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Hasst Amerika England?

Diese Frage ist letzthin in Britannien viel erörtert worden, und die Antwort ist gewöhnlich in bejahendem Sinne ausgefallen; selbst der »Spectator«, ein mächtiger und treuer Freund der Republik, ist wider Willen nach jener Seite getrieben worden.

Die genaue Antwort auf diese Frage hängt aber davon ab, was man unter Haß versteht, denn dieser kann von zweierlei Art sein – entweder tief, dauernd, allgemein in der Rasse liegend, sodaß er erbliche Abneigung schafft und beide Teile zu natürlichen Feinden macht, oder aber nur vorübergehend und oberflächlich – wegen bestimmter Fragen entstandener Groll und Unwille, der mit der Erledigung dieser Fragen verschwindet, ohne eine ernstliche Entfremdung zurückzulassen.

Daß manche Ursachen vorhanden sind, die in den Vereinigten Staaten immerfort mehr oder weniger Unwillen gegen Großbritannien erregen müssen, ist einleuchtend. Bei der kanadischen Frage wird es immer der Fall sein. Man stelle sich vor, Schottland sei republikanisch, schulde den Vereinigten Staaten Gehorsam und erkläre beständig seine Bereitschaft, auf ihr Geheiß Britannien anzugreifen. Die industrielle Frage übt ebenfalls ihre Wirkung aus. Ein Dutzend Artikel »made in Germany« rufen in England Entrüstung hervor. Kann man in den Vereinigten Staaten etwas anderes von tausend Artikeln »made in England« erwarten? Industrielle Wettbewerber und die von ihnen beschäftigten Arbeiter sind sehr empfindlich und leicht aufgebracht; und in unseren Tagen, wo jede Nation ersten Ranges danach strebt, die Güter ihres eigenen Bedarfs hervorzubringen und anzufertigen, tragen »auswärtiger Handel« und »Freihandel« nicht mehr zum Frieden und guten Vernehmen unter den Völkern bei, sondern zum Gegenteil. Die Nationen sind geneigt, industrielles Eindringen übel zu nehmen, das freihändlerische Britannien nicht weniger als das schutzzöllnerische Deutschland.

Tiefer aber als diese Ursachen der Erregung liegt im Innersten des nationalen Herzens der Republik eine starke, unvertilgbare Schicht natürlicher Achtung, Bewunderung und Zuneigung für die alte Heimat. Auf dem Grunde findet sich immer der Stolz der Rasse – in ruhigen Zeiten zwar versteckt, in großen Augenblicken aber, wenn ihn wichtige, die Sicherheit der alten Heimat und die ganze Rasse treffende Angelegenheiten aufrühren, tritt er mit großer Entschiedenheit zu Tage. Das stärkste Gefühl im Menschen, der wirkliche Beweggrund, der in der Krisis sein Handeln in internationalen Dingen bestimmt, wurzelt in der Rasse. Aus ihr hervor wächst die Einheit der Sprache, der Religion, der Literatur und der Gesetzgebung, die die Menschen in Zeiten der Not den Angehörigen anderer Rassen gegenüber verbündet und verbrüdert. Dieses Rassegefühl geht tiefer und reicht höher hinauf als Fragen von bloßem pekuniärem Belang oder materiellem Interesse. Der neueste Beweis, daß dieser Rassenstolz in Amerika in starkem Maße herrscht, wurde gerade im Höhepunkt des venezolanischen Streites geliefert, als man argwöhnte, Deutschlands Haltung zu Transvaal verberge eine Verbindung europäischer Mächte, die Britannien demütigen und verderben und aus unserm Familienzwiste Vorteil ziehen wolle, um den Besitz des einzigen anderen Gliedes unserer Rasse aufzuteilen. Als die kleine mutige Insel die Herausforderung annahm und sich ohne einen Augenblick zu zögern bereitete, der Welt in Waffen entgegenzutreten, brach das amerikanische Festland von Maine bis Kalifornien sozusagen in einen einzigen wilden Jubelschrei aus – einen Jubelschrei, der mehr bedeutete, als prosaische Leute glauben werden und mehr vielleicht, als sich selbst der Amerikaner bewußt war, der von dem unwiderstehlichen Ausbruch fortgerissen wurde; ebensowenig kann jemand sagen, wie weit ihn dieser unaufhaltsame Anstoß führen würde, wenn er einmal in vollen Schwung käme. Der Senator Wolcott sprach im Senat nur aus, was die Millionen draußen fühlten; der Amerikaner sagte sich eben Im Durchschnitt: »Es ist dies unsere eigene Rasse; es ist das, was wir tun; es geschieht, wie wir es tun. Natürlich haben wir mit unserem Mutterlande selber manche Meinungsverschiedenheiten, und wir würden auch ihm nicht gestatten, auf unserem Festland die Kriegsfackel zu entzünden, vielmehr muß es alle Fragen inbetreff hiesiger Gebiete durch Schiedsspruch entscheiden lassen – doch ist das eine kleine Familienangelegenheit zwischen uns beiden. Es ist damit nicht gesagt, daß sich der Deutsche, der Russe, der Franzose oder irgend welche anderen Ausländer zusammentun dürfen, um unsere Rasse, ohne uns mitzuzählen, anzugreifen und zu vernichten. Nein, bester Herr!«

