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Viertes Kapitel.
In den Katakomben.

Rom war durch Papst Fabianus um das Jahr 250 in sieben kirchliche Regionen eingetheilt worden; an der Spitze derselben stand je ein Diakon, der zugleich die Aufsicht über die einer jeden Region zugewiesenen Friedhöfe oder Cömeterien hatte. Das Cölimontium, wo der Palast des Rufinus lag, gehörte zur zweiten Region, deren Begräbnisse an der appischen und der latinischen Heerstraße lagen. Valeria hatte gewünscht, daß ihre Mutter in den Katakomben an der appischen Straße beigesetzt werde, welche unmittelbar unter der Aufsicht des Papstes standen und von dem heiligen Callistus ihren Namen trugen.

Im alten Rom fanden die Begräbnisse des Nachts statt; nach Irene's umsichtiger Anordnung sollte die Leiche Sophronia's in aller Stille und ohne Gepränge hinausgetragen werden. Das hinderte aber nicht, daß sich im Atrium eine große Anzahl von Armen, Krüppeln und Greisen versammelte, welche ihrer Wohlthäterin ihre Liebe und Dankbarkeit beweisen wollten. Als Irene in Begleitung zweier Dienerinnen in ihrer Mitte erschien, um im Namen des Rufinus und seiner Tochter Almosen unter sie auszutheilen, erschrack sie nicht wenig, als sie in der Menge auch Rustica, die Gattin eines der fossores oder kirchlichen Todtengräber aus dem transtiberinischen Stadtviertel erkannte. Obschon die Frau erst vor vier Tagen geboren hatte, war sie doch mit ihrem Säugling und ihrer blinden Mutter gekommen, und als Irene ihr sanft Vorwürfe machte, entgegnete das junge Weib:

»Es litt uns beide nicht zu Hause: wir müssen noch einmal die Hand küssen, die uns so viel Gutes gespendet.«

Irene beeilte sich, die Zwei Frauen in das Gemach zu der Leiche zu führen, und es war tief ergreifend, zu sehen, wie die Mutter mit ihrem neugeborenen Kinde und die blinde Greisin an der Bahre knieten und ihrem Schmerze und ihrer Dankbarkeit Ausdruck gaben. Erst nach langem Sträuben nahm Rustica das Tuch an, welches Irene ihr aufdrängte, damit sie sich auf dem Heimwege gegen die kalte Nachtluft schütze.

Wie oft entdeckt man in der groben Muschel der Armuth die kostbare Perle edelster Gesinnung!

Nun trat Rufinus mit seiner Tochter noch einmal zu der Todten, um unter heißen Thränen den Abschiedskuß auf ihre Stirne zu drücken. Dann breitete er, der Sitte gemäß, ein kostbares Tuch von tyrischem Purpur über das Antlitz der nach römischem Brauch offen auf der Bahre liegenden Leiche. Nachdem die Priester die Gebete der Kirche gesprochen, setzte sich unter dem Scheine der von den Sklaven des Hauses getragenen Fackeln der Zug, dem außer Rufinus und seiner Tochter nur Irene und die nächsten Angehörigen sich anschlossen, in Bewegung.

Trotz der späten Stunde standen vor den benachbarten Palästen und Häusern überall Gruppen von Personen in stiller Theilnahme. Niemand wagte ein Wort des Mitleids, aus Furcht vor den kaiserlichen Spionen, deren Nähe man witterte. [R1]

Von der Anhöhe des Cölimontium herabsteigend, begegnete der Trauerzug einer Schaar junger Leute, welche den Abend in einer der verrufenen Tabernen dieses Stadttheils durchschwärmt hatten. Vom Weine berauscht, zu nächtlichem Unfug immer bereit, drängte sich der ausgelassene Haufe sofort heran, um dem Geleite die Fackeln zu entreißen. An der Spitze der Nachtschwärmer stand ein Jüngling, dem wir bald wieder begegnen werden, der Sohn des kaiserlichen Kanzleipräfekten.

»Beim Bachus!« rief er seinen Kumpanen zu, »die Todten brauchen keine Fackeln, um den Weg unter die Erde zu finden; allein wenn wir meiner schönen Telesilla ein Ständchen bringen wollen, bedürfen wir der Lichter.«

Mit diesen Worten versuchte er einem der Sklaven die Fackel zu entwinden; allein jetzt trat ihm aus dem kleinen Gefolge ein Mann entgegen, ließ seine Hand schwer und wuchtig auf die Schulter des Jünglings fallen und sprach in erschütterndem Ernste:

»Der Stadtpräfekt Rufinus geleitet seine Gattin zu Grabe; störe nicht die stille Feier!«

Dieses Wort und der tiefe Gram, mit welchem es gesprochen wurde, der heroische Tod Sophronia's, wie das hohe Amt des Leidtragenden stießen die Bande in scheuer Beschämung zurück.

Verlegen stotterte der Anführer eine Entschuldigung; dann entwichen alle.

An den Bädern des Caracalla vorüber gelangte der Zug, ohne weitere Störung zu erfahren, zum appischen Thore, das heute vom heiligen Sebastianus seinen Namen trägt. Dort harrte eine Schaar von Christen, zumal Arme, um der Verstorbenen das Geleit zu den Katakomben des Callistus zu geben.

