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Die Vorteile der Armut.

Zwei Aufsätze aus meiner Feder, die in der »North American Review« erschienen, haben in Britannien ein doppeltes Glück gehabt, indem sie von der »Pall Mall Gazette« unter dem neuen und packenden Titel »Das Evangelium des Reichtums« abgedruckt worden sind und die Beachtung des Mannes gefunden haben, der am ehesten das Interesse denkender Kreise auf sie lenken konnte. Durch Mr. Gladstones Beurteilung und Empfehlung in der November-Nummer dieser Revue ward ihnen der erlauchteste Taufzeuge zuteil, dem in der Dezember-Nummer andere von Rang und Autorität folgten. Es hat daraufhin eine weitausgedehnte Diskussion Platz gegriffen, doch werde ich mich auf ihre Beziehungen zu denjenigen Gedanken beschränken, die das »Evangelium des Reichtums« darlegt.

Mr. Gladstone lenkt die Aufmerksamkeit zunächst auf das verhängnisvolle Anwachsen des Reichtums. Von jedem Gesichtspunkte aus erscheint mir dieses Wachstum höchst nützlich, denn so schnell auch das Anwachsen des Reichtums erfolgt, so geht doch seine Verteilung unter das Volk noch schneller, in immer zahlreicheren Strömen vor sich, da von dem gemeinsamen Ertrag von Kapital und Arbeit in unserer Zeit der Arbeit ein größerer Anteil als in irgend einer früheren Zeit zufällt, der beständig noch zunimmt. Zahlreiche voneinander unabhängige Tatsachen bezeugen dies übereinstimmend und bieten einen unzweifelhaften Beweis. Einige ungeheure Vermögen sind während des letzten Menschenalters auf unserm neuen und unentwickelten Kontinent angehäuft worden, aber unter Bedingungen, die nicht mehr bestehen. Heutzutage ist es selbst in den Vereinigten Staaten viel leichter, ein großes Vermögen zu verlieren, als eins zu erwerben und mehr werden verloren als erworben. Es überrascht daher wohl, daß Rev. Mr. Hugh Price Hughes sagt: »Was man auch von Mr. Henry Georges Lehren und Folgerungen denken mag, so kann doch niemand leugnen, daß seine Tatsachen unbestreitbar sind und mit Mr. Carnegies »Fortschritt« die wachsende »Armut« seiner weniger glücklichen Landsleute Hand in Hand geht.«

Soweit ich beurteilen kann, haben alle Schriftsteller von Autorität auf sozialem und ökonomischem Gebiet Mr. Georges Behauptungen nicht nur bestritten, sondern ihr Gegenteil für wahr erklärt. Mr. Georges »Fortschritt und Armut« stützt sich auf zwei Behauptungen: erstens, daß die Reichen reicher und die Armen ärmer werden und zweitens, daß der Grund und Boden mehr und mehr in die Hände weniger übergehe. Die Wahrheit ist, daß die Reichen ärmer und die Armen reicher werden und daß das Land aus den Händen der Wenigen in die der Vielen gelangt. Das Studium von Mulhalls »Fünfzig Jahre nationalen Fortschritts« (Seite 23-27) ist jedem sehr zu empfehlen, der hinsichtlich der Verteilung des Reichtums die Wahrheit zu erfahren wünscht. Mr. Mulhall sagt darüber: »Auch häuft sich dieser Reichtum nicht unter einer kleinen Zahl von Leuten an, vielmehr werden jedes Jahr die Reichen weniger reich und zahlreicher, während der Armen im Verhältnis zur Bevölkerung weniger werden.«

Dieselben Ergebnisse zeigen sich sogar in noch höherem Maße in unserer Republik. In bezug auf die Landverteilung gibt die Statistik der Vereinigten Staaten die Zahl und Durchschnittsgröße der Farmen wie folgt an:

Zahl der Farmen Im Jahre 1890 war die Zahl der Farmen in den Vereinigten Staaten 4 564 641 und die durchschnittliche Grösse 136½ Acres. – D. Herausg.

1850 1860 1870 1880
1 449 073 2 044 077 2 659 985 4 008 907

Durchschnittliche Größe der Farmen (Acres)
[1 Acre = ca. 0,4 Hektar]

1850 1860 1870 1880
203 199 153 134

Diese Neigung zu zahlreicherem und kleinerem Besitz ist auch in Britannien vorhanden, obgleich sie dort einschränkende Gesetze in ihrer Wirkung hemmen.

Es freut mich, daß Mr. Hughes die bekannte Stelle von Herbert Spencer anführt, die, wie er sagt, »den beklagenswerten Irrtum dartut, daß großer Reichtum ein großer Segen sei« – eine Stelle, die durchaus eine tiefe Wahrheit enthält; ist es aber möglich, daß Mr. Hughes nicht wissen sollte, was unser beiderseitiger Lehrer von Mr. George hält? Mr. Spencer sagte, als er mir von Mr. Georges Buch sprach, daß er ein paar Seiten gelesen und es dann als »Plunder« weggeworfen hätte. Ich kenne keinen Schriftsteller oder Denker von anerkannter Autorität außer Mr. Hughes, der von dem Philosophen in diesem Urteil abweicht.

Was den Hinweis auf mich selbst angeht – ich nehme natürlich an, daß er in keiner Weise persönlich ist, sondern nur dem Vertreter einer Klasse gilt – so erlaube ich mir Mr. Hughes zu versichern, daß es meines Wissens eine unbestreitbare Tatsache ist, daß mein »Fortschritt« unvermeidlich nicht die »wachsende Armut«, sondern den wachsenden Reichtum meiner Landsleute im Gefolge geführt hat, wie der Fortschritt jedes Arbeitgebers notwendig die Bereicherung des Landes und des Arbeiters herbeiführen muß. Man stelle sich jemanden vor, der von »wachsender Armut« in den Vereinigten Staaten spricht! Der Amerikaner verwendet seine Ersparnisse mehr als jeder andere Arbeiter zum Ankauf eines Hauses. Die Sparkassen sind nur eine der von ihm benutzten Spargelegenheiten. Nichtsdestoweniger zeigen die eben für das Jahr 1890 erfolgten Aufstellungen für alle Neu-England- und mittleren Staaten (wo Millionäre am häufigsten sind) mit einer Bevölkerung von 17 300 000 – mehr als die Hälfte der gesamten Bevölkerung Britanniens – daß die Einlagen 1 279 000 000 Dollar gleich 255 000 000 Lstr. ausmachen und die Zunahme für das Jahr 13 000 000 Lstr. betragen hat. Die Zahl der Einleger beträgt 3 520 000 und zeigt, daß auf fünf Männer, Frauen und Kinder ungefähr ein Bankkonto kommt, was praktisch einem auf jede Familie entspricht. Der in Häusern angelegte Betrag an Ersparnissen geht über die Sparkasseneinlagen noch weit hinaus.

Die Volkszählung der Vereinigten Staaten von 1880 zeigt nur 88 665 öffentliche Arme auf eine Bevölkerung von 50 000 000, hauptsächlich Alte und Invaliden, ein Drittel davon Ausländer. Es gab mehr Blinde und Blödsinnige in den öffentlichen Wohltätigkeitsanstalten als Arme und halb so viele Taubstumme, obgleich der Prozentsatz der mit körperlichen Mängeln behafteten weniger als die Hälfte desjenigen Europas beträgt. Die Gesamtzahl aller unselbständigen Personen, für die gesorgt wird, war geringer als fünf auf tausend, im Vergleich zu dreiunddreißig auf tausend im Vereinigten Königreich. Diese Verhältniszahl für Britannien beträgt erfreulicherweise nur noch etwa ein Viertel von dem, was sie war, und ihre stete Abnahme ist höchst ermutigend. Wohltäter der Armen können diese Abnahme am besten beschleunigen, bis etwa die amerikanische Ziffer erreicht ist, indem sie den arbeitenden Klassen Britanniens jenes Gefühl männlicher Selbstachtung und jene Mäßigkeit und Sparsamkeit einflößen, die ihre Rasse hier auszeichnen und sie nicht allein vor Verarmung, sondern überhaupt vor Mangel oder äußerster Bedürftigkeit bewahren, außer wenn dies, von Unglück und Krankheit abgesehen, die notwendige Folge ihrer eigenen schlechten Lebensweise ist.

