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Das Evangelium des Reichtums.

I.
Das Problem der Verwaltung des Reichtums.

Das Problem unserer Zeit liegt in der rechten Verwaltung des Reichtums, in der harmonischen Vereinigung des Reichen und des Armen durch die Bande der Brüderlichkeit. Die Bedingungen des menschlichen Lebens haben innerhalb der letzten paar Jahrhunderte nicht nur eine Veränderung, sondern eine Umwälzung erfahren. In früheren Zeiten unterschieden sich Wohnung, Kleidung, Nahrung und Umgebung des Herrn wenig von der seiner Dienstmannen. Die Indianer sind heute, wo damals der Kulturmensch war. Als ich die Sioux besuchte, führte man mich zum Wigwam des Häuptlings. Es war den übrigen in der äusseren Erscheinung gleich und hob sich auch im Innern von denen seiner ärmsten Streiter kaum ab. Der Gegensatz zwischen dem Palaste des Millionärs und der Hütte des Arbeiters in unserer Zeit lässt die Veränderung ermessen, die mit der Zivilisation gekommen ist. Diese Veränderung ist jedoch nicht zu beklagen, sondern als höchst nützlich zu begrüssen. Es ist gut, ja wesentlich für den Fortschritt des Menschengeschlechts und besser, daß die Häuser einzelner für alles Höchste und Beste in der Literatur und Kunst und alle Verfeinerungen der Kultur Heimstätten bieten, als wenn es solche überhaupt nicht gäbe. Viel besser diese große Ungleichheit als allgemeiner Unflat. Ohne Reichtum auch keine Mäcenas. Die »guten alten Zeiten« waren keine guten alten Zeiten. Weder Herr noch Diener waren so wohl gestellt wie heute. Ein Rückfall in die alten Zustände wäre unheilvoll für beide, nicht am mindesten für den, der dient, und würde die Zivilisation mit wegfegen. Aber gleichviel, sei der Wandel zum Guten oder Schlechten, er ist da, ist durch unsere Macht nicht abzuändern, und wir müssen ihn darum annehmen und das Beste daraus zu machen suchen. Das Unvermeidliche zu tadeln, wäre Zeitverschwendung.

Wie die Umwandlung gekommen ist, ist leicht ersichtlich. Ein Beispiel wird genügen, jede der einzelnen Wandlungen zu erklären. In der Erzeugung der Güte haben wir die ganze Entwicklung. Sie paßt auf alle Beziehungen menschlicher Betriebsamkeit, wie sie die Erfindungen unseres wissenschaftlichen Zeitalters mit sich gebracht und ausgedehnt haben. Früher wurden die Gegenstände im häuslichen Familienkreise oder in kleinen Werkstätten hergestellt, die einen Teil der Haushaltung bildeten. Der Meister und seine Lehrlinge arbeiteten Seite an Seite, wobei die letzteren bei dem Meister wohnten und daher unter denselben Bedingungen lebten. Wenn diese Lehrlinge zum Meister aufstiegen, trat in ihrer Lebensweise wenig oder kein Wechsel ein, und ihrerseits erzogen sie nun nachfolgende Lehrlinge in dem gleichen, gewohnheitsmässigen Lauf. Es herrschte im wesentlichen gesellschaftliche Gleichheit und selbst politische Gleichheit, denn die in gewerblichen Berufen stehenden hatten damals überhaupt wenig oder gar nichts im Staate zu bedeuten.

Die notwendige Folge einer solchen Herstellungsweise waren grobe Erzeugnisse bei hohen Preisen. Heute erhält die Welt Waren ausgezeichneter Beschaffenheit zu Preisen, die selbst das letzte uns vorangegangene Geschlecht für unmöglich gehalten hätte. Auf dem Gebiete des Handels haben ähnliche Ursachen ähnliche Wirkungen herbeigeführt, und die Menschheit hat den Gewinn davon. Der Arme genießt, was ehedem der Reiche nicht bestreiten konnte. Was Gegenstände des Luxus waren, sind Lebensbedürfnisse geworden. Der Arbeiter hat gegenwärtig mehr Annehmlichkeiten als vor einigen Menschenaltern der Pächter. Der Pächter erfreut sich eines größeren Wohllebens als ehedem der Grundeigentümer, er ist besser gekleidet und wohnt besser. Der Grundeigentümer besitzt kostbarere Bücher und Bilder und eine kunstvollere Einrichtung als sie früher dem König erreichbar waren.

Der Preis, den wir für diese heilsame Veränderung zahlen, ist ohne Zweifel hoch. Wir versammeln in der Fabrik, im Bergwerk Tausende von Handarbeitern, die der Arbeitgeber nur wenig oder nicht kennen kann und denen er kaum mehr ist als ein Held der Sage. Jeder Verkehr zwischen ihnen ist zu Ende. Strenge Kasten haben sich gebildet, und wie gewöhnlich gebiert die gegenseitige Unkenntnis gegenseitiges Mißtrauen. Jede Kaste ist ohne Mitgefühl für die andere und bereit, alles zu glauben, was jene herabsetzt. Die Gesetze des Wettbewerbs zwingen den Arbeitgeber Tausender zu den genauesten Ersparnissen, wobei die für die Arbeit gezahlten Sätze eine hervorragende Rolle spielen, und oft kommt es zur Reibung zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer, zwischen Kapital und Arbeit, zwischen Reich und Arm. Die menschliche Gesellschaft verliert die Homogenität.

Der Preis, den die Gesellschaft dem Gesetze des Wettbewerbs entrichtet, ist wie der Preis, den sie für billige Behaglichkeit und Üppigkeit zahlt, hoch, aber dafür sind die Vorteile dieses Gesetzes noch grösser als seine Kosten – denn diesem Gesetze verdanken wir unsere wundervolle materielle Entwickelung, die die verbesserten Lebensbedingungen im Gefolge führt. Aber, mag das Gesetz eine Wohltat sein oder nicht, es gilt von ihm dasselbe wie von der Veränderung der menschlichen Lebensbedingungen, auf die wir hingewiesen haben: Es ist da, wir können uns ihm nicht entziehen, nichts anderes an seine Stelle setzen, und während es für den Einzelnen manchmal eine Härte sein mag, ist es für die Menschheit das Beste, weil es in jedem Lebenskreise die Erhaltung der Tauglichsten gewährleistet. Wir nehmen daher die große Ungleichheit der Umwelt, die Vereinigung des Geschäfts in Gewerbe und Handel in den Händen weniger und das Gesetz des Wettbewerbs zwischen diesen als etwas für den künftigen Fortschritt der Menschheit nicht nur nützliches sondern wesentliches an und erblicken darin Bedingungen, denen wir uns anzupassen haben. Hieraus folgt, daß für besondere Fähigkeiten des Kaufmanns und Industriellen, der Geschäfte in großem Maßstab zu führen hat, ein weiter Spielraum vorhanden sein muß. Daß solches Organisations- und Verwaltungstalent unter den Menschen selten ist, erhellt aus der Tatsache, daß es seinem Besitzer, gleichviel wo und unter welchen Gesetzen und Bedingungen, stets einen außerordentlich hohen Lohn sichert. Die in Geschäften erfahrenen betrachten in erster Linie stets die Persönlichkeit, die mit ihren Diensten als Gesellschafter gewonnen werden kann, so daß die Frage des Kapitals daneben kaum mehr von Belang bleibt, denn: befähigte Männer schaffen bald Kapital; in den Händen solcher ohne die erforderliche, besondere Gabe verfliegt das Kapital dagegen bald. Solche Männer werden an Firmen und Gesellschaften, die mit Millionen arbeiten, beteiligt, und nimmt man auch nur an, das angelegte Kapital verzinse sich einfach, so ist es doch unausbleiblich, daß ihr Einkommen ihren Aufwand übersteigt, sie infolgedessen Reichtum anhäufen. Auch gibt es nicht irgend eine mittlere Stufe, auf der solche Leute stehen können, weil eine große gewerbliche oder Handelsunternehmung, die nicht wenigstens die Zinsen ihres Kapitals verdient, bald eingeht. Sie muß entweder vorwärts gehen oder zurückbleiben, Stillstand ist unmöglich. Es ist eine wesentliche Bedingung für ihr erfolgreiches Wirken, daß sie soweit gewinnbringend sein, ja sogar, daß sie über die Verzinsung des Kapitals hinaus Gewinn abwerfen muß. Es ist mithin ein ebenso sicheres Gesetz wie irgend eins der oben erwähnten, daß Männer im Besitze dieses besonderen Geschäftstalentes notwendigerweise bald mehr Einkommen beziehen, als eigentlich auf sie entfallen dürfte, und dieses Gesetz ist ebenso nützlich für die Menschheit wie die andern.

Einwendungen gegen die Grundlage, auf denen die Gesellschaft beruht, sind nicht am Platze, weil die Lebensbedingungen der Menschheit mit dieser Grundlage besser sind, als mit irgend welchen andern, die man zu schaffen versucht hat. Der Wirkung neuer vorgeschlagener Ersatzmittel können wir nicht sicher sein. Der Sozialist oder Anarchist, der die gegenwärtigen Verhältnisse umzustürzen sucht, ist als jemand anzusehen, der die Grundlage der Kultur selbst angreift, denn die Kultur ging von dem Tage aus, an dem der fähige, fleißige Arbeiter zu seinem untauglichen und trägen Genossen sagte: »Wenn du nicht säest, sollst du nicht ernten,« und auf diese Weise endete der anfängliche Kommunismus durch die Trennung der Drohnen von den Bienen. Wer darüber nachdenkt, wird sich bald vor die Schlußfolgerung gestellt sehen, daß die Kultur selbst von der Anerkennung des Eigentums abhängt – das Recht des Arbeiters auf seine hundert Dollar in der Sparkasse in gleicher Weise wie das gesetzliche Recht des Millionärs auf seine Millionen. Es muß jedermann gestattet sein »unter seinem eigenen Weinstock und Feigenbaum zu sitzen, ohne jemand fürchten zu brauchen,« wenn die menschliche Gesellschaft fortschreiten oder auch nur den erreichten Stand behaupten soll. Für diejenigen, die diesen starken Individualismus durch den Kommunismus ersetzen wollen, lautet die Antwort: Die Menschheit hat das versucht. Alle Fortschritte aus jenen barbarischen Zeiten bis zur Gegenwart haben sich aus dessen Verdrängung ergeben. Nicht Böses sondern Gutes ist der Menschheit aus der Anhäufung des Reichtums durch diejenigen erwachsen, die die Fähigkeit und Tatkraft besessen haben, ihn hervorzubringen. Aber selbst wenn wir auch nur einen Augenblick zugeben, daß es für die Menschheit besser sein könnte, ihre jetzige Grundlage, den Individualismus zu verwerfen, – daß es ferner ein edleres Ideal für den Menschen sei, nicht für sich selbst allein, sondern innerhalb und zum Nutzen einer Brüderschaft von Genossen zu arbeiten, mit ihnen alles gemeinschaftlich zu teilen und so Swedenborgs Idee vom Himmel zu verwirklichen, wo die Glückseligkeit der Engel, wie dieser sagt, nicht von der Arbeit für sich, sondern für einander herstammt – selbst all dies zugegeben, so bleibt doch immer die Antwort: Dies ist nicht Evolution, sondern Revolution. Es wäre eine Änderung der menschlichen Natur selbst erforderlich – eine Äonenarbeit, selbst wenn die Änderung gut wäre, was man nicht wissen kann.

