Ludwig Winder
Die nachgeholten Freuden
Ludwig Winder

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5

Er ging einige Schritte stadtwärts, dann bog er ab. Rechts führte der Weg zur Bahnhofstraße, links lag, hinter einem Kartoffelfeld, Elsas Fabrik. Die Fabrik war unsichtbar, aber in dem Häuschen, das Elsa bewohnte, brannte Licht. Peter ging diesem Licht entgegen, ohne es zu wissen. Daß die Wohnung beleuchtet war, fand er selbstverständlich, obwohl er wußte, daß Elsa in der Regel vor zehn schlafen ging. Er wunderte sich auch nicht, als er, sich dem Hause nähernd, sah, daß Elsa im offenen Fenster lag. Er wußte nicht, wie ungewöhnlich es war, daß er nach Mitternacht auf Elsas Haus zuging und daß Elsa im Frost der kalten Herbstnacht im 297 offenen Fenster lag. Einige Schritte vor dem Hause blieb er stehen. Jetzt erst schien er zu erkennen, wohin er gegangen war. Schwerfällig drehte er sich um und schickte sich an, den Weg zurückzugehen. Er hob den Kopf und lauschte. Die Klänge des Jazzorchesters kamen über das Feld geweht. Elsa liegt im Fenster und hört zu, dachte er; gut, daß sie mich nicht sehen kann.

Langsam ging er den Weg zurück, die Musik kam immer näher, aber er hörte sie nicht mehr. Plötzlich hörte er seinen Namen rufen. Er drehte sich um, erblickte Elsa. Sie ging sehr rasch, sie lief geradezu. Peter fand es nicht sonderbar, daß sie, die Zurückhaltende, aus dem Haus gestürzt war, um ihm nachzulaufen, er blieb ruhig stehen, als ob diese nächtliche Begegnung auf freiem Feld etwas Selbstverständliches gewesen wäre.

Sie stand nun neben ihm. Sie hatte ein schwarzes Cape umgeworfen. Sie blickte zu Peter auf wie zu dem steinernen Monument eines Riesen. Sie suchte seine Hand. »Sie zittern ja«, sagte sie.

Jetzt rasch ein kräftiges Wort, befahl er sich; zu dumm, diese nächtliche Promenade zu ihrem Haus, das ist ja hysterisch! Er wollte lachen, und es gelang ihm, aber dieses Lachen erschreckte Elsa vollends. Er ist ja völlig fassungslos, dachte sie. »Nicht lachen«, bat sie und nahm seinen Arm. Sie führte ihn und wußte, etwas Schreckliches müsse geschehen sein, so willenlos ließ er sich führen.

Dann erzählte er.

Was für ein Kind er ist, dachte sie. Mich überrascht es durchaus nicht, was sein Vater jetzt tut, ich hab' es 298 kommen gesehn. Ich hab' gewußt, daß Dupics »seelische Krise« beiläufig so enden wird, ein Mensch wie Dupic kennt keine seelischen Krisen, davon war ich immer überzeugt; wenn ich es aber Peter gesagt hätte, wäre er entrüstet gewesen. Wie entrüstet wäre er aber, wenn er wüßte, daß ich seinem Vater in diesem Augenblick am liebsten um den Hals fiele. Daß Peter endlich zu mir gekommen ist, mitten in der Nacht, in der Stunde grenzenloser Verlassenheit, fast gegen seinen Willen – das hab' ich nur Dupic zu verdanken. Wie schwach und hilflos er ist, dieses große Kind! Ich kann an seinem Schmerz nicht teilnehmen, nie war ich so glücklich wie in diesem Augenblick, mir ist so leicht, als ob ich auf einer andern Welt wäre, ich schwebe hoch über der Erde, ich schleppe diesen großen starken Mann am Arm, er wiegt sicherlich achtzig Kilo, und ich spür' es nicht, ich glaube, ich könnte ihn auf die Arme nehmen und meilenweit tragen, so stark fühl' ich mich, wie komisch, wie unbegreiflich komisch ist das!

Sie waren am Ende des Kartoffelfeldes angelangt, der Weg zur Bahnhofstraße lag vor ihnen, in der Bahnhofstraße brannte trüb eine Gaslaterne. »Wir müssen umkehren«, sagte Elsa und fürchtete, er werde sich losreißen und sie verabschieden. Er ließ sich aber willenlos führen, vielleicht merkte er gar nicht, daß sie den Weg zu Elsas Haus zurückgingen. Er sprach noch immer von seinem Vater, von dem teuflischen Plan. Es fiel Elsa auf, daß er – er! – diesen Ausdruck gebrauchte; er sprach überhaupt heute anders als sonst, ganz ohne Verstand, ganz sinnlos und wirr. Elsa meinte, er überschätze die Wirkung des Volkshauses. Er sagte, auch 299 Elsas Fabrik sei nun erledigt, da der Vater ihre Arbeiter durch das Volkshaus versklaven und verderben werde; deshalb habe Dupic vorderhand nichts gegen die Fabrik unternommen. Alles, was bis zum heutigen Tag geschehen sei, habe das nun Kommende nur vorbereitet; alles Böse sei nur Vorspiel gewesen, nun erst erfolge der Hauptschlag. Nun erst komme Sodom und Gomorrha. Nun erst werfe sich der Teufel mit voller Wucht den Menschen entgegen. (Wie er sich ausdrückt, dachte Elsa, wie maßlos er seinen Vater jetzt hassen muß, wenn er diese Ausdrücke gebraucht, die ihm sonst ein Greuel sind; wie gut, daß er es nicht weiß, er würde es sich nie verzeihen.)