Mr. Hughes würde wissentlich keine Behauptungen verfechten, die der Wahrheit widersprechen. Ich hoffe deshalb bestimmt, er wird sich damit zufrieden geben, daß sich kein Schriftsteller von Autorität irrt, wenn er behauptet, Bedürftigkeit, Mangel und Armut seien hier rasch abnehmende Größen; und bezeichnenderweise ist dies weniger die Folge von Almosen oder Anstrengungen der Reichen als vielmehr die einer Verbesserung der Lebensweise des Volkes selbst durch die Erziehung – die einzige Grundlage, auf die sich ein steter Fortschritt mit Sicherheit gründen kann. Mr. Hughes wird leicht auch eine weitere unbestreitbare Tatsache erkennen, wenn er auf den Werften Glasgows, in den Eisen- und Stahlwerken Sheffields, den Kohlenbergwerken Mittel-Englands oder industriellen Unternehmungen überhaupt nachforscht, nämlich die, daß die arbeitenden Klassen eine viel größere Vergütung für ihre Dienste empfangen, als sie jemals erhielten oder jetzt für irgend eine andere Form der Arbeit erhalten und möglicherweise erhalten könnten, die Gründungen großer Unternehmungen durch Leute von großem Reichtum ausgenommen. In unsrer Zeit der Erregung und Übertreibung muß man sich immer vergegenwärtigen, daß es zu keiner Zeit für die große Masse der englischen Rasse, wo diese auch wohnen mag, so leicht gewesen ist wie heute, nicht nur ihren bequemen Lebensunterhalt zu verdienen, sondern auch Ersparnisse zu machen, um für trübe Tage Geld in der Bank zu haben. Wenn sie es unterläßt, sucht der wahre Reformer eine hinlängliche Erklärung dafür eher in ihrer Lebensweise als in den bestehenden Erwerbsverhältnissen.

Weit entfernt davon, daß »Millionäre am einen Ende der Staffel Arme am andern« bedeuten, wie Mr. Hughes meint, ist das gerade Gegenteil eine augenscheinliche Tatsache. In einem Lande, wo der Millionär vorkommt, gibt es für Armut wenig Entschuldigung; die Lebensbedingungen der Masse sind in demselben Verhältnis befriedigend, wie ein Land mit Millionären gesegnet ist. Es gibt nicht einen großen Millionär unter den ganzen vierhundert Millionen Chinas, noch einen einzigen in Japan oder Indien, einen oder zwei vielleicht in ganz Rußland, zwei oder drei in Deutschland und nicht mehr als vier oder fünf in ganz Frankreich, die Monarchen und den Erbadel ausgenommen. Es gibt mehr Millionäre auf der begünstigten kleinen Insel Britannien als in ganz Europa und solche neuen Ursprungs in den Vereinigten Staaten noch mehr als in Britannien; und die Einkünfte der Masse stehen in geradem Verhältnis zu der Leichtigkeit, mit der Millionäre gedeihen. Der britische Arbeiter empfängt mehr für die Handhabung des Spatens während eines Tages als der Schmied oder Zimmermann Chinas, Rußlands, Indiens oder Japans für die Arbeit einer ganzen Woche und doppelt soviel wie seine Kollegen auf dem Kontinent. Der geschickte Handwerker Amerikas erhält mehr als zweimal soviel wie der Handwerker Britanniens. Die Millionäre können nur inmitten allgemeinen Wohlergehens heranwachsen und gerade dieses Wohlergehen wird durch ihre Tätigkeit in hohem Maße gefördert. Ihr Reichtum entsteht nicht, wie Mr. Hughes meint, auf Kosten ihrer Landsleute. Die Millionäre verdienen kein Geld, solange niedrige Löhne gezahlt werden müssen. Ihre Gewinne häufen sich in den Zeiten an, wo die Löhne hoch sind und je höher die zu zahlenden Löhne, desto höher das Einkommen des Arbeitgebers. Es ist darum wahr und nicht falsch, daß Kapital und Arbeit verbündete und nicht einander widerstreitende Kräfte sind, und daß das eine nicht gedeihen kann, wenn das andere nicht fortkommt.

Ich glaube mich entschuldigen zu müssen, daß ich der Darlegung von Gemeinplätzen so breiten Raum gewähre, aber zu einem guten Teile rühren das Vorurteil und die Feindschaft, die unnötigerweise zwischen Kapital und Arbeit walten, von solchen Behauptungen her, wie den angeführten.

Kommen wir zu Mr. Gladstone zurück. Wäre doch sein Beitritt zum »Evangelium des Reichtums« in vollem Umfange zu erlangen! Höchst erfreulich ist das Wohlwollen, das er im allgemeinen dessen Zweck und Ziel schenkt, aber der vernichtende Charakter seiner Kritik an einem wesentlichen Punkte ist erheblich. Er hat völlig recht, wenn er sagt, daß darin, »obwohl es nur einen Teil betreffe, eine ernste Streitfrage« liege. Sie entspringt aus seiner nachsichtigen, festhaftenden Liebe für den Grundsatz der erblichen Übertragung von Stellung, Reichtum und Geschäften und für den Glanz auf Seiten derjenigen von Rang. Wir müssen dieser wichtigen Streitfrage auf der Schwelle entgegentreten.

Der Grundgedanke des Evangeliums des Reichtums ist, daß überflüssiger Reichtum als ein heiliges Pfand zu betrachten sei, das diejenigen, in deren Hände es gelegt wird, während ihrer Lebzeiten zum Besten der Gesamtheit zu verwalten haben. Es wird verkündet, der Tag stehe bevor, wo derjenige, der im Besitze ungeheurer Summen stirbt, die sein waren und während seines Lebens frei verwaltet werden konnten, entehrt sterben wird, und darum gefordert, daß es Ziel des Millionärs sein müsse, arm zu sterben. Ebenso wird die Bescheidenheit im privaten Aufwand verfochten.

Das ernstlichste Hindernis für die Verbreitung eines solchen Evangeliums ist zweifellos der herrschende Wunsch der Menschen, Reichtum zu dem ausgesprochenen Zwecke anzusammeln, ihn ihren Kindern zu vermachen oder zur Entfaltung von Prunk auszugeben. Ich habe deshalb zu beweisen gesucht, daß der Wunsch, den Kindern etwas zu hinterlassen, mehr in der Eitelkeit der Eltern als in einer weisen Rücksicht auf das Wohl der Kinder wurzelt. Daß der Vater, der seinem Sohne ungeheuren Reichtum vermacht, gewöhnlich die Anlagen und die Tatkraft des Sohnes tötet und ihn versucht, ein weniger nützliches und weniger würdiges Leben zu führen als er sonst führen würde, scheint mir solcher Beweise fähig, die nicht verneint werden können. Vor vielen Jahren schrieb ich in das Album einer reichen Dame: »Ich würde meinem Sohne eher einen Fluch als den allmächtigen Dollar hinterlassen.« Ausnahmen sind zu jeder allgemeinen Regel häufig, aber es gibt kaum mehr Ausnahmen zu dieser Regel als wie zu andern, nämlich der, daß »jungen Leuten Reichtum ein Fluch und Armut ein Segen« ist. Wenn indessen diese Ausdrücke etwas stark erscheinen, wollen wir unsern Satz folgendermaßen fassen: daß jungen Leuten hinterlassener Reichtum in der Regel unvorteilhaft, ein Leben voll Armut und Kampf hingegen vorteilhaft ist.

Mr. Gladstone meint: »Geht die Behauptung zu weit, daß Vererbung von Reichtum und Stellung in Verbindung mit der beruflichen Beschäftigung und Verantwortung ein gutes und kein böses Ding sei? Ich freue mich, sie bei unsern Kaufleuten, Bankiers, Verlegern zu sehen und wollte, sie wäre unter unsern großen industriellen Kapitalisten allgemeiner.« Er fährt fort: »Noch größer, wichtiger und schwieriger ist die Frage der Vererbung von Land.« Mr. Gladstone verteidigt nicht die Vererbung unverminderlichen Geldbesitzes, fügt gleichwohl aber dem obigen Satz hinzu: »Ist es aber denn etwas anderes, wenn im Handel oder im Gewerbe oder in andern Formen der Unternehmung wie z. B. dem Geschäft eines großes Verlagshauses die Arbeit des Vaters durch seine Nachkommen fortgepflanzt wird?«

