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Fünfzehntes Kapitel.
Der Einzug.

Eingedenk seines heiligen Berufes hatte sich Milziades mit den übrigen Gläubigen unmittelbar aus dem kaiserlichen Zelt auf das Schlachtfeld begeben, um den Verwundeten und Sterbenden Hilfe und Trost zu bringen. Die Zahl der christlichen Soldaten unter denselben war auffallend gering; sie herauszufinden, war sehr leicht. – » Pax tecum, Friede sei mit dir,« sprach der Bischof, indem er sich über einen Verwundeten niederbeugte. »Was, Friede!« gab dieser unwirsch zur Antwort; »Wasser will ich haben, beim Herkules! um meinen entsetzlichen Durst zu löschen.« Der Papst gab einem seiner Begleiter einen Wink, den Verschmachtendem zu laben, und wandte sich an einen anderen Verwundeten: » Pax tecum, Friede sei mit dir!« Bei diesem Gruße verklärte sich das Gesicht des Verwundeten, und indem er die Hände ausbreitete, sprach er: »O Gott, Dank, Dank, daß einer der Brüder kommt, ehe ich sterbe! Ist kein Priester unter euch, daß ich wenigstens seinen Segen empfange?«

An einer Stelle, wo die dicht gehäuften Leichen Zeugniß ablegten, daß hier der Kampf besonders heiß gewüthet hatte, erkannte der Bischof unter den Gefallenen den Centurio Martialis. Obgleich aus zahlreichen klaffenden Wunden blutend, lebte er noch, und als der heilige Greis sich zu ihm niederbeugte und ihn anredete, raffte der Krieger seine letzte Kraft zusammen, um die Worte herauszubringen:

»Als Christ sterben … Ich glaube an Jesum, den Sohn Gottes.«

Da der Verwundete offenbar nur noch wenige Augenblicke zu leben hatte, so betete der Bischof ihm das Glaubensbekenntniß vor und erweckte mit ihm einen Akt der Reue über die Sünden seines Lebens; dann spendete er ihm die Taufe und salbte ihn mit dem hl. Oele.

Ein seliges Lächeln auf den Lippen, durch die Gebete und Segnungen der Kirche gestärkt, hauchte Martialis seine Seele aus.

Schon war die Dämmerung hereingebrochen, und noch immer war Milziades mit seinen Begleitern unermüdlich in frommer Liebesthätigkeit; Constantin erfuhr es, und seine Hochachtung vor dem edlen Priesterkreise stieg zur höchsten Bewunderung.

»Warum,« fragte er sich, »kümmert sich Gordianus sammt seinen Gesellen gar nicht um die Tapfern? Wer lehrte diese Christen, die Freude des heutigen Sieges, statt bei Gelagen, in der Pflege der Verwundeten zu feiern?«

Der Kaiser kannte noch nicht jenes weltverknüpfende Liebeswort des göttlichen Erlösers: »Was ihr dem Geringsten aus meinen Brüdern gethan, das habt ihr mir gethan.«

Theils um den Soldaten die so wohl verdiente Erholung zu gönnen, theils wegen der mannigfaltigen Vorbereitungen für den Einzug des Kaisers fand der Aufbruch erst statt, als schon die Nacht völlig hereingebrochen war. Die milvische Brücke konnte in Folge der Zerstörung der Steinbrüstung bei dem unvermeidlichen Gedränge nicht benutzt werden; statt auf der flaminischen Straße mußte Constantin daher auf dem rechten Ufer nach dem Vatikan ziehen und über die älische Brücke, am Grabmal Hadrian's, der jetzigen Engelsburg, vorüber, seinen Einzug in die Stadt halten. [R1]

Von den einzelnen Legionen waren Centurien oder kleinere Abtheilungen auserkoren worden, um mit ihren bekränzten Feldzeichen dem Sieger das Geleit zu geben; auf seinen ausdrücklichen Befehl sollte ihm das Labarum unmittelbar vorangetragen werden. Er selbst erschien, hoch zu Roß, den kaiserlichen Purpur um die Schultern, das Diadem auf dem Haupte, umgeben von seinen Legaten, Kriegsobersten und Feldherrn; die Senatoren und Ritter und wer immer durch Würde und Amt ein Recht dazu hatte, zogen dem Triumphator voraus oder bildeten sein Gefolge.

So bewegte sich der Festzug, vorüber an der milvischen Brücke, am rechten Tiberufer hin, der Stadt zu, unter dem Geleite von Tausenden von Fackeln und dem unaufhörlichen Jubelrufen des unzähligen Volkes, gegrüßt von den Freudenfeuern, die überall auf den Höhenzügen des Monte Mario und des Vatikan zum Himmel loderten.

Noch stand, wenngleich schon längst nicht mehr benützt, an den Abhängen des vatikanischen Hügels jener Circus des Nero, in welchem das erste Christenblut in Rom geflossen. In seiner Mitte ragte hoch und schlank der Obelisk empor, zu dessen Füssen damals im Dunkel der Nacht die lebendigen Christenfackeln dem kaiserlichen Wagenlenker geleuchtet hatten; jetzt schaute er, wie der geächtete Name Christi seinen triumphierenden Einzug in Rom hielt, und statt des Aechzens der sterbenden Bekenner hörte er den Jubelruf ihrer Enkel: » Christus vincit!« Und es wird der Tag kommen, wo der Obelisk aus den letzten Ruinen des Circus fortwandert, um, mit dem » Christus vincit« als Inschrift, mit dem Kreuze auf seiner Spitze geschmückt, sich als Wächter hinzupflanzen vor das Grab jenes armen galiläischen Fischers, dessen Gebeine jetzt noch in einer unansehnlichen Grabkapelle neben dem Circus des Nero ruhen, über dessen Gruft dann aber »ein Himmel in den Himmel« St. Peter's großer Dom sich wölben wird. – Jetzt steht an jener Grabkapelle ein Häuflein Christen, und da es Constantin's Heerschaaren vorüberziehen sieht, hebt es dankend seine Hände zum Himmel. Unzählige Volksschaaren auf dem weiten Petersplatze, Millionen und Millionen im Geiste auf der ganzen Welt zu seinen Füßen, wird einst von der Loggia der Peterskirche der Nachfolger jenes Fischers seine Hände segnend über die Stadt und den ganzen Erdkreis ausbreiten. – Noch ragt in der Fülle seines Schmuckes von Säulen und Götter-Statuen das Mausoleum Hadrian's zum Himmel, auf seiner Spitze gekrönt mit dem Riesenstandbild des Kaisers, in der Grabkammer tief unten in kostbaren Porphyrurnen die Asche der Weltbeherrscher. Barbarische Hände werden die kaiserliche Asche aus ihren Grüften in alle Winde zerstreuen, während die Welt, ein Geschlecht nach dem andern, durch die Reihe der Jahrhunderte, zu der Gruft des Fischers pilgert; das Standbild auf der Spitze wird dem Bild des Erzengels Michael, des himmlischen Heerführers der streitenden Kirche, Platz machen, und an Stelle der Götterstatuen stellen sich auf der älischen Brücke, die, wie das Grabmal selbst, nicht einmal mehr den Namen des Erbauers bewahren wird, Engelgestalten mit den Symbolen des Gekreuzigten auf. – – Hat Constantin, als er am Vatikan und an der Engelsburg vorüber seinen Einzug in Rom hielt, eine dunkle Ahnung gehabt, daß das Alles einstens so werden sollte, und reifte in diesem Augenblicke in ihm der Entschluß, der Erste zu sein, der zu dieser glorreichen Umwandlung Hand an's Werk legte? – Es könnte fast so scheinen, wenn wir erwägen, daß Constantin sich beeilte, über der Gruft des Apostelfürsten, unter Benutzung der Mauern des neronischen Circus, die prachtvollste Kirche des Abendlandes zu erbauen, auf deren Fronte er die Inschrift setzte:

» Quod duce te mundus surrexit in astra triumphans,
Hanc Constantinus victor tibi condidit aulam.

