Ludwig Winder
Die nachgeholten Freuden
Ludwig Winder

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Dupic war der Sohn eines kroatischen Bauern. Alle Vorfahren Dupics väterlicherseits waren Bauern gewesen, hatten Bauerntöchter geheiratet. Keinem war es gelungen, den Besitz zu vergrößern. Das Haus der Dupic stand an der Landstraße zwischen Dugosela und Rugvica. Es war ein unansehnlicher Holzbau; hinter dem Hause der Stall, ein Feld. Der Erstgeborene erbte das Feld, das Haus und den Stall.

Adam Dupics Vater war der erste Dupic, der keine Bäuerin heiratete. Er hatte, wie alle Dupic, als Infanterist gedient, war aber, entgegen der Gepflogenheit, nach der Militärzeit nicht heimgekehrt. Erst nach neun Jahren, als Dreißigjähriger, kam er zurück und übernahm den Besitz. Wo er sich herumgetrieben hatte, wußte niemand. Er brachte eine schöne, fremdartige, siebzehnjährige Frau mit. Man staunte sie an. Sie 55 sprach kein Wort Kroatisch, es hieß, sie sei Türkin, Svetozar Dupic habe sie in Adrianopel kennengelernt und entführt. Der Bürgermeister von Dugosela behauptete jedoch, Dupic sei nur in Dalmatien gewesen, die Frau sei Dalmatinerin. Der Besitzer des Gasthauses, das Dupic vor der Militärzeit regelmäßig besucht hatte, verbreitete das unglaubwürdige Gerücht, die junge Frau sei eine Jüdin aus Agram.

Sechs Monate nach der Heimkehr des jungen Paares wurde Adam Dupic geboren. Alle Männer der Umgebung waren in die junge Frau verliebt, Svetozar Dupic hütete sich, sie allein zu lassen. Sie fand Beschäftigungen für ihn, die ihn nötigten, hie und da zu verreisen. Einmal hatte man in Agram einen neuen Kunstdünger hergestellt, der jedem Landwirt eine rationellere Bewirtschaftung ermöglichen sollte, Svetozar Dupic mußte nach Agram reisen. Einmal nötigte die Frau ihn, auf den Pferdemarkt zu fahren, es sei nicht länger möglich, ohne Pferd auszukommen. Einmal mußte er die landwirtschaftliche Ausstellung besuchen. War er aus dem Haus, so legte sie sich ins Bett. Sie hatte keinen Geliebten, alle Männer waren ihr recht. Ihr Bett stand in der ersten Stube gleich bei der Tür an der weißgestrichenen Wand. Sie lag träg und unbeweglich wie ein träges, unbewegliches Tier, der weißgestrichenen Wand zugekehrt. Näherten sich Männerschritte, verschob sie ein wenig die Bettdecke, so daß ein schmaler Streifen des Frauenkörpers durchschimmerte. Sie wußte nicht, welcher Mann eintrat und die Tür zusperrte, es berauschte sie, es nicht zu wissen.

Das Haus bestand aus zwei Stuben und einer Küche. 56 Als Adam elf Jahre alt war, gebar seine Mutter das achte Kind. Obwohl Svetozar Dupic in Schulden steckte, mußte er eine Magd aufnehmen. In der ersten Stube schliefen der Mann, die Frau und die drei jüngsten Kinder, in der zweiten Stube Adam mit vier Geschwistern, in der Küche die Magd. Bis zum zwölften Lebensjahr schlief Adam trotz dem ewigen Kindergeschrei die Nächte durch, ohne das Gebrüll zu hören. Eines Tages kam er aus der Schule, fand einen fremden Mann in den Armen der Mutter, lief in die zweite Stube, hörte Seufzer aus der Küche, öffnete die Küchentür, sah einen fremden Mann im Bett der Magd. Der Vater war verreist.

Von diesem Tag an hatte Adam unruhige Nächte. Er hielt mit fiebrigen Händen den schreienden Geschwistern den Mund zu und lauschte. Er sagte nichts dem Vater, er verachtete ihn. Er beobachtete mit frechen, gierigen Augen den trägen Gang der üppigen Mutter, den halbnackten Körper der mageren Magd, die sich über den Brunnen beugte. Er verachtete die Weiber, er verachtete mehr noch die Männer. Grenzenlos verachtete er den Vater.

