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Landläufige Illusionen über Truste.

Die Programme beider Parteien in dem nahenden Präsidentschaftskampfe werden voraussichtlich von ausdrücklichen oder darin mit inbegriffenen Anklagen gegen die Truste widerhallen, um dem landläufigen Geschrei gegen diese zu Diensten zu sein, denn viele im Volke sind zu dem Glauben geführt worden, daß große Ansammlungen von Kapital den Interessen der Massen, die wenig oder keines haben, feindlich sein müssen. Mag diese Politik für den Augenblick von einem Parteistandpunkte aus mehr oder weniger Erfolg bringen, so ist sie doch notwendig eine Eintagspolitik, weil die Truste, wie der Verfasser zeigen will, die Gesetze des Wettbewerbs nicht auf die Dauer verletzen können und sich dann als dem Volke nützliche Kräfte erweisen müssen.

Die Erde dreht sich heutzutage um nichts schneller als seit Jahrtausenden, ohne Zweifel kommen aber auf der Welt neue Ideen mit einer bisher unbekannten Plötzlichkeit in Sicht, um nach raschem Aufblitzen wieder zu verschwinden. Es scheint, als ob der Mensch unsrer Zeit in der Erfüllung der Pflicht aufginge, alles Neue zu versuchen. Glücklicherweise wissen wir als Kenner der Entwickelung, daß er schließlich nur das festhalten muß und wird, was dem als menschliche Gesellschaft bekannten Organismus gut ist. Seine Haltung neuen Dingen und neuen Gedanken gegenüber ist bisher voll Argwohn und Zögern gewesen. Wir sehen in den älteren Ländern und älteren Kulturen noch die Spuren davon, aber der springende, unbezähmbare, zielbewußte Geist der westlichen Kultur scheint eine ganz entgegengesetzte Richtung zu haben. Er ergreift gierig alles Neue und ist über die Maßen seines Lohnes gewiß, stets bereit, das Alte zu verwerfen und im Neuen die goldene Pforte der Verheißung zu sehn. Der Amerikaner ist der moderne Magier, der ewig alte Lichter mit neuen vertauscht. Universalmittel gegen alle Übel des Lebens sind zahlreicher als die Übel. Nicht einer, sondern hundert wissende Ärzte erscheinen, jedes Gebrechen des politischen Körpers zu heilen und keinem fehlen die Patienten oder, mit Verlaub gesagt, die Gimpel. Wir müssen alle unsre Spielerei und unser Steckenpferd haben. Es ist für den Menschen natürlich, den Täuschungen der Hoffnung nachzuhängen.

Es ist noch nicht lange her, daß die industrielle Welt ihr Heil in dem Aktien-Gedanken erblickte. Jeder Zweig des Gewerbes sollte sich ihm in die Arme werfen. Anteile jeden denkbaren Unternehmens sollten sich massenhaft im Volk verteilen und auf diese Weise die vielgewünschte Wiederverteilung des Reichtums sichern, bei der jedermann nicht mehr allein Verbraucher, sondern sein eigener Produzent, sein eigener Frachtführer, Tuchhändler, Metzger, Bäcker und Leuchterfabrikant wäre. Es stand einem nichts im Wege, durch Anteile der »Begräbnis-Gesellschaft auf Aktien« oder der »Feuerbestattungs-Gesellschaft« gewissermaßen sein eigener Leichenbestatter zu sein, um so den großen Aktiengesellschaftsgedanken ganz zu Ende zu führen. Jeder Angestellte in dem Hüttenwerke oder der Fabrikanlage, im Eisenbahn- oder Dampfschiffahrtsbetrieb sollte bald ein Mitinhaber werden, vielleicht mit künftigem Sitz in der Verwaltung.

Obgleich alle diese über-zuversichtlichen Erwartungen durch die Gesetze, die jene Gesellschaften einführten und dadurch die Vereinigung der zahllosen kleinen Ersparnisse des Publikums im allgemeinen förderten, nicht erfüllt worden sind, so haben doch wenige neue Rechtsformen den haushälterischen und strebsamen Leuten mit kleinen Ersparnissen, die das Salz der arbeitenden Millionen und des ganzen Landes darstellen, so großen Nutzen gebracht wie jene Korporationsidee.