Diese Stellen deuten an, daß die Vererbung von Reichtum, Stellung und Geschäften nicht schädlich, wie ich sie erachte, sondern wünschenswert, etwas Gutes und nichts Böses sei. Betrachten wir jene Form: daß die Söhne der Beschäftigung ihrer Väter folgen. Recht wenig weiß meines Dafürhaltens jemand, der nicht im Getriebe des Geschäftslebens steht, wie selten die vielseitige Befähigung ist, die die Führung der heutigen geschäftlichen Unternehmungen erfordert. Die Zeiten sind vorüber, wo ein einmal begründetes Geschäft fast als dauernd gesichert angesehen werden konnte. Die geschäftlichen Methoden haben sich geändert, der gute Wille zählt immer weniger. Der geschäftliche Erfolg wird heutzutage nur durch denselben Besitztitel behauptet, wie die Ministerpräsidentschaft Britanniens – auf Grund einer ständigen Herausforderung an alle Bewerber. Der zärtliche Vater, der seinen Sohn mit vermeintlichen kaufmännischen Fähigkeiten ausstattet und ihn mit Geschäften betraut, von deren erfolgreicher Führung das Einkommen Tausender abhängt, ladet eine schwere Verantwortung auf sich. Die meisten der unglückseligen Zahlungseinstellungen unserer Tage rühren gerade von diesem Umstand her. Es ist ebenso unrecht dem Sohn wie der Gesamtheit gegenüber. Von sieben bedeutenden Zahlungseinstellungen während einer Panik in Newyork wurden fünf auf diese Ursache zurückgeführt. Einer jener Söhne lebt als Verbannter, um der Bestrafung für die Verletzung eines Gesetzes zu entgehen, welches er nicht klar verstand. Ich habe gemeinsam mit andern den Präsidenten gebeten, ihm die Strafe zu erlassen – ein Schritt, den ich nie zuvor wegen eines Übertreters des Gesetzes unternommen habe, aber in diesem Fall halte ich den Vater, nicht den Sohn für den schuldigen Teil. Die Pflicht des Hauptes einer großen Unternehmung ist, fähige Gehilfen zu gewinnen, die ohne Kapital sind aber geschäftliche Tüchtigkeit bewiesen haben, um diese zur Teilhaberschaft und Leitung aufrücken zu lassen. Der Bankier, der sein Geschäft Söhnen übergibt, weil es Söhne sind, macht sich eines großen Unrechts schuldig. Reichtum und Rang mögen ohne Rücksicht auf Verdienst und Fähigkeiten von einem Pair auf einen andern übergehen, wenn auch nicht ganz ohne Nachteil, so doch ohne wesentlichen Schaden, da die Pflichten hier Sache der Routine sind und die Wohlfahrt oder Mittel anderer selten unmittelbar berühren – die Leitung eines Geschäftes aber nie.

Angenommen aber, Geschäftsunternehmungen ließen sich wirklich nach Maßgabe von Erbansprüchen übertragen – ist es dann weise oder wünschenswert, daß es geschieht? Ich denke nicht. Der Millionär und Geschäftsmann, der in seinem Beruf die beste oder höchste oder auch nur eine wünschenswerte Laufbahn für seine Söhne erblickt, schätzt ihn höher als ich. Die Söhne der Reichen haben einen richtigen Instinkt, der ihnen sagt, daß eine Tätigkeit mit dem Hauptziel des Erwerbs derjenigen unwürdig ist, die der Notwendigkeit, ihren Unterhalt zu verdienen, enthoben und daher in der Lage sind, sich einer jener zahlreichen Aufgaben zu weihen, bei denen ihre Zeit und Kenntnisse in erster Linie zum Wohle der Gesamtheit angewandt werden können. Die Söhne des Millionärs verdienen Anerkennung, die nicht zu bestimmen sind, jenes völlig in Anspruch nehmende, unaufhörliche Interesse am Geschäft ihres Vaters zu nehmen, welches nötig ist, um dieses vor Verfall zu bewahren. Die Zeit ist vorüber, wo die Reichen und Reichsten Geschäft spielen können, wie es reicher Leute Söhne fast immer tun müssen. Es gibt Ausnahmen, wo der Sohn Neigungen und entschiedene Fähigkeiten zeigt, die ihn zum natürlichen Nachfolger machen, diese Ausnahmen sind aber selten, viel zu selten, um bei der Wertung eines Brauches in Betracht zu kommen. Solche Fähigkeiten sollten übrigens in irgend einem andern Unternehmen als in dem des Vaters bewiesen werden.

Kommen wir nun zu der Vererbung von Land, so stoßen wir auf ganz rührende Worte Mr. Gladstones. Er entwirft ein liebliches Bild der »wunderbaren Mannigfaltigkeit und Festigkeit der Bande, durch die das Amt des Grundeigentümers bei richtigem Gebrauch das ganze Gefüge der ländlichen Gesellschaft zusammenhält – jenes Zusammenhanges, jener gegenseitigen Abhängigkeit und Zuneigung der Stammesgenossen, die ihrerseits ein festeinendes Band der Gesellschaften im großen ist.« Aber ist dies ein Bild der Gegenwart? Sind nicht jene Tage auch vorbei, ein paar Beispiele ausgenommen, wie sie der beweinte Lord Tollemache und in einem kleineren Maßstabe Mr. Gladstone selbst in Hawarden, jenem irdischen Paradies, geliefert haben?

Die Bebauung von Land ist jetzt ein Geschäft, das auf kaufmännischer Grundlage von unabhängigen Leuten betrieben wird, die der Landeigentümer nicht mehr leitet und die sich glücklicherweise selbst leiten können. Der amerikanische Bürger, der selbst Grundeigentümer, Geschäftsführer, Pächter und Arbeiter ist, und von dem Boden, den er besitzt und bestellt, nur seinen und seiner Familie Unterhalt verlangt, hat die Erhaltung mehr als einer Klasse aus dem Produkt des landwirtschaftlichen Bodens auf der ganzen Welt unmöglich gemacht. Kennt man den Bürger, den diese Verhältnisse schaffen und auch den Charakter des schottischen Pächters, wie er sich dank den langen Pachten, die ihn praktisch unabhängig machen, entwickelt hat – obgleich in seinem Fall die zauberwirkende Macht des Eigentums, die so viel zählt, noch fehlt – und beurteilt man diese Klassen als Männer und als Bürger, so fällt das Urteil ohne Zweifel sowohl für den Einzelnen wie für den Staat in hohem Maße zu Gunsten eines Wechsels aus. Sollte die Abschaffung des Erstgeburtsrechtes und Erblehns mit den Änderungen kommen, deren Einführung man von der Demokratie erwartet, so würden wahrscheinlich große Besitztümer in Britannien in Pachtgüter zerlegt werden und in den Besitz des Volkes übergehn. Die Geschichte Dänemarks dürfte dann in diesem Punkte diejenige Britanniens werden, und die jetzt bestehende Versuchung, den ältesten Söhnen die Landgüter zu hinterlassen, würde auf diese Weise beseitigt werden und mit ihr ein großes Hindernis für die Annahme des Evangeliums des Reichtums – der wertlose und vergebliche Wunsch, Erb-Familien zu gründen oder zu erhalten.

Mr. Gladstone nennt als Beispiel den Marquis von Salisbury, der das Amt des Premierministers geerbt habe, ein Amt, das zehn Generationen vorher einer seiner Vorfahren bekleidet habe, indem er fragt: »Sind diese Bande des Blutes nicht ein Glied, das ihn mit Ehren und öffentlicher Wirksamkeit verknüpft?« Ist dies Beispiel, das Mr. Gladstone zur Bekräftigung seiner Ansichten anführt, nicht unglücklich gewählt? Ich habe Lord Salisbury immer als ein schlagendes Beispiel für den Vorteil angesehn, nicht zum Erben von Reichtum und Stellung geboren zu sein. Wie der große Begründer der Cecils, ward Lord Salisbury selbst als gemeiner Bürger geboren – als jüngerer Sohn mit dem Erbanteil eines jüngeren Sohnes, und von seinen offenbaren Fähigkeiten getrieben tat er sein Möglichstes, sich vor Einengung und Einschränkung durch erstickende Staats- und Prunkgewänder zu wehren. Die Gesetze seines Vaterlandes zwangen ihn, seine Individualität in einer Pairswürde verschwinden zu lassen, andernfalls hätte die englische Geschichte von einem ersten und einem zweiten Cecil erzählen können, wie sie von einem ersten und einem zweiten Pitt erzählt – Männer, die zu groß sind, um als Menschen durch irgend einen Titel verwischt zu werden. Es ist ein trauriges Herabsteigen im geschichtlichen Rang, das von »Cecil« zum »Marquis« von irgend etwas. Der höchste Titel, den ein Mann auf die Blätter der Geschichte schreiben kann, ist sein eigener Name. Der Mr. Gladstones wird daselbst stehen; Gladstone ist er, Gladstone wird er bleiben, selbst wenn er künftige Generationen seine achtunggebietende Persönlichkeit in der »Herzogswürde von Olydesdale« oder irgend einem sonstigen Titel verlieren lassen wollte. Aber wer unter seinen Zeitgenossen im öffentlichen Leben würde solch eine Probe der Meisterschaft gleich erhaben bestehn? Es ist nur für Einen in jeder Generation Raum. Von ihm ist, wer es auch sein mag, sicher vorauszusagen, daß er »Gladstone« in einem wesentlichen Punkte gleichen wird: er wird ein Mann des Volkes, frei von dem Nachteil erblichen Reichtums und Standes sein und seinen Namen und seine Persönlichkeit dem Geschichtsblatte voller Glanz aufprägen. »Disraeli« berechtigte eine Zeitlang zu guten Hoffnungen, aber er verblaßt rasch in Beaconsfield – ein Schatten eines Namens. Der Titel erweist sich größer als der Mann.