Weil nun, geführt von dir, im Triumph zum Himmel die Welt steigt,
Baute dies fürstliche Haus dir Constantinus, der Sieger.«

Ueber die älische Brücke, vorüber am Stadium des Domitian, ergoß sich der Festzug in die Straßen der Stadt. Die Thürgesimse, die Fenster, die Mauern der Häuser und Tempel waren mit unzähligen Lampen beleuchtet: [R2] auf den flachen Dächern loderten Fackeln, und von ihrem Lichte beschienen, stiegen aus Kohlenbecken die weißen Weihrauchwolken empor. Dem Jauchzen der Volksmenge, welche durch die Straßen wogte, antworteten die Jubelrufe von den Dächern herab; Constantin wurde als » liberator Urbis«, als » fundator pacis«, als »Befreier der Stadt und Begründer des Friedens« gepriesen, wie ihn noch heute zwei Inschriften auf seinem Triumphbogen nennen.

Wenn aber bei dem gesammten römischen Volke die Freude über die Erlösung von dem harten und blutigen Joche des Gewaltherrschers eine ungeheuchelte und allgemeine war, am innigsten war sie doch bei den Christen. Sie hatten ja am schwersten unter der Grausamkeit des Tyrannen gelitten. Von Denen, welche auf Befehl des Senats in Freiheit gesetzt worden, waren gar viele ihre Brüder, die ihnen jetzt gleichsam aus den Armen des Todes zurückgegeben wurden. Die Hoffnungen, welche sie auf Constantin gesetzt, waren durch den huldreichen Empfang des Papstes, wie durch die Rettung der Bekenner im Circus bestätigt worden, und so sah man an allen Häusern, wo Christen wohnten, bei der nächtlichen Illumination das Kreuz oder den Namenszug des Herrn leuchten: voll Verwunderung erkannten die Römer, wie groß trotz der vorhergehenden blutigen Verfolgungen die Zahl der Christen war.

Am Theater des Pompejus vorüber nahm der Festzug seinen Weg in weitem Bogen um das Capitol und den Palatin herum, und stieg dann, am Colosseum vorbei, auf der Via sacra, der heiligen Straße, durch den Triumphbogen des Titus zum Forum nieder.

In der Nähe des Titusbogens, auf der hohen Estrade, welche den Tempelplatz des Heiligthums der Roma umfaßte, harrten nach der mit Candidus getroffenen Absprache Irene und Valeria des kommenden Zuges; so gerne Rufinus sich ihnen angeschlossen hätte, so mochte er es doch nicht wagen, sich dem Einflusse der kalten Nachtluft auszusetzen.

Der Intendant des lateranensischen Palastes hatte die beiden Damen in einer geschlossenen Sänfte durch germanische Sklaven unter Begleitung einiger Vorläufer an jenen Platz bringen lassen. Die Zeit seit dem Weggange des Candidus war ausreichend gewesen, sich durch ein Bad zu erfrischen, Festkleider anzulegen und das unterdessen bereitete Mahl einzunehmen. Freilich viel mehr, als alle körperliche Erquickung, hatten die Freude und das Glück, wovon ihre Herzen erfüllt waren, die Spuren der überstandenen Leiden auf dem Gesichte der beiden Frauen verwischt.

Auf der Stelle, wo sie den Zug erwarteten, sahen sie vor sich die kühn aufsteigenden Bauten des Palatin, die, soweit es in der Eile möglich gewesen, mit Tausenden von Lichtern bis zu den Zinnen der Tempel und den Gesimsen der Paläste hinauf beleuchtet waren; zu ihrer Rechten erhob sich der Triumphbogen des Titus mit dem goldenen Viergespann auf seiner Höhe; [R3] links in der Tiefe des Thales lag das Colosseum.

»Siehst du,« sprach Irene, indem sie mit der Hand nach den düsteren Massen des riesigen Amphitheaters hinwies, »siehst du, wie dort überall in den Bogenhallen das Volk sich drängt? Abgewendet von der Arena, auf welcher es so oft in blinder Grausamkeit sich an dem Martertode der Christen ergötzte, harrt es jetzt, um das triumphierende Christuszeichen zu schauen, das seinen Einzug in die Hauptstadt der Welt hält.«

»Ich dachte eben,« entgegnete Valeria, »wie dieser Titusbogen, welcher dem Siege Rom's über Jerusalem und das Judenthum geweiht ist, sein Gegenstück in einem Constantinsbogen erhalten müßte, der den glorreichen Sieg des Kreuzes über Rom und das Heidenthum der Nachwelt verkünde. Und mir schien, daß derselbe keine passendere Stelle finden könnte, als angesichts jenes Colosseum's, in welchem die Martyrer für den Triumph des Kreuzes gestritten haben.« [R4]

Das Flavische Amphitheater (Collosseum) in seiner ursprünglichen Gestalt. Links ein Theil des constantinischen Triumphbogens; rechts die Vorbauten der Kaiserpaläste des Palatin.

»Und was für ein Gegenstück,« fragte Irene, »würdest du denn für den Palatin erdenken?«

»Was könnte sich herrlicher den Palästen der Cäsaren entgegenstellen,« antwortete Valeria, »als ein Haus, in welchem der himmlische König in seinem Sakramente und in seinen: sichtbaren Stellvertreter Rom und den Erdkreis segnet?« [R5]

Das Jubelgeschrei des Volkes und die schmetternden Fanfaren der Musik unterbrachen die Unterredung: der Festzug nahte heran. Aus den Bogenhallen des Colosseum's, aus den Fenstern des Palatin's, von den Brüstungen und Säulenpostamenten der Tempel jauchzten die Tausende dem Sieger entgegen, winkten mit den Händen, schwangen ihre Tücher und warfen Blumen und Kränze. Selbst bis auf die Schultern der Götterstatuen war die Straßenjugend hinaufgeklettert und schrie ihr » Jo triumphe!« Den Fackelträgern, welche den Zug eröffneten, folgten die Truppen mit ihren bekränzten Feldzeichen; die christlichen Krieger hatten vielfach ihre Schilde mit dem Namenszug des Herrn geschmückt.

Aber in dem ganzen prachtvollen Triumphzuge suchte das Auge der beiden Frauen nur Einen, Candidus. Wie lachte frohlockend das Herz der Mutter, als Valeria ihr in der Ferne das herannahende Labarum zeigte, als er dann immer näher kam, ihr geliebtester Sohn, das heilige Feldzeichen in der Hand, an der Spitze der Seinen, dem kaiserlichen Triumphwagen vorausreitend! Und jetzt hatte sein suchender Blick auch sie gefunden, und während Irene und Valeria ihm Kränze zuwarfen, wandte er für einen Augenblick das Labarum mit dem goldstrahlenden Namenszuge des Herrn grüßend den beiden Frauen zu. Daß seine Mutter, daß Valeria ihn gesehen, war ihm mehr werth, denn all' der Jubel und Beifall des unzähligen Volkes.

Als der herrliche Jüngling den beiden Frauen jenseits des Titusbogens aus dem Gesichte entschwunden war und Irene eine Frage an Valeria stellte, mußte sie ihre Frage wiederholen, – die Antwort war eine verwirrte.

