbesserten eine Waffe, fabrizierten ein Geräte, das ein halbes Jahrhundert später von jedermann hoch geschätzt wurde. Es gab Dichter unter ihnen, die in Metall, in Stein und Holz zu dichten schienen: viel närrisches Zeug, manchmal aber auch etwas, das die Welt um einen guten Schritt vorwärtsbrachte. ›Unheimliche Herren!‹ erklärte der Bischof von Trient und schickte einen der besten von ihnen auf eine Bußpilgerfahrt nach Palästina. Auf dem Heimweg erfand er die Windbüchse, das tückische Kriegsgerät, das ohne Knall, ohne ehrlichen Schlag und Stoß seinen Mann aus weiter Ferne zu Boden streckt, worüber sich ältere Rittersleute bitter beklagten. Jahrzehntelang waren die Lombardi mit ihren Büchsen der Schreck von ganz Tirol und Venetia, und der Bischof von Trient schwur, nie mehr einen der Sippe nach Palästina zu schicken. Dann aber, als der Mönch zu Freiburg sein Teufelspulver erfand, tötete sich im Zorn der Enkel des Erfinders der Windbüchse mit seines Großvaters eignem Schießgerät. Ein Dominikaner von Ravenna sagte damals, er habe in einer uralten Chronik gefunden, daß die Lombardi von Casabianca von Tubalkain abstammen, und der Bischof von Trient meinte, sie müßten vom Geschlecht des alten Heiden Prometheus sein und dürften billig an den weißen Turm unsrer Burg angeschmiedet werden. Das wäre keine leichte Aufgabe gewesen, denn sie schweiften unablässig durch die ganze Welt, waren bald in Rom und Florenz, bald im deutschen Reich, dann wieder zu Paris oder gar im nebligen England, überall ihre dunkeln Künste pflegend oder nach neuem Wissen suchend. Nur wenn sie alt wurden, und sie wurden meist steinalt, dank der Elixiere, die sie zu bereiten wußten, kehrten sie in ihr Bergnest zurück und lebten ruhig und verborgen vornehmlich in dem hohen Turm ihrer Feste, bald nach Kaufleuten, bald nach den Sternen ausschauend und mit irgendeinem neuen Wunder der Ars chemica, der Ars physica oder gar der Ars magica beschäftigt.

Trotz der heimlichen Furcht, mit welcher sie überall angesehen waren, fand man sie sonderlich an italienischen und deutschen Höfen in hohen Ehren, hier als Astrologen, dort als Goldmacher, hier im Begriff, den Stein der Weisen aus einer geheimnisvollen Mutterlauge herauskristallisierend, dort Liebestränke oder Lebenselixiere brauend. Selbst der Aberglaube jener Zeit scheute sich, sie der schwarzen Kunst anzuklagen, aber mehr als einer von ihnen streifte die Scheiterhaufen, die für Zauberer und Ketzer aufgebaut wurden, denn niemand glaubte an ihren Christenglauben.

Eine Eigentümlichkeit der Familie darf ich nicht verschweigen. Seit der Zeit des Schwarzen Todes zu Florenz hat kein Lombardi mehr als ein Kind gehabt, immer aber einen Sohn, und durch drei Jahrhunderte hat sich das Geschlecht in dieser gefährlichen Weise erhalten. Die Familienchronik erklärt dies: Zu jener Zeit lebte ein Lombardi am Hof der Este zu Ferrara als Astrologe. Er war mit einer Florentinerin verheiratet, die ihm sieben Söhne geboren hatte, auf welche die Eltern überaus stolz waren. Als die Pest ausbrach, ersann der Vater einen Trank, der jeden vor der schrecklichen Krankheit schützen sollte. Die Leute wollten dies nicht glauben, ebensowenig aber die Arznei am eignen Leib versuchen lassen. Da gab er sie seinen sieben Kindern, und alle starben bis auf den Jüngsten, nicht am Schwarzen Tod, sondern an einer neuen, schmerzlosen Krankheit die man zuvor nie gesehen hatte. Darüber verlor die Mutter den Verstand und verfluchte den Vater und sein ganzes Geschlecht. Nie sollte eine Lombardi mehr als einen Sohn gebären, und wenn je der Himmel den Fluch vergäße, so sollte der Satan das Geschlecht für immer von der Erde tilgen. Man sprach in der Casabianca nicht von dieser Geschichte, aber Tatsache war, daß bis in unsere Zeit die Lombardi immer nur einen Sohn hatten. Mein Vater war der erste, dem der Himmel wieder zwei Söhne schenkte, meinen älteren Bruder Lorenzo und mich.

All das, was unsre Hauschronik erzählt, die ein Vetter von uns, ein Franziskaner zu Trient, begonnen hat, hängt mit dem Aberglauben der alten Zeit so eng zusammen, daß es nicht möglich ist, Wahrheit und Dichtung zu trennen. Wenn ganze Jahrhunderte anfangen, ihre Wahrheiten in Sagen und Märchen umzudichten, dann werden Dichtungen Wahrheit. Wer vermag dann diese Wahrheiten wieder zurückzudichten?

