Sophie Wörishöffer
Onnen Visser - Der Schmugglersohn von Norderney
Sophie Wörishöffer

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10

Mit klingendem Spiel durchzog das Regiment ein Dorf nach dem anderen, eine kleine Stadt nach der anderen.

Weitere französische Streifkorps stießen zu dem des Obersten Jouffrin; auch in den preisgegebenen russischen Provinzen wurde wie in Deutschland alles junge Volk zum Militärdienst gepreßt und mitgenommen, wohin der Weg führte, aber unter durchaus verschiedenen Verhältnissen und mit einem Erfolge, der den Franzosen selbst den größten Schaden zufügte.

Nur das Gesindel war in den Städten und Ortschaften zurückgeblieben; jeder ehrenwerte junge Mann hatte sich der Aushebung rechtzeitig entzogen, und so entstand denn unter der stolzen Bezeichnung »Nationalgarde« ein Korps von Bummlern und besitzlosen Abenteurern, das eher allem anderen als einem militärisch gewöhnten Regimente glich. Jeder trug sich, wie es ihm gefiel, führte eine beliebige Ausrüstung an Waffen und kam und ging so ziemlich nach Laune. Der französische Kaiser konnte den Leuten durchaus nichts geben; sie waren vollständig auf Raub und Plünderung angewiesen.

»Nehmt es, wo ihr es findet, meine Jungen«, sagte mit innerem Behagen der Oberst. »Das Land ist mit allem, was es besitzt, euer Eigentum.«

Er beeilte sich mit dem Marsche auf Smolensk nur äußerst wenig. So brandschatzend von Ort zu Ort zu ziehen; ohne nahe Kriegsgefahr, aber doch ausgerüstet mit allen Freiheiten des Krieges – das war es, was er liebte.

Die buntscheckige Truppe, zügellos, zusammengewürfelt aus aller Herren Länder, mehr Strauchdieben als Soldaten gleich, hatte ein Städtchen am Waldessaume erreicht und überzog wie ein Bienenschwarm die Straßen. Spanische und italienische Hilfetruppen, die Kinder der russischen Steppe, dazu Pariser, Elsässer, Ostfriesen, Bremer und französische Bauern, so wogte es in allen Farben und Gestalten durcheinander.

Die Einwohner sahen angstvoll aus den Fenstern; sie flüchteten scharenweise in die Kirche, um dort zu beten oder in der unbestimmten Hoffnung auf den Schutz des Himmels, der ihren gläubigen Herzen hier näher schien. Ein Ruf der Gewalttätigkeit, der Roheit ging dem französischen Heere schon voran; was in Ostfriesland zu den seltensten Ausnahmen gehört hatte, persönliche Ausschreitungen der Mannschaften, das war hier in Rußland, wo alle Disziplin aufhörte, völlig an der Tagesordnung, aus Soldaten hatte die Lockerung aller gesetzlichen Verhältnisse bloße Straßenräuber gemacht.

Mit blanker Waffe wurden die Leute aus ihren Häusern vertrieben und dann Besitz ergriffen von allem, was sich darin vorfand. Wo im Stalle ein Schaf, eine Kuh oder eine Ziege stand, da fiel sogleich der glückliche Finder darüber her und schlachtete das Tier, um es mit seinen Freunden zu verzehren, ganz ohne Rücksicht auf andere, die vielleicht keine Brotrinde besaßen, oder nach bestandenem Strauße mit denen, welche den ursprünglichen Räubern den Braten mit vereinten Kräften wieder entreißen wollten.

Eine Schar der Verwegensten eilte in die Kirche. Ringsumher an den Wänden des kleinen Gebäudes brannten unter den Heiligenbildern die ewigen Lampen; Andächtige knieten überall, der Pope sprach den schluchzenden Frauen, den blassen erschütterten Männern Mut ins Herz, er tröstete die Unglücklichen und beruhigte die Zagenden – da erschienen unter der Tür die Galgengesichter, aus denen sich alle diese Streifkorps zusammengesetzt hatten, und ein lautes Gespräch, ein Waffenklirren und Lachen störte die Andacht. »Gebt eure Bänke her, ihr Leutchen«, rief ein Franzose, dem man den Pariser Taugenichts auf den ersten Blick ansah, »wir brauchen Brennholz!«

»Aha«, fügte er dann hinzu, »die alten Herren und Damen da an den Wänden langweilen sich entsetzlich, wie ich sehe. Kommt, Kameraden, wir wollen sie mitnehmen und ihnen von der lustigen Welt da draußen ein wenig zeigen.«

Er deutete auf einen der zahllosen hölzernen Heiligen, welche die Russen in ihren Kirchen verwahren, und gab der verschwärzten alten Puppe einen Schlag mit der flachen Hand, daß sie taumelte. »Seht ihr wohl, Freunde, der gute alte Michael oder Fedor, wie er heißen mag, stimmt mir bei. Er will mit uns ziehen!«

Ein dröhnendes Gelächter folgte diesen unverschämten Worten. Die Franzosen ergriffen sämtliche Heilige und schleppten sie hinaus auf den Lagerplatz, dann folgte zuletzt, dem wehrlosen Popen entrissen, der silberne Abendmahlskelch und die Statue der heiligen Jungfrau mit ihren zahllosen Schmuckgegenständen und Gliedern von Wachs, Händen, Füßen, Augen und Herzen, selbst ganzen Köpfen, die von Gläubigen geopfert worden waren, um durch die Fürsprache des Gnadenbildes eine Heilung ihrer Krankheiten zu erlangen.

»Platz für Madame!« rief ein braunschwarzer Spanier. »Holt ihr einen Sessel!«

Er hob das Bild hoch empor; die Seidenkleider rauschten, der Schmuck glänzte im Sonnenlicht. »Madame hat keinen Hut«, rief der freche Patron, »als galanter Mann leihe ich ihr also meine Mütze und dafür gibt sie mir das hübsche Kettchen. Merci, Madame!«

»Moitty!« rief ein anderer, »du schändest die Heilige!«

»Bah, sie ist ja keine rechtgläubige Katholikin!«

Und er setzte der Wachspuppe seine Militärmütze auf, um ihr dabei mit schneller Bewegung eine schwere goldene Kette zu entreißen. »So, Madame, jetzt nehmen Sie Platz und sehen Sie sich die Welt an – flotte Jungen, des Kaisers Soldaten, nicht wahr?«

»Mir könnte die gute Mutter wohl den hübschen Ring schenken – sie hat ja wenigstens zwei Dutzend!«

»Und mir diesen!«

»Halt, halt, du bist ein wahrer Greifenberger! Laß andere Leute auch einmal darankommen, Geselle!«

»Was sagtest du da soeben?«

»Daß du unverschämt wirst, mein Bester!«

Die Degen flogen aus der Scheide und rotes Blut spritzte über das Rauschgold an dem Kleide der Wachspuppe. Andere Soldaten warfen sich zwischen die Streitenden; aus reinem Übermut wurden die Kirchenstühle zerschlagen und an dem entfachten riesigen Feuer allerlei glücklich eroberte Tiere gebraten. Binnen Sekunden hatte der Gold- und Silberschmuck des heiligen Bildes den Weg in die Taschen dreister Räuber gefunden, wogegen den hölzernen Heiligen allerlei unliebsame Geschenke gemacht worden waren,, z.B. riesige Knebelbärte von Kohle, ungeheure Nasen aus Lehm und was dergleichen mehr ist. Hier trag der heilige Iwan einen Soldatenmantel und um die Stirn einen Frauenschleier, dort hatte der heilige Prokop einen Wassereimer auf dem Kopf und unter dem Arm einen Reiserbesen. Das gewaltige Feuer sandte seine Rauchwolken zum Himmel hinauf; schwarz und drohend wälzten sie sich durch die glühende Luft, Riesengestalten gleich, die den schamlosen Frevel da unten vor Gott zu verklagen schienen.