In unseren Tagen oder unserem Zeitalter ist sie nicht durchführbar. Selbst wenn sie theoretisch wünschenswert ist, gehört sie einer anderen, erst später folgenden soziologischen Ablagerung an. Unsere Pflicht verweist uns auf das, was jetzt und mit den nächsten innerhalb unserer Zeit und Generation möglichen Schritten zu erzielen ist. Es ist sträflich, unsere Kräfte in dem Bemühen zu verschwenden, den ganzen Baum der Menschheit aus den Wurzeln zu reißen, wenn alles, was wir mit Nutzen erreichen können, darin besteht, ihn ein wenig nach der Richtung zu biegen, die der Erzeugung guter Früchte unter den vorhandenen Umständen am günstigsten ist. Ebensogut wie die Ausrottung des Individualismus, des Privateigentums, der Gesetze der Kapitalanhäufung und des freien Wettbewerbs könnten wir die Ausrottung der höchsten auf der Erde vorkommenden Menschengattung betreiben, weil sie unser Ideal zu erreichen verfehlte; denn diese Einrichtungen und Gesetze sind der höchste Erfolg menschlicher Erfahrung, der Boden, auf dem die Gesellschaft bisher die besten Früchte hervorgebracht hat. So ungleich oder ungerecht, wie sie vielleicht zuweilen wirken, und so unvollkommen, wie sie dem Idealisten erscheinen mögen, sind sie nichtsdestoweniger, gleich der höchsten Menschengattung, das beste und wertvollste von allem, was die Menschheit bis jetzt zur Entfaltung gebracht hat.

Wir gehen also von einem Stand der Dinge aus, der den besten Interessen der Menschheit förderlich ist, der Reichtum aber unvermeidlich nur Wenigen bescheert. Insoweit kann man denn die Lage, wenn man die Verhältnisse nimmt wie sie sind, übersehen und als gut bezeichnen. Es erhebt sich nun die Frage – und wenn das Vorhergehende richtig ist, ist es die einzige Frage, mit der wir uns zu befassen haben: Welches ist die richtige Art und Weise, den Reichtum zu verwalten, den die Gesetze, auf welchen die Kultur begründet ist, den Wenigen in die Hände gelegt haben? Und für diese große Frage glaube ich, die richtige, wahre Lösung angeben zu können. Ich schicke voraus, daß im folgenden nur von großen Vermögen die Rede ist, nicht von bescheidenen, in vielen Jahren mühevoll ersparten Summen, deren Erträge zur behaglichen Unterhaltung und zur Erziehung von Familien gebraucht werden. Denn das ist nicht Reichtum, sondern nur hinlängliches Auskommen, und ein solches zu erwerben, sollte im wohlverstandenen Interesse der Gesellschaft das Ziel aller sein.

Es gibt nur drei Formen, über überschüssigen Reichtum zu verfügen. Er kann den Familien der Verstorbenen hinterlassen werden, oder er kann für öffentliche Zwecke vermacht werden, oder endlich, er kann von seinen Besitzern während ihrer Lebzeiten verwaltet werden. In der ersten und zweiten Form ist der meiste Reichtum der Welt, der den Wenigen zugekommen ist, seither verwendet worden. Betrachten wir nacheinander jede dieser Formen. Die erste ist die unverständigste. In monarchischen Ländern werden der Landbesitz und der größte Teil des Vermögens dem ersten Sohne hinterlassen, damit die Eitelkeit des Vaters durch den Gedanken befriedigt wird, daß sein Name und Titel unvermindert auf nachfolgende Generationen übergehen werden. Der heutige Zustand dieser Klasse in Europa lehrt, daß solche Hoffnungen oder solcher Ehrgeiz trügen. Die Nachfolger sind oft durch ihre Torheiten oder durch das Fallen des Bodenwertes verarmt. Selbst in Großbritannien hat man das strenge Gesetz unveräußerlichen Erblehns nicht für geeignet befunden, eine erbende Klasse dadurch weiter zu erhalten. Sein Grund und Boden befindet sich in raschem Übergang in die Hände Fremder. Unter republikanischen Einrichtungen ist die Verteilung des Eigentums an die Kinder ja viel gerechter, aber die Frage, die sich in allen Ländern dem Denkenden aufdrängt, ist die: Warum sollen die Menschen ihren Kindern große Vermögen hinterlassen? Wenn es aus Liebe geschieht, ist es dann nicht eine falsch geleitete Liebe? Die Wahrnehmung lehrt, daß es für die Kinder, allgemein gesprochen, nicht gut ist, wenn man sie mit einer solchen Bürde belastet. Ebensowenig gut ist es für den Staat. Mehr vorzusehen als bescheidene Einkommensquellen für die Frau und die Töchter und sehr bescheidene Beträge, wenn überhaupt welche, für die Söhne, möge man wohl Bedenken tragen, denn es steht außer Frage, daß große hinterlassene Summen oft mehr zum Schaden als zum Nutzen der Empfänger wirken. Weise Leute werden bald den Schluß ziehen, daß solche Vermächtnisse im Hinblick auf das wahre Interesse ihrer Familienglieder wie des Staates einen unrichtigen Gebrauch ihrer Mittel darstellen.

Es ist dies nicht so zu verstehen, daß diejenigen, die es unterlassen haben, ihre Söhne zum Erwerb ihres Lebensunterhaltes zu erziehen, sie aufs geradewohl der Armut preisgeben sollen. Wenn es jemand passend gefunden hat, seine Söhne in der Absicht großzuziehen, daß sie ein träges Leben führen sollen, oder ihnen, was sehr lobenswert wäre, das Gefühl eingeflößt hat, daß sie ohne Rücksicht auf den Geldpunkt für öffentliche Zwecke wirken können, so ist es dann natürlich seine Vaterpflicht, zuzusehen, daß in maßvoller Weise für sie gesorgt ist. Es gibt Beispiele von Millionärssöhnen, die, reich aber durch den Reichtum unverdorben, dem Volke noch große Dienste leisten. Sie sind das wahre Salz der Erde und ebenso wertvoll wie sie leider selten sind. Man muß indessen nicht die Ausnahme, sondern die Regel ins Auge fassen, und ein denkender Mensch, der die gewöhnliche Folge der Übertragung ungeheurer Summen auf Erben betrachtet, muß sich einfach sagen: »Ich möchte meinem Sohne lieber einen Fluch als den allmächtigen Dollar hinterlassen,« und sich selbst eingestehen, daß nicht das Wohl der Kinder, sondern Familienstolz diese Vermächtnisse eingibt.

Was die zweite Form anlangt: den Reichtum beim Tode zu öffentlicher Benutzung zu hinterlassen, so darf man sagen, daß dies ein bloßes Mittel der Verfügung über Reichtum ist, wenn sich jemand begnügt zu warten, bis er tot ist, um in der Welt noch zu etwas gut zu sein. Die Kenntnis der Wirkungen solcher Legate ist nicht dazu angetan, die glänzendsten Hoffnungen zu erwecken, daß durch sie nach dem Tode viel Gutes gestiftet wird. Der Fälle sind nicht wenig, wo der wirkliche, vom Erblasser verfolgte Zweck nicht erreicht wird, auch kommt es nicht selten vor, daß seine wirklichen Wünsche völlig durchkreuzt werden. In vielen Fällen werden die Vermächtnisse so benutzt, daß sie nur zu Denkmälern seiner Torheit werden. Es ist deshalb gut, daran zu erinnern, daß es kein geringeres Geschick erfordert, um Reichtum in einer der Gesamtheit wahrhaft nützlichen Weise zu verwenden, als Reichtum zu erwerben. Außerdem kann man wohl sagen, daß niemand für das zu loben ist, was er schließlich tun muß, auch schuldet ihm das Gemeinwesen, dem er nur beim Tode Reichtum hinterläßt, keinen Dank. Von Leuten, die auf diese Weise unermeßliche Summen hinterlassen, darf man ohne weiteres annehmen, daß sie überhaupt nichts hinterlassen haben würden, wenn sie es hätten mitnehmen können. Ihr Gedächtnis kann nicht in dankbarer Erinnerung bewahrt werden, denn aus ihren Gaben spricht kein Wohlwollen. Man braucht sich nicht zu wundern, daß solchen Vermächtnissen so allgemein der Segen zu fehlen scheint.

Die zunehmende Neigung, großen, beim Tode hinterlassenen Besitz immer höher zu besteuern, ist ein tröstliches Anzeichen dafür, daß sich in der öffentlichen Meinung ein heilsamer Wechsel vollzieht. Der Staat Pennsylvanien nimmt jetzt – mit einigen Ausnahmen – ein Zehntel des von seinen Bürgern hinterlassenen Eigentums. Das dem britischen Parlament kürzlich vorgelegte Budget enthielt den Vorschlag, die Erbschaftssteuern zu erhöhen, und zwar soll die neue Steuer bezeichnenderweise eine abgestufte sein. Von allen Formen der Besteuerung scheint dies die weiseste. Denjenigen, die ihr ganzes Leben lang fortgesetzt große Summen aufhäufen, deren richtige Verwendung zu öffentlichen Zwecken der Gesamtheit, aus der sie hauptsächlich flossen, Nutzen bringen würde, sollte zum Bewußtsein gebracht werden, daß die den Staat bildende Gesamtheit nicht in dieser Weise ihres eigenen Anteils beraubt werden darf. Durch die hohe Besteuerung des Besitzes beim Todesfall bekundet der Staat seine Verurteilung des unwürdigen Lebens selbstsüchtiger Millionäre.