Ein weiterer hochwichtiger Fortschritt in dieser Richtung ging von der Zulassung von Handelsgesellschaften mit beschränkter Haftung aus, die die unzweifelhaften Vorteile der individuellen Leitung vor der korporativen sicherte, ohne die Mitglieder, deren Haftung sie auf den Kapitalbetrag des Geschäftsanteils beschränkte, der Gefahr des Ruins auszusetzen. Bei den großen Aktiengesellschaften werden die Anteile gewöhnlich an der Fondbörse gekauft und verkauft, die wirklichen Besitzer sind also unbekannt. Alles hängt von besoldeten Beamten ab, die vielleicht nicht einen Dollar in dem Unternehmen haben. Bei der Gesellschaft mit beschränkter Haftung können dagegen nur bekannte Anteilseigner Mitglieder sein; die Anteile werden nicht an Außenstehende verkauft, sodaß die Übersicht des Leiters über alles gewährleistet ist. Mit angemessenen – aber unbedingt notwendigen – Provisionen ist es unter diesem System möglich, aus tüchtigen, aber armen Angestellten Teilhaber zu machen, von denen kein Kapital verlangt wird. Die Gesellschaft braucht nur darauf einzugehen, daß die Gewinne mit der gegebenen Verzinsung zu verrechnen sind, wobei sich die kapitalbesitzenden Teilhaber das Recht vorbehalten können, das Gesellschaftsverhältnis durch Zweidrittel- oder Dreiviertel-Mehrheitsbeschluß zu kündigen, falls sich der neue Gesellschafter nicht bewähren sollte. Auf diese Weise ist es möglich, für das Emporkommen des armen aber befähigten Angestellten zu sorgen und bis zu gewissem Grade die Schwierigkeiten auszugleichen, die seinem Aufsteigen zur Teilhaberschaft heutzutage anerkanntermaßen im Wege stehen, weil erfolgreiche Unternehmungen unter den gegenwärtigen, wahrscheinlich fortdauernden Bedingungen ein ungeheuer großes Kapital erfordern. Die Zeit kleiner Geschäftsbetriebe mit Kapitalien, wie sie manche tüchtigen Leute nur erschwingen können, scheint vorüber zu sein und nie wiederzukehren. Das Aufrücken zur Teilhaberschaft in großen Betrieben kann aber in der Hauptsache nur durch solche Mittel erfolgen, wie sie die Gesetze über Handelsgesellschaften mit beschränkter Haftung an die Hand geben.

Heute hört man nur noch wenig von der Aktiengesellschaft, die sich in ihre natürliche Lebenssphäre zurückgezogen hat und nicht weiter beachtet wird. Ihr folgte das »Syndikat«, eine Vereinigung von Gesellschaften, die eine Zeitlang an demselben Strange zogen und den verderblichen Wettbewerb zu vernichten glaubten. Das Wort ist schon fast außer Gebrauch gekommen, und jetzt hat das Syndikat das Feld dem Trust überlassen.

In allen diesen menschlichen Versuchen zeigt sich das Bestreben, Gelegenheiten zu bieten, um Kapitalmassen zu vereinigen, die kleinen Ersparnisse der vielen zu konzentrieren und sie einem einheitlichen Zwecke zuzuführen. Die Lebensbedingungen der menschlichen Gesellschaft schaffen hierfür ein dringendes Bedürfnis; die Konzentration des Kapitals ist eine Notwendigkeit, um den Bedürfnissen der Gegenwart zu begegnen und sollte darum nicht schief angesehen, sondern unterstützt werden. Sie birgt nichts in sich, was der menschlichen Gesellschaft nachteilig ist. Sie ist eine Entfaltung von Ungleichartigem zu Gleichartigem und bildet deutlich einen weiteren Schritt auf dem aufsteigenden Pfade der Entwickelung.

Neben dieser Notwendigkeit, den Reichtum der vielen zu immer größeren Summen für Riesenunternehmungen anzusammeln, zeigt sich die Wirkung eines anderen Gesetzes in der von Anfang an bis jetzt unverändert gebliebenen Neigung, die Kosten aller Gegenstände menschlicher Erzeugung beständig zu ermäßigen. Infolge der Wirkung dieses Gesetzes weist das Heim des heutigen Arbeiters Kostbarkeiten auf, die selbst in den Palästen so neuzeitlicher Fürsten wie der Königin Elisabeth noch unbekannt waren. Es ist eine verbrauchte Redensart, daß die Behaglichkeit von heute gestern Üppigkeit war. Ein richtiges Bild des Gegensatzes gewinnt man erst, wenn man durch die Schlösser und Paläste älterer Länder wandert und sieht, daß diese vor zwei oder drei Jahrhunderten nur Binsen als Teppiche und kleine offene Löcher als Fenster hatten, da Glas wenig bekannt war, und Gas und Wasserleitung und alles entbehrten, was wir heute zur Behaglichkeit des Lebens rechnen. Was die Hauptschätze des Lebens, die Bücher angeht, so gibt es kaum eine Arbeiterfamilie, der nicht unentgeltlich und kostenlos Bibliotheken zugänglich sind, wie man sie ehemals in Palästen nicht kannte.

