Ludwig Winder
Die nachgeholten Freuden
Ludwig Winder

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5

Der alte Kammerdiener meldete, Herr Dupic lasse bitten, vorgelassen zu werden. Der Graf und die Gräfin erschraken. Dupic hatte bisher nie den Versuch gemacht, ins Schloß einzudringen. Seltene Begegnungen auf der Straße waren ohne Zwischenfall verlaufen: immer hatte Dupic respektvoll, beinahe devot gegrüßt, Allegra war jedesmal wie ein ungezogenes Kind stehengeblieben, um das Wundertier anzustaunen, der Graf hatte mit verlegener Liebenswürdigkeit, die Gräfin mit kurzem Kopfnicken gedankt.

Richard berichtete, Dupic warte in Begleitung des Stadtbaumeisters im Säulengang. Bei dem Wort »Stadtbaumeister« riß die Gräfin die Augen auf. Der Graf meinte, man müsse Dupic empfangen. Die Gräfin: »Ich will nicht, absolut nicht. Er hat etwas vor, gut, lassen wir's drauf ankommen, aber er soll es schriftlich mitteilen.« Der Graf widersprach, fast wäre es zu einem Streit gekommen. Schließlich gab die Gräfin nach.

Dupic wurde in den Roten Saal geführt. Der Stadtbaumeister wußte nicht, warum er vom Bürgermeister beauftragt worden war, Dupic ins Schloß zu begleiten. Dupic verriet nichts; nachlässig ließ er Bemerkungen über die unzureichende Bautätigkeit in Boran, über den Stil des Schlosses und, im Roten Saal angelangt, über die verschwenderischen Größenverhältnisse dieses Saals fallen. Auf die Frage des Baumeisters, ob eine Renovierung des Schlosses beabsichtigt sei, blieb er, die Balkontür öffnend, die Antwort schuldig, scheinbar 181 vertieft in den Anblick des Parks. In der Hauptallee saßen schlechtgekleidete Männer, offenbar Arbeitslose.

Dupic trat vom Balkon zurück und ließ sich in einem roten Fauteuil nieder. Er gähnte laut und ungeniert und sagte herablassend: »So ein Frühlingsnachmittag macht schläfrig.« Der städtische Beamte schwieg indigniert, Dupic merkte es nicht – oder hatte er es gemerkt? Jedenfalls sagte er gleich darauf: »Ich werde demnächst mehrere große Bauten zu vergeben haben, Fabriken, Wohnhäuser, vielleicht ein ganzes Arbeiterviertel. Auch einige Luxusbauten.« – »Wirklich? Auch städtische Bauten?« fragte der Baumeister höchst interessiert. – »Muß noch überlegt werden«, gähnte Dupic.

Als der Graf und die Gräfin eintraten, sprang er auf und verbeugte sich devot. Er ging auf die Gräfin zu, sie legte die Hände auf den Rücken, als ob sie fürchtete, daß er ihr einen Handkuß aufzwingen wolle. »Respekt, ergebenster Diener«, buckelte er, »ich habe mir erlaubt, die Herrschaften zu stören, ich bitte tausendmal um Entschuldigung, Königliche Hoheit, Herr Graf, nichts für ungut. Die Herrschaften wissen, daß ich nicht aus Übermut einbreche, die Herrschaften müssen zugeben, daß ich mich bemüht habe, möglichst selten zu stören. Wenn ich nicht irre, habe ich seit meiner Ankunft kein einziges Mal das Glück gehabt, mit den Herrschaften in Berührung zu kommen. Vielleicht war es sogar unhöflich, daß ich es verabsäumt habe, wenigstens einmal meine Aufwartung zu machen, aber ich wollte um keinen Preis lästig fallen, das ist der Grund, ich darf es versichern. Falls die Herrschaften meinen Besuch erwartet haben, bitte ich, mir zu glauben, daß 182 ich nur aus Rücksicht auf die verehrten Herrschaften nicht früher erschienen bin, ich wäre untröstlich, wenn mein Fernbleiben anders ausgelegt worden wäre.«

»Wir empfangen keine Besuche«, sagte die Gräfin.

