Sophie Wörishöffer
Onnen Visser - Der Schmugglersohn von Norderney
Sophie Wörishöffer

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16

Das Winterdorf des Zigeunerstammes lag an der Waldgrenze, geschützt von Felsabhängen und in ziemlicher Nähe einer kleinen Stadt. Die Zelte aus Schafspelzen waren fußhoch mit Schnee bedeckt, alles erglänzte in weißem Schimmer, unter einem großen Bretterschuppen loderte das mächtige Feuer, an dem einzelne Männer die Kessel der Stadtbewohner flickten, andere Pferde beschlugen oder das Eisen schmiedeten.

Mikosch hatte seiner alten Mutter das Messer in den Schoß gelegt und ihr gesagt, daß Barbarins Tod gerächt sei. Ein Freudenfeuer erglänzte aus diesem Grunde in der ersten Nacht auf den umliegenden Höhen und ein heidnisches Opfer versammelte um einen großen platten Stein die braunen Gaunergestalten.

Blut war in das Feuer gespritzt, ein Herz und ein Hirn vom Pferde verbrannt – nun hatten die alten Heidengötter ihren Dank erhalten.

Gesprochen wurde davon und dabei kein Wort; Onnen sah es auch nur von weitem, aber er wußte doch, daß es geschehen sei.

»Wenn nun Oberst Jouffrin glücklich entkommen wäre?« fragte er seinen Freund Alexei.

»Dann hätte ihm Mikosch nach Frankreich folgen müssen.«

»Er hätte aber auch in der Schlacht fallen, auch an einer Krankheit sterben können?«

»Gewiß – dann wäre sein ältester Verwandter der Blutrache verfallen gewesen; wenn dagegen Mikosch die Pflicht des Goel aus irgendeinem Grunde unerfüllt lassen mußte, so trat Jasko an seine Stelle. Oft ist erst der dritte oder vierte Erbe statt des Schuldigen zur Rechenschaft gezogen worden.«

»Ein grausames, ungerechtes Gesetz!«

»Kümmere dich nicht darum; Herr! In dieser Nacht wollen wir Hühner jagen.«

»In der Nacht?«

»Gewiß. Der Schnee liegt seit vierzehn Tagen und schmilzt nun vor dem Frühling nicht wieder – sie haben sich jetzt eingebettet.«

»Die Hühner?« »Ja. Es wollen außer mir noch mehrere andere junge Leute hinaus; begleitest du uns, Herr?«

»Natürlich. Aber weshalb muß es denn in der Nacht geschehen?«

»Weil wir sonst die Tierchen nicht finden würden. Schlafe nur einige Stunden, damit du munter bist.«

Onnen fand das Treiben in dem Winterdorfe keineswegs nach seinem Geschmack; er erwartete vielmehr sehnlichst die Stunde, wo Mikosch den Reisewagen wieder bespannen und weiterfahren würde. An Reinlichkeit war bei dem braunen Völkchen nicht zu denken, an Ehrlichkeit ebensowenig; es kamen Kälber, Schafe, Enten und Gänse in die Kochtöpfe, es erschienen sogar Pferde und Rinder, die irgendein flinker Geselle entführt hatte, ehe ihn jemand daran zu hindern vermochte – und Mikosch und Alexei wußten das sehr wohl. Sie luden mit der größten Freundlichkeit den zu Tische, der weniger besaß als sie selbst; aber woher der Braten gekommen war, das verursachte ihnen nicht die geringste Sorge.

Aus allen Hütten erschallten am Abend die lustigen Melodien; das Völkchen lebte nur der gegenwärtigen Stunde, ohne darüber hinauszudenken. Fast an jedem Tage kamen wandernde Stammesgenossen, Bärenführer, Affenbesitzer, Wahrsagerinnen und Hufschmiede, die auf ihren Zügen durch das Land bei den Gesinnungsverwandten einkehrten und gleichsam ihre lebendige Zeitung bildeten. Auch aus Moskau kam ein Zauberkünstler mit seinen Spielereien und brachte Botschaft von den beiden Söhnen des alten Häuptlings. Sie waren bis jetzt noch in der Hauptstadt, auch Feiko und Georg ließen grüßen; die Franzosen bereiteten den Rückzug vor, während die Unordnung in ihren Reihen von Tag zu Tag wuchs. Das Heer war nur noch eine Horde von Räubern und Zerstörern.

Mikosch lächelte zufrieden. »Dies Jahr hat guten Verdienst gebracht«, nickte er. »Ich werde mir eine Schenke pachten und für den Rest meiner Tage ausruhen.«

»Aber erst bringst du mich an die Küste, Alter?«

»Ich bringe dich bis an die Schwelle deines Vaterhauses auf Norderney, Herr!«

»Wenn Gott will!« fügte Onnen hinzu. »Ist es dir jetzt für die Hühnerjagd dunkel genug geworden, Mikosch?«

»Noch nicht«, lächelte der Zigeuner, »aber geh nur hinaus zum Schlitten, Alexei hat schon angespannt; wir wollen aus einem anderen Dorfe einige Freunde abholen.«

Onnen schnürte den Pelz von oben bis unten zusammen, zog die Handschuhe an und half den Schlitten bepacken. Riesige Stöcke mit daran befestigten Netzen wurden aufgeladen, hölzerne Keulen und endlich Mundvorrat und Fackeln. Noch mehrere andere Schlitten standen vor den verschneiten Hütten reisefertig da und endlich, als die Dämmerung herabsank, setzte sich der Zug in Bewegung.

Gebirge zu beiden Seiten, enge Felswege, durch die kaum das Gefährt sich drängen konnte, schwindelnde Höhen und tiefe Abgründe – so ging es dahin. Alles weiß von oben bis unten, weiß der Kamm, dessen letzte Ausläufer in die Wolken zu ragen schienen, weiß die unübersehbare Wölbung des Grundes, aus deren verborgenstem Inneren der Gebirgsstrom rauschend und donnernd hervorschoß, sich tief unter der Erde mit gleicher Schnelle ein Bett höhlend, verschwindend, wie er gekommen war, immer neu in jeder Minute und doch derselbe seit Anbeginn aller Tage bis zu dem, welcher einst der letzte sein wird.

Schneebeladen streckten uralte riesige Tannen ihre Arme über den Abgrund dahin, glitzernd und flimmernd bauten sich leichte Brücken von Zacke zu Zacke, spielende kleine Bäche, deren Wasser an der Oberfläche im eisigen Ost gefroren war.

Tiefe bleierne Stille ringsumher; selbst der Rabe schwieg hoch oben im Duft – er hatte Schutz gesucht unter irgendeiner Felsspalte, Schutz vor der erstarrenden, unerträglichen Kälte.

Der Weg erweiterte sich, Musik klang durch die Nacht, hie und da blitzte Feuerschein, zog eine blaue leichte Rauchwolke, die an der Felswand eine schwarze Spur hinterließ. Wohin sie kam, da schmolz der Schnee.

Die Schlitten hielten; Onnen sah voll Erstaunen umher. »Wo ist denn nun aber das Dorf?« rief er.

»Gerade hier. Da hast du gleich ein Wohnhaus, Herr!«

Eine Spalte, nur hoch genug, um sie kriechend zu passieren, führte in das Innere des Felsens hinein. Ein Strom von Rauch drang daraus hervor; aber dieser Umstand schien die Zigeuner keineswegs zu genieren; Alexei schlüpfte voran und Onnen eilte ihm aus bloßer Neugier auf allen Vieren nach.

Eine große offene Höhle lag vor seinen Blicken, die frühere Wohnung wilder Tiere, aus der die Zigeuner die alten Inhaber vertrieben hatten, um selbst Besitz zu ergreifen. Auf dem ungeebneten und ungefegten Boden kauerte um das in der Mitte brennende Feuer eine bunte Gesellschaft von Männern, Frauen und Kindern. Alte hexenartige Weiber kochten eine Speise, bei welcher der Zwiebelduft vorherrschte; kleine, völlig nackte Kinder krochen überall umher und junge braune Burschen spielten, auf Stroh liegend, in all dem Durcheinander von Geräuschen, Düften und beweglichen Wesen ihre süßen, herzerfrischenden Melodien.

In einer Ecke tanzten größere Mädchen, während ihre Hände den Takt schlugen oder mit Kastagnetten klapperten. Ihre Haare hingen in zahllosen schwarzen Locken und Zöpfen herab, ihre nackten Arme und Füße waren zierlich geformt; rote Röcke und vielfacher silberner oder gar goldener Schmuck kennzeichneten den Reichtum des Stammes, obwohl außer einigen Schüsseln und Töpfen keinerlei Hausgerät vorhanden war.

Die jungen Leute begrüßten mit lebhaften Zurufen ihre Jagdgenossen, die Kinder klammerten sich an sie, die alten Frauen tischten das furchtbare Zwiebelgericht auf, eine brachte sogar eine weitbauchige Branntweinflasche, aus der ihre holden Lippen dem Gaste zutranken und zwar in einer Weise, mit der auch ein durstiger Fuhrmann zufrieden gewesen wäre.

Onnen hatte genug gesehen, auch das grunzende Rüsseltier in der Ecke und dreist gewordene Mäuse, die in ganzen Zügen durch das Stroh raschelten; er dankte für jede Vergünstigung oder Bewirtung und kroch schleunigst wieder ins Freie, um mit langen Atemzügen die kalte Luft einzusaugen.

Wie konnten menschliche Wesen in solcher Umgebung leben! Draußen standen schon die Schlitten, jetzt mehr als zehn an der Zahl; wenigstens sechzehn Zigeuner hatten sich der Jagdpartie angeschlossen.

»Wir haben für heute außer dem Hühnertreiben noch einen Bären in der Falle und vier Fuchshöhlen«, sagte einer. »Damit vergeht die ganze Nacht und vielleicht noch ein Teil des Morgens. Vorwärts!«

Alle Fackeln waren entzündet, eine Anzahl von Hunden mitgenommen und so ging es, zwar ohne Horridoh und Hussasah, aber doch wie die wilde Jagd hinab in das verschneite waldige Tal.

Die Rüden bellten und die Glocken klingelten; rot wie Blut fiel der Fackelschein auf den weißen gefrorenen Pfad. Rings weckte der Lärm die Tierstimmen umher, das Heulen der Wölfe, das Krächzen der Raubvögel – ängstliches Kreischen der kleineren aufgeschreckten Wesen. Gleich einem schnaubenden, dampfenden Ungeheuer glitt der vielgestaltige Zug durch den Wald.

Hasen sprangen auf, Lemminge, Füchse; die Augen der Jäger glänzten. »Jetzt ist die Zeit gekommen – laßt uns absitzen.«

Den Pferden wurden Schafspelze übergelegt, die Hunde angebunden und nach rechts und links zerstreuten sich die Männer in den Wald.

»Zuerst Hühner und Füchse!« hieß es. »Die Hasen kommen später.«

»Und der Bär?« fragte Onnen.

»Wir werden schon hören, wenn er die Füße in das Eisen steckt! – Aha, da sind bereits etliche Winternester!«

Die Fackeln beleuchteten den Erdboden; gleich einem roten Schleier lag der Glanz auf dem Schnee, aus dem hie und da eine seltsame Erscheinung hervorblickte, das braune Köpfchen eines Rebhuhns, dessen schwarze, perlenartige Augen erschreckt umhersahen, dessen kleine Brust einen Klagelaut von sich gab, den letzten auf Erden. Der lange Stock wurde geschwungen, das Netz spannte seine Maschen und das Vögelchen flatterte angstvoll noch einen kurzen Augenblick, dann hatten es die Finger des Jägers erdrosselt.

Wer sich auf diese Jagd nicht besonders verstand, der konnte an den kaum bemerkbaren braunen Punkten ahnungslos vorübergehen; den Zigeunern dagegen fielen Hunderte von Vögeln zum Opfer, sie füllten ihre Taschen, ehe noch eine Stunde verstrichen war.

Mitunter erschien in geringer Entfernung ein Wolf, der dann jedesmal erlegt wurde. Die heulenden, lungernden Bestien waren so zahlreich, daß der glückliche Schütze, auf das Fell ganz verzichtend, nur die Klauen abschnitt, um dafür den von der Regierung ausgesetzten Preis zu erlangen.

Jetzt wurde die Fuchsjagd vorbereitet. Der weiße Pelz, viel wertvoller als der des Wolfes, verdiente es wohl, daß sich die Jäger seinetwegen keine Mühe verdrießen ließen. Vier verschiedene Gruben waren vorher schon durch bestimmte Merkmale gekennzeichnet; nun wurden sie umstellt.

Der weiße Fuchs sucht sich im Beginn des Winters eine Schlucht oder Höhle, welche tief in die Erde hinabgeht; während der eine Zugang ganz verschneit, erhält er den anderen halb geöffnet, aber so versteckt, daß ihn die größeren Raubtiere nicht finden. Zusammengerollt verbringt er in diesem Bau seine Tage, angenehm erwärmt trotz der draußen herrschenden Kälte, absichtlich taub, wenn die Jagdhunde bellen, ganz gesichert, wie er wähnt, da ja Millionen von Flocken niederfielen, seit er zuletzt dem Schnee seine leicht verwischten Spuren eindrückte.

Doch mit des Geschickes Mächten kann auch Meister Reineke, der Schlauberger, den ewgen Bund nicht flechten – Adams Söhne sind »ihm über in der Fixigkeit«.

»Hier ist der dürre Ast an dem Baumstamm befestigt – dort die leichte Erhöhung kennzeichnet den Eingang zum Bau.«

»Wo aber ist der Ausgang?« fragte Onnen.

»Den müssen wir erst ermitteln. Still!«

Eine Schaufel entfernte den Schnee. In weitem Kreise war der Platz umstellt, alle Hähne gespannt, alle Messer in Bereitschaft.

Als die Höhle bloßlag, warf man Werg, Harz und Pech hinein; eine Fackel setzte das Ganze in Brand, dann wurde hinter dem glimmenden, stark räuchernden Feuer der Zugang wieder verschüttet. Wo jetzt die Rauchwolke sich Bahn brechen würde, da lag das entgegengesetzte Ende des langen Ganges.

Mikosch zeigte auf das Gewehr, welches auch er in der Hand trug. »Nicht schießen!« warnte er halblaut. »Die Waffe ist nur für den Notfall.«

»Des Pelzes wegen«, ergänzte Alexei. »Ist eine Kugel hindurchgefahren, so müssen wir ihn viel billiger verkaufen.«

»Und wie tötet ihr denn den Fuchs?«

»Wenn wir ihn erst einmal im Netz haben, so wird er mit Stöcken erschlagen.«

Ein allgemeines Schweigen folgte diesen leise geflüsterten Worten; alle Jäger beobachteten mit der Fackel in der Hand den Schnee ihres nächsten Umkreises.

Da schien an bestimmter Stelle die Oberfläche zu sinken, eine Art von Grau, von Schmutzfärbung durchzog das reine Weiß und dann brach sich die Rauchwolke Bahn. Meister Reineke und Familie waren umstellt.

Schnellen Schrittes näherten sich von allen Seiten die Jäger. Ein dichtes, starkes Netz wurde vor den Ausgang gespannt und drüben, nachdem das Feuer hinweggeräumt worden war, die ungeduldig wartenden Hunde in den Gang gehetzt. Ihrer sechs stürzten sie hinab, wimmernd und bellend vor Eifer; wie aus dem Schoße der Erde hervor tönte das Geräusch ihrer Stimmen.

Vier Männer hielten das Netz, um dessen Schnüre sogleich zusammenziehen zu können, aber vorläufig ließ sich freilich der Fuchs nicht blicken. Wie böse Geister tobten, bellten und kratzten drinnen im Felsen die Tiere, hie und da erhob sich ein Schmerzensgeheul, aber an den Ausgang kam weder Fuchs noch Hund.

Einer der Jäger stieg in die Grube hinab. Eine noch größere, stärkere Glut wurde angefacht und endlich ein loser Schuß in den Gang hineingefeuert; das half. Wie die wilde Jagd erschienen alle in der Höhle befindlichen Geschöpfe, ineinander verbissen der männliche Fuchs und ein Hund, dann die Füchsin mit ihren Jungen und hinterher vier kläffende Rüden, die schon aus mehreren Wunden bluteten. Selbst die halbwüchsigen Jungen hatten sich tapfer verteidigt, wenn auch größere Mengen von Haaren aus ihren Pelzen gerissen waren und das zarte weiße Fell hie und da blutige Streifen zeigte.

Und nun kam eine grausame Szene. Im Netz, gefangen, völlig wehrlos, wurden die beiden alten Füchse von den Zigeunern erschlagen; dann ging es an die Jungen. Mikosch hielt den Kopf hinter den Ohren und Alexei brach ihnen ein Bein, um sie an der Flucht zu verhindern.

»Was machst du da?« rief Onnen. »O die armen Geschöpfe – sie schreien vor Schmerz.«

»Morgen sollst du sie ganz munter herumhinken sehen, Herr. Wir ziehen sie sorgfältig auf, des kostbaren Pelzes wegen.«

»Das heißt, ihr tötet dann auch die ausgewachsenen Tiere?«

»Ja. Schießen oder schlachten können wir sie nicht; das Fleisch genießt man ja nur im äußersten Notfall.«

Onnen schüttelte den Kopf. »Eine abscheuliche Jagd – brr!«

Die Hunde kamen arg zerzaust aus dem Netz hervor; dann wurde der zweite Fuchsbau in Angriff genommen. Wieder standen die Jäger im weiten Kreise, als plötzlich mitten unter ihnen eine spitze weiße Schnauze aus dem Schnee hervorragte und wenige Augenblicke später der ganze Körper zum Vorschein kam. Blitzschnell stürzten vier Füchse durch die Reihen, einer nach dem ändern, aber doch so eilig, daß an keine Verfolgung gedacht werden konnte. Mehrere Schüsse knallten ihnen nach, eine Blutspur färbte den Schnee, aber alle vier Tiere entkamen in die unwegsamen Schluchten, wohin ihnen keiner der Jäger zu folgen vermochte.

Neue Fackeln waren an den herabgebrannten entzündet, mehrere Zigeuner hatten die Beute zu den Schlitten gebracht und dabei zugleich an den Proviantkorb gedacht. Eine Flasche ging von Hand zu Hand, Brot und Fleisch wurden stehend gegessen, dann kam die dritte Fuchsgrube an die Reihe.

Während der allgemeinen Stille hob plötzlich Alexei den Kopf. »Horch!« rief er, »was war das eben?«

Ein zweiter Ton folgte dem ersten, kläglich und grollend zugleich; es klang wie heraufziehender Donner und war trotzdem ein Schmerzenslaut; ein durchdringendes Gebrüll aus nicht allzu weiter Entfernung.

»Unser Bär!« riefen mehrere Stimmen.