Wenn eine Wahrheit der Weltgeschichte deutlicher und unbestreitbarer als die andere ist, so ist es die, daß die Verbilligung der Güter, sei es der Luxus- oder der Gebrauchsartikel oder der als Kunstgegenstände geltenden, ihre allgemeinere Verbreitung sichert und einer der mächtigsten Faktoren zur Veredelung und Hebung eines Volkes und zur Vermehrung seines Glückes ist. Zu keiner Zeit menschlichen Schaffens, ist diese große Kraft so wirksam oder so ausgedehnt gewesen wie zu der unsrigen. Nun beruht aber die Verbilligung aller dieser nützlichen Dinge, mögen es Metallwaren, Textilerzeugnisse, Nahrungsmittel oder vor allem Bücher und Druckwerke sein, allein auf der Wirksamkeit eines Gesetzes, das sich folgendermaßen ausdrücken läßt: Die Billigkeit steht im Verhältnis zum Umfang der Produktion. Bei der Herstellung von zehn Tonnen Mehl an einem Tage würde die Tonne viele Male soviel kosten wie bei der Herstellung von hundert Tonnen, bei der Herstellung von hundert Tonnen doppeltsoviel wie bei tausend und bei tausend weit mehr als bei zehntausend. Je größer also der Umfang des Unternehmens, desto billiger das Erzeugnis. Das ungeheure Dampfschiff von zwanzigtausend Tonnen Ladung trägt seine Frachttonne erwiesenermaßen zu niedrigeren Kosten, als die ersten Dampfschiffe ein Pfund trugen. Glücklicherweise ist es den Menschen unmöglich, dieses große und segensreiche Gesetz in seiner Wirkung aufzuhalten oder gar zu ändern, dieses Gesetz, dem der größte Teil ihres Behagens und Wohllebens und auch die Mehrzahl der besten und nützlichsten Kräfte im Leben entspringen.

In einem ob seiner Erfindungen berühmten Zeitalter sehen wir bei diesen dasselbe Gesetz walten. Die Erfindungen erleichtern die großen Unternehmungen und verlangen in den meisten Fällen, in einem großen Maßstabe angewandt zu werden. In der Regel wäre eine wohltätig wirkende Erfindung tatsächlich nutzlos, wenn sie nicht dazu gebraucht würde, tausend Personen zu versorgen, wo vorher zehn versorgt wurden. Jedes Streben zielt heute darauf ab, die geistig wie körperlich nützlichen Güter des Lebens unter den arbeitenden Millionen auszustreuen. Wohin wir schauen, sehen wir das unerbittliche Gesetz immer größere und größere Dinge hervorbringen. Eines der bezeichnendsten Beispiele dafür bietet der Eisenbahngüterwagen. Als der Verfasser in den Dienst der Pennsylvanischen Eisenbahn eintrat, beförderten acht Räder sieben bis acht Tonnen, heute befördern sie fünfzig Tonnen. Die Lokomotive hat sich an Kraft vervierfacht. Das Dampfschiff ist heute zehnmal so groß, der Hochofen hat siebenmal soviel Aufnahmevermögen, und überall zeigt sich der Trieb weiteren Wachstums. Der Unterschied zwischen der Hand-Druckpresse von früher und der vollendeten Zeitungsdruckmaschine von heute ist selbst noch auffälliger.

Man ersieht hieraus, daß dieses überwältigende, unwiderstehliche Streben nach Anhäufung von Kapital und wachsendem Umfang in jedem Produktionszweige nicht aufgehalten oder gar ernstlich verhindert werden kann und daß man, statt in der einen oder anderen Richtung eine Einschränkung zu versuchen, jede Zunahme nicht für die wenigen Reichen, sondern für die Millionen Armen als einen Gewinn begrüßen und zugeben muß, daß dieses Gesetz Segen bringt, daß es zum Guten und nicht zum Schaden gereicht. Jede Erweiterung ist, Stufe für Stufe, eine Verbesserung des Vorangegangenen. Sie führt zu höherer Zivilisation und gestaltet das Leben nicht einer, sondern aller Klassen der Menschen reicher. Sie ist darauf gerichtet, in des Arbeiters Hütte die Kostbarkeiten einzuführen, die bisher nur der Reiche genoß, aus den häßlichsten Wohnstätten viel von ihrer Häßlichkeit zu entfernen und das Gedeihen menschlichen Glückes, im Heim des Arbeiters verhältnismäßig mehr als im Palast des Millionärs, zu fördern. Sie ist nicht darauf gerichtet, den Reichen ärmer zu machen, sondern darauf, den Armen durch den Besitz besserer Dinge reicher zu machen und verkleinert wesentlich die weite und beklagenswerte Kluft zwischen den Reichen und den Armen. Oberflächliche Politiker mögen eine Zeitlang die Unwissenden täuschen, aber mehr und mehr werden all dies diejenigen deutlich einsehen, die man jetzt verleitet, Kapitalanhäufungen als schädlich zu betrachten.

