Ludwig Eichrodt
Gedichte in allerlei Humoren
Ludwig Eichrodt

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Zweiter Gesang

        Nach Newyorkien, nach Newyorkien!
Wolle, Alter, Geld mir borgigen,
Wo die Waare stumm sich kreuzt.
Wo genest der Europarier,
Wo der letzte Proletarier
Sich in seid'ne Tücher schneuzt(*)
Dahin, Alter, muß ich ziehn!

Nach Kanadien, nach Kanadien
Lenk' ich fürder meine Pfadigen,
Wo der Brite um sich greift.
Wo die Zone wird zur kältern,
Wo in endelosen Wäldern
Nimmer der Hurone schweift.(*)
Dahin, Alter, muß ich ziehn!

Nach dem weißen Eskimotien
Lasse mich von Golde strotzigen,
Wo man geht in Seehundstracht.
Wo das Unschlitt Lieblingspeise,
Wo von tausendjährigem Eise
Man das Handwerkszeug sich macht.(*)
Dahin, Alter, muß ich ziehn!

Nach dem rothen Nadowessien
Laß mich mit dem Branntweinfäßchen,
Wo der Fäuste Kraft man braucht,
Wo die Schenkel noch behender
Als der Hirsch, der Zwanzig-Ender,
Wo zum Großen Geist(*) man raucht
Dahin, Alter, muß ich ziehn!

Nach dem heißen Mexikotien!
Nach dem geld- und pfaffenbrotzigen,
Laß mich, eh die Zeit versaust.
Wo der Mond, der mexiköser,
Zwei-, drei-, vier-, fünf-, sechsmal größer,
Und der Vitzliputzli(*) haust.
Dahin, Alter, muß ich ziehn!

Nach Domingien, nach Domingien
Laß mich eilen, nach dem stinkigen;
Wo man lebt in Saus und Braus.
Wo die wüsten Negerprinzen(*)
Aus Papiermanchetten grinsen,
Und die Republik ist aus.
Dahin, Alter, muß ich ziehn!

Nach Columbien, nach Columbien!
Muß ich, Alter, dich anpumpigen,
Wo die Erde gräßlich bebt.(*)
Wo die Geistlichkeit in masso,
Wo, hoch überm Chimborasso,
Der blasirte Condor schwebt.
Dahin, Alter, muß ich ziehn!

Weiter zieht es mich nach Peru,(*)
Oder ich hab' nimmermehr Ruh!
Wo der Sonnentempel stand.
Wo die Diamanten blitzen,
Wo Mulatten und Mestizzen
Mit Creolen Hand in Hand!
Dahin, Alter, muß ich ziehn!

Nach Brasilien, nach Brasilien
Jagen jetzt mich die Gefühligen,
Wo der Käfer leuchtend hüpft,(*)
Wo sich bäumt der Crocodile,
Wo verwegen der Mandrile
Durch die seltnen Pflanzen schlüpft.
Dahin, Alter, muß ich ziehn!

Nach Laplatien, nach Laplatien!
In dem Silberland der Grazien
Laß mich, Alter, Hütten baun!
Wo die breiten Wasser(*) wallen,
Wo die frischen Büffel fallen,
Und dem Tiger nicht zu traun.
Dahin, Alter, muß ich ziehn!

Nach Jesuitien, nach Jesuitien
Laß mich hin, dem aberwitzigen!
An dem tiefen Paraguay.
Wo der Landesherr ein Dokter,(*)
Ein Jesuit ist, ein verstockter,
Nördlich von dem Uruguay –
Dahin, Alter, muß ich ziehn!

Nach der Terra del Fuego,
Lege mir nichts in den Weg, o
Theurer Vater, wenn ich geh'.
Wo die Schlucker, die mich dauern,
Schnatternd um ein Feuer kauern
Mit dem Worte: Pescheräh!(*)
Dahin, Alter, muß ich ziehn!

Nach Kannibalien, nach Kannibalien
Möcht' ich aber auch einmaligen,
Wo das Durcheinander ist;
Wo der Teufel selber los ist,
Wo es übrigens famos ist,(*)
Und der Mensch den Menschen frißt
Dahin, Alter, muß ich ziehn!

Auf dem stillen Ozeane
Laß mich schaukeln in dem Kahne,
Wo das Ei(*) Kolumbi schwamm;
Wo auf unentdecktem Eiland
Robinson gesiedelt weiland,
Eh' der Herr ihn zu sich nahm –
Dahin, Alter, muß ich ziehn!

Nach Molukkien, nach Molukkien(*)
Will mir schon der Buckel juckigen,
Wo der Pfeffer wachsen thut.
Wo im ganzen Panorama
Uns das göttlichste Aroma
Der Gewürze steigt in's Blut.
Dahin, Alter, muß ich ziehn!

Nach Australien, nach Australien!
Laß mich ziehn zum Letztenmaligen,
Wo des Welttheils fünfter Strand.
Wo die Erdumsegler stehen,
Wo Verbrecher in sich gehen,(*)
Und fast Alles unbekannt.
Dahin, Alter, laß mich ziehn!

 


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