Ludwig Winder
Die nachgeholten Freuden
Ludwig Winder

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3

Dr. med. Peter Dupic, Sprechstunden 8–9, 2–6: das kleine Schild am Tor des Hauses Nr. 3 auf dem Marktplatz erregte in Boran großes Aufsehen. Man sah Dupic mit einem großen, breitschultrigen, etwa dreißigjährigen Mann spazierengehen. Mehrere Leute 156 erschraken, als sie erfuhren, es sei Dupics Sohn. Mit diesem jungen Mann hatten sie kürzlich gesprochen, über Dupic gesprochen, höchst unvorsichtig von der Leber weg gesprochen. Dieser junge Mensch, der mit keiner Miene verraten hatte, daß er Dupic kenne, war also sein Sohn. Er wird dem Alten alles wiedererzählt haben. Nun wird Dupic wissen, was man von ihm spricht. Nun hat er seinen Spion hier sitzen. Man wird sich nicht zwingen lassen, Dupics Sohn als Hausarzt zu nehmen. Man wird keine Arznei schlucken, die Dupics Sohn verordnet.

Peter wußte, welche Widerstände ihn erwarteten. Klar sah er seinen Weg vor sich. Es war ein Weg, der jeden andern abgeschreckt hätte.

Als Militärarzt war er schlecht angeschrieben gewesen, weil sein Gewissen ihm verboten hatte, kränkliche Männer an die Front zu schicken. Seine Beförderung zum Regimentsarzt hatte er einer geglückten Operation zu verdanken gehabt, die einem hochadligen Brigadier das Leben rettete.

Peter dachte, als er sich in Boran niederließ, nicht an sich, sondern an seinen Vater.

Sein Vater ahnte und mißdeutete es. Peters Entschluß war unvernünftig, abwegig, rätselhaft, das stand fest. Da es Dupic nicht gelungen war, Peter von dem Entschluß abzubringen, versuchte er, sich vom ersten Tag an alle Kontrollmöglichkeiten zu sichern.

Deshalb empfing er Peter freundschaftlich, fast väterlich. Er machte sich erbötig, Peter den Anfang in Boran zu erleichtern. Er ging mit ihm am ersten Tag eine Stunde lang auf dem Marktplatz spazieren, damit ganz 157 Boran glaube, Dupic habe seinen Sohn nach Boran berufen. Auf diese Weise hoffte er Peter von der ersten Stunde an zu diskreditieren.

Kein Patient kam in Peters Sprechstunde. Selbst die wenigen Boraner, die Dupic für einen selbstlosen Wohltäter hielten, kamen nicht zu Peter. Selbst diese Leute wurden ein geheimes Mißtrauen gegen Dupic nicht los. Man hörte zu oft Bedenkliches von Dupic, niemand fühlte sich vor ihm ganz sicher. Und einstweilen forderte er keinen Menschen auf, zu Dr. Peter Dupic zu gehen. Man nahm sich vor, abzuwarten, ob Dupic einen Zwang ausüben werde. Zuweilen kam Dupic in Peters Sprechstunde. »Noch immer kein Patient?« pflegte er grinsend zu fragen. »Ich kann warten«, antwortete Peter immer. Er ist zäh, wie sehr muß er mich hassen, dachte Dupic. Nun, ich kann erst recht warten.

Er vermutete, daß Peter im Krieg kleine Ersparnisse gemacht habe. Wie lange würden sie reichen? Eines Tages müssen sie erschöpft sein, dann wird Peter betteln kommen wie alle andern, und man wird ihm nichts geben. Keinen Heller wird man ihm geben. Bist du nicht Arzt? Such dir Patienten. Findest du sie nicht hier, so versuch dein Glück an einem andern Ort. Hättest du gleich meinen Rat befolgt, wärst du heute schon ein gemachter Mann.

So stellte sich Dupic die Entwicklung vor. Er bedachte übrigens auch die Möglichkeit, daß Peter im Krieg sehr reich geworden sei. Dupic wünschte es beinahe. Wenn Peter ein geldgieriger Spekulant wäre – das könnte man sich gefallen lassen. Man könnte mit ihm auf natürliche Art fertig werden. Nur nichts Unnatürliches! 158

Peter verriet nichts. Es war nichts über ihn zu erfahren. Er speiste in einem Gasthaus dritten Ranges, aber er verlangte von Dupic kein Geld. Er war nicht nervös. Oft dachte Dupic: Eiserne Nerven muß er haben. Oft dachte Dupic: Ich würde das nicht aushalten. Wie kann ein Mensch Tag für Tag stundenlang warten, ohne die Geduld zu verlieren. Wenn er wenigstens schlecht gelaunt wäre! Er spielt keine Komödie, er ist wirklich nicht schlecht gelaunt, er sitzt in seinem Ordinationszimmer wie ein Angler am Flußufer. Er versucht nicht einmal, sich zu zerstreuen.