Der magere, hochaufgeschossene Knabe wurde der Geliebte der Magd. Sie fürchtete sich vor ihm, sie wagte nicht, sich seinen Launen zu widersetzen. »Euch Weiber muß man anspucken, dreckige Säue seid ihr, eine wie die andere«, keuchte er ihr ins Ohr. Er keuchte: »Erzähl mir von der Mutter.« Die Magd, die vom ersten Tag an die Frau haßte, ließ sich nicht bitten. Sie wußte viel, sie berichtete alles, mehr, als sie wußte, glühend schilderte sie, den Mund über seinen Augen, 57 alles, was ihre Phantasie ihr eingab. Er ermunterte sie, er war unersättlich, glühend schloß sie mit strahlenden Augen: »So eine ist deine Mutter.« Er rührte sich nicht, plötzlich sprang er auf, gab der Glühenden zwei Ohrfeigen, spie ihr ins Gesicht.

Vierzehn Jahre alt, war er reifer und erfahrener als die Eltern, obwohl er noch nichts von der Welt wußte. Der Vater hatte zu trinken begonnen, er schien zu wissen, was in seinem Hause vorging, der Knabe sah ihn oft mitten im Feld sitzen und seufzen. Der Vater hatte gute hilflose Augen, der Sohn ließ lange den Blick auf dem vor der Zeit altgewordenen Gesicht ruhen. Er nahm sich vor, eines Tages den Vater zu rächen. Am ersten Abend nach dem Austritt aus der Schule setzte der Knabe sich vor dem Schlafengehen neben den Vater, das kummervolle Greisengesicht des Vierundvierzigjährigen war sonderbar im Einklang mit der Melancholie der reizlosen Abendlandschaft. Der Vierzehnjährige sagte, er wolle in die Welt, er brauche einen Taufschein, sonst brauche er nichts. Der Vater atmete auf, der spionierende älteste Sohn war ihm unbequem gewesen.

Adam wurde Knecht auf einem großen Bauernhof. Er war anstellig, befaßte sich in seiner freien Zeit mit der Führung der Wirtschaftsbücher, las landwirtschaftliche Fachblätter, nach drei Jahren war er die rechte Hand des Großbauern. Er hatte kein leichtes Leben auf dem Bauernhof. Die beiden Söhne des Großbauern sahen den »hergelaufenen Rotzbuben« scheel an, der Bauer vertraute ihm mehr als seinen Söhnen an, pries Adams Tüchtigkeit, seinen Fleiß, sein 58 »ökonomisches Genie«. Adam bemühte sich, die Söhne zu gewinnen. Er erhob keine Beschwerde, er begann ihnen zu schmeicheln, er krümmte vor ihnen den Rücken.

Nach vier Jahren verließ er plötzlich den Dienst. Er hatte sich vorgenommen, auf dem Hof eine bestimmte Summe in die Hand zu bekommen, diese Summe hatte er nun. Er ließ sich nicht halten, nicht durch Versprechungen, nicht durch Drohungen. Der Bauer versprach ihm, testamentarisch den Besitz in drei Teile zu teilen, einen wollte er Dupic geben. Der Achtzehnjährige lehnte ab. Der Bauer geriet in Wut, beschuldigte Dupic, unredlich gewirtschaftet zu haben. Dupic packte ruhig seinen Koffer, erwiderte kein Wort, sagte devot, mit einer tiefen Verbeugung: »Gelobt sei Jesus Christus.«