Sie näherten sich dem Hause, der Lichtschein aus Elsas Schlafzimmer fiel auf Peters Gesicht. Es war ein fremdes Gesicht, ein Zug um den Mund machte es fremd, schöner, feierlich. Wenn er doch wieder sein gewöhnliches Gesicht hätte, wünschte sie; nie hatte sie es wie in diesem Augenblick empfunden, wie sehr ihr dieses unschöne Gesicht teuer war, nicht nur das Leuchten der braunen Augen und das braune Haar, auch die breite Stirn, der zu große Mund, das breite Bauernkinn. Sie stellte sich auf die Fußspitzen und legte die Hand auf seine Schulter, sie wagte nicht, ein Wort zu sprechen, wie war das schwer, sie wußte nur, daß sie ihn in dieser Stunde nicht allein lassen dürfe, in seinen Augen war mehr als Verzweiflung, war Todesbereitschaft. Komme, was immer, dachte sie, ich will jetzt tun, was mein Herz mir befiehlt; wenn es einen Gott gibt, so hat Gott ihn in dieser Stunde zu mir getrieben.

Sie öffnete das Haustor, er trat mit ihr ein, sie führte 300 ihn in das Wohnzimmer, schloß das Fenster, er setzte sich; als sie sich umdrehte, sah sie ihn in dem Klubsessel sitzen. Er fröstelte, das Zimmer war nicht geheizt. Jetzt sitzt er in meinem Klubsessel, dachte sie. Wie oft hab' ich mir das vorgestellt, wie das sein wird, er in diesem Klubsessel und ich auf seinem Schoß, jetzt ist er endlich gekommen. Er weiß es wahrscheinlich nicht, weiß nicht, daß er bei mir ist, er ringt mit Gott und dem Teufel, wie sollte er da merken, daß er bei mir ist.

Sie setzte sich neben ihn und betrachtete ihn. Wenn er, ohne mich zu bemerken, das Haus verließe, so fremd, wie er gekommen ist, wäre ich schlimmer daran als er, dachte sie. Was ist dagegen sein Ringen um Gott! Ich verstehe das natürlich nicht, ich weiß nicht, was das ist: Ringen um Gott, ich kann mir nichts unter dem Begriff Gott vorstellen, aber keinesfalls kann Gott so tief verletzen wie der Mensch, den man liebt. Gott ist das Weltall oder ein Unsichtbares, jeden Augenblick kann er sichtbar werden, wenn man an ihn glaubt, jeden Augenblick kann man ihm näherkommen, wenn man nichts denkt als: Gott, Gott, komm zu mir! Wahrscheinlich beruhigt, besänftigt es schon, ihn zu rufen, man darf ihn jederzeit rufen, es ist nicht schamlos, ihn zu rufen. Ich aber, ich darf nicht rufen: Komm zu mir! Ich darf mich ihm nicht aufdrängen, es wäre schamlos. So nah hab' ich ihn vor mir, ich sehe sein Gesicht und seine Hände, fast kann ich seinen Atem spüren, und dennoch keine Möglichkeit, ihm näherzukommen.

»Ich weiß jetzt, wie alles zusammenhängt«, rief er, plötzlich aufspringend. »Ich glaube, jetzt hab' ich's gefunden. Es ändert die Sache von Grund auf.« Er begann 301 sehr schnell zu sprechen: »Mein Vater muß die Menschen zur Sünde verführen; auf andere Art kann er seine Einsamkeit nicht durchbrechen. Dadurch wird er zwar ein immer größerer Sünder, aber die Distanz zwischen ihm und den anderen Menschen wird kleiner. Er will nicht das Böse als Selbstzweck, sondern er will die Menschen zur Sünde verleiten, weil es für ihn keine andere Annäherungsmöglichkeit gibt. Beachten Sie, daß er nicht immer Böses, daß er manchmal auch Gutes getan hat. Das Böse und das Gute, alles hatte nur den einen Zweck, die Menschen zur Sünde zu verführen. Sein Ideal ist, unter lauter Sündern zu leben. Wenn er das erreicht, ist er nicht mehr einsam. Wer ihm entgegenarbeitet, stößt ihn in die Einsamkeit zurück. Ganz klar. Verstehen Sie das?«

»Vollkommen. Und –«

»Und?«

»Deshalb betrachtet er Sie mit Recht als seinen größten Feind.«

Er nickte, flüsterte: »Was soll ich tun?«

»Nicht mehr an ihn denken.«

»Wie kann ich das?«

Sie stand auf, wollte sprechen, sie brachte keinen Laut hervor. Sie ging zum Fenster, er sah ihren Rücken beben, ihre Schultern zucken.