»Laßt uns ihn holen! Gestern noch sah ich eine Bande von Jagddieben in dieser Gegend herumstreifen.«

»Sind sie heute wieder da, so muß man ihnen einmal tüchtig heimleuchten. Mir haben sie erst ganz vor kurzem zwei Wölfe aus der Grube geholt.«

Und die braunen Gesellen, dieselben, denen das Eigentumsrecht so wenig galt, die Langfinger von Profession machten sich schleunigst auf, um womöglich den Freibeutern anderer Art und anderen Namens eine gehörige Schlacht zu liefern.

Mehrere Männer blieben bei den Schlitten, die übrigen drangen tiefer in den Wald, wobei ihnen das Brüllen des Bären als Wegweiser diente.

Der Schnee lag an offenen Stellen so tief, daß die Männer nur mit Mühe hindurchklettern konnten. Wie sonderbar der Bär brummte! Immer abgerissener, dann und wann, immer schwächer.

»Wenn sie ihn nur nicht schon erschlagen haben!«

»Die Landstreicher, die Schufte.«

»Ich rieche Rauch«, rief Mikosch.

Sie standen sämtlich still. »Ja, es ist so – und da, da unten glimmt zwischen den Bäumen ein heller Punkt.«

»Aha, also man brät bereits unser Eigentum.«

»Alexei«, flüsterte Onnen, indem er den jungen Burschen am Ärmel zupfte, »Alexei, hast du nie fremdes Eigentum gebraten?«

Der Zigeuner lachte. »Ach, weißt du, die Bauern sind reich und geizig, die können schon einmal ein Huhn oder eine Gans hergeben, aber wir sind arme Leute.«

»Die also ihren Bären notwendig behalten müssen, nicht wahr, Alexei?«

»Still, Herr, du sollst den Schinken essen. Ich sage dir, das ist ein Leckerbissen.«

»Sechs Männer!« berichtete zurückkehrend ein vorausgeschickter Kundschafter. »Sie haben den Bären getötet, können aber das Eisen ohne Schlüssel nicht öffnen.«

»Sind es hiesige?«

»Allerlei Volk, wahre Galgengesichter.«

Die Zigeuner drangen geräuschlos vor. Das Feuer schimmerte hell durch die Stämme, ein größerer Platz war vom Schnee gesäubert und ein paar rohe Schafsfelle ausgebreitet. Darauf lagen sechs in Pelze gehüllte und sämtlich bewaffnete Männer vom verschiedensten Aussehen, Jagddiebe, deren Handwerk es war, die Fallen anderer Jäger zu plündern, den Braten an Ort und Stelle zu verzehren und dann weiterzuziehen, bis der Zufall irgendwo eine neue Beute spendete oder ein einsames Gehöft den Heimatlosen, immer Wandernden eine Mahlzeit brachte – lediglich gegeben, um nicht der Rachsucht dieser Vagabunden, die sich in ganz Rußland bis an die Grenzen des Tschuktschenlandes hinauf vorfinden, früher oder später einmal zu verfallen.

Diese Leute haben keine Wohnung, keine Familie, keinen irdischen Besitz irgendeiner Art; sie sind meistens bestrafte oder entflohene Verbrecher, zuweilen Verbannte, denen es gelang, wieder in die Heimat zu entkommen, zuweilen Mörder, die sich in den Wäldern oder Einöden dem Arme der Gerechtigkeit zu entziehen wissen; immer aber solche, die allen menschlichen Gesetzen den Krieg erklärt haben und vor keiner Untat, keinem Verbrechen zurückschrecken.

Ihre Gesichter waren braun und von Narben zerfetzt, die Haare struppig, die Hände krallenartig, sie trugen Pelz vom Kopf bis zu den Füßen und Stiefel, deren Schäfte über die Knie hinaufgingen.

»Alle Teufel«, rief einer, »so laß doch endlich einmal das Fangeisen, Boleslav, mich hungert, schneide irgendwo in die Bestie hinein und brate ein Stück Fleisch – den Rest kann der mit dem Pferdefuß holen.«

»Oder auch wir selbst nehmen ihn. Das Fell ist zu gut, um so mir nichts dir nichts hineinzuhacken; ich breche das Eisen schon noch auf.«

»Gib dir keine so große Mühe, Kamerad, hier steht der Mann, welcher den Schlüssel in der Tasche trägt und dem also wohl Falle wie Bär gehören!«

Die Räuber fuhren auf, alle zugleich, sie griffen nach ihren Waffen und scharten sich vor dem Feuer zusammen. »Zigeuner!« rief verächtlich lachend der eine.

»Das bist du doch, den sie den blutigen Ossip nennen, nicht wahr? Der Schrecken aller ehrlichen Leute!«

»Als ob du jemals mit ehrlichen Leuten verkehrt hättest, Kesselflicker!«

»Immer noch besser als ein Gurgelabschneider.« Während dieser freundlichen Begrüßungen hatte man sich gegenseitig genähert und nun begann der Kampf. Am Baum mit dem Honigtopf zwischen den untersten Zweigen lag hintenübergefallen der Bär, dem wuchtige Hiebe den Schädel zerschmettert hatten. Seine beiden Hinterfüße steckten in dem Fangeisen und eine breite zerstampfte Blutlache bedeckte neben ihm den Schnee.

Beide Parteien, Zigeuner wie Jagddiebe, hatten ihre Messer hervorgezogen. Brust an Brust rangen beide Teile in stummem, aber erbittertem Kampfe, bei dem von vornherein die Räuber unterlagen. Mehr als fünfzehn Zigeuner standen ihnen gegenüber, sie wurden allmählich vom Lagerplatz verdrängt und in die Flucht geschlagen, wobei einer Zeit fand, das Gewehr zu laden und einen Schuß abzugeben, der einen Zigeuner an der Schulter verwundete.

Außer sich vor Schmerz und Wut kehrte dieser die Kugelbüchse um, drang rücksichtslos gegen den Angreifer vor und streckte ihn mit einem einzigen wuchtigen Schlage zu Boden. Aus dem zerschmetterten Schädel sprang in roten Wellen das Blut hervor – noch einige Male schien es, als wollte der Getroffene sprechen; dann aber schlossen sich die Augen, das Gesicht wurde fahl und der Räuber hatte aufgehört zu atmen.

Seine Genossen flohen nach allen Richtungen.

Mikosch nickte sehr zufrieden: »Es ist der blutige Ossip«, sagte er: »Hast ihn brav getroffen, Junge, der setzt niemals wieder den roten Hahn auf das Dach eines Bauernhauses.«

»Aber für heute müssen wir umkehren«, fügte er hinzu. »Die Schlitten sind ohnehin voll bis zum Rande. Morgen kann dann Meister Lampe an die Reihe kommen.«

Der Bär war inzwischen arg zerschunden aus dem am Baume befestigten Fangeisen gelöst worden und wanderte nun in den Schlitten des glücklichen Besitzers. Ehe man den Kampfplatz verließ, sah Onnen noch einmal in das aschgraue Gesicht des Toten. »Mikosch, sag mir, willst du die Leiche hier so unbedeckt, ohne eine Handvoll Erde liegenlassen?«

Der Zigeuner schmunzelte. »Gewiß, Herr, die Wölfe müssen ja auch leben.«

Unser Freund fragte nicht weiter. Über den eisigen Schnee, durch die kalte rauhe Luft tobte der Ost, schwarze Baumstämme schlugen aneinander wie im Zorne, und weit und breit gab es in der winterlichen Öde keine Stätte zum Ausruhen, keinen Schutz, kein Dach – wie trostlos war das Schicksal derer, welche nichts mehr auf Erden besaßen, als das Versteck in der pfadlosen Schneewüste.

Sie ließen nun den toten Genossen liegen, wo ihn das Ende aller Dinge ereilt hatte, den Wölfen und Raben zur Beute – selbst flüchtend, bis wieder ein Diebstahl, ein Verbrechen für ein paar Tage die nötigen Lebensmittel lieferte, bis auch ihre Stunde geschlagen hatte und der von der menschlichen Gesellschaft Ausgestoßene nun ohne ein Grab, ohne Sarg oder Leichentuch in irgendeinem Dickicht starb, vielleicht in den Qualen der letzten Augenblicke bitter bereuend – und dann zu spät. Ein schreckliches Los!

Wolfsaugen spähten schon durch das Gebüsch, große Raben schlugen mit den Flügeln und ließen ihre heiseren Stimmen erschallen; sobald sich die Menschen entfernt hatten, begann der entsetzliche Schmaus.

Mikosch verband mehrere Wunden; die letzten Fackeln wurden entzündet und dann ging es dem bleichen Tagesgestirn entgegen. Im Lager schlief noch alles, auch Onnen streckte sich auf seine Pelze und suchte die Augen zu schließen, aber bunte Bilder zogen immer aufs neue vorüber, er sah den öden einsamen Wald, die flüchtenden Räuber, die geneigten Köpfe der hungrigen Raben; ein Schauder ging durch seine Seele.

Wie eine Oase in der Wüste erschien ihm das Andenken der stillen deutschen Heimatinsel. Langgezogen fluteten dort die Wellen der Nordsee an den weißen Strand, ein ruhiger ungestörter Friede lag auf der Umgebung. Da wurde nichts gestohlen, da betrog kein Nachbar den anderen; zwischen den niederen Fischerhütten hatte das Verbrechen keine Stätte.

Liebes altes Norderney! Ob er es jemals wiedersehen würde? »Wir gehen jetzt nach Kiew«, hatte Mikosch gesagt, »und von dort nach Odessa. Im April sind wir auf dem Meere.«

Wie lange noch, wie viele Wochen! – Jetzt war man erst im Beginn des Monats Dezember.

Onnen seufzte. Ein einfacher trauriger Weihnachtsabend, welcher ihm bevorstand. Ob er wohl weiße Menschen sehen würde, brennende Tannenbaumkerzen und glückliche Kindergesichter?

»Alexei«, flüsterte er, »was wollen wir denn eigentlich in Kiew?«

Aber der Zigeuner schlief bereits und auch ihm fielen die Augen zu. Er erwachte erst, als der Duft bratender Rebhühner vom Feuerherd herüberdrang; die wandernden Gesellen rüsteten sich, einen Jahrmarkt im Städtchen zu beschicken; bis auf die kleinsten Kinder herab wollte jedes einzelne Glied der braunen Völkerschaft in seiner besonderen Weise verdienen, Geschenke erhalten oder Geschäfte anknüpfen, sogar die alten Frauen hatten ihre erträglichsten Gewänder angelegt und bereiteten sich vor, den Allerdümmsten im Orte Zaubermittel zuzuflüstern oder ihnen aus den Linien der Hand die Zukunft und ihre Schicksale zu deuten.

Natürlich sollte Ruff bei alledem die Hauptrolle spielen. Sein Publikum fand er immer, so oft ihn auch jung und alt schon gesehen hatte; der Blechteller, mit dem er sammelte, blieb nie leer.

Mikosch band die Hühner mit den Füßen aneinander und fort ging' es zu Schlitten und auf des Schusters Rappen in die benachbarte Stadt, wo eben der Weihnachtsjahrmarkt abgehalten wurde.

Onnen hatte den stillen langweiligen Ort schon früher gesehen; heute erkannte er ihn nicht wieder. Alle verschiedenen zur russischen Krone gehörigen Völkerschaften, alle Nachbarn und Geschäftsgenossen waren reichlich vertreten; die Vorräte für das ganze Jahr schienen hier zu Markt gebracht.

Langbärtige Juden mit schwarzen Locken wie Korkzieher, in Schmutz getaucht, in zerschundene zerfetzte Pelze gehüllt, schlaublickend und geschmeidig, gingen zu Hunderten umher, verkauften und tauschten, behaupteten, daß sie zu Grunde gerichtet würden und strichen dabei den ansehnlichen Gewinn ein, mischten sich in alles und kannten alles, von den großen politischen Vorgängen bis herab zu dem Werte einer Partie vorjähriger, zweifelhaft gewordener Hülsenfrüchte.

Halbwilde, in Felle gehüllte sibirische Pelzjäger waren vorhanden, Gold- und Diamantendiebe jener wüsten Eisfelder brachten in kleinen Lederbeuteln die mühsam zusammengeraubten Schätze; es gab Wild aller Art, namentlich aber waren die Verkäufer von Näschereien, Spirituosen und Obst, die Besitzer von Schaukeln, Karussells und Schießbuden sehr stark vertreten.

Auch Bärenführer, Sängergesellschaften, Affenbudenbesitzer und solche, welche eine Menagerie mit sich führten, Riesen und Zwerge gab es in verschiedenen Bretterbuden, wobei die Ausrufer einen Lärm vollführten, der wahrhaft ohrenzerreißend wirkte.

Den meisten Beifall fand der Eisberg, das russische Nationalvergnügen, welches bei keinem Jahrmarkt oder sonstigen Volksfeste fehlen darf. Im Mittelpunkt der kleinen Stadt, nahe an der Kirche war ein ungeheurer Berg aus Schnee errichtet, vom Gipfel her mit Wasser übergossen und so zur Rutschbahn erhärtet. In rasender Eile fuhren die Schlitten von der Höhe zu Tal und mit mühsamer Arbeit wurden sie an der entgegengesetzten Seite über roh behauene Stufen wieder herauf gebracht, um auf der Plattform des Gipfels den Wettkampf neu zu beginnen. Hundert Bewerber harrten des Glockenzeichens; frohe, in jugendlichem Übermut blitzende Augen richteten sich auf den weißen glitzernden Weg, auf die Mitfahrenden und die Schlitten; es wurden Wetten abgeschlossen und ganze Gruppen gebildet.

Bauernmädchen mit ihren bunten malerischen Kleidern hielten die Korbschlitten in breiter Reihe, faßten sich an den Händen fest zusammen und flogen die Bahn hinab, laut jubelnd wie ausgelassene Kinder. Zuweilen stürzten auch einzelne Schlitten, namentlich in Fällen, wo die Insassen bereits zu tief auf den Grund der Flasche gesehen hatten; dann kugelten Herr und Gefährt miteinander den Berg hinab, was jedesmal eine Strafe kostete, kleine Summen, die sonst für irgendeinen milden Zweck dienten, heute aber eingesammelt wurden, um mit anderen freiwilligen Gaben nach Moskau abzugehen. Dort hatten Tausende ihre gesamte irdische Habe verloren und nun rührte sich jung und alt, um ihnen werktätig beizustehen.

Onnen sah den Eisberg und kletterte hinauf. Oben standen Schlittenvermieter in Menge, er konnte der Versuchung nicht widerstehen, sondern wagte die Fahrt zu Tal, wo ihn Mikosch und Alexei lächelnd empfingen. »Belustige dich, Herr«, meinte der Alte. »Da ist Geld, es gehört dir, du hast ja die Hühnerjagd mit betrieben.«

»Das heißt, ich aß und trank mit euch, fuhr im Schlitten und trug eine Fackel. An eurer mörderischen Art, die armen harmlosen Hühnchen in ihren Schneebetten mit dem Knüttel zu erschlagen, habe ich nicht teilgenommen.«

Mikosch lachte. »Sind die Rebhühner besser als etwa Butt- oder Schellfische und die zappelnden Taschenkrebse, welche ihr Norderneyer in euren Netzen fangt und tagelang leiden laßt, bevor ihnen das Messer in die Kehle fährt? Andere Länder, andere Sitten! – Solche Eisberge findest du außerhalb Rußlands nicht wieder vor, Herr, also genieße den Tag. Klügeres kann der Mensch nie tun.«

Er stand im Schlitten und verkaufte unter Alexeis Beistand die Rebhühner, welche sehr willige Abnehmer fanden. Heute wurde in allen Häusern gekocht und gebraten bis zum Überfluß, auf allen Tischen mußte das beste zu finden sein. Die Hühner verschwanden daher schnell, und Onnen und Alexei konnten den Eisberg besuchen, um in schwindelnder Eile hinabzufahren. Die Leistungen des Zigeuners errangen dabei eine allgemeine Bewunderung. Alexei stand während der Fahrt bald auf einem, bald auf dem anderen Fuße, ja nach Belieben sogar auch auf den Händen, er spielte Ball oder hüpfte, er konnte die schwierigsten Sprünge unternehmen und noch hier oder da einen vorbeikugelnden Betrunkenen auffangen, um ihn unten sanft in den Schnee zu legen.

Das Gelächter ringsumher nahm kein Ende. Als Alexei späterhin bei den lustigen Zuschauern sammelte und den Ertrag für Moskau herausgab, da war er der Mann des Tages geworden. Aber auch Ruff bekam seinen Anteil. So viele Bären die russischen Kinder schon gesehen haben mochten – jedes neue Kunststück erregte wieder ihr Entzücken. Ruff spielte auf einer Gitarre, er konnte zählen und pantomimisch ja und nein antworten, er tanzte zu seiner eigenen Musik und verbeugte sich regelrecht, so oft ihm jemand eine Kopeke zuwarf; das alles belustigte große und kleine Kinder, bis endlich das Hauptkunststück an die Reihe kam. Mikosch holte zwei Pfeifen hervor, eine davon nahm er selbst, die andere steckte er dem Bären zwischen die Zähne. Nun kam ein Kartenspiel zum Vorschein. Mikosch gab aus und der Braune nahm mit ernsthaftester Miene, während er große Wolken dampfte, die Blätter in seine ungeheure Tatze. Eins stand neben dem andern, wie eine Menschenhand sie zu halten pflegt.

»So, Ruff, mein Alter, nun zeige den Leuten, daß du deine Karten auch hübsch nach der Farbe zu ordnen verstehst!«

Der Bär hob die Tatze und präsentierte seine Blätter. Sämtliche vier Farben waren richtig zusammengesteckt.

Ein vielstimmiges Händeklatschen, ein allgemeines »Bravo!« lohnten ihm. Äpfel, Brot, Pfefferkuchen und Zucker fielen dem Braunen reichlich vor die Füße, und als er dann mit ruhiger Bewegung die Pfeife aus dem Maul nahm, um sich dankend zu verbeugen, da schwoll der Beifallssturm bis zum donnernden Jubel.

»So schön, Ruff, mein gutes Tier; jetzt laß uns spielen! Du gibst die erste Karte.«

Der Bär schüttelte den Kopf; er vollführte mit der rechten Tatze eine Bewegung, als wolle er sagen: »Zuerst du!«

Der Zigeuner legte dann ein Blatt auf den Boden und Ruff besah es mit prüfenden Blicken; gleich darauf lag ein anderes von gleicher Farbe daneben.

So ging es Stich um Stich. Der Bär irrte niemals, er brachte immer eine passende Karte zum Vorschein, und als ihm Mikosch später erklärte, er habe die Partie gewonnen, da verbeugte er sich wieder und rieb wie in großem Vergnügen die Tatzen gegeneinander. Der Vielfraß in ihm trat erst hervor, als Mikosch auf die Geschenke der Umstehenden deutete; wie in einen unergründlichen Schlund verschwanden Brote, Äpfel und Pfefferkuchen – mehr als für zwanzig Personen ausgereicht haben würde, schien seinen ungeheuren Appetit noch nicht stillen zu können.