Als Mann der »Saturday Review« hatte sich Robert Talbot Cecil (einen so glorreichen Namen zu verlieren!) als eine Macht erwiesen: es ist hundert gegen eins wahrscheinlich, daß er, zu erblichem Titel geboren, ein unbekannter Alltagsmarquis geblieben wäre und in dieser Beziehung den vielen Generationen von Marquis von Salisbury geähnelt hätte, die aufeinander gefolgt waren und deren erlauchte Geschichte in »Burse's Pairie« unter den drei Buchstaben b, m, d enthalten, und völlig enthalten ist. Der einzige Mann seiner Familie, von dem er Eigenschaften empfangen haben kann, »die ihn mit Ehren und öffentlicher Wirksamkeit verknüpften,« ist der große vorbildliche Cecil und Begründer seines eigenen Zweiges des Hauses, der wie er selber ein jüngerer Sohn war und weder Reichtum noch Rang besaß. Bis spät in seiner Laufbahn gehörte er nicht einmal zum niederen Adel. Der große Cecil ging vielmehr aus dem Volke hervor und besaß keinen der Vorteile, die Mr. Gladstone, ich denke mit Unrecht, der Ererbung von Reichtum und Stellung beimißt. Die Abstammung ist wohl höchst wichtig, aber nur die unmittelbare von den Eltern, denn in jeder Generation wird die eine Hälfte der erblichen Anlagen eine andere. Glücklicherweise brauchen die Hochgestellten der Erde dem Charakter ihrer Vorfahren über die vorangegangene Generation hinaus nicht nachzuforschen. Ein Glück für die adligen Kinder Britanniens, daß sie bei den Tugenden von Vater und Mutter verweilen und Halt machen können. Lord Salisbury wie so mancher befähigte Mann verdankt vielleicht seine hervorragenden Eigenschaften seiner Mutter, die die Tochter eines einfachen Landedelmannes war – eines gemeinen Bürgers, der vor den Nachteilen erblicher Übertragung von Reichtum und Rang sicher war. Merkwürdigerweise hat der gegenwärtige Beherrscher des andern Zweiges der englischen Rasse, unser Präsident, dasselbe Glück, das Mr. Gladstone für den Marquis von Salisbury geltend macht, da sein Großvater Präsident gewesen ist. Aber man darf gewiß behaupten, daß der Herrscher Amerikas nie dieses hohe Amt eingenommen haben würde, hätte er von seinem Großvater Vermögen und Stellung empfangen oder selbst Reichtümer erworben. Keine Partei ist so töricht, zum Präsidenten einen reichen Mann oder gar einen Millionär zu ernennen. Die Demokratie wählt arme Männer. Der Mann muß um sein Brot gearbeitet haben, um ein brauchbarer Kandidat zu sein, und wer so glücklich gewesen ist, wie Lincoln Holz spalten zu müssen, oder wie Garfield Maulesel an einem Kanal anzutreiben und nachher zur Abtragung eines Teiles seines Schulgeldes die Schulzimmer zu reinigen und Feuer darin zu machen, oder wie Blaine Schulunterricht zu geben, wird sich mit umso größerem Erfolg an das Volk wenden. Dies gilt nicht allein von der Präsidentschaft: einer der stärksten Bewerber ging seiner Ernennung zum Senat verlustig, weil man ein Haus, welches er in Washington baute, als ein Zeichen von Ansprüchen ansah, wie sie mit republikanischer Einfachheit der Lebensweise unvereinbar seien.

Nichts ist für die Aussichten eines Staatsmannes in Amerika verhängnisvoller als Reichtum oder die Entfaltung von Reichtum. Die Gefahr einer Geldherrschaft, die seine Eminenz Kardinal Manning befürchtet, ist sicherlich rein eingebildeter Art. Es gibt kein Land, wo Reichtum so wenig gilt wie in unsrer Republik. Die Strömung der öffentlichen Meinung zeigt ganz die entgegengesetzte Richtung. Befähigt den republikanischen Präsidenten seine Abstammung weniger zu Ehren und öffentlicher Wirksamkeit, weil ihm weder Rang noch Reichtum erblich übertragen wurden? Ist er für die Antriebe zu Ehre und Tugend weniger empfänglich, weil er arm und ein gemeiner Bürger ist? Ich meine, die Besten und Größten Britanniens sind von den Größten und Besten anderer Ländern nicht verschieden. Sie haben eine Abstammung gehabt, die sie zu Ehren und öffentlicher Wirksamkeit bestimmte, aber fast ohne Ausnahme eine Abstammung von ehrenhafter Armut – von arbeitsamen, lohnabhängigen Eltern, die Leben tugendhafter Entbehrung führten und Wohlbehagen opferten, um ihren Söhnen den Schulbesuch zu sichern – die Abstammung aus der Hütte der Armut, nicht dem Palast erblichen Ranges und Standes.

Mr. Gladstone selbst hat eine solche Abstammung. Bestimmt sie ihn weniger als den Lord Salisbury die seinige zu Ehre und öffentlicher Wirksamkeit? Seine Vorfahren waren schottische Pächter ohne Reichtum und Rang, ich bezweifle jedoch nicht, daß Mr. Gladstones Laufbahn ebenso stark und edel von seiner Kenntnis oder Erinnerung des ärmlichen und tugendhaften Lebens seiner Vorfahren beeinflußt worden ist, wie es die irgend eines erblichen Monarchen oder Adeligen, der jemals lebte, von Gedanken an seine Ahnen sein konnte; und eines steht für mich unbedingt fest: er hat recht, viel stolzer auf seine Abstammung zu sein, als Adelige oder Fürsten gewöhnlich auf die ihrige sein dürfen. Unter vielen Vorteilen, die aus der Vererbung nicht von Reichtum und Stellung, sondern von »Armut und Gesundheit« entstehn, befindet sich einer, der meines Dafürhaltens alle andern zusammengenommen überwiegt. Den Kindern des Königs, Millionärs oder Adeligen ist es nicht vergönnt, Vater oder Mutter in dem engeren und wirklichen Sinne dieser heiligen Ausdrücke zu haben. Der Name Vater und der noch heiligere Name Mutter sind dem Kind des Reichen und des Adeligen bloße Namen. Dem armen Jungen sind es Worte, auf die er schwört – seine Leitsterne, die Anker seiner Seele, die Gegenstände seiner Anbetung. Weder Amme, Diener, Erzieherin oder Hofmeister sind zwischen ihn und seine Eltern getreten. In seinem Vater hat er Hofmeister, Gefährten, Berater und Richter gehabt. Dem geborenen Millionär, Adeligen oder Fürsten ist es nicht beschieden, solches Erbe zu besitzen wie derjenige, der in seiner Mutter Amme, Nährerin, Lehrerin, Vorbild, Heiligtum, sein ein und alles besessen hat.

Erblicher Reichtum und Stand sind dazu angetan, Vater und Mutter ihrer Kinder und die Kinder der Eltern zu berauben. Es kann nicht lange währen, bis ihre Nachteile mehr und mehr gefühlt und die Vorteile schlichter und einfacher Lebensweise immer deutlicher erkannt werden.

Arme Burschen, die so von ihren Eltern selbst erzogen sind, besitzen so große Vorteile vor denjenigen, die von besoldeten Fremden beaufsichtigt und unterrichtet und den Versuchungen des Reichtums und Standes ausgesetzt sind, daß es nicht Wunder nimmt, wenn sie in jedem Zweige menschlicher Betätigung die Führenden werden. Sie erscheinen auf der Bühne als zum Kampfe gerüstete Athleten mit gespannten Sehnen und unbezwingbarem Willen, zu siegen oder zu sterben entschlossen. Solche Leute sind immer an der Spitze marschiert und werden stets die Welt führen, sie sind die Epochemachenden. Man nehme nur die drei oder vier hervorragendsten Namen, die erhabensten Großen auf jedem Felde menschlichen Triumphes, und beachte, wie klein der Beitrag erblichen Ranges und Reichtums zu der kurzen Liste der Unsterblichen ist, die die Menschheit gehoben und weitergebracht haben. Man wird wohl einsehn, daß der Besitz dieser Güter der Größe und Trefflichkeit beinahe verhängnisvoll ist und die Größten und Besten unsres Geschlechts notwendig in der stählenden Schule der Armut erzogen worden sind, der einzig fähigen, die erhabensten Großen, die Genies, hervorzubringen.