Er flüsterte:

»Verwirren Sie mich nicht, Elsa. Ich darf nicht nachgeben. Ich darf nicht an mich denken. Ich habe schon zu viel, zu sehr an mich gedacht. Die ganze Zeit habe ich zu viel an mich – an Sie gedacht; deshalb ist mir mein Werk mißlungen.« 302

Sie drehte sich jäh um. Überrascht sah er, daß ihr Gesicht ruhig, fast hochmütig war. Er hatte ihren Rücken beben, ihre Schultern zucken gesehen, er hatte geglaubt, daß sie weine. Sie sah aus wie ein Mensch, der einen Entschluß gefaßt hat. Sie sagte:

»Ich kann Ihnen nicht helfen. Ich werde Ihnen das Haustor öffnen.«

Sie ging an ihm vorüber, öffnete die Vorzimmertür.

Er ging einen Schritt auf sie zu, sagte leise: »Verstehen Sie mich denn nicht?«

»Nein«, sagte sie schroff.

Erstaunt blickte er sie an.

»Ich verstehe Sie nicht«, wiederholte sie in dem überraschend schroff en Ton, der ihn schmerzender traf als ihre Worte, »ich habe kein Verständnis für Ihre Mission. Was geht mich Ihr Vater an! Was geht mich die Welt und die Menschheit an! Was geht es mich an, ob sie gut oder schlecht ist! Das alles geht mich nichts an. Meinetwegen kann die Welt zugrunde gehn, meinetwegen kann die Menschheit aus lauter Mördern bestehn, es geht mich nichts an.«

Er stürzte auf sie zu, flüsterte, kaum hörbar:

»Elsa . . . Warum sagen Sie das gerade jetzt?«

Sie antwortete nicht. Er packte sie beim Handgelenk, sie wendete sich ab, er ließ ihre Hand fallen, blickte in ihr Gesicht und wich zurück. Er sah, daß ihr Gesicht nicht ruhig und nicht hochmütig war, sondern in Trauer erstarrt. Trauer lag gläsern starr wie eine sehr dünne Eisschicht über dem sich vom Licht abwendenden Gesicht.

Sie fühlte, daß er sie anstarrte. Bitter sagte sie:

»Es ist vielleicht gut, daß Sie mich einmal ansehn. 303 Vielleicht bemerken Sie jetzt, daß ich nicht mehr das junge Mädchen bin, das ich vor sechs Jahren war.«

Er blickte sie fragend an, und sie sagte mit schrecklichem Ernst, er empfand es wie eine Züchtigung, daß sie es ohne Lächeln sagte:

»Ich bin einunddreißig Jahre alt.«

»Einunddreißig . . . ist das möglich?« stammelte er, wurde sich sofort der Ungeschicklichkeit bewußt und versuchte zu lächeln: »Einunddreißig . . . in diesem Alter fängt man heutzutage ja erst zu leben an. Sie haben bis jetzt nichts versäumt.«

Sie lachte auf, verstummte sofort und wendete das Gesicht wieder dem Dunkel zu.

Diese flüchtende Bewegung ergriff ihn tief. Er stammelte:

»Das ist natürlich Unsinn . . . Ich weiß, daß Sie mir die schönsten Jahre geopfert haben. Auch daran bin ich schuld. Überall, wohin ich blicke: Schuld. Und alles nur, weil ich Sie . . . zu sehr . . . zu sehr . . .«

»Zu sehr liebe, wollen Sie sagen«, sagte sie mit der hochmütig abwehrenden Stimme, die er vor diesem Abend nicht gekannt hatte. »Das Wort ›Liebe‹ will Ihnen nicht über die Lippen, scheint mir.« Sie lachte, schloß langsam die Tür, ging auf ihn zu und sagte:

»Hätten Sie mich doch lieber weniger geliebt!«

Er fuhr zurück. Sie flüsterte: »Ich bitte Sie, gehen Sie jetzt. Ich verstehe Sie nicht, und Sie haben mich nicht verstanden.« Sie schien noch etwas sagen zu wollen, ihre Lippen zitterten. Sie ging zur Wand, blieb der Wand zugekehrt und flüsterte:

»Das lange Warten macht schamlos.« 304

Er ging langsam auf sie zu und sagte tonlos:

»Nun wissen Sie es. Ich bin noch schlechter als mein Vater.«

Sie sprach zur Wand:

»Ich verstehe Sie nicht. Ich weiß nicht, was gut und was schlecht ist. Ich weiß nur, daß man nur einen Menschen lieben kann. Das weiß ich, und das wissen Sie nicht.«

»Ich weiß es«, flüsterte er.

Sie drehte sich langsam um und flüsterte:

»Wenn Sie es wissen . . . wie können Sie da noch an Ihren Vater denken!«

Er küßte sie, sie umarmte ihn, sie taumelten zum Klubsessel. Sie hielt den Atem an, er sollte nicht merken, wie sie keuchte.

»Laß mich Atem schöpfen«, keuchte sie.

