Felix Dahn
Attila
Felix Dahn

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Vierzehntes Kapitel.

Die Gepiden zogen nun, den toten Ellak mit sich führend, ab an das Südthor des Lagers: hier nahmen sie Stellung, die von allen Seiten heranflutenden Germanen erwartend, welche auf die frohe Botschaft ihrer Erlösung in dichten Scharen herankamen: Männer, Weiber und Kinder, zu Roß, zu Fuß und zu Wagen, ihre Habe auf Wagen und Karren mitführend, auch ihre Herdentiere mit herantreibend.

Es waren viele Tausende, welche hier länger oder kürzer geweilt hatten als Geiseln, als Gefangene, als Bittsteller, als Kläger oder als Beklagte, aber auch als ständige Besatzung und Bewohner der Hauptstadt.

Es dauerte geraume Zeit bis die gepidischen Herolde, welche, in das Horn stoßend, alle Gassen des weiten Lagers durchritten und alle Germanen zum Aufbruch aufforderten, zurückgekehrt waren und meldeten, daß nirgend mehr ein Germane oder eine Germanin zu finden sei: nicht einer und nicht eine war zurückgeblieben.

Endlich war der umfangreiche, vielköpfige Zug von den Fürsten geordnet und setzte sich durch das Südthor hinaus in Bewegung.

Die Sonne, welche während des ganzen langen Sommertages nur mit wechselndem Erfolg gegen die schweren Dunstwolken angekämpft hatte, drang jetzt, kurz vor ihrem Versinken, sieghaft durch die trüben Schleier, durch das dunkle Grau: ihre Strahlen schossen schon nahezu wagrecht über die breite Straße hin auf die Helme, Speerspitzen, Brünnen und Schilde der abziehenden Germanen, sie prächtig wie mit feuerflüssigem Golde verklärend.

König Ardarich hielt neben den andern Führern außerhalb des Südthores auf seinem mächtigen Schlachtroß: er warf noch einen Scheideblick auf das Lager zurück: »Schaut,« rief er, »was flammt dort plötzlich für eine Röte auf?«

»Ja,« fiel Daghar ein, »und darüber hin schwebt schwarzer Qualm! Wie eine ungeheuere Trauerfahne!«

»Horch,« fragte Gerwalt, »welch Geheul! welch Geschrei!«

Einer der befreiten Germanen hatte bei dem ersten Ausruf Ardarichs einen hochragenden Pappelbaum neben dem Thor erklettert:

»O Herr,« rief er jetzt herab, »welch Schauspiel!«

»Was ist's?«

»Das Zelt! Das Totenzelt! Das ganze Grabmal mit allen Schätzen! Sie haben's angezündet! Es steht in hellen Flammen. Und o – schrecklich!«

»Was siehst du?«

»Sie werfen Menschen, lebendig, in die Lohe! Ich seh' es deutlich. Ich erkenne sie! Es sind die Sklaven, welche das Zelt errichtet, das Gerüst gezimmert haben.«

Voll Entsetzens glitt der Mann herab.

»Ich verstehe,« sprach König Wisigast. »Sie ahnen es, daß sie bald all' dies Land räumen müssen: – die stolze Königsstadt, sie wird schutzlos daliegen und leer. Dann soll niemand mehr wissen, wo Attila begraben liegt, niemand nach seinen Schätzen wühlend seine Asche stören. Komm, liebe Tochter!« Er mahnte sie das Roß zu besteigen, welches er gesattelt für sie bereit hielt.

Ildicho aber trat schüchtern zu dem Geliebten, welcher gerade die von einem Gefolgen aus dem Gefängnis geholte Harfe diesem abnahm.

Sie streckte die Hand weit vor sich hin, blickte starr darauf und flüsterte: »O mein Daghar, graut dir nicht vor dieser Hand? Sie hat gemordet.«

Feurig ergriff der Jüngling die schmal zulaufende Hand und küßte zärtlich die langen weißen Finger:

»Diese Hand?« rief er. »Gleich einer Göttin Hand acht' ich sie! Frigga selbst hat sie dir gekräftigt und geführt.«

Und er griff in die Saiten der Harfe und sang:

Heil euch, ihr Helden im hellen Haar,
Gute Goten, gergewohnte Gepiden,
Gruß euch allen, ihr Geretteten vom Germanengeschlecht!
Jauchzt und jubelt zur hallenden Harfe:
Endlich erlag er, das Grauen der Guten,
Die Gottesgeißel, Etzel der Üble!
Schwert nicht schlug ihn, noch Spitze des Speers,
Nein! In der Nacht hat der Natter,
Der züngelnden, zürnend zertreten das häßliche Haupt
Weihevoll Weib, mutmächtige Maid,
Rettend und rächend viele Völker
Und vor allem: die eigene Ehre!
Hebet zur Harfe den hallenden Heilruf!
Bringt ihn brausend meiner Braut,
Der schimmernd Schönen, reisiger Recken ruhmvoller Retterin:
        Ildicho, der All-Edeln
        Heil der Herrlichen, Heil!

Und die Hunderte, die Tausende wiederholten, die Hände ausstreckend gegen die hohe Gestalt, welche schämig das schöne Haupt an dem Halse des Geliebten barg:

        »Ildicho, der All-Edeln,
        Heil der Herrlichen, Heil!«

 


 


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