»Hab' ich mir gedacht, das eben hab' ich mir gedacht. Ich weiß, die Herrschaften leben äußerst zurückgezogen, was ich vollkommen begreiflich finde. Mit wem sollten die Herrschaften verkehren? Die Herren Gutsnachbarn sind nach dem Krieg auf ihre Besitzungen nicht zurückgekehrt, Seine Durchlaucht der Prinz Rohan geruhen an der Riviera Erholung von den Anstrengungen des Krieges zu suchen, der Graf Kinsky ist in Wien mit fabelhaften Börsengeschäften befaßt, der Graf Waldstein lebt gleichfalls im Ausland, und der Graf Colloredo-Mansfeld hat schwere Sorgen, sein Besitz wird nämlich zur Gänz beschlagnahmt, er ist ein ruinierter Mann. Schlechte Zeiten, ganz miserable Zeiten! Leute, die vor dem Krieg in zerrissenen Hosen herumgelaufen sind, fahren jetzt im eigenen Auto, während ein Colloredo-Mansfeld mittels Inserats um einen Sekretärposten ansuchen muß. Nun, Gott sei Dank, den verehrten Herrschaften ist das erspart geblieben. Die verehrten Herrschaften haben sich hoffentlich nicht zu beklagen.«

Der Graf und die Gräfin rührten sich nicht. Der Stadtbaumeister »hm«te einige Male, es war ihm peinlich, nicht vorgestellt worden zu sein. Dupic merkte es endlich und stellte vor: »Ich habe mir erlaubt, den Herrn Stadtbaumeister Seifert zu bitten, mich zu begleiten. Ein tüchtiger Mann, ein äußerst gut renommierter Künstler in seinem Fach. Ja, aber – zunächst 183 wollte ich die verehrten Herrschaften gebeten haben, mir zu sagen, ob meine Anordnungen genau befolgt worden sind. Es war mein Streben, dafür zu sorgen, daß die verehrten Herrschaften keinen Störungen und Unannehmlichkeiten ausgesetzt werden.«

Er blickte das gräfliche Paar erwartungsvoll an. Die Gräfin trommelte mit der rechten Hand auf die Tischplatte. Der Graf wartete auf einen Blick von ihr. Da sie ihm keine Aufmerksamkeit schenkte, entschloß er sich zu antworten. Er sagte: »Danke, Herr Dupic, wir sind zufrieden.«

»Zufrieden!« rief Dupic. »Das höre ich gern. Mir fällt ein Stein vom Herzen. Ich hatte schon befürchtet, daß etwas nicht in Ordnung sein könnte. Es gibt ja seit einiger Zeit wie überall auch hier unverschämte Leute, die ohne Anlaß stänkern und Unfrieden stiften. Die verehrten Herrschaften haben keine Ahnung, wie schwer es heutzutage ist, in Ruhe zu leben. Ich zum Beispiel, sehen Sie, ich bin ein ruhebedürftiger alter Mann, der sich nach einem arbeitsreichen, mühevollen Leben in diese kleine Stadt zurückgezogen hat, um die paar Tage oder Jahre, die ich noch zu leben habe, ungestört unter braven Menschen zu verbringen. Aber das war offenbar ein zu unbescheidener Wunsch. Keine ruhige Stunde gönnt man mir. Jeder Tag bringt neue Sorgen, neue Komplikationen. Es ist scheußlich. Jetzt soll ich mich sogar noch mit dem Schloß befassen. Es ist zu viel, es ist kaum auszuhalten!«

Der Graf und die Gräfin blickten einander an.

Die Gräfin öffnete ein wenig den Mund, ohne zu sprechen; dann sagte sie langsam: 184

»Planen Sie hier eine Änderung?«

»Wenn Sie wüßten, wie sehr ich davor zurückschrecke, etwas zu planen!« erwiderte Dupic. »Planen! Was kann man in meinem Alter noch planen! Ja, vor vierzig Jahren, da war man jung, da konnte man etwas planen. Man sollte ewig zwanzig Jahre alt sein oder überhaupt nicht leben. Apropos, wie geht es der gnädigsten Komtesse? Sie sieht blühend aus, ich hatte kürzlich Gelegenheit, sie zu bewundern, sie ging an mir vorüber wie ein Symbol des Lebens und der Jugend mit ihren rosigen Wangen –, werde ich das Vergnügen haben, ihr meine Aufwartung machen zu dürfen?«

»Sie ist spazierengegangen«, sagte der Graf beunruhigt.