Es wäre wünschenswert, daß die Staaten in dieser Richtung viel weiter gingen. Allerdings ist es schwer, denjenigen Teil des Vermögens eines reichen Mannes zu bestimmen, der bei dessen Tode durch die Vermittlung des Staates dem Gemeinwohl zukommen soll, und auf jeden Fall müßten solche Steuern derart abgestuft werden, daß bescheidne Summen für Dienende befreit bleiben und mit den anschwellenden Beträgen dann eine recht rasche Steigerung eintritt, bis von des Millionärs Schätzen, wie denen Shylocks, wenigstens die andere Hälfte in den geheimen Schrein des Staates fließt. Diese Politik würde dazu beitragen, den Reichen zu bestimmen, der Verwaltung des Reichtums zu Lebzeiten obzuliegen, ein Ziel, welches die Gesellschaft, als das bei weitem Ersprießlichste für das Volk, stets im Auge behalten sollte. Es braucht auch nicht befürchtet zu werden, daß diese Politik den Unternehmungsgeist in seinen Wurzeln untergraben und die Menschen weniger bestrebt zum Geldanhäufen machen würde, denn der Klasse, deren Ehrgeiz es ist, große Vermögen zu hinterlassen um nach dem Tode besprochen zu werden, wird es nur noch mehr Beachtung und eine etwas edlere Genugtuung verschaffen, ungeheure Summen aus ihrem Vermögen dem Staate gezahlt zu haben.

Es verbleibt also nur ein Modus, große Vermögen zu benutzen, aber in ihm besitzen wir das wahre Heilmittel gegen die zeitweilig ungleiche Verteilung des Reichtums, die Aussöhnung der Reichen und Armen – ein Reich der Harmonie, ein neues Ideal, das freilich von dem der Kommunisten abweicht, indem es nur die Weiterentwicklung bestehender Verhältnisse, nicht den gänzlichen Umsturz unserer Kultur verlangt. Es stützt sich auf den gegenwärtigen höchsten Individualismus und die Menschheit ist vorbereitet, es schrittweise praktisch anzuwenden, so oft es Anklang findet. Unter seinen Schwingen werden wir einen idealen Staat haben, in dem der überschüssige Reichtum der Wenigen für das gemeinschaftliche Wohl verwaltet und daher im besten Sinne das Eigentum der vielen andern wird, und dieser Reichtum, der durch die Hände der Wenigen geht, kann eine viel wirksamere Kraft zur Hebung der Menschheit werden, als wenn er in kleinen Summen an das Volk verteilt würde. Selbst die Ärmsten werden sich davon überzeugen lassen und zugeben, daß große Summen, die von einigen ihrer Mitbürger angesammelt und für öffentliche Zwecke ausgegeben worden sind, um der großen Menge zum Vorteil zu gereichen, wertvoller für sie sind, als wenn sie unter ihnen nur in geringfügigen Beträgen im Laufe vieler Jahre verstreut worden wären.

Betrachtet man die Wohltaten, die sich zum Beispiel aus dem Cooper-Institut auf den besten Teil der mittellosen Bevölkerung Newyorks ergießen und vergleicht man sie mit den Vorteilen, die der großen Masse aus einer gleichen, von Mr. Cooper zu seinen Lebzeiten in der Form von Löhnen verteilten Summe entstanden wären – und dies würde, da für getane Arbeit und nicht aus Mildtätigkeit geschehen, die höchste Form der Verteilung gewesen sein – so kann man sich von den Möglichkeiten zur Hebung der Menschheit, die das jetzige Gesetz der Anhäufung von Reichtum birgt, einen Begriff machen. Viel von dieser Summe wäre bei einer Verteilung in kleinen Mengen unter das Volk zu übermäßiger Befriedigung der Eßlust verschwendet worden, und man darf bezweifeln, ob selbst der am besten, nämlich zur Erhöhung der häuslichen Behaglichkeit angewandte Teil für die Menschheit als solche Erfolge gezeitigt hätte, die denen, welche dem Cooper-Institut entspringen und von Generation zu Generation noch entspringen sollen, überhaupt vergleichbar sind. Die Verfechter eines gewaltsamen Wechsels von Grund auf mögen diesen Gedanken wohl erwägen.

Man könnte sogar so weit gehen, ein anderes Beispiel zu nehmen, dasjenige Mr. Tildens Vermächtnisses von fünf Millionen Dollar für eine freie Bibliothek in der Stadt Newyork; aber mit Bezug darauf muß man sich unwillkürlich sagen: Wie viel besser wäre es gewesen, hätte Mr. Tilden die letzten Jahre seines eigenen Lebens der richtigen Verwaltung dieser unermeßlichen Summe gewidmet, da dann weder Rechtsstreitigkeiten noch sonstige Verzögerungsgründe die Verwirklichung seiner Ziele hätten stören können. Nehmen wir indessen an, daß Mr. Tildens Millionen schließlich noch dazu dienen werden, unserer Stadt eine prächtige öffentliche Bibliothek zu geben, wo die in Büchern enthaltenen Schätze der Welt jedermann unentgeltlich und kostenlos immerdar offenstehen sollen. Erwägt man das Wohl jenes Teiles der Bevölkerung, der sich in und um Manhattan Island befindet, so entsteht die Frage: Wäre sein dauernder Vorteil besser gefördert worden, wenn man diese Millionen in kleinen Summen durch die Hände der großen Masse hätte laufen lassen? Selbst der eifrigste Verteidiger des Kommunismus muß dies bezweifeln. Die meisten derjenigen, die nachdenken, werden nicht den geringsten Zweifel hegen.

Unser Wirken in diesem Leben ist armselig und beschränkt, unser Gesichtskreis eng und unsere beste Arbeit höchst unvollkommen, aber die Reichen sollten für eine unschätzbare Gnade dankbar sein. Es steht in ihrer Macht, sich während ihres Lebens mit Eifer der Schaffung von Wohltaten zu weihn, aus der die große Masse ihrer Mitmenschen dauernd Vorteil ziehen wird, und auf diese Weise ihr eigenes Leben mit Würde zu umkleiden. Das höchste Lebensideal ist wohl nicht durch eine solche Nachahmung des Lebens Christi zu erreichen, wie sie uns Graf Tolstoi zeigt, sondern dadurch, daß wir, von Christi Geist beseelt, die veränderten Bedingungen unseres Zeitalters gleichwohl anerkennen und diesen Geist in neuen, unsern heutigen Verhältnissen angepaßten Formen Ausdruck finden lassen, um unausgesetzt, wie dies das Wesen seines Lebens und seiner Lehre ausmachte, zum Besten unserer Mitmenschen zu wirken, sei es auch in einer anderen Art und Weise.

Als Pflicht des reichen Mannes ist es demnach zu erachten, daß er unter Vermeidung von Pomp und Übertreibung ein Beispiel bescheidenen, prunklosen Lebens gibt, maßvoll für die berechtigten Bedürfnisse der von ihm abhängigen sorgt und hiernach alle ihm zufallenden, überschießenden Einkünfte bloß als anvertraute Fonds betrachtet, welche er zu verwalten berufen und pflichtgemäß so zu verwalten gebunden ist, wie es ihm für das Wohl der Gesamtheit am geeignetsten erscheint. Der Mann mit Reichtum wird dadurch der bloße Bevollmächtigte und Vertreter seiner ärmeren Brüder, indem er seine höhere Einsicht und Erfahrung und sein Verwaltungstalent in ihren Dienst stellt und für sie besseres vollbringt, als sie für sich selber vollbringen würden und könnten.

Wir stoßen hier auf die Schwierigkeit zu bestimmen, was den Familienmitgliedern zu hinterlassende Summen sind, was bescheidnes, prunkloses Leben ist, was das Merkmal der Verschwendung bildet. Die Antwort lautet, daß es ebenso unmöglich ist, dafür bestimmte Beträge oder Handlungen zu bezeichnen, wie es unmöglich wäre, den Begriff des guten Tones, des guten Geschmackes oder die Regeln der Schicklichkeit zu bestimmen; nichtsdestoweniger sind dies zwar unbestimmte, aber wohlbekannte Normen, deren Übertretung die öffentliche Meinung rasch erkennt und empfindet. Ebenso in dem Falle des Reichtums. Die Regel hinsichtlich des guten Geschmackes in der Männer- oder Frauenkleidung findet hier Anwendung. Was jemanden nur hervorragen lassen soll, verletzt den Kanon. Wenn eine Familie hauptsächlich wegen ihres Aufwandes, wegen ihrer Verschwendung für Wohnung, Tafel oder Kleidung, wegen großer zu sonstigen Zwecken prahlerisch ausgegebener Summen bekannt ist und dies ihre Hauptvorzüge sind, hält es nicht schwer, ihre Art und ihren Bildungsstand zu beurteilen. Ebenso steht es auch hinsichtlich des Gebrauchs oder Mißbrauchs ihres überschüssigen Reichtums, hinsichtlich der großmütigen, freigebigen Mitwirkung für öffentliche Zwecke, hinsichtlich der unablässigen Bemühungen, bis zuletzt Geld anzuhäufen und Schätze zu sammeln und hinsichtlich deren Verwaltung oder Hinterlassung. Das Urteil bleibt dem besten Empfinden und der aufgeklärtesten Meinung der Öffentlichkeit überlassen. Die Gesamtheit wird sicherlich ihr Urteil fällen, und ihre Urteile werden nicht oft falsch sein.

Die besten Anwendungen, die überschüssiger Reichtum finden kann, sind schon angedeutet worden. Diejenigen, welche solchen weise verwalten wollen, müssen allerdings selbst weise sein, denn eines der ernstlichsten Hindernisse für die Hebung der Menschheit ist unterschiedlose Mildtätigkeit. Es wäre besser für die Menschheit, daß die Millionen der Reichen ins Wasser geworfen würden als daß sie ausgegeben werden, die Faulen, die Trunksüchtigen, die Unwürdigen zu unterstützen. Von jedem heute zu sogenanntem Liebeswerk ausgegebenen Tausend Dollar werden wahrscheinlich neunhundertfünfzig unklug ausgegeben, so ausgegeben fürwahr, daß sie gerade die Übel, die sie mildern oder heilen sollen, erst hervorrufen. Ein bekannter philosophischer Schriftsteller gestand neulich, daß er einen Vierteldollar einem Mann gegeben hatte, der sich ihm genähert hatte, als er das Haus eines Freundes betreten wollte. Er wußte nichts von der Lebensweise dieses Bettlers, kannte nicht den Gebrauch, den jener von seinem Gelde machen würde, obgleich er allen Grund hatte, zu befürchten, daß es in ungeeigneter Weise ausgegeben werden würde. Dieser Mann bekannte sich als Schüler Herbert Spencers, der jenen Abend hingegebene Vierteldollar dürfte aber mehr Unheil anrichten, als all das Geld Gutes wirken wird, welches sein gedankenloser Geber jemals in wahrer Nächstenliebe wird hergeben können. Er befriedigte lediglich seine eigenen Gefühle, ersparte sich Verdruß – und dies war jedenfalls eine der selbstsüchtigsten und schlechtesten Handlungen seines Lebens, denn in allen Beziehungen ist er sonst höchst schätzenswert.