Lautes Toben und Lachen schallte über den Platz; in der ausgeplünderten, geschändeten Kirche beteten weinende Menschen – mit tief innerer Empörung wandten sich unsere deutschen Freunde von einer Szene, die jedes fühlende Herz erbittern mußte.

»Komm«, sagte Feiko Hansen, »laß uns die Stadt besehen! Wenn wir essen wollen, so ist es überdies notwendig, irgendwo einem Bäcker oder einem Gastwirt in die Tür zu fallen!«

»Und zu stehlen, Feiko?«

Dieser zuckte die Achseln. »Was willst du – wir können den Magen nicht bis zum Friedensschlusse vertrösten.«

»Das ist allerdings wahr, aber besitzen wir nicht noch einiges Geld, Feiko?«

»Pst – das Wort sprich lieber in diesem Lande nicht aus. Wir müssen die wenigen Goldstücke sorgfältig aufheben für den hoffentlich nahen Tag unserer Flucht.«

»Ach, wenn wir sie heute schon unternehmen könnten!«

»Ich habe Umschau gehalten«, flüsterte Feiko, »es geht nicht. Eine Postenkette umzieht eng und fortlaufend unser ganzes Lager; die Straßen, die Flußufer, die Wälder, alles ist abgesperrt. Oberst Jouffrin weiß ohne Zweifel, daß die Zivilbehörden der preisgegebenen Provinzen auf einzelne Plünderer fahnden lassen – er will sich die Verfolger vom Leibe halten.«

»Und uns an der Flucht nach Deutschland hindern. Sieh, da kommt Georg Wessel!«

Der junge Mann schloß sich den beiden Vettern an und alle drei suchten eine Schenke, um Lebensmittel zu erlangen. Das war freilich nicht so leicht ausgeführt wie beschlossen; überall fanden sie die Plätze besetzt, die Speiseschränke leer, bis endlich ein lauter Tumult ihre Blicke einem stattlichen Hause am Marktplatz zulenkte.

»Hierher, Kameraden«, rief mit hallender Stimme ein Soldat. »Hierher, ich habe eine wohlgefüllte Niederlage entdeckt!«

Ein älterer Herr mit dem russischen Kaftan und langem schon ergrauenden Barte suchte vergeblich, den Franzosen zum Schweigen zu bringen. »Sei doch ruhig, Mensch«, bat er mit ängstlichem Tone, »bekümmere dich doch nicht um fremde Angelegenheiten. Iß und trinke, was dir beliebt, aber ziehe mir nicht all das fahrende Gesindel auf den Hals!«

»Hierher, Kameraden, hierher!«

»Wirst du schweigen, Bursche!«

Der alte Mann in seiner Verzweiflung packte den Soldaten, um ihn zu Boden zu werfen, aber ein wohlgezielter Faustschlag streckte ihn auf das Pflaster, dessen Steine sich mit seinem Blute färbten. Der Soldat legte beide Hände an den Mund, um desto lauter rufen zu können. »Hierher, Kameraden!« ertönte es wieder und wieder, »hierher!«

Von allen Seiten nahten die buntscheckigen Gestalten, junge und alte, hübsche und häßliche – von allen Seiten tönte Jubelgeschrei. »Lebensmittel hast du gefunden, Planchard? Auch solche in Flaschen? Wo sind sie? Wo? Wo?«

»Mir nach!« rief der Soldat. »Hierher!«

An dem wie leblos daliegenden alten Manne vorüber stürmte die ganze Schar in einen dunkeln überwölbten Torweg und von dort durch einen Hof zu einem hohen, langgestreckten Hintergebäude, das anscheinend als Holzlager diente. Man sah Bretterstapel im Erdgeschoß und an den Fenstern, kurz allerorten.

»Das ist für den Schein«, rief Planchard. »O ihr Herren Russen, ein Pariser Kind betrügt man so leicht nicht – ich witterte hinter den Stapeln sogleich die kostbare Beute!«

»Paris soll leben! Planchard soll leben!«

Wie die wilde Jagd wälzten sich immer größere Massen den ersten nach; auch unsere Freunde sahen einander an. »Sollen wir mitgehen?«

»Ich denke es! Man muß doch essen.«

»Aber erst tragen wir den Verwundeten in das Haus!«

»Da kommen schon Leute und holen ihn!«

Mehrere weinende Frauen und Kinder traten scheuen Blickes auf die Straße hinaus, laut jammernd, als sie den blutüberströmten Mann sahen, dann faßten sie ihn sorgfältig und trugen mit vereinten Kräften den Bewußtlosen in das Haus. Eine Greisin mit schneeweißem Haar, wahrscheinlich seine Mutter, hob wie in Verzweiflung beide Arme gen Himmel; mehrere jüngere Mädchen führten sie weinend und schluchzend die Treppen hinauf.

»Schrecklich!« sagte Onnen. »O Gott – es ist schrecklich!«

»Laßt uns nur vorläufig sehen, etwas Fleisch und Brot zu erlangen. Kommt! Kommt!« Sie folgten den Vorausgegangenen und fanden eine Szene voll wilden Übermutes. In dem großen Holzspeicher lagen Lebensmittel für Tausende; die kleine Stadt hatte sich verproviantiert, um unter den Bedrängnissen des Krieges wenigstens nicht hungern zu müssen, und da sie die Waren nicht verteidigen konnte, dieselben versteckt. Der ganze große Raum war ausgefüllt mit Mehl, Fleisch, Speck, Wurst und Tee, außerdem fanden sich Berge von Hülsenfrüchten und Reis, sowie Fässer mit Wein und Branntwein.

Letztere wurden auf den Hof hinausgewälzt und ihnen der Boden eingeschlagen. Die verwegensten Rädelsführer drangen durch die Hintertür in das Haus und plünderten die Küche; aus Schüsseln, Tassen, Töpfen und selbst Eimern wurde der Branntwein an Ort und Stelle getrunken, so daß bald alles taumelte.

»Wo sind aber die Sitzplätze?« rief eine Stimme. »Das Stehen habe ich satt!«

»Die Russen haben keine Stühle!«

»Bah, das sind nur die Bauern – ihr sollt sehen, daß ich Stühle finde.«

»Aber hüte dich, Planchard, hüte dich, Oberst Jouffrin spaßt nicht, wie du weißt! Wir dürfen den Einwohnern kein Leid zufügen!«

Der Pariser schlug ein Schnippchen. Kecklich das Haus betretend, dessen Gebieter er vor wenigen Minuten tödlich verwundet hatte, erschien er bald darauf an den Fenstern und klatschte in die Hände. »Aufgepaßt! Ihr da unten.«

»Halloh! Halloh! – Her mit den Schätzen!«

Ein großer bunter Teppich flog herab, Bettstücke, Pelze, Mäntel und Decken, nützliche und unbrauchbare Gegenstände, Frauenmützen, Handschuhe und Lampenschleier, alles mit Jubel begrüßt und sogleich verwendet. Planchard schüttete einen förmlichen Regen von Kleinigkeiten aus den Fenstern, und als sich dann nichts mehr vorfand, erschien er mit einem Sessel in jeder Hand auf dem Hofe. Zwölf andere folgten nach, endlich ein Sofa und einige Bänke, aber der Bedarf konnte dadurch nicht gedeckt werden, und so beschloß man, zum Platze vor der Kirche überzusiedeln. Dort lag Stroh zu Bergen geschichtet; für die Bequemlichkeit der Soldaten war gesorgt, also mußte möglichst viel Proviant zur Stelle geschafft werden.