»Ach ja, hier im Schloß wird sie sich wohl einigermaßen langweilen, junges Blut verlangt Abwechslung. Nun, vielleicht wird ihr die kleine Änderung, von der ich gesprochen habe, Spaß machen –«

»Sie haben bis jetzt von einer Änderung nicht gesprochen«, unterbrach ihn der Graf.

»Habe ich nicht? Da sehen Sie, wie vergeßlich man wird. Man soll sich nicht wünschen, alt zu werden! Übrigens: Änderung ist zu viel gesagt, von einer Änderung kann eigentlich keine Rede sein. Was sollte in diesem schönen Schloß geändert werden! Es wäre eine Sünde. Ich bin nicht konservativ, aber ich sage selbst: eine Sünde wäre es. Wenn es nach mir ginge, bliebe hier alles so, wie es heute ist, für ewige Zeiten unverändert. Man müßte ein Gesetz erlassen, um die wenigen Stätten alter Kultur, die wir haben, vor dem barbarischen Geist der neuen Zeit zu schützen. Königliche 185 Hoheit, Herr Graf, ich bekenne offen in Gegenwart des Herrn Stadtbaumeisters, daß ich schon aus ästhetischen Gründen ein Verehrer des aristokratischen Prinzips bin. Wenn Sie, meine Verehrten, dieses Schloß, das Ihre Vorfahren erbaut haben, bewohnen, so geschieht es mit natürlicher Würde. Ich hingegen – wenn ich einmal den Einfall hätte, ein solches Schloß bewohnen zu wollen –: es wäre gegen die Natur, es wäre zum Lachen, sofort sähe das Schloß häßlicher aus, ich wäre hier ein Fremdkörper, ein störendes Element, die edle Harmonie dieser Räume ließe sich meinen Anblick nicht bieten und würde rebellieren, ja ich behaupte, die ganze Architektur wäre durch meine bloße Anwesenheit verschandelt! Habe ich recht? Sie sagen aus Höflichkeit nicht ja, Sie sind zu charmant, Sie wollen mich nicht beschämen, aber im Innersten stimmen Sie mir zu, sogar Sie, Herr Stadtbaumeister, ich weiß es. Und daß ich es so empfinde, daß ich mir nicht wie so mancher Emporkömmling Rechte anmaße, die mir nicht zukommen, sehn Sie, das gibt mir eine gewisse Befriedigung.«

Er blickte dem Grafen und der Gräfin treuherzig in die Augen. Der Graf hatte mit höflichem Lächeln zugehört. Sein Optimismus wagte sich wieder hervor. Er will uns aus dem Gleichgewicht bringen, aber da er bereits erklärt hat, keine Änderungen zu planen, brauchen wir nicht beunruhigt zu sein, dachte der höflich lächelnde Mann. Die Gräfin verzog keine Miene. Sie empfand jedes Wort, das Dupic sprach, als Beleidigung. Sie war entschlossen, kein Wort zu sprechen. Der Baumeister, der nichts begriff, rückte unruhig auf seinem 186 Sessel hin und her und blickte Dupic und den Grafen vorwurfsvoll an. Warum sagt man mir nicht, was ich hier soll? fragten seine indignierten Blicke. Endlich gelang es ihm, sich dem Grafen verständlich zu machen; in diesem Augenblick wurde dem lächelnden Manne bewußt, daß es sich um Ernsteres als einen unangenehmen Besuch handeln müsse. Warum sitzt der Baumeister hier, das hat einen bestimmten Zweck, Dupic will sich an unserem Schrecken weiden, bevor er uns den Schlag versetzt, dachte er. Er soll lieber gleich sagen, was er vorhat.

»Es hat wohl einen bestimmten Zweck, daß der Herr Baumeister Sie begleitet?« sagte er.