Bei der Ausübung von Mildtätigkeit sollte die hauptsächlichste Erwägung sein: denen zu helfen, die sich selbst helfen wollen; einen Teil der Mittel zu beschaffen, durch die diejenigen, die sich zu vervollkommnen wünschen, dies können; denen, die aufzusteigen wünschen, den Beistand zu leisten, durch den sie sich zu erheben vermögen: aber selten oder niemals, alles zu tun. Weder der einzelne noch die Menschheit wird durch Almosengeben verbessert. Von den der Unterstützung würdigen wird, außer in ungewöhnlichen Fällen, Unterstützung selten gefordert. Die wirklich nützlichen Glieder der menschlichen Gesellschaft werden es nie tun, außer im Falle des Unglücks oder eines plötzlichen Wechsels der Verhältnisse. Jedermann hat natürlich Fälle einzelner selbst erfahren, wo vorübergehende Unterstützung in Wirklichkeit gut sein kann, und an solchen Fällen wird man nicht vorbeigehen. Aber der Betrag, der von einzelnen für einzelne vernünftigerweise hingegeben werden darf, ist durch die mangelnde Kenntnis der Umstände, die sich an jede Person knüpfen, notwendigerweise begrenzt. Der ist der wahre Verbesserer, der ebenso bedacht und bestrebt ist, den Unwürdigen nicht zu helfen, wie den Würdigen zu helfen, das erstere vielleicht noch mehr, denn im Almosengeben wird wahrscheinlich durch Belohnung des Lasters mehr Unrecht als durch Erleichterung der Tugend Gutes getan.

Der Reiche ist sonach fast darauf beschränkt, dem Beispiel der Peter Cooper, Enoch Pratt in Baltimore, Mr. Pratt in Brooklyn, Senator Stanford und anderer zu folgen, die es als bestes Mittel der Förderung der Allgemeinheit erachten, eine Leiter bereit zu stellen, auf der die Aufstrebenden emporsteigen können: freie Bibliotheken, öffentliche Anlagen und Erholungsstätten, durch die dem Menschen körperlich und geistig geholfen wird; Kunstwerke, die gewisse Freude gewähren und den allgemeinen Geschmack veredeln; öffentliche Einrichtungen mannigfacher Art, die die allgemeine Lage des Volkes verbessern, damit so ihr überflüssiger Reichtum an die Masse ihrer Mitmenschen in geeigneten Formen zurückkehre, um dauernd Segen zu spenden.

So ist das Problem des »Reich und Arm« zu lösen. Den Gesetzen der Anhäufung muß Raum gelassen werden, ebenso den Gesetzen der Verteilung. Der Individualismus wird fortbestehen, der Millionär wird jedoch nur noch ein Bevollmächtigter für die Armen sein, dem ein großer Teil des angewachsenen Reichtums der Gesamtheit auf eine Zeitlang anvertraut ist, der diesen aber für die Gesamtheit weit besser verwaltet, als sie es selber gekonnt oder gewollt hätte. Die Entwicklung der Menschheit und der menschlichen Gedanken und Ansichten wird eine Stufe erreichen, auf der keine Form der Verfügung über überflüssigen Reichtum für denkende und ernste Männer, in deren Hände er fließt, mehr als ehrenvoll gelten wird außer der, ihn Jahr für Jahr fürs allgemeine Wohl zu verwenden. Dieser Tag dämmert schon. Es kann jemand, ohne sich dem Mitleid seiner Mitmenschen auszusetzen, als Teilhaber großer geschäftlicher Unternehmungen sterben und zu öffentlichen Zwecken Kapitalien hinterlassen, die jenen Unternehmungen vorher nicht entzogen werden konnten oder nicht entzogen worden sind; dagegen ist der Tag nicht mehr fern, wo derjenige, der unter Hinterlassung von Millionen verfügbaren Reichtums stirbt, welche ihm zu Lebzeiten zu freier Verwaltung zu Gebote standen, »unbeweint, ungeehrt und unbesungen« hinscheiden wird, gleichviel zu welchem Gebrauch er die Schlacke, die er nicht mit sich nehmen kann, hinterläßt. Über solche Leute wird dann das Urteil lauten: »Wer so reich stirbt, stirbt entehrt.«

Dies ist meiner Meinung nach das wahre Evangelium in betreff des Reichtums. Der ihm schuldige Gehorsam ist bestimmt, dereinst das Problem der Reichen und Armen zu lösen und »Friede auf Erden, den Menschen Wohlgefallen« zu bringen.

II.
Das beste Feld für Menschenliebe.

Während »Das Evangelium des Reichtums« diesseits des Ozeans eine herzliche Aufnahme gefunden hat, hat es im Mutterland natürlich insofern mehr Erörterungen veranlasst, als die ältere Kultur schon deutlicher vor sozialen Fragen steht. Der Gegensatz zwischen den Klassen und den Volksschichten, zwischen Reich und Arm, ist auf unserm weiten, fruchtbaren und aufblühenden Kontinent mit weniger als zwanzig Bewohnern auf die Quadratmeile noch nicht ganz so scharf wie in dem dichtbevölkerten kleinen Britannien mit der fünfzehnfachen Zahl und keinem unbebauten Land. Am markigsten drückt vielleicht die »Pall Mall Gazette« in ihrer Nummer vom 5. September die Einwürfe aus, die gegen das erhoben worden sind, was den Engländern beliebt hat, »Das Evangelium des Reichtums« zu nennen. Der Artikel erschien ursprünglich unter dem Titel »Reichtum«. Sie schreibt: »Große Vermögen, sagt Mr. Carnegie, sind ein großer Segen für ein Gemeinwesen, weil die und die Dinge damit getan werden können. Gut, aber sie sind auch ein großer Fluch, denn das und das wird damit getan. Mr. Carnegies Lehre wird, in anderen Worten, durch Mr. Benzons Anwendung gänzlich umgestoßen. Das Evangelium des Reichtums wird durch die Taten zunichte.«

Die Erwiderung hierauf scheint einleuchtend: Das Evangelium des Christentums wird auch durch die Taten zunichte. Derselbe Einwurf, der gegen das Evangelium des Reichtums vorgebracht wird, richtet sich gegen das Gebot »Du sollst nicht stehlen«. Es ist kein Beweis gegen ein Evangelium, daß nicht darnach gelebt wird, es ist dies vielmehr ein Beweis zu seinen Gunsten, denn ein Evangelium muß höher stehen als die herrschende Norm. Es ist kein Beweis gegen ein Gesetz, dass es übertreten wird: in jenem Ungehorsam liegt der Grund für die Schaffung und Erhaltung des Gesetzes; das Gesetz, das nie verletzt wird, ist nie vonnöten.

Der denkwürdigste Vorfall in betreff des »Evangeliums des Reichtums« war zweifellos, dass es das günstige Geschick hatte, die Aufmerksamkeit Mr. Gladstones auf sich zu lenken und ihn zu folgender Mitteilung zu veranlassen: »Ich habe Mr. Lloyd Brice (»North American Review«) gebeten, hier gütigst den Abdruck des äußerst interessanten Artikels über »Reichtum« von Mr. Andrew Carnegie zu gestatten, der eben in Amerika erschienen ist.« Es folgte darauf die Veröffentlichung des Artikels in mehreren Zeitungen und Zeitschriften, und ein unternehmender Verleger gab ihn als eine mit Genehmigung Mr. Gladstone gewidmete Flugschrift heraus.

All dies ist im höchsten Maße ermutigend, da es doch beweist, daß die Gesellschaft auf die große in Frage stehende Entwickelung achtsam und in einer empfänglichen Stimmung ist. Ihr Ersuchen, Herr Herausgeber, ich möchte über den Gegenstand fortfahren und für den Gebrauch des überflüssigen Reichtums das beste Feld bezeichnen, darf als ein weiterer Beweis dafür gelten, daß die verkündeten Ideen, gleichviel, ob man sie anerkennen oder verwerfen wird, sicherlich wenigstens Hörer finden.

Der erste Artikel behauptete, daß es nur einen richtigen Modus gibt, unermeßliche Vermögen nutzbar zu machen – nämlich, daß die Besitzer sie von Zeit zu Zeit während ihres eigenen Lebens zur Förderung des beständigen Wohles der Gemeinwesen verwenden sollen, aus denen sie gewonnen wurden. Es wurde behauptet, daß die öffentliche Meinung von einem, der im Besitz von Reichtum stürbe, über den er frei hätte verfügen können, bald sagen würde: »Wer so reich stirbt, stirbt entehrt.«

Der Zweck des vorliegenden Aufsatzes ist, für die Erfüllung dieser Pflicht der Verwendung überschüssigen Reichtums zum Volkswohle einige der besten Methoden zu zeigen. Das erste Erfordernis für einen wahrhaft guten Gebrauch des Reichtums durch den Millionär, der das Evangelium angenommen hat, welches ihn zum bloßen Verwalter des ihm zufallenden Überschusses erklärt, geht dahin, daß die Zwecke, wozu er ihn ausgibt, für die Empfänger nichts erniedrigendes, almosenartiges haben, sondern daß sein Pfand in einer Weise verwaltet wird, die die besten und strebsamsten Armen der Gemeinde zu weiteren Anstrengungen nach eigener Vervollkommnung anspornt. Es sind nicht die unrettbar Entblößten, Unanstelligen und Geringwertigen, die auffinden und heben zu wollen für den einzelnen wirklich nützlich oder wirklich wohltätig ist. Für sie ist die Zuflucht vorhanden, die die Stadt oder der Staat bieten, wo sie beherbergt, beköstigt, gekleidet und in behaglichem Dasein erhalten werden und wo sie vor allen Dingen von den tüchtigen und fleißigen Armen getrennt gehalten werden können, die die Berührung mit jenen Unglücklichen der Entsittlichung aussetzen würde. Ein einziger Mann oder ein einziges Weib, dem es gelingt, behäbig vom Betteln zu leben, ist der Gesellschaft gefährlicher und für den Fortschritt der Menschheit ein größeres Hindernis als zwanzig wortreiche Sozialisten. Der individuelle Verwalter überflüssigen Reichtums hat die Fleißigen und Ehrgeizigen in seiner Obhut, nicht jene, die alles für sich getan zu sehn wünschen, sondern diejenigen, die am bestrebtesten und fähigsten sind, sich selbst zu helfen, die Unterstützung verdienen und aus der Hilfe anderer und der Erleichterung ihres Fortkommens durch den Beistand der menschenfreundlichen Reichen Vorteil ziehen werden.