Über die Verteidigung der Bescheidenheit im privaten Aufwand durch »das Evangelium des Reichtums« sagt Mr. Gladstone: »Unter denjenigen, deren Stand Prachtentfaltung entschuldigt oder selbst fordert, gibt es reichlich Gelegenheiten und auch schöne und anmutige Beispiele persönlicher Einfachheit und Einschränkung.« Dies erscheint mir wie ein Zweig von dem Giftbaum der Vererbung von Reichtum und Stellung. Ist es wahr, daß Stand Prachtentfaltung erheischt, oder wahr, daß wirkliche Standes-Würde durch Einfachheit erhöht wird?

Die folgenden Worte des Präsidenten Cleveland in seiner Botschaft an den Kongreß treffen diesen Punkt: »Wir sollten uns nie der Einfachheit und weisen Sparsamkeit schämen, die für das Auftreten einer republikanischen Regierung am besten paßt und mit der Mission des amerikanischen Volkes durchaus vereinbar ist. Diejenigen, die für eine beschränkte Zeit zur Führung öffentlicher Geschäfte erwählt sind, gehören noch zum Volke und können durch ihr Beispiel viel dazu beitragen, in Übereinstimmung mit der Würde ihrer amtlichen Obliegenheiten zu jener schlichten Lebensweise anzuspornen, die unter ihren Mitbürgern die Lauterkeit unterstützt und Sparsamkeit und Wohlergehn fördert.«

Präsident Cleveland folgt nur den Lehren und Beispielen eines jeden amerikanischen Präsidenten und aller andern Beamten. Es gibt in unsrer Republik für den Richter, Bischof oder Präsidenten keine Sondervorteile, noch irgend welche Pensionen, außer daß Richter im Alter von siebenzig Jahren mit dem halben Gehalt in den Ruhestand versetzt werden. Die sehr mäßigen Gehälter, die allen Beamten gegeben werden, zwingen zu bescheidenem Aufwand und der Einfluß dieses Umstands auf die Nation ist ebenso mächtig wie heilsam. Wollte einst ein künftiger König von Britannien verkünden, daß er nach ernster Erwägung der Frage des Reichtums und der Armut beschlossen habe, wie der Präsident der Vereinigten Staaten und seine Familie von zehntausend Pfund jährlich zu leben, die für Prunk bestimmten Hunderttausende von Pfunden hingegen dem Volke zurückzugeben oder öffentlichen Zwecken zu widmen und in Gemäßheit dieses Beschlusses leben – würde dies die wahre Würde seines Lebens und seiner Stellung beeinträchtigen oder erhöhn? Würde es seinen Einfluß verringern oder steigern? Und wieviel Gutes würde daraus fließen, daß jener Monarch durch eine solche Einschränkung mit einem Beispiel ruhiger, prunkfreier, bescheidener Lebensweise, einem Beispiel der Verwendung seines Überflusses nicht für sich selbst, sondern für andre voranginge? Der einzige Einwand, den man gegen eine solche Handlung erheben dürfte, ist, daß sie den König zu einer viel zu mächtigen Persönlichkeit für das System der konstitutionellen Monarchie machen würde, die in »König« nur ein Wort zu sehn verlangt, das den Willen des Kabinets bedeutet. Der Mann, der eine solche Handlung zu vollbringen vermöchte, würde nicht allein dem Titel nach »König«, sondern eine Macht im Staate sein. Der Right Hon. John Morley gab als Antwort auf eine Frage, die ihm über diesen Punkt der Aufwendungen und Prachtentfaltung des Staates kürzlich bei einer Versammlung in Newcastle von einem Wähler vorgelegt wurde, der Hoffnung Ausdruck, die Hochgestellten möchten einsehn, daß die höchste Ehre darin bestehe, still und einfach zu leben. Ich führe nicht seine Worte, aber den Sinn seiner Antwort an. Mr. Gladstone selbst wird seinen Landsleuten viel Grund zu Zuneigung, Dankbarkeit und Bewunderung hinterlassen, aber wenn sein künftiger Lobredner von ihm sagt – wie er es wahrlich imstande sein wird – was von Pitt auf seinem Denkmal im Londoner Rathause gesagt ist, so wird er ihm den höchsten aller Tribute zollen. Diese Worte lauten: »Er lebte, indem er viele Jahre die Geschenke seines Herrn verteilte, ohne Gepränge und starb arm.« Wenn wir Mr. Gladstone nicht zu den Lobrednern bescheidener Lebenshaltung auf Seiten derjenigen von Rang zählen können, so freuen wir uns doch daß keiner ihn in der Übung jener Tugend übertrifft. Es ist selten, daß man das Beispiel über die Lehre des Weisen hinaus loben kann.

In diesem Punkte bin ich Mr. Hughes für die Worte, die er geschrieben hat, dankbar. Er sagt: »In Wirklichkeit handelt es sich nicht darum, wieviel wir weggeben sollen, sondern wieviel wir für unsere eigenen Bedürfnisse behalten dürfen.« Hiernach muß sich jeder Mann von Reichtum und Rang die Frage vorlegen: »Wieviel darfst du für deine eigenen Bedürfnisse behalten?« Es ist dies eine unbequeme Frage, auf die man sich nicht gern die Antwort gibt. Ein Zehntel – den Zehnten – zu geben, ist leicht. Der wahre Jünger des Evangeliums des Reichtums hat weit darüber hinauszugehn. Sein Gewissen mag sich bei der Erwägung beruhigen, daß er und seine Familie Anspruch darauf haben, das Beste, was die Welt bietet, mit Maß zu genießen. Der eifrige Jünger wird leicht erfahren, daß man noch in Schulden geraten kann, wenn man etwa den erwarteten Überschuß vorweg verbraucht und, bevor man das Geld in der Hand hat, in solchem Umfange Werke fürs Gemeinwohl beginnt, daß man tatsächlich ohne verfügbaren Überschuß bleibt und sogar zusehen muß, wie man seinen Verbindlichkeiten begegnen kann. Er mag sich in dieser Lage dann als arm betrachten und wird sich sicher so vorkommen. Der persönliche Aufwand der sehr reichen bildet einen so kleinen Bruchteil ihres Einkommens, dafern sie sich bestreben, sich nicht durch Übertreibung hervorzutun, daß sie in dem Gedanken an den viel größeren, für andre ausgegebenen Teil ihrer Mittel eine Zuflucht finden können. Ich glaube aber nicht, daß dies volle Genugtuung gewährt und pflichte gern Mr. Hughes bei, wenn er auf die besondere Erörterung der von ihm aufgeworfenen wichtigen Einzelfrage: »Wieviel dürfen wir für unsere eigenen Bedürfnisse behalten?« weniger Wert legt.

In bezug auf das Geben meint Mr. Gladstone, daß ich in meinem Urteil über private Wohltätigkeit streng bin, wenn ich annehme, von jedem für sogenannte Wohltaten ausgegebenen Tausend Dollar würden neunhundertundfünfzig besser ins Wasser geworfen. Die Geschichte der Wohltätigkeits-Organisations-Gesellschaft Newyorks ist in dieser Hinsicht höchst lehrreich. Ihr vertraulicher Monatsbericht brachte jüngst die Namen von dreiundzwanzig Schwindelunternehmungen, die, viele von ihnen leider mit Erfolg, Beiträge sammelten. Sie hatten ihre gedruckten Jahresberichte, Listen vornehmer Zahler – in vielen Fällen sind diese leider echt – ihre einkassierenden Damen und alle übrigen Einzelheiten. Als sich weiter die verschiedenen Wohltätigkeitsvereine verbanden und die Listen der Unterstützung empfangenden verglichen, fand man, daß viele Namen in sieben oder acht Listen vorkamen. Wenn es der Raum erlaubte, könnte ich eine Geschichte erzählen, die jede reiche Persönlichkeit von ihrer Pflicht überzeugen würde, sich nicht zum Geben zu entschließen sondern zurückzuhalten, bis feststeht daß ihre Hilfe nicht noch steigert, was man heute so eindringlich die »Hölle des Mangels und Elends« nennt, die beseitigt werden soll. Die Städte von Connecticut sind kürzlich übers Almosengeben belehrt worden. Ein Morgenblatt berichtet: »Die Erfahrungen Hartfords mit wohlhabenden öffentlichen Bettlern dürften sich in fast jeder Stadt Connecticuts wiederholen. Vor ein paar Jahren untersuchte in Norwich ein Beauftragter der Stadt die Verhältnisse der zahlreichen Personen, die von der Stadt unterstützt wurden. In vierzig Fällen fand er, daß die um milde Gaben nachsuchenden von fünfhundert bis zu dreitausend Dollar auf der Sparkasse hatten. In einem Falle, wo eine Frau jahrelang »Stadtgeld« bezogen hatte, fand man, daß sie nahezu zwanzigtausend Dollar in einer Lokalbank hatte.