Später wurden die Lombardi Rosenkreuzer und Freimaurer, blieben dabei aber getreue Jünger der verborgenen Wissenschaften. Es war deshalb nicht zu verwundern, daß die Herren der Geistlichkeit nichts von uns wissen wollten und daß das Volk im Etschtal unser Schloß den weißen Hexenturm hieß und uns nichts Gutes zutraute.«

Der Türmer schwieg. Er lauschte auf den Sturm, der immer toller an den kleinen Fenstern rüttelte und sich mit jedem grollenden, weitausholenden Stoß zu drehen schien, so daß die Wetterfahnen auf den vier Ecktürmchen der Wächterwohnung ein Quartett kreischten, das grausig anzuhören war. Dann stand er auf, füllte Berblingers Becher wieder und ging hinaus, um nach seinem Hilfswächter zu sehen. Über den Schneider kam ein wunderliches Gefühl der Wärme in dem engen Stübchen, das jetzt alles Unheimliche verloren hatte. Es war ihm, als ob er im Traum einem Märchen zugehört hätte und mit wohligem Behagen auf die Fortsetzung wartete. Das Heulen des Sturms mahnte ihn wohl an das wilde Leben draußen. Mochte es grollen und stöhnen, kreischen und heulen; hier am traulichen Kaminfeuer fühlte er sich geborgen. Lombard trat mit zerzaustem Bart wieder ein, sagte lächelnd, daß die Stadt noch da sei, setzte sich und fuhr fort:

»Drei Jahre war mein Bruder Lorenzo alt, als ich geboren wurde und meine Mutter starb. Selbst Lorenzo wollte sich erinnern, wie verstört mein Vater monatelang umherging und mit welcher Abneigung er sein jüngstes Söhnchen betrachtete, das munter und gesund heranwuchs, obgleich es nur der Pflege einer Amme anvertraut war, die auch für meinen Bruder zu sorgen hatte. Sie sagten, daß ich ein hübscher Junge gewesen sei, während mein Bruder, wie alle Lombardi seit Menschengedenken, nichts Einnehmendes hatte. So war ich der Liebling von allen im Hause, mit Ausnahme des Vaters, der Lorenzo bevorzugte, wo er nur konnte. Uns Kinder band dieses nicht natürliche Verhältnis, dessen wahren Grund wir nicht ahnten, nur um so fester zusammen. Auch die Einsamkeit in dem abgelegenen Waldschloß, wo uns jeder Umgang mit Jungen unsers Alters fehlte, mochte dazu beitragen, daß selten zwei Kinder in so leidenschaftlicher Zuneigung zueinander heranwuchsen, als mein Bruder und ich.

Der Vater mit seinem scheuen, zurückhaltenden Wesen blieb uns fremd, bis wir, etwas älter geworden, eine heimliche, immer wachsende Neugier und Teilnahme für seine Beschäftigungen empfanden. Er war ein wunderlicher Mann, der nicht wie die früheren Lombardi weite Reisen unternahm und an fremden Höfen seine Künste zu verwerten oder neues Wissen zu sammeln versuchte: daran hinderte ihn der Zustand seiner Gesundheit, deren Pflege mehr als die Hälfte seiner Zeit in Anspruch nahm. Auch mochte dies damit zusammenhängen, daß er nicht müde wurde, nicht nur in den Wäldern und auf den Bergen der Umgegend alle Arten von Kräutern, Wurzeln und Früchten zu sammeln, ihre Säfte auszuziehen und zu destillieren, sondern auch ihre Wirkung am eignen Leib zu versuchen, wodurch er sich oft wochenlang in die übelste Stimmung von Leib und Seele versetzte. Dies hinderte ihn jedoch nicht, sein Leben lang zu suchen und zu forschen, um der Natur ihre Geheimnisse zu entreißen, und während er für die Menschheit zu arbeiten glaubte, mit allen Menschen, die ihn umgaben, auf dem Kriegsfuß zu leben. Selbst seine Kinder hatten dies zu empfinden.

Indessen ließen wir uns hierdurch nicht abschrecken, ihn mit ehrfurchtsvoller Scheu zu beobachten, sammelten Kräuter und Wurzeln wie er – dies war meines Bruders Liebhaberei – oder bauten Maschinchen, wie wir ähnliche in einer gewöhnlich verschlossenen Kammer entdeckt hatten, die von unserm Großvater stammten. Dort hingen auch aus noch älterer Zeit eine ganze Reihe von Windbüchsen, die jetzt kein Mensch mehr gebrauchte, denn auch wir hatten unsre Jagdgewehre und ließen uns Pulver und Blei aus Verona kommen.

Erst nach unsers Vaters Tod bekamen wir durch seine Briefschaften und Manuskripte, die er sorgfältig aufbewahrt hatte, einen richtigen Begriff von seiner umfassenden Tätigkeit. Da waren Schreiben von Philosophen und Naturforschern, von Bischöfen und Ketzern, von Goldmachern und Astrologen; Briefe von Leibniz und Papin, von Newton und Cagliostro. Da waren Abhandlungen über die Natur der Metalle und über den Einfluß der Planeten, über das Wesen der Kraft und die Macht des Geistes über den Stoff, über die Unsterblichkeit und die Präexistenz der Seele. Es war eine Zeit, in der die Menschheit aus einem tiefen Schlaf zu erwachen schien und sich in halber Verwirrung umsah, wo sie war.

