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Vorwort.

Der amerikanische Stahlkönig und der Wohltäter Carnegie sind in Deutschland jedermann bekannt. Ebenso dürfte der Schriftsteller Carnegie weitere Kreise unseres Volkes interessieren, gleichviel wie sich einer zu den Anschauungen und Handlungen dieses Mannes im einzelnen stellen mag. Eine unter dem Namen »The Empire of Business« erschienene Sammlung seiner Feder entstammender Schriften, die vorzugsweise Aufsätze über geschäftliche und wirtschaftliche Gegenstände umfaßt, hat denn auch bereits auf dem deutschen Büchermarkt eine günstige Aufnahme erfahren. Es darf daher erwartet werden, daß die vorliegende neue Sammlung, betitelt »The Gospel of Wealth and other timely Essays«, die durchweg andere Aufsätze als die erste, namentlich solche über Fragen sozialer und politischer Natur bringt und von einer Selbstbiographie des Verfassers begleitet ist, dem deutschen Leser gleichfalls willkommen sein wird, zumal darin vielfach Verhältnisse und Möglichkeiten berührt werden, die augenblicklich zu den brennendsten Tagesfragen gehören. Auf die in den einzelnen Aufsätzen enthaltenen Ansichten, Behauptungen und Vorschläge kritisch einzugehen, würde bei der Art und Mannigfaltigkeit des Stoffes den Rahmen eines bloßen Vorwortes und damit die Aufgabe des Übersetzers überschreiten. Es muß und kann vielmehr dem Leser überlassen bleiben, allein zu beurteilen, in welchen Punkten Carnegie recht zu geben ist und in welchen nicht, ob ihn nicht z. B. sein soziales Empfinden oder sein starker Patriotismus manche Dinge in zu einseitigem Lichte sehen und gewisse Tatsachen – beispielsweise die ethnographisch bedeutungsvolle Beimischung deutscher, romanischer und slavischer Elemente in dem amerikanischen Zweig der »englischsprechenden Rasse« – vergessen läßt. Unterbleiben mußte ebenso eine Prüfung oder Ergänzung der in einigen der Betrachtungen benutzten, meist sehr abgerundeten statistischen Daten, da eine solche zu weit geführt haben und auch nur zum Teil möglich gewesen sein würde. Indessen sind in einzelnen Fällen, wo Ungenauigkeiten ohne weiteres zutage treten, berichtigende Fußnoten angebracht worden, so z. B. beim letzten Aufsatz, wo die staatliche Steuerbelastung des Engländers mit der des Deutschen verglichen, die doppelte Belastung des Deutschen durch Reich und Einzelstaat dabei aber nicht mit in Rechnung gestellt wird.

Die Übersetzung des Buches, über die ich nunmehr ein paar Worte sagen möchte, bot, wie jede Übersetzung, Schwierigkeiten. Was sich am schlechtesten aus einer Sprache in die andere übersetzen läßt, ist, mit Nietzsche zu reden, das Tempo ihres Stils, die in jedem guten Satze steckende Kunst – Kunst, die erraten sein will, sofern der Satz verstanden sein will – daß man über die rhythmisch entscheidenden Silben nicht im Zweifel sein darf, daß man die Brechung der allzustrengen Symmetrie als gewollt und als Reiz fühlt, daß man jedem staccato, jedem rubato ein feines, geduldiges Ohr hinhält, daß man den Sinn in der Folge der Vokale und Diphthonge rät, und wie zart und reich sie in ihrem Hintereinander sich färben und umfärben können, daß man weiß, was eine Silbe, was ein Wort wiegt, inwiefern ein Satz schlägt, springt, stürzt, läuft, ausläuft: Pflichten und Forderungen, die vom Leser, umsomehr vom Übersetzer anerkannt sein wollen, Kunst und Absicht in der Sprache, auf die solchergestalt hinzuhorchen ist. Inwieweit es mir gelungen ist, solche ästhetische Schwierigkeiten, die durch die individuelle Schreib- und Ausdrucksweise Carnegies und die grammatisch-logische Verschiedenheit des englischen Satzbaues vom deutschen vielfach noch erhöht wurden, zu erkennen und zu überwinden, mag derjenige, der an der Hand des Originals vergleichende Stichproben vornehmen will, mit Nachsicht entscheiden. Im allgemeinen habe ich mich bestrebt, das Buch nach Inhalt wie Form so treu wie möglich wiederzugeben und nur da zu einer freieren Übertragung, unwesentlichen Verschiebungen, Kürzungen, Flickwörtern usw. Zuflucht genommen, wo mir eine dem Sprachgefühl und Original zugleich genügende Verdeutschung anders nicht glücken wollte. Der Versuchung, alles Nichtdeutsche, auch internationale Lehnwörter, geographische Bezeichnungen und dergl. der Übersetzung anheimfallen zu lassen, habe ich zu widerstehen gesucht. Zulässig und angezeigt erschien es mir indessen, statt gut entbehrlicher Fremdwörter, wie »Import«, »Export«, »Produktion« usw. die dafür zu Gebote stehenden deutschen Ausdrücke zu benutzen und dem Deutschen geläufige Ländernamen und Sachfirmen, wie »Virginien«, »Pennsylvanische Eisenbahn«, »Woodruffsche Schlafwagen-Gesellschaft« usw. deutsch aufzuführen; dagegen sind bei Zeitungsnamen wie »North American Review« zur Unterscheidung von etwa in deutscher Sprache erscheinenden Zeitungen gleichen Titels die englischen Bezeichnungen beibehalten worden. Was endlich die vom Verfasser meist ohne nähere Angaben angezogenen Dichterworte angeht, so ist deren Wortlaut zum Teil deutschen Ausgaben entnommen und nur soweit, als solche nicht vorhanden oder die angeführten Stellen nicht aufzufinden waren, Werk des Übersetzers.

Oban, den 15. September 1904.
Dr. P. L. Heubner.


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