Er fuhr nach Agram, suchte tagelang ein Unterkommen bei einem Goldarbeiter, endlich nahm einer ihn als Lehrling auf. Dupic blieb drei Monate, dann verschwand er, mietete ein Zimmer in einem anderen Stadtteil. Er besuchte zwei Schulen, am Vormittag eine landwirtschaftliche Fortbildungsschule, am Nachmittag einen Handelskurs. Die Abende dienten dem Gelderwerb. Er nahm keinen Posten an, in schlaflosen Nächten hatte er sich schon vor Jahresfrist zurechtgelegt, wie er in der Hauptstadt reich werden wolle. Er suchte kleine Cafés auf, wo Einbrecher und Diebe mit ihren Mädchen anzutreffen waren, und spielte den schüchternen Dorftrottel, der in die Stadt gekommen war, um sich zu amüsieren. Man schob ihm Mädchen zu, er bezahlte sie großzügig. Keine ahnte, daß dieser lange, knochige Bauernbursche kein Auge für die Reize hatte, die sie ihm anbot. Er war nicht wählerisch, er 59 bezahlte die Hübschen und die Häßlichen mit derselben Freigebigkeit, er machte keinen Unterschied, sagte jeder unter vier Augen: »Du bist die Schönste.« Sie waren ein notwendiger Posten in seiner Rechnung. Er schlich sich in ihr Vertrauen, von ihnen erfuhr er, welche Einbrüche und Diebstähle ihre Zuhälter planten. Da er jeden Abend kam, wußte er bald alle Geheimnisse der Bande. Eines Abends überraschte er alle mit seiner Sachkenntnis, plötzlich war er nicht mehr der Idiot, den man plündern konnte, sondern ein Gauner, der den Geriebensten verblüffende Ratschläge gab. Das Mißtrauen zerstreute er rasch, indem er seine Pläne enthüllte. Er wollte die gestohlenen Sachen kaufen.

Er lehnte es entschieden ab, sich an Einbrüchen und Diebstählen zu beteiligen, aber er wurde der zuverlässigste Abnehmer der Beute. Er kaufte grundsätzlich nur Schmuck, Ringe, Edelsteine, ausnahmsweise und ungern auch goldene Uhren. Er selbst bestimmte den Preis. Er hatte eine rätselhafte Begabung, die Echtheit eines Schmucks auf den ersten Blick zu erkennen. Dinge, die schwer zu verbergen waren, kaufte er nicht, selbst wenn man sie ihm um ein Trinkgeld anbot. Nach vier Monaten war sein Bargeld nahezu aufgebraucht. Er fuhr nach Wien, verkaufte seine Schätze, kehrte als Inhaber eines ansehnlichen Bankkontos zurück.

Tagsüber saß er, ein unersättlich wißbegieriger, musterhaft fleißiger, bescheidener, ärmlich gekleideter Bauernbursche, auf der Schulbank, vormittags in der landwirtschaftlichen Fortbildungsschule, nachmittags im Handelskurs. Die kleinen Cafés und Verbrecherkneipen besuchte er längst nicht mehr. Einmal 60 monatlich hatte er außerhalb der Stadt eine Zusammenkunft mit dem Vertrauensmann der Bande, der auf beiden Händen die Schmucksachen ausbreiten mußte. Dupic hielt in der linken Hand prüfend die Lupe, die Rechte hielt in der Hosentasche den Revolver umklammert. Einmal, als er um sechs Uhr abends aus dem Handelskurs nach Hause kam, stand die Polizei in seinem Zimmer. Er legte, nachdem es dem Kommissar endlich gelungen war, sich dem offenbar nichts begreifenden Bauernjungen verständlich zu machen, die Schulbücher auf den Tisch, öffnete den Koffer, ließ die Leute in der schmutzigen Wäsche wühlen. Unter der Wäsche lagen nur Bücher, im Schrank hingen zwei Anzüge. Die Polizei zog fluchend ab.

Er nahm sich vor, nur noch bis zur Assentierung in Agram zu bleiben. Soldat wollte er nicht werden, die Militärjahre störten seine Pläne, sie mußten vermieden werden. Die Bestechung des Regimentsarztes ging programmgemäß vonstatten. Von dieser Sorge befreit, verließ Dupic die Stadt.

Er lebte in den nächsten drei Jahren in Eisenbahnzügen, auf ungeheuren, im Kot der Balkanstraßen schwankenden Lastwagen und Viehwagen. Er brachte es fertig, Tausende Schweine hinter dem Rücken der Behörden über die Grenzen zu transportieren. Er hatte in Belgrad, in Budapest, in Sofia Leute sitzen, die ihn telegraphisch riefen, wenn es einen kostbaren Gegenstand dunkler Herkunft zu verkaufen gab. Viele Menschen waren von Adam Dupic abhängig. Er hatte keine Geliebte, keinen Freund.