»Nein!«

Am Morgen erwachte er in ihrem Bett. Sie war bereits wach.

»Denkst du noch an deinen Vater?« lächelte sie.

»Sprich nicht von ihm«, flüsterte er.

»Ich will sehr oft von ihm sprechen«, lächelte sie, »denn jetzt hab' ich dich geheilt.«

 

6

Allegra sprang aus dem Bett und warf einen Blick auf die Straße. Der Pariser Herbst war noch gestern warm 305 und freundlich gewesen, heute hatte es aber die ganze Nacht geregnet. Die Stimme eines Hausierers, die täglich punkt halb neun Uhr morgens vor dem Hause trompetete, hatte sich heute nicht vernehmen lassen, deshalb war Allegra länger als sonst liegengeblieben. Das langgezogene »Marchand d'habits! Marchand d'habits!« war ihr Weckruf. Verdammt! Sie hatte beabsichtigt, heute etwas früher aufzustehen, sie wollte verreisen, vorher aber ihr tägliches Arbeitspensum absolvieren.

Um halb zehn verließ sie das Haus. Durch die Rue Bonaparte polterte der Autobus, der zum Boulevard des Italiens fuhr. Sie pflegte jeden Tag vor der Kunsthandlung Roquette, wo er fünf Sekunden – man mußte sich sehr beeilen – hielt, einzusteigen. Sie rannte zur Haltestelle, erreichte sie vor dem Autobus, aber der Schaffner übersah im undurchsichtigen Grau des Regentags das Zeichen, das sie gab, sie schrie ihm ein Schimpfwort nach, er schimpfte zurück, brachte aber den Autobus zum Stehen. In diesem Augenblick fiel Allegra ein, daß sie sich gestern vorgenommen hatte, von nun an jeden Morgen ein Auto zu nehmen, die vier Franken täglich spielten keine Rolle mehr. Lachend kehrte sie dem Autobus den Rücken. An der Ecke der Rue Jacob wollte sie ein Auto nehmen, da dort keins zu sehen war, entschloß sie sich, noch die hundert Schritte zur Place Saint-Germain-des-Prés zu gehen, beim Café Deux Magots würde sie bestimmt ein Auto bekommen.

Auch dort stand kein freies Auto. Sie lachte, es war ihr im Grunde nicht unwillkommen. Vor dem Café wollte sie gern an einem der zierlichen Tischchen 306 sitzen. Das Segeltuch über den Köpfen schützte nur unvollkommen vor dem Regen, aber das tat nichts. Sie trank langsam, genießerisch den guten Kaffee, heute war ein besonderer Tag, sie wollte nicht hasten. An diesem Tischchen hatte sie ihren ersten Pariser Vormittag verbracht. Gegenüber lag ihre Lieblingskirche, die uralte, gemütliche Kirche Saint-Germain-des-Prés. In dieser Kirche hatte sie sich gesammelt, bevor sie zur Prinzessin Mary Esterhazy gefahren war. Wie war damals alles ungewiß und abenteuerlich gewesen! Wie hatte sie vor der Prinzessin gezittert! Eine schrullige Alte hatte sie sich vorgestellt, eine Art Erzherzogin, die nach dem Zusammenbruch aus Trotz und Frömmigkeit Schneiderin geworden ist.

Allegra sieht sich an der Tür des Ateliers auf dem Boulevard des Italiens läuten. Ein Lehrmädchen öffnet, ruft die Prinzessin. Allegra steht einem kleinen, brünetten, lachenden Mädchen gegenüber. Das ist keine Erzherzogin, das ist ein reizendes Kerlchen, diese kleine ungarische Prinzessin. Sie spricht schlecht Französisch, schlecht Deutsch, sie ist, wie Allegra schon am ersten Tag sieht, märchenhaft unpraktisch und untüchtig, aber sie macht wundervolle Kleider. »Wo haben Sie das gelernt?« fragte Allegra. – »Überhaupt nicht. Ich kann es von selbst. In Budapest habe ich aus Passion unserer Schneiderin manchmal zugesehn, aber es war eine fürchterliche Schneiderin.« Sie sprechen von der gemeinsamen Freundin, die Allegra nahegelegt hat, sich mit der Prinzessin zusammenzutun. Allegra hat keine Ahnung von Schneiderei, keine Ahnung von der Aufgabe, die sie übernehmen soll. Auch die Prinzessin 307 weiß nicht genau, wozu sie Allegra braucht; sie hat, wie die Großfürstin Marie, die Nichte des Zaren, ein Atelier auf dem Boulevard des Italiens eröffnet, sie macht schöne Kleider, sie beschäftigt acht geschickte Schneiderinnen, aber es ist keine Ordnung in dem Betrieb, alles geht drunter und drüber, es fehlt auch noch der richtige Kundenkreis. Allegra soll Direktrice werden, soll hier Ordnung machen. Ich – Ordnung machen! denkt sie. Die Prinzessin kennt mich nicht; wenn sie wüßte . . . Aber am ersten Abend werden die beiden jungen Frauen Freundinnen, Allegra nennt die Prinzessin »Hasi«, entwirft einen Kriegsplan. Man wird höhere Preise machen, unverschämte Preise, man wird nur für Millionärinnen und zwei, drei prominente Schauspielerinnen arbeiten. Man wird sich in der Pariser Gesellschaft zeigen; das hatte die Prinzessin unterlassen; schwerer Fehler, der gutgemacht werden muß. Vor allem aber: man wird sich nicht bestehlen lassen. – Dieses Programm entwarf Allegra am ersten Abend im Café de la Paix.

