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26. Ein Ulmer Fischerstechen

Das neue Geschäft in der Herrenkellergasse ging gut, glänzend für einen Anfänger. Knöppel schüttelte den Kopf, schimpfte sogar. Das war nicht Handwerksgebrauch: ein kaum wochenalter Meister, der mit zwei Gesellen und einem Lehrjungen arbeitete. Der Lehrbub war Bockelhardts Fränzle, einer der Zwillinge; der andre sollte ein Studierter werden, erklärte die Mutter, die ihre letzte Lebenshoffnung auf den Jungen gesetzt hatte. Er sei der durchtriebenste Schlingel in der ganzen unteren Stadt, und wenn er nicht der geschickteste Rechtsgelehrte werde, verstehe sie nichts mehr vom Lauf der Welt.

Bestellungen kamen fast zu reichlich; ›der neue Wiener Schneider‹, das zog. Die Herren vom Adel in der Umgegend, sonderlich die aus Oberschwaben, die nichts mit der Franzosenwirtschaft zu tun haben wollten und doch die Redouten und Offiziersbälle in der Stadt gerne besuchten, ließen bei ihm arbeiten; auch einige der besten bürgerlichen Familien von Ulm. Das verdankte er vor allem seinem Gönner, Herrn von Baldinger. Er wurde der Modeschneider der Altdeutschen, deren Zahl neuerdings zu wachsen schien, obgleich sie sich still verhalten mußten, denn die Franzosen waren nun einmal für unabsehbare Zeiten und von Amts wegen die Wohltäter und Befreier, die Freunde und Herren von Stadt und Land.

Eine Anfrage freute ihn mehr als manches andre, das ihm in diesen Tagen begegnete. Ein Brief auf Foliopapier, mit dem Amtssiegel der Klosterschule zu Blaubeuren, begleitete ein großes Paket und lautete also:

›Ehrsamer Herr Schneidermeister! Da ich vernommen, daß Ihr ein eigenes Geschäft gegründet, und solches in gutem Reput stehet, möcht ich Euch befragen, ob Ihr geneigt wäret, den anbeiliegenden Amtsrock zu wenden. Ich muß allerdings darauf hinweisen, daß derselbe schon im Jahr 1802 das zweitemal gewendet worden, allein das immerhin noch sehr brauchbare und anständige Kleidungsstück ist mir seitdem noch viel lieber geworden, sintemal ich in demselben den größeren Teil meines Werks über das Verhältnis des Gerundii zum wirklichen Participio futuri passivi bei Cicero im Gegensatz zu den nachklassischen Autoren geschrieben. Auch hält meine Frau eine nochmalige sogenannte Wendung nicht nur für möglich, sondern sogar für dringend notwendig. Ich selbst bin der Ansicht, daß, da das Kleidungsstück tatsächlich zweimal gewendet wurde, somit seine ursprüngliche Außenseite zweimal, die Innenseite aber nur einmal der Öffentlichkeit gedient hat, hierin eine gewisse Ungerechtigkeit zu erblicken ist. Deshalb möchte ich die besagte Behandlung so bald als tunlich, jedenfalls aber vor Schluß des Semesters, wegen der damit verbundenen Festlichkeit, exekutiert haben.

Mit Freuden höre ich von der statthabenden Prosperität Eures Geschäfts. Gratulor! Bin aber nicht erstaunt. Denn obgleich Ihr seinerzeit in classicis nur mäßiges ingenium bewiesen, es auch leider, verführt durch Allotria, die ich gerne der Vergessenheit überliefern möchte, an dem nötigen Fleiß habt fehlen lassen, ist es doch augenscheinlich, daß besagte Prosperität ganz wesentlich dem frühzeitigen Studium der Alten und einer auf humaniora basierten Erziehung zuzuschreiben ist, womit ich verbleibe

Euer wohlgewogener früherer Lehrer, neuerdings
Prälat Dr. Gaum.‹

Berblinger erkannte das Kleidungsstück nicht ohne Rührung; es war dasselbe, das er vor sieben Jahren bei Bockelhardt ausgeklopft und aufgetrennt hatte. Er antwortete, daß das Wenden nicht mehr möglich und das Zurücksenden des Rocks kaum der Mühe wert sei. Dagegen wäre er bereit, aus alter Anhänglichkeit und Verehrung achtundvierzig Kreuzer für denselben zu geben, ein Anerbieten, das zuerst entrüstet zurückgewiesen, am folgenden Botentag aber, ›nach wiederholter und eingehender Beratung mit meiner Frau, unter gütiger Mitwirkung der nunmehr in den Ruhestand getretenen Frau Prälat Kleß‹, angenommen wurde.

Der Briefwechsel erinnerte ihn lebhaft daran, daß die alten Blaubeurer Zeiten wieder näher gerückt waren. Er sah sie heute in etwas anderm Licht; sie hatten ihm doch manches auf den Lebensweg mitgegeben, das er ungern entbehrt hätte. So drängte es ihn förmlich, am ersten freien Sonntagabend seinen alten Freund, den jetzigen Professor Zeller, aufzusuchen. Er fand ihn in einem Dachstübchen des Gymnasiums, dessen Bühnenräume dem physikalischen Kabinett der Anstalt eingeräumt waren. Das Zimmer glich dem in Blaubeuren zum Verwechseln; das ›Kabinett‹ war etwas reichhaltiger und verworrener aufgestellt als dort. Der Mann war ganz der alte geblieben: das Fleisch und Bein oder vielmehr nur Bein gewordene Wohlwollen.

Sie fanden sich nach wenigen Minuten auf altem Grund und Boden. Die Schneiderei und alles, was damit zusammenhing, wurde kaum berührt. Zeller erzählte, daß er bei seinen neuesten Untersuchungen über den Goldenen Schnitt auf die überraschendsten geometrischen Beziehungen gestoßen sei, die möglicherweise ein neues Licht auf gewisse Kurven des dritten Grads werfen dürften. Nur schade, daß auch hier in Ulm eigentlich niemand sei, mit dem er seine Freuden und Genüsse teilen könne. Berblinger schilderte seinen Besuch der Feuermaschine bei Kattowitz und seine Begegnung mit Potter, der ihm so recht zum Bewußtsein gebracht habe, mit welch unglaublicher Ausdauer diese genialen Männer, von denen niemand etwas wisse, jahrzehntelang gearbeitet hatten und noch immer arbeiteten, um ein Ziel zu erreichen, das noch Tausende für unerreichbar hielten. Von da, erst schüchtern, dann immer freier seine innersten Herzenswünsche bloßlegend, kam er auf sein altes Lieblingsthema, ohne das fast wehmütige Lächeln zu beachten, mit dem ihm Zeller zuhörte.

