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Vierzehntes Kapitel.
Der Reiter.

Es war für Constantin von der größten Wichtigkeit, daß die in die Stadt geflüchteten Soldaten des Maxentius weder den Versuch machten, sich hinter den Mauern zu sammeln und es auf eine Belagerung oder einen Straßenkampf ankommen zu lassen, noch auch durch Mord und Plünderung sich an der wehrlosen Bürgerschaft für die erlittene Niederlage zu rächen. Sobald daher die Schlacht entschieden war, gab er sofort seiner Reiterei Befehl, auf der nach dem Vatikan führenden Straße nach Rom zu eilen und theils über die älische Brücke am Grabmal des Hadrian, theils über die weiter stromabwärts gelegene janiculensische Brücke in die Stadt einzuziehen und Capitol und Forum zu besetzen. Zugleich wurden, um die zersprengten Haufen des Feindes abzuschneiden, die milvische Brücke und die Straße nach dem Vatikan durch Truppentheile abgesperrt. Dem Anführer der Reiterei gab Constantin den Paulinus als Begleiter, theils um den städtischen Behörden officiell den Sieg des Kaisers und den Untergang des Maxentius anzukündigen, theils und vor Allem, um dem brennenden Verlangen des Senators nach seinen Kindern, über deren Schicksal er völlig im Ungewissen schwebte, zu entsprechen. –

In der Stadt war, seit dem Augenblicke, wo der Beginn der Entscheidungsschlacht bekannt geworden, die Aufregung von Stunde zu Stunde gestiegen, zumal als Maxentius nach dem Kampfplatz eilte, als die Flüchtlinge in immer größerer Zahl nach Rom kamen, als die Tausende aus dem Circus zurückkehrten. Alles schwebte zwischen Furcht und Hoffnung; die widersprechendsten Nachrichten kreuzten sich, und die Drohungen der in Haufen durch die Straßen ziehenden Soldaten, die Stadt in Brand zu stecken und dem Constantin nur einen rauchenden Trümmerhaufen zu überlassen, wenn Maxentius besiegt werden sollte, erfüllten die ganze Bürgerschaft mit banger Angst.

Die Senatoren hatten sich nach der Unterbrechung der Feier im Circus nach und nach im Tempel der Concordia am Fuße des Capitol's, wo die Väter ihre Berathungen zu halten pflegten, versammelt. Boten über Boten wurden ausgeschickt, um sichere Nachricht vom Schlachtfelde zu erhalten; endlich kam die Meldung, Maxentius habe seinen Tod in den Fluthen gefunden, der Kampf sei beendigt. Sofort entsandte der Senat eine feierliche Deputation, an ihrer Spitze den neuen Stadtpräfekten, mit den goldenen Statuetten der Roma und Victoria nach dem Schlachtfelde, um dem Sieger zu huldigen und ihn zu beglückwünschen. Zugleich erließ der Senat den Befehl, die Ritter und Senatoren, deren eine große Zahl zum Theil seit Monaten in Ketten schmachtete, sowie alle wegen Majestätsbeleidigung Angeklagten und Verurtheilten sofort auf freien Fuß zu setzen. [R1]

Wie hallten die Lüfte wieder von dem Jubel und den Segenswünschen für Constantin, mit welchen das Volk die aus den Gefängnissen befreiten Opfer des gestürzten Tyrannen, die vom Bau der Basilika entlassenen Sträflinge begrüßte! Noch lauter erscholl der Jubel und das Frohlocken, als bald nachher Constantin's Reiterei über die älische Brücke einrückte und das Forum besetzte.

Paulinus, von seinen Freunden im Senat auf das herzlichste bewillkommt, forschte lange vergebens nach seinen Kindern; Niemand wußte ihm über das Schicksal derselben Auskunft zu geben; die Besorgnis; des Vaters stieg mit jedem Augenblicke. Endlich brachte ihm ein christlicher Senator die frohe Mittheilung, dieselben seien in der Villa der Quintilier, die am vierten Meilenstein der appischen Straße lag und im Besitze einer christlichen Familie war, verborgen. [R2] Er hätte noch hinzusetzen können, daß sie seit einigen Wochen mit noch andern Katechumenen in der christlichen Lehre unterwiesen würden.