In allen großen Bewegungen, auch den nützlichsten, gibt es Anlaß zu Kritik und neue, den neuen Bedingungen entspringende Gefahren, vor denen man sich hüten muß. Kein Goldklumpen ist frei von mehr oder weniger Unreinigkeiten und keine gute Sache ohne ihren Beisatz von Schlacken. Selbst die Sonne hat ihre Flecken, doch werden diese, wie man weise hinzusetzt, nur durch das Licht sichtbar, das sie selber aussendet.

Die Vorteile, die der Welt aus diesem Gesetze der Ansammlung und des Wachstums überkommen sind, nehmen daher verschiedene Formen an, von denen einige Einwänden begegnen.

Eine Form der Ansammlung ist das Anwachsen von Geschäftsbetrieben, die ihren Wirkungskreis beständig erweitern, wobei die besondere Form, die man am meisten kritisiert hat, das Warenhaus ist. Wir blicken auf die Zeit zurück, wo ein unbedeutendes Geschäft eine Klasse von Waren verkaufte. Eine noch weitere Arbeitsteilung zeigt sich in ihrer vollsten Entwicklung im ganzen Orient, wo zur Herstellung einer ganzen Leistung eine große Zahl Diener erforderlich ist, da sich jeder auf die Verrichtung eines Teiles der vielen dazu erforderlichen Handgriffe beschränkt. Spuren dieses Systems fristen sich auch noch bei uns daheim. In betreff der Warenhäuser ist aber die erste Frage: Liefern sie der großen Masse Waren zu geringeren Kosten? Denn auf die Billigkeit kommt es an, damit im Volke eine weitere Verbreitung begehrenswerter Artikel stattfindet, die sehr zu wünschen ist, weil sie unfehlbar ein Aufsteigen zu einer höheren Stufe der Zivilisation einschließt. Gesteigerte Behaglichkeit bedeutet gesteigerte Verfeinerung und diese bedeutet eine höhere Lebenshaltung. Niemand stellt die Tatsache in Zweifel, daß diese großen Unternehmungen einen größeren Wert für das Geld liefern, als es den kleinen selbständig verkaufenden Betrieben möglich war. Der gesteigerte Umfang der Geschäfte unter einer Leitung sichert eine viel billigere Güterverteilung. Daß diese Großbetriebe so allgemein bevorzugt werden, ist der beste Beweis, daß sie nützlich sind, und sie sind, dies sollte man nicht aus den Augen verlieren, für das große Publikum verhältnismäßig vorteilhafter als für die wenigen Reichen. Ebenso sind es die breiten Volksschichten und nicht die Wenigen, denen das Gedeihen ungeheuer großer, allumfassender Unternehmen in jedem andern Zweige der Gütererzeugung und -Verteilung am meisten frommt. Daß die Einführung eines neuen Systems das ältere und weniger wünschenswerte stört und schließlich umstößt, ist unvermeidlich.