»Es muß gehen!« rief er, als bewegte ihn der Glaube, der Berge versetzt. »Wenn man heute Kohle in Kraft verwandelt – bedenken Sie nur! Sehen Sie sich ein Stückchen des toten schwarzen Steins an, und stellen Sie sich vor, daß man daraus Kraft macht, daß uns die Natur nirgends ein Beispiel dieser beispiellosen Umwandlung einer toten Masse in ein fast lebendiges Wesen zeigt und wir es doch fertiggebracht haben und Gott weiß was noch daraus machen werden. Allerdings nach Jahren des Sinnens und Schaffens, des Suchens und Versuchens, des Mißlingens und Gelingens –«

»Nach anderthalb Jahrhunderten«, verbesserte Zeller trocken.

»Und mehr!« gab Berblinger eifrig zu. »Aber was will das sagen? Hat die Menschheit nicht Jahrtausende vor sich? Ja; der Gedanke hat manchen aufgezehrt mit Haut und Haar. Aber heute ist er Wirklichkeit geworden und wird weiterwirken wie das Feuer, in dem er schafft; das spür' ich in allen Gliedern. Doch das ist's nicht, was mich umtreibt. Fliegen! Was jeder Vogel vor unsere Augen lernt und übt – es muß gehen!,‹

»Vielleicht nach einem Jahrhundert, vielleicht nach zwei«, wiederholte der Professor mit beschwichtigender Sanftmut. »Schuster, bleib bei deinem Leisten! Gott, der die Vögel gemacht hat, hat auch die Menschen geschaffen, jedes nach seiner Art. Darüber kommst du nicht so leicht weg, Brechtle. Ich wollt', ich könnte dich wieder für den Goldenen Schnitt begeistern, das ist harmloser.«

»Und nutzloser«, fiel Berblinger ein, dem das Feuer seiner Jahre in den Kopf stieg, stammelte aber gleich darauf Entschuldigungen. Er habe nichts gegen Dinge sagen wollen, die er nicht verstehe. Mit dem Schuster sei es ja auch nicht so bestellt, wie es das Sprichwort andeute. Ein Mönch habe das Pulver erfunden, und der Heiland der Welt sei ein Zimmermann gewesen und ein Jude dazu.

»Laß den aus dem Spiel, Brechtle!« sagte Zeller ernst. »Das verstehen wir beide nicht.«

»Gut!« versetzte der junge Meister nachdenklicher. »Aber Sie werden mir nicht verbieten, über das Problem nachzudenken. Mir ist oft zumut, als müßte es die Menschen erlösen, freier machen, von der Erde frei. Das lohnte sich.«

»Phantast!« lächelte der Professor. »So wenig als die Feuermaschine, die für uns arbeitet, der Menschheit die Last der Arbeit abnehmen wird. Auf die Erde kommst du immer wieder herunter, selbst wenn du flattern lernen solltest. Laß den Vorwitz!‹,

»Jedenfalls sollen Sie wissen, wie weit und wie hoch ich komme«, sagte Berblinger, energisch den Kopf schüttelnd. »Darf ich Sie wieder besuchen?«

»Sooft du willst. Selbst wenn du einmal hier oben an mein Fenster klopfen solltest im Vorbeifliegen, will ich dir auftun und dann bekennen, daß wir Professoren alte Esel sind. Ich hatte uns schon öfter im Verdacht, und ich glaube, du weißt es.«

Sie trennten sich lachend, wie gute Freunde, die sie waren. Zeller war einer von denen, welchen es völlig gleichgültig ist, ob sie einen Schneider oder einen Oberkonsistorialrat vor sich haben. Manchmal, zum Beispiel angesichts des Flugproblems oder irgendeiner andere neuen Idee, ist es auch ohne Bedeutung. Denn durch das Dunkel der Zukunft tappen alle Menschen mit ungefähr der gleichen Unsicherheit.

 

Weniger harmlos und immer häufiger wurden einige Wochen später die Besuche, die Berblinger auf den Münsterturm führten. Schon der erste, den er allzu leichten Sinns um Mitternacht in den ersten Stunden seiner jungen Meisterschaft unternahm, hatte einen tiefen Eindruck auf ihn gemacht. Die fast magnetische Anziehung, die der Turmwart schon auf den Jungen ausgeübt hatte, war nicht schwächer geworden. – Er fand damals Lombard nicht, wie erwartet, auf der Plattform nach den Sternen oder nach der Stadt ausschauend, sondern in seinem Stübchen, wach und munter genug, über brodelnde Töpfe und Retorten gebeugt, wie es ein Alchimist vor hundert Jahren nicht eifriger hätte tun können. Der alte Herr ging gebückter als früher und ein unruhiges Feuer flackerte in seinen Augen, das Berblinger zuvor nie bemerkt hatte. Aber auch er schien erfreut, seinen jungen Freund wiederzusehen, ohne sich für dessen Reiseberichte und selbst für die Feuermaschine bei Kattowitz so lebhaft zu interessieren wie Professor Zeller.

»Das ist groß und schön«, sagte er fast gleichgültig, »aber sie werden nicht weit damit kommen. Es ist das alles viel zu plump und schwer, gut genug für die Engländer und auch für den Rest der Welt auf einige Zeit. Wir müssen weiter kommen, höher hinauf, und ich sehe den Weg, ich bin ihm so nah, daß ich jeden Abend fühle, am Morgen mein Heureka rufen zu können.«

»Sie sind noch immer an Ihrem Pulver?« fragte Berblinger.