»Einen Zweck?« Dupic griff sich an die Stirn, als ob er nachdächte. »Ich bitte um Entschuldigung, einen Zweck hat es eigentlich nicht. Meiner Meinung nach nämlich. Aber was kann ich tun? Man drängt mich, man setzt mir mit Schikanen zu, die neue Zeit ist sehr unliebenswürdig mir gegenüber. In der guten alten Zeit war jeder sein eigener Herr. Sie, meine verehrten Herrschaften, hatten Ihr Schloß, Ihren ererbten Besitz, niemand durfte es wagen, Sie hier zu inkommodieren. Ich hatte mein schlichtes Bauernhaus, dort war ich Herr, keinen Menschen ging es an, ob ich mein Haus bewohnte oder nicht. Jetzt aber ist niemand Herr in der eigenen Wohnung, fremde Leute kommen und sagen: Du darfst als einzelner Mensch nicht sechs Zimmer bewohnen. Sie glauben mir nicht? Ich bitte, der Herr Stadtbaumeister kann es bestätigen. Da hat man jetzt ein sogenanntes Wohnungsamt eingerichtet. Dieses Wohnungsamt soll Unterstandslosen Wohnungen 187 beschaffen. Und was, meine Verehrten, was unternimmt das Wohnungsamt gleich am ersten Tag seiner Tätigkeit? Es fordert mich, ausgerechnet mich, auf, einen Teil meiner Wohnung abzutreten. Ich erkläre loyal, daß ich mit Vergnügen mit einem einzigen Zimmer vorliebnähme, wenn ich nur für mich zu sorgen hätte. Aber ich bin eben im Begriff, mein Wiener Büro nach Boran zu verlegen, es ist mir nicht beschieden, mich jetzt schon zur Ruhe setzen zu können, ich muß meinen Geschäften nachgehen. Ich brauche also meine Wohnung für mich. Andererseits sehe ich ein, daß ich wie jeder andere die soziale Pflicht habe, das Wohnungsamt zu unterstützen. Da fiel mir ein, daß sich vielleicht im Schloß Platz schaffen ließe. Die verehrten Herrschaften empfinden sicherlich ebenso sozial wie ich und werden gewiß vor einem kleinen Opfer nicht zurückscheuen, falls es sich herausstellt, daß man in dem einen oder andern Raum im Schloß arme Leute, die kein Dach über dem Kopf haben, unterbringen könnte. Die Not ist groß, meine Verehrten, ich weiß es aus eigener Anschauung. Ich komme hie und da zu armen Leuten, Sie können sich nicht vorstellen, welches Elend es da gibt. Mir bricht jedesmal das Herz! Wie groß ist die Anzahl der Unterstandslosen in Boran, Herr Baumeister?«

»Es sind etwas über hundert Familien.«

»Über hundert Familien! Herr Graf, Königliche Hoheit, ist es nicht himmelschreiend? Das Wohnungsamt hat recht, es muß etwas geschehn. Wenn die verehrten Herrschaften gestatten, werde ich jetzt mit dem Herrn Stadtbaumeister einen Rundgang durch das Schloß antreten. Herr Stadtbaumeister wird notieren, wieviel 188 Räume zur Verfügung stehen und wieviel Menschen in den Zimmern, die den verehrten Herrschaften entbehrlich sind, untergebracht werden könnten. Kommen Sie, Herr Baumeister!«

Er stand auf, verbeugte sich tief und ging. In der Tür drehte er sich um und lächelte: »Es ist mir furchtbar peinlich, die Wohnräume der verehrten Herrschaften betreten zu müssen, aber was tun, was tun! Unsere Zeit duldet kein Zartgefühl, man muß sich fügen.« Er hob den Kopf und brüllte: »Richard!«

Richard eilte herbei. Dupic klopfte ihm auf die Schulter: »Sie werden uns alle Zimmer aufsperren.«

Richard erwartete, tief erschrocken, die Befehle der Gräfin. Sie sagte: »Führen Sie die Herren.«

Sie lauschte den verhallenden Schritten. Sie zerrte an ihren Fingern, als ob sie zu enge Handschuhe abstreifen wollte. Dann fielen ihre Hände leblos wie Handschuhe auf die Tischplatte. In dem weißen Gesicht lagen die unnatürlich großen Sommersprossen wie hundert zorngerötete Pupillen. Die Augen waren starr auf die Tür gerichtet.