Der Vater war trotz seines zurückgezogenen Lebens ein echter Lombardi. Auch er hatte, man könnte sagen: ein Geschick, sich unbeliebt zu machen, und die Einsamkeit steigerte seine Abneigung gegen jeden Umgang. Namentlich betrachtete ihn die Geistlichkeit der Gegend bis zum Bischof von Trient hinauf als ihren ausgesprochenen Feind, und die Casabianca galt bei dem gemeinen Volk des Etschtals für eine Räuberhöhle, in der Zauberei getrieben und alles Unheil gebraut wurde, das über die Gegend hereinbrach, sei es durch Gewitter und Überschwemmungen, sei es durch die Kriegswirren und die unerträglichen Auswüchse des Regiments jener Zeit. Zu unsern erklärtesten Gegnern gehörten die Insassen des nächstgelegenen Edelsitzes, die Herren von Rivarossa, eine Familie, deren Glieder die Sitten und Unsitten des alten Rittertums bis in unsre Tage herein lebendig erhielten und trotzdem nicht unbeliebt waren, denn ihr Wahlspruch war: ›Leben und leben lassen‹.

Ich war einundzwanzig Jahre alt, als unser Vater starb, wahrscheinlich am Genuß eines Kräutersaftes, mit dem er sich lange Zeit beschäftigt hatte und der ihn in einen traumartigen Zustand versetzte, in dem er besonders glücklich zu sein glaubte. Sein Tod änderte unsre damalige Lebensweise nicht wesentlich. Zur Erholung gingen wir auf die Jagd. Ich beschäftigte mich zunächst damit, den Nachlaß meines Vaters zu ordnen, und kam hierbei monatelang nicht aus dem Erstaunen heraus, wie reich das scheinbar einförmige Leben des Verstorbenen gewesen war und von welcher Fülle von Rätseln und Geheimnissen der Mensch umgeben ist, die zu ergründen uns das Rätselhafteste und Geheimnisvollste von allen, der ruhelose Menschengeist, zu treiben scheint, bis er, die höchste Blüte, das Ziel und der Zweck der Schöpfung, als ihr Beherrscher zur Ruhe kommt.«

Des Türmers Augen glänzten. Berblinger sah, daß er einen Gedanken ausgesprochen hatte, der das Innerste dieses sonderbaren Mannes bloßlegte; aber er war nicht imstande, ihm zu folgen. Das Gefühl, zur Beherrschung des Weltalls bestimmt zu sein, lag ihm zur Zeit allzu ferne.

»Schon damals«, fuhr Lombard fort, »hatte mich ein Gedanke erfaßt, der mich durch mein ganzes Leben nicht mehr losließ. Was ist Kraft? In ihr liegt alles, was in diesem unserm Weltall lebt und schafft. Wenn wir sie halten, beherrschen, erzeugen könnten, wären wir Herren über alles Geschaffene. Hier ist eine Aufgabe, wichtiger als Goldmachen oder den Stein der Weisen suchen. Hier liegt das Ziel, nach dem wir streben müssen, um mit einem Male alles zu erringen. Und wenn die dunkle Macht, die hinter allem Geschaffenen steht, uns versagt haben sollte, Kraft zu schaffen, so sollten wir wenigstens imstande sein, sie aus den tausend Formen, in denen sie schlummernd verborgen liegt, hervorzuholen, sie nach unserm Willen zu leiten, zu gebrauchen, zu beherrschen. Das ist den Alten notdürftig gelungen, die das erste Wasserrad in einen Strom stellten; das hat Papin, im Dunkeln tastend, versucht, das keimt und sproßt heute in allen Richtungen. Es ist, als ob ich's mit leiblichen Augen sähe, von welchem Riesenbaum ein künftiges Geschlecht die Früchte der Arbeit dieses Mannes pflücken wird. Aber es sind noch andre Wege denkbar und vielleicht fruchtbringender als der, den Papin und seine Nachfolger einschlugen. Die Spannkraft der Luft in der Windbüchse leistete, was kein Bogenschütze fertigbrachte. Man lächelt über den Windbeutel, seitdem das Schießpulver erfunden wurde. Die Gewalt der Kugel, die aus dem Feuerschlund der Kanone fliegt, hat noch niemand gemessen. Dort liegt Kraft, vor welcher der zischende Wasserdampf oder gar der sanfte Druck der Atmosphäre nicht bestehen kann. Heute noch dient sie in dieser Form nur der Zerstörung, roh und blind, bereit, den eignen Meister niederzuschmettern, wenn er sie zu fesseln sucht. Es muß Wege geben, sie zu bändigen, sie zum Segen anstatt zum Verderben der Menschheit zu zwingen. Ich war zwanzig Jahre alt, als mir in der Waldesstille, an einem murmelnden Bächlein liegend, dieser Gedanke wie ein Blitz durch die Seele schoß. Ich hatte die Aufgabe meines Lebens gefunden.