»Es scheinen Tropfen zu werden«, flüsterte der Alte. »Doch das ist nur das Mittel, das ich suche. In Wirklichkeit suche ich Kraft; Kraft, feiner, konzentrierter, gewaltiger als die, die in der Kohle steckt. Etwas von dem, das die Kanonenkugel schleudert, wie sie kein Dampf zu schleudern vermag. Die Maschine hierfür könnte ich dir zeigen. Jede Klinke, jede Schraube ist durchdacht; sie braucht nur ausgeführt zu werden; ein Ding zehnmal kleiner als die Feuermaschine und zehnmal kraftvoller. Das einzige, was noch fehlt, ist das richtige Pulver, die explosive Flüssigkeit, es mag selbst eine Luftart sein, die langsamer und doch mit der Gewalt brennt, welche dem Mönch in Freiburg den Stöpsel seines Mörsers aus der Hand schlug. Das muß gefunden werden. – Wie hat es Berthold Schwarz fertig gebracht? Gemischt, gemischt, jahrelang, jahrzehntelang, bald dies, bald jenes, bis ihm das Gefäß unter den Händen zersprang. Die Natur gibt dem Menschen nichts umsonst, aber sie hat ihm alles zu geben, denn sie ist grenzenlos. Nur wenn es sich um etwas handelt, das aus dem Wesen aller Dinge unmittelbar hervorging, wie die Kraft, bewahrt und behütet sie ihre Geheimnisse mit ängstlicher Scheu. Was darüber wacht, ist nichts Körperliches; es ist die Welt des Geistes, die wir nur ahnen können. Die Alten wußten mehr davon. Inder und Ägypter sind durch die düstere Pforte eingedrungen, gegen die wir mit ohnmächtigen Fäusten schlagen. Der Mensch aber gibt sich selbst auf, der die Hoffnung sinken läßt. Mischen, mischen! Bis uns früher oder später der Geist die Hand führt, die zur Kraft sprach: Werde! – Du träumst vom Fliegen, Berblinger. Sei getrost, du wirst fliegen, sobald ich am Ziel bin. Was wir brauchen, ist Kraft: die Kraft, die die Natur in die Vogelschwinge gelegt hat, die in einer Nußschale liegen und Berge in die Luft schleudern kann. Die Natur muß sie uns ausliefern, geht's nicht im Guten, geht's mit dem Bösen. Ich bin entschlossen, das Äußerste zu wagen, und der Hölle abzutrotzen, was uns der Himmel versagt. Denn was ich will, ist gut. Was haben nicht andre auf diesem Weg schon gewagt? Des endlichen Siegs sind wir gewiß, denn nicht zu eitlem Spiel hat uns der Herr des Weltalls zum Herrn dieser Erde gemacht.«

Fast jeder Besuch beim Türmer schloß mit Auslassungen ähnlicher Art, die immer geheimnisvoller und drohender wurden. Manchmal klangen sie wie sinnlose Beschwörungen, wobei Lombard mehr mit sich selbst als mit seinem Gast zu sprechen schien, während die beiden Hilfswächter, halb lachend, halb schaudernd, auf der andere Seite des Häuschens lauschten. Der alte Mann war dann sichtlich nicht mehr ganz bei Sinnen und vermengte in wunderlicher Weise die Ehrfurcht und den Aberglauben vergangener Jahrhunderte mit dem Unglauben und der Rebellion der Gegenwart.

In ruhigeren Stunden ging er gerne auf Berblingers Pläne ein, ermahnte ihn, wenn er später einmal Ernst machen sollte, auszuharren und vor dem Schicksal eines Erfinders, zu dem sie beide berufen seien, nicht zu erschrecken. »Nicht nach rechts, nicht nach links sehen, alles verachten, was uns verachtet, das muß auch deine Losung werden«, mahnte er. »Hunger und Durst, Gefahren, von denen niemand etwas weiß, Entbehrungen jeder Art zählen nicht. Dafür lohnt uns die Freude des Schaffens entlang dem rauhen Weg, den wir gehen müssen. Wem diese Freude nicht genügt, der sollte ihn nie betreten. Denn die Früchte, die am Ziele winken, gehören der Welt, nicht dem Erfinder.«

Berblinger kam jetzt selten mehr vom Turm herab, ohne mit frischem Mut an die Gedankenarbeit zu gehen, die ihn Tag und Nacht umzutreiben begann. Stundenlang ließ er dem Nachsinnen, das ein halbes Träumen war, freien Lauf, während die Nadel wie von selbst durch das Zeug auf und nieder tanzte und mit größerer Regelmäßigkeit, als wenn er sie aufmerksam verfolgt hätte, den Nähten entlang ihre einförmige Arbeit verrichtete.

So gewöhnte er sich nach und nach an manches Wunderliche, das er in und um das Wächterhäuschen auf dem Münsterturm zu hören und zu sehen bekam. Den Leuten unten in der Stadt war es allerdings kaum zu verübeln, wenn sie sich zuraunten, daß es mit dem alten Lombard nicht mehr ganz geheuer sei und die hohe Geistlichkeit wohl etwas sorgfältiger danach fragen dürfte, was auf der Spitze ihres Münsters vor sich gehe. Zu einem ehrlichen Gewerbe habe ja allerdings der Türmer nie gehört, aber alles habe seine Grenzen, und der neue Wiener Meister hätte es auch nicht nötig, alle ander Tag, Gott mag wissen wozu, hinaufzuklettern. Das sei zum mindesten ungehörig und nicht wegzulachen.

Bei einem seiner letzten Besuche, der ihn wieder einmal zu ungewöhnlich später Nachtstunde auf den Turm führte, packte ihn selbst ein jäher Schrecken. Es war eine klare Sternennacht; am Horizont zeigte sich die gespenstige Helle, der Vorbote des Mondaufgangs; von der Stadt in ihrem nächtlichen Dunst war kaum ein Giebel zu sehen. Die Fensterchen der Wächterwohnung waren dunkel, von der östlichen Seite der Plattform her rötete ein Lichtschimmer die phantastischen Füllungen des Gesimses. Berblinger bog um die Ecke. Da lag Lombard auf den Knien. Vor ihm, umgeben von drei brennenden Kerzen, stand ein Schädel, vor diesem ein aufgeschlagenes großes Buch. Der alte Mann schien zu beten, und Berblinger verstand die paar Worte, die er mit zitternder Stimme murmelte.

»Kraft! Geister der Erde und der Luft, des Feuers und des Wassers, gebt uns eure Kraft! Seid untertan dem Menschen, der euer Herr ist; gebt uns Kraft! Ihr vom Feuer und vom Wasser gabt sie uns, nicht willig, nicht völlig, aber ihr habt gegeben. Ihr unter der Erde und in der Luft, zögert nicht länger! Heraus mit eurer Kraft im Namen eures Schöpfers, des Dreieinigen!«

Er hatte sich tief über das Buch gebeugt. Erst als er sich aufrichtete, sah er Berblinger und erschrak heftig. Rasch sich erhebend, fegte er mit einem Schwung seines altertümlichen Talars die erlöschenden drei Kerzen über den Haufen. Dann begrüßte er seinen Gast, der nicht zu fragen wagte, was das grausige Spiel zu bedeuten habe, mit sichtlicher Verlegenheit. Aber kein trauliches Gespräch, wie es sonst der Fall war, wollte diesmal in Gang kommen, so daß sich Berblinger bälder als gewöhnlich verabschiedete und unruhigen Geistes die Treppen hinabstieg. War das der Freidenker, der ihn zu andern Stunden und in anderen Sinne schon ebensosehr erschreckt hatte? War sein unheimlicher Freund im Begriff irrsinnig zu werden, oder kamen die alten Geister wirklich über ihn, mit denen man im Jahrhundert der Aufklärung schon längst aufgeräumt hatte?

