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Einleitung.

Veröffentlicht im »Youth's Companion« vom 23. April 1896.

Wie ich meine Lehre bestand.

Es bereitet mir großes Vergnügen, zu erzählen, wie ich als Kaufmann meine Lehre bestand. Zuvor scheint mir aber eine andere Frage Beantwortung zu erheischen: Warum wurde ich Kaufmann? Ich bin sicher, daß ich nie eine kaufmännische Laufbahn gewählt haben würde, wenn ich hätte wählen können.

Als ältester Sohn von Eltern, die selbst arm waren, mußte ich leider bereits in sehr jungen Jahren beginnen, irgend eine nützliche Arbeit in der Welt zu verrichten, um rechtschaffen meinen Unterhalt zu gewinnen, und so lernte ich denn schon in sehr früher Kindheit, pflichtgemäß meinen Eltern beizustehen, um gleich ihnen so bald als möglich ein brotverdienendes Mitglied der Familie zu werden. Was ich an Arbeit bekommen konnte, nicht was ich wünschte, war maßgebend.

Als ich geboren wurde, war mein Vater ein behäbiger Webermeister in Dunfermline in Schottland. Er besaß nicht weniger als vier Damaststühle und beschäftigte Lehrjungen. Es war dies vor den Tagen des Dampfbetriebs für Leinenweberei. Ein paar große Kaufleute nahmen Bestellungen auf und beschäftigten Webermeister wie meinen Vater, die das Zeug webten, während die Kaufleute das Material dazu lieferten.

Als sich das Fabriksystem entwickelte, ging die Handweberei natürlich zurück und mein Vater war einer derjenigen, die unter dem Wechsel zu leiden hatten. Die erste ernste Lehre meines Lebens ward mir eines Tages zuteil, als er seine letzte Arbeit dem Kaufmann abgeliefert hatte und in unser kleines Heim tief betrübt zurückkehrte, weil keine Arbeit mehr für ihn zu haben war. Ich war damals erst etwa 10 Jahre alt, aber diese Lehre prägte sich tief in mein Herz ein und ich beschloß, daß das Gespenst der Armut eines Tages, wenn es in meiner Macht stünde, aus unserem Haus vertrieben werden sollte.

Im Familienrat kam nun die Frage auf, die alten Stühle zu verkaufen und nach den Vereinigten Staaten auszuwandern und ich hörte, wie hierüber tagtäglich beratschlagt wurde. Schließlich beschloß man, den entscheidenden Schritt zu tun und Verwandten nachzufolgen, die sich bereits in Pittsburg befanden. Ich erinnere mich sehr wohl, daß weder mein Vater noch meine Mutter die Veränderung anders als wie ein großes Opfer von ihrer Seite ansahen, aber glaubten, »es würde so für die beiden Jungen besser sein.«

Wenn man in späterer Zeit, wie ich es jetzt tue, zurückblickt und sich darüber wundert, wie Eltern zum Besten ihrer Kinder auf ihre eigenen Wünsche vollständig verzichten, muß man ihr Andenken mit Gefühlen verehren, die der Anbetung nahe kommen.

Nach unserer Ankunft in Allegheny City (wir waren unser vier: Vater, Mutter, mein jüngerer Bruder und ich) trat mein Vater in eine Baumwollfabrik ein. Ich folgte bald und half als »Spuljunge« und begann auf diese Weise, mich auf meine spätere Lehrzeit als Kaufmann vorzubereiten. Ich bekam die Woche einen Dollar und 20 Cents und war damals etwa 12 Jahre alt.

Ich kann nicht sagen, wie stolz ich war, als ich meinen ersten eigenen Wochenverdienst erhielt. Einen Dollar und 20 Cents, die ich selbst erworben und die man mir gegeben hatte, weil ich der Welt von Nutzen gewesen war! Von meinen Eltern nicht mehr vollständig abhängig, sondern endlich fähig, ihnen zu helfen und beitragendes Mitglied der Familiengemeinschaft! Ich denke, das macht mehr als alles andere aus einem Knaben einen Mann und auch einen wahren Mann, wenn man überhaupt einen Keim echter Männlichkeit in sich hat. Fühlen, daß man nützlich ist, heißt Alles.

Ich habe mit großen Summen zu tun gehabt. Viele Millionen Dollar sind seitdem durch meine Hände gegangen. Die echte Genugtuung, die ich über jenen einen Dollar und 20 Cents empfand, wiegt aber mehr als jede spätere Freude am Gelderwerben. Sie waren der unmittelbare Lohn rechtschaffener Handarbeit; sie stellten eine Woche harter Arbeit dar, so harter Arbeit, daß das Wort Sklaverei kein allzu starker Ausdruck dafür wäre, wenn nicht ihr Zweck und Ziel sie mit Weihe umgäben.