Wohl keine Vereinigung anderer Rassen wird den wahren Wert und die Stärke dieses in unserer Rasse vorhandenen Gefühls zum kleinsten Teil ermessen, oder richtig abschätzen, wie viel dicker als Wasser sich unser Rassenblut erweisen dürfte, wenn es einmal auf die Probe gestellt würde.

Die Botschaft, die der Präsident Mc. Kinley der Königin Viktoria zu ihrer Jubelfeier sandte, war ein weiterer Beweis von Rassenstolz und keine bloße Höflichkeitsbezeugung. Mehr Leute des Vereinigten Königreichs als der Vereinigten Staaten würden zögern, ihre Majestät zu feiern und zu preisen und mit Begeisterung »Gott segne die Königin« zu singen. Sie gilt dort allgemein als der treueste der treuen Freunde der Republik, denn sie stand zu uns wie ein Freund, als ein Freund gebraucht wurde.

Es ist sonderbar, daß solche Beweise tiefwurzelnder Rasseneinheit und natürlicher, herzlicher Freundschaft einen angeblichen Mangel an Artigkeit des Ausdruckes in einer Botschaft eines Präsidenten an seinen eigenen Kongreß oder eines Staatssekretärs an seinen eigenen Gesandten nicht aufwiegen sollten. Trotzdem zieht der »Spectator« den Schluß, daß die Amerikaner England hassen, und diese Ansichten stützen sich auf Lappalien wie die erwähnten.

Großes Gewicht ist in der Diskussion auf den Umstand gelegt worden, daß die amerikanischen Schulbücher die Tatsachen der amerikanischen Geschichte aufführen; man glaubt, dies mache jeden amerikanischen Jungen und jedes amerikanische Mädchen zu einem Hasser Englands. Es ist das zweifellos wahr; und das schlimmste ist dabei, daß es keinen möglichen Ausweg gibt, denn die amerikanische Geschichte beginnt mit der Erhebung der Kolonien und ihren Kämpfen um die Rechte des Briten. Die Republik hat nie einen gefährlichen Gegner gehabt außer Britannien; der kurze Feldzug gegen Mexiko hat der Nation keinen dauernden Eindruck hinterlassen. Es ist unmöglich, anders zu verfahren, als die Tatsachen zu berichten, wie sie sich ereigneten; und selbst wenn die weiteren Tatsachen hinzugefügt würden, daß schon damals mehrere der größten und besten der britischen Staatsmänner der versuchten Besteuerung der Kolonien Widerstand entgegensetzten und daß heute die Güte und Rücksichtnahme, mit der Britannien über seine Kolonien herrscht, für die ganze Welt mustergültig ist, so würden diese Dinge auf Kinder doch keinen Eindruck machen. Der junge Amerikaner muß heutzutage als ein starker Hasser Englands anfangen; und das müssen wir hinnehmen: Generationen werden vergehen, ehe es wesentlich anders werden kann.