 

Manchmal hatte der Türmer auch Tage, an denen er sich mit lebhafter Anteilnahme erzählen ließ, was drunten in der Welt vorging. Dann konnte Berblinger, sicher auf der einsamen Höhe, seinem Franzosenhaß die Zügel schießen lassen; Lombard schien ihn zu verstehen und lächelte dazu. Es werde immer trostloser, meinte der Jüngere. Um so besser, versetzte der Ältere, dann wird es rascher vorübergehen. Es sah jedoch vorläufig nicht danach aus; die Schlacht von Wagram hatte wieder alle Hoffnungen vernichtet, und das Schlimmste waren die eignen Landsleute. Auch die Ulmer mußten eine Siegesfeier abhalten und taten es mit Glockenläuten und Festpredigten. Im ehrwürdigen alten Münster wurde dem Höchsten für das Glück gedankt, das er in seiner unerforschlichen Gnade wiederum den Waffen des großen Kaisers zugewendet habe. Mit dem einzigen Wort ›unerforschlich‹ wagte der Prediger anzudeuten, wie ihm zumute war. Mutiger war schon der allerdings betrunkene geistliche Schuster im Mesnerstübchen, der behauptete, noch nie sei der alte Münsterturm nach Sonnenuntergang so rot geworden wie an diesem Tag. Nüchternere Leute begannen da und dort zu denken wie er. Dann, am 28. Oktober, zwei Wochen nach dem Friedensschluß von Wien, wurde derselbe mit Trompeten- und Paukenschall auf dem Münsterplatz, vor dem Rathaus und auf dem Weinhof verkündigt, und am folgenden Tag abends zehn Uhr durfte man Napoleon selbst mit Glockengeläute und Kanonendonner in Ulm empfangen. Die Herbel- und Frauengasse waren festlich beleuchtet, Schwarzmanns Haus strahlte heller als alle andern, während das Baldingersche kein Licht zeigte. Der wackere, sonst so festlustige Staatsrat hatte sich selbst vierundzwanzig Stunden Stubenarrest gegeben, auf die Gefahr hin, arretiert und füsiliert zu werden. Allerdings konnte er es nicht verhindern, daß sein schönes Töchterlein eifrig an den Festlichkeiten teilnahm, die die Stadt veranstalten zu müssen glaubte.

Von besonderem Eifer zeigte sich der Herr Vetter, der Rat Schwarzmann, der schon vor vierzehn Tagen – so lange hatte man die Durchfahrt Seiner Majestät erwartet – bei der Polizeidirektion um die Erlaubnis nachgesucht hatte, zu Ehren der Friedensfeier und der Anwesenheit des Kaisers ein Fischerstechen abhalten zu dürfen, welch löbliche Absicht nicht nur von den Behörden, sondern auch von der ganzen Bevölkerung freudig begrüßt wurde. Denn zu Festlichkeiten jeder Art waren die Ulmer stets bereit, ohne allzu peinlich nach deren Grund und Bedeutung zu fragen. Als der königliche Generalkommissar Baron von Gravenreuth, bei dem der Kaiser Quartier genommen, Seine Majestät von diesem Vorhaben in Kenntnis setzte und die Bitte wagte, Allerhöchstdieselben möchten die Abreise um sechs Stunden zu verschieben geruhen, um dieses altertümliche und kuriöse Turnier der ehrsamen Schifferzunft anzusehen, lehnte die Majestät es zwar ab, Höchstihre Reisepläne zu ändern, soll aber trotzdem laut gelacht haben, was allseitig als ein Zeichen hoher Gnade den besten Eindruck machte. – Es waren böse Zeiten!

Ihr Fischerstechen ließen sich die Ulmer jedoch nicht nehmen, da ohnedem der traurigen Zeitverhältnisse wegen seit fünf Jahren keines mehr stattgefunden hatte und die Vorbereitungen schon seit vierzehn Tagen in vollem Gang gewesen waren. Die alten Anzüge, in denen teilweise Väter und Großväter gestochen hatten, wurden hervorgesucht, ausgebessert und aufgebügelt, Kähne hergerichtet und geschmückt. Die Weißfischer hielten Ruder- und Sangproben ab. Am Fuß der geschleiften Bastion Lauseck, die den immerhin anständigeren Namen Luginsland erhalten und in eine Wirtschaft umgewandelt worden war, wurde eine Tribüne errichtet und der Hügel mit Bänken bedeckt; oberhalb des Kampfplatzes ließ der Magistrat eine Schiffbrücke über die Donau schlagen. Die untere Grenze wurde durch ein über den Fluß gespanntes Seil bezeichnet, an dem nach uraltem Brauch ungefähr in der Mitte des Stroms drei Gänse an den Füßen aufgehängt waren, die eine wesentliche, allerdings peinliche Rolle bei der Festlichkeit zu spielen hatten.

Kaum war gegen zehn Uhr morgens das Glockengeläute und der Kanonendonner verstummt, die dem abfahrenden Kaiser das Geleite gegeben hatten, so begannen sich die Schiffer und Weißfischer mit ihren ›Kirchweihjungfern‹ in der Zunftherberge, der ›Sonne‹ am Herbeltor, zu versammeln und die Feier mit einem kräftigen Trunk und Imbiß zu eröffnen. Währenddessen ging der ›Kollektionszug‹ durch die Stadt. Er bestand aus zwei Trommlern und einer Anzahl verkleideter Fischerknechte, Bauer und Bäuerin, ›Narren‹ und Mohren darstellend, die den ›Haupt- und Festspeer‹ umgaben und die anschwellende Volksmenge mit derben Witzen und tollen Sprüngen unterhielten, in Brunnen hüpfend, Mädchen küssend, ehrbare Bürger mit Pritschen daran erinnernd, daß es Zeit sei, in die Tasche zu greifen und die tapferen Schiffer mit einer Ehrengabe zu bedenken. Der Hauptzweck des Umzugs war, an jedem wohlhabenden Hause zu klopfen und in nicht allzu höflicher Form um Beiträge für das Stechen zu bitten. Münzen, Würste, Eßwaren aller Art, Gegenstände der scheinbar ungeeignetsten Gattung: eine Trompete, ein Becher, ein Regenschirm, ein Paar Strümpfe wurden mit Dank angenommen und unter dem Jubel der Gassenjungen an dem Hauptspeer aufgehängt, der zu diesem Zweck mit Querstäben versehen ist. Was nicht aufgehängt werden konnte, blieb nicht zurück.