Die Nacht war wundermild. Vom stillen Himmel schauten die Sterne, wie Blicke der Engel, auf die nächtliche Procession nieder; lautloser Friede lagerte über der ganzen Natur und die Blätter der Bäume wagten, gleich frommen Kindern, kaum zu flüstern, um die Andacht nicht zu stören. Finster aber schauten zu beiden Seiten der Straße auf den christlichen Leichenzug die heidnischen Grabmonumente, die eitle Pracht und Prahlerei der Lebenden über Asche und Verwesung, für welche es keine Hoffnung seliger Auferstehung gab.

Die Kleriker an der Spitze des Zuges hatten Psalmengesang angestimmt, nicht in traurigem, sondern in festlichem Tone, wie es zumal bei der Bestattung der Martyrer vorgeschrieben war. [R2] Wie oft waren seit dreihundert Jahren diese heiligen Gesänge in der Stille der Nacht auf der appischen Straße erklungen, wenn die Christen die Leichen der Blutzeugen von den Richtstätten und aus dem flavischen Amphitheater zu den Katakomben geleiteten! Aber bald wird die Zeit kommen, wo das römische Volk, wo die Hirten der Albaner- und Sabinerberge, wo die Pilger aus Etrurien und Campanien in langen Zügen unter heiligen Jubelgesängen zu den glorreichen Gräbern der Martyrer wallfahrten, um in ihnen den Sieg des Kreuzes über die Welt zu feiern. Ja, wenn die stolzen Grabmäler mit ihren ruhmredigen Inschriften längst in Trümmer gefallen sind und nur wüste, epheuumrankte Ruinen über den erbrochenen und geplünderten Grüften emporstarren, dann werden, selbst aus Ländern, wohin nie der Fuß eines römischen Kriegers gekommen, aus unbekannten Welttheilen, fromme Beter die appische Straße dahin wallen, um in Einem Glauben, in Einer Liebe und Hoffnung an den Gräbern der Martyrer zu beten.

Die appische Straße in unseren Tagen.

Der eigentliche Eingang in die Katakomben des heiligen Callistus lag hart an der appischen Straße, neben dem Grabmal der christlichen Cornelier; noch heute steht der braune Kern des Monumentes zwischen dunkelgrünen Cypressen, neben denen die alte Treppe in die Gräberstraßen hinabführt. [R3] Seitdem aber durch Diokletian die Grundstücke, unter welchen die Katakomben lagen, confiscirt worden, hatten die Christen sich einen unter Strauchwerk und Gestrüpp verborgenen Eingang eröffnet.

Dort erwartete Mincius, der Todtengräber aus dem transtiberinischen Stadtviertel, mit den ihm untergebenen übrigen fossores die Leiche.

Eingang in die Katakomben.

Bei der Enge des Raumes mußte dieselbe von der Bahre gehoben und frei hinuntergetragen werden; Rufinus nahm die theuere Bürde in seine Arme, und trug sie, unterstützt von Mincius und dessen Gefährten, in die Tiefe hinab.

Nachdem man die niederen Gewölbehallen der Arenarien oder Sandgruben durchschritten, bewegte sich der Zug in die langen Galerien der unterirdischen Stadt, bis man zu der Grabkammer gelangte, in welcher Sophronia ihre Ruhestätte finden sollte.

Dort harrte inmitten seiner Priester und Diakonen der Bischof Milziades, um persönlich die Beisetzung der Martyrin vorzunehmen.

Unter den Gebeten der Kirche hoben die fossores die Leiche auf und schoben sie in die offene Grabnische; Valeria aber goß ein Gefäß mit kostbaren Wohlgerüchen über die Todte aus, so daß die ganze Kapelle von dem Dufte erfüllt wurde.

Bis hierher hatte Rufinus, der Heide, der heiligen Feier beiwohnen dürfen, und Alles hatte ihn tief ergriffen, die Procession in der Stille der Nacht auf der appischen Straße unter dem Gesange der Psalmen, die Wanderung durch die Gänge der unterirdischen Todtenstadt, die fromme Andacht, mit welcher die Christen die Bestattung umgaben.

Aber nun begann die heilige Liturgie. Wie schmerzlich empfand er es, daß er ausgeschlossen sein mußte von der Liebe, welche die Christen um das Grab seiner Gattin versammelt hielt!

Ach, jetzt fühlte er, welch' tiefe Kluft ihn von seiner Sophronia und seinem Kinde trennte. Einen Augenblick versuchte er es, sein Herz und seinen Geist emporzurichten zu seinen alten Göttern; allein die Dämonen des Götzenkultus hatten es nicht gewagt, ihm in die geweihte Ruhestätte der Martyrer zu folgen. Ihrem Banne entrückt sah er vor seinem geistigen Auge die Hülle schwinden; im Dunkel der Todtenstadt ging ihm das Lebenslicht der Wahrheit auf.

Der Papst Milziades hatte dem Severus, einem seiner Diakonen, den Auftrag gegeben, während der Dauer der heiligen Liturgie den Rufinus durch die Katakomben und zu den berühmtesten Gräbern der Martyrer zu führen und ihn, wenn er es wünsche, an das Tageslicht zurück zu geleiten.