Jetzt muß sie über ihre Naivität von damals lachen. Wie kompliziert alles war, als das Programm ausgeführt werden sollte! Welche Schwierigkeiten da auftauchten! Aber nach und nach ist es geglückt, das ganze Programm, Punkt für Punkt. Noch ist der Sieg nicht entschieden, aber für die nächste Zeit ist das Atelier sichergestellt, es gilt für vornehm, bei der Prinzessin Esterhazy arbeiten zu lassen, man beschäftigt bereits zwanzig Arbeiterinnen. Hasi ist reizend. Sie ist gestern, obwohl die Herzogin von G. morgen das neue Abendkleid haben muß, stundenlang mit Allegra durch 308 Paris gefahren, um eine Wohnung für Allegras Eltern zu suchen. Heute fährt Allegra nach Boran, nach drei oder vier Tagen will sie mit den Eltern nach Paris zurückkehren. Wenn keine unvorhergesehenen Zwischenfälle eintreten, wird man den Eltern ein sorgenfreies Dasein bieten können.

Ein Sonnenstreifen lief über den Tisch. Allegra erschrak, sah nach der Uhr, es war elf. Sie hatte nicht bemerkt, daß es nicht mehr regnete. Eineinhalb Stunden hatte sie an dem Tischchen verträumt. Schändlich. Sie zahlte rasch, nahm am Boulevard Saint-Germain ein Auto und fuhr »ins Geschäft«. Hasi, in der linken Hand einen Fetzen Crêpe Georgette, mit der Rechten den Rücken einer entkleideten fetten Amerikanerin antippend, warf der Freundin einen komisch-entsetzten Blick zu. Der Amerikanerin gefiel nichts, Allegra brachte sie mit ihrem drolligen Englisch zum Lachen und zur Vernunft.

»Wenn du nur schon zurück wärst, ich kann mit den Amerikanerinnen nicht umgehn«, seufzte die Prinzessin, besann sich aber sofort und schimpfte, weil Allegra vor der Reise ins Atelier gekommen war; es wäre durchaus nicht nötig gewesen, meinte Hasi, sie hätte sich schon allein beholfen. Dann kamen aber vier Damen gleichzeitig, zwei Aristokratinnen und zwei Schauspielerinnen. Drei mußten warten, Allegra braute in dem kleinen Salon, den sie neben dem Probiersalon eingerichtet hatte, einen Cocktail. Alles war vorbereitet, Whisky, Rum, Gin, Kognak, Kirsch, nur die Champagnerflasche mußte rasch noch gekühlt werden. Der Cocktail schmeckte den Damen vortrefflich, 309 nachdem Allegra erklärt hatte, Cocktail müsse am Morgen, vor dem Déjeuner, genossen werden, das mache schlank, die Prinzessin habe das Rezept aus Ungarn mitgebracht.

Der Schnellzug Paris – Prag fuhr um fünf Uhr nachmittags ab. Um halb fünf war Allegra noch im Atelier. Sie mußte noch im letzten Augenblick eine abreisende Amerikanerin, die zu feilschen versuchte, und einen Beamten der Comédie Française, mit dem wegen der Nennung des Ateliers auf dem Theaterzettel unterhandelt wurde, gleichzeitig abfertigen. Auch die Prinzessin hatte keinen Augenblick Zeit; Allegra hatte aber vor der Abreise etwas Wichtiges mit ihr zu besprechen. Es handelte sich um die Frage, was mit Max geschehen solle. Gestern hatte die Prinzessin die Bemerkung fallenlassen, wenn Max nach Paris käme, könnte er, falls er nichts Besseres fände, die Bücher führen. Über diesen Vorschlag hatte Allegra heute nachdenken wollen, eigentlich hatte sie sich deshalb am Morgen ins Café Deux Magots gesetzt, aber sie war nicht imstande gewesen, sich auf den Gedanken zu konzentrieren. Jetzt wollte sie unbedingt noch rasch mit Hasi zwischen Tür und Angel von Max sprechen.

»Hasi«, rief sie, »ich muß fahren, hast du einen Moment Zeit?«

»Nein, mein Herz, aber ich fahre trotzdem zur Bahn mit.«

»Das erlaube ich nicht.«

Sie küßte die Prinzessin und fuhr zum Bahnhof. Es hatte keinen Sinn, sich mit Hasi zu beraten. Hasi war sehr für Max eingenommen, ohne ihn zu kennen; sie 310 wollte, obwohl sie selbst von ihrem Gatten getrennt lebte und einen Liebhaber hatte, Allegra aus unerfindlichen Gründen Max wiedergeben.