Noch am Abend vertraute ich meinem Bruder, was mir begegnet war. Solche Gedanken sind wie unerwartete Begegnungen; man weiß nicht, woher sie kommen noch wohin sie führen werden. Toren nennen sie Zufall, weil sie keine Ahnung davon haben, wie der Weltgeist schafft. Mein Bruder nickte lachend, als ob ich ihm nichts Neues brächte: Seit seiner Kindheit habe er ähnliches gedacht. Es sei ein Erbstück der Familie, wie ich schon in den Papieren des Großvaters sehen könne. ›Aber was nutzt das, wenn man nicht versucht, den Gedanken in Taten umzusetzen‹, meinte ich, und fuhr nach Verona, um Proben von allen Arten von Schießpulver aufzukaufen, mit denen ich meine Experimente beginnen wollte. Nun wurde es lauter um unser stilles Waldhaus; es krachte und knallte bald da bald dort. In der Umgegend hieß es, dem Hexenturm sei jetzt nicht mehr nahe zu kommen, er speie leibhaftiges Höllenfeuer. Die Jungen seien schlimmer als der Alte, der wenigstens nur mit Gift und Hexenkraut gewirtschaftet habe. Der Bischof von Trient drohte mit dem kleinen Bann, wenn das sündhafte Geschieße nicht aufhöre, welches das ganze Bistum mit Entsetzen erfülle. Wir lachten und experimentierten weiter, jedoch ohne nennenswerten Erfolg. Die Versuche blieben entweder ganz ohne Wirkung oder kosteten jedesmal den Apparat, mit dem sie gemacht wurden. Lorenzo kehrte zu seinen Kräutern zurück, ich versuchte schon damals eine andre Art von Pulver selbst herzustellen.

In diese Zeit fiel ein scheinbar nichtssagendes Ereignis, das von großer Bedeutung für mich werden sollte. Unsre Nachbarn, die Rivarossas, junge Leute wie wir, aber trinklustig und zu jedem Schabernack aufgelegt, hatten mit einer Truppe ähnlich gesinnter Freunde beschlossen, die herrlichen alten Ritterzeiten, wenn auch nur zum Scherz, wiederaufleben zu lassen. Sie bewaffneten sich zu diesem Zweck mit Rüstzeug aus der Waffenkammer ihres Schlosses und lauerten auf eine Truppe von Kaufleuten, die auf der Reise von Deutschland nach Venedig begriffen waren. Zufällig waren ich und mein Bruder auf der Jagd und in der Nähe der Klamm, in der der tolle, eigentlich nur scherzhaft gemeinte Überfall stattfand. Die Kaufleute, die nur schlecht Italienisch verstanden, nahmen die Sache ernst. Es waren kräftige junge Leute, die nach Art der Deutschen derb zuschlugen, wenn sie zornig wurden, aber es waren ihrer fünf gegen zwölf auf der Seite der Angreifer. Die Prügelei war in vollem Gang, als wir mit vier Jägerburschen dazwischentraten. Die Rivas, die jetzt einen öffentlichen Skandal befürchteten, nahmen Reißaus, und die Deutschen dankten uns lebhaft für ihre Rettung aus der Gewalt gefährlicher Banditen. Einer der Herren hatte in der Tat eine Kopfwunde erhalten, die heftig blutete, so daß wir ihn einladen mußten, mit uns nach Hause zu kommen, während die andern ihre Reise fortsetzten. Es war ein Ulmer namens Baldinger, kein Kaufmann, sondern ein junger Rechtsgelehrter, der nach Padua gehen wollte, um dort, an der alten Quelle, eine Zeitlang römisches Recht zu studieren. Er hatte sich den Kaufleuten angeschlossen, deren Ziel Venedig war. Acht Tage lang war er unser Gast: ein lustiger, lieber Geselle, nur um ein Jahr älter als ich. Es war mir ein noch fremder, köstlicher Genuß, einen derartigen jungen Mann zum Freund zu haben. Daß er so schlecht Italienisch als ich damals Deutsch sprach, war kein Hindernis. Im Gegenteil. Wir fanden durch unsre Mißverständnisse mehr Vergnügen aneinander, als wenn wir uns verstanden hätten.

Als er an seine Abreise dachte, war auch mein Entschluß gefaßt. Ich wollte ihn nach Padua begleiten und mich umsehen, was ich dort in Mathematik und Mechanik, in Physik und Chemie erlernen könnte. Mein Bruder hatte dagegen nichts einzuwenden und geleitete uns bis nach Verona. Dort waren wir zwei Tage lang Gäste von entfernten Verwandten, einer Bologneser Patrizierfamilie, die nach Verona übergesiedelt war. Dort auch sah ich zum erstenmal Frauen unsers Standes, und darunter die Tochter des Hauses, Lucia. Es war wie ein Blitzstrahl.

Ich will sie nicht beschreiben. Ich war einundzwanzig Jahre alt und sie sechzehn; ich hatte fast noch nie ein Mädchen von ihrer Erziehung gesehen, und sie war so schön wie ein Frühlingstag. Und lächeln konnte sie –«

Berblinger stöhnte laut. Der Türmer sah ihn einen Augenblick prüfend an und fuhr fort:

»Nein, ich will sie dir nicht beschreiben. Lebte sie heute noch, so wäre sie zweiundneunzig Jahre alt, aber sie ist schon seit fünfundsiebzig Staub und Asche; da lohnt es sich wohl kaum. Nach zwei Tagen zogen Baldinger und ich weiter. Mein Bruder wollte noch einige Tage bleiben, ehe er nach der Casabianca zurückkehrte.