Die Hauptklage, die gegen die Warenhäuser erhoben wird, ist, daß das alte System kleiner selbständiger Geschäfte dem Staate hundert unabhängige Inhaber als wertvolle Bürger sicherte, während ihm das Warenhaus vielleicht nur fünf biete. Nach der Meinung des Verfassers ist dies ein Irrtum, da schon die Erfahrung zeigt, daß der große und erfolgreiche Betrieb von zahlreichen tätigen Mitgliedern abhängt, die an den Ergebnissen unmittelbar teilhaben. Es darf als ein Gesetz gelten, daß sich das Geschäft, das die größte Zahl von Gehilfen am Gewinn beteiligt, unter sonst gleichen Voraussetzungen am erfolgreichsten erweisen wird, und es ist eine allgemein bekannte Tatsache, daß in jenen Riesenbetrieben die unmittelbare Beteiligung am Gewinn für alle Vorsteher der zahlreichen Abteilungen bereits die Regel bildet. Mit andern Worten, der kleine unbedeutende Prinzipal in seinem kleinen Laden hat dem größeren viel bedeutenderen Vorsteher einer Abteilung Platz gemacht, dessen Einkünfte die des von ihm verdrängten kleinen Geschäftsinhabers gewöhnlich übersteigen. Dies ist jedoch noch nicht alles. Für die Entfaltung außergewöhnlicher Fähigkeiten bietet sich hier ein viel größeres Feld als es in dem kleineren Betrieb möglich war und die Teilhaberschaft oder etwas ihr entsprechendes wird in einem dieser Unternehmen ebenso oft zu erlangen sein, wie der Besitzer des kleinen Ladens Erfolge erzielte. Dies größere System züchtet größere Menschen und durch die großen Menschen wird der Durchschnitt der Gattung gehoben. Die Gattung der Kleinhändler ist dazu bestimmt, sich zu verbessern und nicht allein bessere Geschäftsmänner und bessere Männer an sich, sondern auch wertvollere Staatsbürger hervorzubringen. Die Beschäftigung mit kleinen Angelegenheiten schafft kleine Menschen, die Beschäftigung mit großen Angelegenheiten große und starke Charaktere.

Wir haben die Warenhäuser, als die der Kritik am meisten unterworfene Form, herausgegriffen, aber was von ihnen hier gesagt worden ist, gilt von allen andern Geschäftszweigen. Je größer der Maßstab, in dem die Geschäfte erfolgreich geführt werden können, desto besser für die Menschheit als Ganzes und in noch höherem Grade für die große Masse des Volkes als für die Wenigen.

Wir kommen jetzt zu einer andern Phase der Ansammlung: der Vereinigung verschiedener in den einzelnen Teilen des Landes verstreuter Industriewerke zu einer einzigen starken Gesellschaft. Solche Vereinigungen werden jetzt als Truste bezeichnet.

Soweit die Vereinigung verschiedener einem Gewerbszweige angehörender Anlagen in Betracht kommt, zeigt sich darin eine Folge des großen Gesetzes der Ansammlung, welches, wie wir gesehen haben, nützlich ist, wenn auch der wahre Grund der sich vereinigenden zuweilen die Erwägung gewesen sein mag, daß durch solchen Zusammenschluß empfindlichem Wettbewerb ein Ende gemacht würde. Diesem Beweggrund wird ein schöner Anstrich verliehen, weil auf der Hand liegt, daß eine Verbilligung der Erzeugnisse durch die Verbindung von Betrieben an verstreuten Plätzen nicht in so hohem Maße erfolgen kann, als wenn ein einziger Betrieb sich selbst erweitert. Andererseits ist bis zu gewissem Grade zuzugeben, daß jeder einzelne Betrieb benutzt werden kann, den Bedarf eines tributpflichtigen Bezirks zu decken, um so Versendungskosten zu sparen. Eine einzige starke, erweiterte Unternehmung wird aber wohl im stande sein, einen im eignen tributpflichtigen Bezirk nicht gebrauchten Überschuß im Vergleich zu den kleinen verstreuten Betrieben zu soviel niedrigeren Kosten herzustellen, daß sie für das, was sie außerhalb ihres natürlichen Gebietes zu verkaufen wünscht, die Fracht tragen kann. Soweit die Vereinigung verstreuter Betriebe den Zweck hat, Versendungskosten zu sparen und auf diese Weise eine Verbilligung zu erzielen, ist sie als dem Lande nützlich zu begrüßen, denn es steht fest, daß die Billigkeit der Güter zu ihrer weiteren Verbreitung unter der Masse führt und, wenn dies erreicht wird, einen Gewinn darstellt. Ermäßigte Erzeugungskosten unter freiem Walten des Wettbewerbs sichern dem Verbraucher ermäßigte Preise.

Man ist gegen die Truste aufgebracht, weil sie darauf abzielen sollen, für die Herstellung und Verteilung ihrer Erzeugnisse Monopole zu begründen, aber die ganze Frage ist die: Ist es ihnen gelungen oder kann es ihnen gelingen, Erzeugnisse zu monopolisieren? Sehen wir zu. Daß der Verfertiger eines patentierten Artikels ein Monopol aufrecht erhalten kann, versteht sich von selbst. Unsere Gesetze gewähren ihm ausdrücklich ein Monopol. Daß es seitens des Staates weise gewesen ist, einem Erfinder ein solches für eine gewisse Zeit zu gewähren, wird nicht ernstlich bezweifelt werden. Es hat sich dies so nützlich erwiesen, daß die Nationen der ganzen Welt eine nach der andern unserer Patentgesetzgebung gefolgt sind. Unser hauptsächlichster industrieller Nebenbuhler, Großbritannien, hat es soweit als möglich getan, und der Vorsitzende der britischen Patentkommission drückte mir sein Bedauern aus, daß es zur Zeit für undurchführbar gehalten werde, in derselben Richtung weiter zu gehen.