Etwa drei Wochen vergingen so. Da kam eines Nachmittags, während Dupic bei Peter saß, der erste Besucher. Es war ein wohlhabender Konfektionär, der hauptsächlich Arbeiterwäsche und billige Männeranzüge verkaufte. Er musterte Dupic mit einem Blick, der viel verriet, so mustert man einen gefährlichen Verbrecher, den man im Gerichtssaal zu sehen bekommt. Dann musterte er den jungen Arzt und preßte die Lippen zusammen wie ein Mensch, der einen folgenschweren Entschluß faßt. Er bat um Peters Besuch, sein Sohn liege seit vierzehn Tagen mit hohem Fieber zu Bett, niemand wisse, welche Krankheit es sei. Alle Ärzte von Boran hätten bereits den Sohn in Behandlung genommen, aber das Fieber wolle nicht zurückgehen. Eine klare Auskunft könne keiner der Ärzte geben. Zwei seien der Ansicht, daß sich eine Lungenkrankheit entwickeln dürfte, aber an der Lunge habe man bis jetzt nichts gefunden als eine seit fünfzehn Jahren verkalkte Stelle, die nach einem Spitzenkatarrh geblieben sei. Der Kranke klage nicht über Schmerzen, der Kräfteverfall nehme jedoch erschreckend zu. 159

Peter untersuchte eine Viertelstunde später den Kranken und stellte Bauchtyphus fest. Die Diagnose wurde von den Angehörigen des Patienten im ersten Augenblick ungläubig aufgenommen; die alten erfahrenen Ärzte sollten einen gewöhnlichen Bauchtyphus nicht erkannt haben? Der Patient, den das täglich wiederholte ratlose »Wird schon werden, wird schon werden!« der Ärzte toll gemacht hatte, war glücklich, endlich eine bestimmte Krankheit nennen zu hören; erschreckt hatte ihn in diesen vierzehn Tagen nur die Ungewißheit. Dem mißtrauischen Konfektionär sagte Peter, im Krieg habe er Hunderte Fälle von Bauchtyphus behandelt; der vorliegende Fall gehöre offenbar zu den leichteren, in sechs bis acht Wochen dürfte der Patient, falls keine Komplikationen einträten, wiederhergestellt sein.

In den nächsten Tagen besserte sich der Zustand des Kranken, der sich nur noch von Peter behandeln ließ. Der Konfektionär erzählte allen Kunden, sein Sohn sei von Doktor Dupic gerettet worden. Peters Wartezimmer füllte sich. Es kamen jedoch nur Patienten, die nichts mit Dupic zu tun gehabt hatten.

Als der Sohn des Konfektionärs völlig genesen war, sandte Peter eine außerordentlich hohe Rechnung. Der Konfektionär bezahlte sie gern, sagte aber zu seiner Frau: »Solche Rechnungen schicken nicht einmal die größten Kapazitäten. Der Doktor Dupic ist ein Arzt für Millionäre.« Er ging selbst die Rechnung bezahlen, weil er bei dieser Gelegenheit Peter noch einmal danken wollte. Er war sehr überrascht, als Peter ihm sagte: »Wenn Sie mir gefällig sein wollen, empfehlen Sie 160 mich hauptsächlich Arbeitern und armen Leuten. Mir ist hauptsächlich an Patienten gelegen, die kein Geld haben.« Den erstaunten Blick des Besuchers bemerkend, fügte er hinzu: »Die Wohlhabenden müssen für die Armen bezahlen.«

Die Armen kamen auch in den folgenden Wochen nicht. Peter mutmaßte, sein Vater untersage allen Schuldnern, Peters ärztliche Hilfe in Anspruch zu nehmen. Als endlich ein städtischer Schreiber kam, fand Peter den Verdacht bestätigt. Dupic hatte dem Schreiber zwar nicht direkt verboten, zu Peter zu gehen, aber es stellte sich heraus, daß Dupic angedeutet hatte, Peter sei kein richtiger Arzt, sondern ein ewiger Student, der während des Krieges durchs Examen geschlüpft sei; von Medizin verstehe Peter nicht das geringste.