Das Kunststück mußte verschiedene Male wiederholt werden, der Ertrag war jedesmal für den Zigeuner ein sehr guter, während zugleich die übrigen Glieder seiner Familie in ihrer Weise ebenso reichlich verdienten. Zwei junge Leute führten den Hochzeitsreigen auf, einen Tanz, bei dem der Bräutigam die Braut immer umkreiste; mehrere andere zogen spielend von Tür zu Tür und die Kinder tanzten oder schlugen das Rad, wobei sie auf den ausgespreizten Fingern liefern.

Das meiste Geld verdienten indessen die Mütter, die alten zahnlosen Hexen mit dem Pfeifenstummel zwischen den Lippen und den braunen, halbverschleierten Gesichtern, aus denen Schlauheit und Habsucht hervorleuchteten. Sie schlugen die Karten zu ganz anderen Zwecken, sie hielten in ihren schwärzlichen Fingern die weißen zarten Hände der jungen Mädchen und Frauen, sie empfingen unter ihrem Lederzelt sogar die Angehörigen der besseren Gesellschaft.

Manche gebeugte Mutter ging schluchzend fort, manch junges Mädchen glückselig lächelnd, als sei das, was ihr die Sibylle gesagt, ein untrüglicher Ausspruch des Schicksals. Fast alle Familien des Landes wußten ja unter den Soldaten ihre liebsten Angehörigen und fast allen fehlten die genaueren Nachrichten über den Verbleib derselben. Nur unbestimmte Einzelheiten über die Greuel von Smolensk, Borodino und Moskau waren in die entfernteren Provinzen gedrungen, Briefe dagegen bei der allgemeinen Unordnung selten angekommen, weshalb so viele Tausende von Müttern und Schwestern sehnsüchtig auf eine Botschaft warteten und endlich die alten Zigeunerinnen aufsuchten, um aus dem Munde der Prophetin zu erfahren, was das Herz unablässig bewegte – die bange Frage: »Ist mein Sohn oder mein Gatte dem mörderischen Feuer der Franzosen entronnen, oder nicht? – Werde ich ihn jemals, jemals in diesem Leben wiedersehen?«

Und auch Mütter mit kranken Kindern kamen herbei. Kein Arzt konnte vielleicht das Leiden heilen, kein Hausmittel half – da sollte es der Zaubersegen tun, die geheimnisvollen Sprüche der Alten.

Eier von schwarzen Hennen wurden ihr massenhaft gebracht, Blumen, auf Gräbern gepflückt, Späne vom Galgen, ein gabelförmiger Ast vom Kreuzwege. Alle diese Gegenstände sollten dem Volksglauben nach Zauberkräfte besitzen. Die Zigeunerinnen lasen aus dem Inneren der Eier die Schicksale der betreffenden Personen, sie schnitten geheimnisvolle Zeichen in die Rinde der Äste und übergossen die Grabesblumen mit heißem Wasser, das von den Kranken zu bestimmter Stunde getrunken werden mußte.

Für allen diesen Hokuspokus, den indessen beide Teile vollständig ernsthaft nahmen, regnete es Geld in die braunen Hände. Man tanzte nach den Melodien der jungen Burschen, man lachte bei Alexeis gewandten Kunststücken und weinte bei den düsteren Prophezeiungen der alten Hexen; aber man bezahlte überall und das war denn eben die Hauptsache.

Spät abends bei Fackelschein zog die ganze Karawane zurück zum Lager. Mikosch öffnete in stiller verschwiegener Nacht den breiten Ledergurt, welcher wie eine Art Panzer seinen Körper umgab, und legte wieder neues blitzendes Gold hinein. Jede Münze nähte er ein, so daß das schwere Gewandstück aussah wie ein wohlgeglättetes Straßenpflaster, dessen Steine verschiedene Größen zeigten.

Spanische, italienische, deutsche und russische Goldstücke lagen friedlich nebeneinander, alle hatte der braune listige Häuptling im Laufe des langen Wanderlebens zusammengescharrt und alle sollten sie einem einzigen Zwecke dienen – ihm eine Branntweinschenke zu verschaffen, das höchste, selten erreichte Ziel des russischen Zigeuners. Mikosch war keineswegs geizig, vielmehr ein Mann, der leben wollte und leben ließ; damit glich er wieder aus, daß ihm so manches bedenkliche Mittelchen für den schnellen Erwerb gerade recht schien. –

An einem der nächsten Tage kam nun die große Hasenjagd, von welcher neulich der späten Stunde wegen Abstand genommen werden mußte; die Schlitten fuhren auf das verschneite Feld hinaus, schlanke Stäbe mit daran befestigten Schlingen wurden an verschiedenen Punkten in die Erde gesteckt und am anderen Ende bis zum Boden herabgebogen. Ein Stein, auf die Schlinge gelegt, hielt sie in dieser Stellung und bedeckte zugleich einige Kohlblätter, die der Falle als Lockspeise dienten.

Nachdem so alle Vorbereitungen beendet waren, stellte Mikosch bei Eintritt der Dunkelheit seine ganze Schar so auf, daß jung und alt, mit jedem nur erdenklichen Lärminstrument versehen, Fackeln schwingend und schreiend, im Kreise vorwärtsging und so das Wild den aufgestellten Fallen entgegentrieb.

Kuhhörner gaben ihre dumpfen, langgezogenen Töne als Baß zu den durchdringend gellenden Zinnpfeifen der Knaben; alte Frauen rasselten mit Kesseln und Töpfen, und wer gar nichts anderes konnte, der schrie wenigstens aus Leibeskräften. Das ganze Feld widerhallte von dem vielstimmigen Getöse, hier und da lief ein Hase, zum Tode erschreckt, durch die Reihen und entkam glücklich, andere stürzten vorwärts in sinnloser Furcht, bis hinter ihnen der Lärm verstummte. Man näherte sich dem Mittelpunkte, Meister Lampe sollte Atem schöpfen, den Kohl riechen und sich in der Schlinge fangen.

Als nach zweistündiger Ruhe die Jäger mit Fackeln zu den aufgestellten Fallen kamen, da bot sich ihnen ein seltsames Bild. An jeder hochaufgerichteten Gerte hing ein erdrosselter Hase und streckte alle Viere von sich; große Raben hockten rings auf allen Bäumen, Krähen, Bussarde und selbst Ratten flohen aufgescheucht nach jeder Richtung.

Von dem Krächzen der Raben angelockt, hatte sich aus dem Walde ein Rudel Wölfe eingefunden und schon waren mehrere Hasen in Stücke zerrissen, als Ruff auf dem Kampfplatz erschien. Die russischen Wölfe messen sich nie mit einem Bären; auch jetzt wich die Meute heulend zurück, blieb aber in einiger Entfernung lungernd beisammen, um den weiteren Verlauf der Dinge abzuwarten.

Mikosch schüttelte sorgenvoll den Kopf. »Es sind viele«, sagte er, »ich hätte nicht geglaubt, daß sie sich so weit aus dem Walde herauswagen würden! Was denkst du, Alexei, mein Junge?«

»Wir müssen die Hasen hier an Ort und Stelle ausweiden, Vater! Ruff hält uns das Gezücht vom Halse.«

»Ich dachte dasselbe! – Angefaßt also! Halte deine Waffen bereit, Herr!«

Die Fackeln wurden herbeigebracht, die Hasen von den Gerten genommen und Ruff in Freiheit gesetzt; er brüllte sofort den Wölfen entgegen, als wolle er sie herausfordern.

Die gelben Räuber wichen noch weiter zurück, aber sie flohen nicht; ihre gierigen Blicke beobachteten die Zigeuner, wie sie Meister Lampes Eingeweide zutage förderten, ihr Winseln zeigte, daß sie den Blutgeruch bemerkten.

Mikosch seufzte; trotz der Kälte standen auf seiner Stirn die großen Tropfen. »Es kommen immer mehr heran«, sagte er mit unterdrückter Stimme. »Ihrer sechzig sind es ganz gewiß in diesem Augenblick schon.«

»Laßt uns die Frauen und Kinder nach Hause schicken, Alter!«

»Ganz gut! – Aber wie sollen sie entkommen, Herr? Vor einem schwerbeladenen Schlitten laufen unsere Pferde mit den Bestien nicht um die Wette!«

»So müssen wir die Wölfe aufhalten, mit ihnen kämpfen. Mikosch, ich sage dir, der Angriff erfolgt bald – sie rücken schon näher.«

Alexei hatte schon den Pferden die Decken abgenommen und alle ausgeschalteten Hasen in die Schlitten geworfen. Frauen und Kinder kletterten nach, Ruff wurde zu ihrem Schutze mit in den größten Schlitten gesetzt und ohne Geräusch glitten dieselben talab, während sämtliche Männer mit den geladenen Gewehren in den Händen zwischen der Meute und den bedrohten Ihrigen stehen blieben.

Aller Herzen klopften zum Zerspringen. Wenn jetzt die Wölfe plötzlich vordrangen, so war das Spiel verloren.

Einer hob den Kopf und schnupperte, er sprang mit einem mächtigen Satze vorwärts, den Schlitten nach – drei, vier andere folgten ihm.

Die Kugeln der Zigeuner prasselten ihnen entgegen. Schuß auf Schuß traf die Räuber; heulend und winselnd blieben sie in ihrem Blute liegen.

Die ganze Masse wich wieder zurück. Mikosch atmete auf. »Dem Himmel sei Dank, jetzt haben unsere Frauen und Kinder den nötigen Vorsprung!« rief er aus. »Ob wir selbst gerettet werden, das ist freilich eine andere Frage.«

Alexei zählte die Männer. »Dreizehn!« sagte er, »und der Schlitten faßt nur vier. Wenn alle Hasen ausgeweidet sind, so müssen sich die übrigen einzeln davonstehlen.«

»Ich nicht!« rief Onnen.

»Du zunächst, Herr – der Gast ist geheiligt. Da, Enoch nimmt dich mit.«

»Auf keinen Fall, Alter. Meine Kugelbüchse und ich, wir bleiben, wo dir eine Gefahr droht.«

»So laß ihn, Mikosch«, rief Alexei. »Da, der letzte Hase ist ausgeschlachtet, nun in den Schlitten damit! – Die Eingeweide auf einen Punkt, ganz eng zusammen! So, jetzt mögen die Bestien einander zerfleischen.«

Es wurde immer in den Haufen hineingefeuert und bei der vorhandenen Menge auch immer ein Wolf getroffen; während dieser Vorbereitung hatten Mikosch, Alexei und Onnen in dem Schlitten Platz genommen, die übrigen Zigeuner dagegen verloren sich mit der Gewandtheit von Wilden unbemerkt nach verschiedenen Richtungen, hinter Bäume und Schneewehen, in den Wald und das Tal – nach einer halben Minute war keiner von ihnen mehr zu entdecken.

»Los!« rief Mikosch.

Das kleine kräftige Pferd zog an und der Schlitten flog mit Windeseile über die glatte Schneefläche dahin. Wie schnaubende, heulende Dämonen stürzten sich die Wölfe auf das geronnene Blut und die Eingeweide der Hasen.

Mikosch stand im Schlitten, während Alexei fuhr; er schüttelte den Kopf. »Binnen einer Minute werden wir sie hinter uns haben«, sagte er.

»Und sie niederschießen, Alter!«

»Ihrer fünfzig, sechzig, Herr? Bitten wir die Götter um einen Platz im Himmel, wo man ausruhen kann – es ist vorbei.«

»Noch nicht, Mikosch! Solange wir leben, nicht!«

»Aha – da nahen sie!«

Eine Masse von gelben und grauen Geschöpfen flog hinter dem Schlitten her. Bei der rasenden Eile dieser Flucht war ein Teil der Fackeln verlorengegangen, ein anderer erloschen oder vom Schlitten gefallen – jetzt herrschte ein Halbdunkel, in dem man wohl die Gestalten unterschied, aber Genaueres nicht mehr zu sehen vermochte.

»Mikosch«, rief Alexei, »weißt du, wo wir sind?« Der Alte zuckte die Achseln. »Ich glaube, daß es darauf nicht mehr ankommt«, sagte er in düsterem Tone. »Wie die Bestien laufen!«

»Mikosch, Mikosch, besinne dich doch, ob du den Weg kennst!«

»Nein – wir haben uns jedenfalls verirrt Aber gleichviel, wo uns die Wölfe fressen – der Leib vergeht und die Seele ruht aus am sonnigen Orte.«

Er betastete den Ledergurt. »Schade, ich habe mir so vieles versagt, um zu sparen – es war für meine Kinder, und nun –« Der vorderste Wolf hatte den Schlitten erreicht, Onnen packte mit jeder Hand einen Hasen und warf beide dem hungrigen Räuber entgegen.

Eine Minute Pause. Alexei versuchte nicht mehr, das Pferd zu lenken, er überließ es seinem eigenen Instinkt und wandte sich der Rückseite des Schlittens zu, um einige Schüsse abzugeben. Die beiden Hasen waren verzehrt, andere folgten nach – endlich flog der letzte in den Schnee und bleiche Gesichter sahen einander an. Was nun?

Onnen und Alexei schossen, aber sie taten es maschinenmäßig, ohne mehr auf Sieg zu hoffen. Der Schlitten war erreicht – noch ein paar Schläge mit dem Kolben auf die nächsten Schnauzen und dann –

Die Meute wich, wie plötzlich erschreckt, zurück. Ein sonderbares Geräusch drang zu den Ohren der drei Männer, ein Plätschern, Fluten –

Wasser! Das Pferd lief bis an die Knie im Wasser; Tropfenschauer spritzten zu beiden Seiten in den Schlitten hinein – die Wölfe sprangen wie rasend, stürzten sich gegeneinander, kläfften und heulten mit erhobenen Schnauzen – sie hatten die Beute, welche ihnen so sicher schien, im letzten Augenblick noch verloren. In rasender Eile lief das Pferd. Seine Ohren standen aufrecht, die Augen traten aus dem Kopfe hervor, von Zeit zu Zeit wieherte es – ein kurzer unruhiger, in Schütteln und Schnaufen übergehender, hellklingender Ton.

Einmal schwankte der Schlitten, er neigte sich nach rechts hinüber, immer tiefer, das Pferd schrie auf, es bäumte sich wie in furchtbarer Angst, dann hob sich das Gefährt und glitt geräuschvoll, auf unebenem Boden geschleift, mit dem glatten Eisen über den Fels des Grundes. Zuweilen kam eine tiefere Stelle, das Wasser schlug rauschend und schäumend herein, die drei Männer wurden vom Kopf bis zu den Füßen durchnäßt – immer weiter stürmte das Tier. Nun schien die Bahn ebener. Vor und hinter den Flüchtigen lag die blaue, nur wenig bewegte Flut, zu beiden Seiten, überall, wohin das Auge reichte. Jetzt waren jene heulenden, bellenden Stimmen am anderen Ufer verstummt – das Pferd ging etwas langsamer, es trat sicherer auf und wieherte auch nicht mehr.

Mikosch und Alexei standen, Onnen dagegen hielt sich mit beiden Händen an den Seitenwänden des Schlittens; er war es, der zuerst das Schweigen brach.

»Weißt du immer noch nicht, wo wir uns befinden, Mikosch?« Der Zigeuner nickte, ihm schien die Zunge am Gaumen zu kleben, sein braunes Gesicht war aschfahl, die Augen unnatürlich weit offen.

»Es ist das Teufelsloch«, preßte er endlich hervor. »Alexei, denkst du es nicht?«

»Ja – es ist das Teufelsloch!«

»Gut – ihr kennt doch die Furt?«

Nur eine Handbewegung antwortete ihm, aber sie sprach deutlich genug. Was in dem schwankenden Schlitten, umgeben von weiter Wasserwüste, lebte und atmete, das war dem natürlichen Selbsterhaltungstrieb des Pferdes willenlos überlassen.

Onnen schauderte. Fern im Grau verschwammen die Ufer; kein Licht trug einen tröstenden Schimmer zu den Einsamen hinaus, keines Tieres Stimme belebte die schaurige Öde. Immer weiter und weiter lief das Pferd.

»Wir kommen hindurch«, raunte Alexei.

»Sprich nicht! – Sprich nicht!«

Sonderbar, in Augenblicken höchster Todesnot fürchtet der Mensch den Klang seiner eigenen Stimme. Er erträgt es nicht, Vermutungen zu hören.

Das Pferd arbeitete stark; es hätte vielleicht einen Wagen mit Rädern nicht durch die Fluten gebracht; nur das spiegelglatte Schlitteneisen konnte es mit dem Aufgebot aller seiner Kräfte über den harten Boden ziehen. Es ging ruhiger, langsamer, es fühlte sich sicherer.

»Licht!« rief Alexei, »ich sehe Licht!«

Mikosch nickte, aber er sprach nicht; auch Onnen war erfaßt von dem seltsamen Gefühl, das uns packt, wenn ein gewagtes Unternehmen, halb gelungen, noch der letzten Vollendung harrt, wenn wir so nahe vor der geöffneten Tür stehen, daß sich's nun binnen Augenblicken entscheiden muß, ob wir in das rettende Asyl hineingelangen oder sehen werden, daß sich vor unseren Blicken die Pforte schließt – für immer. Alexei nahm die Pelzkappe vom Kopf, er riß die Knöpfe seines Rockes auf. »Nein, nein, Mikosch, wehre mir nicht so ängstlich die Freude! Gott ist kein Wucherer, daß er uns die Rettung zeigt und dann höhnt: ›Ihr bekommt nichts!‹ Das Licht wird größer – wir sind nahe am Lande.«

Die Umrisse einiger Gebäude traten aus dem Dunkel hervor, Baumstämme, eine Hecke, endlich der Hof eines Hauses, Pumpe, Gerät – es bellte ein Hund.

Das Wasser trat zurück, es wurde flacher und flacher; mit einem Satz war Alexei zum Schlitten heraus, auch Onnen folgte ihm, nur der alte Zigeuner stand immer noch aufrecht und hielt die Zügel in den Händen. Seine Seele war offenbar so erschüttert, daß ihr der Übergang vom ärgsten Schrecken bis zur vollempfundenen Freude nicht gleich möglich schien.

Dann stand das Pferd, es schnaufte heftig, es schüttelte sich, als wolle es sagen: »Jetzt erst kommt einem das Grauen ganz zum Bewußtsein.«

Onnen und Alexei spannten es aus, damit es sich wälzen könne. Der Hund bellte immer stärker: endlich öffnete sich die Tür des Wohnhauses. »Ist jemand da?« fragte eine Männerstimme, wobei zugleich das Geräusch eines eben gespannten Hahnes den Flüchtigen entgegendrang. »Ruhig, Box, ruhig!«

Aber der Hund ließ sich nicht beschwichtigen, sondern zerrte an seiner Kette, als wolle er sie zerreißen. Der Mann rief jetzt zum zweitenmal in die Dunkelheit hinaus. »Antwort, oder ich schieße!«

»Hier!« rief Mikosch, »hier! Wir sind keine Diebe!«

Schwere Schritte kamen näher. Der Bauer sah am Ufer des Sees, auf seinem rings umschlossenen Gehöft drei Männer, einen Schlitten und ein Pferd, alles triefend, durchnäßt bis auf die Haut. »Ein Spuk«, schrie er. »Heilige Barbara, steh uns bei!«

Alexei lachte. »Wir sind lebende Menschen wie du selbst, Bauer. Komm, führe uns in deine warme Isba und gib auch dem Pferde ein wenig Hafer, es wird nicht umsonst verlangt.«

Der Bauer trat näher herzu, aber er bekreuzte sich immerfort. »Ja, wie seid ihr denn auf meinen Hof gekommen, Leute? – Der Weg führt durch das Haus.«

Und während er sprach, schien er fliehen zu wollen. Die da vor ihm standen, konnten ja nur durch die Luft herbeigeflogen sein, es waren also keine Menschen von Fleisch und Blut, sondern Spukgestalten, die seinem Dache Unglück brachten, Feuer, Krankheit oder gar den bitteren Tod – das Bäuerlein zitterte.