Es ist dies die am wenigsten beklagenswerte Seite der Sache, denn das klugen, sparsamen Leuten gegebene Geld kann, selbst wenn sie es nicht brauchen, immerhin nicht die traurigen Folgen zeitigen wie dasjenige, welches der viel zahlreicheren Klasse gegeben wird, die damit dem Laster fröhnt und sich in den Stand setzt, in Faulheit zu leben. Wenn der einzelne Geber die im Unglück befindliche Person oder Familie, ihre Lebensweise, ihre Führung und die Ursache der Not nicht kennt und nicht sicher ist, daß gewährte Hilfe sie befähigen wird, sich selbst zu helfen, so darf er eigentlich nicht zu Werke gehn; und geht er trotzdem zu Werke, um seine eigenen Gefühle zu schonen – was einer zu tun sehr versucht ist – so wird er die Not, die sich an ihn wendet, eher vermehren als vermindern. Es gibt in der Tat keine wahre Wohltätigkeit außer der, die andern hilft sich selbst zu helfen und den Aufstrebenden die Mittel an die Hand gibt, emporzuklimmen.

Es herrscht meiner Wahrnehmung nach die Neigung vor, nur an die unglückseligen Elenden zu denken, denen die zur Besserung erforderliche Tüchtigkeit nicht eingeflößt werden kann. Die gemeine Menschlichkeit drängt uns, für die augenblicklichen Bedürfnisse menschlicher Wesen zu sorgen, durch unsere Armengesetze vorzusehen, daß niemand Hungers stirbt und für ein wohnliches Obdach, Kleidung und Belehrung Sorge zu tragen, was indessen immer von der Verrichtung von Arbeit abhängig gemacht werden sollte. Wenn wir dies tun, müssen sich unsre Gedanken jedoch auch darauf richten, daß die sozial aussätzigen zum Nutzen derjenigen, die noch gesund und fleißig sind und das Mittel zur Besserung ihrer Lage in der Arbeit erblicken, aus deren Mitte zu entfernen und in Arbeitshäusern unter die Obhut des Staates zu stellen sind. Jeder trunksüchtige Landstreicher oder faule Bummler, der durch Almosen aus den Händen reicher Leute unterhalten wird, ist für einen Kreis anderer eine Quelle moralischer Vergiftung. Es ist nicht recht, dem hart arbeitenden, tätigen Manne zu zeigen, daß er seine Bedürfnisse auf anderem Wege leichter befriedigen kann. Der aufrichtige Reformer wird ebensosehr, wenn nicht noch mehr an die Beschützung der gesunden und tauglichen unter den Armen als an die Möglichkeit einer wirklichen Besserung derer denken, die der Mäßigkeit, Arbeit und Sparsamkeit hoffnungslos verloren scheinen. Er wird mehr vorzubeugen als zu heilen suchen, in dem Gefühle, daß die faule Beere aus der Traube, der faule Apfel aus dem Fasse um der verbleibenden gesunden Früchte willen entfernt werden muß. Wer das Messer in das soziale Geschwür tauchen will, muß, wenn überhaupt etwas dadurch zu erreichen ist, notwendigerweise ein geschickter Wundarzt mit sicherer Hand und ruhigem Urteil sein und seine Gefühle soviel als möglich in der Gewalt haben; je weniger Erregung, desto besser.

Man liest und hört allerwärts von vorschnellen, zweifellos wohlgemeinten Vorschlägen voller Taubenunschuld, es gibt aber keine zweite Aufgabe, die in höherem Maße die Klugheit der Schlange erheischt. Kerngesund ist der folgende Gedanke des Rabbiners Adler: »Geben ist zwar ein leichtes Ding, es bedarf dazu weder besonderer Ausbildung noch angestrengten Denkens. Die Zwecke und die Methoden wohltätiger Hilfe können aber nicht ohne eine lange und emsige Lehre erlernt werden, zu der eine unverdrossene Schulung in persönlicher Erfahrung gehört.«

So leid es mir tut, es auszusprechen: je eingehender ich mich mit dieser Frage beschäftigt, je größere Erkenntnis ich darüber erlangt habe, umsomehr sehe ich mich veranlaßt, den Umfang des durch unterschiedloses Geben erzeugten Schadens immer höher einzuschätzen.

Von dem Standpunkt des »Evangeliums des Reichtums« ist Mr. Gladstones Kritik tatsächlich bedenklich, ja verhängnisvoll; denn wenn die Vererbung von Reichtum, Rang und Geschäften in der Regel den Empfängern dieser Vermächtnisse und ebenso der Nation nicht, wie ich glaube, schädlich, sondern vorteilhaft wäre und Rang anstatt Einfachheit Prunk verlangte, würde es offenbar schwer oder unmöglich sein, die Reichen zu lehren, überflüssiger Reichtum sei als ein heiliges Pfand zu betrachten und zu Lebzeiten zum öffentlichen Besten zu verwalten. Sie würden wie bisher weiter Vermögen ansammeln und ihren Familien hinterlassen oder für die Entfaltung von Pracht ausgeben. Ich suche daher an den Äußerungen der andern eine Stütze.

Seine Eminenz Kardinal Manning führt aus:

Mr. Carnegie sagt uns deutlich, erstens, daß die Anhäufung stagnierenden Reichtums zu dem Zwecke, ihn Erben zu vermachen, auf Seiten der Geber Hochmut verrate und den Empfänger zu Grunde richten könne; zweitens, daß die Hinterlassung von Reichtum für wohltätige Zwecke, wo der Betreffende aus dem Leben geschieden sei, ein eitles Mittel darstelle, sich den Anschein großmütigen Handelns zu geben; drittens, daß es die höchste und edelste Verwendung von Reichtum sei, alles, was die vernünftigen und mäßigen, den Angehörigen für ihre Wohlfahrt gebührenden Reserven übersteigt, inter vivos oder jetzt zu Lebzeiten mit eigenem Willen, nach eigenem Urteil und unter eigener Mitwirkung für Werke öffentlicher und privater Wohltätigkeit und Nützlichkeit auszuteilen. Dies ist ein Evangelium nicht des Kapitals, sondern nach dem Geiste und Leben des Begründers der christlichen Welt. Es ist nichts Neues. Es ist keine persönliche Ansicht oder übertriebene Idee krankhafter Freigebigkeit, sondern die Sprache der Besonnenheit und Wahrheit. Wenn die Menschen darnach handelten, würden sie das Antlitz der Welt umwandeln.

Der Rev. Mr. Hughes schreibt:

Für die lange und mühsame Aufgabe des Wiederaufbaues der Gesellschaft auf einer christlichen Grundlage mit gebührender und sorgsamer Beachtung aller bestehenden berechtigten Interessen würde es ein unschätzbarer öffentlicher Dienst sein, wenn jeder, dem es Mr. Carnegie zu Gemüte führt, dessen Beispiel folgen und sich seines Geldes so rasch wie möglich entledigen wollte.

Mr. Carnegies Evangelium ist gerade das Rechte für die Zeit des Überganges von sozialem Heidentum zu sozialem Christentum. Wenn jemand so unglücklich ist, ungeheuren Reichtum zu besitzen, so kann er nichts besseres tun, als nach Mr. Carnegies Grundsätzen der Verteilung zu handeln.

Ich kann nur die Hoffnung aussprechen, daß weiteres Nachdenken über diese wesentlichen Punkte Mr. Gladstone den Ansichten der übrigen Teilnehmer an der Aussprache näher bringen wird. In keinem ihrer Artikel findet sich auch nur ein Wort zu Gunsten der Vorteile der Vererbung von Reichtum oder Stellung oder der Notwendigkeit der Prachtentfaltung auf Seiten derjenigen von Rang. Ihre Ansichten scheinen ganz die entgegengesetzte Richtung zu haben.