Andererseits kann kein Amerikaner umfassendere und eingehendere Kenntnisse des Unabhängigkeitskampfes, der späteren Behandlung der Kolonien seitens Britanniens, der Geschichte Britanniens und der Rolle seiner Rasse in der alten Welt erwerben, ohne zum Bewunderer dieser Rasse und stolz auf sie zu werden, falls er selbst – die meisten Amerikaner können sich dessen rühmen – britisches Blut in seinen Adern hat. Auf diese Grundlage haben wir unsere Hoffnung engerer Vereinigung zwischen den alten und den neuen Ländern zu bauen. Die Washington bekämpfenden Engländer und Hessen müssen im Geiste der jungen Leute, wenn diese älter werden, anderen Bildern weichen, in denen Britannien und Amerika, die beiden großen Pfeiler bürgerlicher und religiöser Freiheit für die ganze Welt und die einzigen Glieder unserer Rasse, Schulter an Schulter stehn. Später muß die Kenntnis von Shakespeare, Milton, Burns und Scott kommen, dann die politische Geschichte von England, Cromwell, Sidney, Russell, Hampden, Chatham, Burke und den vielen andern, bis der junge Amerikaner lernt, daß er von Britannien nicht nur seine Sprache, sondern seine Gesetze, seine Religion und selbst seine freien Staatseinrichtungen überkommen hat und daß die politischen Einrichtungen beider Länder ähnlich sind – das eine gekrönt, das andere ungekrönt, aber beide republikanisch, da ja in beiden Herrschaft des Volkes, für das Volk und durch das Volk besteht, was das Wesen des Republikanertums ausmacht. Dies ist der hauptsächlichste Punkt, der den feurigen jungen Politiker beeinflußt und dem alten Land im Herzen Jung-Amerikas schließlich einen warmen Platz gibt. Von dieser Zeit an wird dann das Rassegefühl in seinem Herzen in dem Maße immer stärker, wie seine Kenntnisse wachsen.

Wie anders bei dem jungen Kanadier und Australier, die in ihren ersten Schulstunden lernen, daß die Rechte der Briten ihnen nie versagt worden sind und in Britannien die großmütigste, edelste und gütigste der Mütter sehen, die sie von Anfang an verehren und lieben. So zeigen sich die gegenteiligen Folgen zarter und geziemender Rücksicht auf Kolonien und abhängige Gebiete einerseits, und der Vorenthaltung der daheim gewährten Rechte und Freiheiten andererseits.

Ob in die Herzen der in den verschiedenen Weltteilen heranwachsenden Millionen heute Haß oder Liebe ausgesäet wird, sollte für die mit der Bildung von Reichen beschäftigten Staatsmänner die wichtigste Frage sein. Was eine sich ausbreitende Nation hier in hohem Maße tun kann, sollte ihr eine heilige Pflicht sein, denn sicher kann ein Reich, das auf gewaltsamer Eroberung, Verschwörung oder Bedrückung oder irgend einer anderen Grundlage als der aufrichtigen Zuneigung des einbezogenen Volkes begründet ist, weder von Dauer sein, noch die Macht oder den Ruhm des Eroberers vermehren, sondern nur eine Quelle beständiger und zunehmender Schwäche und Schmach werden.