Eine Minute vor Abfahrt des Zuges kam Allegra auf dem Bahnhof an, glücklicherweise hatte sie schon gestern den Schlafwagenplatz bestellt. Sie nahm sich vor, keinen Bissen zu essen und nicht zu schlafen, solange sie sich über Max nicht klargeworden sein würde. Es erschien ihr sehr sonderbar, daß sie oft an Max denken mußte, seit sie getrennt waren. Sie hatte zwei Liebesaffären hinter sich, sie war in Paris zuerst die Freundin eines verwöhnten Schriftstellers, dann die Geliebte eines reichen Sportsmanns geworden, hemmungslos hatte sie sich in die Abenteuer gestürzt, mit Liebe hatte das nichts zu tun. In den Armen des Sportsmanns hatte sie sehnsüchtig an Max gedacht, das Leben war unbegreiflich komisch. Als die seit Wochen geplante Reise nach Boran nähergerückt war, hatte der Gedanke an Max wieder jeden Reiz verloren. Der Richtige war noch nicht gekommen, aber jeder beliebige Mann war ein amüsanterer Liebhaber als Max; hingegen schien es in ganz Paris keinen Mann zu geben, der so zart und selbstlos wie Max mit einer Frau umzugehen verstand. Nun, man wird sehen. Alles wird vom Augenblick abhängen. In Nancy begann Allegra zu speisen, um Mitternacht war man in Straßburg, dort legte sie sich schlafen. Sie schlief bis neun Uhr morgens, frühstückte im Speisewagen und machte die Bekanntschaft eines Berliner Legationsrats, der nach Prag reiste; er hielt sie für eine Französin und wollte sie bewegen, mit ihm nach Prag zu kommen. In Eger mußte sie 311 umsteigen. Um sieben Uhr abends kam sie in Boran an. Max wartete allein auf dem Bahnhof, die Eltern waren demnach noch nicht völlig versöhnlich gestimmt. Sie küßte Max, dann erst betrachtete sie ihn. Er hatte den Kuß nicht erwidert, er war entsetzlich eingeschüchtert, er benahm sich wie ein Fremder.

»Darf ich dich zuerst in – unsere Wohnung führen?« fragte er.

Die Pause vor dem Wort »unsere« vergrößerte maßlos die Peinlichkeit des Augenblicks, von Sekunde zu Sekunde wuchs die Fremdheit, Allegra fühlte die niederdrückende Luft von Boran. Mit wilder Freude dachte sie: Paris!!

»Nein«, sagte sie hastig, »ich will gleich die Eltern sehn.«

Sie warf einen flüchtigen Blick auf das Volkshaus, lächelte: »Boran entwickelt sich«, und fragte, das Lächeln ausdehnend: »Wie geht es dir immer?«

»Ganz gut«, sagte er beklommen; »und dir?«

»Die Schneiderei macht sich«, erwiderte sie mit gelangweiltem Gesicht; »bitte, möchtest du mir das Gepäck abnehmen?«

Er wurde rot, murmelte: »Verzeih, ich denke an gar nichts«, und übernahm hastig die Reisetasche. Dann schwieg er und ging mit dem unerschütterlichen Ernst, den sie nicht vertragen konnte, an ihrer Seite. Er ist unmöglich, dachte sie.

Ja, jetzt müßte ich ein andrer Kerl sein, überlegte er; vielleicht ließe sie sich halten, wenn ich ein andrer Kerl wäre. Verstohlen blickte er sie an, ihr Gesicht war sehr frisch, trotz der langen Eisenbahnfahrt. 312

»Ich bin sehr froh, daß du gekommen bist, ich möchte einiges mit dir besprechen«, sagte er.

»Rien de grave, j'espère?« sagte sie kühl.

Es irritierte ihn, daß sie Französisch sprach; ihre Gedanken sind in Paris, dachte er. Sie fragte, ob die Eltern mit dem Plan einer Übersiedlung nach Paris einverstanden seien. Er konnte mitteilen, die Gräfin sei sofort einverstanden gewesen, sie habe die Übersiedlung bereits eingeleitet, man packe die Reisekoffer. Allegra war freudig überrascht, sie hatte heftigen Widerstand erwartet, obwohl sie wußte, daß die Verhältnisse im Schloß seit ihrer Flucht nicht erquicklicher geworden waren.

»Ja, sie ist mit allem einverstanden«, berichtete Max, »es ist psychologisch vielleicht nicht zu erklären; sie hat die ganze Zeit ihr Martyrium mit einem gewissen Stolz getragen. Sie hat es dir zuerst verübelt, daß du in einem Atelier arbeitest. Darüber denkt sie jetzt anders. Wenn es überhaupt Widerstand gegeben hat . . . geht er von Papa aus.«

»Was redest du da.«

»Ja. Er will hierbleiben.«

Nun, das waren ja interessante Neuigkeiten. Allegra konnte keine Fragen mehr stellen, sie waren bereits im Schloß. Ohrenbetäubender Lärm erscholl auf den Korridoren, der Alte mit der Ziehharmonika spielte und sang, vor dem Zimmer des Grafen ließ eine kränklich aussehende junge Frau einen Schürhaken auf das Gesäß eines etwa vierjährigen brüllenden und strampelnden Knaben niedersausen.