Zum Glück haben wir, von diesem Punkte abgesehen, weiterhin Mr. Gladstones gewichtige und uneingeschränkte Unterstützung. Er sagt: »Die Anhäufung von Reichtum hat Gegner gehabt, ist aber für sie alle zu mächtig gewesen; sie ist ein Trieb der Welt.« »Das Evangelium des Reichtums« verteidigt das freie Walten der Gesetze der Anhäufung. Es nimmt diese Bedingung als unerschütterlich an und sucht sie zum besten zu kehren, indem es die Ströme des angehäuften und sich anhäufenden Reichtums, die zu hindern unmöglich ist, in neue und bessere Bahnen lenkt. Während wir aber hierin Mr. Gladstone mit uns haben, haben wir bedauerlicherweise Mr. Hughes verloren, der sich zu starrem Widerspruch erhebt und sagt: »Wenn die Worte: ›häuft nicht auf Erden Schätze für euch an‹ die Anhäufung von Reichtum nicht verbieten, wäre das Neue Testament nach Talleyrands Grundsatz geschrieben und bestimmt, ›Gedanken zu verbergen.‹«

Es ist ganz richtig, wie Mr. Hughes sagt, »daß Ausleger alles beweisen und Theologen alles wegerklären können.« Auf den Reichen angewandt, würde seine Auslegung desselben Textes – der von Mr. Hughes nur teilweise angeführt wird – dahingehen, daß er die Vorschrift genau erfüllte, wenn er seine Schätze immer einer sicheren Verwahrungsanstalt übergebe, wo es ganz gewiß wäre, daß »weder Motten oder der Rost sie fressen noch Diebe einbrechen und sie stehlen« könnten. Mr. Hughes führt das Gleichnis des Herrn des Weinberges an, dessen Verhalten von Christus mit Billigung erwähnt wird. Wie ward er Herr eines Weinberges? Kann er gesündigt und für die Bezahlung der Arbeit »Reichtum angehäuft« haben? Mr. Hughes sagt: »Christus verbot deutlich die Anhäufung von Reichtum.« Aber als Christus redete, würden die Einkünfte eines höheren Geistlichen, selbst unter alle zwölf Apostel verteilt, als »Reichtum« gegolten haben. Es scheint mir, daß man auf diese Weise nur ein paar einzelne Stellen buchstäblich auszulegen braucht, um eine Berechtigung für die Vernichtung der Zivilisation zu finden. Vier von Christus ausgesprochene Worte würden, so ausgelegt und streng befolgt, mit einem Schlage alles niederreißen, was den Menschen vom Tiere unterscheidet. »Sorge nicht für morgen.« Man darf mit gutem Grunde annehmen, daß sich die Streitkräfte des Christentums nicht dergestalt dem Trieb der Welt, der Anhäufung von Reichtum, wirksam entgegenstellen lassen. Das Gleichnis der anvertrauten Pfunde weist nach der andern Richtung. Es waren diejenigen, die ihr Kapital angehäuft und sogar verdoppelt hatten, zu denen der Herr sagte: »Wohlgetan, du guter und getreuer Knecht: du hast über weniges treu gewaltet, ich will dich über vieles setzen: nimm teil an der Freude deines Herrn.«

Diejenigen, die ihre Schätze »aufbewahrt« und nicht vermehrt hatten, wurden getadelt. Man betrachte den Millionär, der fortfährt, sein Kapital wirksam in Unternehmungen anzuwenden, die Beschäftigung gewähren und die Hilfsquellen der Welt entwickeln. Wer Schiffe, Bergwerke, Fabriken regiert, kann ihnen sein Kapital nicht entziehen, denn es ist das Werkzeug, mit dem er solch wohltätige Wunder wirkt; ebensowenig kann er seine Operationen einschränken, denn das Aufhören des Wachstums und der Vervollkommnung bezeichnet in jedem gewerblichen Unternehmen den Beginn des Verfalls. Die Nachfrage der Welt nach neuen und besseren Dingen ist beständig und die vorhandenen Betriebe müssen sie befriedigen oder verlieren selbst noch den Absatz, den sie schon besitzen. Ich hoffe, Mr. Hughes wird guten Grund zu einer Auslegung finden, die die Annahme rechtfertigt, daß der Text nicht für jenen gilt, sondern nur für die bestimmt ist, die flüssiges Kapital aufhäufen, indem sie die für seinen Gebrauch erlangten Zinsen hinzuschlagen und mit ihren »aufbewahrten« Schätzen sterben, anstatt diese so, wie sie zuflossen, bei Lebzeiten zu öffentlichen Zwecken verwendet zu haben, wie es das Evangelium des Reichtums fordert.

Handelt der Millionär nach diesem Rate, so wird es seine Pflicht, seine Einkünfte zu vermehren. Der Kampf um mehr ist dann völlig frei vom Makel der Selbstsucht oder des Ehrgeizes und wird ein edler Beruf. Er arbeitet dann nicht mehr für sich, sondern für andere, nicht um aufzuhäufen, sondern um auszugeben. Je mehr er erwirbt, desto mehr empfängt die Allgemeinheit. Sein ganzes Leben ist von dem Augenblick an ein andres, wo er sich entschließt, ein Jünger des Evangeliums des Reichtums zu werden und fortan arbeitet er, um zu erwerben und das Erworbene weise zum Nutzen andrer zu verwenden. Seine tägliche Arbeit ist eine tägliche Tugend. Anstatt den Baum, der solch goldene Früchte trägt, zu vernichten, zu schwächen oder wegzugeben, darf er, ohne sein Leben oder sein Alter zu entwürdigen, dies Kapital weiterhin bewahren, aus dem allein er die Mittel erlangen kann, Gutes zu tun. Er wird beim Tode ein gesundes Geschäft hinterlassen, in dem sein Kapital verbleibt, im übrigen aber arm sterben, nicht im Besitze eines Vermögens, über das er frei verfügen konnte, und darum meines Ermessens billigerweise nicht den Vorwurf verdienen, zu der Klasse zu gehören, die »ihre Schätze auf Erden anhäuft.«

In diesem Zusammenhang empfehle ich meinem ehrwürdigen Kollegen die Predigt des Begründers seiner Kirche. (»Der Gebrauch des Geldes,« amerikanische Ausgabe, vol. i. p. 44, Predigt 50). Er sagt:

Erwirb alles, was du durch rechtschaffenen Fleiß erwerben kannst. Wende allen möglichen Eifer in deinem Berufe an. Erwirb alles, was du durch den gesunden Menschenverstand und durch Nutzbarmachung der dir von Gott verliehenen Einsicht für dein Geschäft erwerben kannst. Es ist erstaunlich, wahrzunehmen, wie wenige dies tun, wie sich die Menschen in demselben Geleise schwerfällig fortbewegen wie ihre Vorfahren.

Hast du alles erworben, was du durch ehrliches Wissen und unermüdlichen Eifer erwerben konntest, so ist die zweite Regel christlicher Klugheit »Spare alles was du kannst.« Wirf es nicht in eitlen Ausgaben weg, um deinen Hochmut usw. zu befriedigen. Wenn du mit dem Teil der Güter des Herrn, die er für die Gegenwart in deine Hände gelegt hat, ein guter und treuer Verwalter sein willst, so sorge zunächst für die dir selbst nötigen Dinge, Nahrung, Kleidung usw.

Sodann beschaffe diese für deine Frau, deine Kinder, deine Dienstboten und andere, die deinem Haushalt angehören. Hast du dann einen Überschuß, so tue denen Gutes, die dem Haushalt nahe stehn. Bleibt noch ein weiterer Überschuß, so tue allen Menschen Gutes.

Auf dieser Predigt scheint mir das Evangelium des Reichtums begründet. Fürwahr, hätte ich von ihrem Vorhandensein gewußt, ehe ich über den Gegenstand schrieb, so würde ich sie sicher angeführt haben. Es wird mich darum nicht erschüttern, wenn ein tonangebender Jünger Wesleys uns belehrt, Mr. Carnegie (als Vertreter der Millionärsklasse natürlich) sei eine »antichristliche Erscheinung«, eine »soziale Ungeheuerlichkeit«, eine »schwere politische Gefahr« und wenn er sagt, »in einem wirklich christlichen Lande, das heißt in einem auf christlicher Grundlage fußenden Lande, würde ein Millionär eine wirtschaftliche Unmöglichkeit sein.« Die Millionärsklasse bedarf keiner Verteidigung, obgleich sie Mr. Hughes für überflüssig hält, seit Aktiengesellschaften für die Entstehung von Industrie in dem jetzt verlangten großen Maßstabe die Mittel liefern. Es ist höchst bezeichnend, daß die geschäftlichen Unternehmungen, die Britannien die Vorherrschaft verliehen haben, mit wenigen oder keinen Ausnahmen die Schöpfungen einzelner Millionäre sind – der Cunards, Ismays, Allens, Elders, Bessemers, Rothschilds, Barings, Clarks, Coatses, Crossleys, der Browns, Siemens, Cammels, Gillotts, Whitworths, der Armstrongs, Listers, der Salts, Bairds, Samuelsons, Howards, Bells und anderer. Die Aktiengesellschaften haben sich nicht gleich fähig erwiesen, das Geschäft richtig zu führen, nachdem es solche Männer begründet hatten. Wo es ihnen gelungen ist, wird man finden, daß sehr wenige Einzelne und gewöhnlich nur Einer die Geschäfte noch beherrschen. Von den Aktiengesellschaften sind Erfindungen und Unternehmungsgeist nicht zu erhoffen. Ohne den noch im Geschäft befindlichen, den Weg zeigenden Millionär würden sie künftiger Vervollkommnung ein ernstes Hemmnis entgegenstellen, und ich glaube, Geschäftsmänner werden allgemein derselben Überzeugung sein, die fest in mir wurzelt, daß eine Handelsgesellschaft – eine solche mit wenigen, nicht mehr als zwei oder drei Teilhabern – in jedem Geschäftszweige die volle Verzinsung des Anlagekapitals erzielen wird, während ein ähnliches Geschäft als ein vielen zu kleinen Anteilen gehörendes Aktienunternehmen kaum auf seine Kosten kommen und sehr wahrscheinlich versagen wird. Die Eisenbahnen mögen manchen als Beispiele aktienmäßigen Betriebes erscheinen, aber dieselbe Regel gilt auch für sie. Amerika hat die meisten Eisenbahnen der Welt, und man findet, daß, sobald ein paar tüchtige Leute eine Linie beaufsichtigen und ihre Bewirtschaftung zu einer persönlichen Angelegenheit machen, Dividenden verdient werden, wo es vorher keine gab. Die Eisenbahnen Britanniens, die Monopole sind und für gleiche Leistungen zwei- bis dreimal höhere Sätze als die Amerikas nehmen, bringen es nur eben dazu, ihren Aktionären einen kleinen Gewinn abzuwerfen. Es würde eine ganz andere Sache sein, wenn sie das Eigentum eines oder zwei tüchtiger Männer wären und von ihnen verwaltet würden.

