Ludwig Winder
Die nachgeholten Freuden
Ludwig Winder

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4

Die tschechische Delegation berichtete täglich aus Paris, die Friedenskonferenz sei bereit, alle tschechischen Wünsche zu erfüllen. Die deutschen Politiker versuchten mit ihren schwachen Kräften, den Anschluß Deutschböhmens an Deutschland zu 166 erzwingen. Niemand glaubte ernstlich an einen Erfolg ihrer Bemühungen. Aber es gab immerhin Kämpfe, und die tschechoslowakischen Papiere fielen.

Elsa notierte täglich den sinkenden Kurs ihrer Poldiaktien. Die Kurstabelle, die sie in einem alten Haushaltungsbuch angelegt hatte, war von Tränen verwischt. Es waren Tränen der Wut. Alles, was geschehen war und geschah, beschämte Elsa. Es war deprimierend, durch eigene Schuld in ein sinnloses Spiel mit dem Schicksal getrieben worden zu sein, es war noch deprimierender, kein Glück zu haben.

Der Vater drohte noch immer mit dem Lehrer Hirsch, Lehrer Kohn. Es war eine Zeit der Depressionen. Auch Karl war immer mißgestimmt, er lehnte es ab, mit dem Vater die Zukunft zu besprechen. Der Vater trieb ihn an, rasch das Doktorat zu machen, ein Boraner Advokat hatte sich bereit erklärt, Karl in die Kanzlei zu nehmen – dem Lehrer, dem wohlgelittenen Manne zuliebe. Was wollten die Kinder? War ihre Zukunft nicht sehr annehmbar? Karl Advokat, Elsa gut verheiratet, durften sie mehr verlangen? Gott weiß, was sie sich in den Kopf gesetzt hatten. »Meine Kinder wollen hoch hinaus.«

Karl wünschte keine Auseinandersetzung mit Elsa. Sie tat ihm leid, er kannte ihre Sorgen, aber er fand ihre Strafe kaum zu hart. Wer unter die Spekulanten geht, verdient kein Mitleid. (Er wußte nicht, daß sie kein Mitleid wollte.) Wer mit den Ausbeutern paktiert, deklassiert sich selbst. Wer Dupic dreißigtausend Kronen entlockt, ist längst auf der andern Seite, da gibt es keine Brücke. Der Krieg ist an allem schuld, auch an Elsas 167 böser Verstrickung, gewiß; aber der Krieg konnte nur herausholen, was immer schon in ihr war. Was war vor dem Krieg in ihr gewesen? Ein ungeheures, unmotiviertes Selbstbewußtsein. »Jeder muß sich selbst helfen!« Ihre eigenen Worte. Nun wohl, hilf dir selbst.

Karl hatte viele Feinde. Er schrieb für kommunistische Zeitungen. Er agitierte gegen Dupic. Er nützte den »Fall Prikryl« geschickt aus, er sammelte Material gegen Dupic. Er durfte aber keine Namen nennen, das nahm seinen Angriffen die Stoßkraft. Man kannte ihn wenig, die Arbeitslosenversammlungen wollten nichts von ihm wissen. In der ersten Versammlung, in der er sprechen durfte, rief man ihm zu: »Sie haben dreißigtausend Kronen von Dupic bekommen!« Er rief in den Saal: »Nicht ich, sondern meine Schwester!« Sie verdient keine Schonung, sagte er sich, wie komme ich dazu, mich wegen ihrer Geldgier von meinem Weg verdrängen zu lassen? Ich will nichts für mich, ich habe das Recht, rücksichtslos zu sein. »Ich lehne jede Verantwortung für meine Schwester ab«, rief er in den Saal, »sie geht mich nichts an. Die Betrogenen, die um ihren Anspruch auf Glück und Freiheit Geprellten sind meine Brüder und Schwestern. Meine Familie sind die Millionen, die der Krieg elend gemacht hat. Ihnen will ich dienen. Der Kapitalismus ist heute mächtiger denn je, wir dürfen unsere Kräfte nicht zersplittern. Wir müssen rücksichtslos vorgehen – auch gegen unsere Angehörigen, wenn sie uns in den Rücken fallen.«

Elsa erfuhr am selben Tag, daß Karl sie preisgegeben hatte. Sie machte ihm keine Vorwürfe, sie versuchte nicht, das Mißverständnis aufzuklären. Ein 168 Mißverständnis war es; von Geldgier wußte sie sich frei. Wäre sie geldgierig gewesen – nie hätte sie es über sich gebracht, zu Dupic zu gehen! Auch sie kämpfte gegen die Macht des Geldes – nur ihr Weg war ein anderer. Sie wollte es dereinst beweisen. Erklären konnte sie nichts, solange der Erfolg ausblieb. Jedermann hatte das Recht, das Schlimmste von ihr zu denken, die Tatsachen sprachen gegen sie. Mochte man denken, daß sie sich verkauft hatte. Mochte man sie für eine raffinierte Spekulantin halten; das durfte sie nicht deprimieren.