Im Tempel der Concordia am Fuße des Capitol's erwartete der Senat den neuen Kaiser, um ihm nach alter Sitte durch die lex regia die Bestätigung seiner Würde zu ertheilen. Es war dieß eine leere Formel, wie denn der ganze Senat längst zur Mumie geworden; allein Constantin war klug genug, den werthlosen Flitter zu respektiren, in welchem die » patres conscripti« sich gefielen. In würdevoller Ruhe hörte er den langen Panegyricus an, in welchem der Redegewandteste unter den Senatoren den Sieger mit überschwänglichen Huldigungen und Lobpreisungen begrüßte. Dann hielt der Kaiser über das Forum seinen Einzug in den palatinischen Palast; zum capitolinischen Tempel des Jupiter empor zu steigen, um den Göttern zu danken, umging er unter Hinweis auf die späte Stunde. Schon vorher war es von den Senatoren, welche der Ueberzahl nach Anhänger der Götter waren, nicht ohne bittere Verstimmung bemerkt worden, daß Constantin auf dem Altare der Victoria, unter deren Schutz der Senat zu tagen pflegte, nicht das herkömmliche Opfer dargebracht.

Symmachus hatte sich in finsterem Groll bei der Begrüßung des Siegers im Hintergrunde gehalten; er brachte es nicht über sich, ihm das Geleit zum Palatin zu geben. Die Seele voll bitteren Unmuths und düsteren Grams schaute er einsam vom Portal des Tempels auf das hell erleuchtete Forum und das Gewimmel des jubelnden und frohlockenden Volkes nieder.

Da nahte sich ihm Lactantius. In der frommen Hoffnung, seinen ehemaligen Schüler jetzt unter dem Eindrucke der großen Ereignisse wenigstens zum Nachdenken über den Irrwahn des Heidenthums zu bringen, hatte er ihn trotz des damaligen schroffen Abschiedes am Portal des Tempels erwartet.

Als der Senator den Greis erblickte, verfinsterte sich seine finstere Stirne noch mehr.

»Ihr lichtscheuen Reichsfeinde!« sprach er bitter, »wie ihr jetzt frohlocket über einen Sieg, welcher das schwerste Unglück ist, das je Rom getroffen hat! Allein es ist noch nicht aller Tage Abend! So lange Rom steht, hat noch jeder Triumphator auf dem Capitol den unsterblichen Göttern für den Sieg gedankt, und Constantin brachte nicht einmal der Victoria sein Opfer: dieser Frevel kann nicht ungestraft bleiben.«

»Wenn du uns Christen Reichsfeinde [R6] schiltst,« entgegnete ruhig Lactantius, »sag' an, wann haben wir uns je selbst gegen diejenigen Kaiser, die uns unterdrückten und auf das blutigste verfolgten, empört? Wir haben als treue Unterthanen für sie und für das Reich gebetet und unsere Hoffnung auf Gott gesetzt. Du nennst diesen Tag einen Unglückstag für Rom, und ich freue mich, daß die Kerker ihre Gefangenen frei geben, das Schwert des Henkers bei Seite gelegt wird und die ruchloseste Tyrannei des Usurpators ein Ende hat. Haben aber die Götter sich wehrlos erwiesen gegen das Zeichen, das den Constantin nach Rom führte, so wird Christus ihn auch vor ihrer Rache schützen; denn was vermögen die Dämonen wider den allmächtigen Gott? Ja, wenn nicht schon du, so wird es hoffentlich dein Sohn erleben, daß das Standbild der Victoria aus dem Senat entfernt wird und daß die Statuen der Götter einzig als Werke großer Künstler erhalten werden.«

»Wenn Gesindel eine Stunde zu Macht kommt, wird es sofort frech und anmaßend,« entgegnete der Senator mit dem Ausdruck tiefster Verachtung.

»Ich verzeihe deinem Unmuth das harte Wort,« sprach der Greis; »die Wahrheit ist es, die nach dreihundertjähriger Unterdrückung zum Siege kommt. Und nicht erst der heutige Tag überzeugt die Welt von der Göttlichkeit des Christenthums und dem Irrwahn, dem sie bisher gedient hat. Stehen nicht schon längst euere Tempel verfallen, die Götterstatuen mit Spinngeweben umzogen, die Stufen zu den Heiligthümern mit Gras bewachsen? Wozu klammerst du dich an einen Leichnam an und hältst an einem Aberglauben fest, der in einem Menschenalter nur mehr bei den Unwissenden Boden finden wird?«

Symmachus wandte sich, ohne ein Wort zu erwidern, von seinem Lehrer weg und suchte, grollend über den Jubel des Volkes, auf einem Umwege seinen Palast auf. Aber Lactantius hatte mit seiner Voraussagung doch Recht. Denn vergebens bot der Sohn des Symmachus die ganze Macht glänzendster Beredtsamkeit auf, das hochverehrte Bild der Victoria, diesen letzten Hort des hinsinkenden Heidenthums, dem Senate zu retten; [R7] ein christlicher Dichter, Prudentius, war es, der damals seine Fürbitte einlegte, daß die Götterstatuen als »Kunstwerke großer Meister« ( artificium magnorum opera) erhalten werden möchten; Lactantius aber faßte an diesem Abende den Plan zu seinem berühmten Werke: De mortibus persecutorum, in welchem er an der Hand der Geschichte den Untergang aller Derer schilderte, welche die Kirche verfolgt hatten. –

Als Symmachus auf seinem Heimwege zu dem in ernstem Dunkel liegenden Tempel der Roma gekommen, lehnte er sich an eine der prächtigen Porphyrsäulen des Vorhofes und ließ, weit weg von dem lärmenden Wogen des jubelnden Volkes, von der einsamen Höbe herab sein Ange hingleiten über das Forum mit all den Tempeln und Denksäulen und Monumenten einer tausendjährigen glorreichen Geschichte, und heftete seinen Blick auf den Tempel und die Burg des Capitol's, deren Umrisse sich in majestätischem Dunkel vom Sternenhimmel abhoben. Ihm, der sein Rom und die von den Vätern ererbten Einrichtungen mit dem ganzen Stolze eines echten Römers liebte, der mit so festem Vertrauen auf das heutige Eingreifen der Himmlischen gerechnet hatte, ihm erschien dieser Tag als ein Unglückstag, schlimmer, denn der von Cannä.

»O ihr Götter!« rief er und ballte beide Fäuste zum Himmel, während Thränen tiefsten Ingrimm's und bitterster Wehmuth über seine Wangen rollten, »warum habt ihr Das zugelassen? Goldenes Rom, du Herrscherin des Erdkreises, siegreich über alle Nationen, – besiegt, geknechtet jetzt von dem Anhang eines gekreuzigten Juden! Steiget euern Gräbern, Scipio, Cato, Augustus, und helft mir jammern und wehklagen über die Stunde, welche den Verräther an den Göttern unserer Ahnen auf den Thron der Cäsaren erhebt!«

»So kann nur der edelste der Römer, nur der Senator Symmachus sprechen,« unterbrach ihn eine Stimme.

Es war Gordianus, der Sonnenpriester, der eben vom Mithrastempel in der Nähe des Lateran's zurückkehrte, wo er seinem Gotte das taurobolium oder feierliche Stieropfer dargebracht hatte. [R8]

Beide Männer erkannten einander als Jugendfreunde wieder, und wenige Worte genügten, sich gegenseitig von der Gleichheit der Gesinnung zu überzeugen.