»Alice«, bat der Graf, der jetzt ruhiger war als am Beginn der Unterredung, »du darfst dich nicht aufregen. Wir werden ein Arrangement treffen. Man kann vielleicht unten die kleinen Zimmer neben der Küche und ein paar Zimmer im zweiten Stock freimachen. Unsere Wohnräume im ersten Stock wird er bestimmt nicht antasten. Das darf er nicht. Das wird er nicht wagen. Ich bitte dich, Alice, sei ruhig. Wir brauchen ja nur den ersten Stock. Es ist unangenehm, aber ein Unglück ist es doch nicht. Ganz gewiß nicht.« 189

Die Gräfin saß regungslos. Der Graf streichelte ihre Hände. Sie schüttelte seine Hand ab und stand auf. Sie ging zur Balkontür, sie blickte in den Park. In der Hauptallee lagen auf allen Bänken schlafende Männer.

Sie trat vor den Grafen und sagte: »Wir hätten damals gehn sollen. Damals, vor dem Verkauf. Damals hätten wir gehn sollen. Auf die Landstraße! Warum hast du nicht wollen?« Sie hatte mit unnatürlicher Ruhe gesprochen. Jetzt schrie sie hysterisch: »Warum?!« Es klang wie Hundegeheul.

Der Graf erwiderte nichts. Er wandte sich ab, er wollte die Gräfin in diesem Zustand nicht sehen; er wollte nicht die Fassung verlieren.

Plötzlich hörte er Allegra lachen. Er flüsterte: »Nimm dich zusammen, Alice.«

Allegra kam hereingesprungen, der Graf Königsegg folgte ihr, die jungen Leute waren atemlos, Allegra erzählte: »Der Dupic war in meinem Zimmer. Er mißt die Wände ab, jetzt geht er in den zweiten Stock.«

»Bleib hier«, sagte die Gräfin, »wir werden wahrscheinlich verreisen.«

»Was geschieht denn hier?« fragte Allegra.

»Wir bekommen Einquartierung«, sagte der Graf. Der Anblick Allegras stärkte ihn. »Herr Dupic bringt uns Mieter«, lächelte er. »Mama will deshalb verreisen, aber ich hoffe, es wird nicht nötig sein.«

»Er hopst herum wie ein junger Bursch«, berichtete Allegra, »er springt über die Stufen wie ein Lausbub. Ein komischer Kerl, ich könnte mich über ihn kranklachen.«

Max Königsegg sprach leise mit dem Grafen und 190 wies auf die Gräfin, die gesenkten Hauptes in einer Ecke saß. Der Graf zuckte die Achseln und bat Allegra, nicht laut zu lachen, Mama habe Migräne. Max, dem der Graf die Situation auseinandersetzte, meinte, man müsse sich mit Dupic in Unterhandlungen einlassen. Die Gräfin blickte zornig auf. Niemand wagte mehr, ein lautes Wort zu sprechen. Nach einer Stunde hörte man vor der Tür Dupics Stimme.

Die beiden Grafen standen auf. Dupic sagte vor der Tür: »Das werden wir schnell abmachen, Herr Baumeister.« Er ging auf Allegra zu: »Ich bin entzückt, gnädigste Komtesse, meine Devotion.« Er ging auf Max zu: »Herr Graf Königsegg, wenn ich nicht irre, nicht wahr? Ich hatte einige Male die Ehre, dem Herrn Grafen zu begegnen. Wann wird Hochzeit gemacht?«

»Schenken Sie uns eine Million, dann können wir heiraten«, lachte Allegra.

»Du solltest jetzt gehn«, sagte Graf Thun zu Allegra mit einem Blick auf die Gräfin.

»Moment«, grinste Dupic. »Lassen Sie mich nur ein Wort mit den jungen Herrschaften reden, Herr Graf. Ich weiß, gnädigste Komtesse, Sie lassen sich nichts von mir schenken. Sie nicht und der Herr Bräutigam nicht. Wenn der Herr Bräutigam aber einen Posten sucht – ich hätte mehrere zu vergeben.«

»Soll er Ihr Chauffeur werden?« lachte Allegra.

»Allegra!« rief die Gräfin.