»Mit Verlaub«, murmelte die vorhin so gebieterische Stimme. »Mit Verlaub, welches Weges seid ihr gekommen?«

Mikosch deutete mit der Rechten auf das Wasser hinaus. »Über den See, Bauer – es war eine entsetzliche Fahrt.«

Der Mann ließ vor Schreck das Gewehr fallen. »Durch das Teufelsloch?« rief er. »Alle guten Geister loben Gott den Herrn!«

»Das tun wir auch wirklich aus vollem Herzen, Alter! Die Wölfe hetzten uns und das Pferd lief unaufhaltsam in den See hinein – hier, an dieser Stelle, sind wir aus dem Schlitten gestiegen.«

Der Bauer griff an die Mütze. Vielleicht fühlte er, daß auf seinem grauen Haupte die Haare zu Berge standen. »Es ist einmal ein Boot auf das Teufelsloch hinausgefahren«, sagte er stammelnd, »aber so viel Garn die Leute auch mitnahmen, den Grund konnten sie nicht finden. Es mögen Hunderte von Fuß sein, Tausende! – Aber ich weiß, eine schmale Furt soll es geben, alte Leute hier herum behaupten es, eine einzige schmale Furt – die geht quer hindurch.«

Mikosch blieb die Antwort schuldig, er ging schwankenden Schrittes zu seinem Pferde und umfaßte es mit beiden Armen. » Sollst das Gnadenbrot essen«, flüsterte er, »sollst Hafer und ein Obdach haben, ob du auch alt und blind werdest, mein Tier! Ich will dir die heutige Nacht nimmer vergessen!« Mikosch lehnte die Stirn an den Hals des Pferdes, er war so erschüttert, daß es ihm unmöglich gewesen wäre, jetzt mit dem Bauern zu unterhandeln.

Onnen und Alexei brachten endlich den Graukopf dahin, sie für ganz gewöhnliche Sterbliche zu halten und ihnen erst einmal Quartier zu geben. Die Bäuerin wurde geweckt, im Ofen das Feuer geschürt und ein tüchtiges Mahl aufgetragen; dann ging für den Rest der Nacht alles zur Ruhe, der kleine tapfere Gaul im Stalle und die Menschen in der Isba, wo Hühner und Enten, Kälber und Schafe friedlich mit der Familie die Wärme des riesigen Kachelofens teilten.

Die Luft in diesem Räume war bös, schier ebenso unerträglich wie die in dem Höhlenbau, den das Zigeunervolk bewohnte; aber wer eben erst dem in doppelt schrecklicher Gestalt drohenden Tode nur wie durch ein Wunder entrann, wem die Eiszapfen im Haar und in den Kleidern hängen, der ist nicht mehr wählerisch, sondern dankt seinem Schöpfer für die sicheren Mauern des Hauses und den Platz am Feuer, das seine erstarrten Glieder wärmt und ihn dem Leben allmählich wieder zurückgibt.

Am Morgen umstanden schon ganze Gruppen von Dorfbewohnern das Gebäude. Die Erzählung von der Fahrt über das Teufelsloch hatte sich inzwischen verbreitet und jeder wollte die sehen, denen so Unerhörtes gelungen war. Selbst der Pope kam herbei; er nahm für die heilige Barbara, die Schutzpatronin des Dorfes, das Wunder einer so unerwarteten Rettung ganz allein in Anspruch und meinte, daß es nur billig sei, jetzt auch der Kirche dankbar zu gedenken.

»Das güldene Krönlein der Gebenedeiten fehlt uns immer noch«, sagte er, »ihr könntet's jetzt spenden, Zigeuner.«

Und Mikosch nahm ihn beiseite, er handelte mit ihm. »Ein silbernes tut's auch«, flüsterte er später, »das will ich geben.«

Sein Mut und seine Schlauheit waren mit dem hellen Tage zurückgekehrt; er bezahlte alles Genossene sehr anständig, kaufte für das Pferd eine neue Decke und trug dann mit Hilfe der beiden anderen den leeren Schlitten durch das Haus ins Freie. Noch ein letzter Blick auf den blauen stillen See mit seiner unergründlichen Tiefe – ein letzter Blick voll geheimen Grauens, und die Fahrt zum fernen Dorfe wurde angetreten.

Jetzt ging es über den hohen, schmucklosen und holperigen Damm, welchen die Russen eine Landstraße nennen; hier waren keine Wölfe zu fürchten, nur höchstens einige Füchse und Luchse eilten quer über den Weg und Hasen in unzählbarer Menge, der Schnee fiel bei stiller Luft vom Himmel herab, es war ein Wintermorgen, so ruhig, so freundlich, wie er nur irgend gedacht werden kann.

Mikosch zählte kleines Geld und suchte dann im Stroh des Schlittens eine Speckseite, die er gekauft hatte. »Dieses Weges bin ich sehr wenig gekommen«, sagte er, »die eigentliche Landstraße führt an der anderen Seite des Teufelsloches vorüber – aber dennoch weiß ich, daß hier ein Bruder Klausner lebt. Er verläßt nie seine Felsenhütte; die umwohnenden Bauern versorgen ihn mit allem Notwendigen, bringen dem alten Manne gekochte Speisen und Holz für seinen Ofen, Brot und Bier – er spendet dafür seinen Segen, den die Leute als wundertätig ausgeben. Bruder Nikolaus ist ein Altgläubiger, der schon vor einem halben Jahrhundert der Welt den Rücken kehrte.«

»Und in einem Felsen sitzt der Alte?«

»Ja. Die Vorderwand der Höhle ist ein Eisengitter, der Raubtiere wegen – das verstärkt er nachts und im Winter mit Holzläden.«

»Aber er arbeitet nie, hat keinerlei Beschäftigung?«

»Er betet.«

Onnen schwieg. Wie unbegreiflich klang das, was der Zigeuner sagte.

Gegen Mittag wurde die Höhle des Klausners erreicht. Nur der, welcher überhaupt die Umgebung kannte, war imstande, hier eine menschliche Wohnung zu entdecken; weiß und unübersehbar ragte der Höhenzug gen Himmel, weiß und eintönig lag die Erde – kaum erkennbar durchdrang ein einzelner schwarzer Punkt das Glitzern und Blenden ringsumher, eben jenes Eisengitter vor der Höhle des frommen Mannes.

Mikosch ließ den Schlitten halten, er nahm die Speckseite, und alle drei näherten sich den engverflochtenen Stäben, hinter denen ein Mensch seit länger als fünfzig Jahren lebendig begraben lag. Er klopfte gegen das Schloß der kleinen Pforte: »Bruder Nikolaus!«

»Wer ruft mich?« fragte eine leise, gütige Stimme.

»Gläubige Christen, frommer Bruder, sie bitten um deinen Segen.«

Ein ganz weißes Gesicht erschien am Gitter, ein weißer Bart, der bis zum Gürtel des Trägers herabreichte. »Meine Augen haben das Licht dieser Erde verloren«, sagte die milde, angenehme Stimme, »aber das Ohr hört noch jeden Laut. Es lauscht den Schritten des Engels, der kommen wird, um die Seele in Abrahams Schoß zu tragen.«

Das Antlitz des Alten war das eines Propheten, sein lichtloses Auge sah voll froher Hoffnung gen Himmel. »Fast neunzig Jahre dauert meine Pilgerfahrt – bald muß sie vollendet sein. Zu jeder Stunde kann mir der Engel erscheinen.«

»Willst du uns nicht deinen Segen geben, frommer Bruder? Wir haben dir auch einige Geschenke mitgebracht.« Er lächelte ruhig. »Meinen Segen sollt ihr haben, den eines armen sündigen Menschen wie ihr selbst, aber eure Gaben brauche ich nicht. Es liegt hier mehr Brot, mehr Fleisch, als ich verzehren kann; geht, schenkt es den Armen.«

Dann tasteten seine Hände. »Wo seid ihr? Meine Seele betet für euch, das ist der Segen, den ich zu geben habe.« Die mageren, zitternden Finger berührten Onnens Scheitel und glitten dann herab an seinen Wangen. »Du bist noch ein Knabe, Fremder – möchten dir die Torheiten der Jugend und die Leiden des Alters erspart bleiben, möchtest du Frieden finden bei Gott und den Menschen. Amen!«

Auch die beiden Zigeuner erhielten den Segenswunsch des Alten, aber das Geld und die Lebensmittel nahm er nicht an. »Schenkt es den Armen, meine Brüder, es gibt unter der Sonne so viel Elend.«

Dann lehnte er den Kopf wieder gegen die Steinwand. »In jedem Augenblick kann der Engel kommen, mit weißen Schwingen – er bringt mir das Licht zurück, die Klarheit, welche nie schwindet. O, wie oft habe ich im Traume sein Bild gesehen, wie oft! – Er winkt mir, er lächelt so froh, so still!«

Geräuschlos traten die Männer von dem Eisengitter zurück. Des Alten Seele war nur noch mit den leichtesten Banden an diese Erde gefesselt – ein Hauch, und Bruder Nikolaus, der Freund aller Armen, hatte aufgehört zu atmen.

Der Schnee, nicht mehr von seiner Hand entfernt, setzte sich dann an die Stäbe des Eisengitters fest, Flocke verwob sich mit Flocke und eine dichte Wand sperrte die Höhle, in der ein erdenmüder Mensch die Augen für immer geschlossen. Bruder Nikolaus hatte den Engel seiner Träume von Angesicht zu Angesicht gesehen, er war zurückgekehrt in die Welt des Lichtes.

»Noch in dieser Nacht geht der Alte heim«, sagte Mikosch. »Ganz still, ohne Kampf, wie eine Lampe erlischt, wenn das Öl verbrannt ist. Mich erkannte er nicht mehr, das sah ich wohl.«

»Bist du denn vor seiner Erblindung mit ihm zusammengetroffen, Mikosch?«

Der Zigeuner nickte. »Vor langen Jahren«, sagte er, »ich selbst war noch ein junger Mann, mein Weib trug den Jasko, der jetzt dreißig Jahre zählt, als Säugling auf dem Arm – ach, da ging mir's so traurig, so überaus traurig. Die Jagddiebe hatten meinen Bären erschossen, das Winterdorf war zu schneearmer Zeit abgebrannt und wir wanderten in Eis und Frost zu Fuß umher, ohne Wagen und Pferd, ohne Geld – als Bettler.

»Da kamen wir in heller Mondnacht an der Hütte des Einsiedlers vorüber. Das Eisengitter haben ihm die Bauern erst viel später hinsetzen lassen, damals gab es zum Schutze des Alten nur einige, von ihm selbst angebrachte Holzstäbe. Ich trug die Kugelbüchse auf der Schulter, mein Weib den Jungen und was sie sonst an Lumpen und Lappen für das Kleine noch besaß – so wanderten wir durch den eisigen Ost und hofften in bitterer Verzweiflung nur eins, daß uns ein mitleidig Bauernweib in der Isba ein wenig am Ofen sitzen lassen möchte, sonst wären wir schier gestorben vor Kälte.

»Da hörte ich einen Bären brummen und dacht' an das schöne wärmende Fell. Ich versuchte die erstarrten Finger, ob's noch gehen würde mit dem Schießen; leise schlich ich vorwärts dem Schalle nach. Mein Weib war auf die Knie gefallen; es hatte zum Weinen, zum Sprechen keine Kräfte mehr.«

»Mikosch«, unterbrach Onnen, »so traurige Tage hast du gesehen?« Der alte Häuptling lächelte. »Viele, Herr, viele – aber davon wollte ich ja nicht sprechen! – Der Bär brummte immer stärker, es krachte, als zerbreche er irgendeinen hölzernen Gegenstand, und endlich sah ich ihn. Petz stand auf den Hinterfüßen vor der Felsenzelle des Klausners, die Vorderpranken zerrissen gerade das Balkenwerk, als sei es ein Spinnengewebe. Nun erst entsann ich mich des Eremiten, meine Kugel flog dem Bären gerade in das Ohr, er sprang auf wie zur Flucht, schrie furchtbar und fiel dann schwerfällig zu Boden, tot, ganz tot, die Bleiladung saß ihm im Gehirn. »Ich sprang eilends herzu und sah in die Höhle hinein. Drinnen stand mit gekreuzten Armen Bruder Nikolaus, ganz ruhig, ohne Schreck oder Furcht, ohne einen Gedanken an Verteidigung – keine zwei Schritte von ihm entfernt lag der erschossene Bär vor dem fast ganz zertrümmerten Holzgitter. Noch eine Minute länger und die Bestie hätte den frommen Mann in ihren gewaltigen Pranken erdrosselt.

»Bruder Nikolaus!« rief ich. »Bruder Nikolaus, siehst du denn nicht, was hier geschah?«

»Er glitt mit den Fingern über seine Stirn. »Meine Stunde ist also noch nicht gekommen« sagte er, »Gott wollte es anders!«

»Hast du denn keine Schießwaffen, frommer Bruder?«

»Er lächelte nur. »Der Himmel schickt zur rechten Zeit den Retter, mein Freund, du siehst es ja. Alle eure Sorgen werfet auf den Herrn, denn er ist freundlich und seine Güte währet ewiglich.« »Ich fühlte mich tief erschüttert. Gleichsam im Rachen der Bestie, nur noch um eines Schrittes Länge von den kalten Umarmungen des Todes getrennt, hatte dieser Mann seine vollkommene Ruhe bewahrt. Er glaubte an Gottes Nähe, das trug ihn und hielt ihn aufrecht in der Stunde der Gefahr.

»Bruder Nikolaus«, bat ich, »gib mir ein Stück Brot; draußen auf dem eisigen Boden liegt mein Weib und stirbt vor Hunger.«

»Er ergriff die Eisenstange und schürte das Feuer, dann zog er Fleisch, Brot und eine Flasche mit Wein aus einem Kasten hervor.»Hole dein Weib, Freund, der Tisch für euch beide ist gedeckt« »Ich sprang davon wie auf Flügeln – die arme Ilona war so ermattet, daß sie mich nicht mehr verstand, ich mußte sie und das Kind bis zur Höhle tragen; dann gab ihr der starke Wein Besinnung und Wärme zurück. Bruder Nikolaus schenkte meinem Kinde ein kleines Kreuz aus Elfenbein – der Jasko trägt's heute noch am Halse! – er ließ uns essen und trinken, an seinem Feuer ausruhen bis zum Morgen und gab uns zuletzt alle Lebensmittel, die er besaß, mit auf den Weg, auch seinen einzigen Rubel, das Geschenk eines Pilgers, der weither gekommen war, um ihn zu sehen. ›Möchte es dir besser ergehen als bisher, mein Freund‹, sagte er. ›Gott segne dich und die Deinigen, er erfülle, was du dir wünschest! –‹«

Mikosch nickte, er atmete tief. »Diesen Rubel habe ich heute noch«, sagte er, auf die Stelle des verborgenen Ledergurtes deutend; »ich habe ihn nicht ausgegeben, und wenn auch der Hunger sein gelbes Gesicht zur Tür hineinsteckte. Das Geldstück brachte mir Glück, glaube ich, es sind seitdem manche andere hinzugekommen und mein sehnlicher Wunsch, selbst ein Geschäft, eine Schenke zu haben, geht jetzt der Erfüllung entgegen. Wenn ich dich nach Norderney gebracht habe, Herr, dann ist die Stunde gekommen.«

Onnen lächelte. »Du brauchst mir nur ein Schiff zu besorgen, Mikosch, und ich werde dir's danken, solange ich lebe.«

Aber der Alte schüttelte den Kopf. »Nein, nein, es bleibt bei meinem Worte. Das heißt, wenn es Gottes Wille ist«, setzte er hinzu.

»Und du glaubst wirklich, daß der arme alte Klausner in nächster Zeit stirbt, Alter?«

»Noch in dieser Nacht. Ich kenne den Tod, habe ihn zu oft, zu hundertfältig gesehen – mich kann er nicht mehr täuschen.«

»Kommen wir denn bei Gelegenheit unserer Weiterreise nochmals an der Höhle vorüber?«

Mikosch wiegte den Kopf. »Wir können es wenigstens«, antwortete er. »Wenn du es wünschest, so soll es geschehen, Herr!«

Zur Rechten erschien jetzt wieder der langgestreckte See und an seinen Ufern glitt der Schlitten dahin, bis am Nachmittag das Dorf erreicht war. In allen Arbeitshütten schwieg das Geräusch der Hämmer, es war auf den Straßen kein Kind zu entdecken; die jungen Leute, die Pferde, Schlitten und Hunde fehlten, eine bleierne Stille lag auf der ganzen kleinen Niederlassung.

Mikosch lächelte. »Sie halten uns für verunglückt«, sagte er, »sie sind hinausgefahren, um uns zu suchen.«

Und dann pfiff er auf zwei Fingern. Wie durch einen Zauber veränderte sich plötzlich die Stille ringsumher, ebensolche Töne antworteten, Männer und Frauen stürzten aus den Hütten hervor, Ruffs mächtige Stimme brüllte den Willkommensgruß, daß die Wände dröhnten. »Er ist da!« rief eine alte Frau, indem sie beide Arme ausstreckte und laut schluchzend auf die Straße trat, »ach, er ist da, mein Sohn, mein letztes Kind!«

Und auch eine andere erschien, das Weib des braunen Häuptlings – sie umarmten ihn beide zugleich, sie fragten, welch ein Wunder ihn und seine Begleiter gerettet habe. Mikosch nahm die Pelzkappe vom Kopfe, als er antwortete.