Außer den Patenten giebt es nur zweierlei Bedingungen, die die Behauptung eines Monopols möglich machen. Sie sind gegeben, wenn die Beteiligten eine unbedingte Kontrolle über das Rohmaterial, aus dem das Erzeugnis hergestellt wird, oder über ein Gebiet besitzen, in welches Wettbewerber nur mit äußerster Schwierigkeit eindringen können. Dies ist im wesentlichen bei der Standard Oil Company der Fall, und so lange wie sie ein Monopol fürs Rohmaterial behaupten kann, wird sie selbstredend auch ein Monopol für das fertige Erzeugnis behaupten können. Es ist das eine Tatsache, die das Publikum anerkennen muß, aber was die Gesetzgebung tun kann, ihr zu begegnen, ist schwer zu sagen. Die Bürger der Vereinigten Staaten haben ein Recht darauf, alles zu kaufen, was sie wünschen. Dieses Recht könnte kaum beschränkt werden, auch würde seine Beschränkung im großen und ganzen nicht weise erscheinen, zumal der Fall mit dem Standard Oil der einzige ist, in dem ein Monopol für einen Artikel erworben worden ist. Es ist nur durch außergewöhnliche Fähigkeiten und durch Umstände möglich geworden, die wahrscheinlich nicht wieder eintreten werden. Die in seinem fortgesetzten Erfolg liegende Belohnung ist für so tüchtige Leute wie seine Schöpfer nichts Außergewöhnliches. Die zweite Quelle seiner Kraft entspringt der Tatsache, daß die damit zusammenhängenden, ausgedehnten Unternehmungen die Möglichkeit geschaffen haben, den Preis des Erzeugnisses für den Verbraucher zu ermäßigen. Es ist eine einzig dastehende Organisation, denn es gibt nichts Ähnliches auf der Welt, und darf daher mit den gewöhnlichen Trusten, die zahlreich und in beständiger Zunahme begriffen sind, nicht in eine Linie gestellt werden.

Innerhalb der letzten paar Monate hat sich eine ganz neue und überraschende Entwicklung des Trustgedankens auf dem Gebiete der Eisenbahnen gezeigt, eine Entwicklung, die dem Kopf, der sie erdachte, viel Ehre macht. Ich meine den Ankauf großer Beträge der Aktien weniger hervorragender Wettbewerber durch die führenden Hauptlinien. Wir sehen jetzt einen stellvertretenden Vorsitzenden der Pennsylvanischen Eisenbahn-Gesellschaft in der Verwaltung der Baltimore- und Ohio-Gesellschaften sitzen. Das Ergebnis dieser Bewegung nimmt, wenn sie anhält, möglicherweise Größenverhältnisse an, die in ihrer Wirkung jede frühere Phase des Trustes übertreffen und zu einer Ausdehnung der Machtvollkommenheit der zwischenstaatlichen Kommission und vielleicht zu einer andern Gesetzgebung führen mögen, an die jetzt niemand denkt. Die Angelegenheit erstreckt sich zu weit, um hier mehr als nur angedeutet werden zu können. Das Land wird ihre künftige Entwicklung erfahren und der über wirtschaftliche Fragen nachdenkende wird ihr mit tiefem Interesse entgegen sehen.