Während Gordianus den Senator zu dessen Palast begleitete, sprach er, anknüpfend an die letzten Worte des Symmachus:

»Wenn der Sonnengott am Abend in das Meer steigt, dann lagern sich die Nebel der Nacht über die Erde, und der Skorpion und die Schlange kriechen verderbenbringend aus ihren Verstecken. Doch der unbesiegbare Gott schläft nur kurze Zeit. Als ich das warme Blut des Opferstieres über seinen Altar ausgoß und in geheimnißvollen Gebeten den leuchtenden Beherrscher des Himmels beschwor, Rom vor der Schmach des Gekreuzigten zu retten, da ward mir in heiligen Zeichen folgendes Orakel:

Ein Jahr von Jahren
Dem Magier von Nazareth

»Und wie erklärst du diese dunkeln Worte?« fragte Symmachus.

»Die Lösung kann nicht zweifelhaft sein,« entgegnete Gordianus. »Wie das Jahr von Tagen dreihundert fünf und sechszig Tage, so zählt ein Jahr von Jahren dreihundert fünf und sechszig Jahre. Nach diesem Jahresjahr erlischt der christliche Aberglaube.« [R9]

»Da wären also die letzten Kalenden bereits vorüber,« antwortete Symmachus; »denn schon in das vierte Jahrhundert schleicht dieser Irrwahn durch die Welt. Und doch, gerade der heutige Tag …«

»Der Skorpion, der heute in Rom eingezogen ist,« unterbrach ihn Gordianus, der den Gedanken des Senators errathen hatte, »und die galiläische Natter, die sich mit ihm verbündete, nein, edler Symmachus, nein, sie behalten nicht die Herrschaft! Triumphierend steigt von Ostern her wieder der Sonnengott empor und verscheucht die Nebel der Nacht und jagt das Ungeziefer in seine Schlupfwinkel, und näher ist dieser Morgen, als du glaubst.«

»Wie soll ich das glauben?« fragte bitter der Senator, »nachdem der verfluchte Name des Nazareners heute seinen Einzug in Rom, in die Curie, in den Palast gehalten?«

»Denk' an Maximin, den Kaiser des Ostens, dem geschworenen Feind der Christen!« entgegnete der Priester. »Zwischen ihm und Constantin ist der Entscheidungskampf jetzt unvermeidlich, und – bei den unsterblichen Göttern! Maximin wird siegen!«

Mit diesen Worten schied Gordianus von seinem Freunde und schlug den Weg nach dem Palatin ein, um dem Kaiser zu berichten, wie er dem Mithras feierliche Dankopfer für den glorreichen Sieg dargebracht habe. – –

Während die kaiserlichen Feldherren sich in dem prächtigen Triclinium des Augustus bei heiterem Gelage ergötzten, saß Constantin, der, müde von den Anstrengungen des Tages, sich zeitig zurückgezogen, allein in dem hellerleuchteten Prachtgemache des Palastes, welches noch am Morgen Maxentius bewohnt hatte.

Die siegreichen Feldzeichen seines Heeres waren in Mitte der Halle zu einer Art Trophäe zusammengestellt, über welche als krönende Spitze sich das Labarum erhob.

Sinnend ließ der Kaiser die Ereignisse der letzten Wochen, von seinem Aufbruche aus Gallien bis zur Entscheidungsschlacht des heutigen Tages, an seiner Erinnerung vorüberziehen, und je mehr er Alles überdachte, um so lebhafter wurde die Ueberzeugung in ihm, daß er einzig dem Eingreifen einer höheren Hand seine glänzenden Erfolge verdanke, daß Der ihn nach Rom geführt, unter dessen Namen er den Feldzug begonnen hatte.

Vor seinen Augen ragte über der Trophäe das Labarum mit dem Namenszuge Christi empor, und wie es bisher Verderben bringend in die Reihen der Feinde geleuchtet, so strahlte es jetzt begnadigend in seine Seele hinein.

Constantin sank vor dem heiligen Zeichen auf die Kniee und hob seine Hände in innigstem Danke zu dem Gott der Christen empor, – und nach dreihundertjährigem blutigsten Kampfe der Weltbeherrscher wider den christlichen Namen lag jetzt der Kaiser anbetend zu den Füßen des Gekreuzigten. –

In diesem Augenblicke stürzten die alten Götter von ihren Thronen in den Abgrund; eine neue Epoche begann in der Weltgeschichte. –

Constantin wollte noch heute seiner christlichen Gesinnung einen feierlichen und öffentlichen Ausdruck geben. Hatte das Christenthum bisher in Höhlen lind Schlupfwinkeln sich eine dunkle Zufluchtsstätte suchen müssen, so sollte es jetzt in seinem Oberhaupte auf einem der schönsten Hügel Rom's, im Centrum der damaligen Stadt, sich gegenüber den Palatin und das Capitol, zu seinen Füßen das Colosseum, wo so viel Martyrerblut um den Sieg des Kreuzes geflossen, einen kaiserlichen Palast zur Wohnung erhalten. Nero hatte das Geschlecht der Lateraner ausrotten und ihren Palast auf dem Coelius confisciren lassen; wiederholt war der Palast die Wohnung der Kaiser gewesen: von jetzt an sollte er Sitz und Eigenthum des Papstes sein.

Eben als Constantin zu diesem Entschlusse gekommen war und eigenhändig den Befehl der Ueberweisung niedergeschrieben hatte, ließ sich Candidus anmelden. Der Kaiser empfing ihn um so lieber, als gerade er ihm als Ueberbringer dieser Botschaft willkommen war. Wer wäre auch dieses Auftrags würdiger gewesen, und wer hätte denselben freudiger ausgeführt?

Candidus berichtete dem Kaiser, wie er glücklich seine Mutter und die übrigen Gefangenen noch im letzten Augenblicke habe retten können. Dann schilderte er mit steigender Wärme die Prüfungen, welche Rufinus und seine Tochter zu ertragen gehabt, sowie den Heldenmuth, den sie dabei bewiesen hatten; zugleich ersuchte er den Kaiser, die von Maxentius verhängte Confiscation widerrufen und Pater und Tochter in ihren Palast zurückkehren lassen zu wollen.

Constantin hatte die Schilderung von der Rettung der Christen und von der Freude des Wiedersehens zwischen Candidus und seiner Mutter mit lebhafter Theilnahme angehört; bei der Erzählung der Leiden des Rufinus stieg die Zornesröthe auf seine Wangen, und mit finsterem Stirnrunzeln sprach er:

»So schmählich hat man den höchsten Beamten der Stadt behandelt? Meine erste Sorge soll es sein, das an ihm begangene Unrecht gut zu machen. Es drängt mich, den alten Waffengefährten wieder zu sehen, – ihn,« fuhr Constantin lächelnd fort, »und auch seine Tochter, von deren heldenmüthiger Tugend du ein so farbenfrisches Bild entworfen hast, – mit so warmer Begeisterung, mein tapferer Tribun, daß es mir fast scheint, als ob die blutige Arbeit des Mars und der wilde Lärm der Waffen … doch darüber sprechen wir vielleicht ein anderes Mal. Gehe jetzt und melde dem Rufinus mit meinem Gruße, daß ich ihn in all' seinen Besitz wieder einsetze; ich werde noch diesen Abend die erforderlichen Befehle geben. Er aber wird sich nicht weigern, das Amt, welches er unter Maxentius bekleidet hat, auch unter Constantin zu verwalten. Doch dies will ich ihm mündlich sagen; denn morgen wünsche ich ihn und seine Tochter zu sehen. – Aber ich habe noch einen zweiten Auftrag für dich, mein trefflicher Tribun. Suche sofort den Bischof Milziades auf und übergib ihm dieses Schreiben. Es ist, von meiner eigenen Hand ausgestellt, das Dekret, welches ihm und seinen Nachfolgern auf ewige Zeiten den Palast der Lateraner als Wohnung anweist. [R10] Möge Christus, der mich nach Rom und an diesen Ort geführt, es in Gnaden als ein Opfer meines Dankes annehmen, wenn ich seinem Stellvertreter auf Erden eine würdige Wohnung biete. Morgen werde ich ein zweites Edikt erlassen, welches den Christen alle unter Diokletian confiscierten Kirchen und Coemeterien zurückgibt.«