Severus machte den Präfekten auf einige besonders schöne Grabschriften aufmerksam. So lasen sie auf einem Marmorsteine die Worte: » Quiriacæ, bonæ feminæ – palumba sine felle – in pace. Der Cyriaca, der guten Frau – sie war eine Taube ohne Galle – möge sie im Frieden ruhen!« Aus dem Grabstein der Jovina lautete die Inschrift: » recessit a sæculo ingressa in pace, sie hat die Zeitlichkeit verlassen und ist im Frieden eingegangen.« – Der Glaube an ein Leben nach diesem irdischen Leben, an eine Verbindung der Lebenden mit den Abgeschiedenen, an ein dereinstiges glückliches Wiedersehen trat in den mannigfachsten Wendungen dem Rufinus auf den Inschriften entgegen. Da las er: » Claudi vivas in æterno, Claudius, lebe in Ewigkeit«; » Leontino in Deo pax, dem Leontinus sei Friede in Gott«; » In pace spiritus Silvani, amen, die Seele des Silvanus ruhe im Frieden, Amen«; » Irene dulcis vivas in Domino, süße Irene, mögest du in dem Herrn leben!« – Eine andere Inschrift lautete: » Dulcis anima in pace Domini, süße Seele, du ruhst im Frieden des Herrn; quæ vixit annos xv virgo, fünfzehn Jahre lebte sie, die Jungfrau; pater filiæ suæ dulcissimæ, der Vater setzte seiner süßesten Tochter den Grabstein.« – » Januaria bene refrigera et roga pro nobis,« hieß es auf einem andern Grabstein, »Januaria, reiche Erquickung sei dir, und bete für uns.« – Eine Frau empfahl sich und ihren Gatten der Fürbitte der in Christo eingegangenen Seele mit den Worten: » Vincentia in petas pro Phœce et pro virgineo eius, Vincentia, du ruhst in Christo; bete für Phöbe und ihren Gatten.« – Und worauf alle diese Hoffnungen des Friedens und des ewigen Lebens in Gott dem Herrn, zu dem die Verstorbenen uns vorausgegangen sind und wohin sie durch ihre Gebete den Hinterbliebenen den Weg bahnen, begründet seien, das sprach eine griechische Inschrift mit den Worten aus: »ΧΡΙϹΤΙΑΝΑ. Η. ΕΝ. ΘΕΩ. ΚΑΙ. ΧΡΙϹΤΩ. ΠΙϹΤΕΥϹΑϹΑ, Christiana, die an Gott und Christum geglaubt hat.«

Viele Inschriften waren nach Grammatik und Orthographie fehlerhaft, von unkundiger Hand roh in den Stein eingemeißelt worden. Die Glaubenszuversicht, die sich in ihnen aussprach, mußte also Gemeingut aller Christen, auch der Niedrigsten, nicht ein Privilegium der Gelehrten und Eingeweihten sein, wie es in den Schulen der Philosophen der Fall war.

Manche Gräber waren mit Gemälden geschmückt; einige derselben erklärte Severus, soweit Rufinus es zu fassen vermochte, und auch hier sprach sich dieselbe lebendige Hoffnung, dieselbe freudige Ueberzeugung aus, wie in den Inschriften.

Auf verschiedenen Grabsteinen las der Präfekt zu seiner nicht geringen Verwunderung die Namen von Personen, die er im Leben gekannt, von denen er aber nie geahnt, daß sie Christen gewesen. Sie alle gehörten zu denjenigen, die er wegen ihrer edlen Gesinnung besonders hochgeschätzt hatte. Manche derselben waren von senatorischem Stande und entstammten den ältesten Adelsgeschlechtern Rom's. [R4]

Auf ihrer Wanderung näherten sich die Beiden zuweilen der Kapelle, in welcher die Christen am Grabe der Sophronia versammelt waren: wie wunderbar und ergreifend war für Rufinus ihr Gesang, der durch die Hallen der Katakomben bald näher, bald ferner an sein Ohr tönte! Wie zog es ihn dann zu ihnen hin, um mit ihnen vereint am Grabe seiner Gattin zu beten!

Als die heilige Feier beendet war, wurde Rufinus noch einmal an die Ruhestätte geleitet, um der theuern Hingeschiedenen das letzte Lebewohl zu sagen, bevor die fossores das Grab mit der Marmorplatte verschlossen.

Valeria hatte mit der ganzen Gluth kindlicher Liebe zu ihrem Heilande für den Vater gebetet; gleich einem lichten Engel des Himmels hatte ihr Flehen ihn auf seiner Wanderung durch die Gänge der Katakomben geleitet. Als sich Rufinus jetzt über die Leiche seiner Gattin beugte und seine Lippen auf ihre kalten Hände zum letzten Abschiede drückte, da hörte die Tochter aus dem Munde des Vaters ein Wort, das ihr Herz mit süßester Wonne erfüllte:

»Theueres Weib, möge dein Gott bald auch mein Gott werden!«

Die fossores hoben die Marmorplatte vor die Grabnische und verschlossen sie ringsum mit Mörtel: die römische Kirche hatte in ihrer Schatzkammer der Katakomben ein neues Kleinod niedergelegt.