Herrscht nun auch in den Vereinigten Staaten nach der Meinung des Verfassers kein tiefsitzender, bitterer, nationaler Haß gegen Großbritannien, so steht doch außer Zweifel, daß über dessen Verhalten kürzlich eine Welle von Groll und Unwillen aufgetaucht ist. Sie entsprang zwei Fragen:

Einmal trafen vor Jahren der Botschafter Pauncefote und der Staatssekretär Blaine ein Übereinkommen in der Beringsmeerfrage, wozu Lord Salisbury durch Sir Julian Pauncefote Mr. Blaine seine Glückwünsche telegraphierte. Die beiden Nationen sollten gemeinschaftlich die Seepolizei ausüben und der barbarischen Vernichtung der Seehündinnen Einhalt tun. Jetzt erschien in Washington Kanada mit dem Verlangen, über den Gegenstand den Präsidenten der Vereinigten Staaten zu sprechen. Die Audienz wurde der anmaßenden Kolonie abgeschlagen; nichtsdestoweniger zwang deren Vorgehen Lord Salisbury, sich von dem Vertrag zurückzuziehn. Ich plaudere hier nichts Vertrauliches aus, da der Präsident selbst in einer Botschaft an den Kongreß Harrison auf die Sache hingewiesen hat. Britannien wurde zu verstehen gegeben, daß es Kanada nicht sehr lange behalten würde, wenn es ohne dessen Zustimmung über kanadische Interessenfragen Verträge abschließen wollte. Der Leser wird sich erinnern, daß Kanada genau denselben Standpunkt hinsichtlich des internationalen Verlagsrechtes einnahm. Diese langersehnte, vertragabschließende Gewalt hat sich Kanada nunmehr erworben, wenigstens auf dem Gebiete der Finanzpolitik, sodaß es seinen Oberherrn überhaupt nicht mehr zu fragen braucht. Es kann nunmehr in Washington erscheinen und darauf bestehen, empfangen zu werden, wenn neue Tarifmaßnahmen gewünscht werden, da es nach den Worten seines Premierministers plötzlich eine »freie Nation« geworden ist. Der nachsichtigen Mutter harren hier noch Überraschungen.

Die Zurückweisung des Beringseeabkommens erzeugte ein Gefühl tiefen Unwillens nicht allein unter den Unwissenden, sondern unter den gebildeten Klassen der Amerikaner, die Britanniens beste Freunde waren und sind; und diese hat der Vorwurf sehr erbittert, der in britischen Veröffentlichungen gemeinhin erhoben wurde, daß nämlich die Vereinigten Staaten sich nicht an die Erkenntnisse des Beringseegerichts gehalten hätten. Nichts ist weniger begründet als ein solcher Vorwurf. Das Gericht entschied, daß die Vereinigten Staaten für gewisse aufgegriffene Fahrzeuge, die die britische Flagge geführt hatten, haftbar seien, und daß entweder eine gegenseitig zu vereinbarende Summe gezahlt oder in Ermangelung dessen die von einer Kommission festzusetzenden Schadenersatzansprüche befriedigt werden sollten. Der Staatssekretär der Vereinigten Staaten kam mit dem Botschafter Pauncefote »vorbehaltlich der Genehmigung des Kongresses« – dies sind die genauen Worte des Abkommens – wegen einer bestimmten Summe überein. Als dem Kongreß die Vorlage zur Genehmigung unterbreitet wurde, erhob sich der frühere Vorsitzende des Ausschusses für auswärtige Angelegenheiten, Mr. Hitt, um zu erklären, es sei entdeckt worden, die fraglichen Fischerboote hätten in Wirklichkeit hauptsächlich naturalisierten Amerikanern gehört. Es hatte sich herausgestellt, daß ein Schmied in San Francisco, ein britischer Untertan, hundert Dollar bezahlt bekommen hatte, um einen formalen Rechtstitel an diesen Booten zu erwerben, sodaß die britische Flagge dazu herabgewürdigt werden konnte, das nach amerikanischem Recht ungesetzliche Töten der Seehündinnen zu decken. Nur etwa ein Fünftel des beanspruchten Betrages kam Kanadiern zu; der Rest gehörte naturalisierten Amerikanern, die durch ihre Teilnahme an diesem ruchlosen und ungesetzlichen Handel die amerikanischen Gesetze übertreten hatten. Mr. Hitt verlangte die Ausübung des der Regierung hinsichtlich des Schiedsspruchs zustehenden Rechtes, die Ansprüche durch eine Kommission prüfen zu lassen. Der Kongreß stimmte dem bei, und die Kommission wurde sofort eingesetzt und vom Senat einstimmig bestätigt. Sie tagt jetzt und das Ergebnis wird voraussichtlich den Standpunkt der Regierung der Vereinigten Staaten, nämlich daß ein Betrug versucht worden ist, rechtfertigen. Trotzdem haben viele britische Zeitungen von Zeit zu Zeit den Vorwurf wiederholt, die Vereinigten Staaten seien ihren Verpflichtungen hinsichtlich des Beringseeschiedsspruches untreu geworden. Der Vorwurf nationaler Unehre – und ein solcher liegt darin – erzeugt immer starke Erbitterung. Zeitungsschreiber, die ihn wie im vorliegenden Falle fälschlich erheben, haben viel zu verantworten.