»Entsetzlich«, murmelte Allegra, »das hatte ich schon vergessen.« 313

Die Begrüßung der Eltern war nicht gerade herzlich, aber immerhin weniger peinlich, als Allegra befürchtet hatte. Allegra wusch sich, dann setzten sich alle ins Zimmer des Grafen. Die Gräfin hatte ihren Vorrat an Vorwürfen bereits in unzähligen Briefen verausgabt, sie kam auf die alten Angelegenheiten nicht mehr zurück. Sie brachte es sogar über sich, nach dem Atelier zu fragen. Sie wollte wissen, was für ein Mensch die Prinzessin Esterhazy sei. Und welche Beschäftigung Allegra in dem Atelier habe; ob sie auch schneidere.

Nein, sie selbst schneidere nicht, lachte Allegra, diesbezüglich könne Mama beruhigt sein; die Prinzessin hingegen schneidere, aber auch das sei keine Schande.

»Du mißverstehst mich«, sagte die Gräfin mit großer Würde; »du mißverstehst mich ganz und gar. Auch ich werde in Paris arbeiten. Nach langem Nachdenken bin ich daraufgekommen, daß es jetzt für unsereins keine Unehre ist, selbst die niedrigsten Arbeiten zu übernehmen, solange die andern obenauf sind. Nur mit den andern gleichzeitig oben zu sein: das wäre unanständig.«

»So kann man es auch auffassen«, lächelte Allegra, »aber – was mich betrifft – ich komme ohne Philosophie aus.«

»Ich habe keine Philosophie, aber man muß wissen, was man tun darf und warum man es tun darf«, sagte die Gräfin.

Allegra wandte sich ab; diese hochmütige Demut stimmte sie traurig.

»Und du, Papa?« fragte sie beklommen.

Der Graf antwortete nicht gleich. Er verhielt sich wie ein unbeteiligter Zuschauer. Sie beobachtete ihn 314 sorgenvoll, sie wußte, daß sie der einzige Mensch war, den er liebte, sie wußte auch, daß er alles, was sie tat, guthieß. Er war nicht fähig, ihr etwas zu verübeln. Er hatte auch ihre Flucht nach Paris verständnisvoll beurteilt; das stillschweigende Einverständnis, das sie verband, war nie getrübt gewesen. Deshalb war es deprimierend, daß er jetzt wie ein teilnahmsloser Fremder dasaß.

»Ich?« sagte er. »Was willst du wissen, Allegra?«

»Ob du dich freust, daß wir wieder beisammen sein werden. Und daß jetzt das unerträgliche Leben, das du hier führen mußtest, zu Ende sein wird.«

»Liebes Kind, es ist nicht so unerträglich, wie du glaubst«, sagte er und blickte auf seine Hände nieder.

Seine Hände hatten Allegra schon bei der Ankunft erschreckt. Die Finger bewegten sich unaufhörlich, wie in wahnsinniger Angst unnatürlich lebhaft gewordene, phantastisch große Raupen.

»Ich weiß, wie es war«, sagte sie.

»Aber nein, wirklich nicht, nur am Anfang war es etwas schwierig, später nicht mehr; ich wüßte nicht, wo ich es besser haben könnte«, sagte der Graf ungeduldig. Es klang wie eine Beteuerung, die auf Unglauben stößt und deshalb mit um so größerer Beharrlichkeit wiederholt werden muß.

»Du konntest ja nicht einmal mehr Klavier spielen«, sagte Allegra.

»Das war auch so eine Einbildung«, lächelte der Graf nervös. »Ich werde dir gleich zeigen, daß es sehr gut geht.«

Er setzte sich ans Klavier und begann zu spielen. Auf dem Korridor trat einen Augenblick Stille ein, dann 315 brach der Lärm mit verdoppelter Stärke wieder los. Die Ziehharmonika brachte jetzt erstaunlich kräftige Mißtöne hervor, die kleinen Kinder brüllten wie auf Kommando durcheinander. Besonders peinigend war eine sehr hohe, schrille Frauenstimme, die deutlich »hihiih, hihiih« lachte, wie kein Mensch lacht. Das hüpfende, gellende »hiih« übertönte alle Stimmen.

Der Graf spielte, ohne sich um den Lärm zu kümmern. Was er spielte, konnte nicht herausgehört werden, denn nur die wenigsten Klaviertöne waren vernehmbar. Entsetzt blickte Allegra den Vater an. Er spielte, als ob er in einem stillen Hause allein wäre; der sanfte Anschlag, den man sah, aber nicht hörte, ließ erraten, daß etwas Zartes, Liebliches mit großer Empfindung gespielt wurde.

»Nicht, Papa«, bat Allegra. Als er trotzdem weiterspielte, schrie sie ihm zu: »Ich kann das nicht hören!«

Das Spiel brach ab. Der Graf ließ die Hände auf den Tasten ruhen und sagte: »Siehst du, Allegra, mich stört der Lärm gar nicht. Ich höre ihn nicht mehr. Ich höre nur, was ich spiele.«

Verstört blickte Allegra um sich. Weder Max noch die Gräfin schienen irritiert.