Eines Tages, er war vierundzwanzig Jahre alt, blieb 61 er in Kragujevac in seinem Hotelzimmer nach dem Frühstück untätig sitzen und träumte vor sich hin. Man brachte ihm Briefe und Telegramme, er öffnete sie nicht. Er kritzelte ein paar Ziffern auf einen Briefumschlag, dachte lange nach. Dann stand er auf, warf die Briefe und Telegramme ungeöffnet in den brennenden Ofen, ging zur Bahn und fuhr nach Dugosela. Im Gemeindewirtshaus wärmte er sich, es war ein ungewöhnlich kalter Tag Anfang März, die Bauern saßen um einen großen Tisch und tranken. Niemand erkannte den Riesen, der geduckt an einem kleinen Tischchen saß. Er fragte den Wirt, ob der alte Dupic das Gasthaus zu besuchen pflege. Nein, erwiderte der Wirt, der Arme sei kränklich, sei ein bedauernswerter Mann; selbst wenn er gesund wäre, könnte er nicht kommen, die Frau gebe ihm kein Geld, die Frau sei ein Luder. Dupic zahlte und ging.

Es war halb sechs Uhr abends. Er hatte eine Stunde zum Vaterhaus zu gehen. Die untergehende Sonne vor sich, schritt er tüchtig aus. Er dachte: Sind es wirklich erst zehn Jahre? Zuerst sah er die drei Pappeln, die hinter dem Hause das Feld der Dupic begrenzten, dann erst tauchte das Haus auf, er hatte es sich größer, stattlicher vorgestellt, es war lächerlich klein und armselig. Er riß die Tür auf, sah drei üppige Weiber, drei junge Burschen im Pfeifenqualm auftauchen. Beim Ofen schimmerte matt ein zusammengeschrumpftes gelbes Gesicht, langes weißes Haar. Das war der Vater.

»Was für ein Gestank«, sagte der Eintretende und schüttelte den Schnee vom Pelz. »Seit wieviel Jahren habt ihr das Fenster nicht aufgemacht?« Er ging zum 62 Fenster und riß es auf, die drei Weiber starrten entsetzt, die drei jungen Männer blickten rauflustig, aber noch unschlüssig den Fremden an, der Vater hauchte in die Stille: »Adam.« – »Ja, Vater, guten Abend«, sagte der Heimgekehrte und reichte ihm die Hand. – »Jesus«, hauchte der Vater furchtsam. Er zitterte, aus dem offenen Fenster drang eisige Schneeluft ein. Der Heimgekehrte blickte die Mutter an, sie hatte sich wenig verändert, die beiden Mädchen sahen ihr sehr ähnlich. Er wendete sich an die drei Weiber: »Welche von euch ist die Mutter?« Die Frage schmeichelte der Mutter, sie lachte kokett: »Bist du's wirklich, Adam, und erkennst deine Mutter nicht?« Sie stürzte auf ihn zu, küßte ihn stürmisch, streichelte seinen Pelz. Aha, sie sieht mir an, daß ich Geld hab', dachte er. Er sagte: »Es ist ekelhaft, wenn Weiber Schnaps trinken.« Dann reichte er den Geschwistern die Hand, fragte alle nach ihrem Alter und ihren Namen. »Dir ist's ja gut gegangen, das sieht man dir an«, sagte die Mutter, »siehst ja wie ein Herr aus.« Er antwortete nicht, alles, was er hier sah, versetzte ihn in grenzenlose Wut. Meine ganze Jugend haben sie mir beschmutzt, dachte er, die Mutter in dieser Stube, die Magd in der Küche, was waren das für Nächte! Noch jetzt träum' ich oft davon, noch jetzt hör' ich das Gestöhn und das Kindergebrüll, kein Mensch hat so eine dreckige Jugend gehabt wie ich.

»Geht in die Küche!« brüllte er. Die Brüder murrten, die Schwestern gehorchten mit großen Augen, die Mutter versuchte noch immer, alles scherzhaft zu nehmen, sie sagte, ihm zuzwinkernd: »Kommst wie ein Onkel aus Amerika, daß du so mit uns redest?« – »Das 63 wird sich zeigen«, sagte er ruhig, schob sie in die zweite Stube, sperrte die Türe zu, setzte sich neben den Vater.