Es wäre unrecht zu sagen, daß ich in Padua die Zeit vergeudete, wenn auch meine Gedanken unzählige Male nach Verona wanderten. Ich lernte vieles, das auch meinem Vater unbekannt gewesen war. Die Zeit schien mir mit Riesenschritten vorwärtszustreben und auf dem Wege vieles alte nutzlose Gerümpel abzuwerfen, vielleicht zuviel. Wir jungen Leute vermeinten bald nur noch glauben zu dürfen, was wir sehen, hören und greifen konnten, und das war für die meisten von uns mehr als genug. Es schien sich unter unsern Händen zu vertausendfachen. All das zu bezwingen und damit die höchste Spitze menschlichen Wissens und Könnens zu erreichen – war das nicht genügend für ein kurzes Menschenleben? Auch begann ich damals schon mit allem Eifer brieflich die alten Freunde meines Vaters in Italien, Deutschland, Frankreich und England wieder aufzusuchen und mir neue zu gewinnen, wo immer ich von einem berühmten Mann oder einer wichtigen Entdeckung hörte. Es war eine glückliche, hoffnungsfrohe Zeit, diese zwei Jahre in Padua.

Als ich zurückkehrte und klopfenden Herzens unsre Verwandten in Verona aufsuchte, wurde ich freudig von meinem Bruder empfangen, der sich wenige Tage zuvor mit Lucia verlobt hatte. Wieder ein Blitzstrahl. Doch ich vermochte mich zu fassen; die Liebe zu meinem Bruder zählte noch mit. Schwieriger wurde dies schon, als wir acht Tage später gemeinsam nach der Casabianca abreisten. Auch sie hatte mich während dieser Woche wie einen Bruder behandelt. Es war mir manchmal, als ob mir das Herz zerspringen wollte.

Die Hochzeit sollte aus mancherlei Gründen erst in einem Jahr stattfinden. Die Veroneser Verwandten hatten überhaupt nicht leicht ihre Zustimmung zu der Verbindung gegeben, denn man wußte überall, welch eigentümliche Leute die Lombardi von jeher gewesen waren und daß sie alle Kopf und Herz anderswo gehabt hatten als bei den Frauen. Aber Lucia liebte oder glaubte wenigstens meinen Bruder zu lieben, und er ging in seiner Leidenschaft auf; vielleicht nicht so völlig wie ich.

Für mich aber war es ein entsetzliches Jahr. Ob ich in Verona weilte, wo ich fortwährend zu tun zu haben glaubte, ob ich mich in unserm einsamen Waldschloß vergrub – ich fühlte, wie mich von Tag zu Tag die Leidenschaft tiefer in ihre Netze verwickelte. Ich sträubte mich, ich kämpfte gegen die Umgarnung, aber es wurde schlimmer nach jedem Versuch, den Dämon der Liebe abzuschütteln. Ich wollte fliehen, nach Frankreich, nach Deutschland gehen, aber sooft ich's versuchte, war ich wieder auf dem Weg nach Verona. Ich stürzte mich wie wahnsinnig in meine Lieblingsarbeiten, brennende Pulver zusammensetzend, explosive Flüssigkeiten brauend, Versuchsmaschinchen bauend, um sie, sobald sie gebaut waren, mit boshaftem Vergnügen in die Luft fliegen zu sehen; denn nichts schien mir des Tuns und Schaffens wert zu sein, das sich nicht irgendwie auf Lucia bezog. Mein Bruder fühlte, daß zwischen uns eine schwarze Wand aufstieg, und schickte mich selbst nach Verona, wo ich mich aufheitern sollte. Aufheitern!«

Wieder schwieg der Türmer, sichtlich tief erregt. Vielleicht, um sich selbst zu beruhigen, horchte er auf das Heulen des Windes, das noch nicht nachlassen wollte. Dann sagte er, sich zum Lächeln zwingend:

»So hab' ich's noch nicht oft gehört. Wenn der Sturm heute nacht unser Häuschen auf den Münsterplatz hinunterfegte, sollte mich's nicht wundern. Dann könntest du zeigen, wie weit du fliegen kannst. Zuvor aber laß dir erzählen, was ich seit fünfundsiebzig Jahren in mich hineingedrückt habe. Vor einiger Zeit versuchte ich's mit dem Pestilenziarius, allein der gute Mann brach zusammen, ehe ich halb fertig war. Warum ich jetzt dir beichte, was ich eher einem Priester meines alten Glaubens ins Ohr flüstern sollte? Erstlich solltest du erfahren, daß es noch andern Jammer in der Welt gibt als den deinen; das ist ein Freundschaftsdienst, den ich dir erweise. Und zweitens bist du noch ein junges und leidlich unschuldiges Blut und kannst tragen, was einem fast Hundertjährigen zu schwer wird. Das ist's, was ich von dir erwarte. Einmal muß es heraus.