»Silence!« rief Planchard. »Tambour, einen Wirbel!«

Die Trommel rasselte; der Pariser, eine bänderreiche Haube auf dem Kopfe und einen Teppich wie einen Fürstenmantel um die Schultern geschlagen – der kecke, nicht mehr ganz nüchterne Pariser schwang als Kommandostab einen riesigen Kochlöffel.

»Avantgarde vor! – Ihr mit den Sesseln!«

Vierzehn Soldaten traten an, jeder einen Stuhl auf dem Kopfe, dann tönte Planchards Stimme zum zweitenmal und so fort, bis der ganze Zug aufgestellt war. Fleisch, Tee, Zucker, Branntwein und Brot, alles wurde fortgeschleppt.

»Vorwärts marsch!«

Trommler und Pfeifer voran, so bewegte sich die Schar, bunt geschmückt wie Harlekine, zum Torweg hinaus. Eine Wache blieb bei den Schätzen im Speicher, ein Bote an den Obersten wurde abgeschickt, um ihm von dem kostbaren Funde Meldung zu machen, und fort ging es, dem Kirchplatz entgegen.

Als Planchard die vordere Straße erreicht hatte, öffnete sich die Haustür und auf der Schwelle erschien jene alte Frau, welche vorhin ihrem Kummer in so rührender Weise Ausdruck verlieh; sie stieg die Stufen hinab und trat den Soldaten entgegen. »Komm«, sagte sie leise, Planchards Arm berührend, »komm, ich will dir etwas zeigen!«

Er grüßte militärisch, halb betrunken und von dem wilden Taumel des Tages fortgerissen. »Madame«, sagte er, »der Pariser vergißt nie die Höflichkeit gegen Frauen: Womit kann ich Ihnen dienen?«

»Du sollst mir folgen, das ist alles!«

Eine Handbewegung forderte die Soldaten auf, mitzugehen. »Aber ohne Musik, Kinder! Respekt vor den Damen!«

Er stieg, die bunten Falten des Teppichs hinter sich herschleppend, mit stolzen Schritten die Treppe hinauf und betrat dann, geführt von der alten Frau, ein Zimmer im Erdgeschoß, wo mehrere Personen weinend ein Bett umstanden. Auf demselben lag der Mann, den die Faust des Parisers vorhin getroffen, mit klaffender Wunde an der Schläfe, offenen Auges, von Blut überrieselt – tot.

»Sieh dahin, Franzose«, sagte die alte Dame, indem sie ihre Hand gegen den Mörder erhob. »Sieh dahin! Der, den du erschlugst, war mein einziger Sohn; der Ernährer einer großen Familie, der Freund und Beschützer aller Armen im Orte. Du hast ihn den Seinigen geraubt, wie dein Kaiser Land um Land an sich reißt, wie er Volk nach Volk ins Elend stürzt! Geh, vor Gottes Thron werden wir einander wiedersehn!«

Die Anwesenden weinten sämtlich; still in der Ruhe des Todes lag der Erschlagene. Man hörte in dem großen düsteren Zimmer nur das Schluchzen der Frauen und Kinder, sonst keinen Laut.

Planchard wich zurück; unter der bunten Haube war er leichenblaß geworden. »Ein Toter«, stammelte er, »was glotzt denn der? was will er von mir?«

Mit geschicktem Griff eine Tischdecke erfassend, warf er sie über das Gesicht des Ermordeten und atmete dann tief auf. »Er soll mich nicht ansehen, er soll es nicht! – Einen Wirbel, Tambour! Tüchtig, tüchtig!«

Und dann entfernte er sich, immer den Blick fest auf die Leiche gerichtet. »Mehr Lärm!« rief er beinahe kreischend, »mehr Lärm!«

Trommel und Pfeife taten ihr Bestes, aber doch war die frühere Ausgelassenheit dahin. Der seltsame Zug, beladen mit allen möglichen Gegenständen des Alltagsgebrauches, bewegte sich gegen die Kirche und sein Führer schritt mit Kochlöffel und Teppich voran, aber das weiße, von Entsetzen zeugende Gesicht paßte wenig zu dem possenhaften Aufzuge, es war verzerrt und farblos – eine Totenmaske.

Unsere drei Ostfriesen sahen den Franzosen nach. Sie hatten sich an Brot und Fleisch satt gegessen, weil es eben nicht anders ging, den angebotenen Branntwein aber ausgeschlagen und nun wandten sie sich einer anderen Richtung zu, um nicht etwa in den breiten Strom der Roheit mit hineingerissen zu werden. Alle drei fühlten sich von dem wüsten Treiben durchaus abgestoßen.

»Wo der Schuft, der Adam Witt stecken mag?« meinte Onnen. »Ich habe ihn während des ganzen Tages noch nicht gesehen!«

»Er plündert natürlich auf eigene Faust. Um sich zu betrinken ist er nicht einfältig genug.«

Onnen seufzte. »Und in dieser Weise soll es nun fortgehen, bis wir mit den Russen zusammentreffen? Immer Raub und Plünderung, wohin wir kommen?«

Feiko lächelte spöttisch. »Später, wenn erst Fürsten und Generale unsere Höchstkommandierenden sind, dann wird das alles anders«, versetzte er, »die Sache bekommt dabei einen höchst geschäftsmäßigen Namen, sie heißt ›Kontribution‹ und hat eine gewaltige Amtsmiene. Kein Soldat darf ohne Befehl auch nur einen Strohhalm nehmen, aber – die Einwohner verlieren das ihrige ganz so wie hier, wo eine Räuberbande in der Stadt haust.«

»Da sehe ich eine grüne Wiese«, rief Georg Wessel, »ach, und auch ein Gewässer! Wenn ein Boot zu finden wäre!«

»Laßt uns einstweilen suchen!«

Sie gingen durch hohes üppiges Gras, zwischen dem bunte Sommerblumen auf langen Stielen blühten. Es duftete nach frischem Heu, über das Wasser kam ein angenehm kühler Hauch; hier, eine Stunde von der eigentlichen Stadt entfernt, atmete alles jene Ruhe und Stille, jene friedevolle Reinheit der Natur, die das Herz unter allem Weh des Lebens so angenehm, so tröstlich berührt Nichts erinnerte an Krieg und Hader, an das rohe Toben einer aus den schlimmsten Elementen zusammengesetzten Rotte von Abenteurern; in den Gebüschen sangen Vogelstimmen, Feldhühner huschten durch die Wipfel, ein Hase sprang dicht an den Füßen der jungen Leute auf und eilte in langen Sätzen dem Dickicht zu.

Schnell wie der Gedanke riß Feiko das Gewehr von der Schulter und zielte. Lang widerhallend donnerte der Schuß, dann schlug Lampe einen Purzelbaum und ward nicht mehr gesehen – einige Minuten später hielt Onnen die Jagdbeute triumphierend empor.

»Hurra!« rief er, »ein Braten, den wir ehrlich erworben haben!«

»Vielleicht kommt noch ein Stück zum Schuß – laßt uns das Revier vollständig abstreifen!«

Sie drangen zuerst durch weite Strecken hohen Grases und dann über eine frischgemähte Fläche, auf der das Gras in Schwaden lag, aber kein Hase ließ sich sehen. Es war alles ringsumher kirchenstill.