Man muß sich immer vergegenwärtigen, daß eines der Haupthindernisse, denen der Menschenfreund in seinem Bestreben, wirklich und dauernd in dieser Welt Gutes zu tun, begegnet, die Gewohnheit unterschiedlosen Gebens ist. Pflicht des Millionärs ist, sich zu entschließen, nichts mehr für Dinge zu geben, von denen ihm nicht zur Genüge erwiesen dünkt, daß sie es verdienen. Er muß der Ansicht Mr. Ricés eingedenk bleiben, daß neunhundertundfünfzig von jedem Tausend Dollar, das heutzutage zu sogenanntem Liebeswerk gespendet wird, besser ins Wasser geworfen würden. So weit sich meine Erfahrung mit Reichen erstreckt, ist es unnötig sie zu drängen, von ihrem Überfluß in sogenannter Nächstenliebe zu geben. Größerer Nutzen für die Menschheit ist zu erreichen, wenn man sie veranlaßt, mit unüberlegtem und schädlichem Geben aufzuhören. In der Regel sind die Sünden der Millionäre in dieser Beziehung nicht Unterlassungs-, sondern Begehungssünden, weil sie sich nicht die Zeit nehmen nachzudenken und hauptsächlich weil es viel leichter ist zu geben, als zu verweigern. Diejenigen, die überflüssigen Reichtum besitzen, geben jährlich Millionen, die mehr Böses als Gutes stiften und tatsächlich den Fortschritt des Volkes aufhalten, weil die meisten der heute beliebten Formen, an der Menschheit Wohltaten zu üben, nur darauf gerichtet sind, unter den Armen einen Geist der Abhängigkeit von Almosen zu verbreiten, während es doch für den Fortschritt gerade wesentlich ist, daß ihnen Vertrauen in ihre eigenen, selbständigen Kräfte eingeflößt wird. Der geizige Millionär, der seinen Reichtum zusammenscharrt, schädigt die Gesellschaft weniger als der sorglose Millionär, der den seinigen unklug vergeudet, selbst wenn er dies unter dem Deckmantel heiliger Nächstenliebe tut. Wer dem einzelnen Bettler gibt, begeht ein schweres Unrecht, aber es gibt auch viele um Almosen bittende Vereine und Anstalten, denen zu helfen der Gesamtheit um nichts weniger schädlich ist. Sie sind ebenso verderblich wie einzelne Bettler. Plutarchs »Moralia« enthält folgende Lektion: Als ein Bettler ein Almosen von einem Lacedämonier verlangte, sagte dieser: »Wohlan! würde ich Dir etwas geben, so würdest Du ein noch größerer Bettler sein, denn wer Dir zuerst Geld gab, machte Dich faul und ist die Ursache dieser niedrigen und schimpflichen Lebensweise.« Wie ich sie kenne, gibt es wenige Millionäre, sehr wenige fürwahr, die von der Sünde, Bettler gemacht zu haben, rein sind.

Indem wir diese Erwägungen im Gedächtnis behalten, wollen wir nun versuchen, einige der besten Zwecke anzuführen, denen ein Millionär den Überfluß weihen kann, als dessen bloßen Verwalter er sich zu betrachten hat.

Erstens. Für sich steht die Gründung einer Universität durch ungeheuer reiche Leute, durch solche Leute, wie es in jedem Lande notwendigerweise nur wenige geben kann. Vielleicht ist die größte von einem einzelnen zu irgend einem Zweck jemals gespendete Summe die Schenkung des Senators Stanford, der es unternimmt, an der pazifischen Küste, wo er sein unermeßliches Vermögen erwarb, eine vollständige Universität zu errichten, die einen Aufwand von zehn Millionen Dollar umfassen soll und für die er voraussichtlich zwanzig Millionen seines Überflusses hergeben wird. Er ist zu beneiden. In tausend Jahren wird ein Redner, der seinen Ruhm an den dann von Menschen wimmelnden Küsten des Großen Ozeans verbreiten wird, Griffith's Lobpreisung Wolsey's folgendermaßen anwenden können:

Im Schenken, edle Frau
War er ein König. Ein steter Zeuge für ihn
Dieser Tempel der Erkenntnis, …
noch nicht vollendet zwar, doch schon voll hohen Ruhms,
Ein Werk so hehrer Kunst, noch wechselnd, sich erhebend,
Auf daß die Christenheit sein ewig Lob verkünde.

Hierin liegt ein edler Gebrauch des Reichtums. Wir haben viele solche Institute – Johns Hopkins, Cornell, Packer und andere – aber die meisten von ihnen sind nur vermacht worden, und man kann unmöglich jemand sehr darum loben, daß er bloß hinterläßt, was er nicht mitnehmen kann. Cooper und Pratt und Stanford und andere dieser Kategorie verdienen für die auf ihre Denkmäler zu Lebzeiten verwendete Zeit und Mühe die gleiche Verehrung und Bewunderung wie für ihre Geldopfer.

Wir können nicht von der pazifischen Küste sprechen, ohne an ein anderes wichtiges Werk anderer Natur zu denken, das dort kürzlich geschaffen worden ist – das Lick-»Observatorium.« Wenn sich ein Millionär für das veredelnde Studium der Astronomie interessiert – und es sollten und würden dies manche tun, wenn sie auf diesen Gegenstand ein wenig ihr Augenmerk richteten – so findet er hier ein Beispiel, das wohl befolgt werden könnte, denn die Fortschritte in astronomischen Instrumenten und Geräten sind so groß und so stetig, daß eigentlich alle paar Jahre einer der Sternwarten auf unserm Festlande ein neues Teleskop geschenkt werden könnte, da das letzte doch stets das größte und beste ist und die Kenntnis des Weltalls und unsrer Stellung in ihm hier auf der Erde gewiß immer weiter führen wird. Als eine unter den vielen guten Taten des verstorbenen Mr. Thaw in Pittsburg mag seine beständige Unterstützung der dortigen Sternwarte erwähnt sein. Diese Sternwarte setzte den Professor Langley in die Lage, seine wunderbaren Entdeckungen zu machen. Er steht jetzt an der Spitze des Smithsonian-Instituts, als würdiger Nachfolger Professor Henry's. In Verbindung mit ihm stand Mr. Braeshier in Pittsburg, dessen Instrumente sich in den meisten der wichtigeren Sternwarten der ganzen Welt befinden. Er war ein gewöhnlicher Mühlenbauer, Mr. Thaw erkannte aber sein Genie und war durch schwierige Zeiten hindurch seine Hauptstütze. Dieser gewöhnliche Arbeiter ist von einer der vornehmsten wissenschaftlichen Körperschaften der Welt zum Professor ernannt worden. Indem er einen Teil seines Überflusses benutzte, diesen beiden jetzt berühmten Männern zu helfen, tat der Millionär Thaw ein edles Werk. Ihre vereinte Arbeit hat ihrem Vaterlande große Ehre gemacht und wird ihm in allen Stätten wissenschaftlichen Lebens auf der ganzen Erde fortgesetzt zur Ehre gereichen.

Es ist sehr wenigen vergönnt, Universitäten zu gründen, und ein Bedürfnis nach vielen neuen Universitäten oder überhaupt welchen besteht auch gar nicht. Mehr Gutes kann hinfort durch Ergänzung und Erweiterung der vorhandenen vollbracht werden. In dieser Beziehung bleibt aber dem Millionär im Unterschied zu dem Krösus unter den Millionären ein weites Feld. Die Schenkungen an die Yale-Universität sind zahlreich gewesen, doch ist Raum genug da für andere. Die von Mr. Street gegründete School of Fine Arts, die von Mr. Sheffield dotierte Sheffield Scientific School und Professor Loomis' Fonds für die Sternwarte sind schöne Beispiele. Mrs. C. J. Osbornes Lese- und Vortragsräume sind als weises Geschenk einer Frau mit besonderer Freude zu betrachten. Die Harvard-Universität ist nicht vergessen worden; das Peabody-Museum und die Hallen der Wells, Matthews und Thayer mögen nur genannt sein. Die Sever Hall ist insofern besonderer Erwähnung wert, als sie zeigt, was ein Genie wie Richardson mit der kleinen Summe von hunderttausend Dollar vermochte. Die Vanderbilt-Universität in Nashville, Tennessee, kann als eine echte Frucht des Evangeliums des Reichtums angeführt werden. Sie wurde von den Mitgliedern der Familie Vanderbilt zu deren Lebzeiten erbaut – man beachte diesen wesentlichen Punkt, zu deren Lebzeiten, denn was von einem beim Tode hinterlassen wird, zählt nicht viel. Solche Summen werden ihm entrissen, nicht von ihm gespendet. Wenn ein Millionär in Verlegenheit ist, wie er mit seinem Überfluß Großes und unbestreitbar gutes vollbringen kann, eröffnet sich ihm hier ein Feld, das nie ganz ausgefüllt sein wird, da die Bedürfnisse unserer Universitäten mit der Entwicklung des Landes wachsen.

Zweitens. Das Ergebnis meiner eigenen Prüfung der Frage: Was ist die beste Gabe, die einem Gemeinwesen gegeben werden kann? lautet, daß eine freie Bibliothek die erste Stelle einnimmt, vorausgesetzt, daß das Gemeinwesen sie annehmen und als eine öffentliche Einrichtung erhalten will, die wie die öffentlichen Schulen und gewissermaßen im Anschluß an diese einen Teil des städtischen Eigentums darstellt. Es ist wohl möglich, daß mich meine eigene persönliche Erfahrung dazu geführt haben mag, eine freie Bibliothek über alle anderen Formen der Wohltätigkeit zu schätzen. Als ich ein Arbeitsbursche in Pittsburg war, öffnete uns Knaben der Oberst Anderson in Alleghany – ein Name, den ich nie ohne Gefühle anhänglicher Dankbarkeit aussprechen kann – seine kleine Bibliothek von vierhundert Büchern. Jeden Sonnabend Nachmittag war er in seiner Wohnung anwesend, um Bücher umzutauschen. Niemand als der, welcher es selbst empfunden hat, kann sich die große Sehnsucht vorstellen, mit der die Ankunft des Sonnabends erwartet wurde, wo ein neues Buch zu haben war. Mein Bruder und Mr. Phipps, die seitdem im Leben meine Hauptgeschäftsteilhaber geworden sind, genossen gemeinschaftlich mit mir Oberst Andersons schätzbare Großmut, und schon damals, während wir in den Schätzen schwelgten, die er uns erschloß, faßte ich den Entschluß, wenn mir je Reichtum zufallen sollte, ihn zur Errichtung freier Bibliotheken zu benutzen, damit andern armen Jungen eine ähnliche Gelegenheit geboten werden möchte, wie die, welche wir jenem edlen Manne verdankten.