Es war vierzehn Tage vor ihrer Hochzeit. Bei meinem letzten Besuch in Verona glaubte ich bemerkt zu haben – vielleicht war es auch nur mein Wahnsinn, der sich's vorspiegelte –, daß auch Lucia den Tag mit heimlicher Angst heranrücken sah. Wir saßen zusammen auf dem Balkon ihres Hauses, mitten unter Leuten. Sie ließ eine Rose fallen, die sie in ihrem schwarzen Haar getragen hatte, und ich hob sie auf. Unsre Hände berührten sich. ›Behalte sie‹, sagte sie, ›es ist die letzte; es blühen keine mehr.‹ Dabei sah sie mich einen Augenblick an und eine Träne perlte in ihrem Auge. Ich sehe das Auge, ich sehe die Träne heute noch nach fünfundsiebzig Jahren.

Als ich sie verließ, selbst nahe daran zu weinen, glaubte ich sie verstanden zu haben. Allein, was konnten wir tun! Könnte ich Himmel und Erde in die Luft sprengen! war der immer wiederkehrende Gedanke, der mich auf der Heimfahrt unablässig verfolgte.

Drei Tage später war ich mit der Leidenschaftlichkeit an der Arbeit, mit der ich jetzt alles betrieb, um vor mir selbst zu fliehen. Ich hatte eine neue Explosionsmasse zusammengesetzt, von deren Wirkung ich mich durch einen größeren Versuch überzeugen wollte. Nach meinen Berechnungen sollte es ein langsam brennendes Pulver sein, so daß ich eine ernstliche Gefahr nicht befürchtete, wenn das Experiment in meinem feuerfesten Laboratorium auf dem weißen Turm gemacht würde. Trotzdem erschien es mir klug, die Wirkung des Pulvers aus einiger Entfernung zu beobachten. Ich legte deshalb eine Zündschnur an das Häuflein gelben Pulvers, die mindestens fünf Minuten brennen mußte, ehe das Feuer die Masse erreichen konnte, und stieg die Turmtreppe herunter.

Auf den untersten Stufen begegnete ich meinem Bruder, im Begriff hastig hinaufzugehen. ›Wo willst du hin?‹ fragte ich mit stockender Stimme. Die Zunge klebte mir am Gaumen. ›Einen Brief von Lucia holen, den ich in deiner Kammer liegen ließ‹, antwortete er.

Welcher Dämon mich an der Kehle packte, weiß ich nicht. Ob Gott, an den ich nicht mehr glaubte und nie mehr glauben werde, mich und meinen Schutzengel in jenem Augenblick von sich stieß, kann ich nicht sagen. Ich wollte sprechen, so wahr ich lebe, ich wollte sprechen; aber mein Hals war wie von einem Krampf zugeschnürt, meine Zunge lallte etwas, das niemand verstehen konnte. Mein Bruder war an mir vorübergestürmt und sprang mehr, als er ging, halblaut singend die Treppe hinauf.

Ich ging in den Hof hinaus, um nach dem offenen Fenster meines Stübchens zu sehen. Was ich in diesen Minuten empfand, ist nicht zu beschreiben. Angst? – Nein, Reue? – Nein, eine teuflische Hoffnung? – Nein. Ich fühlte mich wie in der Hand einer fremden Macht, der ich nicht entrinnen konnte, willenlos, bereit zu dulden, zu leiden, zu vergehen.

Es dauerte kaum eine Minute. Dann stand plötzlich die Spitze des Turmes in einer Feuergarbe. Ein furchtbarer Knall folgte; Fenster klirrten, Steine und Dachziegel flogen umher, und aus der braungelben Rauchwolke, die jetzt den oberen Teil des Turmes einhüllte, schossen große Flammen in die Höhe. Ich hatte den schrecklichsten Explosionsstoff entdeckt, den bis heute die Welt kennt, aber um welchen Preis!

Natürlich war niemand auf die Katastrophe vorbereitet. Etliche unsrer Leute drangen in den brennenden Turm und brachten, selbst halb erstickt, meinen Bruder herunter, besinnungslos, gräßlich zerrissen, sterbend. Und schon brannte das Dach des Wohnhauses, welches glühende Steine eingeschlagen hatten. Schreiend – mir schien es jubelnd – kamen Leute aus dem Dorf gelaufen, vom Fluch Gottes faselnd, der endlich das Hexennest und seine Insassen getroffen habe. Wer zuerst den Ruf ausstieß, daß ein Bruder den andern in die Luft gesprengt habe, konnte niemand sagen. ›Schlagt ihn tot, schlagt ihn tot!‹ heulte die Bande, ehe sie das brennende Haus erreichte. Ich floh, nicht vor den rohen Gesellen, ich floh wie Kain vor mir selbst.

Wie und wo ich in den nächsten Wochen umherirrte, weiß ich heute noch nicht. Damals verlor ich den letzten Rest von Glauben an einen Gott, der mich so jammervoll verlassen hatte, als es an einem Laut hing, mich zu retten. Rechte nicht mit mir, Berblinger. Wer erlebt hat was ich erlebte, richte zwischen mir und ihm, wenn er ist.