Die Augen des jungen Kriegers leuchteten vor heiliger Freude. Candidus hatte sich während des ganzen Feldzuges so oft in frommer Sehnsucht und Ahnung den gewaltigen Umschwung ausgemalt, den die erhoffte Bekehrung Constantin's für die Kirche zur Folge haben werde; jetzt sah er seine Hoffnung verwirklicht, und ein unbeschreibliches Glück erfüllte sein Herz.

»Mein Kaiser,« sprach er voll Frohlocken, »dein Auftrag gibt mir Flügel, und aus tiefster Seele danke ich dir, daß du mich zum Ueberbringer dieses Briefes machst. Und auch für die andere Gnade danke ich dir. Rufinus weilt mit seiner Tochter bei meiner Mutter im lateranensischen Palast; ich eile sofort zu ihnen; wie werden sie sich alle der doppelten frohen Kunde freuen!«

Constantin lächelte.

»Hoffentlich,« sprach er, »ist der Umweg über den Lateran zum Bischofe kein gar zu weiter.«

»Ich denke, bei meiner Mutter zu erfahren,« erwiederte Candidus erröthend, »wo der heilige Greis sich aufhält.«

»Auch drängt es mich,« fuhr der Kaiser fort, »deiner Mutter die Anerkennung auszusprechen, welche ich dem Heldenmuthe ihres Sohnes zolle. In den nächsten Tagen hoffe ich sie besuchen zu können, da ich es nicht wage, eine edle römische Matrone, wie deine Mutter ist, zu bitten, mit Rufinus und seiner Tochter zu mir zu kommen.«

»Mein Kaiser,« antwortete Candidus, »meine Mutter wünscht nichts sehnlicher, als dir ihren Dank zu Füßen zu legen, daß du meinen Händen das Labarum anvertraut hast, und es wird für sie die größte Gnade sein, wenn sie mit Rufinus und seiner Tochter vor dir erscheinen darf.«

»Morgen früh,« bemerkte Constantin, »wird sich ein halbes Heer von Senatoren und Rittern zum Morgengruß anmelden; ich werde jedoch den Hofbeamten Befehl geben, daß man euch sofort vorlasse. [R11]

Damit entließ der Kaiser seinen Tribun.

Im Vorzimmer stieß Candidus auf den Gordianus. Der Sonnenpriester warf dem Jüngling einen Blick ingrimmigsten Hasses zu, den dieser jedoch in der Freude seines Herzens gar nicht beachtete. Gordianus ließ sich beim Kaiser zur Audienz anmelden; – er wurde auf den nächsten Morgen beschieden.

Candidus eilte zu seiner Mutter.

Auf dem Wege begegnete ihm der Senator Anicius Paulinus: er hatte seine Kinder wieder gefunden, nicht Eines fehlte. Voll seligen Glückes eilte der Vater auf den Freund zu, indem er ausrief:

»Candidus, Gott hat mein Gebet erhört: ich glaube an Jesum Christum!«

Candidus berichtete seinerseits in flüchtigen Worten dem Freunde, welchen Auftrag er habe; dann eilte er weiter zum Lateran.

Die Mittheilung, daß der Kaiser den Rufinus wieder in Amt und Eigenthum einsetze, wurde von diesem und seiner Tochter mit Dank gegen den erhabenen Wohlthäter aufgenommen; mit unbegrenzter Freude begrüßte man die andere Nachricht. Durch diese constantinische Schenkung war nicht nur thatsächlich die Anerkennung des bis dahin geächteten Christenthums durch den Kaiser ausgesprochen, sondern es lag darin zugleich ein glänzender Beweis der frommen Gesinnung des Herrschers.

»O,« rief Valeria, und ihre Augen leuchteten, ihre Wangen färbten sich von der Gluth heiliger Begeisterung, »jetzt beginnen die Samenkörner aus dem Blute der Martyrer zu sprießen! In das Dunkel der Grüfte dringt der Morgenstrahl des großen Ostertages unserer Auferstehung; Magdalena trocknet ihre Thränen, und jubelnd singt die Kirche ihr Alleluja. Christus vincit! In Constantin liegt Rom, liegt der Erdkreis in Anbetung auf dem Angesichte vor dem Gottessohne. O, edler Tribun, eile, eile, dem heiligen Vater, der ganzen Kirche die Osterbotschaft zu verkündigen! Du findest den ehrwürdigen Greis beim Coemeterium des Valentin an der flaminischen Straße; so hat es uns eben der Fossor Mincius gemeldet. Welche Freude wird das für ihn und die Brüder sein!«

Candidus verabschiedete sich, da er der bereits vorgerückten Stunde wegen nicht wagen mochte, nach seiner Rückkehr vom Bischofe noch einmal die Mutter aufzusuchen, verabredete die Zeit, wo man am nächsten Morgen zum Palaste gehen wolle und eilte davon, indem er seinen Weg nach den kaiserlichen Marställen nahm, welche auf der Südseite des Palatin lagen. Es bedurfte nicht der Vorzeigung der constantinischen Handschrift, um ihm sofort einen der besten Renner zur Verfügung zu stellen. In den noch theilweise erleuchteten Straßen wogte noch immer das Volk jubelnd auf und nieder. Erst als Candidus aus dem Netz der Gassen in das stillere Marsfeld und in die Baumalleen gelangte, welche zum flaminischen Thore führten, konnte er seinem Rosse die Ziegel schießen lassen.

Aber während sein Körper auf flüchtigem Ritt durch die Nacht die jetzt stille und verlassene Straße dahin eilte, schwebten licht vor seinem Geiste in buntem Spiele die lieblichsten Bilder. Der Kriegszug war glorreich beendigt; seine süße Mutter hatte er wieder erhalten, aus den Armen des Todes wieder erhalten; er selbst war zum Kriegstribun befördert worden; die Bekehrung Constantin's hatte seine heiligsten Wünsche befriedigt. Waren damit nicht, gleich erschlossenen Blumenknospen, alle seine Hoffnungen erfüllt? –

Alle? – Während die einen Knospen erblühen, beginnen schon wieder andere ihr geheimnißvolles Leben.

Plötzlich wurden seine Gedanken auf einen neuen Gegenstand gelenkt.

Aus der Ferne drang durch die Stille der Nacht ein Gesang an sein Ohr, der ihn ganz wunderbar berührte. Waren das nicht die Melodieen kirchlicher Psalmen und Hymnen? –

Er sollte bald Gewißheit haben.

Von der Anhöhe, an welcher der Eingang zum Coemeterium des h. Valentin lag, sah er eine leuchtende Procession niedersteigen, alle Theilnehmer, Kinder wie Erwachsene, Männer und Frauen, mit brennenden Fackeln in den Händen. An der Spitze des Zuges wurde ein großes aus Lichtern gebildetes Monogramm Christi getragen, und hoch und hehr strahlte der gebenedeite Namenszug des Herrn in die Nacht hinaus.