Um zwei Uhr hatte das Einsammeln der Festgaben ein Ende. Vor der ›Sonne‹ ordnete sich der Festzug, voran Trommler und Musikanten, denen sich die Kirchweihjungfern anschlossen, festlich gekleidete Schiffer- und Fischermädchen, jede mit einer Zitrone in der Hand. Diesen folgten die Narren mit Masken in toller Karnevalslaune, den reichbeladenen Hauptspeer tragend. Den Schluß bildeten in ernster würdiger Haltung, durchaus in Weiß gekleidet, mit federgeschmückten hohen Filzhüten die Weißfischer, voran die mit Speeren bewaffneten, hinter ihnen andre, Ruder schulternd.

Am Donauufer angelangt, fand der Zug den Festplatz bereits überfüllt. Kopf an Kopf bedeckte die Menge den jäh ansteigenden Hügel der alten Bastei, Mann an Mann die gefährlich schwankende Schiffbrücke. Ganz Ulm hatte sich hier zusammengedrängt. Das jenseitige, flachere Ufer säumten die aus der Umgegend herbeigeströmten Landleute des früheren Ulmer Gebiets, die sich seit einer Stunde an dem Geflatter und Geschnatter der aufgehängten Gänse erfreuten, welche bewiesen, daß das Stechen wieder einmal in alter Pracht und Herrlichkeit vor sich gehen sollte. Auch auf der Festtribüne wurde der Zug schon seit einiger Zeit erwartet. Dort hatten sich die Spitzen der Gesellschaft, die höheren Beamten des Staats und der Stadt und sämtliche hohen Offiziere der Garnison versammelt, zwischen denen sich die Zunftmeister in ihren schwarzen Sonntagsröcken etwas unbehaglich bewegten. Auch an schönen Frauen fehlte es nicht. In der Mitte saß die Schönste der Stadt, Lucinde von Baldinger, rechts und links von ihr die beiden Töchter des Obermeisters der Schifferzunft; dieser selbst stand in seiner dreifachen Würde als Rat, Zunftmeister und Festleiter auf der linken Ecke der Tribüne, von wo aus er mit schallender Stimme seine Befehle erteilte. Am Fuß dieses Aufbaues lagen Kahn an Kahn, die, nachdem die Ordnung der Kämpfer durch das Los oder ebensooft durch gegenseitige Verständigung bestimmt worden war, von den Weißfischern bemannt wurden, während auf dem großen, festlich geschmückten ›Kirchweihschiff‹ die Kirchweihjungfern Platz nahmen und mit der Hälfte der Kähne nach dem entgegengesetzten rechten Ufer des Flusses übergesetzt wurden.

Nun konnte das Stechen beginnen. Auf ein Trompetensignal stießen gleichzeitig zwei Boote von den beiden Ufern ab, jedes von drei Weißfischern mit aller Kraft gerudert. Am Hinterteil des Nachens, auf einem etwas erhöhten schmalen Brett, steht der Kämpfer mit aufgerichtetem Speer. Die Waffe ist eine lange Stange, deren Spitze ein rundes Brettchen bildet, während ein Querholz am untere Ende dazu dient, sie fest gegen die Brust zu stemmen. Wenige Sekunden vor der Begegnung der Kähne, die so nah als möglich aneinander vorbeizufahren suchen, legen die Kämpfer ihre Lanzen ein und stoßen möglichst mitten auf die Brust des Gegners. Einer derselben stürzt fast unfehlbar rücklings oder seitwärts in den Strom, manchmal tun dies beide, während die Nachen aneinander vorbei schießen und sich dann wenden, um den verloren gegangenen Wasserhelden wieder aufzufischen. Hat sich derselbe nach Ansicht der Ruderer schlecht gehalten, so wird er von diesen, während sie ihn über den Rand des Boots ziehen, zum Entzücken der Zuschauer in väterlicher Weise bestraft. Die trocken gebliebenen Sieger, kurzweg die Trockenen genannt, erhielten in früheren Zeiten die am Hauptspeer aufgehängten Preise. Später wurden dieselben verlost, da nur auf diese Weise blutige Nachspiele des Festes verhindert werden konnten. Wem unter den Trockenen Mut und Lust noch nicht vergangen war, der durfte mit seinesgleichen um die höchste Ehre und Auszeichnung kämpfen, und wer aus diesem Kampf als letzter trocken hervorgegangen war, empfing den goldenen oder richtiger vergoldeten Speer, welcher neben der Festkönigin aufgepflanzt war.

Alles war jetzt bereit und wartete in unruhiger Spannung auf den ersten Gang. Die Damen, der königliche Generalkommissar, der Bürgermeister und etliche Generale nahmen Platz. Fräulein von Baldinger erhob sich strahlend vor Vergnügen und stützte sich wie eine Walküre auf ihren goldenen Speer. Unter den Tausenden, die den Abhang bis hinauf zum Luginsland in eine Pyramide aus Köpfen verwandelten, wenige Schritte von der Tribüne und so daß er der schönen Festkönigin voll ins Gesicht sehen konnte, stand auch Berblinger. Wurde doch heute in keiner Werkstatt gearbeitet; auch wußte er schon seit vierzehn Tagen, wer an diesem Ehrenplatz glänzen sollte, obgleich ihr Vater nicht zur Zunft gehörte. Aber vor der Schönheit beugten sich auch die Schiffer, trotz des lebhaften Widerspruchs ihrer Frauen und Töchter.