Jeden Morgen außer dem heiligen Sonntagmorgen aufstehen und frühstücken und auf die Straße hinaustreten und seinen Weg in die Fabrik gehen und mit der Arbeit beginnen, während es draußen noch finster ist und erst erlöst sein, nachdem es am Abend wieder dunkel geworden ist, mit nur 40 Minuten Mittagspause, ist für einen Burschen von 12 Jahren ein schreckliches Los.

Ich war aber jung und hatte meine Träume und etwas in ihnen sagte mir immer, daß es nicht auf die Dauer so bleiben würde, könnte und sollte – daß ich eines Tages zu einer besseren Stellung kommen würde. Außerdem fühlte ich mich nicht mehr als ein bloßer Knabe, sondern völlig als kleiner Mann und dies machte mich glücklich.

Ein Wechsel trat bald ein, denn ein freundlicher alter Schotte, der mehrere unserer Verwandten kannte und Spulen verfertigte, nahm mich in seine Fabrik, bevor ich 13 wurde. Eine Zeitlang war es hier indessen noch schlimmer als in der Baumwollfabrik, da ich im Keller einen Kessel zu heizen und die kleine Dampfmaschine, die den Betrieb bewegte, in Gang zu halten hatte. Das Heizen des Kessels war mir ganz recht, denn glücklicherweise wurden nicht Kohlen, sondern Holzabfälle gefeuert und ich befaßte mich immer gern mit Holz. Die Verantwortung, das Wasser und die Maschine beim rechten zu halten und die Gefahr, daß ein Fehler von mir die ganze Fabrik in die Luft fliegen lassen könnte, bedeuteten aber eine zu große Anspannung für mich und oft erwachte ich, wie ich die ganze Nacht hindurch im Bette saß und den Dampfdruckmesser ablas. Nie aber sagte ich daheim, daß ich einen harten Kampf zu bestehn hatte Nein, nein! Alles mußte ihnen freundlich erscheinen.

Es war dies ein Ehrenpunkt, denn jedes Mitglied der Familie arbeitete hart, mein kleinerer Bruder natürlich ausgenommen, der noch ein Kind war, und wir erzählten uns einander nur die angenehmen Dinge. Übrigens pflegt ein Mann nicht zu weinen und die Flinte ins Korn zu werfen – eher würde er sterben.

Einen Dienstboten gab es in unserer Familie nicht, und ein paar Dollar wöchentlich wurden noch von meiner Mutter verdient, indem sie nach der Verrichtung ihres Tagewerkes Schuhe band! Auch der Vater hatte in der Fabrik hart zu arbeiten. Konnte ich mich da beklagen?

Mein gütiger Arbeitgeber, John Hay – Friede seiner Asche! – befreite mich bald von der unverhältnismäßigen Anstrengung, denn er brauchte jemand, der ihm die Rechnungen ausschreiben und die Bücher führen sollte und da er fand, daß ich eine deutliche Schulbubenhandschrift hatte und rechnen konnte, machte er mich zu seinem einzigen Kommis. Noch aber hatte ich oben in der Fabrik hart zu arbeiten, denn die Schreiberei nahm nur wenig Zeit in Anspruch.

Es ist bekannt, wie über die Armut als ein großes Übel gejammert wird und man scheint anzunehmen, daß die Menschen glücklicher und nützlicher sein und mehr vom Leben haben würden, wenn sie nur eine Menge Geld hätten und reich wären.

In der Regel findet sich in der bescheidenen Hütte des Armen eine höhere Befriedigung, ein edleres Leben und eine größere Lebensfreude, als in dem Palast des Reichen. Ich bedaure immer die Söhne und Töchter der reichen Leute, denen Diener aufwarten und die später Erzieherinnen haben, tröste mich aber dabei mit dem Gedanken, daß sie nicht wissen, was sie entbehren.

Sie haben auch zärtliche Väter und Mütter und meinen, daß sie diesen Segen im vollsten Maße genießen, und doch können sie das nicht, denn der Sohn des Armen, der in seinem Vater seinen beständigen Gefährten, Lehrer und Berater und in seiner Mutter – welch heiliger Name! – seine Ernährerin, Erzieherin, Beschützerin, seine Heilige, alles in einer Person besitzt, genießt ein reicheres, köstlicheres Glück im Leben als der nicht so begünstigte Sohn eines Reichen kennen kann, und im Vergleich damit zählen alle andern Glücksumstände nur wenig.