Bei diesem Anblicke wurde Candidus auf das tiefste bewegt; Thränen frommer Andacht rollten über seine Wangen.

Es war kein Zweifel: von Christus ihrem Herrn geführt, zog die Kirche mit dem Papste aus dem Dunkel der Katakomben in leuchtender Festprocession unter dem Frohlocken heiliger Gesänge in die Hauptstadt der Welt ein.

Candidus war abgestiegen und erwartete den Zug. Bald konnte er die Worte des Gesanges verstehen: es war der 113. Psalm, In exitu Israël de Aegypto, jener Psalm, welcher den Auszug Israel's aus der Sklaverei und seine Befreiung von dem Joche des Pharao feiert. Wie herrlich paßten heute die Worte des heiligen Sängers:

»Nicht uns, o Herr, nein, deinem Namen gib die Ehre;
Um deiner Treu', daß nicht die Heiden sagen: Wo ist ihr Gott? –
Unser Gott – im Himmel thront er: Alles, was er will, vollbringt er.
Silber sind und Gold die Götzen, Gebild von Menschenhand;
Was sie, das werde, der sie machte, wie Alle, die auf sie vertrau'n!
Auf Gott vertrauet Israel; Er ist Beschirmer ihm und Retter.
Der Herr war unser eingedenk; gesegnet hat er Israel;
Gesegnet seid ihr von dem Herrn, von ihm, der Himmel schuf und Erde.
Wir, die wir leben, preisen ihn, von nun an bis in Ewigkeit.«

Candidus sang leise die hl. Gesänge mit, und als die Procession herangekommen, gab er ihr ein Zeichen, zu halten, trat auf den Bischof zu und verkündigte, unter Ueberreichung des Briefes, mit lauter Stimme die kaiserliche Botschaft.

Wer beschreibt die Freude und den Jubel der Christen? In die Dankgebete, die sie mit erhobenen Händen zum Himmel sandten, mischten sich die heißesten Segenswünsche für den Kaiser.

Als der heilige Greis die Absicht äußerte, am nächsten Morgen dem Herrscher persönlich seinen Dank darzubringen, erbot sich Candidus, ihn beim Kaiser einzuführen. Dann schwang er sich wieder auf sein Roß und jagte der Stadt zu, oft zurückblickend nach dem leuchtenden Christuszeichen an der Spitze der ihm langsam nachfolgenden Procession. – –

Auf dem Marsfelde stieß Candidus auf einen Leichenzug. – Zwei Fackelträger voran, trugen zwei Männer den Todten; zwei Frauen bildeten das einzige, traurige Gefolge.

Eben stellten die Träger, ermüdet, die Bahre auf den Boden, um für einige Augenblicke auszuruhen.

Beim Anblick des einfachen Geleites vermuthete Candidus, daß ein Mann aus dem Volke begraben werde; um so mehr verwunderte er sich, als er die Decke von kostbarstem Purpur mit breiter Goldverbrämung bemerkte, welche über die Leiche ausgebreitet war.

»Wen begrabt ihr da?« fragte er, neugierig sein Pferd anhaltend.

Einer der Männer schlug die Decke zurück; – der Schein der Fackel beleuchtete ein im Tode grausig verzerrtes Frauengesicht.

Candidus fuhr unwillkürlich zusammen.

»Es ist das Weib des Maxentius,« sprach der Todtengräber mit eisiger Gleichgültigkeit; »sie hat sich selbst vergiftet. Ihre Sklavinnen begraben sie auf ihrem Landgute neben der Leiche ihres Sohnes.«

Die Träger hoben die Bahre wieder auf und eilten weiter, so schnell, daß die Frauen ihnen kaum zu folgen vermochten.

» Das Bild des Heidenthums!« – sprach Candidus tief erschüttert, und setzte sinnend seinen Weg zum Palatin fort, wo der Generalstab des Kaisers seine Quartiere erhalten

hatte. –

Längst war ganz Rom, erschöpft von der Aufregung des verflossenen Tages, in tiefen Schlaf versunken, und noch waren zwei Fenster am lateranensischen Palast erleuchtet. Irene konnte nicht schlafen. Ihr ganzes Leben, überreich an Prüfungen, Kämpfen und Opfern, zog an ihrer Seele vorüber, ein schwarzumwölkter Tag, dessen Abend aber die Sonne mit dem schönsten Glanze vergoldete. Wie inbrünstig dankte sie dem Himmel für Alles, für das überstandene Leid und für das Glück, das er ihr heute bereitet! Aber mit dem Danke legte das Mutterherz noch eine stille Bitte am Throne Gottes nieder, eine Bitte, deren Gewährung ihr Glück vollkommen machen würde. –

Auch Valeria, deren Geist die lichten Bilder des so ereignißvollen Tages freundlich umgaukelten, konnte nicht schlafen. Sie fühlte, der heutige Tag bildete einen Abschnitt in ihrem Leben, und sinnend schaute sie in die Zukunft, die wie ein glänzender Frühlingsmorgen ihr zulächelte. In dem Drange der Ereignisse hatte sich nie ein passender Augenblick gefunden, Candidus die goldene bulla zu überreichen, noch auch sie seiner Mutter zurückzugeben. Jetzt lag die Kapsel, die sie in frommer Neugier geöffnet, vor ihr mit dem vom Blute des Castulus gerötheten Schwamm; Valeria dachte an die Reliquie ihrer Mittler, die sie wieder zu erhalten leider nicht hoffen durfte, da bei der Confiscation der Güter sammt dem übrigen Mobiliar auch jene arca mit dem Taufkleid der Mutter unter den Hammer gebracht worden. Zum Ersatz dafür den vom Martyrblut seines Vaters getränkten Schwamm mit ihr zu theilen: gewiß, diese Bitte schlug Candidus ihr nicht ab, wenn sie ihn am nächsten Morgen darum ersuchte. Allein vor sich selber erröthend gestand sich die Jungfrau, daß es ihr – sie wußte selbst nicht, warum? – an Muth gebrechen werde, die Bitte auszusprechen.


Anmerkungen zum XV. Kapitel.

F1: Daß Constantin nicht über die milvische Brücke, sondern am Vatikan vorüber seinen Einzug in die Stadt gehalten habe, ist eine schon von Baronins ausgesprochene Annahme. ( Ann. III. 103.) Durch das Marsfeld am Stadium des Domitian (jetzt Piazza Navona) vorüber hätte der Kaiser nun in die Via Flaminia (den heutigen Corso) und damit in die Via sacra einlenken, oder auch geraden Wegs auf der älteren Via triumphalis zum Capitol emporsteigen können. Allein, wie die Stelle seines Triumphbogens beweist, umging Constantin dies, indem er um den Palatin herum vom Circus Maximus her auf der dortigen Via sacra seinen Einzug hielt, ohne den capitolinischen Tempel des Jupiter zu betreten. Der Triumphbogen steht auf der Südseite des Colosseum's, wo der Weg links hinauf zwischen dem Palatin und dem Doppeltempel der Roma und Venus zum Triumphbogen des Titus emporsteigt. Hadrian hatte um 130 jenen Doppeltempel erbaut, von welchem außer den gewölbten Unterbauten der Terrasse noch die beiden Absiden erhalten sind; die Reste des Tempels der Roma sind jetzt in Kirche und Kloster der h. Franziska Romana eingeschlossen.