Schwarzmann winkte mit einer kleinen roten Flagge, die Musikanten bliesen eine lustige Fanfare, und die beiden Trommler schlugen auf ihren altertümlichen riesenhaften Kübeln einen langgedehnten, schwellenden Wirbel, während gleichzeitig von beiden Ufern die ersten zwei Boote abstießen. Die lebhafte Strömung riß sie rasch stromabwärts, und es gehörte keine kleine Geschicklichkeit dazu, sie in richtiger Entfernung aneinander vorüberzurudern; doch die drei Weißfischer in jedem Nachen verstanden ihren Fluß und ihre Aufgabe. Auf dem Hinterteil des einen Kahns stand ein Bauer in altschwäbischer Tracht, auf dem andern eine Bäuerin. Noch zehn Schritte voneinander entfernt senkten sie die Speere, die Bäuerin mit allen Zeichen der Entschlossenheit, der Bauer zaghaft, wie nach Hilfe umschauend. In diesem Augenblick hörte das Wirbeln der Trommeln auf, im nächsten erreichten beide Stangen ihr Ziel. Die Bäuerin schwankte, in Gefahr vorwärts zu stürzen, faßte sich aber wieder, indem sie blitzschnell ihren Speer als Stütze aufsetzte. Der Bauer bog sich rückwärts, versuchte, den Speer wegwerfend, sich aufzurichten, trat fehl, stürzte kopfüber ins Wasser und trieb, wild um sich schlagend, flußabwärts. Unter brausendem Jubel wurde der Mann in der Nähe des Seils, an dem die Gänse hingen, erreicht, an Bord gezogen und unter schallendem Gelächter von seinen Ruderern verhauen, während die Bäuerin, sich stolz auf den erhobenen Speer stützend, unter der Tribüne landete und vor dem Zunftmeister und der Festkönigin höflich nickte. Lucinde band von dem neben ihr stehenden reichbeladenen Hauptspeer ein Paar rote Strümpfe ab und überreichte sie der Siegerin, die sie mit züchtigem Erröten und nach allen Seiten dankend unter den wohlgepanzerten Brustlatz schob. Daß die dralle Bäuerin im Privatleben ein junger kräftiger Schiffer gewesen, blieb den Kirchweihjungfern kein Geheimnis.

Aber schon stießen die nächsten Kähne vom Land, indem sie zwei pechschwarze Mohren in den Kampf führten. Beim ersten Gang fuhren sie aneinander vorüber, ohne sich zu treffen, beim zweiten fielen beide ins Wasser, aus dem sie als über die Maßen schmutzige Weiße herausgefischt wurden. In rascher Folge spielte sich die Fortsetzung des feuchten Turniers ab, immer aufs neue stürmische Salven von Gelächter entfesselnd. Den Mohren folgten zwei Türken unter riesigen Turbanen, die der reißende Strom entführte, so daß sie erst bei Günzburg an einem überhängenden Gebüsch gerettet werden konnten. Dann kamen zwei Tiroler, die lebhaft beklatscht, aber nicht belacht wurden, so daß ein leiser Schatten über die Züge des königlich-bayrischen Generallandeskommissars von Schwaben flog, denn der Aufruhr der Tiroler war noch nicht ganz erloschen und hatte in Ulm heimliche Freunde in Menge. Diesen folgte zum Glück wieder etwas Erheiterndes: ein Herr und eine Dame der kaum dahingegangenen Zopfzeit. Wie rasch werden doch dem unehrerbietigen Menschengeschlecht die eignen Väter lächerlich! Beide schrien gleichzeitig jämmerlich um Hilfe, wobei namentlich die Dame in dem sie rettenden Reifrock stürmische Heiterkeit erregte. Nach diesen kam ein Schulmeister, den der ihn bekämpfende Schuljunge ohne Schwierigkeit über Bord warf. Auf die Tragödie, die ein schwäbischer Straßenräuber und ein italienischer Bandit aufführten, folgte wieder eine Glanznummer: der Ulmer Spatz, mit einem gelben Speer bewaffnet, der seinen Strohhalm vorstellen sollte, bekämpfte den Münsterstorch, welcher, ehe er zum Kampf schreiten konnte, ein kleines Wickelkind weglegen mußte. Natürlich siegte der leichtfertige Spatz und krähte wie ein Hahn über den besiegten Familienvogel.

Den Schluß der Maskerade bildete ein Paar, das sichtlich ernster genommen werden wollte: zwei Ritter mit geschlossenem Visier, der eine in weißer, der andre in schwarzer Rüstung. Auch die Ruderer schienen von besonderem Schlag; die Nachen flogen wie Pfeile gegeneinander. Beim ersten Gang streiften sich die Kämpfer nur leicht, und es fehlte wenig, so wäre der weiße Ritter vornüber ins eigne Boot gestürzt; auch beim zweiten glitten die Speere von den Blechpanzern ab. Beide schwankten und machten wunderliche Bewegungen, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren, keiner aber fiel über Bord. Erst beim dritten Gang stürzte der schwarze Ritter wohlgetroffen nach rückwärts und wurde ohne die übliche Bestrafung triefend und traurig nach dem jenseitigen Ufer gefahren, während der andre jetzt mit offenem Visier vor Lucinde trat, die ihm mit ihrem berückenden Lächeln einen niedlichen Zinnbecher überreichte. Es war Hans Schwarzmann, der seine Ritterrüstung mit wirklichem Anstand zu tragen wußte. Selbst Berblinger mußte dies zugeben, der bleich und unlustig, das einzige nie lachende Gesicht, neben der Tribüne stand.

Bisher war das Ganze nur Scherz und Spiel gewesen, bei dem, wie man allgemein wußte, die Kämpfer sich meistens zuvor verabredet hatten, wer Sieger bleiben solle. Jetzt erst wurde die Sache ernster, und das Stechen unter den unmaskierten Weißfischern nahm seinen Anfang. Hierbei zeigte sich wirkliche Kraft und Geschicklichkeit, aber auch in nicht zweideutiger Weise die germanische Kampflust der alten Zünftler. Die Ruderer wetteiferten miteinander, die Boote über den Fluß zu jagen, die Speere prallten hart auf die knochige Brust der Gegner. Die Bemühung, sich selbst nach dem erfolgreichsten Stoß im Gleichgewicht zu erhalten oder wenigstens nicht über Bord zu stürzen, führte zu den wunderlichsten Verrenkungen und Sprüngen, und die Wut der Besiegten, der höhnende Stolz der Sieger trat unverhohlen zutag. Auch die Zuschauer nahmen jetzt ernsthafte Partei für den einen oder andern. Die Sieger in den einzelnen Gängen erhielten keine Preise mehr; es gab nur noch einen zu gewinnen, der dem Besten von allen zufallen sollte: der goldene Speer.