»Also laß dich anschaun, Vater«, sagte er und legte beide Hände auf die armseligen zuckenden Schultern. Der Vater hob langsam, schüchtern die winzigen Säuferaugen, der Sohn schnupperte, verzog den Mund, sagte leise: »Mußt du denn saufen?« Der Vater begann zu schluchzen, ließ den Kopf auf die Knie des Sohns niederfallen, der Sohn sah das weiße Haar, blickte auf, sah die weißgestrichenen Wände. Ergrimmt dachte er: Was geht's mich an? Warum bin ich so verrückt und misch' mich ein? Könnt' ich mir nicht ein Haus in Wien kaufen? Könnt' ich nicht in die Welt fahren als großer Herr? Diese Gedanken vertrieb er mit einer Handbewegung. Er beugte sich nieder, richtete den armseligen Körper des Vaters auf, legte beide Hände auf die Schultern des Vaters und sagte: »Ist die Mutter noch immer so, wie sie damals war?« Der Vater rührte sich nicht. »Und die drei jungen Herren und die zwei großen Mädchen, die lungern alle da herum und arbeiten nichts?« Der Alte nickte eifrig, das furchtsame Gesicht heiterte sich auf: »So so so so, so ist's, genau so. Ich kann nicht arbeiten, ich bin krank, aber sie sind gesund und arbeiten auch nicht. Hungern lassen sie mich, schlechte, ungeratene Kinder. Zeig's ihnen nur ordentlich. Das ist gerecht, daß du mit mir sprichst und nicht mit ihnen. Herumgetreten sind sie auf mir.« Der Sohn lächelte: »Wahrscheinlich hast du nichts Besseres verdient.« Er schloß das Fenster, setzte sich wieder neben den Vater und sagte: »Du warst doch auch in deiner Jugend draußen in der Welt, genau so wie ich. Warum 64 hast du dir kein Geld gemacht? Hast dir ein stinkfaules, männersüchtiges Weib ausgesucht, das war alles, was du mitgebracht hast. Warum warst du so dumm? Bist selbst an allem schuld.« Der Vater senkte beschämt den Kopf, der Sohn lachte: »Hast mir wenigstens gezeigt, wie man's nicht machen darf. Hast mir ein abschreckendes Beispiel gegeben. Dafür bin ich dir dankbar, deshalb will ich mich deiner annehmen.«

Er sprang auf, sperrte die Tür auf, brüllte: »Kommt alle her! Mutter, Brüder, Schwestern, kommt!« Die Mutter trat ein, er lächelte sie an, sagte freundlich: »Setz dich, Mutter.« Dann ging er in die zweite Stube, wo die Schwestern sich an die zögernden Brüder klammerten. »Kooommt, koooommt«, sagte er mit verdächtiger Sanftheit, umklammerte die Schultern des Bruders, der sich am weitesten vorgewagt hatte, zerrte ihn zur Tür, stieß ihn in die Stube, wartete, bis alle über die Schwelle gestolpert waren, zwang alle, sich zu setzen, blickte alle lächelnd an. »Du bist aber komisch«, sagte die Mutter, »kommandierst mit uns herum wie ein General.« In seiner Vorstellung war sie immer ein träges, faul hingestrecktes Tier gewesen, nun sah er ein aufgewühltes Weib. Er blieb lächelnd vor den Betten, auf denen die Geschwister saßen, stehen, endlich begann er:

»Du, Mutter, hast hier nichts mehr zu suchen. Geld kannst du von mir haben, auf ein paar Tausender soll es mir nicht ankommen. Aber verschwinden mußt du, das ist die erste Bedingung. Und ihr selbstverständlich auch. Ihr seid kräftige junge Leute, ihr werdet arbeiten. Hier kann ich euch nicht brauchen. Hier werde ich der Herr sein. Der Vater bleibt bei mir.« 65

Die Mutter und die Brüder waren aufgesprungen, die Mädchen hielten sich entsetzt bei den Händen, die Mutter schrie, einer der Brüder heulte immer wieder: »Das werden wir sehn! Das werden wir sehn!« Adam Dupic ließ sie schreien, brüllen, toben. Plötzlich trat Stille ein, die Mutter stand mit erhobenen Armen vor ihm.