Allegra und Max gingen. Dupic blickte ihnen nach, dann setzte er sich und sagte:

»Eine freudige Mitteilung, meine verehrten Herrschaften! Wir brauchen nichts umzubauen, es ist nicht 191 nötig. Noch vor einer Stunde war ich zu einem Umbau entschlossen, ich wollte alle überflüssig großen Säle kassieren und aus den Riesenzimmern vernünftige Wohnungen machen. Aber das Schloß hat mich derartig bezaubert, daß ich alles lasse, wie es ist. In diesem Saal können acht Familien schlafen, jede kriegt eine spanische Wand, fertig.«

»In diesem Saal?« rief der Graf.

»Warum nicht?« grinste Dupic. »Ich bin überzeugt, eine spanische Wand befriedigt die Leute vollkommen. Das sind Menschen, die auch ohne spanische Wand zufrieden wären. Das lebt und schläft durcheinander, Vater und Tochter, Bruder und Schwester, Nachbar und Nachbarin, eine spanische Wand ist geradezu Luxus. Außerdem ist das Wohnungsamt keine Sittenkommission.«

»Sie wollen mich nicht verstehen«, sagte der Graf. »Gerade auf diesen Saal würden wir ungern verzichten.«

»Ach so! Verzeihen Sie, ich bin ein Idiot, ich bin ein ungeschickter Bär. Ich begreife Ihre Gefühle vollkommen. Ihre Königliche Hoheit sieht traurig aus, es tut mir unsagbar leid, daß ich die Veranlassung bin. Aber, meine Hochzuverehrenden, wir müssen trachten, unsere Aufgabe so praktisch wie möglich zu lösen. Dieser Saal bietet acht Familien Schlafgelegenheit, wir müssen ihn hergeben. Ich bitte zu bedenken, daß wir ein gutes Werk tun wollen. Wie werden uns die Leute, die hier eine Schlafstätte finden, segnen, Leute, die nicht einmal eine Hundehütte haben, die im Straßengraben und in den Kanälen übernachten müssen! Natürlich 192 dürfen die verehrten Herrschaften keinen Unbequemlichkeiten ausgesetzt werden. Das würde ich nie zugeben, und wenn sich das Wohnungsamt auf den Kopf stellt. Vier Zimmer müssen die verehrten Herrschaften behalten, darauf bestehe ich. Ein Zimmer für den Herrn Grafen, eins für die Königliche Hoheit, eins für die gnädigste Komtesse und ein neutrales Zimmer, wo die geschätzten Herrschaften musizieren, Besuch empfangen und gemütlich beisammen sein können. Es wird sich empfehlen, die Möbel aus allen übrigen Zimmern auf den Dachboden zu transportieren.«

Die Gräfin hatte sich erhoben. Der Graf sah sie wanken, nahm ihren Arm, wollte sie hinausführen. Sie stützte sich fest auf seinen Arm und sagte mit erstaunlich sicher klingender Stimme: »Sie können über das ganze Schloß verfügen. Wir werden es morgen räumen.«

»Lassen wir das jetzt«, flüsterte der Graf, «komm, Alice.«

»Königliche Hoheit«, sagte Dupic feierlich, »Sie werden mich nicht unglücklich machen wollen. Wenn Ihnen das vorgeschlagene Arrangement derartig mißfiele, daß Sie Ihr Schloß verlassen wollten, hätte ich keine ruhige Stunde mehr. Nein, das werden, das dürfen Sie nicht tun. Die verehrten Herrschaften dürfen mir glauben: die meisten Menschen wären glücklich, wenn sie Vierzimmerwohnungen hätten. Der Herr Graf Colloredo-Mansfeld bewohnt ein möbliertes Kabinett. Ich habe ihn besucht, ich kann versichern, er hat nicht einmal einen Wäscheschrank. Die verehrten Herrschaften werden sich die Sache überlegen und die 193 vier Zimmer behalten. Heute ist Donnerstag, bis Montag bitte ich die Möbel aus den andern Räumen auf den Dachboden zu stellen. Es ist ratsam, denn die Leute würden alles ruinieren, man weiß auch nicht, ob alle Leute, die hier wohnen werden, ehrlich sind. Glücklicherweise ist der Dachboden so geräumig, daß alle Möbel dort untergebracht werden können. Nicht wahr, Herr Baumeister? So, jetzt können wir gehn, Herr Baumeister. Königliche Hoheit, Herr Graf, ich bitte mich empfehlen zu dürfen. Ich bin untröstlich, ich sehe, daß mein Arrangement wenig Beifall findet. Wenn es doch einen anderen Ausweg gegeben hätte! Aber bedenken Sie, über hundert obdachlose Familien – da ist einfach nichts zu machen. Es ist mir schrecklich peinlich. Ich bitte mich auch der gnädigsten Komtesse und dem Herrn Grafen Königsegg zu empfehlen, vielleicht konveniert ihm doch noch mein Vorschlag. Ich küss' die Hand, ergebenster Diener!«