Weil ich weiß, wie süß und glücklich und rein, wie frei von verwirrenden Sorgen, von sozialem Neid und Eifersucht das Heim rechtschaffener Armut ist, wie liebevoll und einig seine Besitzer in ihrem gemeinsamen Interesse der Unterhaltung der Familie sein können, habe ich mit dem Jungen des Reichen Mitgefühl, während ich die Jungen des Armen beglückwünsche, und aus diesen Gründen sind aus den Reihen der Armen immer so viel starke, hervorragende, selbstbewußte Männer hervorgegangen und müssen immer solche aus ihnen hervorgehen.

Wenn man die Liste der Unsterblichen liest, die »nicht geboren wurden, um zu sterben,« wird man finden, daß die meisten von ihnen geboren wurden, das kostbare Erbe der Armut anzutreten.

Es erscheint heutzutage allgemein als wünschenswert, daß die Armut abgeschafft werden möchte. Wir sollten streben, den Luxus abzuschaffen, die ehrliche, fleißige, sich selbst verleugnende Armut abschaffen hieße aber den Boden zerstören, auf dem die Menschheit die Tugenden hervorbringt, die unserer Rasse die Erreichung einer noch höheren Stufe der Zivilisation ermöglichen als sie schon besitzt.

Ich komme jetzt zu der dritten Stufe meiner Lehre, denn wie man sieht, hatte ich bereits zwei erklommen, die Baumwollfabrik und dann eine Spulenfabrik, und mit der dritten – aller guten Dinge sind drei, bekanntlich – kam die Erlösung. Ich erhielt eine Anstellung als Telegraphenbote im Pittsburger Telegraphenbureau, als ich 14 Jahre alt war. Hier trat ich in eine neue Welt ein.

Inmitten von Büchern, Zeitungen, Griffeln, Federn und Tinte und Schreibunterlagen, eines sauberen Bureaus, reiner Fenster und der literarischen Atmosphäre war ich der glücklichste Junge, den es auf der ganzen Welt gab.

Meine einzige Sorge war, daß ich eines Tages entlassen werden könnte, weil ich die Stadt nicht kannte, denn für einen Telegraphenboten ist es nötig, alle Firmen und Adressen der Leute zu kennen, die Telegramme zu erhalten pflegen. Ich war aber in Pittsburg fremd. Ich beschloß indessen, der Reihe nach jedes Geschäftshaus in den Hauptstraßen hersagen zu lernen und konnte bald mit geschlossenen Augen auf der einen Seite der Wood Street anfangen und alle Firmen nacheinander bis ans Ende und dann auf der andern Seite herunter alle bis ans andere Ende aufzählen. Binnen kurzer Zeit war ich imstande, dasselbe mit den Geschäftsstraßen überhaupt zu tun. Mein Gewissen war dann über diesen Punkt beruhigt.

Natürlich will jeder ehrgeizige Telegraphenbote ein Telegraphist werden, und ehe die Telegraphisten frühmorgens kamen, schlüpften die Jungen hinauf zu den Instrumenten und übten. Ich tat dies auch und konnte mich bald mit den Jungen in den anderen Bureaux die Linie entlang, die ebenfalls übten, unterhalten.

Eines morgens hörte ich Philadelphia Pittsburg anrufen und das Zeichen »Todesnachricht« geben. Man erwartete damals gerade mit großer Aufmerksamkeit Todesnachrichten und ich dachte, ich sollte versuchen, die angemeldete anzunehmen. Ich antwortete und tat es und ging fort und lieferte sie ab, ehe der Telegraphist kam. Von da an pflegten mich die Telegraphisten zuweilen zu bitten, für sie zu arbeiten.

Da ich ein empfängliches Ohr für den Schall hatte, lernte ich bald Telegramme nach dem Gehör aufzunehmen, was damals sehr ungewöhnlich war – ich glaube nur zwei Personen in den Vereinigten Staaten konnten es damals. Heute nimmt jeder Telegraphist nach dem Gehör auf, so leicht ist es, zu folgen und zu tun, was jeder andere Junge kann – wenn er nur muß. Dies machte mich bekannt und schließlich wurde ich Telegraphist und empfing die für mich ungeheure Besoldung von 25 Dollar den Monat – 300 Dollar im Jahr!