Das Haus meiner Väter brannte bis auf den Grund nieder; keine Hand hatte sich gerührt, der Zerstörung Einhalt zu tun. Vor den Gerichten von Trient, auch vor dem zu Verona, wurde ich des Brudermords angeklagt und die Behörden der Grafschaft Tirol, selbst die von Venetien, der Schweiz und Bayern aufgefordert, nach mir zu fahnden und mich auszuliefern. Ich stahl mich durch bis nach Deutschland. Bei dem Hause der Fugger zu Augsburg hatten die Lombardi einen Teil ihres Vermögens niedergelegt. Es stammte noch aus der Zeit, in der mein Großvater durch Europa reiste und dort sowie auch in Straßburg gewohnt hatte. Mit Mühe und Not gelang es mir, einen kleinen Teil dieses Geldes zu erhalten. Eine größere Summe lag in Straßburg. Das dortige Kaufhaus, an das ich schrieb, war bereit, das Geld auszuhändigen, doch sollte ich es selbst erheben und mich persönlich ausweisen. So kam ich als halber Bettler durch Ulm.

Hier gedachte ich meines Freundes Baldinger –«

»Des Herrn Staatsrats!« rief Berblinger lebhaft. »Das war doch wie eine Fügung Gottes!«

Der Türmer lachte bitter. »Seines Großvaters, Brechtle, seines Großvaters! Du vergißt, wie die Zeit fliegt. Der junge Rechtsgelehrte, der bereits im Kleinen Rat saß, kannte mich kaum mehr; so hatten mich die Ereignisse der jüngsten Zeit verändert, und meine Geschichte, die ich ihm natürlich nicht vollständig mitteilen konnte, klang gar zu romantisch. Doch überzeugte ich ihn schließlich, und er war gastfreundlich bereit, reichlich zurückzuzahlen, was er den Lombardi schuldig zu sein glaubte. Das Gerücht, daß man mich als Brudermörder verfolgte, war auch bis Ulm gedrungen, doch glaubte er mich schützen zu können und riet mir, mich in der freien Reichsstadt eine Zeitlang verborgen zu halten.

An einem der ersten Tage meines Ulmer Aufenthalts führte er mich auf den Münsterturm, um mir die Befestigung und die herrliche Umgebung der Stadt zu zeigen. Das Wächterhäuschen auf der Plattform erinnerte mich so lebhaft an die Turmspitze der Casabianca, daß ich in Tränen ausbrach und ihm sagte, ich wünsche nichts sehnlicher, als mich auf einige Wochen hier oben verbergen zu dürfen. Der gütige Zufall – manchmal ist er ja auch gütig, wie es die alten Götter gewesen sind – wollte es, daß der Türmer wenige Tage zuvor das Bein gebrochen und dienstuntauglich geworden war. Dem Rat Baldinger wurde es leicht, mir die Erlaubnis zu erwirken, mit den Hilfswächtern die luftigen Stübchen zu teilen.

Was soll ich weiter erzählen? Man fand es bedenklich, einem völlig Fremden eine so verantwortungsvolle Stelle anzuvertrauen; allein die Baldinger übernahmen jede Verantwortung, und so wurde ich zuerst auf ein Probejahr als Wächter auf dem Münsterturm angestellt. Dort suchte kein sterblicher Mensch den verlorenen Lombardi von Casabianca; ich hatte nicht einmal nötig, meinen Namen zu ändern.

Wundre dich nicht, daß ich fünfundsiebzig Jahre lang hier oben blieb, ohne daß mich die Lust anwandelte, je wieder in die Welt hinunterzusteigen, die mir zur Qual und zum Ekel geworden war. In den ersten Jahren tat ich ruhig meine Pflicht als Türmer und bemühte mich, so wenig als möglich zu denken. An ein einsames Leben war ich gewöhnt, jetzt war es mir unmöglich, mir ein andres vorzustellen. Hier oben störte mich niemand!

Nach etlichen Jahren begann ich wieder nach den Sternen zu sehen. Hierfür ist mein Posten wie geschaffen. Meinem Freund Baldinger, den ich dringend gebeten hatte, sich nicht weiter um mich zu kümmern und der mir diesen letzten Freundschaftsdienst erwies, war es gelungen, die den Lombardi gehörigen Gelder in Augsburg und Straßburg zu retten und in einem sicheren Hause anzulegen, so daß ich wohlhabender bin, als es je ein Türmer von Ulm gewesen ist. Ob sein Enkel, der Staatsrat, weiß, wer ich bin, und daß ich seinerzeit seinen Großvater aus den Händen falscher Banditen gerettet habe, weiß ich nicht. Es scheint fast, daß es mir gelungen ist, von aller Welt vergessen zu sein, wie ich dies selbst wünschte.