F2: Prachtvolle Beleuchtungen machten sehr häufig einen Theil der Festlichkeiten aus, und die Römer müssen in dieser Hinsicht, auch ohne daß ihnen die Kunstmittel unserer modernen Illumination mit Feuerwerk, bengalischem oder elektrischem Licht u. dgl. bekannt waren, große Effekte zu erzielen verstanden haben. Domitian ließ bei einem Feste im Amphitheater bei Einbruch der Nacht einen Kreis von Flammen von oben herab, der die Nacht zum Tage machte und bei dessen Licht das Fest fortgesetzt wurde. Caligula gab einmal nächtliche Schauspiele, wobei die ganze Stadt erleuchtet war; Domitian veranstaltete sogar nächtliche Thierhetzen und Gladiatorenspiele bei Beleuchtung. Bei den Ausgrabungen auf dem Palatin im Jahre 1867 ist eine große Menge einfacher Thonlampen gefunden worden; wenige Jahre früher entdeckte man auf dem Aventin ein ganzes Lager solcher Lampen, und ebenso findet man bei den Ausgrabungen in Ostia und Pompeji alle Tage eine Anzahl von Thonlampen. Einerseits zu einfach für den täglichen Gebrauch in einem vornehmen Hause, kommen sie andererseits in einer solchen Masse vor, daß sie nur für Beleuchtungen der Thüren und Gesimse an Festen bestimmt gewesen sein können. Daß die Christen bei ihren kirchlichen Festen diese Illuminationen beibehielten, ergibt sich unter anderm daraus, daß Constantin nach dem Berichte des Eusebius ( Vita IV, 22) in der Osternacht die ganze Stadt beleuchten ließ. (Vgl. Friedländer, II, 170; De Rossi, Bullett. 1867, 13.)

F3: Der Triumphbogen des Titus erhebt sich auf der Anhöhe, die den Palatin mit dem Esquilin verbindet und das Thal des Forum's gegen Osten von dem des Colosseum's trennt. Er wurde ihm und seinem Vater Vespasian nach der Zerstörung Jerusalems errichtet. Bedeutende Ueberreste der Via sacra oder der heiligen Straße, die von dort, an der Basilika des Constantin (Maxentius) vorbei, über das Forum zum Capitol emporführte, sind noch erhalten. Die Innenwand des Bogens ist mit Relief-Darstellungen der Beute von Jerusalem (siebenarmiger Leuchter, Bundeslade, Tisch der Schaubrode) und des triumphierenden Einzuges des Titus geschmückt. Ein Viergespann mit der Victoria krönte ehemals den Bogen. Ihn immer vor Augen, mußten die Tausende der kriegsgefangenen Juden in schwerster Sklavenarbeit an dem Ausbau des Colosseum's ihre letzten Kräfte einsetzen, nachdem andere Tausende ihrer Brüder im Amphitheater den wilden Thieren vorgeworfen worden waren. Noch heutigen Tages vermeiden es die Juden in Rom, durch diesen Triumphbogen hindurch zu gehen, der ihnen von Geschlecht zu Geschlecht den Untergang ihrer Nation, die Strafgerichte Gottes über Jerusalem und die Erfüllung der Weissagungen des Gekreuzigten verkündigt.

F4: Der Triumphbogen Constantin's wurde vom Senat im Jahre 315 errichtet, als der Kaiser zum zehnten Jahrestage (den Decennalien) seiner Thronbesteigung wieder nach Rom kam. Die Inschrift lautet: »Dem Kaiser Constantin haben Senat und Volk von Rom, weil er durch Antrieb der Gottheit ( instinctu Divinitatis) und seines Geistes Größe mit seinem Heere den Staat von dem Tyrannen und dessen ganzem Anhange in gerechtem Kampfe befreite, diesen Triumphbogen geweiht.« Die Worte instinctu divinitatis sind von Manchen als spätere, auf Befehl des Kaisers vorgenommene Correktur angesehen worden; man wollte sogar die Spuren des Wortes Jupiter erkennen. Allein die genaueste Untersuchung im Jahre 1863 stellte die Gleichzeitigkeit außer Zweifel. Der in seiner überwiegenden Mehrzahl heidnische Senat hat dem christlichen Bekenntnisse des Kaisers und der Thatsache, daß Constantin auf göttlichen Antrieb zur Bekämpfung des Maxentius nach Rom gezogen war, öffentlich Rechnung tragen müssen. Wie der Kaiser damals, nicht etwa in Privatbriefen, sondern in amtlichen Erlassen seinen christlichen Glauben bekannte, beweist die folgende Stelle, mit welcher er eine Zuschrift an den Proconsul von Afrika schloß: »Dann kann ich in Wahrheit und vollkommen ruhig sein und immerdar von der nahen Hilfe des allmächtigen Gottes Heil und Segen erhoffen, wenn ich weiß, daß Alle im rechten Bekenntniß des katholischen Glaubens und in einträchtiger Bruderliebe Gott, den Heiligsten, verehren, cum universos sensero debito cultu catholicae religionis sanctissimum Deum concordi observantiae fraternitate venerari (cf. Acta purg. Caecil.). Der Senat aber wählte mit Absicht den etwas unbestimmten Ausdruck » divinitas, Gottheit.« Denn der Glaube an ein einziges höchstes Wesen war in der dreihundertjährigen Berührung mit dem Christenthum auch in der Heidenwelt allmählich zur Herrschaft gelangt, und unter Andern gebrauchte Symmachus, der eifrigste Vorkämpfer des Götterkultus, neben den Wendungen »so Gott will, mit Gottes Hilfe« u. dgl. auch die Worte » spe divinitatis« ( epist. IX.). Instinctu divinitatis sollte also beiden Religionsanschauungen gerecht werden, da das herkömmliche Jovis Optimi Maximi hier zu gebrauchen dem Senat nicht gestattet war. (Vgl. die ausführliche Darlegung bei De Rossi Bullett. 1863, 50.) Zu gleicher Zeit prägte der Senat seinerseits noch Kupfermünzen mit den Bildnissen Constantin's und der durchaus heidnischen Inschrift: Soli invicto comiti, während die in der kaiserlichen Münze geprägten Silber- und Goldstücke offen den christlichen Charakter an sich tragen. ( Garrucci, Numismatica Constantiniana. – Cavedoni, Append. alle ricerche critiche int. alle med. di Const.)

F5: Eine der herrlichsten Aussichten von den Ruinen der Kaiserpaläste aus ist jene hinüber nach St. Peter und dem Vatikan, zumal am Abende, wenn die Sonne in Feuergluth hinter der Riesenkuppel untergeht. – Rings um dich lagern Trümmer in öder Einsamkeit, senken sich eingestürzte Gewölbe, ragen zerborstene Mauern, von dunkeln Pinien ernst beschattet, wo einst in der goldenen Pracht des überschwänglichsten Luxus alle Lüste und Genüsse der Welt die Sinne berauschten. Aber aus den Ruinen schaust du, hin über die Tiberbrücken, nach der Basilika des Apostelfürsten, die in heiliger Ruhe und majestätischer Hoheit ihr Kreuz in die goldenen Abendwolken taucht. Und nun klingen und singen die Glocken und Glöcklein von Nah und Fern ihr Ave, wie himmlisches Friedensgeläute, wie seligen Triumphgesang, und während du, – das Kind des Augenblicks, – auf den Trümmern einer versunkenen Weltherrschaft entzückt hinüberschaust nach dem Symbol einer ewigen Weltherrschaft, sinkt wohl drüben im Vatikan der greise Hohepriester vor dem Tabernakel auf seine Kniee, um für Rom, für die Welt und auch für dich zu beten. –