Die Zeit war nicht ausreichend gewesen, in den Grabstein eine Inschrift zu meißeln; das schmerzte den Rufinus, und während die Todtengräber ihre Arbeit verrichteten, ergriff er aus dem Werkzeug derselben ein spitziges Eisen und kratzte in den Kalk der anstoßenden Mauer die Inschrift ein:

SOPHRONIA DVLCIS SEMPER VIVES DEO.
Süße Sophronia, immer wirst du bei Gott leben.

Der Präfekt wiederholte dabei nur Worte und Wendungen, wie er sie vorhin zahlreich auf den Grabsteinen gelesen hatte; allein indem er sie nun selbst schrieb, sie sich vor Augen stellte und sie auf seine Gattin anwandte, da ergriffen ihn diese Worte mit einer wunderbaren Macht: es war das Bekenntniß seiner eigenen Ueberzeugung, dieses » semper vives Deo, immer wirst du bei Gott leben.« Dieser Glaube aber an Einen Gott und an ein ewiges Leben in ihm erfüllte sein Herz mit Licht und Trost und nie empfundener Freude. Thränen rannen über seine Wangen, und von der innern Bewegung fortgerissen, schrieb er unter die Inschrift, sein Bekenntniß wiederholend und bestätigend, die Worte

SOPHRONIA VIVES
Ja, Sophronia, du wirst leben.

Und während durch die Ungunst der Zeiten, von barbarischen Händen zerbrochen, die Grabsteine und Inschriften der Grabkammer sämmtlich verschwunden sind, stehen die Worte, welche Rufinus in die Wand kratzte, noch heute und erzählen uns von dem Troste einer Seele, die in dem Kampfe zwischen Natur und Gnade, zwischen der Nacht des Unglaubens und dem Lichte des Glaubens siegreich sich emporgerungen. [R5]

Sophronia's Gebet am Throne Gottes begann Erhörung zu finden.

Als die fossores ihre Arbeit beendigt hatten, verließen die Gläubigen mit dem Scheidegruß: » Vale in pace, lebe wohl im Frieden!« [R6] die Grabkapelle, um durch die Gänge der Katakomben wieder an die Oberfläche der Erde empor zu steigen.

Eben ging die Morgensonne über den Albanerbergen auf und vergoldete mit ihrem Schimmer das leichte Gewölk, das still und friedlich, gleich einer Heerde Schäflein unter der Obhut des Hirten, auf der weiten Himmelsflur lagerte, und schaute hinüber nach Rom, der Weltstadt, mit ihrem rastlosen, friedelosen Jagen nach Erwerb und Genuß, und beleuchtete die Grabmäler an der appischen Straße, in denen alles Ringen und Haschen und alle Leidenschaften, Lust und Schmerz, Lieb und Leid in ewigem Schweigen ruhten.

Valeria hatte bemerkt, wie ihr Vater die Inschrift in den Kalkbewurf der Grabkammer einritzte; mit wachsender Spannung hatte sie Buchstaben um Buchstaben unter seiner Hand entstehen sehen, aus dem halben Worte das ganze, bevor es noch geschrieben war, errathen; bei jedem weitern Worte jubelte ihr Herz höher auf, und Thränen seligen Glückes rannen über ihre Wangen. Es bedurfte nicht des bittenden Blickes der Jungfrau, den Bischof Milziades zu veranlassen, auf dem Heimwege mit Rufinus über die Lehren des Christenthums zu sprechen. Die Zeit reichte völlig aus, die Grundwahrheiten unserer heiligen Religion, soweit sie damals im Taufunterricht enthüllt wurden, darzulegen, und Milziades hatte an Rufinus einen ebenso willigen, als verständigen Schüler.

Als dann aber beim Abschiede der Papst die Hoffnung aussprach, bald dem Präfekten das heilige Kreuzeszeichen auf die Stirne zeichnen und ihn damit zur Vorbereitung auf den Empfang der heiligen Taufe feierlich in die Zahl der Katechumenen aufnehmen zu dürfen, [R7] da schrack dieser doch vor dem äußern Schritt und dem offenen Bruche mit der römischen Staatsreligion noch zurück. Es genüge ja, meinte er, daß er im Herzen den Gott der Christen verehre; wenn seine amtliche Stellung und günstigere Zeitumstände es gestatteten, werde er gewiß gerne den Wünschen des Bischofs entsprechen.

Milziades hoffte Alles von der Einwirkung Valeria's auf ihren Vater, wenngleich eine bange Ahnung ihm sagte, daß zu einer langsamen und allmähligen Hinüberleitung zum Christenthum vielleicht die Zeit fehlen werde.

Und der heilige Greis hatte richtig geahnt.

Kaum war in der verflossenen Nacht der Leichenzug aus dem Palaste des Präfekten fortgezogen, als ein Gerichtsbeamter mit einigen Häschern in die Wohnung eindrang und eine Anzahl von Schriftstücken, sowie die Schlüssel der Präfektur mit Beschlag belegte. –

In der Nähe des Palatin verabschiedete sich Valeria von ihrem Vater und schlug mit Irene den Weg über die ämilische Brücke in das transtiberinische Stadtviertel ein, um die Wöchnerin Rustica zu besuchen, da sie besorgten, der gestrige Ausgang und die kalte Nachtluft könnten der guten Frau geschadet haben. –

Rufinus wurde beim Eintritt in seine Wohnung von dem vicarius oder Hausmeister durch die Mittheilung von der nächtlichen Haussuchung überrascht.