»Ich könnte dir sagen: Geh zu deinen Liebhabern«, sagte er ruhig, »aber ich bin ein braver Sohn und will für deinen Lebensunterhalt sorgen.« Er wandte sich an die Brüder und Schwestern: »Ihr werdet nach Agram fahren und mir eure Adresse angeben, dann kriegt jeder von euch Geld von mir, tausend Gulden jeder, die Mutter dreitausend. Aber ihr müßt noch heute fahren, verstanden? Wer morgen noch hier ist, fliegt und bekommt keinen Kreuzer.«

Er kümmerte sich nicht mehr um das Geschrei, nahm Hut und Pelz und ging; weder den Vater noch die anderen würdigte er eines Blicks. Er schlief in Dugosela, am nächsten Morgen brachte ein Wagen ihn und seine Koffer vor das Vaterhaus. Die Mutter und die Geschwister, alle waren in der Stube versammelt, ein Blick sagte ihm, daß sie sich fügten. »Das Geld!« bellte einer der Brüder. »Bitte«, sagte Adam höflich, »da, mit diesem Papier geht ihr in Agram in die Landwirtschaftliche Kreditbank, dort wird das Geld ausgezahlt. Nach Dugosela zur Bahnstation könnt ihr in meinem Wagen fahren, er steht vor der Tür. Mitnehmen dürft ihr, was ihr wollt, aber in einer Stunde müßt ihr abfahren, ich geh' spazieren, in einer Stunde komm' ich zurück, ich will keinen von euch mehr antreffen.« Da die Mutter 66 und die Geschwister das Papier nicht nehmen wollten, gab er ihnen Banknoten, Gold und Silber. Nach einer Stunde kam er zurück. Der Vater saß in dem stillgewordenen Haus auf der Ofenbank, die Schnapsflasche in der Hand. Der Sohn nahm die Schnapsflasche, zerschmetterte sie, erklärte: »Schluß mit dem Saufen, von heute an wird das Haus Dupic neu aufgebaut.«

Er kaufte Vieh und Felder. Im Sommer begann er zu bauen. Neben dem Holzbau wurde ein großes Haus errichtet, zwei kleinere Wirtschaftsgebäude schlossen sich an, im Winter war alles fertig. In diesem Winter starb der Vater.

Adam Dupic arbeitete sechzehn Stunden täglich. Er lebte wie ein Gefangener auf seinen Feldern. Nach dem Begräbnis des Vaters ging er zum erstenmal ins Wirtshaus nach Dugosela. Er setzte sich zu den Bauern, sie verstummten, rückten von ihm ab. Er lud sie ein, das neue Haus, die neuen Wirtschaftsgebäude, die modernen Maschinen zu besichtigen. Sie zeigten sich nicht geneigt, Freundschaft zu schließen. Am Abend stand er auf, ging heimwärts. Hinter dem letzten Haus von Dugosela hörte er plötzlich einen Schrei. Er blieb stehen, lauschte. Eine Kinderstimme schrie: »Dupic Dieb! Dupic Dieb!« In wilden Sprüngen lief er zurück, der höhnenden Stimme nach. Niemand war zu sehen. In ungeheurer Erregung ging er nach Hause.

Am nächsten Sonntag war er wieder im Wirtshaus in Dugosela. Vor sechs Jahren, in den Agramer Verbrecherkneipen, umlauert von Spitzeln und verbündetem Gesindel, hatte er sich sicherer gefühlt als hier. Stumpfe Gesichter ringsum; schlechte Komödianten. Sie 67 sagten nichts, aber er fühlte: sie wissen etwas. Er lauschte, lauerte; nichts. Alle saßen abwehrbereit, in den Augen war es zu lesen: Wir wollen nichts von dir wissen, pack dich. Es trieb ihn, etwas Herausforderndes zu sagen; er beherrschte sich, blieb gleichmäßig freundlich. Auf dem Heimweg zitterte er vor Wut.

Er wollte alles Land ringsum kaufen, der größte Grundbesitzer im Umkreis werden, aber die Bauern hatten sich gegen ihn verschworen. Es waren Meierhöfe zu verkaufen, man brachte seine Bemühungen, sie zu erwerben, zum Scheitern. Niemand war sein Freund, alle waren seine Feinde, keinen konnte er fassen. Er wollte heiraten, hielt zweimal um Bauerntöchter an, beide wiesen ihn ab.

Er heiratete eine Feldarbeiterin. Sie wurde seine treue Dienerin. Sie gebar dreizehn Söhne und eine Tochter.