Plötzlich blieb der vorausstürmende Onnen zwischen den Schwaden stehen. »Was ist das?« rief er, »hier liegt ein kleines Kind!«

Die beiden anderen kamen hinzu und alle drei sahen einen Säugling, der auf einem ausgebreiteten Tuche ahnungslos schlief und das eine seiner purpurroten Fäustchen auf den Mund gepreßt hielt. Kein lebendes Wesen schien in der Nähe.

»Wahrhaftig ein junger Russe!« rief Feiko. »Können wir ihn so allein hier in der Wildnis seinem Schicksal überlassen?«

»Ach, jetzt schlägt es die Augen auf!« rief ganz entzückt der Knabe. »Ein hübsches Kind! – wollen wir es nicht in das nächste Haus tragen?«

»Ja, ja, das kleine Wesen scheint durstig. Sieh doch, es fährt immer mit dem offenen Mündchen umher und sucht!«

Onnen bückte sich, um das Kind vom Boden aufzuheben, als plötzlich eine junge Frau aus dem nächsten Gebüsch hervorsprang und das kleine Geschöpf an sich riß. Sie war sehr rot, ihre sonnenbraunen Arme hielten das Kind fest umfaßt, die Augen blitzten scheu und trotzig zugleich. Was sie eilig hervorsprudelte, das verstand von den Deutschen natürlich keiner.

Hinter der Frau erschienen am Waldsaum mehrere Männer mit Sensen und Knitteln bewaffnet; sie verwandten von den Soldaten keinen Blick, ohne jedoch vorzurücken. Eine düstere Entschlossenheit malte sich in ihren bärtigen Gesichtern. Feiko streckte die Hand aus. »Guten Tag, Leute!« rief er.

Niemand antwortete.

Dann streichelte er das kleine Kind und sah dabei zu den Männern hinüber. »Wir führen nichts Böses im Schilde, ihr Leute! Gut Freund!«

Die Männer sprachen miteinander, dann lief einer von ihnen in den dichteren Wald hinein und kam gleich darauf mit einem anderen zurück. Dieser letztere war jung und besser gekleidet als alle übrigen; er sah aus wie ein Pächter oder Verwalter; in seiner Hand lag eine doppelläufige Pistole.

»Sind die Herren Deutsche?« fragte er in dieser Sprache. »Die Bauern glauben es.«

»Hurra!« rief Georg Wessel. »Ein Landsmann! Von welcher Gegend, Freund?«

Der Verwalter lächelte. »Ich selbst bin aus dieser Provinz gebürtig«, versetzte er, »aber meine Eltern waren Hannoveraner.«

»Daß dich! Dann sind wir so gut wie benachbart, befreundet, stammverwandt! – Sagen Sie den guten Leuten, daß wir nichts Schlimmes beabsichtigen, Herr –«

»Hildebrandt!« lächelte der Verwalter. »Ich habe es schon getan, ihr Herren. Aber jetzt ist vielleicht ein kleiner Imbiß gefällig, nicht wahr? Wir hausen im Walde, wie Sie wissen müssen, aus Furcht vor den Truppen des französischen Kaisers.«

»Die sich wenigstens auf uns nicht zu erstrecken braucht, Herr Hildebrandt! Sie sind gewiß ein Gutsbesitzer oder dergleichen.«

»Nur der Verwalter eines solchen. Mein Gebieter, Fürst Woronzoff, hat es vorgezogen, den Drangsalen des Krieges aus dem Wege zu gehen; er lebt in der Schweiz, während ich sein Gut bewirtschafte. Diese Bauern sind Leibeigene.«

»O die Armen!« rief Onnen. »Der Fürst kann mit ihnen machen, was er will?«

»Nicht ganz, aber doch beinahe. Kommen Sie indessen jetzt mit mir; ich möchte Ihnen eine kleine Erfrischung vorsetzen lassen.«

Er führte seine unerwarteten Gäste in den Schatten des Waldes, wo ein großes Zelt, geschieden nur durch Querwände, die zeitweilige Wohnstätte der Leibeigenen bildete. Hie und da in Dickichten versteckt standen große Rinderherden, während alle Pferde, bis auf die zur Landwirtschaft unentbehrlichen, rechtzeitig in Sicherheit gebracht worden waren.

Sechzehn Männer und ebensoviele Frauen besorgten gegenwärtig die Heuernte, aber nirgends sah man einen Wagen oder ein Gespann, und doch waren schon weitgedehnte Strecken am Flusse abgemäht. »Wo bleiben denn die ungeheuren Vorräte?« fragte Feiko.»Werden sie auch versteckt?«

»Natürlich«, lächelte Herr Hildebrandt. »Später will ich Ihnen das alles zeigen.«

Er befahl einer Frau, den Hasen zu braten, während er vorerst eine Flasche Wein herbeibrachte und sich bis zur Tafel mit den fremden Gästen unterhielt. »Ich selbst bin ein freier Mann«, sagte er, »aber die Bauern, welche Sie hier sehen, sind das Eigentum des Fürsten. Ihnen gehört nichts, sie können nur auf Befehl kommen und gehen und sogar auch verkauft werden, freilich nur mit der Scholle, auf der sie leben, ohne dieselbe nicht. Mann und Frau, Eltern und Kinder müssen immer beieinander bleiben, doch kann ihr Besitzer die Familie hinschicken, wohin es ihm beliebt, sie vermieten, verleihen und bestrafen lassen – je nach Laune.«

»Schrecklich! – Abscheulich!«

»Bei einem gewissenlosen Herrn, ja. Unsere Leute haben es besser als so mancher freie Arbeiter in anderen Ländern.«

»Wozu Sie gewiß nicht wenig beitragen, Herr Hildebrandt! – Auf Ihr Wohlsein.«

Die Gläser klangen aneinander, dann kam der Hase mit verschiedenen Nebengerichten, Obst und Käse, nebst einer zweiten Flasche. Gesund aussehende Kinder umspielten das Zelt, Bienen summten in der warmen Luft und Blumen bedeckten den Boden; fernher durch das Grün schimmerten sonnenbeleuchtet die weißen Mauern des Schlosses.

»Hatten Sie schon französischen Besuch, Herr Hildebrandt?« fragte Feiko.

»Nein, bis jetzt nicht. Die Stadt schützt uns gegen eine Überrumpelung, aber für morgen vormittag ist der Kastellan des Schlosses zum Obersten beschieden worden; es handelt sich also jedenfalls um eine Kontribution.«

»Das ist höchst wahrscheinlich. Oberst Jouffrin hat eine kleine Schwäche für gemünztes Metall, wie wir mit gutem Gewissen behaupten können.«

Der Verwalter lachte. »Bei uns wird er nichts erlangen, es ist alles über die Grenze geschafft, selbst die besseren Möbel und das Inventar der Landwirtschaft.«

»Aber jetzt«, fügte er hinzu, »will ich Ihnen das Heu zeigen. Unser Viehstand müßte im Winter zugrunde gehen, wenn wir es verlören, daher die besondere Sorgfalt.«

Er führte seine Gäste durch das schattige Holz bis an eine Bucht, wo der Fluß tief in das Land hineindrang und beinahe einem kleinen See glich. Wald und Wasser berührten einander, Binsen von Manneshöhe schaukelten im Wind, weiße und gelbe Wasserrosen bedeckten die Oberfläche, auf der Hunderte und aber Hunderte von Möwen ihre schrillen Stimmen ertönen ließen.

Das Seltsamste dieses ganzen anmutigen Bildes war indessen ein Schiff, oder vielmehr ein schwimmendes hölzernes Haus von wahrhaft unglaublicher Ausdehnung, eine Riesenarche mit einem Dache und vier Säulen, die dasselbe trugen. Plump und viereckig, ohne Kiel, spottete es in seiner Kastenform aller Gesetze der Schiffsbaukunst, wie denn auch nicht etwa ein Anker es auf seinem Platze festhielt, sondern lange Seile, welche an die stärksten Uferweiden geknüpft waren.