Nach dieser Unterredung erkrankte die Gräfin. In der Nacht hatte sie hohes Fieber. Gegen Morgen schlief sie ein, nach zwei Stunden erwachte sie und erblickte den Grafen. Er saß an ihrem Bett, er hatte an ihrem Bett wachend die Nacht verbracht. Er küßte ihre Hände, er neigte sich zu ihrem Mund: »Wenn du willst, verreisen wir, sobald du wieder gesund bist.« Sie richtete sich auf und küßte ihn. Er sah: sie war gebrochen, sie war zerbrochen. Sie sagte: »Wohin? Wir haben keinen Menschen.« Sie stammelte: »Hast du . . . etwas veranlaßt? . . . Sind die . . . Koffer . . . gepackt?« Er flüsterte: »Noch nicht.« – »Wir werden ja doch bleiben müssen«, sagte sie. Er hielt ihre Hände in den seinen. 194 »Was können wir noch versuchen?« fragte sie, dachte nach und sagte: »Vielleicht könntest du aufs Wohnungsamt gehen, vielleicht ist man dort gnädiger.«

Er ging. Sie versuchte zu schlafen. Sie hörte Allegra und Max, sie traten auf den Fußspitzen ein. »Sie schläft«, flüsterte Allegra. Sie setzten sich vor die Tür und plauderten, die Gräfin verstand jedes Wort.

»Mir und Papa macht es nichts, aber für sie ist es eine Katastrophe«, flüsterte Allegra.

»Vielleicht wirst du dich jetzt doch entschließen, mich zu heiraten«, flüsterte Max.

»Aber wovon leben?«

»Ich wüßte schon, aber zuerst muß ich wissen, wie du darüber denkst.«

»Du meinst Dupics Vorschlag?«

»Ja, Allegra. Findest du's sehr arg?«

»Gar nicht, Max. Du weißt ja, am liebsten ginge ich selbst zu ihm in die Lehre. Er hat etwas Faszinierendes.«

»Das kann ich nicht finden. Aber wenn er mir Arbeit gibt, setz' ich mich über alles hinweg. Ich will uns eine Lebensmöglichkeit schaffen. Alles andere ist Nebensache.«

»Sehr gut. Max. Warte noch, bis Mama sich beruhigt hat. Wenn du jetzt zu Dupic gingst, wär' es ein Affront.«

»Ja, Allegra. Ich bin sehr froh. Vielleicht können wir noch in diesem Frühling heiraten.«

»Wenn er dich aber fragt, ob du sein Hausknecht werden willst?«

»Und wenn ich sein Hausknecht werden wollte?« 195

»Würde ich dich sofort heiraten, Max. Damit könntest du mich geradezu verliebt machen.«

Die Gräfin hörte ein leises Kichern, dann wurde es still. Max und Allegra hatten sich entfernt.

Die Gräfin wälzte sich heiß in ihrem Bett. Als der Graf vom Wohnungsamt zurückkehrte, sagte sie resigniert: »Nichts zu machen, nicht wahr?«

Er nickte.