Wieder nach einiger Zeit kam die Lust zurück, mit der ich früher die Probleme der Chemie und Physik verfolgte, und zuletzt, seit etwa dreißig Jahren, der Drang zu suchen und zu erfinden, der im Blut der Lombardi steckt wie in dem der Berblinger. Ein unglücklicher Hang« – der alte Türmer lächelte wieder –, »der uns doch von Zeit zu Zeit unsagbar glücklich macht. Hier oben, hoch über der Erde, kann man sich demselben hingeben, ohne allzu schwer darunter zu leiden, und eins muß uns als Trost für mancherlei Entbehrung dienen: der Gedanke, daß wir für die Menschheit schaffen, das einzige im Weltall, von dem wir wissen, daß es lebt und liebt und leidet. Nur eins müssen wir uns entschlossen abgewöhnen, Lohn und Dankbarkeit ernten zu wollen. Das geben sie dem Erfinder manchmal, wenn er tot ist; dann aber gewöhnlich dem falschen.«

Ein mildes Lächeln spielte um des Türmers Lippen, als ob er die Menschheit bemitleidete, die mit ihren besseren Gefühlen immer an den Falschen gerät. Bedächtig füllte er sein und Berblingers Glas zum drittenmal, und dieser fühlte den wiedererwachenden Mut, wie wenn sich ein frischer Blutstrom durch seine Adern ergösse. Konnte er diesem Mann gegenüber von seinem Jammer sprechen, weil ihm ein paar alte Flügel verbrannt worden waren?

»Nein!« sagte Lombard, als ob er seine Gedanken erriete, »wir haben keine Ursache zu klagen, solange wir das Ziel fest im Auge behalten. Der Soldat, der vor der Batterie fällt, die seine Kameraden im Sturme nehmen, ist nicht zu beklagen. ›Pro patria!‹ ruft der fallende Krieger; ›für die Menschheit!‹ rufen wir, wenn unsre Kräfte zu Ende sind. Ich hab's in fünfundsiebzig Jahren oft genug von meiner Turmwarte in die Welt hinausposaunt, unhörbar für die, denen es nicht galt, eindringlich genug für manchen, der am Verzweifeln war. Denn wir sind hier oben nicht abgeschnitten von der Welt. Von Ägypten bis Schottland, von Moskau bis Lissabon habe ich mir eine kleine Schar von Freunden bewahrt und neue erworben, wenn die alten dahingingen, die mir berichten, wie die Welt fortschreitet. Du erzähltest mir von der Feuermaschine bei Kattowitz, vom geflügelten Ballon deiner Wiener Freunde. Ich wußte von beiden, ehe du den Mund auftatest. Aber ich weiß mehr. Ich sehe, mit welchem Riesenschritt die Menschheit in dieses Jahrhundert eingetreten ist, und ich ahne, wohin er führen muß. Die Quelle der Kraft, die sie in der Erde entdeckt haben, wird aufsteigen wie ein gewaltiger Strom, der die alte Welt überschwemmen wird gleich einer Sintflut, und aus ihr wird eine neue geboren werden, die wir heute kaum zu ahnen vermögen. Soll ich dir die Bilder der Zukunft ausmalen, wie ich sie in stillen Nächten von meinem Münsterturm aus sehe? Es hat keinen Wert, in solchen Phantasien zu schwelgen. Was Wert hat, ist die Arbeit von heute, der nächste Schritt nach dem Schritt, den wir gestern getan haben. So wirst auch du die Flügel bauen, die dich tragen werden, und ich mein Pulver finden, mit dem wir dich durch die Luft schießen werden wie das aus dem Rohr fliegende Geschoß. Nichts bewundern, sagen die Alten. Laß die Alten schwatzen. Nie verzweifeln muß unsre Losung sein. Sie ist zehnmal wahrer und brauchbarer als die alte müde Weisheit, denn in ihr lebt das Leben der Menschheit.«

Jetzt stand Berblinger auf und reichte dem Türmer die Hand.

»Ich danke Ihnen«, sagte er einfach. »Sie haben mir wieder einmal gutgetan, und ich hatte es nötig.«

»Warte!« versetzte Lombard. »Ich habe deinen Besuch vorausgesehen und etwas für dich zurückgestellt. Verhungern dürfen wir uns nicht lassen, und morgen solltest du ein neues Flügelpaar zu bauen anfangen. Nimm Weidenstäbe statt Bambus und in Wachs getränkte Leinwand statt Kaliko. Es gibt hundert Wege, weiterzukommen, wenn einer versagt. Wenn ich mit meinem Pulver im reinen bin, solltest du morgen fliegen. Gib mir noch drei Wochen Zeit.«

»So viel ungefähr brauche ich auch«, sagte Berblinger ernsthaft, indem er sich nach der Türe wandte. Lombard drückte ihm ein kleines Beutelchen und einen Brief in die Hand.

»Das eine für dich, das andre für Herrn Baldinger. Vielleicht erinnert er sich noch, daß sein Großvater mein Freund war. Als kleiner Junge hat er es gewußt.«

»Sie sind mehr als mein Wohltäter, Sie sind mein Retter!« sagte Berblinger bewegt. »Gott behüte Sie, Herr Lombard!«

»Empfiehl mich dem Geist der Menschheit; der muß uns weiterhelfen!« entgegnete der Türmer.

Der Schneider schüttelte den Kopf. Hier trennten sich der Italiener und der Deutsche. Aus tiefstem Herzensgrund dankte dieser Gott für das Beutelchen, als er leichteren Herzens die Wendeltreppe des Münsterturms hinabstieg. Morgen wollte er mit den neuen Flügeln beginnen.

Der Türmer aber wandte sich seinem Herdfeuer zu und murmelte:

»Ob du je fliegen wirst mit deinem Kinderglauben?«


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