Hölzerne Stege führten vom Bord dieses sonderbaren Baues zum Lande und sechs bis zehn Leibeigene waren beschäftigt, das duftende Winterfutter in großen runden Bündeln auf ihren Köpfen einzuheimsen. Frauen trugen es von den Wiesen herbei, während Männer mit Heugabeln es sorgfältig aufschichteten.

»Das ist unser Versteck«, lächelte Herr Hildebrandt. »Wir haben alle Boote anderweitig untergebracht, die Herren Franzosen können also, selbst wenn sie diese Bucht überhaupt finden sollten, doch das Heu nicht erlangen, denn an Wagen fehlt es hier ebensosehr wie an Landstraßen.«

»Sie bringen also immer das Heu zu Schiff an die Scheunen?« rief Onnen. »Auch in Friedenszeiten?«

»Auch dann. Sechs bis zehn Boote schleppen das Schiff, dem, wie Sie sehen, die Masten fehlen, bis an den Schloßgarten und von dort tragen die Leibeigenen das Heu auf ihren Köpfen weiter.«

Unsere Freunde bestiegen selbst die sonderbare Arche und genossen vom Bord derselben eine herrliche Aussicht auf die grünen Wälder und das stille blaue Wasser mit seinen Tausenden von Blumen, seinem wehenden Schilf und den Vogelscharen, die es umkreisten. Auf all dieser Prachtfülle lag das rote Sonnengold gleich einem Zauberschleier; schmeichelnd und süß drangen die Stimmen der Natur in die Herzen unserer jungen Freunde.

»Feiko«, flüsterte Onnen, »Feiko, so schön es hier immer sein mag, so grün der Wald und so buntglänzend die Blumen – mein armes Norderney ist mir tausendmal schöner! Ach, könnte ich jetzt die Dünen sehen, das Branden des Meeres – allen Schmuck von Wäldern und Wiesen gäbe ich dafür hin!«

Der ältere Vetter drückte liebevoll seine Hand. »Du hast Heimweh, Onnen, aber das mußt du überwinden lernen. Ich bin in Indien, in Brasilien und Afrika gewesen – du sollst, so Gott will, als tüchtiger Seemann auch noch dahin kommen, also nimm dich zusammen, mein Junge!«

Er zog ihn freundlich mit sich fort, der Weg zur Stadt war noch weit, sie mußten sich verabschieden und tüchtig marschieren, ehe sie anlangten. Herr Hildebrandt gab ihnen das Geleit bis zur Gutsgrenze, beschrieb den Weg und empfahl sich dann mit der Bitte, ihn in gutem Andenken zu behalten.

Die jungen Leute hatten einen angenehmen Nachmittag verlebt; nur widerstrebend näherten sie sich dem Schauplatz der wüsten Szenen, deren Geräusch schon von weitem zu ihnen herüberdrang. Musik und Lachen, lauter Jubel tönte aus den Gassen, in denen nur Soldaten zu erblicken waren; alle Einwohner hatten sich in ihre Häuser geflüchtet.

Ziemlich am äußersten Ende der Stadt standen in Gärten vereinzelte niedere Gebäude, alle dunkel, als fürchteten die geängstigten Menschen, durch das kleinste Licht schon die Aufmerksamkeit des Feindes zu erregen: Blumen blühten auch hier, Rosen und Reseda dufteten, aber zwischen den Beeten spionierten dunkle Gestalten, lüstern nach Schätzen, nach dem Hab und Gut des schutzlosen Nächsten, Soldaten, die ihre Uniform schändeten, Menschen, die wie Raubtiere wüteten.

Aus einem jener Häuser drang das Schluchzen einer Frauenstimme hervor. Russische Worte, in flehendem Tone gesprochen, wurden hörbar, dazwischen eine Männerstimme, die zu befehlen, zu drohen schien – und zwar in deutscher Sprache.

»Alle Teufel, so schreie nicht, Weib, oder du sollst es bereuen!«

Georg Wessel stand still. »Onnen«, flüsterte er, »höre doch! – Wer ist das?«

Sie lauschten alle. Durch die offenen Fenster klang wieder das Weinen und Poltern. »Her mit dem Kasten, sage ich oder –«

»Das ist Adam Witt, so wahr ich lebe!«

»Ich glaube es auch. Er plündert.«

»Wollen wir ihm ein wenig auf die Finger sehen?«

»Natürlich. Da prügelt er eine Frau, der Schuft!«

Sie eilten alle durch den vorderen Mittelweg des Gartens ins Haus und in ein Zimmer zu ebener Erde, wo ein Soldat eine alte Frau mit beiden Händen auf den Boden drückte und dann seinen Fuß zur Hilfe nahm, um mit der Rechten in ihrer Tasche etwas zu suchen.

»Gib den Schlüssel, verdammte Hexe«, schrie er, »ich will in den Koffer hineinsehen! Da steckt bei euch geizigen Bauern das Geld, ich weiß es aus Erfahrung!«

Er hatte offenbar ganz vergessen, daß die Alte von seiner Rede kein Wort verstand; mit roher Gewalt suchte er sich des Schlüssels zu bemächtigen und würde diesen Zweck auch wohl im nächsten Augenblick erreicht haben, wenn nicht Onnens kräftige Fäuste ihn gepackt und in den Winkel des Zimmers geschleudert hätten.

»Was machst du hier, Elender?«

Adam Witt schäumte vor Zorn. »Was geht es dich an, Sohn eines –«

Er kam nicht weiter, Onnens Faust schnürte ihm die Kehle zusammen. »Was wagst du da nur zu denken, Spion?« zischte unser Freund. »Warte, ich will dich lehren, meinen gemordeten Vater noch im Grabe zu beschimpfen!«

Feiko und Georg rissen ihn mit vereinten Kräften von seinem taumelnden todblassen Opfer. Adam Witt schien völlig die Sprache verloren zu haben, er ächzte nur in gurgelnden Tönen und ballte ohnmächtig die Faust.

Was die alte Frau betraf, so hielt sie ihre Hände gefaltet und seufzte tief. Was sie in russischer Sprache vor sich hin murmelte, hieß ohne Zweifel: »Du großer Gott, jetzt sind es ihrer vier, die mein bißchen Hab und Gut stehlen wollen!«

»Der Bursche da begleitet uns«, gebot Feiko, indem er auf den Sohn des Verräters deutete. »Marsch vorwärts!«

»Ich will nicht!« rief Adam Witt, »ihr habt mir nichts zu befehlen!«

»Hinaus!«

»Nein!«

Feiko packte ihn am Kragen und schob ihn zur Tür. »Wo meine Freunde und ich gegenwärtig sind, da prügelt man keine Frauen, du Unverschämter! Hinaus mit dir!«

Aber Adam Witt sträubte sich, es kam zu einem Ringen, bei dem er den kürzeren zog, er taumelte und fiel – ein Regen von Goldstücken ergoß sich durch das Zimmer.