Nicht ganz den Regeln entsprechend – aber es war ja ein Schwarzmann und des Zunftmeisters Sohn, um den es sich handelte –, wurde dem weißen Ritter gestattet, auch an dem Kampf der unmaskierten Weißfischer teilzunehmen, und in der Tat, er stellte seinen Mann. Lucinde lächelte ihr lieblichstes Lächeln und winkte ihm vor aller Augen mit dem Taschentuch, als er nur noch einem unbesiegten Gegner, dem jungen Molfenter, gegenüberstand. Da kam ein völlig unerwartetes Zwischenspiel. Ein untersetzter Bauer, vielleicht ein als Bauer gekleideter Fischer, der dazu noch gebückt ging und hinkte, trat vor die Tribüne und bat, mitstechen zu dürfen. Alles lachte und jubelte dem Bäuerlein zu. Der Zunftmeister wollte den frechen Kerl derb zurechtweisen, allein auch Herr von Gravenreuth schien Spaß an der Sache zu finden. Der Bauer sagte in echtem Günzburger Deutsch, er komme aus dem befreundeten Nachbarstädtchen und habe jetzt genug zugesehen. Er vermeinte auch stechen zu können, man möge ihm den Spaß vergönnen. Stürmisch verlangte die jauchzende Menge, die den Hügel bedeckte, daß man der Bitte willfahren möge, und da selbst der Herr Generallandeskommissar der Ansicht war, daß es dem Bäuerlein nur guttun könne, ein paar Ulmer Rippenstöße nach Günzburg zu bringen, mußte endlich auch der Zunftmeister ja sagen, und das Bäuerlein bestieg mit allen Zeichen der Ungeschicklichkeit – oder war es betrunken? – einen der Nachen. Das war zum Schluß endlich einmal ein richtiger Bauer, meinten die Stadtherren mit großer Befriedigung.

Tatsache war, daß der endgültige Sieg nur noch zwischen zweien, dem jungen Molfenter und Hans, auszufechten war. Es wurde beschlossen, zuerst den Spaß mit dem Bäuerlein abzumachen: der Weißfischer sollte ihn kurzerhand in die Donau werfen. Sie gingen unter dem üblichen Trommelwirbel gegeneinander los. Noch immer schien der Bauer kaum zu wissen, wie man den Speer, den man ihm gegeben hatte, handhabt; aber als sie noch eine Bootlänge voneinander waren, richtete er sich plötzlich auf und legte sich etwas vor, nicht zu viel und nicht zu wenig, der geschickteste Weißfischer hätte es nicht richtiger machen können. Der Speer traf den sorglosen Gegner auf die linke Brust, drehte ihn halb um, und im nächsten Augenblick plätscherte er fluchend im Wasser umher, während das Bäuerlein, das den Speer verkehrt wie eine Dunggabel über die Schulter gelegt hatte, nach dem Ufer fuhr.

Zuerst trat ein allgemeines Schweigen ein; das Erstaunen war allzu groß gewesen. Dann jubelte, schrie und schimpfte alles durcheinander. »Schwindel! Wer ist der Günzburger? Der Molfenter, der beste Stecher, im Wasser! Hexerei!« fragte, murrte und rief es von allen Seiten, während der bäuerliche Sieger vor der Tribüne seinen Dreispitz zog und drei possierliche Kratzfüße machte.

So konnte die Sache nicht enden. Der Stolz der Ulmer regte sich, und Hans, ein verächtliches Lächeln auf den Lippen, winkte dem Eindringling. Der Bauer schnitt ein dummpfiffiges Gesicht, schien aber den Herrn Ritter wohl zu verstehen. Er wurde unter erneutem Gelächter an das andre Ufer gebracht und stellte sich dort mit allen Anzeichen der Furcht wieder auf das Hinterteil seines Kahns. Die Fanfare und der Trommelwirbel setzten ein, die Boote fuhren ab. Aber die Ruderer des Bäuerleins, denen das Spiel keineswegs behagte, führten das Boot so ungeschickt, daß Hans an seinem Gegner vorbeischoß, ohne ihn treffen zu können, und da er sich in der Erwartung eines kräftigen Gegenstoßes etwas zu weit vorgelehnt hatte, in sein Boot stürzte und in die Knie sank. Wütend sprang er auf, während der Bauer seinen Hut zog und demütig um Verzeihung zu bitten schien. Vom Hügel schallte ein wunderliches Gemisch von Murren, Klatschen und Lachen, doch fühlte man förmlich die Spannung, die jetzt die ganze Masse der Zuschauer ergriffen hatte. Die Boote wendeten und machten sich zum zweiten Gang fertig. Wieder erklangen Trompetenstoß und Trommelwirbel. Jetzt richtete sich der Bauer in seiner ganzen Größe auf. Alles sah staunend, wie der kleine Mann plötzlich gewachsen war. Die Kämpfer trafen sich diesmal mitten auf die Brust. Beide wankten. Hans' Spieß zerbrach krachend, die Stücke schnellten in die Luft. Er wäre wieder nach vorn in sein Boot gefallen, wenn es nicht durch eine ungeschickte Bewegung der Ruderer heftig geschwankt hätte. Vielleicht war er auch absichtlich, um dem gefährlichen Fall zu entgehen, über Bord gesprungen. – Der junge Schwarzmann war weder in der Stadt noch bei seinen Zunftgenossen beliebt; sonst wäre der Jubel und das Klatschen, das den Sieg des Bauern begrüßte, nicht denkbar gewesen. Dieser sprang jetzt ans Land und hatte alles Bäurische in seinem Auftreten verloren. Ein stattlicher, fast schöner Kerl trotz seiner Bauerntracht, trat er vor Lucinde, die ihm mit ihrem holdesten Lächeln den goldenen Spieß übergab.

Berblinger, dessen Aufmerksamkeit während des ganzen Schauspiels zwischen dem Fluß und der Tribüne geteilt gewesen war, beobachtete diese Szene mit wildklopfendem Herzen. Es war dasselbe Lächeln der Bewunderung, das ihm wie ein Liebesgruß erschien, derselbe Blick, den sie dem Uhrmacher zu Wien zugeworfen, mit dem sie dem Erzherzog die Hand gereicht hatte. Das war der Lohn des Erfolgs, der Stolz, den sie mit dem Sieger teilte – nein, mehr als all das: es war die Schönheit, die sich beugte vor der Kraft. Und nun sonnte sich ein Bauer aus Günzburg in diesem Strahl!