Großen Anstoß hat man in Britannien weiter an der jüngsten Botschaft des Staatssekretärs Sherman über die Vernichtung der Seehunde genommen. Man sagt, er habe nicht die übliche diplomatische Zurückhaltung und Artigkeit beobachtet. Zugegeben; aber ist seine deutliche Sprache nicht entschuldbar? Es steht fest, daß, noch ehe Mr. Shermans Brief geschrieben war – man bedenke, an seinen eignen Gesandten, nicht an die britische Regierung – Lord Salisbury bereits eine Zusammenkunft in der Angelegenheit abgelehnt hatte. Nach jenem Brief besann sich Lord Salisbury eines Besseren; er bewilligte eine Zusammenkunft, die sofort in Washington stattfinden sollte. Wie man über die Sache in Amerika denkt, zeigt das folgende Telegramm aus Washington in den heutigen Zeitungen (20. September):

»Die Beamten des Staatsdepartements sind nicht geneigt, zu dem Schriftwechsel, der in der Seehundfrage zwischen Großbritannien und den Vereinigten Staaten veröffentlicht worden ist, Erklärungen abzugeben. Sie sagen jedoch, er zeige, daß das von der Regierung der Vereinigten Staaten seit den letzten drei Jahren verfolgte Ziel durch die Einwilligung Großbritanniens, an einer im Oktober abzuhaltenden Zusammenkunft teilzunehmen, erreicht worden sei. Sie kehren hervor, daß die bisherige Weigerung der britischen Regierung, einer solchen Zusammenkunft zuzustimmen, zu der Übersendung der Note Mr. Shermans vom 10. Mai an den Gesandten der Vereinigten Staaten in London, Mr. Hay, führte, worauf Lord Salisburys Zustimmung zur Abhaltung einer Zusammenkunft folgte.«

Die ganze Beringseesache ist von Britannien verfahren worden – seinen wirklichen Wünschen entgegen, wie man glaubt – einfach weil es seine Kolonie nicht regieren konnte; die Kolonie hat Britannien regiert und wird es unter Sir Wilfried Laurier und später unter dessen Nachfolgern regieren, wie die Zukunft zeigen wird.