»Mein Geld!« schrie der Bursche. »Großer Gott, mein Geld!«

Feiko lachte. »Nimm es auf, ich gebe dir fünf Minuten Zeit. Rasch! – ein Sündenlohn ist ja doch jeder Pfennig!«

Adam bückte sich schleunigst, er sprang umher wie ein aufgeschrecktes Kaninchen. »Mein Geld muß ich wiedererlangen, oder ihr seid mir ersatzpflichtig! – Noch fehlen zehn Napoleons und ich finde sie nicht! – Was ging es euch an, wie ich zu dem meinigen kam?«

»Sei ruhig!« befahl Feiko. »Deine fünf Minuten sind nahezu verstrichen.«

»Macht, daß ihr fortkommt«, schrie, vor Wut halb außer sich, der Sohn des Verräters. »Geh vom Fenster weg, Onnen Visser! Meine Goldstücke liegen unter deinen Füßen, du willst sie mir bei guter Gelegenheit stehlen, mich betrügen!«

»Das ist doch, weiß der Himmel, zu arg!«

Und Onnen packte zum zweitenmal seinen Widersacher, um ihn zur Tür hinauszuwerfen. Wie ein Ball flog Adam über die Schwelle, draußen aber richtete er sich auf und ballte die Faust; seine Augen funkelten in dem weißen Gesicht wie die einer Katze.

»Das sollst du mir büßen, Onnen Visser, das verzeihe ich dir nie, so lange ich atme. Wenn deine besten Wünsche scheitern, wenn deine und deiner Genossen Pläne zuschanden gemacht werden, dann denk an mich, hörst du!«

»Und wenn du einmal wieder eine wehrlose alte Frau prügelst, dann denke nur getrost auch deinerseits an uns, du Schurke! Wir werden hinter dir stehen wie heute.«

Adam Witt antwortete keine Silbe, er verschwand in der Dunkelheit gleich einem Schatten, höchstwahrscheinlich, um sich in der Nähe versteckt zu halten.

»Er kommt sicherlich zurück, sobald wir fort sind«, meinte Feiko. »Wenn man das nur der Alten begreiflich machen könnte.«

Onnen näherte sich ihr, deutete auf den Koffer und auf sie selbst, dann schließlich zur Tür. Er winkte lebhaft mit der Rechten.

Die Frau nickte; sie erfaßte das nächste Stück ihres Hausrates und vollführte eine Bewegung, als wolle sie sagen: »Ich bringe nur die Sachen nicht fort.«

»Aber wir können es!« rief Onnen, indem er sich auf die Brust schlug. »Wir!«

Die Alte erschrak. Dieser Vorschlag erschien ihr offenbar sehr fragwürdig.

Im selben Augenblick öffnete ein Mann die Tür und sah suchend umher, dann, als er die Alte erblickte, brach von seinen Lippen ein Freudenschrei; er umfaßte sie und sprach ihr lebhaft zu wie jemand, der dem anderen sagt: »Nun beruhige dich ganz; ich bin bei dir.«

»Ihr Sohn!« dachten zu gleicher Zeit unsere Freunde, und Feiko sagte: »Jetzt können wir gehen, glaube ich. Kommt der Plünderer wieder, so findet er ohne Zweifel einen warmen Empfang!«

Sie wollten sich eben entfernen, als ihnen der Fremde beide Hände reichte und sie treuherzig ansah. Miteinander sprechen konnte man nicht, aber Blick um Blick sagte alles; auch das Mütterchen lächelte mit Tränen in den Augen einen Abschiedsgruß und dann gingen die jungen Leute fort.

Durch das Dunkel der Gebüsche schlüpfte ein menschliches Wesen. Jedenfalls lauerte Adam in der Nähe, um das unterbrochene Werk wieder aufzunehmen, sobald die Gelegenheit günstig schien.

»Viel Glück auf den Weg«, lachte Onnen. »Laß dir die Prügel wohlschmecken.«

Sie gingen langsam durch die Stadt zum Platz vor der Kirche zurück. Eine rote Lohe schlug ihnen schon von weitem entgegen, Musik und Getöse aller Art. An einem riesigen Feuer, genährt durch Möbel aus den umliegenden Häusern, an einer rauchenden knisternden Glut wurde gekocht und gebraten, während das geplünderte Magazin die Vorräte dazu liefern mußte. Eine völlig wahnsinnige Verschwendung dessen, was zur Ernährung einer ganzen Stadt bestimmt war, ein toller Frevelmut kennzeichnete diese Vorgänge.

Ganze Zuckerhüte lagen in Pfützen von Wein und Branntwein, zertreten von tanzenden Füßen, schmelzend, unbeachtet wie wertloser Staub; Pfunde kostbarer Gewürze waren unter den Hufen der Pferde zermalmt, der Inhalt zahlreicher Teekisten mutwillig verschüttet, Fässer mit Pökelfleisch oder Mehl ins Feuer geworfen.

Auf Stroh und Bettstücken lagerten im roten Scheine des Feuers die Soldaten, während in einiger Entfernung die geängstigten Bürger mit Ledereimern und langen Leitern Aufstellung genommen hatten, um im Falle einer ausbrechenden Feuersbrunst sogleich tätig einschreiten zu können.

Es war ein ernstes, erschütterndes Bild. Auf einer Seite die betrunkenen Franzosen in vandalischer Zerstörungsfreude, auf der anderen die blassen Gesichter der Bürger, welche ohne irgendeinen Widerspruch mitansehen mußten, wie ihre Häuser geplündert und ihre Vorräte vernichtet wurden. Sie schwiegen zu allem, was geschah, und hielten nur Wache, um die unglückliche Stadt mit ihren hölzernen Gebäuden vor einer Feuersbrunst zu beschützen oder doch wenigstens ein etwa entstehendes Unglück auf das kleinste Maß zu beschränken.

Oberst Jouffrin ging langsam durch das Lager. Sein rohes Gesicht zeigte große Zufriedenheit; so gefielen ihm die Dinge, so fand er das Dasein angenehm. Seit langen Jahren im Dienst des eroberungslustigen Kaisers, hatte er sich daran gewöhnt, die Welt als einen einzigen großen Kriegsschauplatz zu betrachten und eine recht ergiebige Plünderung als Zweck langer, mühevoller Märsche oder blutiger Schlachten anzusehen. Man zog umher und ließ sich's wohl sein, das war das Glaubensbekenntnis dieses edlen Ritters von der Landstraße.

Er selbst hatte im Hause des Bürgermeisters sein Quartier aufgeschlagen und einen Doppelposten vor die Tür stellen lassen. Hierher durfte kein Soldat kommen, hier wurde die Behaglichkeit der Einrichtung durch nichts gestört – wo er selbst wohnte, da schätzte der tapfere Mann Ordnung und Sauberkeit sehr hoch; nur andere Leute durften derartige Ansprüche nicht erheben.

Unsere drei Genossen suchten sich ihr Nachtlager am entferntesten Punkte des Marktplatzes, obwohl Lärm und Geschrei auch hierher drangen. Die Heiligen der geplünderten Kirche dienten jetzt einem anderen Zwecke: sie mußten Wäsche trocknen. Hemden und Strümpfe, Taschentücher und Uniformstücke, alles war ihnen angezogen und die alten Holzbilder nahe an das Feuer gestellt worden, um als Ständer zu dienen.

Einer hatte von der Glut schon Nase und Ohren eingebüßt, was die Franzosen sehr zu belustigen schien; sie verbanden ihm den Kopf, nannten ihn pauvre père und spielten schließlich Ball mit ihm.

Der Abendmahlskelch ging, unablässig neu gefüllt, dabei von Hand zu Hand; endlich fand sich sogar ein Soldat, der auch den Pferden Wein anbot und, als diese schnaubend und kopfschüttelnd den Trunk zurückwiesen, ihnen denselben gewaltsam einflößen wollte.

Ein anderer entriß ihm das silberne Gerät. »Daraus trinkt kein Tier«, schrie er.