Der Präfekt erblaßte: er wußte, was die Haussuchung bezweckte: Maxentius hatte sein Verderben beschlossen.

Und jetzt erscholl auch schon im Atrium Lärm und Waffengeklirr; im nächsten Augenblick drang eine Schaar von Schergen und Bewaffneten, welche offenbar auf seine Rückkehr gewartet hatte, in das Gemach.

Aber nun erhob sich auch in Rufinus das volle Selbstbewußtsein des römischen Patriziers, höher noch gestimmt durch den Gedanken an den hochherzigen Tod seiner Gemahlin.

»Ich weiß, weßhalb ihr kommt,« redete er den Anführer der Häscher an; »ich werde euch folgen; aber laßt die Ketten bei Seite. Weder der Senator Aradius Rufinus, noch der Präfekt von Rom läßt sich fesseln, bevor er vor dem Richterstuhl gestanden.«

»Zwar lautet mein Befehl, dich gebunden zum mamertinischen Kerker zu führen,« antwortete jener; »allein wenn du freiwillig folgst, will ich keine Gewalt anwenden.«

Der Weg am Colosseum vorüber, auf der Via sacra, durch den Triumphbogen des Titus und über das ganze Forum, war weit genug, um das Volk in Menge zu dem traurigen Schauspiel der Wegführung seines Stadtpräfekten in das Gefängniß herbeizuziehen. Allein die Furcht vor dem Tyrannen hielt Alle im Zaume, und nur der Ausdruck auf den Gesichtern verrieth die innere Empörung über diesen neuen Gewaltakt.

In der Gerichtshalle des mamertinischen Kerkers erwartete schon der Prätor mit seinen Beigeordneten die Ankunft des Gefangenen. Auch Heraclius hatte sich eingefunden, unter dem Vorwande, als Präfekt der kaiserlichen Kanzlei sein Gutachten über die Handschrift der confiscirten Schriftstücke abzugeben, in Wahrheit aber, um den Gang des Proceßverfahrens zu beherrschen.

Mit hämischer Schadenfreude richtete er seinen Blick auf den Gefangenen, der, umgeben von den Schergen, dem Richter vorgeführt wurde.

Nach den üblichen Vorfragen begann das Verhör des Angeklagten über sein früheres Verhältniß zu Constantin und seine ehemaligen Beziehungen zu einigen Feldherrn desselben. Dann wurden aus den confiscierten Papieren Briefe vorgelegt, deren Handschrift Heraclius durch Vergleichung mit den Gratulationsbriefen an den Kaiser als die des Constantin feststellte. Der Inhalt dieser Briefe, deren Verlesung der Prätor befahl, war allerdings im höchsten Grade compromittierend für den Stadtpräfekten: dafür hatte Heraclius ja gesorgt, der sie durch einen Geheimschreiber der kaiserlichen Kanzlei hatte anfertigen lassen. Aber Rufinus erhob nun auch, auf das tiefste empört, Protest gegen diese Briefe, die er nie erhalten habe und die gefälscht und ihm untergeschoben sein müßten.

»Wer diese Blätter angefertigt hat,« sprach er und schaute den Heraclius mit einem Blicke an, den dieser nicht zu ertragen vermochte, »das wird der Präfekt der kaiserlichen Kanzlei den Richtern sagen können, und vielleicht weiß er auch, wie sie unter meine Papiere gekommen sind.«

Diese Worte des Gefangenen verwirrten den feigen Griechen für einen Augenblick; aber schnell faßte er sich wieder und mit berechneter Kaltblütigkeit ersuchte er den Prätor, die Aeußerung des Angeklagten durch den Notarius genau zu Protokoll nehmen zu lassen, indem er höhnisch hinzufügte:

»Als vertrauter Diener des göttlichen Maxentius stehe ich zu erhaben, als daß dieser Pfeil aus der Hand eines Hochverräthers mich treffen könnte; eine solche Ausflucht setzt das Verbrechen des Angeklagten nur vollkommen außer Zweifel.«

Ohne Rufinus weiter zu Wort kommen zu lassen, sprach denn nun auch der Prätor sofort die Sentenz, welche den Präfekten des Hochverraths gegen das Leben des Kaisers für überführt erklärte und ihn zum Tode und zur Confiscation seiner Güter verurtheilte.