»Hat man dir verraten, welche Leute hier wohnen werden?«

»Dupic hat die Bedingung gestellt, daß er selbst die Leute aussucht.« Der Graf machte eine Pause, dann sagte er: »Vermutlich hat das nichts Gutes zu bedeuten.«

Sie schloß die Augen. Lange saßen sie stumm. Dann sagte die Gräfin: »Uns kann ja nichts mehr geschehen. Es wäre mir sogar angenehmer, wenn er uns lauter Mörder und Verbrecher ins Haus brächte.«

Am nächsten Tag fühlte sie sich wohler, verließ aber nicht das Bett. Sie besprach mit dem Grafen die Entlassung der überflüssig gewordenen Dienerschaft. Sie meinte, den siebzigjährigen Richard müsse man unbedingt behalten. Zwei Tage lang wurden Möbel und Einrichtungsgegenstände aus allen Räumen auf den Dachboden geschleppt. Die Gräfin hörte das Gepolter, Sonntagnacht trat Stille ein, da wußte sie, daß alle Säle und Zimmer geräumt waren. Man meldete es ihr nicht, man wollte sie mit diesen Dingen verschonen. Man nahm an, daß sie auch am Montag, während des Einzugs der neuen Schloßbewohner, zu Bett bleiben werde. Aber am Morgen dieses Tages stand sie auf.

Der Vormittag verging ereignislos. Der Graf wich 196 nicht von der Seite der Gräfin. Um zwei Uhr nachmittags kam Allegra hereingesprungen: »Sie kommen.« Die Gräfin ging zum Haupteingang, sie erklärte, den Einzug sehen zu wollen, sie wünschte, Richard solle ebenfalls am Portal stehen. Der alte Diener widersetzte sich zum erstenmal einem Befehl seiner Herrschaft, er verkroch sich in sein Zimmer. Es stand noch nicht fest, ob er sein Zimmer behalten durfte.

In der Allee, die vom Marktplatz zum Schloß führte, bewegte sich ein endloser Zug. Allegra meinte, es seien hundert, vielleicht sogar zweihundert Personen. Viele brachten auf Handwägelchen ihre Habseligkeiten, viele hatten nur ein Bündel auf dem Rücken, manche trugen einen Koffer, manche bloß einen Rucksack. Mit Gejohle und Geschrei wälzte sich der Zug heran. Vor dem Portal salutierte ein betrunkener alter Mann, der eine Militärkappe trug, und blieb stehen. Er blickte sich triumphierend um, es machte ihn offenbar stolz, an der Spitze zu marschieren. Jemand schrie: »In den Hof!« Die Leute marschierten durch den Säulengang in den Hof, die meisten hörten angesichts der gräflichen Familie zu schreien auf und grüßten verlegen. Der Graf kannte einige Ankömmlinge, er erkannte einen gefürchteten Einbrecher namens Janda, der seit Jahrzehnten die Gegend unsicher machte. Den Zug beschlossen zwei lächelnde Männer: der alte Kocourek und Dupic. Der alte Kocourek blieb stehen und wartete die Ankunft eines Lastwagens ab, er war der einzige, der eine ganze Wohnungseinrichtung zu transportieren hatte.

Dupic schwang vor der gräflichen Familie den Hut 197 und rief: »Die Übersiedlung wird rasch gehn, meine verehrten Herrschaften. Ich hab' mir die Allerärmsten ausgesucht. Manche verdienen es gar nicht, in einem so schönen Schloß zu wohnen, manche kommen direkt aus dem Arrest. Aber gerade mit solchen Leuten muß man Mitleid haben. Die Herrschaften sollten sich zurückziehn, auf feierlichen Empfang werden meine Schützlinge nicht Wert legen, es könnte zu peinlichen Szenen kommen!«

In diesem Augenblick schien die Gräfin aus einem Traum zu erwachen. Sie blickte in das grinsende Gesicht, und plötzlich begann sie zu laufen, atemlos lief sie in kleinen Sprüngen in ihr Zimmer. Dort brach sie zusammen.

Der Graf und Allegra folgten ihr rasch. Sie hatten sie noch nie laufen gesehen. Selbst Allegra machte ein bestürztes Gesicht. Am Abend sagte sie zu ihrem Vater: »Wie Mama gelaufen ist . . . das war ein schrecklicher Moment.«

Aus allen Sälen und Zimmern erscholl Gesang, Fluchen, Gelächter. Irgendwo weinten Kinder. Auf dem Korridor vor dem Zimmer des Grafen saß ein alter langhaariger Mann in Unterhosen und spielte Ziehharmonika.

 


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