Nur der Mißerfolg deprimierte sie. 29250 Kronen hatte sie für ihre 25 Poldiaktien bezahlt; inzwischen war der Kurs von 1170 nach trügerischen Schwankungen beständig gesunken. Ende November: 1020. Ende Dezember: 950. Am 4. Februar wurde die Prager Börse eröffnet, gleichzeitig wurde bekannt, daß der tschechische Finanzminister durch eine Banknotenabstempelung die Stabilisierung der Krone erzwingen wolle. Einige Industriepapiere stiegen, die Poldiaktien rührten sich nicht. Elsa erfuhr den Grund: die Poldihütte in Kladno war das Zentrum der kommunistischen Bewegung in der Tschechoslowakei. Einer der Führer, die in Kladno agitierten, war Karl. Der Bankbeamte, von dem Elsa es erfuhr, sagte: »Gelingt es den Kommunisten, in Kladno Fuß zu fassen, so wird Poldi im nächsten Monat vielleicht überhaupt nicht mehr notiert. Ich rate, Poldi zu verkaufen. Wer jetzt verkauft, verliert etwas, wer später verkauft, verliert wahrscheinlich alles.« Elsa war konsterniert. Bis zu diesem Augenblick hatte sie gehofft, der Kurs werde wieder in die Höhe gehen. Dupic hatte es prophezeit, an Dupics Spürsinn glaubte sie 169 noch immer. Sie war überzeugt, Dupic könne nicht falsch spekulieren, Dupic müsse alles wissen. Aber vielleicht hat er seine Poldiaktien längst verkauft? durchfuhr es sie. Einige Tage war Hausse in Poldi gewesen, vielleicht hat Dupic damals seine Aktien verkauft – und ich, ich habe den Anschluß versäumt. Es ist allerdings eine kaum ins Gewicht fallende Hausse gewesen; mit dem kleinen Profit, der damals zu erzielen war, kann sich ein Dupic nicht zufriedengeben, diesen kleinen Profit kann er nicht gemeint haben, als er ins Telephon rief: »Poldi wird steigen, nur kaufen, es wird ganz toll werden!« Auch Dupic kann einmal schlecht spekuliert haben, er konnte nicht voraussehen, daß Kladno das Zentrum der kommunistischen Bewegung wird. Wenn ich nur wüßte, ob Dupic seine Poldi verkauft hat!

Elsa wußte, daß es ihr gleichgültig sein konnte, ob Dupic seine Poldiaktien noch besaß; dennoch hatte sie das abergläubische Gefühl, sie müsse erfahren, was Dupic unternommen habe. Sie erwog, ob sie Dupic fragen solle; in diesem Augenblick wurde ihr klar, daß ein Grauen vor Dupic sie lähmte. Lieber sterben als noch einmal in Dupics Wohnung! Sie war eingeschüchtert, ratlos, ohne Selbstvertrauen, ohne Selbstachtung. Sie sagte sich: Das größte Verbrechen, das ein Mensch begehen kann, ist: das Stehenbleiben auf halbem Wege. Einerlei, wohin der Weg führt: man muß ihn mit offenen Augen zu Ende gehen. Man darf sich nicht mehr zutrauen, als man bewältigen kann. Man darf sich nicht von Zufällen beirren lassen. Was aber ist nicht Zufall? Was man »Bestimmung« nennt – auch das ist Zufall. 170 Allen Zufällen gewachsen sein – nur das, nichts anderes, ist Kraft, Talent, Lebenskunst, Beweis der Daseinsberechtigung. Noch eins erkannte sie: in entscheidenden Augenblicken ist jeder Mensch einsam. Da ist man allein wie der erste Mensch, da kann niemand raten, niemand helfen. Man wird auf einen unzugänglichen Grat gehetzt, wohin einem niemand folgt. Jetzt erst begriff sie, was es hieß: »Jeder muß sich selbst helfen.« Sie fieberte nach einem Wort des Zuspruchs, fast hätte sie sich dem Vater anvertraut, unsagbar schön stellte sie es sich vor, dem Vater alles zu sagen, zu wissen, ich bin nicht mehr allein, jemand weiß um meine Qual, jemand würde mir helfen, wenn er könnte. Rechtzeitig gab sie diesen Wunsch auf. Aber nach einer schlaflosen Nacht fuhr sie nach Kladno zu Karl.