Auf einen Wink des Heraclius wollte der Kerkermeister mit seinen Schergen schon Hand an den Gefangenen legen; doch Rufinus richtete sich hoch auf und befahl ihnen:

»Wartet! Ich habe noch ein Wort zu sagen!«

»Der Kaiser will meinen Tod,« sprach er zu dem Prätor, »und sein Wille ist das Gesetzbuch, nach welchem du mich verurtheilst. Das Gaukelspiel mit den Briefen hättet ihr euch sparen können. Ich muß sterben, weil die Tugend meiner Gattin zu hoch war für die Ruchlosigkeit des Tyrannen, und würdig solchen Weibes geh' ich aufrecht in den Tod. Aber das mag Heraclius seinem Herrn als letzten Gruß seines ehemaligen Waffengefährten melden: Verbrechen stützen keine Throne! In frevlem Hochmuth trittst du alles göttliche und menschliche Recht mit Füßen: deine Füße gleiten aus auf diesem Boden!«

»Laßt mich aussprechen!« herrschte Rufinus die Schergen an, als einstimmig der Prätor und Heraclius, wüthend über die kühne Sprache des Verurtheilten, ihnen befahlen, den Gefangenen fortzuschleppen. »Das unschuldige Blut, das du vergießest, Maxentius,« fuhr Rufinus fort, sein Auge leuchtete und drohend hob sich seine Rechte zum Himmel, »die Seufzer der Witwen und Waisen, die Noth der Beraubten und Verbannten, der Jammer des unterdrückten Volkes, es schreit um Rache, Usurpator, und vor dieser Rache schirmen dich keine Prätorianer. In Schmach und Schande wirst du enden, du und all' die feigen Sklavenseelen, die deinen Lastern dienten, – und nahe ist die Stunde der Vergeltung.«

»Ha,« schrie Heraclius den Schergen zu, »könnt ihr noch länger diese Majestätsbeleidigungen ertragen? Ergreift ihn! In das unterste Verließ mit dem Hochverräther! Fort, fort!«

Nun stürzten sich der Kerkermeister und dessen Diener auf Rufinus, knebelten ihn und schleppten ihn davon. –

Finstern Aerger auf seinem Gesichte eilte Heraclius nach Hause. Er hatte seine Rache gekühlt, den Mann, von dem er beleidigt worden, in den Tod geliefert; allein statt Genugthuung darüber zu empfinden, verfolgte ihn die mit so feierlichem Ernste verkündete Drohung wie ein Gespenst. Vergebens suchte er sich jetzt einzureden, der Sturz des Stadtpräfekten sei beim Kaiser beschlossene Sache gewesen; vergebens beschleunigte er seine Schritte; der unheimliche Schatten schwebte an seiner Seite und flüsterte ihm unaufhörlich die letzten Worte des Verurtheilten in das Ohr: » Nahe ist die Stunde der Vergeltung


Anmerkungen zum IV. Kapitel.

F1: Die römischen Kaiser haben zu allen Zeiten Späher und Horcher und im Verborgenen schleichende Spione in ihrem Dienste gehabt; überall lauerte die Angeberei; Rom war eine Stadt, »in der lauter Ohren und Augen sind für Alles, was ist und nicht ist.« Die geheime Polizei beobachtete Jeden, und der Despotismus machte auch aus dem unschuldigsten Worte eine Majestätsbeleidigung. Das schändliche Gewerbe der Delatoren oder Ankläger in Majestätsprocessen stand zumal unter tyrannischen Herrschern in üppiger Blüthe, und Manche dieser elenden Menschen haben sich dadurch ungeheuern Reichthum gesammelt. (Vgl. Friedländer, Sittengesch. Rom's I, 217 und 338 ff.)

F2: Unter dem Gesange von Psalmen und Hymnen wurden die Leichen, zumal die der Bekenner und Martyrer, zu Grabe getragen; vorauf und hinten nach gingen die Gläubigen, mit brennenden Wachskerzen und Fackeln in den Händen, und statt der heidnischen Klagelieder oder Nänien erschollen Gebete und Siegesrufe, cum cereis et scolacibus, cum voto et triumpho magno, wie es in den Martyrakten des hl. Cyprian heißt. Der Beisetzung selbst ging die oblatio pro dormitione, die Feier der hl. Geheimnisse für die Seelenruhe voraus, und die große Menge geräumiger Grabkammern in den Katakomben steht mit dieser Sitte der alten Kirche in engem Zusammenhang. Schon Tertullian bezeugt die Feier von Gebet und Opfer für die Verstorbenen, indem er sagt: » pro uxoris receptae apud Dominum spiritu postulas, pro ea oblationes annuas reddis, für die Seele deiner zu dem Herrn aufgenommenen Gattin betest du, für sie bringst du jährlich das Opfer dar.« (Vgl. De Rossi, Roma sott. III, 496.) Cyprian ( epist. 1) aber verweist auf die Verordnung seiner Vorgänger, daß für Jemand, der gegen die damaligen Kirchengesetze sich vergehe, indem er einen Priester zu seinem Testamentsvollzieher ernenne, kein Opfer dargebracht und für seine Seelenruhe die Messe nicht gefeiert werden solle, ut non offerretur pro eo, nec sacrificium pro dormitione eius celebraretur. Denn Der verdiene nicht, am Altare Gottes in dem Gebete der Priester erwähnt zu werden, der die Priester und Diener des Altars von dort abzuziehen versucht habe.