»Durch das Teufelsloch sind wir gekommen! Ein Engel ging vor uns des Weges, ob ihn gleich kein Auge gesehen – das Wasser durfte uns nicht behalten.«

Die Umstehenden erbleichten. »Durch das Teufelsloch!« flog es von Mund zu Mund. »Ihr wagtet es, um den Wölfen zu entgehen?« »Ja – oder besser, das Pferd riß ohne Gebot den Schlitten vorwärts. Sie waren uns hart auf den Fersen, die Unholde, einige sprangen sogar in das Wasser, um nachzuschwimmen, aber sie gaben doch die Sache nach den ersten zwanzig Schritten schon wieder auf. So blieben wir in der Furt, welche bisher kein Mensch kannte und die auch vielleicht nie im Leben einer wiederfindet.« Ein Klingeln von Schlittenglocken zeigte die Ankunft der Männer, welche ausgezogen waren, um ihre verschollenen Genossen zu suchen. Sie hatten die Spur bis an den Rand des Wassers verfolgt und damit alles verloren gegeben. Einer unter ihnen hielt sich sogar schon für den Erben der Häuptlingswürde und dachte an allerlei Listen, um den abwesenden Jasko aus der Gunst des Stammes zu verdrängen; dieser war der einzige, welcher den allgemeinen Jubel nicht teilte. Außer ihm freuten sich alle und gaben das in ihrer harmlosen Weise durch Singen und Tanzen zu erkennen. Während der ganzen Nacht tönte Musik aus den Hütten hervor; niemand schlief, es wurde gekocht und gebraten – am andern Morgen ward dann ein Plan gefaßt, der den Wölfen in ihrem eigenen Gebiete den Garaus machen sollte.

Wo so viele vorhanden waren, da lohnte es wohl der Mühe, die von der Regierung bewilligten Prämien zu verdienen, und auch, sich die Pelze zu eigen zu machen.

Die ganze Dorfschaft zog aus und grub am hellen Mittag, unbelästigt von den tagesscheuen Bestien, große Gruben, in deren jede ein Stück Fleisch geworfen wurde. Die Oberfläche verhüllte man durch dünne Pelze und quergelegte Reiser, auf denen ein anderes, kleineres Stück Fleisch lag.

Alle Hunde waren im Dorfe zurückgeblieben, ebenso der Bär. Sechs bis zehn Männer, auf Bäumen versteckt, überwachten die Gruben. Das etwas angebrannte Fleisch duftete stark, und so konnte denn mit Recht eine gute Jagd erwartet werden. Der Mond schien auch während dieser Nacht hell vom Himmel herab. Fernher schimmerte die ruhige Flut des Teufelsloches, hie und da fielen weiße Flocken durch die Luft – noch zeigte sich kein Wolf. Der Schlitten war schon bei dem ersten Eintritt der Dämmerung in das Dorf zurückgebracht worden und sollte mit mehreren anderen erst am folgenden Morgen wiederkehren, um die Jäger und ihre Beute abzuholen. Mikosch sah ärgerlich auf die Uhr – schon war Mitternacht vorbei und noch immer kein Tier zu entdecken.

»Wir müssen sie locken«, entschied Alexei. »Paßt auf!«

Und er blökte mit solcher Kunstfertigkeit, daß Onnen hell auflachte. Es klang, als springe ein geängstigtes Schaf, durch den Pflock gefesselt, vor dem andrängenden Feinde von Stelle zu Stelle, ohne ihm entrinnen zu können. Gleich einem Notschrei tönte das langgedehnte: Mäh! Mäh! durch die helle Mondnacht dahin.

Der Erfolg blieb nicht aus. Hie und da erschien ein Gelber, erst wenige, dann mehrere; sie zogen die Luft ein, schnupperten und entdeckten endlich das auf die Falle gelegte Stück Fleisch.

Vom Hunger getrieben stürzten sie vorwärts, um im Angesichte so vieler Mitbewerber den Raub für sich allein zu gewinnen – ihrer fünf und sechs sprangen auf die schwache Decke, welche keinen einzigen getragen haben würde. Mit gellendem Geschrei fielen alle in die Tiefe hinab, so tief, daß kein Sprung sie wieder an die Oberfläche bringen konnte.

Für den Augenblick erschraken die übrigen, dann aber verdrängte der Geruch des Fleisches den Gedanken an die Gefahr und wieder stürzten sechs oder acht der erbitterten Tiere in eine neue Grube hinab. Auch auf dem Grunde derselben bissen sie sich noch um den Raub; das Geheul und das Knurren klang wie ein Teufelsspuk durch die Nacht.

Mittlerweile entdeckten andere die Jäger auf den Bäumen und fingen an, dieselben zu umkreisen. Ein grauenhafter, dem Eulengeschrei ähnlicher Ton wurde gehört; es war der Verzweiflungsschrei der hungrigen Wölfe, die ihre Beute nicht erlangen konnten.

Von den Bäumen herab donnerten die Kugelbüchsen. Wie immer durch den Pulverblitz erschreckt, wich das Raubgesindel zurück; einige wälzten sich in ihrem Blute, andere schnappten nach den Stellen, wo die Ladung sie getroffen hatte und die allerdreistesten versuchten sogar, an den Stämmen hinaufzuspringen, aber das unausgesetzte Feuer tötete doch die meisten von denen, welche nicht schon vorher in die Gruben gestürzt waren, und endlich, als der Tag anbrach, entflohen die letzten.

Eine schlimme Nacht voll Kälte und Aufregung, aber auch eine herrliche Beute!

Im ganzen hatten fünfunddreißig Wölfe ihr Leben lassen müssen, so daß, als später die Schlitten kamen, allein Pelze und Klauen eine ganze Ladung ausmachten. Das Fleisch mochten andere Bestien fressen, die etwa in der nächsten Nacht kommen und nach Beute ausspähen würden.

Auf diese letzten Anstrengungen folgten einige Ruhetage, und dann begann Mikosch für die Abreise nach Kiew zu rüsten. Von da sollte es weitergehen, über Odessa zur See nach Hamburg und Norderney; er mußte also auf mindestens ein Jahr Abschied nehmen und alle seine Angelegenheiten vorher ordnen.

Ein Bote ging nach Moskau, um den ältesten Sohn des Häuptlings heimzurufen; der Schlitten wurde mit Kleidern und den notwendigsten Lebensmitteln bepackt, dann ging es zum Abschied, bei dem Onnens Herz doch schneller schlug. Es waren, wenn auch verachtete und weder sehr redliche noch saubere Zigeuner, so doch gastfreie, freundliche Menschen, die er verließ – und das schmerzt immer.

Alexei zog mit. Einen jüngeren, ganz zuverlässigen Mann mußte der alte Hauptmann bei sich haben; und da seine Söhne fehlten, nahm er den entfernteren Verwandten, welcher übrigens seinem Herzen fast ebenso teuer war wie jene. Am Morgen des vierundzwanzigsten Dezembers begann die neue Reise; Mikosch wollte zum Neujahrsfeste in Kiew sein, um dort, weil viele Pilger das Kloster besuchten, womöglich Geld zu verdienen, er mußte daher die Fahrt schon jetzt antreten – Onnens wegen an der Klause des Einsiedlers vorüber.

»Ob wir den armen Blinden wiedersehen werden? Was denkst du, Mikosch?«

Er schüttelte den Kopf. »Sicherlich nicht, Herr!«

»Und wo bleiben wir zur Nacht?«

»Nun, in irgendeiner Hütte. Arm und niedrig sind sie hier herum alle.«

Onnen seufzte; das Bild des vorigen Weihnachtsabends trat lebhaft vor die Augen seines Geistes. Damals lastete auf Deutschland allerdings auch schon die Franzosenherrschaft, aber auf Norderney hatten sich die Bedrücker noch nicht blicken lassen; zusammen mit den Hansens und mit Onkel Kluin war der heilige Abend unter dem grünen Tannenbaume bei vollen Gläsern gefeiert worden. Der Vater trank auf Deutschlands Befreiung – es war dem jungen Manne, als sähe er ihn, als hörte er die freundliche und doch so mannhafte Stimme. Das sanfte Antlitz seiner Mutter, die ganze saubere, geliebte Umgebung, alles trat lebhaft vor seine Seele – er seufzte tief. Welch schreckliche Veränderung zwischen jenem und dem gegenwärtigen Tage.

Der Vater gemordet, die Mutter im fremden Hause, der Barmherzigkeit anderer überlassen, und er selbst ein Flüchtling, sein einziger Freund ein Zigeuner.

»Mikosch«, fragte er halblaut, »brennt bei euch in den Bauernhäusern am Weihnachtabend ein Tannenbaum?«

Der Alte nickte. »In wenigen, sehr wenigen, aber zuweilen geschieht es doch. Wo die Leute Kinder haben und reichlich Geld, da schmücken sie wohl den Baum mit bunten Bändern, Lichtern und allerlei Früchten. In diesem Jahre wird es damit nicht viel werden.«

Sie fuhren weiter, immer auf ebener Bahn durch das weiße Flockengeriesel. Nun kam der Höhenzug, die Gegend, in welcher des Klausners Versteck lag; halb und halb hatte sich die Dämmerung bereits herabgesenkt, aber doch konnte man noch Gestalten und Umrisse erkennen. Onnen spähte angestrengt hinüber – wo war das Eisengitter?

»Mikosch, siehst du es?«

Der Alte schüttelte den Kopf; er deutete mit dem Stocke zu den Bergen hinüber. »Dort war es!«

Onnen erschrak. »War, sagst du? – Und wo wäre er jetzt?«

»Verschneit!«

»Ach, der arme Blinde!«

Alexeis Falkenaugen hatten einen dunklen Gegenstand entdeckt. »Vor der Höhle sitzt zusammengekauert ein Mensch«, sagte er.

Mikosch bedeckte die Augen mit der Hand. »Ein Mann«, fügte er hinzu, »vielleicht ein Erfrorener. Der Schnee fällt ihm auf Kopf und Rücken, aber er bemerkt es nicht.«

»Dann müssen wir jedenfalls nach ihm sehen.«

Der Zigeuner lenkte schon den Schlitten hinüber, sobald indessen die Glocken heller erklangen, hob der Unbekannte den Kopf und schüttelte die Schneelast von den Schultern; es schien ihm sehr willkommen, die Öde ringsumher durch menschliche Gesichter unterbrochen zu sehen. »Ach«, rief er, »ach, ihr guten Leute, es ist vergeblich, durch Eis und Sturm an diesen Ort zu gehen – der arme Bruder Nikolaus lebt nicht mehr, sein Gitter ist verschneit, der fromme Mann muß erfroren sein, gestorben; er gibt keine Antwort, er hat kein Feuer im Ofen.«

Der Zigeuner sah in das bleiche, gramvolle Gesicht des Fremden. »Peter Wassiljewitsch«, sagte er, »wie kommst du denn hierher? Erkennst du mich nicht?«

Der Bauer sah auf; er seufzte tief. »Mikosch«, stammelte er, »du bist es! Sage mir, warst du in Smolensk? Ihr Zigeuner hört ja alles, wißt alles – erfuhrst du nichts von meinem Sohne? Er ist Soldat – ach du großer Gott, und wir haben in einem halben Jahre von ihm keine Nachricht mehr gehabt! Ob er noch leben mag – wer weiß es?«

Der Zigeuner bat die beiden anderen, etwas näher zusammenzurücken, und forderte dann den Bauern auf, im Schlitten Platz zu nehmen. »Von Smolensk hörte ich seit der Schlacht nichts wieder, Peter Wassiljewitsch, du mußt dich nicht so sehr beunruhigen, ehe Nachrichten eingetroffen sind. Was wolltest du denn bei dem Klausner, he? Er ist ohne Zweifel gestorben, ich sah ihn schon vor länger als einer Woche in hoffnungslosem Zustande.«

Der Bauer seufzte wieder. »Es ist heiliger Abend«, sagte er, »und meine Alte weint so herzbrechend. Ich konnte es im Hause nicht aushalten – dacht', daß mir der Klausner ein wenig Trost geben werde – ja, und nun ist auch der tot.«

Mikosch suchte den armen Mann abzulenken. »Wohnst du noch da drüben bei der Mühle, Peter Wassiljewitsch? – Ich will dich im Schlitten nach Hause bringen.«

Der Bauer nickte. »Wir haben nur den einen Jungen«, sagte er, ganz in seinen Schmerz versunken, »wir sind nicht gerade arm, konnten immer für seine Zukunft ein Übriges tun. Er sollte im Dorfe der Lehrer werden, ach, er ist so klug, kann lesen und schreiben – und nun wissen wir nicht einmal, ob er noch lebt.«

»Daher darfst du als vernünftiger Mann auch nicht trauern und seufzen, mein guter Peter, es kann sich ja noch alles zum besten kehren. Sieh, wie in den Häusern die Lichter glänzen; alle diese Leute haben auch ihre Söhne bei der Armee und wissen nicht, wie es ihnen ergeht. Komm, du mußt den Kopf oben behalten, alter Freund!«

Der Bauer sah zu den erhellten Fenstern seines Dorfes hinüber und schien sehr erstaunt. »Soviel Licht!« murmelte er, »wie kommt das?«

»Denkst du denn nicht an den heiligen Abend, Peter?«

»Ja, ja, aber – noch als ich vor drei Stunden fortging, weinten die Frauen und steckten ihre Köpfe in die Schürzen. Von einer Feier wollte niemand etwas wissen.«

»Ich bitte euch«, unterbrach er sich, »ich bitte euch, ging da nicht eben ein Soldat an der Krücke über die Straße?«

»Ja!« riefen Onnen und Alexei zu gleicher Zeit. »Er trug Uniform.«

»O Gott im Himmel, wenn er mir von meinem Sohne eine Nachricht bringen könnte!«

»Da geht er noch – sollen wir ihn rufen?«

»Ja – nein – ach, gerade heute! Die Alte stirbt mir vor Gram, wenn es heißt, daß ihr einziger dahin ist!«

»Dort gehen noch zwei Soldaten!« rief Onnen.

»Und hier in der Hütte sitzt einer – der arme Schelm hat den rechten Arm verloren! Wie sie ihn liebkosen, wie glücklich sie aussehen! Ein Mann trägt einen mächtigen Tannenbaum in die Isba, er lacht, die Kinder jubeln – o; wem der gütige Gott ein solches Weihnachtsfest beschert!«

Der Bauer hatte sich in dem langsam fahrenden Schlitten aufgerichtet, er hielt wie in unerträglicher Aufregung die Hände zusammengepreßt. »Da steht die Mühle«, murmelte er, »gleich kommt mein Haus – ach – ach – es ist Licht in der Isba – ewiger Himmel, wenn die Soldaten meiner armen Frau eine schlimme Nachricht mitgebracht hätten!«

»Oder wenn dein Sohn nach Hause gekommen wäre, Alter!«

Der Gedanke schien den, Bauern zu überwältigen. Mit einem Satz sprang er aus dem Schlitten und stürzte zum Fenster seiner Isba. »Nikita«, hörten ihn die anderen rufen, »mein Sohn! Mein Sohn!«

Und dann riß er die Tür auf, glücklich, selig, alles vergessend in der Freude des Wiederfindens: »Nikita, mein Junge, mein Herzenskind!«

Mikosch lächelte; er ließ vor dem Häuschen seinen Schlitten halten. »Wir wollen den Leuten nur guten Abend sagen«, meinte er, »und dann die Herberge aufsuchen. Seht doch diese Freude, die beiden Alten erdrücken beinahe den jungen Menschen! – Ach, er hat einen Fuß verloren, kann sich nur an der Krücke fortbewegen – wie schade!«

»Nun«, rief Onnen; »für den Schullehrer macht das weniger aus! – Aber, wie ist mir denn«, fügte er gleich darauf hinzu, »den Soldaten muß ich schon früher gesehen haben!«

In diesem Augenblick wurde die Haustür wieder geöffnet und Peter Wassiljewitsch stürmte auf die Straße hinaus. »Kommt herein, ihr Leute, es ist Platz genug in meiner Isba, kommt nur, wir wollen ja heiligen Abend feiern! Mein Sohn ist zurückgekehrt – ach, ich bin so froh, so froh – morgen soll die heilige Dorothea, unsere Schutzpatronin, einen neuen Silberschmuck haben, den schönsten, der sich auftreiben läßt.«

Er schien vor Freude ganz außer sich; bald begann er, das Pferd auszuspannen, dann drückte er wieder den Männern die Hände oder klopfte den mächtigen Kopf des Bären, als sei auch dieser ein Mensch.

»Ich will's euch nur gestehen«, sagte er, »ihr habt mir das Leben gerettet. Ich war ja nicht ausgegangen, um eine Sünde zu begehen, aber wie ich so dasaß und die Flocken fielen mir auf den Kopf, da tobten arge Gedanken in meiner Seele. Bruder Nikolaus ist verschneit, meinte ich, fühlt kein Leid und keine Sorge mehr – du willst ganz stillsitzen; wenn's dann Gottes Wille ist, so schläfst du langsam ein – das beste, was dir der heilige Christ bescheren könnte!«

»Aber kommt jetzt! Kommt jetzt!« rief er dann. »Wir müssen einen Tannenbaum haben und bunte Bänder und Lichter! Kommt, ihr sollt meinen Sohn sehen!«

Mikosch brachte die Tiere und den Schlitten in einen Stall, die beiden jungen Leute folgten dem Bauern in die Isba; wo das Mütterchen glückselig des wiedergeschenkten Sohnes Hand hielt und immerfort vor Freude weinte. Der Soldat sah bleich und angegriffen aus, aber er war ein sehr hübscher, wohlgebauter Mann, der die Fremden freundlich begrüßte und dann, als ihm Onnens Blicke begegneten, plötzlich stutzte.

»»Wir müssen uns kennen!« rief er. »Ja, ja, ich bin meiner Sache ganz gewiß. – Ihr wart es, der mich in Smolensk, als ich den Fuß verloren hatte und blutend auf dem Walle lag –« »Sprecht doch nicht davon!« unterbrach Onnen. »O, ganz gewiß will ich das! Ihr habt mich aus dem Feuer getragen, Ihr seid mitten im stärksten Kugelregen zu mir hinausgekommen und habt meine Wunde mit kaltem Wasser gebadet. Ohne Euch wäre ich wahrscheinlich in kurzer Zeit ein Kind des Todes gewesen.«

Die alte Frau erhob sich von ihrem Sitz; schwankenden Schrittes näherte sie sich unserem jungen Freunde. »Herr, du hast meinen Sohn gerettet? Du hast seine Wunde verbunden und ihn auf deinen Armen getragen? – Gib mir die Hand, ich will sie küssen, die liebe barmherzige Hand!«

Onnen umfaßte mit beiden Armen das Mütterchen. »Mache nichts daraus«, sagte er lächelnd, obwohl seine Stimme bebte, »ich tat nur, was jeder andere auch getan haben würde: – Hörst du, da klingen die Weihnachtsglocken!«

Vom kleinen hölzernen Kirchlein herüber durchdrangen die friedlichen Töne das Schneetreiben in den dunklen Straßen. Jetzt kam Mikosch herein, beladen mit einem mächtigen Tannenbaum, Flocken im Haar und im Pelz, der richtige Weihnachtsmann, dessen Erscheinen die Rührung da drinnen in heitere Festfreude verwandelte, der nun den Baum mit Lichtern und Bändern schmückte, daß draußen die Schneemassen im rosigen Widerschein strahlten und weithin die Flocken wie glitzernde Diamanten vom Himmel herabfielen.