Der Graf schloß behutsam das Klavier und setzte sich zu ihnen.

Allegra stand auf und legte die Hand auf seine Schulter: »Papa, wir wollen schon morgen fahren.«

Der Graf hob den Kopf und lächelte ihr zu:

»Mama muß aus dieser Umgebung fort. Ich freue mich, daß sich das jetzt ermöglichen läßt. Aber ich – ich bleibe.« 316

»Aber warum? Warum, wenn es nicht mehr notwendig ist?« sagte Allegra erregt.

»Warum sollte ich fort, solange ich bleiben darf?« erwiderte der Graf.

»Vielleicht will Papa mich loswerden«, sagte die Gräfin. Allegra empfand es als eine Ungeheuerlichkeit, daß die Mutter einen derartigen Scherz aussprach.

»Nun, vielleicht bleiben wir beide hier«, sagte der Graf; »ich dürfte dieses Opfer nicht verlangen, aber man wird in einem gewissen Alter egoistisch.«

»Aber das ist ja verrückt«, lachte Allegra nervös auf. »Verzeih, Mama, aber das ist doch –«

Die Gräfin blickte Allegra ernst an und sagte: »Wir waren eben, bevor du ankamst, dabei, alles zu besprechen. Du siehst, daß unsere Koffer gepackt sind. Wir werden heute oder morgen ins reine kommen.«

Man trennte sich bald, weil dem Vater schon während des Essens die Augen zufielen. Auf dem Weg nach Hause sprach Allegra nur von ihm. Max war schweigsam wie immer. Er sah der Nacht mit dem glühenden Bangen eines Knaben, der zum erstenmal eine Frau umarmen soll, entgegen.

Allegra blieb einen Augenblick träumend stehen, als sie die Wohnung betreten hatten. Dann lachte sei: »Alles musterhaft. Viel ordentlicher als zu meinen Zeiten.« Dann quälte sie die Frage, ob sie mit ihm schlafen müsse. Sie konnte nicht begreifen, daß sie sich in Paris nach ihm gesehnt hatte. In Paris geht alles leichter, dachte sie. Ihre Liebschaften hatten ihr nicht die geringsten Gewissensqualen verursacht. Hier hing an jedem Gedanken, an jedem Wort das ganze Gewicht 317 einer das Gewissen lebenslänglich belastenden Verantwortung. Nun, er wird nichts fragen, tröstete sie sich, vor Geschmacklosigkeiten darf ich sicher sein – aber wie konnte ich den Gedanken erwägen, wieder mit ihm zu leben?

Sie ging zu Bett und schloß die Augen. Lange Zeit hörte sie ihn nicht, er mußte regungslos irgendwo stehen oder sitzen. Dann hörte sie ihn kommen und zaghaft flüstern: »Allegra.« Sie öffnete die Augen und blickte zu ihm auf, er zitterte ein wenig, und seine Augen baten schüchtern. Das muß ich wohl für ihn tun, dachte sie, erschüttert von dem plötzlichen Widerwillen, den sie empfand. Sie lächelte gewährend und zog ihn zu sich nieder.

Er ging bald in sein Bett. Die Umarmung hatte ihn nicht glücklich gemacht, er ahnte jetzt, daß Allegra anderen Männern gehört hatte. Bis heute hatte er an dem widersinnigen Gedanken festgehalten, daß sie ihm in Paris treu bleiben wolle.

Am Morgen mußte er in die Fabrik. Allegra war entschlossen, ihm in einem ausführlichen, ehrlichen Brief schon in den nächsten Tagen die Scheidung vorzuschlagen. Sie ging ins Schloß und drängte zur Abreise, sie wollte keine zweite Nacht mit Max verbringen. Beim Mittagessen erfuhr er, daß die Abreise bereits am Nachmittag erfolgen werde. Niemand hatte Zeit, sich um ihn zu kümmern, denn Allegra und die Gräfin mußten sich mit dem Vater befassen. Er weigerte sich noch im letzten Augenblick, als der Wagen vor dem Schloß wartete, mitzureisen. Allegra zog ihm den Winterrock an, er wollte ihn von sich werfen und 318 klammerte sich an einen Sessel. Als alle Überredungskünste gescheitert waren, begann die Gräfin zu weinen. »Recht so, Mama«, flüsterte Allegra ihr zu, dann ergriff sie den Vater beim Arm, die Gräfin nahm seinen anderen Arm, so schleppten sie ihn zum Wagen und in den Schnellzug.

»Ich werde bald schreiben«, rief Allegra aus dem Coupéfenster. Max lächelte ihr zu, sie blickte ihn ernst an. Das tat ihm wohl, fast fröhlich winkte er dem verschwindenden Zug mit dem Taschentuch.

Vielleicht hab' ich zu schwarz gesehn, dachte er, vielleicht war ich nur krankhaft eifersüchtig; es scheint, daß ihr der Abschied schwerfällt.

 


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