F3: Die Grundstücke, auf oder (wie in Rom) unter welchen die Coemeterien angelegt waren, hießen areae, Äcker (auch horti, Gärten), und dies war in Afrika und anderwärts die gewöhnliche Bezeichnung für die zu ebener Erde angelegten Gottes äcker. Jedes einzelne Coemeterium hatte seinen Namen von demjenigen, der es angelegt oder der Kirche geschenkt hatte ( Coemeterium Lucinae, Praetextati; area Euelpii; hortus Philippi); die einzelne Grabkammer nannte man cubiculum, Schlafgemach, das Grab loculus, Plätzchen. Ein arcosolium war ein in die Wand ausgebrochenes Nischengrab, luminare der Lichtgaden, der von oben her Licht und Luft in die Gänge und Grabkapellen führte. Für die Christen war das Grab nur die Ruhestätte, in welcher sie » in somno pacis, im Schlafe des Friedens« schlummerten bis zum großen Morgen der Auferstehung. Während der Heide den Todten am Eingange des Grabes die oft auf den Inschriften wiederkehrenden Worte in den Mund legte: » Spes et fortuna valete, Hoffnung und Glück lebt wohl,« erfüllte den Christen die Hoffnung, daß die Seele unsterblich fort lebe, glücklich in der Anschauung Christi: mens nescia mortis | vivit et aspectu ponitur bene conscia XPI. Für den Heiden war das Grab die Stätte grauenvoller Finsterniß ( Hic jaceo infelix Zmyrna puella tenebris); der Christ rief dem Abgeschiedenen zu: luce nova frueris: lux tibi Christus adest, denn ihm ging im Tode erst der wahre Tag auf, dessen Sonne Christus ist. Daher waren die Lampen, welche die Christen an den Gräbern ihren Todten anzündeten, ein Symbol des ewigen Lichtes, in welchem die Seelen, selbst leuchtend, wandelten ( sidereo radians Euphrasia regno); der Heide dagegen suchte durch die Beleuchtung der Grabkammern nur sein eigenes Grauen vor den Todten zu verscheuchen, oder sie war ihm ein Sinnbild des Tageslichtes, nach welchem in ungestillter Sehnsucht die Abgeschiedenen zurückverlangten.

F4: Es gehört zu dem interessantesten Theile der Forschungen de Rossi's, wo er aus dem Zeugnisse der Grabschriften den Nachweis liefert, daß nicht etwa erst in der nachconstantinischen Zeit, sondern bereits im zweiten und sogar schon im ersten Jahrhundert das Christentum Eingang in eine ganze Reihe von altrömischen Adelsfamilien gefunden hat. Im Besondern sind es die Coemeterien der Domitilla und der hl. Lucina, die uns neben Personen von senatorischem Rang Angehörige und nahe Verwandte selbst der flavischen Kaiserfamilie vorführen. Im Laufe des dritten Jahrhunderts mehren sich fortschreitend die Inschriften mit dem nur den senatorischen Familien zuständigen Titel » clarissimus, Durchlaucht«, und beim Ausbruche der diokletianischen Verfolgung mag es wohl kaum ein Adelsgeschlecht im alten Rom gegeben haben, aus welchem nicht die Kirche ein oder mehrere Mitglieder zu ihren Kindern zählte. Nicht wenige derselben gehören zu den edelsten und glorreichsten Blutzeugen der christlichen Wahrheit.

F5: Eingeritzte Inschriften im Kalkbewurf oder im Stein ( graffiti) finden sich nicht nur auf den Wänden der Katakomben, sondern auf allen antiken Monumenten, auf den Mauern in Pompeji, auf den Pyramiden Aegypten's, auf den Ruinen der Tempel in Griechenland u. s. w. Während die unleidlichen modernen Kritzeleien und mit Bleistift ausgeführten Inschriften durch die bloßen Namen der »sich verewigenden« Besucher keinerlei Interesse gewähren, bieten die antiken graffiti einen höchst werthvollen Beitrag zur Kenntniß des Alterthums, des heidnischen, wie des christlichen, da sie außer den meist gleichgültigen Namen eine Fülle der mannigfaltigsten Notizen enthalten. Ich erinnere nur an das berühmte Spottcrucifix des Palatin, an die Gebete, welche die Pilger auf die Wände der Martyrergräber in den Katakomben einkratzten, an die von Garrucci erläuterten graffiti zu Pompeji.

Die Inschriften auf Sophronia finden sich auf der Rückwand eines Cubiculum's, an der Seite eines Arcosolium's, nicht weit von der Grabkammer, die gewöhnlich dem Papste Milziades zugeschrieben wird, Noch zwei andere Inschriften, von derselben Hand der Sophronia gewidmet, stehen nicht weit von dort; die eine lautet: Sofronia vibas (felix?) cun t(uis); die andere: Sofronia (vivas) in Domino. (Vgl. De Rossi, Roma sotterr. I, 15 und 385.) »Wenn dieser Name,« sagt der gelehrte Erforscher der Katakomben, »der so oft und in so großen Lettern und in so feierlicher Form in den graffiti der Katakomben des Callistus wiederkehrt, einer vornehmen und geschichtlich berühmten Dame zuzuweisen wäre, so würde ich an jene christliche Matrone denken, die Gemahlin des Präfekten von Rom unter Maxentius, die durch freiwilligen Tod sich den unsittlichen Nachstellungen des Tyrannen entzog.« Die Inschriften gehören der ersten Hälfte des vierten Jahrhunderts an; die Verwechselung des v und b und ähnliche Schreibfehler begegnen uns auch auf einer Grabschrift einer vornehmen Dame aus der Familie der Valerier, die als eine Frau von miravili benignitate atque innocentia bezeichnet wird; der Sohn oder Bruder, welcher ihr den Grabstein setzte, bekleidete, wie die Inschrift angibt, ein Amt am Hofe des Maxentius. ( De Rossi, Roma sotterr. III, 112.)