Der wiedergekehrte Sohn und die Mutter saßen immer eng beisammen; Onnen mußte jede Kleinigkeit aus den Schreckenstagen von Smolensk wieder und wieder erzählen, alles, was er von den guten Leuten wußte, zu denen er den Verwundeten gebracht, von dem Arzte, den er herbeigeholt, und allen denen, die in irgendeiner Weise hilfreiche Hand geleistet hatten. »Damit ich für sie beten kann«, sagte innig das Mütterchen, »am meisten aber für dich, Herr, für den lieben barmherzigen Freund, der mein Kind rettete.«

Und dann erwischte sie doch Onnens Hand, ehe er es verhindern konnte. Sie mußte sie küssen – es ging nicht anders.

Der Bauer befestigte indessen an die geöffnete Dachluke eine schwere, volle Garbe. Auch die Vögel unter dem Himmel sollten ein Fest feiern – er war ja so glücklich, so glücklich, am liebsten hätte er die ganze Welt umarmt.

Jeden Augenblick pochte draußen jemand ah die Scheiben. »Auch mein Junge ist wieder ,da, auch meiner, gelobt sei Jesus Christ!« »Ihr alle aus unserem Dorfe?« fragte der Bauer. »Fehlt keiner?« »Doch!« entgegnete der Soldat, »ihrer drei liegen vor Smolensk unter dem Schnee. Als wir heute nach Hause kamen,, sagten wir's dem Geistlichen; so den armen Leuten am Weihnachtabend die böse Botschaft ins Haus zu bringen, das ist so schwer, wir wagten es nicht.«

Die alte Mutter faßte wieder des Sohnes Hand. »Mein Einziger, ach mein Einziger – wenn ich dich verloren hätte!« –

Draußen waren die Glocken verstummt, der Geistliche wanderte durch den tiefen Schnee von Hütte zu Hütte, um den beraubten Familien die Tröstungen der Religion zu bringen; während fast überall der Jubel des innigsten Dankes zu Gott emporstieg, predigte er den trauernden Herzen von jener stillen Ergebung, die den Schmerz überwindet und Stufe um Stufe die Dornenbahn zum Himmel, zum Wiedersehen er klimmt. In diesen Häusern brannten keine Weihnachtskerzen; wer hineinkam von Freunden und Nachbarn, der weinte mit den Trauernden, betete für die ewige Ruhe der Heimgegangenen.

Die übermütigen Feinde hatten flüchtig und völlig geschlagen das Land verlassen müssen, das teure geliebte Vaterland, für dessen Befreiung jene Toten zum Opfer geworden – auch in diesem Gedanken lag eine hohe, schöne Tröstung.

Allerorten erzählten die Soldaten von dem schimpflichen Rückzuge aus Moskau, von dem Übergang über die Beresina, der Tausenden das Leben gekostet hatte, und Napoleons eiliger Flucht nach Paris.

»Im Schlitten ganz allein, von einem gewöhnlichen Bauern gefahren, so ist er von dem Fluche des vermessenen Unterfangens über unsere Grenzen hinausgescheucht worden, quer durch Deutschland, ungekannt, unbeachtet, ein Flüchtling, derselbe Mann, welcher sich fast für einen Gott hielt, welcher sich die Welt, die ganze weite Welt zu unterjochen trachtete. Das Schicksal hat ihn gerichtet.«

»Wißt ihr«, flüsterte halblaut, wie in unwillkürlicher Scheu Nikita Petrowitsch, »wißt ihr, was der Übermütige gesagt haben soll, als er vom Berge herab Moskau vor sich liegen sah? – »Hier stehe ich als Sieger, du, den sie Gott nennen, hindere mich, wenn du es kannst!««

Ein Ausruf des Entsetzens folgte diesen Worten. »Und das ist eine verbürgte Nachricht?« fragte Onnen.

»Nein, aber es wird überall erzählt. Ist es wirklich geschehen, so mag die Erinnerung an diese unerhörte Vermessenheit wie ein Gespenst den Bauernschlitten begleitet haben, als er bei Nacht und Nebel in rasender Eile durch das Land jagte.« Nicht viel wurde mehr gesprochen, seit die Seelen aller unter dem Eindruck des Gehörten erbebten. Mikosch sah an der Wand eine alte Geige hängen und nahm sie herunter – Nikita griff mit einem Freudenschrei nach seinem liebsten Besitztum. »Komm her, Zigeuner, du spielst natürlich auch – komm, wir wollen den anderen und uns selbst ein Konzert geben.«

Die beiden Zigeuner holten aus dem Schlitten ihre Geigen und süß und zaubervoll klang die Weise hinaus in den Tanz der Flocken. Still versunken in ihr Glück saßen die beiden Alten und tauschten zuweilen verstohlene Blicke. Von allen Weihnachtsabenden ihres langen Lebens war dies der schönste, seligste.

Selbst Ruff erhielt von der Festfreude seinen Anteil – einen großen Topf voll Honig, den ihm Onnen in den Stall trug. Und auch sein Brummen, seine behaglichen Kehllaute drückten aus, wie schön dieser Weihnachtsabend war! Vor dem Pilgerhause des Petscherskischen Klosters in Kiew hielt ein Schlitten. Noch immer bedeckten Eis und Schnee die Erde, heulend fegte der Ostwind durch die Straßen, in denen nur halbfertige Häuser und kleine hölzerne Baracken zu sehen waren. Der große Brand des Jahres 1811 hatte die Stadt total in Asche gelegt und nur langsam erhoben sich jetzt, am ersten Januar 1813, die heute noch stehenden steinernen Häuser aus dem Schutt des Gewesenen. Es gab für die zahllosen Pilger, welche an jedem der vier großen Jahresfeste in diesem ältesten und berühmtesten aller russischen Klöster erscheinen, keine andere Herberge als die im Pilgerhause, wo Arme und Reiche ohne Unterschied des Standes Aufnahme finden und nie nach der Bezahlung gefragt werden.

Wer nichts besitzt, der erhält auch ohne Vergütung Quartier, Brot und Mittagsessen – wer es kann, der gibt dafür dem Kloster nach seinem Belieben ein mehr oder minder reiches Geschenk, obwohl man auch von ihm nichts fordert.

Der Zudrang war gerade jetzt ein außergewöhnlicher. Der Feind hatte das Land geräumt, aber indem er tausend blutende Wunden, tausend Stätten der Verwüstung hinter sich zurückließ – es gab so unendlich vieles von den Heiligen zu erflehen, so viele Tränen zu trocknen, daß die Eingänge des Klosters und der vordere Hof während des ganzen Tages buchstäblich zum Erdrücken angefüllt waren.

Als der Schlitten hielt, nickte Mikosch sehr befriedigt. »Hier werden wir ausruhen,« sagte er. »Ich habe vor der Petscherskischen Lawra noch in jedem Jahre gut verdient – das soll auch heute geschehen.«

Onnen sah neugierig umher. »Welch ein betäubender Lärm!« sagte, er. »Ich dachte mir immer ein Kloster so still.«

»Dieses nicht! Geh nur hinein, Herr, dann kannst du die Schreier sehen, es sind lauter Bettler, die alle von den reichen Leuten eine Gabe erhaschen wollen!«

»Und zu diesem Zwecke schreien sie?«

»Um sich bemerkbar zu machen, ja.«

Onnen schüttelte den Kopf. »Allein wage ich mich nicht in das Getümmel«, erklärte er. »Alexei, gehst du mit?«

»Später, Herr. Laß uns nur erst einmal ein Quartier bekommen.«

Sie brachten mit Mühe den Schlitten durch das dichte Gewühl bis zu den Stallräumen, die in eine Handelsmenagerie verwandelt schienen. Unzählige Pferde, Esel, Ochsen, Maultiere, Hunde, Bären und Affen bevölkerten die Räume, Meerschweinchen und weiße Mäuse standen in Holzkasten, Ponies, Kamele und Ziegenböcke schrien durcheinander.

Endlos dehnten sich die Zellen; für Ruff und das Pferd wurden Plätze gefunden, und nun konnten auch die ermüdeten Menschen ihren Weg zum Pilgerhause oder doch zu einem derselben nehmen. Sie bahnten sich mühsam einen Pfad durch die dichten Menschenmassen, erhielten von einem dienenden Bruder ein Zimmer angewiesen und hatten nun den sicheren Platz für mehrere Wochen glücklich erobert.

Die letzte Schlittenfahrt war sehr beschwerlich gewesen – hier wollten alle drei Teilnehmer derselben ausruhen, wie Mikosch sagte.

Das Fenster ihres Zimmers ging auf den Klosterhof hinaus. Onnen saß daran und konnte sich nicht sattsehen an dem bunten, mannigfach fremdartigen Bilde da unten.

In jeder Viertelstunde, ja in jedem Augenblick kamen neue größere oder kleinere Züge von Pilgern aus allen Ecken und Enden des weiten russischen Reiches. Wer die Pforte überschritt, der sang irgendein besonders beliebtes Kirchenlied, nahm aber dabei auf den musikalischen Vortrag seines Nachbarn nicht die geringste Rücksicht, so daß sich die Masse der Töne, einander widerstrebend, verschlingend und ergänzend, zum Gebrüll verwandelte, zu einem wahren Hexensabbat verschiedener Stimmen, in dem das einzelne total unterging.

Neben diesen frommen Sängern klingelten die zahllosen kleinen Glocken der Gaukler und Künstler, die in den äußeren Höfen ihr Wesen trieben, um von den Pilgern ein Geschenk zu erlangen. Da unten tanzte mehr als nur ein Bär, drehten Dutzende von Affen ihre kleinen Orgeln oder schössen aus niedlichen Gewehren – da unten musizierten die Künstler, welche für sich allein ein Konzert gaben, indem sie mit den Füßen, den Händen und dem Kopfe verschiedene Instrumente spielten; es zeigten sich die gelehrten Hunde, die rechnenden Ponies, es fand sich der Mann mit dem Bergwerk, das, vorn durchschnitten, alle Abstufungen und Schachte zeigt, dessen Figuren hämmern, fahren, graben und sammeln, je nachdem – es zog hin und her, hüben und drüben der endlose Schwarm der Verkäufer. Alle billigen Leckerbissen, alle Früchte und landesüblichen Gebäcke waren vertreten, jedes Getränk, jede Speise, und alles dieses wurde unaufhörlich ausgerufen, angepriesen, mit Stentorstimme empfohlen, um alles dieses wurde gehandelt und schließlich das Erbeutete an Ort und Stelle verzehrt, namentlich wenn die Käufer Bauern aus den entlegenen Provinzen waren, Leute, denen die guten Dinge dieser Welt hier zum erstenmal begegneten und die es nicht erwarten konnten, mit Zunge und Gaumen ihren Wert näher zu prüfen.

Nur die eigentlichen Belustigungen, die Karussells und Eisberge, das Theater und die Schießbuden fehlten, ebenso bewegten sich auch sämtliche Verkäufer und Künstler ausschließlich im weiten vorderen Hofe, ohne die zu den sechzehn einzelnen Kirchen führenden Säulengänge zu berühren; diese letzteren gehörten einzig und allein den Pilgern und dem unübersehbaren, malerisch aus den Angehörigen aller Provinzen und aller Altersklassen zusammengewürfelten Heere der Bettler.

Auch diese sangen, flehten, wimmerten, auch diese erzählten von ihren Leiden, suchten einander zu überschreien, zu verdrängen und womöglich ganz zu vertreiben – auch diese schwiegen keinen Augenblick.

Dazu läuteten die Glocken sämtlicher Kirchen, Orgelklänge erschallten aus dem Inneren derselben – es war ein Lärm, der den Zuhörer fast betäuben mußte.

»Wagst du dich da hinein, Alexei?« fragte Onnen.

»Natürlich! Aber erst laß uns ein wenig heißen Tee trinken: komm mit mir, du sollst den berühmten riesenhaften Samovar des Pilgerhauses aus eigener Anschauung kennenlernen.«

Onnen lachte. »Ein berühmter Samovar!« wiederholte er.

»Ja, sieh ihn dir nur erst einmal an.«

Die beiden jungen Leute gingen in den Saal, wo den Pilgern während des ganzen Tages heißes Wasser verabreicht wird. Zucker und Kaffee oder Tee sowie das metallene Gefäß zur Bereitung des Getränkes bringen sie selbst mit, das kochende Wasser dagegen wird ihnen unentgeltlich verabreicht.

Auf Bänken und Stühlen, auf Matten, Decken und dem bloßen Fußboden saßen essend und trinkend die fremden Gäste: Männer in Blusen oder Pelzen, Frauen in den verschiedenen malerischen Anzügen der russischen Provinzen, mit gestickten Kleidern, Schleiern und Perlenschnüren, mit den hohen spitzen Hauben und den Turbanen aus kostbaren Stoffen, dabei vielfach barfuß und nur mit strohgefütterten Holzschuhen versehen, die sie draußen auf dem Schnee anlegten. Finnen und Kamtschadalen, Polen, Leute aus der Krim, aus Sibirien, Kosaken vom Don, alle waren hier versammelt und alle hatten Frauen und Kinder mitgebracht, Hunde und Körbe voll der verschiedensten Vorräte. Hundertfach sprach und schrie es durcheinander, eiferte und stritt, lachte und betete; hundertfach widerhallte der Lärm größerer und kleinerer, im Saale versammelter Kinder.

Den Mittelpunkt des ganzen weiten Raumes beherrschte der Samovar, eine Kochmaschine von der Größe eines stattlichen Zimmers, versehen mit einigen zwanzig Zapfkränen und bedient von mehreren Mönchen, die den Pilgern das kochende Wasser verabreichten und außerdem für jede Person ein Glas, um daraus zu trinken.

Neben den Wanderern lagen die langen Stäbe und die Ränzel, welche fast alle trugen. Dieser enthielt vielleicht getrocknetes Fleisch, jener Käse und Brot, der dritte geräucherte Fische; hie und da kam ein Hering zum Vorschein, dann der Überrest einer gekochten Speise, die mit dem heißen Tee hinuntergespült wurde. Bettler öffneten ihre Bündel und Körbe – Brotrinden und Pfannkuchen, buntscheckige Küchenerzeugnisse, zuweilen Kohl, zuweilen Zwiebeln, fielen heraus.

Alles dieses, vereint mit der Wärme der Kochmaschine, mit den Dünsten des schmelzenden Schnees und tausend anderen Zugaben, bewirkten eine solche Schwere der Luft, daß Onnen schauderte. »Laß uns hinausgehen, Alexei – mir wird ganz schlimm!«

Immer neue Pilger drängten mit ihren nassen Pelzen, ihren Bündeln und Ranzen herein, immer mehr und mehr verengte sich der Raum, so daß die beiden jungen Leute den früheren Vorsatz, selbst Tee zu trinken, lieber gar nicht ausführten, sondern fortgingen, um in einem Wirtshause zu frühstücken.

Dann besuchten sie den äußeren Hof des Haupteinganges. Eine Reihe von Verkäufern bot hier auf flachen Brettern, die an Riemen von der Brust herabhingen, Gegenstände religiöser Verehrung dem Publikum zum Kaufe.

»Steine aus Nazareth, ihr guten Leute! Wie hab' ich unter Mangel und Not aller Art die kostbaren Erinnerungszeichen zusammengesucht, wie hab' ich sie mühsam den endlosen Weg bis hierher auf dem Rücken getragen! Kauft, kauft, solch ein Steinchen vom heiligen Boden tut Wunder, vielleicht haben schon die Füße des Erlösers es berührt, vielleicht hat er es als unschuldiges Kind in seinen göttlichen Händen gehalten! Kauft, kauft, ich gebe aus reiner Nächstenliebe, nur um euch den Segen in das Haus zu bringen, jeden Stein für zehn Kopeken!«

»Wasser aus dem Jordan! Heiliges Wasser, mit dem ihr eure Kleinen taufen lassen könnt. Blinden gibt es das Gesicht wieder, Besessene heilt es gründlich! Jedes Glas zwölf Kopeken! – Nur die ersten, welche da kommen, erhalten noch etwas!«

Ein Armenier mit klugem Gesicht, hochgewachsen und stolz von Aussehen, ging langsam durch die Menge. Er konnte das arme Volk für seine Absicht nicht brauchen, sondern suchte spähend nach einer geeigneten Person, um einen dreisten Betrug ins Werk zu setzen; endlich schien er sie gefunden zu haben.

Von einem mit zwei mutigen Pferden bespannten Schlitten wälzte sich ein bäuerliches Paar, bei dem es unentschieden bleiben mußte, wer sich am meisten der vollkommenen Kugelgestalt näherte, der Mann oder die Frau. Sie schienen sehr reich und sehr einfältig – das war so etwas für den schnuppernden Armenier.

Er öffnete den Deckel eines Kastens, welchen er unter dem Arme trug. »Kaufst du, Bäuerin?«

»Was ist's? Schmucksachen? Hab' ich genug und übergenug!«

Der Armenier lächelte. »Man sieht wohl, daß ihr reiche Leute seid, Bäuerin! Aber was ich dir hier anbiete, ist etwas ganz anderes – etwas, das nicht jeder bezahlen kann. Doch du willst nicht kaufen; entschuldige mich also.«

Er machte eine halbe Wendung, wie um sich zu entfernen – schnell hielt ihn die Bäuerin an dem flatternden Zipfel seines Gewandes. »Was ist's denn, Fremder? So laß doch hören!«

Er näherte sich ihr etwas mehr, sein stolzes, edelgeschnittenes Antlitz erhielt einen so geheimnisvollen, bedeutsamen Ausdruck, daß die gute Alte anfing, sich zu fürchten. »Ein Span vom Kreuze Christi!« raunte er. »Ein Stückchen des Kleides, das die Jungfrau Maria bei der Hinrichtung ihres göttlichen Sohnes trug.«

Die Bäuerin ächzte vor geheimer Ehrfurcht. »Ein Span von dem richtigen Kreuze, an das die Bösewichter den lieben Heiland schlugen? Wirklich von dem richtigen Mann, wirklich? Kannst du es beschwören?«

»Natürlich kann ich es. Der Span ist eine kostbare Reliquie, Tausende von Rubeln wert – dir will ich ihn für fünfzig überlassen.«

Sie sah ihm rasch ins Gesicht. »Warum das?« fragte sie mißtrauisch.

»Weil ich notwendig noch heute vor Abend diese Summe haben muß, ehrsame Frau! Du verstehst mich! Ohne den Druck der bittersten Not würde ja überhaupt kein Mensch ein so kostbares Gut aus der Hand geben.«

Ein Stück vermorschten, wurmstichigen Holzes kam zum Vorschein. Zögernd hielt es der Armenier empor, seufzend und kopfschüttelnd. »Es ist ein Splitter vom rechten Flügel«, sagte er, »die Hand des Erlösers hat es berührt! – O ihr lieben Heiligen, ob ich es wirklich verkaufe?«

Die Frau stieß heimlich mit dem Fuße gegen den ihres Mannes. »Väterchen«, seufzte sie.