Traumhaft unwirklich erschien es ihr, daß die Poldiaktien dieselbe Wirklichkeit haben sollten wie alles, was rings auftauchte, Gebäude und Schächte, Männer in blauen Kitteln, schwarze Erde, Schienen, Kohle und Ruß. Ihr erster Gedanke war: Karl hat recht. Ja, tausendmal hatte er recht, nie hatte sie bedacht, daß Tausende Menschen hier Gesundheit und Leben opfern mußten, um den Aktionären Reichtum und Überfluß zu verschaffen. Und trotzdem erfüllte es sie mit Erbitterung, daß die Bergarbeiter jetzt untätig herumstanden, in den Kantinen saßen und streikten. Sie bebte vor Wut, sie wäre am liebsten mit einer Peitsche in die Leute hineingefahren. Und wußte: Mich sollte man peitschen, ich sollte gezüchtigt werden, jede Züchtigung wäre zu milde.

Sie fragte nach Karl, er ließ ihr sagen, sie müsse 171 warten. Zwei Stunden lief sie umher, bald von Soldaten, bald von Streikposten angehalten, endlich kam Karl; schweißbedeckt, mit heiserer Stimme sagte er unwillig: »Was suchst du hier?« – »Wo kann ich ungestört mit dir sprechen?« flüsterte sie. Er führte sie in einen tiefen Hohlweg, auf beiden Seiten war Kohle aufgeschichtet, sie standen auf den Schienen einer schmalspurigen Kohlentransportbahn, an beiden Enden des Hohlwegs standen Kohlenwaggons. Wenn die Waggons von links und rechts auf mich zurollen, mich zermalmen wollten, das wäre die beste Lösung, dachte Elsa, einen andern Ausweg gibt es nicht. »Was willst du also?« fragte Karl ungeduldig, kampfbereit, er war furchtbar erregt, seine Augen blickten irr und gequält an Elsa vorbei. Sie atmete kaum, sie schwieg. Nein, sie konnte ihm nichts sagen, es war unmöglich, jetzt wußte sie, was sie ihm hatte sagen wollen. Wenn Poldi nicht steigt, bin ich verloren, hatte sie sagen wollen. Nein, es hatte keinen Sinn, es zu sagen. Er wußte es ja. Er würde zweifellos antworten: Willst du das ungeheuerliche Ansinnen an mich stellen, die Arbeiter zu verraten, damit deine Aktien sich erholen? Sie nahm Karls Arm und lächelte: »Ich wollte dich einmal in einer Arbeiterversammlung hören, ich kann mir das nicht vorstellen, wirst du heute eine Rede halten? Wenn ja, laß mich zuhören.« Er blickte ihr in die Augen und sagte: »Ich kann dir nicht helfen, Elsa. Es tut mir leid . . . Spielen wir keine Komödie.« – »Was meinst du? Ich versteh' dich nicht«, sagte sie heftig schluckend. – »Machen wir kein Theater«, sagte er heiser, »ich begleite dich zur Bahn, fahr nach Hause.« 172

Sie gingen stumm. Als Elsa in den Waggon kletterte, streifte Karl sie mit einem scheuen, beinahe schuldbewußten Blick. »Mach keine Dummheiten, Elsa«, sagte er leise, »hörst du? Keine Dummheiten, sondern ruhig abwarten, vielleicht wird noch alles gut.« Sie nickte, wahrscheinlich hatte sie kein Wort verstanden, sie saß am Kupeefenster, gebückt, mit zitterndem Kopf, wie eine alte Frau.

Auf der Rückfahrt erwog sie noch einmal alle Möglichkeiten, alle Unmöglichkeiten. Die Aktien verkaufen und das Geld Dupic zurückerstatten? Sinnlos, denn dreißigtausend Kronen sind nicht aufzubringen. Ob die Schuld eine Krone oder dreißigtausend Kronen beträgt – man ist in Dupics Hand.