F6: Statt des trostlosen Vale, welches der Römer nach der Bestattung zum ewigen Abschied dem Todten nachrief, bevor er die Grabstätte verließ, gebrauchten die Christen die Formel: Vale in pace, oder pax tecum, ruhe im Frieden, Friede sei mit dir. Auf den Grabsteinen lesen wir unter anderen frommen Zurufen voll des Glaubens und der Zuversicht auf ein ewiges Leben: » Aeterna tibi lux Timothea in das ewige Licht leuchte dir, Thimothea, in Christo!« » Te suscipiant omnium ispiriti sanctorum, mögen dich alle seligen Geister in ihre Gemeinschaft aufnehmen!« » Victor dulcis anima innocens vivas inter sanctos et iustos et in orationibus tuis petas pro nobis, süßer Victor, unschuldige Seele, mögest du leben unter den Heiligen und Gerechten, und in deinen Gebeten bitte für uns!« » Antonia, anima dulcis, in pace; tibi Deus, refrigeret, Antonia, süße Seele, ruhe im Frieden; möge Gott dir Erquickung verleihen!« » Attice, spiritus tuus in bono; ora pro parentibus tuis; Atticus, deine Seele ist im Himmel; bete für deine Eltern!« Eine von de Rossi ergänzte griechische Inschrift lautet: »Mein Kindchen, du lebst in Gott, und so lange ich lebe, bete für mich!« ( Roma sotterr. II, 276.)

F7: Wer sich zum Unterricht im christlichen Glauben meldete, empfing das Kreuzzeichen auf die Stirne und galt dadurch schon in gewisser Beziehung als zur Gemeinde gehörig; » fidelis« oder »Gläubiger«, »Bruder« wurde er erst durch den Empfang der Taufe. – »Insofern die Katechumenen,« sagt der heilige Augustinus ( tractat. 11 in Joh.), »das Kreuzzeichen auf der Stirne tragen, gehören sie bereits zu der großen Familie; allein sie müssen noch erst aus Sklaven Söhne werden. Quod signum crucis in fronte habent catechumeni, iam de domo magna sunt, sed fiant ex servis filii. Non enim nihil sunt, quia ad magnam domum pertinent.« Die noch nicht Getauften durften dem Anfange der Messe bis nach der Predigt beiwohnen; dann entließ der Bischof sie mit Gebet und Segen. So bestimmt das Concil von Laodicea, ( Can. 18); Quod oporteat post allocutionem episcopum orationes super catechumenos celebrare, et postquam catechumeni egressi fuerint, super eos, qui sunt in poenitentia, precem fieri. Auf den Grabsteinen ist häufig angegeben, ob der Verstorbene nur erst Katechumen gewesen, oder bereits »die Gnade empfangen« hatte und als » fidelis« gestorben sei. So heißt es von einem zwölfjährigen Knaben: » Gratiam accepit D (omini) N (ostri); vivas inter sanctos; er empfing die Gnade unseres Herrn; mögest du unter den Heiligen leben;« von einem einjährigen Kinde: » Celerine fili fidelis quiescis in pace, Celerinus, mein Kind und Kind der Kirche, du ruhst im Frieden.« Als Formeln für die empfangene Taufe kommen die Ausdrücke auf den Grabschriften vor: » percepit, consecutus est, er hat es empfangen, er hat es erreicht.« Eine griechische Inschrift auf den Knaben Zosimus betont, daß er ein Christ und von christlichen Eltern geboren sei (πισιοϛ έχ πισιῶν). Eine rührende Grabschrift berichtet umständlich, daß das Töchterchen Nila Florentin pagana nata, als Heidin geboren, in seinem achtzehnten Monat fidelis facta, getauft sei, supervixit horis quatuor, nach Empfang des Sakramentes noch vier Stunden gelebt habe. – Durch den Empfang der Taufe wiedergeboren, galt der junge Christ in den Augen der Kirche als »Kind«, und so wird ein Mann von 35 Jahren, der Silberschmied Helias, als »Knabe« bezeichnet: depositus puer; ebenso der 37jährige Victorinus, der als Neugetaufter starb, neofitus perit (neofitus iit ad Deum) und als »Knabe« die Welt verließ, decessit de saeculo puer. – Von der Sorge, daß Kinder nicht ungetauft stürben, legt die in dem Coemeterium der Priscilla gefundene Grabschrift auf das im Alter von 1 Jahre und 9 Monaten gestorbene Knäblein Apronianus Zeugniß ab: »Da seine Großmutter es herzlich liebte und sie sah, daß es dem Tode verfallen sei, bat sie die Kirche, daß es als Christ von hinnen scheide, cum soldu (solide) amatus fuisset a maiore sua et vidit, hunc morti constitutum esse, petivit de Ecclesia, ut fidelis de saeculo recessisset.«


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