Er zog schon den leinenen Beutel. »Geht es denn nicht auch für neunundvierzig Rubel, Kamerad? Ich denke wohl!«

Der Armenier liebäugelte mit dem Splitter. »Ich kann es nicht, wahrhaftig nicht. Ein guter Christ sollte verhungern, ehe er solch einen Schatz dahingäbe! – Ach, ach, das ist eine schlimme Welt! – Aber nimm das Stückchen vom Kleide der heiligen Jungfrau dazu, Bauer, es heilt dir durch bloßes Auflegen das kranke Vieh – du zahlst dann siebzig Rubel. Allein, ohne das Holz vom Kreuze, müßte dieses Stückchen Zeug dreißig Rubel kosten.«

Der Dicke seufzte ein wenig, aber ganz versteckt in den Winkeln seines Mundes lauerte ein zufriedenes Schmunzeln. Er sollte also billig kaufen, hm, hm – das ist überall so, wenn man größere Partien nimmt. Wer bei ihm zehn öder zwölf Schafe zugleich erstand, der bekam sie auch wohlfeiler wie im einzelnen. Indessen – Sparsamkeit erhält das Haus.

»Zusammen für neunundsechzig Rubel!« sagte er in vertraulichem Tone.

Die Frau sah ihn vorwurfsvoll an. »Väterchen!« raunte sie.

Der Armenier reichte ihr mit einer höflichen Verbeugung das Läppchen und den Splitter. »Nimm meine Schätze hin, Bäuerin, sie sollen dir Segen in das Haus bringen. Ich bin zufrieden mit dem, was dein Mann bietet.«

Das Schmunzeln wurde zum breiten Grinsen; Väterchen zahlte und der Armenier wandte sich ehrerbietig grüßend zu einem anderen Menschenstrome, um für den Inhalt seines Kastens weitere leichtgläubige Seelen zu suchen.

Unsere Freunde sahen einander an. »Ob der Bursche selbst glaubt, daß das Holz echt sei?« flüsterte Onnen.

Alexei lachte. »Gott behüte! Er zerschlägt eine alte Tür oder einen Balken, schneidet Splitter heraus und zieht mit dem Strome der Pilger, wohin sie gehen – so macht er es in jedem Jahre.«

»Und der Steinhändler? Der Wasserverkäufer?«

»Einer sammelt auf der Landstraße seinen Vorrat, der andere bezieht ihn aus der nächsten Pumpe!«

»Sieh nur, sieh nur, der Armenier hat schon wieder ein paar Frauen erfaßt. Dieselben Schwüre, dieselben Augenverdrehungen!«

»Natürlich – bis der Kasten leer ist; dann füllt er ihn in irgendeinem versteckten Winkel aufs neue.« »Und da die beiden anderen Betrüger! Alle Welt kauft Steine, läßt sich die Stirn mit dem heiligen Wasser besprengen!«

»Und ist glücklich dabei – dafür kann man schon zehn Kopeken ausgeben. Sieh, hier kommt wieder ein Händler.«

»Kreuze aus Silber und Elfenbein, meine Herrschaften, Rosenkränze, Gebetbücher, Heiligenbilder! Nepomuk! – Nikolaus! – Iwan! – Die gesamte heilige Familie für sechzehn Kopeken!«

»Billig! Billig! Christus, Maria, Joseph, Johannes – Stück um Stück für fünf Kopeken!«

»Das ist aber doch empörend, Alexei! Wie kann man solchen Schwindel dulden?«

Der Zigeuner lachte. »Komm, wir wollen uns die Säulengänge ansehen, da findest du auch unter den Bettlern Betrüger von Profession, Blinde mit wahren Falkenaugen, Leute, die ihre gesunden Arme an den Leib geschnürt haben und die leeren Ärmel kläglich schütteln, um irgendeiner barmherzigen Seele ein Geschenk abzuschwindeln, Stumme, die –«

»O Himmel, Alexei!«

»Na, komm nur, wir können uns ja gleich die Geschichte ansehen.«

Sie durchwanderten die breiten Gänge vor den Kirchtüren. Dicht gedrängt saßen überall Krüppel und Bettler jedes Alters, Kranke, Greise, kleine Kinder, die ihre Angehörigen verloren hatten, arme alte Frauen, solche Unglückliche, welche nur stumm die Hand ausstreckten und solche, welche mit lauter Stimme bettelten oder ihre schrecklichen Leiden schilderten.

In langer Reihe lagerten hier die Blinden mit ausdruckslosen Gesichtern und scheuer Haltung, zuweilen junge kräftige Leute, zuweilen Greise von abschreckender Häßlichkeit; Menschen, die ihr ganzes Leben auf Pilgerfahrten zubrachten und sich eigene Führer hielten, um an allen Wallfahrtsorten der gläubigen Welt zu beten und zu betteln. Ließen sich in ihrer Nähe Schritte vernehmen, so streckten sie schweigend dem Kommenden den Hut entgegen und erhielten auch fast immer eine kleine Gabe, die kupferne Kopeke; denn bei der Anzahl von Bettelnden hätte hier nur ein Krösus reichere Geschenke spenden können.

Außer den Armen und Elenden, welche alle Stufen belagerten, gingen ganze Scharen wohlhabender oder selbst reicher Pilger zu den Kirchen, wo beständig Gottesdienst gehalten und das heilige Abendmahl verteilt wurde. Zahllose Frauen in tiefer Trauerkleidung bestellten Seelenmessen für teure Angehörige, die in den Schlachten von Smolensk und Borodino gefallen oder in den eisigen Fluten der Beresina ertrunken waren. Überall in den Tempeln brannten trotz der mittägigen Helle Tausende und aber Tausende von geweihten Kerzen; es flimmerte und leuchtete, wohin auch das Auge sah, es widerhallte von Gesang und Orgelklängen, wohin auch der Wanderer den Schritt lenkte.

»Und dort?« fragte Onnen, auf eine Art von überwölbter Kellertreppe deutend. »Was ist das, Alexei? Der Strom kehrt von dieser Stelle nicht wieder zurück.«

»Das ist der Eingang zu den Katakomben. Das ursprüngliche Kloster liegt in der Mitte des Berges; es ist ein Höhlenbau aus dem elften Jahrhundert.«

»Und man kann heute noch dahin gelangen?«

»Natürlich. Da unten beginnt ja erst das eigentlich Merkwürdige.«

Onnen trocknete die heiße Stirn. »Laß uns morgen hinabsteigen; ich bin von allem diesen Lärm und Getöse ganz betäubt.«

Der Zigeuner kannte allerdings keine Ermüdung, aber er willigte sofort in den Vorschlag seines Begleiters und beide gingen in ihr Zimmer zurück, um erst ein paar Stunden zu schlafen, während Mikosch bereits unten im dichtesten Gewühl mit dem Bären das vielbewunderte Kartenspiel aufführte und mehr Kopeken erntete, als Ruffs Blechteller zu fassen vermochte.

Am anderen Morgen wurde dann der Ausflug in die Katakomben unternommen. Eine geheimnisvolle, eigen schauerliche Wanderung! – Ein Besuch im unterirdischen Reiche des Gewesenen, des Todes.

Treppen überall, nirgends ebener Fußboden; das ganze Kloster lag ja auf dem Plateau und an den Abhängen des Berges. In einem der inneren Höfe erhob sich ein hohes breites Eisengitter, das zwei Mönche bewachten und das den gewölbten Eingang zu den Katakomben umgab. Uralte weitästige Bäume standen innerhalb dieses Raumes, ein schlanker Kuppelbau krönte die obere Spitze des Berges.

Eine breite Treppe führte hinab in den Schoß der Erde. Auf jeder Stufe saßen eng zusammengekauert die Bettler, solche, welche wirklich aus irgendeinem Grunde arbeitsunfähig waren, Unglückliche, denen das Weh des Lebens aus jedem Zuge sprach und die nur ganz stumm ihre Hände ausstreckten. Auf den Stufen dieser Treppe sitzen zu dürfen, galt als besondere, nicht jedem gewährte Vergünstigung – hierher wenigstens kamen die gewerbsmäßigen Betrüger nicht.

Am Fuße der Treppe befand sich eine kleine, niedere Kapelle, in welcher mehrere Mönche geweihte Kerzen verkauften und angezündet verabreichten. Aus dem hellen Morgenlicht kommend, sahen sich unsere Freunde plötzlich in eine andere Welt versetzt; schwere drückende Luft umgab sie, ein sonderbares Gemisch von Licht und Schatten, von Glanz und Finsternis.

Hunderte bewegten sich in den unterirdischen Gängen, alle mit Kerzen versehen. Von den Altären der Kirchen und Kapellen glänzte Lichtschein, von den Bildern der Heiligen, den Nischen und den Begräbnisstätten; wie wandernde Flammen zuckten die kleinen Lampen der Pilger aus dem Dunkel herauf, wie lange gewundene Feuerschlangen, die sich in den endlosen Gängen fortbewegten.

Unter der niederen Decke wallte und wogte schwarzer Rauch, der nirgends einen Ausweg fand und aus dessen dichten Massen unaufhörlich kleine Staubteilchen niederrieselten, alles langsam mit schwarzer Decke überziehend, eine Qual für die atmenden, die reine kalte Winterluft gewohnten Lungen. Wachs und Öl spendeten ihre unangenehmen Düfte – es gehörte eine gewisse Überwindung dazu, sich weiter hineinzuwagen in das Innere des Berges, wo jeder Laut erstarb und nur zuweilen das unterdrückte Schluchzen einer Frauenstimme die tiefe Stille unterbrach.

Nach der Kapelle kamen verschiedene Kirchen und Betaltäre, dann die Nischen mit den Särgen der Heiligen, alle offen und auch ihrerseits mit dem Sammelteller versehen. Jede Leiche war Mumie, aber vollständig bekleidet; oft deutete der Name auf eine ferne, in das Heidentum zurückreichende Vergangenheit, so Agapit, Spiridon, Pimin und Makarijt. Auch eine fürstliche Jungfrau Julijanija war dabei.

Vor jedem Sarge lagen Andächtige auf ihren Knien, ja, einige küßten sogar die Kleider der Mumien.

Ab und zu gingen Mönche, und an diese wandte sich Onnen, um über so manches, was ihm fremd erschien, eine Aufklärung zu erhalten. »Welche Bedeutung haben diese flachen Mauern, frommer Vater? Es stehen Namen daran!«

Der Mönch bekreuzte sich. »Es lebten hinter denselben heilige Männer Gottes – sie gingen freiwillig in die Nischen des Höhlenklosters, sie zerbröckelten und gruben das Gestein mit eigenen Händen, bis der Raum hoch und breit genug war, um sie aufzunehmen, dann wurde die vordere Seite vermauert, bis nur noch der Kopf hervorsah.«

»Und so lebten die Unglücklichen?« rief Onnen. »Aber weshalb?«

»Um Buße zu tun, um der Welt zu entsagen. Gewöhnlich ließen sie sich in kurzer Zeit ganz vermauern – sie sind die bekannten Säulenheiligen.«

Onnen schauderte. »Hinter jeder dieser Wände steht also aufrecht das Skelett eines Toten?« fragte er.

»Ja.«

»Und die Zwölf, welche dort in den verschlossenen Särgen liegen?«

»Das sind gewöhnliche Menschen, die griechischen Erbauer dieses Klosters.«

Alexei zupfte heimlich unseren Freund am Ärmel. »Du mußt nicht so viel fragen«, flüsterte er. »Die Mönche lieben es nicht, mit den Pilgern zu sprechen.«

»Weißt du denn diese Erklärungen zu geben, Alexei?«

»Ebensogut wie die Glatzköpfe. Hier sind übrigens die näheren Katakomben zu Ende – wollen wir auch die entfernteren besehen?«

Onnen atmete tiefer. »Ich denke, ja, Alexei; dieser Besuch bleibt meinerseits doch jedenfalls der erste und letzte zugleich – es ist mir schauerlich hier unten. Welch eine fürchterliche Luft!«

»Gleich kommt eine nach oben hin offene Schlucht, da kannst du Kälte genug einatmen, Herr!«

»Und was ist in den entfernteren Katakomben Besonderes zu sehen?«

»Wir werden gleich dahin kommen, bis dahin Geduld, Herr.«

Sie durchschritten den letzten Gang, und ein eiskalter Windstoß fegte ihnen entgegen; die Kerzen erloschen, eine Schneewehe stäubte hinein, der mattgraue Winterhimmel erglänzte über ihren Köpfen.

»Gott sei Dank!« rief Onnen. »Ach, ich möchte hier einen Augenblick ausruhen! – Müssen wir durch dieselben Gänge zurück, Alexei?«

»Nein, auch die entfernteren Katakomben haben ihren Ausgang.«

»Das freut mich sehr! Wahrhaftig, obwohl man sich unter freiem Himmel befindet, hat auch diese Schlucht ihr Unheimliches!«

Hohe Felswände begrenzten zu beiden Seiten einen schmalen gewundenen Weg, der am entgegengesetzten Ende wieder in den inneren Schoß des Berges hineinführte. Flocke um Flocke fiel vom Himmel, der Wind fing sich in den Wänden der Schlucht, ganze Berge von Schnee versperrten zuweilen den Weg; es war eine lange öde Wanderung, durch nichts unterbrochen als nur durch das Skelett eines einzelnen Baumes, der aus einer Felsspalte aufwuchs.

Blätter und Blüten konnte er im Winter natürlich nicht tragen, allein ihm fehlte auch die Rinde und außerdem zeigten zahlreiche Kerben, daß aus dem Holze größere oder kleinere Splitter herausgeschnitten waren. Wer das Höhlenkloster besuchte, der wollte irgendein Erinnerungszeichen mit nach Hause nehmen, außer diesem Baume fand sich kein erreichbarer Gegenstand und so mußten denn die Späne fallen, bis der Stamm fast zerstört war.

Am Ende der Schlucht nahmen Zellen und Nischen wieder ihren Anfang, jedoch letztere sehr verschieden von denen in den näheren Katakomben – sie waren nicht vermauert, sondern nur mit einem Eisengitter versehen und bargen in ihrem Innern je einen lebenden, todblassen Menschen mit tiefliegenden Augen und weißem Bart, der zuweilen bis auf den Gürtel hinabreichte. Diese Leute trugen die braune Mönchskutte mit dem hanfenen Strick und an den nackten Füßen nur Sandalen, sonst keinerlei Bekleidung. Onnen erschrak, als er sie sah.

»Alexei, was bedeutet das?«

»Pst! Es sind Einsiedler, die nur zuweilen etwas trockenes Brot mit Wasser genießen, sonst aber fastend und betend ihr ganzes Leben hier verbringen.«

»Immer hinter dem Eisengitter in der engen lichtlosen Zelle, immer im Schoße der Erde, ohne Arbeit und Kampf um das Dasein, ohne Freude und Hoffnung!«

»Immer! Das Gitter liegt zwischen ihnen und der Welt; es hebt sich, was auch geschehe, niemals wieder. Ist der Einsiedler gestorben, so vermauert man die Nische und malt den Namen des nunmehrigen Heiligen an die Wand – wie da drüben zum Beispiel. Der fromme Bruder kann erst ganz kürzlich gestorben sein.«

Onnen schauderte. Er hatte es versucht, einen der Einsiedler anzureden, aber vergeblich, der Betende nahm von ihm keinerlei Notiz, gab nicht die mindeste Antwort – ebensowenig war eine solche von einem seiner Genossen zu erlangen.

Der Zigeuner zog den anderen mit sich fort. »Ich sagte dir doch, daß die Mönche nicht sprechen, Herr! – Aber nun sind wir bald am Ende unserer Wanderung.«

Eine kleine Kapelle war vorn hell beleuchtet, während der Hintergrund einigermaßen im Dunkel lag. Dort stand, auf einem schwarzbemalten hölzernen Schragen ein länglicher Glaskasten, der auf allen vier Seiten fest verschlossen war und hinter dessen Wänden man die Umrisse von Totenschädeln wahrnahm. Auf einem Tische standen kleine Glasflaschen mit einem grünlichen Öl. Daneben hielten zwei Mönche eine unausgesetzte Wacht; sie ließen weder den Kasten noch den Tisch jemals aus den Augen und verkauften das heilige von den Gläubigen vielbegehrte Öl.

Onnen und Alexei gingen natürlich vorüber, ohne zu kaufen. Zellen mit lebenden und mit vermauerten Mönchen fanden sich auch auf dem zweiten Teile des Weges reichlich vor; dann endlich, nachdem die Kerzen fast erloschen waren, zeigte Alexei auf einen helleren Punkt, der fern am Ende des langen Ganges schimmerte. »Da ist die Treppe zum Hof!«

»Gott sei gepriesen!«

Das Getöse der versammelten Massen empfing die beiden jungen Wanderer, aber sie fanden es diesmal weniger lästig als vorher; die Todesstille da unter der Erde bedurfte des wirksamen Gegensatzes, um einigermaßen aus dem Gedächtnis zu schwinden, obwohl Onnen während der nächsten Nächte nicht schlief, sondern im aufregenden Halbwachen immer die blassen, erdfarbenen Gesichter der Einsiedler in den Grabeszellen vor sich sah. So ein langes Leben zu verbringen – wie entsetzlich! Gegen diese Unglücklichen hatte der blinde Mönch in seiner offenen, dem Wind und den Sonnenstrahlen zugänglichen Felsspalte noch ein beneidenswertes Dasein geführt.

Mikosch verdiente während mehrerer Tage sehr gut, dann nahm der Massenzudrang ab, die Gaukler und Künstler mit ihren Tieren zogen davon, anderen Märkten oder sonstigen Festen entgegen, und auch unsere Freunde begannen an die Abreise zu denken. Drei Wochen ungestörter Ruhe hatten ihre Kräfte gestärkt und die Lust zu neuer Wanderung wieder wachgerufen. Jetzt kam die letzte, aber weite Reise, bis nach Odessa an den Ufern des Schwarzen Meeres.

Von Jasko war eines Tages eine Botschaft eingelaufen. Er und Luiz hämmerten unter dem Dache der heimatlichen Schmiede wieder fleißig um Lohn; sie hatten die beiden ihrer Wachsamkeit anvertrauten Deutschen glücklich auf ein Schiff gebracht und waren bei den Ihrigen ohne Unfall angelangt. Neben den beiden Zigeunern erhielt auch Onnen die herzlichsten Grüße von allen, welche unter den Zelten des wandernden Stammes lebten – sie hatten ihn liebgewonnen, die braunen Vagabunden, und er sie, obwohl es ihn manches Mal selbst wunderte.

Die Fahrt ging jetzt durch Südrußland, über Hügelketten und durch Tiefland, zuletzt durch die Steppe, welche nur seltene und unsäglich arme Niederlassungen enthielt. Was an anderen Orten sein Auskommen nicht finden konnte, was vielleicht schon einmal mit den Landesgesetzen in Berührung geriet, das versammelte sich hier und trieb neben der Jagd den sogenannten Raubbau, indem es den Boden ausnutzte, ohne ihn zu pflegen und ohne für eine gute dauernde Wohnung zu sorgen.