Auf dem Heimweg vom Bahnhof dachte Elsa – nicht zum erstenmal –, daß es vielleicht nicht ganz sinnlos wäre, zu Dupics Sohn zu gehen. Das heißt: sinnlos wäre es wohl, aber vielleicht beruhigend. Alle Leute sagten, von Dr. Peter Dupic gehe eine unerklärlich beruhigende Wirkung aus, auch die Gesunden, die den Arzt nicht brauchten, hätten die Erfahrung gemacht, insbesondere Dupics Schuldner. Niemand warne vor Dupic so eindringlich wie sein eigener Sohn, niemand stemme sich Dupic so vehement entgegen wie Dr. Peter Dupic. Geholfen habe er freilich noch keinem.

Als das Gerede über Dupics Sohn aufgekommen war, hatte Elsa einen neuen raffinierten Kniff des alten Dupic vermutet. War es nicht möglich, daß die beiden Dupic einander in die Hand arbeiteten, um Gott weiß wie und Gott weiß zu welchem Endzweck der Bevölkerung den Garaus zu machen? Zu läppisch, diese 173 Geschichten, die man von Dr. Peter Dupics Kampf gegen den eigenen Vater erzählte. Was hatte er eigentlich getan? Nichts, gar nichts. Die den Mund vollnahmen und von Dr. Dupic wie von einem Heiland schwärmten, selbst sie mußten zugeben, daß er nichts gegen seinen Vater unternahm. Unterstützt hatte er keinen Menschen. Wahrscheinlich war er mittellos. Somit hatte er von vornherein keine Möglichkeit, seinem Vater entgegenzuarbeiten, selbst angenommen, daß er es ehrlich meinte. Eine starke Persönlichkeit war er offenbar ebensowenig wie ein reicher Mann, denn von einem günstigen Einfluß auf Dupic war nichts zu spüren. Was war es also mit diesem Doktor Dupic?

Sie sah den jungen Arzt hie und da auf der Straße, sie hatte nie mit ihm gesprochen. Sie fand ihn zu groß, zu stattlich, zu gesund, obwohl sie stattliche, gesunde Männer lieber sah als die kleinen brünetten Lehrer, die der Vater einzuladen pflegte. Dupics Sohn kann nicht sympathisch sein – diese vorgefaßte Meinung saß in ihr fest, sie war bis vor kurzem entschlossen gewesen, seine Bekanntschaft nicht zu machen. In den letzten Tagen, als der kommunistische Einfluß auf Kladno ihr die letzte Hoffnung geraubt hatte, war ihr zum erstenmal der Gedanke gekommen, wie alle andern Schuldner Dupics bei seinem Sohn Rat zu suchen. Die Hemmungen waren zu stark gewesen. Heute machten sie sich nicht geltend. Es ist zwar sinnlos, sagte sie sich, aber wenn es mich drängt, etwas Sinnloses zu tun, ist ein Besuch bei Dr. Dupic vielleicht das Unschädlichste.

Es war drei Uhr nachmittags, als sie Peters Haus betrat. Sie wollte zunächst als Patientin auftreten. 174 Welche Krankheit täuscht man am leichtesten vor? Es fiel ihr keine ein, sie entschloß sich, auf eine Eingebung zu warten. Sie saß eine halbe Stunde lang apathisch im Wartezimmer, zweimal erschien Dr. Dupic in der Tür, um Patienten zu empfangen, er sieht seinem Vater nicht ähnlich, dachte Elsa, eigentlich sieht er wie ein Bauer aus, kaum zu glauben, daß er besonders intelligent ist. Welcher Unsinn, hier zu sitzen, hier zu warten, ich weiß ja, wie es ausfallen wird, er wird irgendeine Krankheit feststellen und mir ein Medikament verordnen, dann werde ich nach Hause gehen und das Rezept zerreißen und mich über meine Dummheit ärgern.

Der Arzt verabschiedete den letzten Patienten und nickte Elsa zu. Sie folgte ihm ins Ordinationszimmer, beantwortete mechanisch seine Fragen und dachte: Er hat eine angenehme Stimme, von dieser Stimme geht wahrscheinlich die ganze Suggestion aus. Unwillkürlich verzog sie spöttisch den Mund, im selben Augenblick fühlte sie sich seltsam irritiert, es waren Peters Augen, die sie irritierten.

»Sie kommen wegen meines Vaters, nicht wahr?« sagte Peter.