Dupic, von Peter zur Rede gestellt, leugnete nicht; lächelnd gab er zu, es stimme, das habe er den Leuten gesagt, das und noch mehr; er habe den Leuten zu verstehen gegeben, wer sich mit einer ernsten Krankheit Peter anvertraute, beginge Selbstmord. Selbstverständlich schade er ungern dem eigenen Sohn, wie gern würde er allen Leuten suggerieren wollen, Peter sei ein Genie, der tüchtigste Arzt der Welt; aber so gewissenlos dürfe selbst der beste Vater nicht sein, es handle sich um Menschenleben. Ja, wenn Peter Advokat wäre, der miserabelste, tatenloseste Advokat – ohne Skrupel hätte er, Dupic, den Leuten eingeredet, sein Sohn sei ein hervorragender Jurist, ein Labori, mit dem keiner sich messen könne; aber der ärztliche Beruf sei zu verantwortungsvoll.

Das alles berichtete Dupic ohne Verlegenheit, mit 161 sichtlichem Vergnügen; zuletzt sagte er: »Was ich den Leuten von dir erzähle, ist eine Art Geschäftsstörung, nicht wahr? Ich an deiner Stelle ginge zu einem Advokaten. Wäre doch ganz pikant, so ein Prozeß zwischen Vater und Sohn.«

Peter hatte ruhig zugehört. Ruhig sagte er: »Mich stört das nicht, Vater; erzähl den Leuten, was du willst. Sie werden sich schon selbst überzeugen, ob es die Wahrheit ist.«

Dupic lächelte nicht mehr.

»Ich will dich hier nicht haben, verstehst du!« sagte er drohend.

»Das merke ich«, lächelte Peter.

Dupic wandte sich ungeduldig ab. Peter berührte seine Schulter.

»Ich bin nicht gekommen, um dir zu schaden, Vater. Das kannst du mir glauben. Mehr kann ich einstweilen nicht sagen.«

»Willst du mir vielleicht nützen? Möchte gern wissen, wie.«

»Das wirst du bald wissen.«

Mehr sagte er nicht.

Nach kurzer Zeit war er ein gesuchter Arzt. Endlich kamen auch Dupics Schuldner zu ihm. Er nahm von ihnen kein Honorar. Er gewann Einblick in die Verhältnisse jedes einzelnen, er legte eine List von Dupics Schuldnern an. Nachdem er das Vertrauen dieser Patienten gewonnen hatte, begann er sich mit ihnen über seinen Vater zu unterhalten. Er zeigte keine Neugierde, er überrumpelte sie nicht. Jeder hatte das Empfinden, dieser junge Mensch könne nur Gutes wollen. 162 Jeder spürte, daß hier eine Kraft tätig war, die Dupic entgegenarbeitete. Niemals aber sagte Peter, daß er der Feind seines Vaters sei.

Keinem gehetzten Schuldner versprach er, bei Dupic zu intervenieren. Er gab nur einen Rat: »Nehmen Sie nichts mehr von ihm.« Er sagte es sehr eindringlich, es war wie ein Befehl: »Man darf sein Geld nicht nehmen.« Das war alles, was er tat. Die Zeit war wider ihn, täglich kehrten verspätete Frontsoldaten und Kriegsgefangene heim, die in Boran ihre Familie hatten und Arbeit suchten. Es gab keine Arbeit, es wuchs die Not, man sagte den Heimgekehrten: »Geht zu Dupic, es ist der einzige Ausweg, Dupic weist keinen ab.« Auch Dupics Feinde, auch die Verzweifelten, die Dupic gedemütigt hatte, wußten keinen andern Rat. Aber man sagte den Ankömmlingen auch: »Geht zuerst zu Dupics Sohn, zu dem Arzt.« Sie gingen zu Peter, er hämmerte ihnen ein: »Zu Dupic dürft ihr nicht gehn, versucht alles, nur das nicht.« Und sie gingen zu Dupic, sie hatten keine Wahl.

Eines Abends besuchte Peter seinen Vater, sperrte die Tür zu, sagte: »Jetzt bin ich soweit, Vater. Jetzt kann ich dir sagen, warum ich in Boran geblieben bin.« Er setzte sich lächelnd, er sah trotz dem Lächeln wie ein Mann aus, der zu jeder Gewalttat entschlossen ist. Das braune glatte Haar schimmerte hell. Das Gesicht war wie aus grobem Stein gehauen, die breite Stirn, der breite ernste Mund, das breite entschlossene Kinn. Die dunkelbraunen großen Augen waren ernst und streng.