Dies war ein Vermögen – genau die Summe, die ich mir als Fabrikarbeiter als das Einkommen gedacht hatte, das ich besitzen wollte, weil die Familie von 300 Dollar jährlich leben und dabei fast oder ganz unabhängig sein konnte. Da war sie nun endlich! Bald sollte ich aber noch im Besitz einer besonderen Vergütung für besondere Arbeiten sein.

Die sechs Zeitungen Pittsburgs bekamen gemeinsame Telegrammnachrichten. Sechs Abschriften jeder Depesche wurden von einem Herrn angefertigt, der hierfür 6 Dollar die Woche bekam und er bot mir einen Golddollar wöchentlich, wenn ich es tun wollte, worüber ich außerordentlich froh war, da ich immer gern mit Nachrichten zu tun haben und für Zeitungen schreiben wollte.

Die Berichterstatter holten jeden Abend in einem Zimmer die Nachrichten ab, die ich fertig gemacht hatte, und dies brachte mich in sehr angenehme Berührung mit diesen gewandten Leuten und überdies erhielt ich einen Golddollar die Woche Taschengeld, denn dieser wurde von mir nicht als Familieneinkommen betrachtet.

Ich denke, dies Letztere, etwas über seine Aufgabe hinaus zu tun, kann mit vollem Recht als »Geschäft« angesehen werden; das andere Einkommen war eben, wie man sieht, der Lohn für die regelmäßige Arbeit, hier aber war ein kleines Geschäftsunternehmen auf eigene Rechnung, und ich war in der Tat auf meinen Golddollar für jede Woche sehr stolz.

Bald darauf wurde die Pennsylvanische Eisenbahn bis Pittsburg vollendet und jenes Genie, Thomas A. Scott, war ihr Inspektor. Er kam oft nach dem Telegraphenbureau, um sich mit seinem Vorgesetzten, dem Generalinspektor in Altoona, zu unterhalten und ich wurde ihm auf diese Weise bekannt.

Als dieses große Eisenbahnsystem eine eigene Telegraphenlinie errichtete, forderte er mich auf, sein Kommis und Telegraphist zu werden; ich verließ daher das Telegraphenbureau – wo ein junger Mann tatsächlich in großer Gefahr ist, dauernd begraben zu werden – und trat in Beziehung zu den Eisenbahnen.

Die neue Stellung war von einer Gehaltsaufbesserung begleitet, die für mich ganz außerordentlich groß war. Mein Gehalt sprang von 25 auf 35 Dollar im Monat. Mr. Scott erhielt damals 125 Dollar den Monat und ich pflegte mich darüber zu wundern, was auf der Welt er mit soviel Geld tun könnte.

Ich blieb 13 Jahre lang im Dienst der Pennsylvanischen Eisenbahngesellschaft und war zuletzt Inspektor der Pittsburger Bahnabteilung, als Nachfolger Mr. Scotts, der inzwischen in die Stellung eines Vicepräsidenten der Gesellschaft aufgerückt war.

Eines Tages fragte mich Mr. Scott, der ein äusserst gütiger Mann war und mich sehr gern mochte, ob ich 500 Dollar für eine Kapitalanlage hätte oder aufbringen könnte.

Jetzt kam der Geschäftsinstinkt ins Spiel. Da mir die Tür zu einer geschäftlichen Anlage mit meinem Chef offenstand, hätte es meinem Gefühle nach geheißen, der Vorsehung halsstarrig ins Gesicht schlagen, wenn ich nicht freudig darauf zugesprungen wäre, und so antwortete ich denn rasch:

»Jawohl, ich glaube, ich kann es.«

»Gut,« sagte er, »beschaffen Sie sie; es ist eben jemand gestorben, der zehn Anteile der Adams Express Company besitzt, die Sie kaufen sollen. Es wird Ihnen jeder Anteil 50 Dollar kosten und ich kann Ihnen mit einem kleinen Fehlbetrag aushelfen, wenn Sie nicht alles aufbringen können.«

Es war eine eigentümliche Sache. Das verfügbare Vermögen der ganzen Familie betrug nicht 500 Dollar. Es gab aber ein Mitglied der Familie, dessen Tüchtigkeit, Mut und Hilfe uns nie fehlten, und ich fühlte mich sicher, daß das Geld auf die eine oder andere Weise durch meine Mutter beschafft werden könnte.