Sie schloß die Augen und sagte: »Ja.«

Ihre Verwirrung wuchs. Sie krampfte die Finger ineinander und dachte: Warum hab' ich ja gesagt? Man hält mich für arrogant, weil es noch nie einem Menschen gelungen ist, mich einzuschüchtern, warum soll ich mich gerade von diesem Menschen einschüchtern lassen, will er mich hypnotisieren? Das soll ihm nicht gelingen. Ich bin ein skeptischer Mensch, ein 175 ausgesprochener Verstandesmensch. Sie öffnete die Augen und sagte: »Wegen Ihres Vaters? Wieso. Ich fühle mich krank, untersuchen Sie mich, bitte.«

Er fühlte ihren Puls. »Welche Symptome? Kopfschmerzen? Hals? Herz? Lunge? Temperatur?«

Sie machte böse, zornige Augen und preßte die Lippen zusammen. Peter prüfte nicht mehr den Puls, er hielt ihre Hand. Er beugte sich vor und sagte: »Wir wollen nachdenken, wie wir Ihre Schwierigkeiten am besten beheben könnten.«

»Sie glauben mir also nicht, daß ich krank bin?«

Er ließ ihre Hand frei und sagte: »Sie haben die Dupic-Krankheit.«

»Was heißt das?«

»Ich bin hauptsächlich Arzt für Dupic-Kranke, Dupic-Krankheit-Spezialist, wenn Sie wollen. Deshalb kommen Sie zu mir.«

Sie stand auf, ging zum Fenster, blieb dort minutenlang stehen. Sie blickte hinüber zu Dupics Haus. Einen Augenblick lang glaubte sie, Dupic am Fenster zu sehen. Jäh drehte sie sich um.

Sie griff sich an die Schläfen, sie hatte plötzlich geglaubt, Dupic grinse hinter ihr. Sie sah Peter am Schreibtisch sitzen. Er lächelte ihr zu.

»Sie fürchten sich wohl sehr vor ihm?« sagte er.

Sie lief zur Tür des Wartezimmers, öffnete und schloß sie. Sie hatte geglaubt, Dupic sitze im Wartezimmer.

»Niemand ist hier, Sie brauchen keine Angst zu haben«, sagte Peter aufstehend und führte Elsa zum Schreibtisch. Sie setzte sich vollkommen erschöpft und lächelte verlegen. 176

»Jetzt wollen wir uns aussprechen«, sagte Peter. »Zuerst muß ich Ihnen aber sagen, wie ich zu meinem Vater stehe. Dann werden Sie mir vielleicht eher Vertrauen schenken.«

Er gab ihr eine Zigarette und begann:

»Vermutlich hat man Ihnen erzählt, daß ich einen Kampf gegen meinen Vater führe, daß ich meinen Vater hasse und dergleichen. Alle derartigen Gerüchte sind Unsinn.

Ich hasse ihn nicht, ich würde nie seine Feinde unterstützen, obwohl mir bekannt ist, daß er aus Lust am Bösen, aus reiner Freude am Bösen viele Menschen unglücklich macht. Er tut mitunter auch Gutes, und ich weiß, daß die guten Taten, die man ihm zuschreibt, kein Milderungsgrund sind, denn auch das Gute, das er tut, ist nicht gut.

Trotzdem bin ich nicht sein Feind. Sie dürfen nicht glauben, daß ich ihn verteidige, weil ich sein Sohn bin. Daß er mein Vater ist, beeinflußt mich nicht, denn ich habe ihn nie geliebt, wie man einen Vater liebt. Ich liebe ihn aber mehr, als man den besten, zärtlichsten Vater liebt, weil ihn die Natur oder das Schicksal oder Gott bestimmt hat, zu werden, was er ist.

Vor neunzehnhundertneunzehn Jahren ist Jesus Christus ausersehen worden, alle guten Kräfte, deren die Menschheit fähig ist, in sich zu vereinigen. Vor etwa sechzig Jahren ist mein Vater ausersehen worden, ein Krater aller bösen Kräfte der Menschheit zu werden.

Wir alle leiden an der Verkommenheit unserer Zeit, aber mein Vater ist schlimmer dran als wir, denn in 177 ihm ist alles, was uns leiden macht, aufgespeichert und eingemauert. Was uns von außen bedrängt, können wir, wenn wir uns redlich mühn, abwehren und abstreifen. Mein Vater kann das nicht. Unsere Zeit tobt sich in seinem Innern aus, und er weiß es nicht. Man könnte ihn vielleicht einen Besessenen oder Verrückten nennen. Er ist im selben Maß besessen und verrückt, wie es unsere Zeit ist.

Ihm ist Schwereres auferlegt als uns allen. Deshalb bedarf er eher als jeder andere der Liebe. Niemand liebt ihn; deshalb muß ich ihm alle Liebe ersetzen, die ihm – wie es natürlich ist – von allen andern vorenthalten wird.