»Dann ist es also nichts für dich!« war die freundliche Antwort. »Gib her!«

»Hier hast du das Ding!«

Ein schwerer Schlag, ungeschickt ausgeführt, traf nur die Degenkuppel, das Altargefäß dagegen flog in die Glut, daß sie zischend aufspritzte.

Taumelnd, mit trunkenem Lachen stolperte der Soldat seines Weges.

Die Nacht sank herab; stiller und stiller wurde das Toben. Über dem verglimmenden Feuer, mitten auf den Platz mit seiner grauenhaften Verwüstung herabsehend, erschien der volle Mond; weißes und purpurnes Licht mischten ihre Strahlen, wie Schattenspiele huschten die Wolken hin und her über das glänzende Rund.

Auch auf die Kuppeln und Türme der Kirche fielen weiße Streifbänder, auf bunte Glasfenster und Nischen mit erzenen Figuren. Drinnen las der Pope die Messe und zeigte den Andächtigen das Allerheiligste; Weihrauch drang aus den offenen Türen, leiser Glockenklang, leises Schluchzen.

Draußen verstummten nach und nach die Stimmen der Soldaten; aus befreitem Herzen atmeten die bleichen Stadtbewohner. Nun war die ärgste Gefahr vorüber.

Stille, tiefe Nacht. Schmetterlinge huschten um halbverkohlte Trümmer, hie und da sammelten, leise schleichend, Frauen und Männer die Überreste der gestohlenen, zerstreuten Lebensmittel. Ein Verbrechen wird die Mutter des anderen; nachdem das Vorratshaus geplündert worden war, nachdem fremde Gewalthaber in den erbeuteten Schätzen schwelgten, hielten sich auch die Ärmsten der Stadt für völlig berechtigt, ihrerseits zu nehmen, was immer die tastende Hand erbeuten konnte.

Ganze Lachen von Branntwein standen in den Vertiefungen zwischen den Steinen. Das niedere Volk, Leibeigene und Arbeiter, selbst Frauen bückten sich, um gierig zu trinken – taumelnde Gestalten schlüpften durch die Reihen der Schläfer.

Mückenschwärme spielten im Feuerschein, unerträgliche Schwüle lag auf allen Stirnen. Aus den Reihen der ostfriesischen Rekruten erhob sich ächzend eine schlanke Gestalt und ging zum Brunnen auf der Mitte des Platzes, um ein Leinentuch frisch zu benetzen. Eine lange Schramme lief von der Schläfe bis zu den Lippen über das ganze Gesicht – der Bursche schluchzte halb vor Schmerz, halb vor Wut.

»Mußte mich mein eigenes Messer verwunden! Wie ein Bär drückte mir der Kerl die Arme zusammen, nur weil ich mein Geld wiederfinden wollte, das da unter den Tischen herumlag! – Warte, Onnen Visser, warte, es kommt die Stunde, wo du mir die Niederlage dieser Nacht teuer bezahlen sollst!«

Adam Witt legte das Tuch um sein blasses Gesicht, trocknete sich die Augen und suchte einzuschlafen. Immer zählte in der Tasche die Hand. Zehn Napoleons fehlten, soviel er auch kneifen und drücken mochte – aufs neue, stärker als vorher, rannen die Tränen.

Hie und da krähte ein Hahn, murmelte einer der Schläfer im Traume. Drinnen klang das Glöckchen, duftete der Weihrauch – die heilige Stätte wurde nicht leer; immer neue Scharen drängten herzu, immer neue Herzen beteten: »Herr, laß diesen Kelch vorübergehen.«

Und ein Wort fiel von den Lippen des Popen, ein zündendes, begeisterndes Wort. »Die Frevler schlafen – laßt uns hinausgehen und das Muttergottesbild retten!«

Verhaltenes Schluchzen antwortete. Einer drängte den anderen, Hunderte glitten geräuschlos aus den Türen. Männer der besten Stände, junge Mädchen, selbst Kinder betraten das weite Rund, wo die Soldaten schliefen; endlich hatte jemand das Marienbild gefunden.

»Hier! Hier! – O Greuel der schrecklichsten Sünde!«

Wie ein lebendes geliebtes Wesen trugen schützende Hände das Bild. »Ich schenke der Gebenedeiten ein neues Seidenkleid! – Ich eine Strahlenkrone! – Ich einen Schmuck!«

Im Triumphe wurde das gerettete Gut zurückgebracht in die Kirche, im Triumphe die mißhandelten Heiligen den Frevlern entrissen.

Hie und da erwachte ein Schläfer. »Kirchengesang! – Wie lange ist's, seit ich betete?«

Und ein Herz schlug schneller; der Schlaf war verscheucht. »Wie lange ist's, seit ich betete? – Herr, gehe nicht ins Gericht mit uns Sündern, unter denen ich der vornehmste bin!«

Ein Rosenschimmer umflutete den lächelnden Mond; sein Glanz schien zu erbleichen, schien weiß, statt des goldigen Hauches. Frische kühle Luftwellen trug der Wind über das Aschenfeld und die schweren Augenlider der Soldaten.

Trommelwirbel hie und da. Rataplan! Rataplan! – Es ist die Reveille; noch ein neuer harter Schlag steht der heimgesuchten Stadt bevor. Das ganze Regiment muß aufmarschiert sein, wenn er fällt, denn die Sache braucht ein amtlich Antlitz – als die Tat eines einzelnen wäre sie ein Frevel, der Gottes Langmut in Groll verwandeln könnte.

Ordonnanzen trugen in jedes Haus den Befehl des Obersten, der allen Bürgern gebot, um zehn Uhr vormittags in der Bürgermeisterei zu erscheinen, immer zwölf und zwölf zur Audienz bei ihm. Von Haus zu Haus schlich das Erschrecken, die bange Furcht. Was konnte der Plünderer, der Mann mit dem Tigergesicht weiter noch wollen?

Geld? Sie hatten keins mehr. Für die geraubten Vorräte war's draufgegangen; alle Arbeit stockte ohnehin. Was konnte er wollen?

Der Apotheker und der Materialwarenhändler mußten ihre schweren Eisenmörser zur Stelle schaffen. Neues Rätsel, neue quälende Sorge.

Das Regiment stand aufmarschiert, klingendes Spiel erfüllte wie zum Hohn den jungen Morgen. Vor der Tür der Bürgermeisterei sammelten sich blaß und unruhig die Bürger. Es liegt in der Luft, es wird mit allen Nerven empfunden, wenn ein Unglück naht.

Schlag zehn Uhr kam ein Unteroffizier und ersuchte die ersten zwölf Herren, ihm zu dem Herrn Obersten zu folgen.

Der »Schinder« lächelte äußerst herablassend, er bot den Leuten Stühle und kam dann endlich auf den Zweck dieser Zusammenkunft. »Seine Majestät der Kaiser braucht Geld, viel Geld, der Krieg verschlingt Unsummen – es muß etwas geschehen, um die leeren Kassen zu füllen.«

Niemand antwortete ihm. Sie wußten es ja, Geld war nicht vorhanden, auch der gestrenge Oberst würde in ihren leeren Taschen nichts finden können.