Die »Erhebung« eines Einzel- in ein Aktienunternehmen ist genau dasselbe wie die Erhebung eines Mannes vom Unter- in das Oberhaus. An die Stelle des freien Antriebs und der Meisterschaft der wenigen Eigentümer, die das Geschäft gegründet haben, treten nach der Umwandlung der begrenzte Einfluß und die vorgeschriebene Erfüllung gewohnheitsmäßiger Pflichten durch besoldete Beamte. Mag die Betätigung sowohl des Unternehmers wie des Leiters weiter eine leidliche bleiben, so ist sie doch notwendigerweise schwerfällig. Sie sind beide nicht mehr im Rennen, die große Leistung beider ist vorüber. Es würde für Britanniens Zukunft nicht gut sein, wenn seine Vorherrschaft im Handel und Gewerbe von Aktiengesellschaften abhinge. Es sind seine einzelnen Millionäre, die diese Vorherrschaft begründet haben, und von ihnen wird ihre Erhaltung abhängen. Diejenigen, die Tausenden ständige Beschäftigung sichern und dabei keine niedrigeren Löhne als andere zahlen, brauchen sich ihrer Leistung nicht zu schämen, denn ständige Beschäftigung ist nach allem die eine unentbehrliche Vorbedingung für die Wohlfahrt und den Fortschritt des Volkes. Bei alledem habe ich weder Veranlassung noch Neigung, Mr. Hughes Behauptung zu bestreiten, daß ein Millionär in einem Staate unter wirklich christlichen Grundsätzen eine Unmöglichkeit sein würde. Er mag recht haben; es ist eine weitausblickende Vermutung. Aber dem Millionär wird bei seinem Verschwinden gute Gesellschaft nicht fehlen, denn nichts ist klarer, als daß in jener idealen Zeit auch für diejenigen von Mr. Hughes Profession keine Verwendung irgend welcher Art mehr vorhanden sein kann. Der Millionär und der Prediger werden in gleicher Weise eine andere Verwendung für ihre Anlagen suchen, eine andere Arbeit verrichten müssen, um in Ehren ihr tägliches Brot verdienen und essen zu können. Und darin werden sicher beide besonders erfolgreich bleiben. Die Nachfolger von Rev. Mr. Hughes und mir werden Arm in Arm auf der Ausschau nach einer leichten Beschäftigung mit schwerer Bezahlung ein hübsches Paar abgeben.

Bei Betrachtungen über die Zukunft des Menschengeschlechts zu verweilen, die von Grund auf eine Veränderung bestehender Verhältnisse voraussetzen, scheint mir töricht. Ich denke, wir brauchen uns nicht im Geringsten darum zu sorgen, was in tausend oder einer Million Jahren kommen mag und keiner von uns kann wissen, was kommen wird. Unsere Pflichten liegen in der Gegenwart, in unsrer Zeit und Generation, und selbst diese sind schwer genug wahrzunehmen. Die Menschheit arbeitet sich langsam von Stufe zu Stufe empor, sie muß sich sogar jede folgende Stufe erst schaffen, bevor sie darauf stehen kann, denn

Die Natur veredelt sich durch keines Mittels Kraft,
Das sie nicht selbst erzeugend sich erst schafft.

Wenn sie versucht, dazwischenliegenden Raum überspringend irgend ein Ideal zu erreichen, wird sie sich nicht erheben, sondern in größere Tiefe hinabfallen. Ich vermag daher solche Grübeleien nur als eine Verschwendung von Zeit, von wertvoller Zeit anzusehen, die lieber der Sorge um den nächsten nützlichen Schritt auf dem aufwärtsführenden Pfade gewidmet werden sollte. Und in diesem Lichte ist Mr. Hadstones Vorschlag von größtem Wert. Er gründet sich auf jetzige Verhältnisse, die er annimmt, und paßt sich unsrer jetzigen Umgebung an. Mr. Hadstone ist in seiner langen Laufbahn damit beschäftigt gewesen, die mannigfachen Wünsche anderer in einem Brennpunkt tunlichst zu vereinigen und sie so einem gemeinsamen Zwecke unterzuordnen, der zu praktischem Erfolg führen kann. Es ist seine Aufgabe gewesen, den Extremen Einhalt zu tun und die Vorhut, die Mitte und die Nachhut zu gemeinsamem Handeln zu vereinigen. Er zeigt sein seltenes, aufbauendes Geschick in dem Vorschlag, daß von denen, die ihre Pflichten gegen ihre mit Gütern weniger gesegneten Mitmenschen anerkennen, eine Brüderschaft gebildet werden sollte. Diese Gemeinde wird ohne Zweifel weit genug sein, alle aufzunehmen, da ja der Prozentsatz des Überschusses, den jeder im geheimen andern zuwenden kann, nicht begrenzt ist und auf dem weiten Felde seiner Anwendung keinerlei Einmischung versucht wird. Man darf hoffen, daß sich in der ganzen Welt verwandte Gemeinden bilden werden und sich in Zwischenräumen Abgeordnete von ihnen in einer weltumfassenden Brüderschaft zusammenfinden, um sich dadurch in dem Wunsche und dem Streben, die Lage der Massen nach Kräften zu verbessern und Reich und Arm in engere Berührung zu bringen, einander zu stärken. Diejenigen, welche fragen, »nicht wieviel wir weggeben sollen, sondern wieviel wir behalten dürfen,« würden die fortgeschrittenste Abteilung darstellen. Von ihnen durch viele Abstufungen getrennt würden diejenigen, die die fortgesetzte Vererbung von Reichtum und Stellung und standesgemäße Pracht gern noch verteidigen, den andern großen Flügel der Armee ausmachen. Alle würden gleich willkommen, gleich nötig sein, denn die Mitglieder der Brüderschaft brauchen nur die Pflicht zu empfinden, daß sie, mit überschüssigem Reichtum über ihre Bedürfnisse hinaus betraut – so wie ihr Gewissen diese Bedürfnisse bestimmen mag – das Ganze oder einen größeren oder kleineren Teil des Verbleibenden regelmäßig beiseite tun und zum Wohle ihrer weniger begünstigten Mitmenschen ausgeben sollen, so wie es ihnen zu deren wirklichen Hebung am geeignetsten erscheint. Sollte Mr. Gladstones Rat die Antwort finden, die er verdient, so wird der von seiner Person ausgehende Nutzen bedeutend erhöht sein, in einer Sphäre, die glücklicherweise weit entfernt von der politischen und hoch über dieser liegt, auf einem Felde, wo weder für Hader, Eifersucht und Gewinn noch für persönlichen Ehrgeiz Raum ist, für eine so hohe und heilige Sache, daß alles ringsum Frieden, Wohlwollen und Brüderlichkeit atmet!

Jeder aufrichtige, gute Mensch, der die Welt ein wenig besser hinterlassen möchte, als er sie vorfand, wird Mr. Gladstones Einfluß auf diesem neuen Gebiete guten Erfolg wünschen – zum besten einer Aufgabe, die tatsächlich »für Hast zu groß, für Zwist zu hoch« ist.

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