F6: Der Vorwurf, Feind des Staates zu sein, ist zu allen Zeiten die Devise gewesen, unter welcher die Kirche verfolgt wurde. Als Nero die Verleumdung nicht aufrecht erhalten konnte, daß die Christen Rom in Brand gesteckt hätten, ließ er sie wegen Reichsfeindlichkeit ( odium generis humani) hinrichten. Vergebens suchten Justin, Athenagoras, Tertullian die Anschuldigung zu widerlegen. »Man spricht uns die Ehrfurcht gegen die Kaiser ab und nennt uns Feinde des Vaterlandes,« klagt letzterer, und betont es dann wiederholt: »Wir ehren den Kaiser, allein so, wie es uns erlaubt und ihm nützlich ist. Wir opfern für das Heil des Kaisers, aber unserm und seinem Gott … Der Christ ist verpflichtet, das Heil des Kaisers und des römischen Reiches zu wünschen.« Er weist darauf hin, wie die Christen sich wegen der grimmigen Verfolgungen rächen könnten; allein weit entfernt, Böses mit Bösem zu vergelten, erkennen sie gerade darin die Göttlichkeit ihrer Religion, daß sie verfolgt wird. – Weiser, als seine Vorgänger, entfernte umgekehrt Constantinus Chlorus solche Christen, die in der Verfolgung abgefallen waren, aus ihren Staatsämtern, indem er erklärte, wer seinem Gott nicht treu sei, der sei es auch nicht seinem Kaiser, oder sei wenigstens nicht mehr würdig, dem Kaiser zu dienen. ( Euseb. Vita Const. I, 13.)

F7: Augustus hatte nach seinem Siege bei Actium die durch Feuer zerstörte Basilika Julia auf dem Forum wiederhergestellt und in derselben die Statue und den Altar der Victoria errichtet, auf welchem jeder Senator beim Eintritt in die Sitzung Weihrauch und Wein opferte. Constantin durfte es nicht wagen, das hochverehrte Bild der Göttin zu entfernen; als sein Sohn Constans Statue und Altar stürzte, richtete Magnentius sie wieder auf; allein mit seinem Sturze fiel auch wieder das Götterbild. Julian stellte den Dienst der Göttin wieder her, und so behauptete sie ihren Platz, bis Gratian Statue und Altar im Jahre 382 abermals entfernte. Vergebens wandte sich Symmachus im Namen der heidnischen Senatoren an den Kaiser, vergebens erneuerte er mit aller Macht seiner Beredtsamkeit die Bitte nach Gratian's Tod bei dessen Bruder Valentinian II.; die Opposition der christlichen Majorität im Senat, wie die energische Sprache des Bischofs Ambrosius von Mailand vereitelten seine Absichten. Dennoch sollte das hochverehrte Bild noch einmal in die Curia zurückkehren, als Eugenius 392 zur Herrschaft gelangte. Allein mit dem Sturze dieses Kaisers verschwand es schon nach zwei Jahren wiederum und jetzt für immer. (Vergl. Brockhaus, Aur. Prudentius, S. 44 f.)

F8: Bei der Ausgrabung der Unterkirche des heil. Clemens 1864 wurde ein speleum, d. h. eine Grotte oder Heiligthum des Mithras entdeckt, in unmittelbarer Verbindung mit dem aus der apostolischen Zeit stammenden christlichen Versammlungsorte im Hause des Papstes Clemens. Der Opferaltar mit den Symbolen des Sonnenkultes stand noch an seiner Stelle. In der diokletianischen Verfolgung war die Clemens-Kirche confiscirt und den Anhängern des Mithras überwiesen worden. (Vgl. Bullett. 1871, 153 f.) – Schlange und Skorpion waren im Sonnenkult die Symbole der dem Lichte feindlichen Mächte.

F9: Der hl. Augustinus ( De Civit. Del, VIII, 35) berichtet von einem Orakelspruch in griechischen Versen, der, wie es scheint, in den Tagen Constantin's entstand, und wornach der Name Christi 365 Jahre verehrt, nach Ablauf dieser Frist aber plötzlich in Vergessenheit gerathen werde. ( Excogitaverunt nescio quos versus graecos, tamquam consulenti cuidam divino oraculo effusos … ut coleretur Christi nomen per CCCLXV annos, deinde … sine mora sumeret finem.) In diesen Versen, fügt der h. Augustinus hinzu, sei auch des Apostels Petrus als eines Zauberers Erwähnung gethan ( Petrum maleficia. fecisse subiungunt).

F10: Die Basilika des Lateran ist nach den Worten De Rossi's »in der That die erste oder eine der ersten, welche Constantin dem christlichen Kult errichtete, und sie liegt der Zeit nach wahrscheinlich noch vor der Einweihung des Triumphbogens. Daß sie, seit dem 4. Jahrhunderte die Kathedrale der Päpste, durch die Freigebigkeit Constantin's der Kirche geschenkt wurde, ist eine außer Zweifel stehende Thatsache.« Der Lateranensische Palast, seit Nero Eigenthum des Fiscus, trägt in jenen Tagen den Namen von der Kaiserin Fausta, der Gemahlin Constantinas (» in domo Faustae in Laterano«); Papst Milziades war bereits im Besitze desselben, als er dort am 2. October 313 achtzehn Bischöfe zu einem Concil versammelte. Und wie Constantin damals für die Gläubigen in Afrika Kirchen erbaute und diesen und ihrem Klerus aus Staatsmitteln reiche Einkünfte zuwies, so hat er sicherlich nicht minder die römische Kirche mit kaiserlicher Freigebigkeit beschenkt; das lange Verzeichniß der Besitzungen und Einkünfte, welche nach Angabe des Liber Pontificalis oder der Papstchronik die lateranensische Basilika von Constantin erhalten hatte, reicht zweifellos zum Theil in die ersten Tage der Regierung des Kaisers über Rom hinauf. (Vgl. De Rossi, Bull. 1863, 52.) Die lateranensische Basilika feiert das Fest ihrer Einweihung am 9. November; war dieser Tag, wenige Tage nach demjenigen des Sieges über Maxentius, derjenige, wo noch in demselben Jahre 312 Papst Milziades vom lateranensischen Palast Besitz nahm? Nach dem Gesagten ist diese Annahme nicht unwahrscheinlich.

F11: Zumal bei freudigen und feierlichen Veranlassungen war es das Recht wie die Pflicht der Personen vornehmen Standes, zur salutatio oder Morgenaufwartung vor dem Kaiser zu erscheinen. Man drängte sich auf dem Vorplatze, der area Palatina, und erwartete die Ankündigung, daß nunmehr die Audienz beginne. Der Empfang fand in der ersten Frühe statt, welche in Rom überhaupt die für Besuche gewöhnliche Zeit war. Der Kaiser, wie die ihre Aufwartung machenden Personen erschienen in der Toga, die Militärs in ihrer kriegerischen Tracht. Die Senatoren wurden mit einem Kuß empfangen; später kam vom persischen Hofe die Sitte des Handkusses und Fußkusses auch an den kaiserlichen Hof nach Rom: sie hat sich bis heute bei der päpstlichen Curie erhalten. In der Regel pflegten die Kaiser den ersten Stand bei öffentlichen Empfangsfeierlichkeiten durch große Höflichkeit auszuzeichnen; tyrannische Herrscher übten auch hier ihre Schrecken. (Vgl. die eingehenden Schilderungen bei Friedlaender, Sittengesch. Rom's I, 142 f.)


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