Die zweite Ursache der bittern Feindseligkeit gegen Britannien, die letzthin geweckt wurde, ist das Verhalten Britanniens in der venezolanischen Frage. Betrachten wir die Tatumstände dieses Falles. Seit vielen Jahren drängt die Regierung der Vereinigten Staaten Großbritannien in der artigsten Weise, seinen Grenzstreit mit Venezuela, seinem kleinen republikanischen Nachbar, auf freundschaftlichem Wege durch Schiedsspruch entscheiden zu lassen. Da die 16 amerikanischen Republiken überein gekommen sind, ihre Streitigkeiten schiedsrichterlich erledigen zu lassen, steht zu hoffen, daß Britannien nicht versuchen wird, die Kriegsfackel auf dem amerikanischen Festland zu entfachen. Das Ministerium Mr. Gladstones stimmt durch Earl Granville, den Minister des Äußern, der schiedsrichterlichen Beilegung zu. Jetzt tritt Lord Salisbury in Wirksamkeit, um sich sofort von dem Abkommen zurückzuziehen und die schiedsrichterliche Erledigung zu verweigern. Wiederholte Vorstellungen der Vereinigten Staaten bleiben ohne Erfolg. Schließlich erscheint der Präsident Cleveland auf der Bildfläche. Der Präsident Cleveland hat jetzt einen einzigen großen Wunsch, nämlich den, einen schiedsrichterlichen Vertrag zwischen Großbritannien und den Vereinigten Staaten zustande zu bringen. Ich hatte den Vorzug, das erste parlamentarische Komitee, das in dieser Sache an ihn herantrat, einzuführen. Das Interesse, das er an der Sache nahm, war überraschend, und seine näheren Freunde wissen recht gut, daß ihm die Vollendung dieses Friedensvertrages von allen öffentlichen Fragen am meisten am Herzen liegt. Er ist vor allem andern ein überzeugter Anhänger friedlicher, schiedsrichterlicher Entscheidung internationaler Streitigkeiten.

Er bittet Britannien um eine bestimmte Antwort. Will es diese Gebietsstreitigkeiten mit Venezuela schiedsrichterlich beilegen lassen oder nicht? Bei seiner Rückkehr von einer Reise liest er eines Abends in Washington die Weigerung Lord Salisburys, und vor dem Schlafengehen schreibt er seine Botschaft. Sie erregt in Britannien großen Unwillen, aber nur, weil das britische Volk nicht weiß, daß die Regierung der Vereinigten Staaten Großbritannien seit 15 Jahren bittet, diese Frage schiedsrichterlich zum Austrag zu bringen, und daß Großbritannien seine Zustimmung hierzu gegeben hat. Die Botschaft ist nicht an die britische Regierung, sondern an den amerikanischen Kongreß gerichtet, und der Präsident zieht darin allerdings den Schluß, daß es die Pflicht der Regierung der Vereinigten Staaten sein wird, Venezuela zu schützen, wenn Britannien es unternehmen sollte, seine eigene Auffassung über seine Gebietsrechte mit Gewalt durchzusetzen.

Es steht außer Zweifel, daß die Vereinigten Staaten jede Nation, selbst Britannien, bekämpft haben würden oder heute bekämpfen würden, um den Grundsatz friedlicher Beilegung solcher Fragen zu verteidigen, die die Gebietsrechte fremder Mächte auf dem amerikanischen Festland berühren. Sechzehn oder siebzehn amerikanische Republiken sind übereingekommen, ihre Streitigkeiten schiedsrichterlich entscheiden zu lassen; warum sollte es da einer europäischen Macht erlaubt sein, auf diesem Festland, das so dem schiedsrichterlichen Verfahren huldigt, Krieg zu führen? Die Nationen haben alle ihren empfindlichen Punkt. Jedermann weiß, daß Großbritannien sein Asylrecht mit dem Schwert verteidigen würde. Jedermann weiß, daß es seine Kolonien verteidigen würde, so lange seine Kräfte reichen. Das britische Volk sollte sich aber auch nicht darüber täuschen, daß die Vereinigten Staaten keiner europäischen Macht erlauben werden, einen amerikanischen Staat infolge einer Gebietsstreitigkeit anzugreifen. Diese Ansprüche sind auf friedlichem, schiedsrichterlichem Wege zu regeln.