Ich muß trachten, seine zerstörenden Kräfte in schöpferische umzuwandeln. Ich muß die Menschen hindern, Objekte seiner bösen Kräfte zu werden. Das ist alles, was ich tun kann. Gelänge mir das, so könnte er mit seinen ungeheuren Mitteln die Menschheit weiterbringen – vielleicht mehr als jeder andere. Die Kraft, die in ihm rast, wird wirken, solange er lebt. Nun wissen Sie, was ich will. Indem ich allen zu helfen trachte, die unter ihm leiden, helfe ich ihm. Jetzt bitte ich Sie, mir zu sagen, wie ich Ihnen helfen könnte.«

Befremdet hatte Elsa zugehört. Sie konnte nicht alles verstehen. Dieser Mann gibt sich einer Aufgabe hin, die ihm nur Enttäuschungen bringen kann, dachte sie. Eine solche Aufgabe übernehmen ist Selbstmord.

»Sprechen Sie frei«, mahnte er.

Sie senkte die Stirn. Ihre Sorgen schienen ihr in diesem Augenblick geringfügig und kleinlich. Sie dachte an die Aufgabe, die sie sich gestellt hatte, und 178 fand sie, mit der seinen verglichen, unbedeutend und würdelos.

»Ich bin Ihrem Vater Geld schuldig«, sagte sie leise.

»Wieviel?«

»Dreißigtausend Kronen.«

Er schien nicht überrascht. Er lächelte:

»Und wann müssen Sie das Geld zurückzahlen?«

»Am fünfzehnten Oktober.«

»Was haben Sie mit dem Geld gemacht?«

»Aktien gekauft. 25 Stück Poldihütte.«

»Die Aktien sind inzwischen gefallen, und Sie fürchten, am fünfzehnten Oktober das Geld nicht zurückzahlen zu können, nicht wahr?«

»Ja.«

»Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen. Ihre Aktien werden steigen. Sehr beträchtlich steigen. Sie werden am fünfzehnten Oktober bedeutend mehr als dreißigtausend Kronen besitzen.«

Verdutzt blickte sie zu ihm auf.

»Das ist ganz sicher«, lächelte er. »Mein Vater hat es gesagt. Er kauft immer noch Poldiaktien, weil er weiß, daß sie bedeutend steigen werden.«

Sie sprang erregt auf.

»Es wundert mich, daß Ihr Vater mit Ihnen derartige Dinge bespricht«, sagte sie.

»Tut er nicht. Tut er prinzipiell nicht. Aber ich habe es auf Umwegen aus ihm herausgekriegt. Ich wußte nämlich, daß Sie das Geld in Poldiaktien angelegt haben.«

Er stand auf und blickte ihr in die Augen.

»Ja, ich hab' es gewußt. Die ganze Stadt weiß es ja.« 179

Sie wich seinen Blicken aus. Sie wollte sprechen und konnte nicht. Er sprach weiter:

»Mein Vater irrt sich bestimmt nicht. Er hat hellseherische Begabung auf diesem Gebiet. Übrigens ist es sogar einem Laien wie mir klar, daß die Aktien steigen müssen. In einigen Tagen wird die Friedenskonferenz die Entscheidung über Deutschböhmen treffen. Alle tschechoslowakischen Papiere werden dann in die Höhe gehen. Und was speziell die Poldihütte betrifft – die Kommunisten haben dort schlechte Aussichten. Mein Vater ist stärker. Europa ist noch nicht reif zum Kommunismus. Sie müssen nämlich wissen, daß gegenwärtig jedes Land in Europa seinen Dupic hat. Die Massen können einstweilen keinen Dupic besiegen. Zuerst wird mir meine Aufgabe gelingen müssen. Dann wird – hoffentlich – der Weg frei sein.«

Er war entflammt. Elsa reichte ihm die Hand. Er beugte sich über ihre Hand. Sie flüsterte:

»Darf ich Ihnen sagen, daß ich nicht aus Habgier zu Ihrem Vater gegangen bin, sondern . . .«

»Aber ich weiß es doch«, unterbrach er sie, »ich brauche Sie nur anzusehn und weiß es. Beruhigen Sie sich, bitte.«

Sie lief aus dem Zimmer. Sie lief, atemlos blieb sie auf der Treppe stehen. Sie blickte hinauf zu Peters Wohnungstür. Minutenlang stand sie regungslos, mit brennenden Wangen. 180

 


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