Auch jetzt war noch nicht alles zu Ende, obgleich ein Teil der Zuschauer, fast alle auf der Tribüne, ihre Plätze verließen. Der weiße Ritter war trotz seiner Rüstung, die sich im Wasser auflöste, nach dem andern Ufer geschwommen und hatte sich dort in der Volksmenge verloren. Auch Lucinde und ihre Freundinnen erhoben sich und verschwanden inmitten der kleinen Gesellschaft des Generallandeskommissars. Nun hatte auch Berblinger keinen Grund mehr, länger in der lachenden, schimpfenden und tobenden Menge zu bleiben, die wie auf ein gegebenes Signal über die Tribüne herfiel und sie besetzte.

Was den Schluß des Festes bildete, war einer jener Volksbräuche aus der ›guten alten Zeit‹, deren Roheit dem milderen Geschmack der Gegenwart nicht mehr ganz entsprach. Man hatte schon öfter versucht, diesen Teil der Feier fallen zu lassen; selbst die Geistlichkeit hatte sich in warmen Worten der unglücklichen Gänse angenommen, denen hierbei die Hauptrolle zufiel. Allein alles war vergeblich gewesen; die Zunft, das Volk wollte sein ›Gänserupfen‹ haben. Warum, fragten einige, die die Welt gesehen hatten, sollten die Spanier ihre Stiergefechte, die Engländer ihre Bulldogg-, Rattenfänger- und Hahnenkämpfe haben und die Ulmer nicht ihr Gänserupfen? Auch seien die Ulmer Gänse seit Jahrhunderten daran gewöhnt und erwarteten gar nichts andres. Das Spiel aber bestand darin, daß sämtliche Nachen unter den aufgehängten Gänsen durchfuhren; der Narr oder Mohr oder Weißfischer, der wie beim Stechen auf dem Hinterteil des Bootes stand, versuchte den Kopf einer der Gänse zu erfassen und festzuhalten. Gelang ihm dies, so fuhr ihm der Nachen unter den Füßen weg, so daß er, den Gänsekopf in der Hand, über dem Wasser hing. Vermochte er den Kopf abzureißen, so fiel er in den Fluß und schwamm mit seiner blutigen Trophäe ans Ufer, ging dies nicht, so verlor er nach wenigen Minuten seinen Halt und kam beschämt und ohne Kopf ans Land. Die Gänse aber wurden schließlich dem übergeben, der den dazugehörigen Kopf vorwies. Kein Wunder, daß sich die Damen der besseren Gesellschaft vor dieser Schlußfeierlichkeit entfernten. Ältere Bewohner der unteren Stadt behaupteten allerdings, daß sich auch die Gänse auf das Fest freuten; gegessen würden sie ja doch.

Der Tag endete leider mit einer Prügelei der hervorragendsten Festgenossen in der ›Sonne‹. Dort wurde nämlich entdeckt, daß der Sieger des Turniers, das Bäuerlein aus Günzburg, das etwas zuviel trank und sich seines goldenen Spießes gar zu frech rühmte, zwar von einer Schifferfamilie daselbst abstamme, aber gar kein Schiffer, sondern ein Schneider war. Die Empörung der Zunft war berechtigt und nicht mehr zu zügeln; der falsche Berufsgenosse wurde nicht nur fast totgeschlagen, sondern auch noch in die Donau geworfen, was ihn, da er sich als vortrefflicher Schwimmer erwies, wieder völlig belebte. Als er das jenseitige rettende Ufer erreicht hatte, wo ihn bereits einige bisher noch unbeteiligte Weißfischer erwarteten, nahm ihn eine fürsorgliche Polizei in ihre Hut und gewährte ihm für den Rest der Nacht Schutz und Obdach. Am andern Morgen ließ sich amtlich feststellen, daß er in der Tat in Günzburg zuständig und ein Schneider von Profession war, auch bei Bockelhardt zu Ulm gelernt hatte und sich zur Zeit arbeitslos umhertrieb, ja sogar unberechtigterweise gelegentlich als Fischer sein Brot verdiente. Um den Mann, der bereits übel zugerichtet war, vor weiteren Unbilden zu schützen, welche, wie man erfuhr, die empörten Schiffer neuerdings planten, ließ ihn die Polizeidirektion unter Bedeckung, mit Zurücklassung seines goldenen Speers, nach Günzburg abschieben, wo er von den dortigen Schiffern sowohl als den Schneidern im Triumph empfangen wurde. Denn Ulm und Günzburg standen von alten Zeiten her noch immer nicht auf dem besten Fuß, obgleich sie nun beide bayrisch waren. Der Name des Manns aber war Nikolas Nickel, dessen man sich im Taubengäßchen noch wohl erinnerte.

Nachdem sich an jenem Festabend das Volk verlaufen oder vielmehr in den vierundachtzig Wein- und Bierstuben der Stadt verteilt hatte, stand Berblinger allein auf der halb abgebrochenen Adlerbastei und sah schwermütig über den Fluß weg. Nun war es nicht mehr allein der Wiener Uhrmacher, der sich des stolzen, siegesfreudigen, hingebenden Lächelns rühmen konnte, das er heute wieder gesehen hatte und nach dem er förmlich schmachtete. Auch Nickel, der Schneider, der Lump, der offenbar als gemeiner Stromer in der Welt herumzog und seinen Unfug trieb, wo er Gelegenheit dazu fand, auch auf diesem Kerl hatte dasselbe Lächeln geruht. Nein! stöhnte er mit zorniger Bitterkeit, er hatte denn doch etwas Höheres vor sich; er wollte ihr noch zeigen, daß auch er dieses Lächelns würdig war. Nichts sollte ihn jetzt mehr zurückhalten, nach dem Höchsten zu streben, das sich denken ließ, und er fühlte, er war auf einem Weg, den keiner vor ihm betreten hatte, der ihn über alle andere hinausführen mußte. Mut, Geduld, Ausdauer, Opfer von Gut und Blut – er war bereit; aber erreicht mußte werden, das fühlte er mit jedem Pulsschlag, was erreichbar war.

Fast zitternd vor Erregung blickte er über den Fluß nach dem jenseitigen Ufer. In stolzem Flug vor aller Welt hinüber und dann höher und höher – das war doch etwas andres als das läppische Possenspiel in den alten Nachen!

In seine Werkstatt zurückgekehrt, saß er noch stundenlang auf dem verlassenen Arbeitstisch, die Beine gekreuzt, die Ellbogen auf den Knien, die Hände in den Haaren, und grübelte.


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