Es sind aber nicht nur die wenig unterrichteten Massen des amerikanischen Volkes, deren aufflammende Leidenschaft zur Verteidigung dieses Grundsatzes einen Krieg fordern würde, sondern die gebildeten Klassen, die am entschlossensten sein werden, ihn zu verteidigen; und auf diese gebildeten Klassen ist Britannien aus den erwähnten Gründen angewiesen, wenn es Freunde braucht, denn allein Bildung vermittelt eine richtige Kenntnis und Schätzung des Vergangenen sowie der heutigen Stellung des britischen Volkes zu kolonialer Freiheit und internationalem Schiedsgerichtsverfahren. Leider kann die Tatsache, daß die öffentliche Meinung in Britannien Lord Salisbury zwang, der von der Regierung der Vereinigten Staaten verlangten schiedsrichterlichen Entscheidung zuzustimmen, der großen Masse des amerikanischen Volkes nicht eindringlich vor Augen geführt werden. Die gebildeten Leute, die die fremden Angelegenheiten verfolgen, wissen und schätzen es, daß die Besten in Amerika die Besten in Großbritannien zugunsten schiedsrichterlicher Beilegung für sich hatten; der Masse muß es aber leider so erscheinen, als ob Britannien den schiedsgerichtlichen Weg zurückwies, bis es von den Vereinigten Staaten zu seiner Annahme gezwungen wurde. Die Wahrheit ist indessen zum Glück für unsere Rasse, daß Lord Salisbury von seinem eigenen Volk gezwungen wurde, von seinem Standpunkt zurückzugehen. Die Fragen, die sich die Briten selbst stellen sollten, wenn sie eine Erklärung des Hasses suchen, der gegen ihr Land in den Vereinigten Staaten jüngst entstand, dürften die folgenden sein: Verdient nicht eine Nation gehaßt zu werden, die sich weigert, ihre vertragsmäßige Verpflichtung zu erfüllen, wonach ein Grenzstreit mit einer schwachen Macht schiedsrichterliche Beilegung finden sollte? Ist nicht Unwille gegen eine Nation gerechtfertigt, die nach ihrer Zustimmung zu einem Vertrag über die Seehundfischerei diesen Vertrag auf Geheiß einer Kolonie, mit der der andere vertragschließende Teil nicht das geringste zu tun hat, zurückweist?

Dies sind die einzigen beiden Fragen, die letzthin die Vereinigten Staaten gegen Britannien aufgebracht haben. In der venezolanischen Frage haben wir gesehen, daß der unglückselige entstandene Haß völlig unnötig und allein durch die Weigerung Lord Salisburys verursacht wurde, das Abkommen seines Vorgängers zur Ausführung zu bringen. Das von den Vereinigten Staaten geforderte schiedsgerichtliche Verfahren ist jetzt bewilligt worden und die Frage wird bald aus der Welt geschafft und hoffentlich bald vergessen sein, obgleich der Sieg des Grundsatzes friedlicher schiedsrichterlicher Beilegung in diesem Falle mehr in Erinnerung bleiben sollte.

Die andere Frage, die des Robbenschlages, wird nun wieder zur Verhandlung kommen, wie es vordem von den Vereinigten Staaten verlangt, von Lord Salisbury aber zunächst verweigert wurde, und dann einer billigen Regelung entgegengehn. Hoffen wir, daß die Sache bald vergessen sein wird, wobei indessen immer zu beachten bleibt, daß auch in diesem Fall der Grundsatz friedlicher schiedsgerichtlicher Entscheidung und der Friede durch das Beringseegericht gewahrt worden ist, selbst nachdem der abgeschlossene Vertrag auf Kanadas Verlangen aufgehoben worden war.