Hätte allerdings Mr. Scott unsere Lage gekannt, würde er es selbst vorgeschossen haben; seine Armut offenbaren und sich auf andere verlassen, wäre aber das letzte auf der Welt, was der stolze Schotte tun würde. Die Familie hatte es zu jener Zeit zuwege gebracht, ein kleines Haus zu kaufen und zu bezahlen, um an Miete zu sparen. Soviel ich mich erinnere, war es 800 Dollar wert.

Die Angelegenheit wurde an jenem Abende dem Rate der drei vorgelegt und das Orakel sprach: »Es muß geschehen. Nehmen wir eine Hypothek auf das Haus. Ich werde morgen früh den Dampfer nach Ohio nehmen und den Onkel besuchen und ihn bitten, die Sache in Ordnung zu bringen. Ich bin sicher er kann es.« Dies geschah. Natürlich war ihr Besuch erfolgreich – wo hätte sie je Mißerfolg gehabt?

Das Geld wurde beschafft und ausgezahlt; zehn Anteile der Adams Express Company waren mein; niemand wußte aber, daß unser kleines Haus verpfändet worden war, »um unserm Jungen unter die Arme zu greifen.«

Die Adams-Expreß-Aktien zahlten damals monatlich Dividenden von 1% und die erste Anweisung über 5 Dollar kam an. Ich habe sie noch jetzt vor Augen und erinnere mich genau der Unterschrift »J. C. Babcock, Kassierer,« der eine starke »John Hancock«-Hand schrieb.

An dem nächsten Tage, der ein Sonntag war, machten wir Jungen – ich und meine stets treuen Gefährten – unsern üblichen Sonntagnachmittag-Ausflug aufs Land und als wir uns im Walde niedergesetzt hatten, zeigte ich ihnen diese Anweisung mit den Worten: »Eureka! Es ist erreicht!«

Es war das uns allen etwas Neues, denn keiner von uns hatte je etwas erhalten außer für Arbeit. Ein Ertrag aus Kapital war etwas Fremdes und Neues.

Wie Geld Geld erzeugen könnte, wie ohne jede besondere Bemühung meinerseits dieser geheimnisvolle goldene Besucher vorsprechen sollte, führte auf seiten der jungen Burschen zu viel Grübelei und zum ersten Mal in meinem Leben wurde ich als »Kapitalist« begrüßt.

Man sieht, ich fing an, meine Lehre als Geschäftsmann in befriedigender Weise zu bestehen.

Ein sehr wichtiges Ereignis meines Lebens trat ein, als eines Tages im Zuge ein netter, fremd ausschauender Herr an mich herantrat und mir sagte, er habe vom Schaffner erfahren, daß ich Beziehungen zur Pennsylvanischen Bahn hätte und möchte mir gern etwas zeigen. Er zog aus einer kleinen grünen Tasche das Modell des ersten Schlafwagens hervor. Es war Mr. Woodruff, der Erfinder.

Die Sache leuchtete mir sofort ein. Ich bat ihn, die folgende Woche nach Altoona zu kommen, was er tat. Mr. Scott nahm den Gedanken mit seiner gewöhnlichen Schnelligkeit auf. Es wurde mit Mr. Woodruff ein Vertrag abgeschlossen, nach dem er versuchsweise zwei Wagen auf der Pennsylvanischen Eisenbahn einstellen sollte. Bevor er Altoona verließ, kam er zu mir, um mir eine Beteiligung an dem Unternehmen anzubieten, worauf ich sofort einging. Wie ich aber meine Zahlungen leisten sollte, beunruhigte mich ziemlich, denn die Wagen waren nach der Lieferung in monatlichen Raten zu bezahlen und meine erste monatliche Zahlung sollte 227½ Dollar betragen.

Ich hatte das Geld nicht und sah kein Mittel, es zu bekommen. Schließlich entschloß ich mich, den Bankier des Ortes zu besuchen und ihn um ein Darlehn zu bitten, wobei ich mich verpflichtete, es in monatlichen Raten von 15 Dollar zurückzuzahlen. Er gewährte es mir sofort. Ich werde nie vergessen, wie er mir die Hand auf die Schulter legte und sagte, »O, ja, Andy, Sie haben ganz Recht!«

Ich stellte bei dieser Gelegenheit meinen ersten Wechsel aus. Welch grosser Tag, und jetzt wird sicher niemand bestreiten, daß ich im Begriff war, ein »Kaufmann« zu werden. Ich hatte meinen ersten Wechsel gezeichnet, und, das wichtigste – denn jedermann kann einen Wechsel zeichnen – ich hatte einen Bankier gefunden, der gewillt war, ihn als »gut« zu nehmen.