Die Frau starb nach vierundzwanzigjähriger Ehe. In diesen vierundzwanzig Jahren hatte er keinen andern Gedanken, als Herr des Bezirkes zu werden, der seine Heimat war. Da die Bauern sich von ihm fernhielten, ließ er sich Hypotheken auf die Besitzungen einiger Aristokraten der Umgebung einräumen. Es gelang ihm, fast unmerklich an die Besitzungen der Bauern heranzurücken, denen er konsequent ein freundliches Gesicht zeigte. Der reichste Mann im ganzen Umkreis war der devoteste. Sein Leben war friedliche Arbeit, ereignislose Gleichförmigkeit. Die Jahre vergingen wie ein heißer Arbeitstag.

Im Herbst 1914 warfen mehrere Ereignisse ihn aus dem Gleichgewicht. Ende September fiel in Galizien 68 sein ältester Sohn, der einzige, den er geliebt hatte. Im Oktober und November überstürzten sich die Ereignisse. Die fünf Großbauern, mit denen Dupic am Ende aller Tage abrechnen wollte – alle andern Bauern waren Schuldner und Untertanen dieser fünf –, begannen ohne Nötigung, sich mit ihm auszusöhnen. Alle fünf hatten im Krieg Söhne verloren, der Hauptfeind den einzigen Sohn. Eines Abends, als Dupic nach Dugosela ins Wirtshaus kam, saßen die fünf trauernden Väter beisammen. Er wollte, wie es Brauch geworden war, sich abseits setzen, da riefen sie ihn, nahmen ihn in die Mitte. Sie sprachen von ihren Söhnen, von den toten und von den noch lebenden. Lebten sie noch in dieser Minute? Da fiel das Wort, das Dupic umwarf, sein Erzfeind sprach es aus: »Geld ist Dreck.« Einer sagte: »Es wär' mir recht, wenn alles zugrunde ginge. Ich will von nichts mehr wissen, mich freut die ganze Welt nicht mehr.« Die andern nickten, stimmten bei, einer sagte: »Willst meinen Hof haben, Dupic? Ich zieh' in die Stadt, hier regt mich alles auf.« Irr blickte Dupic sie an. Alle hatten weiße Haare. Alle waren alte Männer. Er hatte es nicht gewußt. Er blickte nieder auf seinen Bart: der Bart war weiß.

Dupic hatte schlaflose Nächte. Irr sprach er mit sich selbst. Diese alten, um ihre Söhne trauernden Männer zu demütigen – das war nie sein Plan gewesen. Wozu aber der große Aufwand an Kraft, Energie, Fleiß, Tüchtigkeit, wohin der endlose Weg, unermüdlich mit zusammengebissenen Zähnen verfolgt, wenn kein Ziel mehr lockte? Zum erstenmal verlor er die Selbstbeherrschung. Die ungewohnte Ratlosigkeit machte ihn 69 krank, er mußte etwas unternehmen. Er stürzte sich, zum erstenmal ohne den Glauben an Erfolg, in große Spekulationen, sie mißlangen, er büßte einen beträchtlichen Teil seines Vermögens ein. Das war die Rettung. Er hatte schlecht spekuliert, er wollte besser spekulieren. Er wollte sehen, ob er noch der Adam Dupic war, der als grüner Junge den größten Gaunern den Meister gezeigt hatte. Er verkaufte die Häuser, die Wirtschaft und die Felder. Er fuhr nach Wien. Er war neunundfünfzig Jahre alt.

Nach einem Jahr hatte er durch Maisspekulationen ein ungeheures Vermögen erworben, das ihm bis vor kurzem unvorstellbar gewesen war. Die Aristokraten, deren Gläubiger er war, halfen weiter. Der Privatsekretär des Kaisers suchte eine geeignete Persönlichkeit zur Abwicklung heikler Geschäfte, die man weder einer Bank noch einem der zur Macht gelangten Schieber anvertrauen wollte. Die Aristokraten schilderten Dupic als einen Bauer, der zu schweigen verstand und in der Stille, von keinem beachtet, die verwegensten Pläne verwirklichte. Der Privatsekretär des Kaisers machte im Frühjahr 1917 einen Versuch mit dem undurchdringlichen Manne. Ende 1917 war Dupic der gesuchteste Finanzmann des Hochadels. Im Juni 1918, im Besitz geheimer Berichte über den Stand des Krieges, begann er fast unmerklich, sich zurückzuziehen. Dann kaufte er Boran. 70

 


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