Hie und da lag ein leichtgebautes Häuschen, dann wieder mehrere zusammen, aber von regelrechten Gärten, von Baumpflanzungen und Kirchen war nirgends die Rede. Unübersehbar dehnte sich die Steppe, deren harter Boden schon im Februar anfing, Gras und Blumen zu treiben. Mikosch mußte den Schlitten wieder in einen Wagen verwandeln; der eisige russische Winter wich einer milderen Luft, in der die Vögel ihre Stimmen erschallen ließen und das Leben der Tierwelt überall seine mannigfachen Formen und Gestalten entwickelte.

Hühner und Trappen, Elstern, Nußhäher und Wachteln kreisten über dem grünen Boden, Hasen sprangen auf, schlanke Hirsche und Rehe, Antilopen in ganzen Rudeln. Das südlichere Klima machte sich geltend; während in Großrußland noch Flüsse und Boden mit undurchdringlichem Eise bedeckt waren, keimte hier das junge Grün und die Sonne schien in den Mittagsstunden schon recht warm.

Seit Kiew hatte Mikosch kein Geld mehr verdient; die Bewohner der Steppendörfer waren zu arm, um ihm etwas schenken zu können, aber dennoch pries er dankbar sein gutes Glück; ein Nachtlager, eine Mittagsmahlzeit gab es immer umsonst, für das Pferd fand sich reichliche Weide, für den Bären ein Brot – man lebte täglich, ohne viel Geld ausgeben zu müssen, und das war genug.

Zuweilen wurde ein Hase erlegt und unter freiem Himmel am Spieß gebraten, zuweilen Hühner oder gar ein Reh. Mikosch verstand es vortrefflich, einen Braten zuzubereiten, und so saßen denn die drei mutterseelenallein in der weiten Steppe und unterhielten sich von vergangenen und künftigen Tagen. Es war jetzt schon März, Blumen bedeckten den Boden, blaue und rote Kelche erschlossen sich zu Tausenden, der gelbe Ginster wuchs so reichlich, daß ganze Flächen wie mit einem dotterfarbigen Tuche überzogen schienen.

Millionen wilder Bienen summten über den Köpfen der Männer, Schmetterlinge und fliegende Insekten schwirrten durch die Luft; langsam verschwand der Sonnenball unter den Rand des Horizontes.

Wie still es war, wie feierlich! Ein leiser Wind trug den Blütenduft über die Steppe, allmählich verstummten die Lieder der gefiederten Sänger. Hier bedurfte es keiner Wachsamkeit, hierher drang kein Feind; Franzosen, Wölfe und Bären, alles war weit, weit entfernt, der tiefste Friede beherrschte die Umgebung.

So hatte Onnen auf das Meer hinausgesehen, wenn er unter dem schwarzen Kap auf den Dünen von Norderney herumkletterte. So still, so reglos hatte es an Sommerabenden dagelegen, langsam seine breiten Wellen auf den Sand treibend, blau und sonnenüberglänzt in hehrer Ruhe, das geliebte deutsche Meer. Die Augen seines Geistes sahen es auch jetzt, als der Blick gedankenlos die buntblühende russische Steppe überflog; er träumte von der fernen Heimat, und Mikosch und Alexei ließen ihn ungestört seinen Gedanken nachhängen.

Allabendlich befestigten sie halbrunde Reifen an die beiden Seiten des Wagens, zogen ein Leinentuch darüber und das Nachtquartier war fertig. Wenn sich keine Niederlassung in der Nähe befand, so schlief man im Wagen, und Ruff und das Pferd hielten getreulich Wache.

Die Sonne war vollkommen versunken und am Himmel an ihrer Stelle das lachende Antlitz des Mondes erschienen. Wie Silber erglänzte schimmernd und weitgedehnt der Ginster – kein Hauch, kein Ton störte mehr die Stille der späten Stunde.

Und doch – klang es nicht wie ferner Donner?

Onnen hob den Kopf. »Was war das, Alexei?«

Der Zigeuner stieg auf den Vordersitz des Wagens. »Wilde Pferde, Herr«, antwortete er nach kurzer Umschau.

Onnen stand auf. »Mikosch, wollen wir nicht den Grauen festhalten? Wenn er uns entliefe!«

Ein Zungenschlag des alten Häuptlings lockte das weidende Tier; er streichelte es liebevoll wie ein teures menschliches Wesen. »Mein Peter sollte davonlaufen? Nein, Herr, nein, eher geschieht Gott weiß was! Laß du nur ruhig die wilde Herde herankommen, uns wird kein Leides geschehen.«

Immer stärker und stärker erdröhnte der Boden, dann erschienen im hellen Mondlicht eilende, dunkle Gestalten und ein Schwarm von kleinen eingeborenen Pferden stürmte daher wie die wilde Jagd, aber doch nicht schnell genug, um einem nachsetzenden Feinde zu entgehen. Ein in Leder gekleideter Mann auf einem Schimmel wirbelte plötzlich den Lasso um den Kopf, ließ ihn ausgreifen und traf aus der Mitte der fliehenden Herde heraus ein Pferd, das sogleich stürzte. Die übrigen erschraken furchtbar, schlugen mit den Hufen hinten aus, drehten sich im Kreise und stürmten davon, während das vom Lasso getroffene Tier sich in wilder Angst am Boden wälzte und dadurch die Schlinge immer fester zusammenzog.

Der Reiter kam, die lange lederne Schnur an sich nehmend, langsam näher. Sein Schimmel weidete, gehorsam wie ein Hund, das Gras, während der Mann, immer noch das gefallene Pferd mit eisernem Griffe haltend, die Mähnen desselben packte und im Augenblick, wo es aufsprang, sich auf seinen Rücken setzte.

Sogleich begann das Tier wild und toll hinten auszuschlagen und sich im Kreise zu drehen; es begriff nicht, was ihm geschah, es versuchte den Mann abzuwerfen, indem es voll Angst bald hierhin, bald dorthin sprang.

Er hielt sich, aber er schien seiner Sache nicht sicher, er klammerte sich unruhig an den Hals des schäumenden Pferdes.

Mikosch und Alexei sahen einander an. »Der versteht's nicht«, sagten ihre Blicke.

Der alte Häuptling stand auf, er schien sich zu strecken, langsam trat er dem tobenden Pferde näher, es immer beobachtend – unverwandt, mit dem sicheren Blick des Kenners.

Und dann kam der Augenblick, welchen er erwartete. Das Tier erkannte die Unmöglichkeit, in der bisher verfolgten Weise seinen Reiter abzuschütteln, es bäumte sieh plötzlich so hoch auf, daß für Sekunden nur die Hinterhufe den Boden berührten – lange genug, um den selbst ängstlichen Mann zum Fall zu bringen. Er glitt über den Rücken des Tieres hinab in das Gras, ehe er sich dessen versah.

Im selben Augenblick sprang Mikosch vor, packte die Mähne des erbitterten Pferdes und schwang sich wie ein Kunstreiter auf den Rücken desselben. Es stand noch immer, es schüttelte den Kopf und wieherte in kurzen Tönen, dann schoß es pfeilschnell davon, hinaus in die mondhelle Steppe, wie ein böser Geist, der durch die Luft fährt, um seine Beute, die verfallene, an sich zu reißen.

Onnens Herz klopfte unruhig. »Alexei«, sagte er beklommen, »wie wird das enden? Ob wir den Alten wiedersehen?«

Der Zigeuner lachte laut. »Du, Herr, der Mikosch ist schon einmal auf einem großen Wolfe in das Dorf geritten und hat den Gelben erst, nachdem er ihn nach Hause getragen, vor aller Augen mit dem Messer abgetan. Freilich hielten ihn zwei Männer mit Heugabeln am Boden fest, aber der Alte traf ihn doch ins Herz.«

»Du schließest daraus, daß er wohl auch einen widerspenstigen Gaul besiegen werde! – Aber wie kam es mit dem Wolfe?«

Alexei stopfte sich eine neue Pfeife. »Nun, der Mikosch hat ihn ja natürlich nicht als Reittier benutzen wollen, aber die Bestie ist ihm gerade zwischen die Beine gelaufen, so daß er ihr auf den Rücken plumpste, na, und da nahm er denn seinen Vorteil wahr. Ein Reiter ist der Alte, wie es nicht viele gibt; trotz seiner grauen Haare tut's ihm kein junger Mann darin zuvor.«

»Und du bist um ihn durchaus nicht besorgt?«

»Torheit – ich denke nicht daran.«

Während dieses kurzen Gespräches hatte sich der fremde Mann vom Boden erhoben, seinen Gaul am Zügel gefaßt und war ein wenig hinkend herbeigekommen. »Zigeuner!« sagte er mürrisch, »na, da ist's ja kein Wunder, wenn der grauhaarige Kerl den Satan von einem Pferde so mürbe macht, daß es zittert, wie vor einem Wolfe. Ihr wißt ein kräftiges Sprüchlein, ihr Halunken, gesteht's nur!«

Alexei rauchte behaglich weiter. »Sicher!« versetzte er. »All dergleichen kennen wir schon von den Großmüttern her – und die wieder von ihren Ahnfrauen bis hinauf zur Eva.«

Die Augen des Leibeigenen glänzten. »Verrätst du's?« preßte er hervor.

»O – um Gotteswillen nicht!«

»Aber wenn ich dir ein wundertätiges Heiligenbild schenke? Mich hat's schon von Zahnschmerzen und einmal von bösen Augen befreit.«

Alexei lächelte. »Da behalte es nur für alle künftigen Krankheitsfälle, guter Freund. Unsere Zaubersprüche verraten wir nicht.«

»Mikosch kommt!« rief Onnen.

Der Galopp eines Pferdes dröhnte über die Steppe. Im Mondlicht erschien und verschwand gespenstisch die Gestalt des Reiters, dann wurde wieder alles still wie zuvor. Der Rappe war noch nicht so weit bezähmt, daß er freiwillig seinen rasenden Dauerlauf unterbrochen hätte.

»Du«, rief plötzlich der Leibeigene, »du, dein Kamerad wird doch das Tier zurückbringen? Es ist schon vorgekommen, daß Zigeuner unsere Pferde stahlen!«

Alexei lächelte spöttisch. »Es ist vorgekommen«, nickte er, »aber nicht da, wo die Leute meines Volkes den Deinigen ein Pfand zurückließen, das zehnmal mehr Wert besitzt als ein wildes Steppenpferd – sieh nur hier den Wagen und unseren Bären!«

Der Leibeigene sah scheuen Blickes hinüber. »Ich dachte, es sei ein Hund«, murmelte er. »Liegt denn die Bestie nicht an der Kette?«

»Komm her, Ruff!«

Der Bär legte sich wie ein zahmes Kätzchen zu Füßen des jungen Mannes in das Gras. Alexei kraulte ihn, und die große rote Zunge des plumpen Gesellen leckte dafür zärtlich die Hand, welche ihn liebkoste.

Der Leibeigene nickte. »Auch das ist Zauberei!« sagte er vor sich hin.

Die beiden anderen lachten. Dann klang wieder Hufschlag über den baumlosen Boden und zum zweitenmal kam Mikosch zurück, aber jetzt als Herr des tödlich ermatteten Tieres, langsam reitend, beinahe Schritt vor Schritt. Dicht vor der Gruppe neben dem Wagen hielt es still, mit Schaum vor dem Maule, triefend von Schweiß, zitternd an allen Gliedern.

Mikosch sprang gewandt zur Seite herab. »Hollah, du, hast du einen Zaum oder wenigstens einen Strick mitgebracht?«

Der Leibeigene wickelte eiligst eine Schnur von seinem Körper ab. »Gib her, Zigeuner«, sagte er. »Hör' mal – verlangst du einen Lohn für den Ritt auf die Steppe hinaus? Muß ich dem Herrn sagen, daß du es warst, der das Pferd einfing?«

Mikosch lachte. »Sag, was dir beliebt, Mann, aber höre für die Zukunft auf meinen Rat – bleib den wilden Pferden fern, oder du findest bei der Sache einmal auf klägliche Weise deinen Tod.«

Der Leibeigene pfiff leise vor sich hin. »Ich bin ein erfahrener Pferdejäger«, versetzte er, »kenne die Steppe und die Gewohnheiten der Tiere ganz genau, aber die Jagd muß am Tage vor sich gehen, nicht bei Mondschein – du verstehst mich.«

»Ach – der Russalkij (Nymphen) wegen?«

»Natürlich. In den Mondnächten gehen sie um und setzen sich den Menschen ungesehen auf die Schultern, um sie zu Tode zu kitzeln.«

»Und das glaubst du wirklich?« rief Onnen. »Wie sehen denn die Russalkij aus?«

Der Leibeigene zog ein Heiligenbild hervor und küßte es andächtig. »Wie die Luft, Herr, wie der blasse Mondschein. Die Russalkij sind allenthalben, so weit Wald und Steppe reicht; sie wohnen in den Bäumen, im Schilf, in den Ginsterblüten, sie tanzen hoch oben in der Luft, und wer ein Sonntagskind ist, der kann sie sehen.«

Er hatte sein Pferd wieder bestiegen und das eingefangene, völlig ermattete Tier an den Zügel genommen. »Im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes«, sagte er, »ich muß es wagen. Lebt wohl!«

»Komm gut nach Hause!« rief Mikosch.

»Und grüße von mir die Russalkij!« lachte Onnen.

Ein Windstoß fuhr durch die Luft, es rauschte in den hohen Ginsterbüschen und schwebende, nickende Schatten legten sich auf die Steppe. Mit einem Schrei wie der eines verwundeten Vogels, gellend und laut, jagte der Russe davon, als sei die ganze Dämonensippschaft seines abergläubischen Landes ihm auf den Fersen.

Onnen schüttelte den Kopf. »Die Angst hat ihn ganz von Sinnen gebracht«, sagte er. »Aus Furcht vor bloßen Hirngespinsten fiel er vom Pferde und hätte ums Haar unter dem stürzenden Tiere das Leben eingebüßt.«

Mikosch legte zwei Finger auf den Arm seines jungen Freundes. »Ob es nur Hirngespinste sind?« fragte er halblaut.

Das Mondlicht schien hell auf seine klugen, lebhaft blickenden Augen, auf das schlaue, aber ehrliche Gesicht. Mikosch hatte die Pfeife aus dem Munde genommen, er schien zu sinnen, er seufzte.

»Ob es nur Hirngespinste sind, Herr?«

»Aber Mikosch – das fragst du?«

Der Alte wiegte den Kopf. »Glaubst du an den Upyr (Vampir), Herr? An das schwarze Wesen mit dem Zwergenkörper und dem Pferdekopfe?«

»Entschieden nicht!«

»Aber irgendwo zwischen Himmel und Erde lebt es doch. Sieh, ich hatte in meinen jungen Jahren einen Freund, der einmal Streit bekam mit einem weißen Manne und den mehrere andere Personen so reizten, daß er später das Messer brauchte und den Angreifer niederstach. Er hat es getan, aber nicht vor Zeugen – nachher schwor er es ab, um sein Leben zu retten, und kam auch gut davon. Wir begegneten uns einige Tage später, da war sein Haar weiß geworden, seine Augen lagen tief im Kopfe, ich erschrak förmlich, als ich den armen Schelm sah. ›Was fehlt dir, Gosim?‹ fragte ich ihn.

»Erst wollte er nicht mit der Sprache heraus, dann aber gestand er mir's. ›Heute nacht hat der Upyr auf meiner Brust gesessen!‹

»Ich wußte, daß er mir gegenüber nie lügen würde, und suchte ihn daher abzulenken. ›Dir hat schwer geträumt, Gosim‹, sagte ich.

»Aber er schüttelte nur stumm den Kopf. Seit der Zeit schwand er zusehends hin, täglich mehr, und als ich ihn einmal im Vertrauen fragte, da gestand er mir die ganze Wahrheit. ›Jede Nacht kommt der Upyr – und immer rückt er ein wenig höher, immer näher an das Herz heran. Ist er erst einmal da, so –‹

Und ein Achselzucken vollendete den Satz.

»Ich suchte es ihm auszureden, ich bewog ihn, mich in eine andere Provinz zu begleiten, und habe dann mit meinen eigenen Augen gesehen, wie ihn das Gespenst quälte. Er ächzte im Schlaf, er krümmte sich und wimmerte – es war furchtbar. Wir sprachen über die Sache nicht wieder, helfen konnte ihm ja doch keiner.

»Nur eines Tages gab er mir, als der Abend hereinbrechen wollte, zum Gruße die Hand. ›Diesmal kommt es ans Herz, Mikosch. Morgen bin ich ein toter Mann.‹

»Ich blieb bei ihm, wir wachten zusammen bis über Mitternacht hinaus, dann fielen ihm die Augenlider herab – seine Kräfte waren eben zu Ende. Ich kann wohl gestehen, daß mir das Herz schneller schlug, daß ich an keinen Schlaf dachte. Gegen drei Uhr morgens begann das Ringen mit dem Upyr, Gosims ganzer Körper zuckte und bäumte, ich versuchte umsonst, ihn zu wecken – plötzlich schrie er laut auf. ›Das Herz, das Herz – nun ist es getroffen!‹ »Eiskalter Schweiß stand auf seiner Stirn, die Glieder streckten sich – mein Kamerad war tot, gestorben ohne Krankheit, ohne Fehl am Körper – der Upyr hatte ihn erdrückt.«

Lange Stille folgte den Worten des alten Zigeuners, dann sagte Onnen mit halblauter Stimme: »Sein Gewissen war's, Mikosch. Seit er falsch geschworen, würgte es ihn und würgte, bis das innere Elend den Leib vernichtet hatte.«

Der Zigeuner dampfte große Wolken. »Mag's denn heißen, wie du willst, Herr, mag man's erklären können oder nicht – ich glaube an den Upyr und an die Russalkij – nur daß sie den guten Menschen nichts anhaben dürfen.«

»Und daß sie nicht in den Lüften oder der Steppe, sondern in unseren eigenen schuldbewußten Herzen geboren werden«, rief Onnen. »So glaube ich auch an sie.«

Der alte Häuptling schwieg, aber unser Freund sah, daß er keineswegs überzeugt sei. Still und mondbeglänzt lag die Steppe, nächtlich still, nur durch den Ginster huschte leises Flüstern, wie die Stimmen unsichtbarer Wesen. Rings, so weit das Auge reichte, unterbrach kein erhöhter Punkt, kein Baum oder Haus die ebene Fläche; nur da oben im lichten Blau glänzte lächelnd der runde weiße Mond – war es wohl ein Wunder, wenn die unwissenden Kinder der Wildnis diese Einsamkeit mit lebenden Wesen bevölkerten, wenn sie das Kommen und Gehen des milden Himmelslichtes in Verbindung brachten mit dem Erscheinen körperloser Geister, die den Bösen heimsuchten und den Guten unbehelligt seines Weges ziehen ließen? Über den Aberglauben solcher Halbwilden sollte nie gelacht oder gespöttelt werden; sie suchen wie wir selbst die Verbindung mit dem Ewigen, Übersinnlichen, nur eben – in ihrer Weise.


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