Autorenseite

 << zurück weiter >> 

28

Etwa zehn Personen riefen ein enttäuschtes »Ah!«, als die Polizisten den im Garten Manhattans ausgegrabenen Blechbehälter öffneten, und es sich zeigte, daß er leer war.

»Wie erklären Sie sich das?« fragte Hearn den Diener Lux, dessen Mienen Staunen und Schrecken spiegelten.

»Wer kann es geholt haben?« stammelte er verwirrt. »Wilkins?«

»Warum glauben Sie das?« war Hearns rasche Frage.

»Weil … weil Mr. Manhattan mir erzählte, daß Wilkins ihm zur Strafe für den Verrat sein gesamtes Vermögen abjagen wollte. Das sollte Wilkins' Rache sein. Er trachtete Manhattan nicht nach dem Leben – er wollte ihm nur dasselbe zufügen, was ihm zugefügt worden war: bis auf den letzten Cent alles nehmen.«

»Hm … eine sonderbare Rechnung! Für achtzehntausend Dollars – zehn oder zwanzig Millionen! Wo ist denn Mr. Manhattan? Ich möchte ihn gern sprechen.«

»Er ist ja nicht mehr hier«, stöhnte Lux. »Sie müssen mir helfen, ihn zu finden.«

»Nicht mehr hier?« Hearn hob erstaunt die Schultern. »Seit wann denn? Was wissen Sie darüber?«

»Ich weiß gar nichts«, jammerte Lux. »Seit der Nacht, in der wir das Geld hier verbargen, habe ich ihn nicht mehr gesehen. Es sind jetzt sechsunddreißig Stunden vergangen …« Dann erzählte er etwas zusammenhängender: »Manhattan schickte mich weg, damit ich von einem Postamt aus die Isatschiks anrief und ihnen die Hälfte seines Vermögens anbot, sofern sie bereit wären, die Nummernsperre aufzuheben. Manhattan wollte nämlich unerkannt bleiben, ins Ausland gehen und dort ein neues Leben beginnen. Alles aus Angst vor diesem Wilkins! Als ich gegen Mittag nach Hause kam, war mein Herr nicht mehr da. Ich wollte nicht an ein neues Verbrechen glauben, aber das Verschwinden des Geldes aus diesem Versteck läßt kaum noch einen Zweifel übrig.«

Hearn war nachdenklich geworden.

»Wie ist das doch?« erkundigte er sich sinnend. »Wenn Manhattan sein Vermögen teilte und nur über die eine Hälfte letztwillig verfügte, so konnte doch auch die Nummernsperre nur über diese eine Hälfte verhängt werden?«

»Ganz richtig«, nickte Lux. »Die Papiere, die Manhattan in der Berghütte geraubt wurden, sind nicht gesperrt. Höchstens ein paar Aktien, die vielleicht zufällig dazwischen geraten sind. Ich vermute das, weil wir in dem Aktienstoß, den wir hier vergruben, einige fanden, die nicht gesperrt waren, und die wir demzufolge sofort zu Geld machen konnten.«

»Gut, gut …« murmelte Hearn, aber diese Beifallsäußerung bezog sich weniger auf die Worte Lux', als vielmehr auf das sonderbare Benehmen Doris'. Hearn war jetzt vollkommen überzeugt davon, daß er den einen Teil des Vermögens finden würde.

»Nun kommt es zum Hauptkampf mit diesem Wilkins«, sagte er plötzlich laut. »Ich kann mir zwar nicht erklären, warum er sich der Person Manhattans bemächtigte, aber ich glaube, es gibt einen Ort, wo wir leicht einen Fingerzeig finden können: das ist die Berghütte, von der Sie sprachen.«

»Glauben Sie wirklich?« fragte Huntington mit leisem Hohn.

»Ja, ich glaube wirklich«, antwortete der Kapitän sehr bestimmt. »Heute abend gehe ich hinauf. Wollen Sie vielleicht mitkommen?«

Huntington war sofort entschlossen.

»Natürlich«, sagte er, und seine Augen leuchteten drohend auf. »Das wird gewiß ein ereignisreicher Abend werden.«

»Schon möglich, schon möglich«, nickte Hearn und lächelte vielsagend. »Wenn sonst noch jemand mitgehen will … Es dürfte zwar nicht ganz ungefährlich sein, aber – wer kann wissen – vielleicht nehmen wir einen neuen Mörder Manhattans fest – den richtigen?«

»Aber Manhattan lebt doch!« rief Wubbels ungeduldig und so laut wie immer. Niemand hätte bei seinem Anblick vermutet, daß er gestern zehn Minuten lang bewußtlos auf Mrs. Isatschiks Teppich gelegen hatte. »Wie können Sie von Manhattans Mörder reden, wenn Manhattan lebt?!«

»Wissen Sie das ganz genau?«

Wubbels mußte gestehen, daß er es nicht ganz genau wußte.

»Ich gehe natürlich mit«, erklärte er fest.

»Wilbur und ich ebenfalls«, ließ sich Mrs. Isatschik vernehmen. »Ich glaube zwar nach wie vor, daß de Wood der Mörder ist, aber für alle Fälle …«

Wilbur hatte der Erklärung seiner Mutter nichts hinzuzufügen.

Der Kapitän sprach einige Worte mit Lux, worauf auch jener sich zum Mitgehen bereit erklärte. Hearn nickte befriedigt, denn ihm lag viel daran, da Lux der einzige – außer vielleicht Huntington – war, der wenigstens annähernd die Lage der Berghütte kannte.

»Punkt neun Uhr abends allgemeiner Aufbruch von hier aus«, ordnete der Kriminalbeamte kurz an und schritt eilig davon. Ihm war aufgefallen, daß Doris den Garten verlassen hatte.

An der nächsten Straßenkreuzung holte er sie ein.

»Und nun, Miß Doris«, sagte er freundlich, »wollen wir uns mal darüber unterhalten, wo die zweite Hälfte des Vermögens verborgen ist.«

Doris war so erschrocken, daß sie sofort die Wahrheit sagte. Sie erzählte alles, was sie wußte, und nannte zum Schluß sogar die Adresse des Blondbärtigen.

Hearn schritt eine Zeitlang schweigend neben ihr her.

»Wir müssen Evelyn suchen«, sagte er plötzlich besorgt. »Sie ist bestimmt nicht in Boston. Schlimm, schlimm … Das Geld lassen Sie einstweilen dort, wo es ist, und erzählen Sie niemand davon. Ich werde Ihr Haus bewachen lassen …«

»Sie glauben, daß Evelyn nicht in Boston ist?« rief Doris bestürzt.

»Sicherlich nicht. Und was die Adresse des Blondbärtigen betrifft«, meinte Hearn vorwurfsvoll, »– schade, daß Sie mir das nicht früher sagten! Jetzt brauche ich diese Adresse nicht mehr. Das Haus an der Old Cross Road Nr. 81 habe ich nämlich gestern mit zwei Beamten von oben bis unten durchsucht. Es gehört Mr. Snyder, aber er wohnt nicht mehr dort, – er ist spurlos verschwunden. Seine Adresse lautet jetzt vermutlich: Staatlicher Höllenbrutofen, Abteilung für Mörder.«


 << zurück weiter >>