Großbritannien ist mit der Würdigung des Wertes freier Bibliotheken für sein Volk vorangegangen. Sein Parlament schuf ein Gesetz, das allen Städten erlaubte, solche als städtische Anstalten zu errichten und zu erhalten; wenn die Einwohner irgend einer Stadt beschlossen, die Fürsorge des Gesetzes anzunehmen, waren die Behörden ermächtigt, die Gesamtheit bis zum Betrage eines Penny auf das Pfund der Veranlagung zu besteuern. Die meisten Städte haben unter diesem Gesetz bereits freie Bibliotheken. Viele darunter sind Schenkungen reicher Leute, deren Gelder für das Gebäude und in einigen Fällen auch für die Bücher verwendet worden sind, während man von den Gemeinden die Erhaltung und Entwicklung der Büchereien verlangt. Und diesem wesentlichen Punkt schreibe ich den meisten Nutzen zu. Eine dotierte Anstalt wird leicht die Beute einer Clique. Das Publikum hört auf, Interesse daran zu nehmen, oder richtiger, gewinnt nie Interesse dafür. Die Regel, die die Empfänger nötigt, sich selbst zu helfen, ist dann verletzt. Es ist alles für die Gesamtheit getan worden, anstatt daß man ihr nur geholfen hat, sich selbst zu helfen, und selten entstehen daraus gute Folgen.

In unserm Lande sind viele freie Bibliotheken errichtet worden, aber keine daß ich wüßte mit solcher Einsicht, wie die Pratt-Bibliothek in Baltimore. Mr. Pratt baute und schenkte die Bibliothek der Stadt Baltimore unter Überreichung der Bilanz; die Gesamtkosten betrugen eine Million Dollar, auf die er seitens der Stadt die Zahlung von fünf v. H., fünfzigtausend Dollar jährlich, an Vertrauensmänner für die Erhaltung und Weiterentfaltung der Bibliothek und ihrer Zweiganstalten verlangte. Im Jahre 1888 wurden 430 217 Bücher ausgeliehen; 37 196 Personen von Baltimore sind in den Listen als Leser eingetragen. Und man kann sicher sagen, daß 37 000 Besucher der Pratt-Bibliothek Baltimore, dem Staate und dem Lande von größerem Werte sind, als alle die untätigen, faulen und hoffnungslosen Armen innerhalb der ganzen Nation. Und es darf weiter sicher behauptet werden, daß Mr. Pratt für den natürlichen Fortschritt des Volkes, indem er 37 000 sehnsüchtig danach verlangenden Leuten Bücher bereit stellte, mehr getan hat als alle Beiträge von Millionären und Wohlhabenden, mit denen versucht worden ist, denen zu helfen, die sich selbst nicht helfen können oder wollen. Der eine weise Verwalter seines Überflusses hat einen befruchtenden Strom auf den Boden gegossen, der bereit war, ihn zu empfangen und ein Hundertfaches wiederzugeben. Die vielen Verschwender haben ihre Ströme nicht nur in Siebe gegossen, die nie gefüllt werden können, nein, sie haben schlimmeres getan: sie haben sie in stockende Kloaken gegossen, die die Krankheiten gebären, welche den Körper der Gesellschaft am meisten heimsuchen. Und das ist nicht alles. Die Million Dollar, von der Mr. Pratt einen so großen Gebrauch gemacht hat, sind etwas, aber es ist noch etwas Größeres dabei. Als die fünfte Zweig-Bibliothek in Baltimore eröffnet wurde, sagte der Redner:

Was auch immer in diesen vier Jahren getan worden sein mag, so ist es mir doch eine Freude, zu bekennen, daß viel, sehr viel dem ernsten Interesse, den weisen Ratschlägen und den praktischen Winken Mr. Pratts zu verdanken ist. Er schien nie zu meinen, daß die bloße Schenkung eines großen Vermögens für die Wohlfahrt seiner Mitbürger alles sei, was von ihm verlangt würde, sondern arbeitete mit großer Einsicht daran, die Verwendung der Mittel so vielseitig und wirksam wie möglich zu gestalten. Er erleichterte so beständig Lasten, die zuweilen sehr schwer waren, brachte Frohsinn und hellen Sonnenschein, wenn Wolken über den Himmel zogen und erweckte in jedem Beamten und Angestellten das Gefühl, daß gute Arbeit Anerkennung und treue Pflichterfüllung warmes Lob finden würden.

Es ist dies das schönste Bild, das ich von einem Angehörigen der Millionärklasse je gesehen habe. Wie hier geschildert, ist Mr. Pratt der ideale Schüler des Evangeliums des Reichtums. Wir brauchen nicht zu fürchten, daß die Masse der sich abmühenden verfehlen wird, in Leuten wie er ihre besten Führer und unschätzbaren Verbündeten zu erblicken, denn das Problem der Armut und des Reichtums, des Arbeitgebers und des Arbeitnehmers wird praktisch gelöst sein, sobald die Zeit der Wenigen und ihr Reichtum während ihres Lebens zum Besten jenes Teiles der Gesamtheit hergegeben und verwaltet werden, der nicht mit der Verantwortung beladen worden ist, die den Besitz von Reichtum begleitet. Wir werden keinen Widerstreit der Klassen mehr haben, wenn jener Tag kommt, denn der Hochgestellte und der Niedrige, der Reiche und der Arme werden dann tatsächlich Brüder sein.

Kein Millionär wird beim Suchen nach einer der besten Formen für die Anwendung seines Überflusses fehlgehen, wenn er die Errichtung einer Freibibliothek in irgend einer Gemeinde wählt, die sie erhalten und entwickeln will. John Bright's Worte sollten in seinen Ohren klingen: »Es ist niemandem möglich, jungen Leuten einen größeren Vorteil zu gewähren als denjenigen, ihnen in einer freien Bibliothek Zugang zu Büchern zu verschaffen.« Eng verbunden und womöglich in unmittelbarem Zusammenhang mit der Bücherei sollten sich Räumlichkeiten für eine Kunstgalerie und ein Museum und eine Halle für Vorlesungen und Übungen befinden, wie solche in der Cooper Union vorgesehen sind. Der Reisende auf dem Kontinent ist überrascht zu finden, daß jede Stadt von Bedeutung ihre Kunstgalerie und ihr Museum hat; diese mögen groß oder klein sein, bieten aber doch in jedem Fall eine Aufnahmestätte für die Schätze des Ortes, an der beständig wertvolle Geschenke und Vermächtnisse untergebracht werden. Die Freibibliothek und Kunstgalerie in Birmingham sind als solche Anstalten bemerkenswert und hier und da vermehrt ein reicher Mann ihren Wert, indem er Bücher, schöne Bilder und andere Kunstwerke schenkt. Alles was unsere Städte zu Anfang brauchen, ist ein geeignetes feuerfestes Gebäude. Ihre Bürger, die reisen, werden aus allen Teilen der Welt, die sie besuchen, seltene und kostbare Dinge einsenden, während die Daheimbleibenden etwas aus ihren Schätzen geben oder vermachen werden. Auf diese Weise werden Sammlungen heranwachsen, bis sich unsere Städte schließlich ständiger Ausstellungen werden rühmen können, aus denen ihre eignen Bürger unberechenbaren Nutzen ziehen und die sie den Fremden mit Stolz zeigen werden. In dem Metropolitan Museum of Art in Newyork haben wir einen ausgezeichneten Anfang gemacht. Dies ein weiterer Weg für den rechten Gebrauch überflüssigen Reichtums.

Drittens. Wir haben noch ein höchst wichtiges Gebiet, auf dem große Summen würdig Anwendung finden können – die Gründung oder Erweiterung von Krankenhäusern, ärztlichen Lehranstalten, Laboratorien und anderen Einrichtungen, die mit der Linderung menschlichen Leidens und namentlich mehr mit der Verhütung als der Heilung menschlicher Krankheiten zu tun haben. Es liegt keine Gefahr darin, daß man eine Gemeinde durch Gaben zu solchen Zwecken von Almosen abhängig macht, weil solche Anstalten vorübergehende Schmerzen mildern oder nur diejenigen beherbergen, die hoffnungslos gebrechlich sind. Welch besseres Geschenk als ein Krankenhaus kann einer Gemeinde gegeben werden, die ein solches mißt? – vorausgesetzt, daß seine angemessene Unterhaltung durch die Gemeinde in ihrer Eigenschaft als Körperschaft zur Bedingung gemacht wird. Wenn Krankenhauseinrichtungen schon vorhanden sind, so ist dann keine bessere Methode für den Gebrauch überflüssigen Reichtums zu finden als in der Vornahme von Ergänzungen. Des verstorbenen Mr. Vanderbilts Geschenk von einer halben Million Dollar an die medizinische Abteilung des Columbia College für ein chemisches Laboratorium war eine der denkbar weisesten Vermögensanwendungen. Es zielt ab auf die Verhinderung der Krankheit durch die Erforschung ihrer Ursachen. Noch mehrere andere haben solche Laboratorien errichtet, aber das Bedürfnis danach ist noch groß.

Wenn es einen Millionär im Lande gibt, dem die Verwendung des ihm zur Verwaltung anvertrauten Überflusses Verlegenheit bereitet, so mag er dem Nutzen nachforschen, der diesem chemischen Laboratorium entspringt. Keine ärztliche Lehranstalt ist ohne ihr Laboratorium vollständig. Wie bei den Universitäten, so bei den medizinischen Schulen: es sind nicht neue Anstalten, die benötigt werden, sondern ergänzende Mittel zur gründlicheren Ausrüstung der bestehenden. Die Formen, die weise Wohltaten hier annehmen können, sind zahlreich, keine aber dürfte nützlicher sein als die, welche Mr. Osborne wählte, als er im Bellevue College eine Schule zur Ausbildung von Krankenpflegerinnen erbaute. Wenn allen Geschenken nur die Hälfte des Nutzens entspringt, der von diesem weisen Gebrauch des Überflusses eines Millionärs herrührt, so können selbst die Anspruchvollsten sehr zufrieden sein. Nur wer eine langwierige und gefährliche Krankheit durchgemacht hat, vermag den wahren Wert der Sorgfalt, Geschicklichkeit und Pflege geschulter Krankenschwestern zu ermessen. Ihre Verwendung als Wärterinnen hat den Wirkungskreis und Einfluß des Weibes erweitert. Es nimmt nicht Wunder, daß ein Senator der Vereinigten Staaten und ein hervorragender Arzt unseres Landes, der im Auslande die höchsten Auszeichnungen empfangen hat, in dieser Klasse kürzlich ihre Frauen gefunden haben.