Er entfaltete seine Liste von Dupics Schuldnern und las die Namen vor. Bei jedem Namen hielt er inne und 163 sagte, was jeder Schuldner ihm gestanden hatte. Der erste hatte Dupic gepriesen, Dupic hatte ihm generös fünfhundert Kronen geschenkt. Der zweite hatte gestanden, daß er gezwungen worden sei, sich, seine Frau und seine Kinder dem unerbittlichen Gläubiger zu verkaufen; sämtliche Familienmitglieder hatten sich verpflichten müssen, vom kommenden Frühling an für Dupic zu arbeiten, sie mußten abwarten, welche Arbeit er ihnen zuweisen werde. Der dritte: der Schuster Prikryl, der die Mißhandlung seiner Tochter gebeichtet hatte. Der vierte: ein Kriegskrüppel, der eingewilligt hatte, seine junge Frau für eine Nacht Dupic zu überlassen. Der fünfte: der alte Kocourek, dem Dupic nicht bloß das Geld geschenkt, sondern auch eine Gratiswohnung versprochen hatte. Der sechste Name war der einer alleinstehenden alten Dame, die jahrelang von den Unterstützungen ihres Bruders, eines berühmten Geologen, gelebt hatte. Sie mußte täglich um acht Uhr morgens in Dupics Wohnung erscheinen und seinen Nachttopf reinigen; dann durfte sie gehen. Diesen »Dienst« hatte sie bis zur Bezahlung ihrer Schuld täglich zu versehen.

Die Liste umfaßte fünfhundertsiebenundachtzig Namen. Als Peter fertig war, schmunzelte Dupic: »Bis auf vierzig Namen ist deine Liste vollständig. Du hast dich sehr angestrengt. Wozu?«

Es war tiefe Nacht, viele Stunden waren vergangen.

Peter sagte: »Seit ich denken kann, denke ich über dich nach. Schon als Knabe war ich ganz in deinem Bann. Du hast es nicht gewußt, nicht gemerkt. Für dich hat es nichts gegeben als die Wollust des Herrschens. 164 Wie ein kriegerischer König warst du. Die Mutter und wir Kinder, wir waren dir nichts. Wie die Schweine und Kühe in deinem Stall hast du uns gehalten. Aber wenn du deine Feinde erblicktest, die fünf großen Bauern, die nicht zuließen, daß dein Reich sich ausdehne, da glänzten deine Augen. Das hab' ich gesehn. Da war Mordlust in deinem Blick. Das hab' ich gefühlt. Zuerst hab' ich dich gehaßt. Ich hab' gewünscht, daß ein Erdbeben kommt und deinen Besitz vernichtet. Dann hab' ich angefangen, dich zu verstehen. Dann hab' ich begriffen, daß auch das Böse von Gott kommt wie das Gute. Ja, das Böse ist die Urkraft. Das hab' ich erkannt. Einmal im Jahr bin ich nach Hause gefahren, um dich zu sehen. Das Böse. Die Urkraft. Alle haben gezittert vor dir. Dann ist die Mutter gestorben, die Brüder sind auf und davon, die Knechte und Mägde haben stumpfsinnig ihre Arbeit getan, um dich hat sich keiner gekümmert. Du warst ein kläglicher König, eine Kraft, die sich nicht austoben kann. Es war mir peinlich, an dich zu denken, ich wollte nichts mehr von dir wissen.

Dann aber, im Krieg, hab' ich immer öfter an dich denken müssen. Alles, was geschah, war mir seltsam vertraut. Das Morden. Das sinnlose Kämpfen um jeden Fußbreit Boden. Die mörderischen Erfindungen, die Giftgase, die Tanks. Da war wieder das Böse. Die Urkraft. Als ob alles von dir ausginge. Als ob du plötzlich zur Macht gelangt wärst. Einen schönen Tag hatte ich im Krieg, das war der Tag, an dem ich erfuhr, daß du deinen Besitz aufgabst. An diesem Tag war ich dir nahe wie nie vorher und nachher. Ich glaubte nämlich, du hättest alles verloren. Mein Vater verarmt, mein Vater 165 ein Bettler: wie hatte ich mir das gewünscht! Jetzt wird sich zeigen, wer du wirklich bist, dachte ich.

Ich war falsch unterrichtet. Erinnerst du dich, was ich dir nach meiner Ankunft in Boran sagte? ›Du spielst den lieben Gott‹, sagte ich, halb im Scherz. Jetzt weiß ich, daß du wirklich allmächtig wie Gott sein willst. Du bist nach Boran gekommen, um hier Gottes Stelle einzunehmen. Gott ist der größte Verbrecher: das ist dein Glaube. Du willst deinem Gott gleichen.«

Dupic stand auf und sagte ruhig:

»Ist es vielleicht nicht wahr, daß Gott der größte Verbrecher ist?«

Peter drehte das Licht ab und sagte:

»Dein Gott betrügt dich. Keinen Menschen liebst du. Von keinem wirst du geliebt.«

Atemlos standen die Männer.

Dupic machte Licht. Er fuhr sich über die Stirn. Er grinste: »Du weißt ja noch nichts. Ich hab' mein Werk erst begonnen. Was du siehst, ist ein Anfang. Warte das Ende ab!«

 


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