Dieser lächelte sehr milde. »Und da habe ich denn den Befehl erhalten«, fuhr er fort, »alle Gold- und Silbersachen der Bevölkerung einzuziehen. Es ist mir außerordentlich schmerzlich, die Bürger und besonders die Frauen derselben ihrer liebgewordenen Kleinodien berauben zu müssen, aber der Befehl des Monarchen erfordert, wie Sie wissen, blinden Gehorsam. Die Herren mögen also nach Hause gehen, den Draußenstehenden sagen, um was es sich handelt, und den Besitz jeder einzelnen Familie herbeibringen. Von dieser Verordnung ist kein Stück ausgenommen, weder des persönlichen noch des öffentlichen Eigentums, das bedenken Sie wohl und hüten sich, die Strafe, welche einer Hinterziehung folgt, leichtsinnigerweise herauszufordern! – Der Herr Bürgermeister ist für die Ausführung dieser Maßregel verantwortlich gemacht worden.«

Eine Handbewegung verabschiedete die Geplünderten, sie konnten gehen und auf dem Korridor in das blasse Gesicht des Bürgermeisters blicken oder verstohlene Flüsterworte mit ihm tauschen.

»Da hilft kein Federlesens, ihr Leute! Er hetzt euch seine Horden ins Haus und läßt wegnehmen, was ihr etwa verweigern möchtet. Seht her – da liegen die Löffel und die Schmucksachen meiner Frau, alle ihre Hochzeitsgeschenke! Ich hab's kurz gemacht, die Schränke gestürzt und herausgegeben, was darin war. Tut das gleiche, meine Freunde!«

Ein Kopf schütteln, ein Knirschen des Ingrimms folgte diesen Worten: »Zuviel, zuviel – das Menschenherz sträubt sich! – Und was will denn der Wüterich mit den Eisenmörsern?«

»Das erratet ihr nicht? Seine Soldaten werden darin unsere Gold- und Silbersachen zu Splittern zerstampfen. So läßt sich das gestohlene Gut besser fortschaffen.«

»Allmächtiger Himmel!«

»Schnell!« drängte der Bürgermeister. »Ich bitte euch, verursacht keine Gewaltmaßregeln! – Dieser Mann lechzt nach dem Augenblick, wo er eure Häuser, das Leben eurer Frauen und Kinder seinen Horden preisgeben kann!«

Diese Ermahnung half. Die geängstigten Bürger eilten fort, um den ihrigen die Kunde einer neuen unerhörten Gewalttat zu überbringen. Niemand empfand mehr das Verlangen, den Herrn Obersten persönlich zu sprechen; die Menge verteilte sich und der Platz wurde leer, aber nur für kurze Zeit, dann kamen Männer und Frauen, die ersteren stumm, leichenblaß, letztere weinend, alle mit dem, was sie an Kostbarkeiten besaßen. Jede Hand stapelte auf große Tische im Empfangszimmer der Bürgermeisterei die Löffel und Ringe, Ketten, Uhren, den Schmuck und das Tafelgerät – gierigen Blickes wog und zählte der habsüchtige Franzose, gierigen Herzens überschlug er, wieviel davon unbemerkt in seine eigenen Taschen fließen könne.

Draußen gaffte das Volk. Die nie im Leben etwas Silbernes oder Goldenes ihr eigen genannt, die ganz Armen brauchten heute keine Tränen zu vergießen; sie empfanden ein gewisses Behagen in dem Gedanken, daß nun der zinnerne Teelöffel seine Einkehr auch bei den Reichen, Bevorzugten halten würde.

Und dann begann der Eisenmörser seine Tätigkeit. Der Oberst selbst zählte die einzelnen Gegenstände, er stellte doppelte Wachen aus und ließ von den zuverlässigsten Leuten seines Regiments das Metall zu Klumpen zerstampfen.

Als die letzten Bürger verabschiedet waren, ließ der gebietende Herr den Bürgermeister rufen. »Ich vermisse zu meinem großen Erstaunen das Silber des Kirchenschatzes«, sagte er ziemlich streng. »Weshalb wird derselbe willkürlich zurückbehalten?«

Der unglückliche Bürgermeister bekreuzte sich. »Das Altargerät?« stammelte er, völlig aus der Fassung gebracht.

»Natürlich!«

»Ich werde es herbeischaffen, Herr Oberst!« Wieder näherte sich ein Volkshaufen der Bürgermeisterei, aber diesmal tobend, aufgeregt, zornig, mit wilden Bewegungen. Inmitten des erbosten Knäuels ging aufrecht der Pope und in seiner Hand trug er unverhüllt die Monstranz, das Allerheiligste, das Gefäß, in dem die Hostie aufbewahrt wird. Ein Kirchendiener begleitete ihn, in einem Korbe das übrige Gerät tragend. Oberst Jouffrin stand vor dem Fenster; seine Augen leuchteten plötzlich auf. »Brillanten«, murmelte er, »ich dachte es mir.« Draußen fielen die Leute dem Popen in den Arm. Er sollte das Allerheiligste beschützen, er sollte es verteidigen gegen jeden Angriff.

»Nicht herausgeben!« rief eine Stimme, und »nicht herausgeben!« wiederholten Hunderte, Tausende. Geballte Fäuste kehrten sich gegen das Haus, ein wildes Geschrei erfüllte die Luft. Wie der Blitz war Oberst Jouffrin auf der Straße. Sein Kommando schallte donnernd über die Reihen der Truppen und der Bürger dahin – binnen einer halben Minute lagen mehr als tausend Gewehre in Anschlag.

Der Bürgermeister riß ein Fenster auf. »Leute«, rief er, »bedenkt die Folgen! Gebt nach, gebt nach! Eine Monstranz können wir für Geld wiedererlangen, das vergossene Blut niemals!«

Tiefe Stille unten, dann ein Murren, Ächzen, ein Laut der bittersten Seelenpein. Sie küßten das heilige Gefäß, sie berührten es scheu und andächtig; zum letztenmal gab der Pope im Angesichte des Heiligtums dem versammelten Volke seinen Segen, dann war der Weg frei und er konnte die Treppe hinaufgehen, um den uralten Schmuck des Gotteshauses dem fremden Gewaltherrscher zu überliefern.

Die Truppen blieben unter den Befehlen ihrer Offiziere bereit, in jedem Augenblick loszuschlagen – unterdessen prüfte der Oberst mit Kennerblicken das bedeutendste Wertstück der ganzen Beute, dann ließ er schleunigst durch den diensttuenden Unteroffizier einen Goldschmied herbeiholen und in seinem Beisein die Brillanten, welche das Silber im Kranze umgaben, sorgfältig aus der Fassung brechen.

Als später die Monstranz in den Mörser kam, prüfte er selbst das fortschreitende Werk, bis die Form zerstört war und kein Auge mehr entdecken konnte, wo an dem plattgeschlagenen Klumpen ehedem Brillanten und Topase wie Sterne vom Himmel erglänzten.

Die unglückliche Stadt hatte nun hergegeben, was sie besaß; man konnte also füglich den Stab weiter setzen. Des Obersten Hand glitt prüfend über die Brusttasche des Waffenrockes – er lächelte. Da war eine hübsche Anzahl edler Steine versammelt, große und kleine, weiße und farbige – er wußte am besten, für wen.

Mit klingendem Spiel zog das Regiment des Weges. Wie angenehm, den Sieg so leicht zu erkaufen, so mühelos!

Sein Pferd tänzelte lustig, eine französische Melodie flog windgetragen durch die sonnige Morgenluft, ein grüner majestätischer Wald zeigte von fern den Wanderern die rauschenden Wipfel. Immer weiter, weiter, mitten hinein ins Herz des Landes – vor ihm Genuß und Gewinn, hinter ihm Tränen und Aschenfelder. Was kümmerte es den Mann ohne Herz, wieviel andere litten? Er hatte schon in Ägypten geplündert und die Dörfer verwüstet, schon in Ägypten im Kugelregen gestanden, ohne getroffen zu werden – das gleiche würde auch hier geschehen. Und halblaut summend fiel er ein in die Melodie der Soldaten.


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