Viertens. In die allervorderste Reihe der Wohltaten sind die öffentlichen Anlagen zu stellen, immer vorausgesetzt, daß die Gemeinde es übernimmt, sie zu unterhalten, zu verschönern und vor Versehrung zu bewahren. Kein nützlicheres oder schöneres Denkmal kann jemand hinterlassen als einen Park für die Stadt, in der er geboren wurde oder in der er lange gewohnt hat, ebenso kann die Gemeinde dem Bürger, der ihn schenkt, keinen anmutigeren Tribut zahlen als wenn sie der Schenkung seinen Namen gibt. Mrs. Schenleys Schenkung eines großen Parkes an die Stadt Pittsburg im vorigen Monat verdient erwähnt zu werden. Diese Dame heiratete, obwohl in Pittsburg geboren, einen Engländer, als sie noch nicht zwanzig Jahre alt war. Es ist vierzig Jahre oder länger her, seit sie ihr Quartier in London unter den Betitelten und Reichen der Hauptstadt der Welt aufschlug, aber noch heute wendet sie sich der Heimat ihrer Kindheit zu und verknüpft mit ihr vermittelst des Schenley-Parkes auf immer ihren Namen. Ein edler Gebrauch großen Reichtums fürwahr durch jemand, der so sein eigener Verwalter wird. Wenn für öffentliche Anlagen schon gesorgt ist, bleibt auch Raum für manche weise Gabe im Zusammenhang damit. Mr. Phipps in Alleghany hat dem dortigen Park Gewächshäuser gegeben, die jeden Tag der Woche von vielen besucht werden und jeden Sonntag von Tausenden der Arbeiterbevölkerung wimmeln, denn er hat mit hoher Einsicht als Bedingung der Schenkung festgesetzt, daß die Gewächshäuser Sonntags geöffnet sein sollen. Das Ergebnis dieses Versuchs ist so erfreulich gewesen, daß er sich veranlaßt sieht, von seinem Überfluß noch hinzuzufügen, wie er es dies Jahr freigebig tut. Den Blumenfreunden unter den Reichen empfehle ich zu überlegen, was für sie in der Richtung des Beispiels Mr. Phipps's zu tun möglich ist, und sie mögen bitte beachten, daß Mr. Phipps ebenso klug wie als Schenker freigebig ist, denn er verlangt von der Stadt, daß sie diese Treibhäuser unterhält und sichert ihnen auf diese Weise für immer die Öffentlichkeit des Eigentums, das öffentliche Interesse und die öffentliche Kritik ihrer Verwaltung. Hätte er es unternommen, sie zu verwalten und zu unterhalten, wäre jenes volkstümliche Interesse an dem Geschenk wahrscheinlich nie geweckt worden.

Die Park- und Gartenanlagen kleiner Städte in ganz Europa überraschen nicht weniger als ihre Bibliotheken, Museen und Kunstgalerien. Ich sah nichts Anmutigeres während meiner letzten Reisen als den Abhang in Bergen in Norwegen. Er ist in einen der malerischsten Lustplätze verwandelt worden; Springbrunnen, kleine und große Wasserfälle, entzückende Bäume, schöne Terrassen und Statuen schmücken, was zuvor ein kahler Bergabhang war. Dies ist ein Fall, der der Beachtung des Millionärs, der seinen Mitmenschen etwas dauernd nützliches schenken möchte, wohl wert ist. Ein anderes schönes Beispiel rechten Gebrauchs des Überflusses in der Richtung, Städte immer anziehender zu machen, ist in Dresden zu finden. Der Besitzer des dortigen führenden Blattes vermachte die Erträgnisse daraus für immer der Stadt zu deren Verschönerung. Ein Kunst-Ausschuß entscheidet von Zeit zu Zeit, welcher neue künstlerische Ausdruck geschaffen oder welcher häßliche Zug umgewandelt werden soll, und in dem Maße wie die Erträge zufließen, werden sie in dieser Richtung ausgegeben. Durch das Geschenk dieses vaterlandsliebenden Zeitungsbesitzers wird so seine Geburtsstadt Dresden schnell zu einem der künstlerischsten Wohnplätze der Welt. Wenn ein Werk vollendet ist, liegt es dann der Stadt ob, es ständig zu unterhalten. Darf man nicht unsern Millionären von Zeitungsinhabern das Beispiel ihres Kollegen in der Hauptstadt Sachsens empfehlen?

Kaum einer Stadt von Bedeutung in der alten Welt fehlen Bauwerke und Punkte großer Schönheit. Man hat viel für Zierrat, Schmuck und architektonische Wirkung ausgegeben. Wir sind in diesen Dingen diesseits des Weltmeeres noch weit zurück. Unsere Republik ist in mancher Beziehung groß, in materieller Entfaltung ohnegleichen, aber wir wollen immer bedenken, daß wir in der Kunst und in Dingen feineren Gefühls noch kaum einen Platz errungen haben. Hätte man das erlesene, jüngst vorübergehend in Newyork errichtete Denkmal in Dresden zur Schau gestellt, so würde der Kunstausschuß dort wahrscheinlich in der Lage gewesen sein, aus den Erträgen der zu eben solchen Zwecken von ihrem Eigentümer geschenkten Zeitung seine dauernde Errichtung zur ewigen Verschönerung der Stadt anzuordnen. Volkstümliche Subskriptionen haben in dem angeführten Fall (des Washington-Denkmals) diesen Erfolg gezeitigt, und zwei weitere Denkmäler sind bestimmt worden und sollen hier errichtet werden. Der Herausgeber.

Während die Verleihung eines Parkes an ein Gemeinwesen als eine der besten Verwendungen überflüssigen Reichtums sicher allgemeine Billigung findet, wird wahrscheinlich mancher meinen, daß ich mit der Empfehlung solcher Zugaben wie Gewächshäuser, oder in der Befürwortung der Erbauung von Denkmälern und Zierwerken zu weit gehe und diese Vorschläge für etwas schwärmerisch halten. Der daraus fließende materielle Nutzen mag nicht so unmittelbar in die Augen fallen, aber niemand mit praktischem, auch nur auf den materiellen Nutzen gerichteten Sinn wird die Hergabe von Vermögen zu diesen oder verwandten ästhetischen Zwecken geringschätzen dürfen, weil sie insofern nutzlos sei, als es sich um die Masse des Volkes und ihre Bedürfnisse handle. Wie bei den Bibliotheken und Museen, so auch bei diesen mehr ausgesprochen künstlerischen Werken: sie erfüllen ihren großen Zweck, wenn sie in der Masse des Volkes die Besten erreichen. Es ist besser, in den von Natur offenen Gemütern dieser Klasse den Sinn für Schönheit zu wecken und zu bewegen, als den niederen Trieben derjenigen zu willfahren, die höherer Empfindungen unfähig sind. Der Verbesserer der Menschheit muß streben, diejenigen zu erreichen, die den göttlichen Funken auch nur so schwach entwickelt in sich tragen, daß er überhaupt entfacht werden und aufflammen kann. Ich für meinen Teil denke, Mr. Phipps benutzte sein Geld besser, als er den Arbeitern von Alleghany mit schönen Blumen, Orchideen und Wasserpflanzen gefüllte Treibhäuser gab, an denen sie sich mit ihren Frauen und Kindern in ihren freien Stunden erfreuen und ihre Liebe zum Schönen ausbilden können, als wenn er sein überflüssiges Geld dazu hergegeben hätte, sie mit Brot zu versehen; denn Gesunde, die ihr Brot nicht verdienen können, sind der Berücksichtigung seitens der einzelnen Geber kaum wert, da die Sorge für sie Pflicht des Staates ist. Derjenige, der in einer Stadt ein Gewächshaus oder ein wirklich künstlerisches Denkmal, eine Statue oder einen Springbrunnen errichtet, macht von seinem Überfluß einen weisen Gebrauch. »Der Mensch lebt nicht von Brot allein.«

Fünftens. Eine andere gute Anwendung für überflüssigen Reichtum bietet sich in der Versorgung unserer Städte mit Sälen, die sich zu Versammlungen aller Art und erhebenden Konzerten eignen. Unsre Städte besitzen selten Säle zu diesen Zwecken, indem sie auch in dieser Hinsicht weit hinter den europäischen Städten zurückstehen. Die Springer Hall in Cincinnati, eine wertvolle Bereicherung der Stadt, war die hochherzige Gabe Mr. Springers, der sich nicht begnügte, Fonds aus seinem Besitztume beim Tode zu vermachen, sondern sie zu Lebzeiten hergab und außerdem, was gleich wichtig war, seine Zeit und kaufmännischen Fähigkeiten zur Verfügung stellte, um die erfolgreichen Ergebnisse zu sichern, die erzielt worden sind. Die Schenkung einer Halle an irgend eine Stadt, der eine fehlt, ist ein ausgezeichneter Gebrauch überflüssigen Reichtums zum Wohl eines Gemeinwesens. Wenn die Leute nur eine einzige belehrende und erhebende oder selbst vergnügliche Unterhaltung haben, während ihnen ein Dutzend solcher nützlich wäre, so ist der Grund dafür meist der Umstand, daß, selbst in dem seltenen Falle des Vorhandenseins eines geeigneten Raumes, die Miete dann zu hoch ist, was die Veranstalter abhält, sich der Gefahr eines finanziellen Mißerfolges auszusetzen. Wenn jede Stadt unsres Landes eine Halle besäße, die zu solchen Versammlungen, die ein Ausschuß oder der Bürgermeister der Stadt als nützlich erachtet, zur Verfügung gestellt oder gegen geringe Vergütung vermietet werden könnte, würden dem Volk mit außerordentlich geringen Kosten geeignete Vorträge, Unterhaltungen und Konzerte geboten werden können. Die öffentlichen Hallen europäischer Städte, von denen viele Orgeln haben, sind durch ihre Benutzung in der angedeuteten Weise für das Volk von unschätzbarem Werte. Man soll den Einfluß von Unterhaltungen erhebender oder selbst belustigender Natur durchaus nicht unterschätzen, tragen sie doch viel dazu bei, das Leben der Leute glücklicher zu machen und ihr Naturell zu verbessern. Wenn sich ein Millionär, der in einem kleinen jetzt zur Großstadt gewordenen Orte geboren ist, in den Tagen seines Erfolges veranlaßt fühlt, mit einem Teil seines Überflusses etwas für seinen Geburtsort zu tun, so kann er seine dankbare Erinnerung in keine nützlichere Form kleiden als in die einer öffentlichen Halle mit einer Orgel, vorausgesetzt, daß die Stadt sie unterhalten und benutzen will.