Nach der Beseitigung dieser beiden Anlässe zu Haß befindet sich jetzt zwischen den beiden Zweigen der Rasse nicht eine besorgliche Wolke mehr am Himmel. Der vorgeschlagene allgemeine Schiedsgerichtsvertrag wird unter glücklicheren Bedingungen wieder aufgenommen werden. Es macht Lord Salisbury große Ehre, daß er es vorschlug, und in Anerkennung dieses der Sache des Friedens und guten Vernehmens zwischen den beiden Nationen geleisteten Dienstes werden die Amerikaner seine unglückselige Weigerung, das Abkommen seines Landes über die schiedsrichterliche Erledigung der venezolanischen Frage aufrecht zu erhalten, gern vergeben und vergessen. Was die Anklage betreffs des Beringseevertrages angeht, der mit dem Sekretär Blaine abgeschlossen worden war, so wird ihn kein mit den Verhältnissen Vertrauter dafür verantwortlich machen. Er hätte Kanada nicht erfolgreich widerstehen können, und es blieb ihm daher nichts übrig, als das Abkommen zurückzuweisen.

Der Vertrag, dem die Bestätigung versagt blieb, erhielt, wie man sich immer erinnern mag, bis auf sechs Stimmen die erforderliche Zweidrittel-Mehrheit des Senates. Eine größere Zahl als diese sechs Stimmen wurden aus Gründen gegen ihn abgegeben, mit denen der Vertrag überhaupt nichts zu tun hat. In die persönliche und politische Geschichte des Widerstandes gegen diesen Vertrag einzutreten, dessen Annahme der Präsident Mc. Kinley als unsere Pflicht bezeichnete, würde indessen unnütz sein. Es ist unmöglich, eine Zweidrittelmehrheit für irgend eine Maßnahme zu erlangen, die in den Strudel der Partei-Politik und persönlichen Streites gezogen wird. Ein Friedensvertrag zwischen den beiden Zweigen unserer Rasse wird gewiß kommen. Die Kirche, die Presse, die Universitäten der Vereinigten Staaten sind seine eifrigen Verteidiger, der Präsident Mc. Kinley und sein Kabinett allen voran. Keine andere die Nation beschäftigende Frage erfährt von den besten Männern beider Parteien so allgemeine, überzeugte Unterstützung. Es besteht daher kein Grund auf der Welt, warum sich die beiden Nationen nicht wieder mehr und mehr einander nähern sollten. Auf beiden Seiten des Ozeans würde man hinfort besorgt sein, dem anderen Teil keinen Anlaß zu begründeter Unzufriedenheit zu geben, und man kann sich darauf verlassen, daß das, was dem einen anstößig wäre, auch dem anderen mißfallen würde, da Britannien und Amerika von derselben Rasse sind.

Sowohl der Brite wie der Amerikaner können mit der größten Genugtuung bei der Tatsache verweilen, die die jüngsten Ereignisse schlagend bewiesen haben, daß in jedem der beiden Länder ein gewichtiges Element zugunsten des Friedens innerhalb der Rasse herrscht und keine auch noch so starke Regierung im alten oder im neuen Land ein friedliches Schiedsgerichtsverfahren ablehnen kann, wenn es vom andern Teile als ein christlicher Ersatz für die rauhe Probe des Krieges angeboten wird. Es ist dies keine unbeachtliche Entschädigung selbst für die Entfremdung, die aus zwei Fragen hervorgegangen ist, jetzt aber schnell verschwinden und jenes Element in der Republik glücklicherweise unberührt lassen wird, das das internationale Handeln in einer Krisis sicher bestimmen würde – den Rassenstolz, eine Kraft, die zu tief im nationalen Herzen wurzelt, um sich bei ruhiger See zu offenbaren, die sich aber beim letzten Sturmeswehen mit ihrem großen Haupt hoch genug über die Brandung erhob, um von allen gesehen und bemerkt zu werden – ein Fels an einer verhängnisvollen Küste, voller Gefahr für andere Rassen, die sich auf diese unbefahrene See je hinauswagen und gegen diesen Fels vereint ankämpfen sollten.

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