Die Entstehungsgeschichte der Truste ist die folgende: Die Fabrikanten der meisten Stapel-Artikel (besonders von Eisen und Stahl) sind langen Perioden großen geschäftlichen Druckes unterworfen, denen kurze Zwischenzeiten hoher Gewinne folgen. Da während des Darniederliegens des Geschäfts keine Erhöhung der Produktionsfähigkeit eintritt und die Bevölkerung und der Bedarf der Welt beständig wachsen, bemerkt man eines Tages, daß die Nachfrage das Angebot eingeholt und überschritten hat. Aber die Erzeugung eines vermehrten Vorrats ist kein leichtes Ding. Es bedeutet gewöhnlich ein Anfangen von Anfang an, die Rohmaterialen müssen aus dem Bergwerk oder aus dem Boden gewonnen und durch mannigfache Prozesse getrieben werden, für die die notwendigen Maschinen und Vorkehrungen fehlen, und so vergehen ein Jahr oder 18 Monate oder selbst zwei Jahre, ehe der Vorrat der meisten Artikel tatsächlich vermehrt werden kann. Die Nachfrage bleibt indessen unbefriedigt und wird gebieterisch und die Preise schnellen empor. Viele neue Leute werden veranlaßt, neue Fabriken zu bauen. Die Erweiterung der alten genügt aber allen Nachfragen und selbst ein wenig darüber hinaus, und dann kommt der Zusammenbruch. Während einer der langen Perioden des Tiefganges, wenn viele der Fabrikanten am Rande des Bankrotts stehen, erhebt sich nun eine Hoffnung im Herzen, die sich bald zu dem Glauben verdichtet, daß ein neuer Weg gefunden sei, den natürlichen Folgen der unveränderlichen wirtschaftlichen Gesetze zu entgehen. Man fühlt bald, daß wilder Wettbewerb zwischen denen, die ein gemeinsames Leid tragen und Bruderfabrikanten sein sollten, aufzuhören hat und der Löwe und das Lamm sich zusammen schlafenlegen müssen. In der Stunde der Not vergißt man, daß der Moralist die Befürchtung ausgesprochen hat, das eine möchte im Bauche des andern gefunden werden. Zunächst folgen Verständigungen aller Art und schöne Versprechungen – leider! nur um gebrochen zu werden, und schließlich erscheint der Gründer und unsere armen Fabrikanten werden ihm zur leichten Beute. Ungeheure Summen werden für veraltete Anlagen geboten, die vielleicht seit Jahren kaum imstande gewesen sind, mehr als ihre Kosten abzuwerfen. Diese werden nun zusammengeballt und in dem Wahne, daß das Zusammenballen von einem Dutzend oder zwanzig Invaliden Leben in die Masse bringt, tritt das neue Unternehmen als ein Trust in die Erscheinung. Dies trifft nicht für alle zu, die zu den Trusten gerechnet werden, es gibt Ausnahmen, ich spreche nur allgemein.

Werden diese Verbände am Vorabende einer Periode lebhafter Tätigkeit geschlossen, wie es jüngst der Fall war, so erfolgt dann eine frohlockende Rechtfertigung des neuen Heilmittels, die industrielle Welt hat ihr Universalmittel gegen alle Übel gefunden und nie wieder soll verderblicher Wettbewerb stattfinden. Das Publikum ist beunruhigt, es hört eine Zeitlang von dem Preisaufschlag der Erzeugnisse dieser Riesenverbände, die zeitweise den Markt beherrschen und verlangt eine Gesetzgebung gegen sie. Allgemein gesprochen, würde der Preisaufschlag, wie in dem gegenwärtigen Beispiel, auch Platz gegriffen haben, wenn keine Truste vorhanden gewesen wären, da die Ursache die gestiegene Nachfrage war. Der bloße Name Trust fällt uns auf die Nerven. Offenbar beunruhigt sich das Publikum über die Frage ohne Not, aus den folgenden Gründen:

Wenige Truste haben ein Monopol durch Patente oder durch Rohmaterial- oder Gebiets-Versorgung und was dann eintritt, ist folgendes: Der Wettbewerb wird eine kurze Zeit gehemmt, aber selten oder nie vollständig erstickt. Die Gewinne der Truste sind hoch und das Kapital, das stets nach einer Gelegenheit ungewöhnlich hohen Gewinnes ausspäht, sucht nach einem Gesetz seines Daseins einzuspringen und wartet nur darauf, in den Dienst dieses ertragreichen Gewerbes zu treten. Ein Verwandter eines der hauptsächlichsten Beamten oder einer der Abteilungsvorsteher des Trustes, der dessen großen Gewinn kennt, bestimmt irgend einen Freund mit Kapital, gemeinschaftlich mit ihm neue Fabriken zu bauen, und die Folge ist, daß wir bald im ganzen Lande als Wettbewerber Fabriken emporschießen sehen, deren jede den großen Riesentrust mehr oder weniger bezwingen will. Dieser droht nun die Preise herabzusetzen, und wird früher oder später, mag dies auch für ihn einen Verlust von Millionen Dollar bedeuten, mit dem kleinen David, der den Goliat anzugreifen wagte, zu einem Abkommen gelangen und den nebenbuhlerischen Betrieb beseitigen oder aufkaufen. Dies reizt aber nur den Appetit anderer, die den Erfolg des ersten Neuunternehmers sahen und bald schießen andere Fabriken empor. Kaum hat der Trust einen bedrohlichen Nebenbuhler aufgekauft, so erscheinen zwei andere und das ist sein Verhängnis. Das Volk kann versichert sein, daß es weder in dem einen noch dem andern Artikel für irgend einen Trust möglich ist, übermäßige Preise zu erpressen, ohne dadurch seine eigenen Grundlagen rasch zu untergraben. Es ist nicht lange her, daß die ersten Truste in die Erscheinung traten, und schon sind viele verschwunden. Viele noch bestehende, deren Namen dem Leser sofort einfallen werden, werden bestürmt. Nur wenige überleben heute und keiner hat sich das ersehnte Monopol gesichert. Für die meisten Metall- und viele Stapel-Artikel sind Truste gebildet worden, die wohl noch am Leben sind, aber bis zu ihrer schließlichen Zerstörung unentwegt angegriffen werden. Die Presse pflegte jeden Morgen von der Organisation des einen oder anderen Trustes zu berichten, und selbst heute hören wir noch von beabsichtigten Ergänzungen der Liste dieser versuchten Riesenmonopole, die sich eines eintägigen Bestehens erfreuen. Für die meisten von ihnen paßt schon die Grabschrift:

War mir so bald der Tod bestellt,
Warum kam ich dann auf die Welt?

Jeder Versuch, die Herstellung eines Stapel-Artikels zu monopolisieren, trägt den Keim des Mißlingens in sich. Lange bevor wir gesetzgeberisch mit Erfolg gegen die Truste vorgehen könnten, würde für eine solche Gesetzgebung keine Notwendigkeit mehr bestehen. Die Vergangenheit beweist dies und die Zukunft wird es bestätigen. Man sollte diese großen Kapitalansammlungen für die Erzeugung von Stapel-Artikeln lieber fördern. Eine über eine kurze Zeit hinausgehende Preissteigerung für den Verbraucher braucht nicht befürchtet zu werden. Im Gegenteil, das unvermeidliche Ergebnis einer solchen Ansammlung ist schließlich, daß der Verbraucher billigere Artikel erhält als er auf andere Weise hätte erlangen können, denn das Kapital wird durch hohen vorübergehenden Gewinn angetrieben, gegen sie zu Felde zu ziehen. Die Folge ist bald eine die Bedürfnisse des Verbrauchers übersteigende Produktionsfähigkeit und da die neu errichteten Fabriken die höchsten Vervollkommnungen aufweisen und billiger als die alten produzieren können, müssen die verwundbaren Truste sie aufkaufen und zum doppelten oder dreifachen Betrag ihrer Kosten kapitalisieren. Es besteht daher in den Trusten keine der Allgemeinheit drohende Gefahr noch irgend ein Anlaß zu Befürchtungen.

Die großen aus der menschlichen Natur und den menschlichen Bedürfnissen hervorgewachsenen Gesetze behalten ihren unaufhaltsamen Lauf. Der Wettbewerb in allen Zweigen menschlicher Tätigkeit ist nicht zu unterdrücken. Der einzelne Fabrikant, der sich zu dem ungemein gewinnbringenden Geschäft des Trustes verführt sieht, wird sich vor der Monopolfrage hüten und dem Volke Schädigungen ersparen. Der Trust wird eines Tages, was die Ansammlung und die Ausdehnung angeht, als ein großer Schritt angesehen werden, der zu billigerer Gütererzeugung für das Volk führte, wie sie auf keinem andern Wege als dem der Vereinigung von Kapital und Fabriken hätte erreicht werden können. Schon sind die Geister zahlreicher dahingeschiedener Truste, die nach Monopolen strebten, über die Bühne der geschäftigen Welt geschritten, jeder mit einem Fingerzeige auf seine von jenem großen Korrektiv, dem Wettbewerbe, herrührende Todeswunde. Wie bei den Geistern der Opfer Macbeths verspricht die Reihe immer länger zu werden, und ebenfalls wie jene Phantome »kommen und gehen sie gleich Schatten.«

 

Die Masse des Volkes, die arbeitenden Millionen werden in diesem großen Gesetz der Ansammlung von Kapital und Fabriken bald eine weitere, wohltätige Kraft erblicken, die darauf gerichtet ist, dem Heim des Armen, in höherem Maße als je, immer mehr von den Kostbarkeiten des Reichen zuzuführen und seinem Leben mehr Annehmlichkeit und Helle zu verleihen. Die einzigen Leute, die Grund haben, die Truste zu fürchten, sind die, welche in ihnen ihren Trost suchen.

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