Sechstens. Noch in einer andern Hinsicht stehn wir weit hinter Europa zurück. Eine Form der Wohltätigkeit, die dort nicht ungewöhnlich ist, ist die Beschaffung von Volks-Schwimmbädern. Ihre Geber sind so weise gewesen, von der bedachten Stadt ihre Unterhaltung auf eigene Kosten zu verlangen, und die Richtigkeit der Behauptung, daß nie etwas für eine Person oder ein Gemeinwesen getan werden soll, ohne daß die Empfänger beständig einen Teil dazu beizutragen haben, erhellt aus der bezeichnenden Tatsache, daß sich die Erhebung einer nominellen Benutzungsgebühr für den volkstümlichen Erfolg dieser gesundheitlichen Einrichtungen als wesentlich erweist. In vielen Städten werden indessen die Schulkinder zu bestimmten Stunden gewisser Tage frei zugelassen, wobei verschiedene Stunden für die Benutzung der großen Schwimmhallen durch die Knaben und Mädchen und ebenso bestimmte Stunden oder Tage für ihre Benutzung durch Frauen festgesetzt sind. Außer dem höchst segensreichen Einfluß dieser Anstalten auf die öffentliche Gesundheit an Binnenplätzen wird der Jugend beiderlei Geschlechts auf diese Weise das Schwimmen gelehrt. Es sind Schwimmklubs eingerichtet und häufig finden Wettschwimmen statt, bei denen Denkmünzen und Preise verliehen werden. Die von den verschiedenen Schwimmanstalten ganz Großbritanniens veröffentlichten Berichte enthalten oft Beispiele, in denen Personen, denen in solchen Bädern das Schwimmen gelehrt worden war, bei Schiffbrüchen ihr Leben gerettet haben, und in nicht wenigen Fällen haben Schüler bestimmter Badeanstalten andern das Leben gerettet. Wenn ein Jünger des Evangeliums des Reichtums seiner Lieblingsstadt große Schwimm- und Zellenbäder schenkt, deren Verwaltung die Stadt als öffentliche Angelegenheit übernimmt, wird er sich nie wegen unrechten Gebrauchs des ihm anvertrauten Fonds zu verantworten brauchen.

Siebentens. Die Kirchen als ein Feld für die Verwendung überflüssigen Reichtums sind bis zuletzt aufgehoben worden, weil sich jeder in seinen Handlungen in Beziehung auf sie als Veranstaltungen von Sekten von seinen eignen Neigungen leiten lassen wird; Geschenke an Kirchen sind deshalb, wie bemerkt werden muß, in gewissem Sinne keine Geschenke an die Gesamtheit im großen, sondern an besondere Gruppen. Nichtsdestoweniger weiß vielleicht mancher Millionär eine Gegend, wo am Kreuzweg ein billiges, unbehagliches und ganz unwürdiges kleines Holzbauwerk steht, das die ganze Nachbarschaft Sonntags versammelt und unabhängig von der Form der verkündeten Lehren den Mittelpunkt sozialen Lebens und eine Quelle freundnachbarlichen Verkehrs bildet. Der Verwalter von Reichtum macht von einem Teil seines Überflusses einen guten Gebrauch, wenn er jenes Gebäude durch ein dauerhaftes Bauwerk aus Ziegeln, Stein oder Granit ersetzt, an dessen Mauern Geisblatt und Aklei emporklettern können und von dessen Turm die lieblich läutende Glocke erschallen kann. Der Millionär sollte dann nicht erwägen, wie billig dieses Bauwerk errichtet, sondern wie vollkommen es hergestellt werden kann. Wenn er das Geld dazu hat, sollte damit ein Kleinod geschaffen werden, denn die erzieherische Wirkung eines reinen und erhabenen, wie die Pyramiden für ewige Zeiten errichteten Zeugnisses der Baukunst ist nicht nach Dollarn zu messen. Jeden Landmannes Heim, Herz und Gemüt im Bezirk wird unter dem Eindruck der Schönheit und Größe der Kirche stehn, und gar mancher geweckte Knabe, der entzückt ihre reichgemalten Fenster schaut und sich von der himmlischen Stimme der Orgel hingerissen fühlt, wird hier seine erste Botschaft aus dem herrlichen und bezaubernden Reiche vernehmen, das den in dieser Alltagswelt ihn umgebenden materiellen und prosaischen Verhältnissen weit entrückt liegt, und sich im Geiste in dieses neue Reich versetzt sehn, in eine andre Welt, so unbestimmt und unerklärlich ihre Grenzen auch sein mögen. Einmal in ihrem magischen Zirkel, leben dort ihre Bürger ein inneres Leben, das kostbarer ist als das äußere; und alle ihre Tage und alle ihre Wege, ihre Triumphe und ihre Versuche, und alles was sie sehn, und alles was sie hören, und alles was sie denken, und alles was sie tun, ist alles geheiligt durch den Glanz, der sich von fern auf dieses innere Leben ergießt, indem er alles verklärt und alles drinnen zum Rechten kehrt. Aber nachdem er das Gebäude gegeben hat, muß der Geber hier Halt machen; die Unterhaltung der Kirchen muß ihren eigenen Leuten obliegen. Es ist nicht viel echte Religion in der Kongregation oder viel Gutes von der Kirche zu erwarten, die sich nicht aus sich heraus erhält.

Noch viele andere Wege ließen sich für den weisen Gebrauch überflüssigen Reichtums angeben. Ich zähle nur wenige, ganz wenige der vielen Gebiete auf, die dazu offen stehn, und nur solche, auf denen große oder ansehnliche Summen verständigerweise verwendet werden können. Es ist jedoch nicht das Vorrecht der Millionäre allein, Maßnahmen zu treffen oder zu unterstützen, die der Gesamtheit sicheren Gewinn versprechen. Jeder der auch nur einen kleinen Überschuß über seine bescheidenen Bedürfnisse hinaus besitzt, darf dieses Vorrecht mit seinen reicheren Brüdern teilen und diejenigen ohne Überschuß können wenigstens einen Teil ihrer Zeit spenden, was gewöhnlich ebenso wichtig und oft noch wichtiger ist als Geld.

Es ist nicht zu erwarten und auch nicht zu wünschen, daß hinsichtlich der bestmöglichen Verwendung überflüssigen Reichtums ein allgemeiner Wettbewerb entstehe. Für verschiedene Menschen und verschiedene Orte gibt es verschiedene Verwendungen. Was sich dem Urteil des Verwalters am meisten zu empfehlen scheint, ist die beste Verwendung für ihn, denn sein Herz muß bei dem Werke sein. Es ist ebenso wichtig für die Verwaltung von Reichtum wie für jeden andern Zweig menschlicher Arbeit, daß man sich ihr begeistert widmet und auf dem auserwählten Felde seine Aufgabe erblickt.

Im übrigen gibt es Raum und Bedarf für alle Arten weiser Wohltaten zum gemeinen Besten. Der Mann, der eine Universität, eine Bibliothek oder ein Laboratorium erbaut, vollbringt kein nützlicheres Werk als derjenige, welcher sich und seine überflüssigen Mittel lieber der Verschönerung eines Parkes, der Vereinigung einer Gemäldesammlung für das Publikum oder der Errichtung eines Denkmals widmet. Sie sind alle treue Arbeiter im Weinberge. Das einzige, was das Evangelium des Reichtums fordert, ist, daß der in den Händen eines Mannes von Zeit zu Zeit anwachsende Überfluß von ihm zu seinen eignen Lebzeiten zu dem Zwecke verwaltet wird, der ihm, dem Verwalter, für das Gemeinwohl der beste erscheint. Beim Tode zu hinterlassen, was man nicht mit fortnehmen kann und andern die Arbeit aufzubürden, die zu vollbringen man die Pflicht hatte, heißt nichts Würdiges tun. Es erheischt weder ein Opfer, noch irgendwelches Gefühl der Pflicht für seine Mitmenschen.

Es gab eine Zeit, wo die Worte von dem ins Himmelreichkommen des reichen Mannes als ein harter Spruch betrachtet wurden. Heute, wo alle Fragen bis auf den Grund sondiert werden und die Normen des Glaubens die weiteste Auslegung erfahren, ist der erschreckende Vers nach dem Hintergrunde verbannt worden, um dort als eines der Dinge, die nicht ganz verstanden werden können, aber unterdessen, man bemerke wohl, nicht buchstäblich verstanden werden sollen, eine künftige milde Verbesserung zu erwarten. Ist es aber so sehr unwahrscheinlich, daß unser Denken auf einer künftigen Stufe die Lehre in ihrer ganzen ursprünglichen Reinheit und Kraft wiederherstellt, in vollkommener Übereinstimmung mit gesunden Ideen über die Frage des Überflusses und Mangels, der Reichen und Armen und die allerwärts sichtbaren und beklagten Gegensätze? Es ist augenscheinlich, daß Verbesserer zu Christi Zeiten gegen die Reichen waren. Es ist um nichts weniger augenscheinlich, daß wir heute dicht daran sind, auf diesen Standpunkt zurückzukommen, und es wird für den die soziologische Entwicklung studierenden nichts Überraschendes haben, wenn die Gesellschaft den Text bald anerkennen würde, der so viel Beängstigung verursacht hat: »Es wird ein Kamel leichter durch ein Nadelöhr gehen, als daß ein Reicher in das Himmelreich komme.« Selbst wenn das Nadelöhr die kleine Öffnung jenes Toreingangs wäre, bezeichnen die Worte für den Reichen eine ernstliche Schwierigkeit. Es wird für den Theologen nur ein Schritt sein von der Lehre, daß, wer reich stirbt, entehrt stirbt, zu derjenigen, welche dem Manne hiernach Strafe und Entbehrung auferlegt.

Das Evangelium des Reichtums ist nur der Widerhall der Worte Christi. Es fordert den Millionär auf, all seine Habe zu verkaufen und sie in der höchsten und besten Form den Armen zu geben durch die Verwaltung seines Besitzes zum Wohle seiner Mitmenschen, ehe er berufen wird, sich im Schöße der Mutter Erde zur Ruhe niederzulegen. Wenn er es tut, wird er seinem Ende nicht länger als der unwürdige Schatzsammler mit nutzlosen Millionen entgegengehen, sondern arm, recht arm an Gold, aber reich, sehr reich, noch zwanzig mal ein Millionär in der Liebe, Dankbarkeit und Bewunderung seiner Mitmenschen und – welche Seligkeit – befriedigt und gehalten durch die sanfte kleine Stimme im Innern, die ihm flüsternd sagt, daß vielleicht ein kleines Stück der großen Welt um ein wenig verbessert worden ist, weil er gelebt hat. Soviel ist sicher: gegen solche Reiche, wie diese, werden sich an den Pforten des Paradieses keine Schranken erheben.


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