Meine späteren Zahlungen wurden aus den Einkünften von den Schlafwagen geleistet und ich machte in der Tat meinen ersten beträchtlichen Gewinn durch diese Kapitalanlage in der Woodruff-Schlafwagen-Gesellschaft, die dann von Mr. Pullmann mit übernommen wurde, einem bedeutenden Manne, dessen Name heute in der ganzen Welt bekannt ist.

Bald darauf wurde ich zum Inspektor der Pittsburger Abteilung ernannt, und nun kehrte ich in meine alte liebe Heimat, das rauchige Pittsburg zurück. Man gebrauchte damals auf den Eisenbahnen ausschließlich Holzbrücken, und die Pennsylvanische Eisenbahn machte Versuche mit einer Brücke, die aus Gußeisen gebaut war. Ich sah, daß Holzbrücken in der Zukunft nicht mehr genügen würden und bildete in Pittsburg eine Gesellschaft für den Bau von eisernen Brücken.

Ich nahm dabei wiederum Zuflucht zur Bank, da mein Kapitalanteil 1250 Dollar betrug und ich das Geld nicht hatte; aber die Bank lieh es mir und wir begründeten die Keystone-Brückenwerke, die sich als sehr erfolgreich erwiesen. Diese Gesellschaft baute die ersten großen Brücken über den Ohiofluß von 300 Fuß Spannung und hat seitdem viele der wichtigsten Bauten ausgeführt

Dies war mein Anfang als Fabrikant, und aus diesem Anfange sind alle unsere anderen Werke hervorgewachsen, indem die Gewinne des einen die andern begründet haben. Meine »Lehre« als Kaufmann erreichte bald ihr Ende, denn ich gab meine Stellung als Beamter der Pennsylvanischen Eisenbahngesellschaft auf, um mich ausschließlich dem Geschäft zuzuwenden.

Ich war nun nicht mehr ein bloßer Angestellter, der für andere gegen Besoldung arbeitete, sondern ein vollauf flügger Geschäftsmann, der auf seine eigene Rechnung arbeitete.

Ich war nie ganz damit einverstanden, für andere Leute zu arbeiten. Ein Eisenbahnbeamter hat im besten Falle den Genuß eines bestimmten Gehaltes zu erwarten und er muß sehr vielen Leuten gefallen; selbst wenn er es bis zum Präsidenten bringt, hat er zuweilen einen Ausschuß von Direktoren, die nicht wissen können, was am besten zu tun ist, und selbst wenn diese Körperschaft befriedigt ist, hat er einen Ausschuß von Anteileignern, die ihn kritisieren, und da die Anlagen ihm nicht gehören, kann er sie nicht verwalten, wie er möchte.

Mein Lieblingsgedanke war immer, mein eigner Herr zu sein, etwas zu erzeugen und vielen Leuten Beschäftigung zu gewähren. Es ist nur die Erzeugung eines Dinges denkbar, wenn man ein Pittsburger ist, denn Pittsburg nahm bereits damals die erste Stellung als »Eisenstadt« ein, als führende Eisen und Stahl erzeugende Stadt Amerikas.

So fingen meine unentbehrlichen und tüchtigen Teilhaber, die, wie ich mit Freuden bekenne, meine Jugendgefährten gewesen waren – einige derselben Jungen, die im Gehölz zusammen die 5 Dollaranweisung bewundert hatten – das Geschäft mit mir an und noch fahren wir fort, es zu erweitern, um den beständig wachsenden und beständig wechselnden Bedürfnissen unseres außerordentlich fortschreitenden Landes ein Jahr nach dem anderen zu begegnen.

Immer hoffen wir, daß wir uns nicht noch weiter auszudehnen brauchen, stets aber finden wir wieder, daß ein Aufschub weiterer Ausdehnung einen Rückschritt bedeuten würde, und noch heute lösen sich die aufeinanderfolgenden Verbesserungen und Erfindungen so schnell ab, daß für uns noch eben soviel zu tun bleibt wie je.

Wenn die Stahlfabrik aufhört zu wachsen, fängt sie an zurückzugehen, so müssen wir denn fortfahren, uns auszudehnen. Das Ergebnis dieser ganzen Entwicklung ist, daß 3 Pfund fertigen Stahls heute in Pittsburg für 2 Cents zu kaufen sind, was billiger ist als irgendwo anders auf der Erde und daß unser Vaterland der größte Eisenerzeuger der Welt geworden ist.

Und hiermit endet die Geschichte meiner Lehre und meines Aufrückens als Geschäftsmann.

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