Paulinus entsandte sofort einen reitenden Boten, seine Kinder nach Rom zurück zu führen. Hätte er doch um die zum Tode verurtheilten Christen im Circus gewußt! Mit seinem Boten wäre dann eine Abtheilung der Reiterei hinausgeeilt, sie sofort auf freien Fuß zu setzen. Allein bei der allgemeinen Aufregung und Verwirrung in Mitten der sich drängenden Ereignisse dachte Niemand an die Bekenner in dem fernen Circus, und wenn nicht eine unverhoffte Hilfe gleich einem rettenden Engel erscheint, wird der Tyrann selbst im Tode noch seine Opfer fordern. –

Auf die Kunde vom Beginne der Schlacht hatte sich in der Frühe des Tages der Bischof Milziades mit einigen Diakonen und einer kleinen Schaar von Christen in die Katakomben des hl. Valentin begeben, welche, heute ganz verfallen, in dem Höhenzuge vom flaminischen Thore nach der milvischen Brücke zu liegen. [R3] Dort war er dem Schlachtfelde nahe, um sofort nach dem Kampfe den verwundeten Christen Hilfe bringen zu können. Von einer Villa, welche nicht weit vom Eingange der Katakomben auf der Höhe der Hügelkette lag, konnte man in der Ferne das Schlachtfeld, in unmittelbarer Nähe die ersten auf der flaminischen Straße nach Rom flüchtenden Soldaten, den in den Kampf eilenden Kaiser, die allgemeine Flucht des geschlagenen Heeres sehen; so erhielten die unten versammelten Gläubigen von Zeit zu Zeit Nachricht über den Gang des Kampfes. Während Constantin und die Seinen mit dem Schwerte fochten, erhoben die Christen ihr Arme zum Himmel in inbrünstigen Gebeten, gleich Moyses, als Israel gegen Amalec stritt.

Endlich kam die Nachricht des Sieges; bald darauf die Mittheilung, daß Maxentius von den Fluchen verschlungen sei.

Da erhob sich der greise Hohepriester, um jenen Lobgesang zu wiederholen, den Moyses angestimmt hatte, als Pharao und sein Heer im rothen Meere untergegangen waren:

Singt lobpreisend dem Herrn, der glorreich groß sich erwiesen:
Roß und Reiter begrub er im Meere.
Meine Kraft ist der Herr; er mein Erretter und Gott.
Auf zum Kampfe erhob sich der Held,
– Allmächtiger ist sein Name –
Und schleuderte Pharao's Heer und seine Wagen in's Tiefe.
Gewaltig erwies sich Dein Arm; wie traf Deine Rechte den Feind!
»Verfolgen, sprach er, will ich sie; mein Schwert vernichte sie alle« –:
Ein Hauch von Dir, – da deckt sie das Meer;
Sie versanken wie Blei in den Wogen.
Du führtest in Gnade Dein Volk, Erretter,
Und trugst es erbarmend auf mächtigem Arm. [R4]

Dann machte sich der greise Bischof mit seinem Klerus und den um ihn versammelten Gläubigen auf nach dem Schlachtfelde. Denn geziemte es sich, daß an erster Stelle die römische Kirche dem siegreichen Kaiser Dank und Glückwünsche darbringe, so sollte sie nicht minder auch die erste Stunde, welche ihr nach dreihundertjährigem Drucke die Freiheit gab, durch jene Werke der Liebe und Barmherzigkeit weihen, welche zu allen Zeiten Mission wie Merkmal der Kirche Christi gewesen sind. Von dem Antlitze des glorreichen Siegers, der im Namen ihres Gottes den Feind niedergeworfen und vernichtet hatte, wollte sie zu den armen Verwundeten und verlassenen Sterbenden eilen, um in demselben gebenedeiten Namen ihre Schmerzen zu lindern, sie in ihrer Todesstunde zu trösten.

Aber noch ein besonderer Grund drängte den Bischof zur Eile, den Kaiser zu sehen: das war der Gedanke an die zum Tode verurtheilten Christen im Circus. Wie stand es um sie? Waren sie schon niedergemetzelt worden? – Man wußte, daß ihre Hinrichtung für den Schluß der Spiele befohlen war; die Wettfahrt hatte sehr wahrscheinlich noch nicht begonnen, als Maxentius den Circus verließ, oder sie war doch dadurch unterbrochen worden; allein wenn so auch der Papst hoffen durfte, daß die Bekenner noch am Leben seien, schwebten sie nicht dennoch in Gefahr, dem Christenhasse und der Rache ihrer Wächter zum Opfer zu fallen? Constantin allein konnte sie retten, und mit der ängstlichen Besorgniß eines Vaters für seine Kinder eilte der greise Bischof, von ihm die Befreiung der Bekenner zu erbitten.

Als der Papst im Lager erschien, war der Kaiser eben mit seinem Generalstabe zum Kriegsrath versammelt, in welchem unter anderm auch der Einzug in die Stadt noch für den heutigen Abend beschlossen wurde; mit eigener Hand hatte Constantin dem Candidus die Insignien eines Kriegstribunen angelegt und den goldenen Ring ihm an den Finger gesteckt. Der Kaiser selbst, wie seine Umgebung, stand noch ganz unter dem mächtigen Eindrucke, den die große Entscheidung des heutigen Tages auf Alle gemacht hatte. Der Ernst der Stunde wurde noch vermehrt durch den Gedanken an mehr denn Einen der treuen Waffengefährten und Kriegsobersten, der, gefallen oder schwer verwundet, in der Versammlung fehlte.

Es war ein Moment von weltgeschichtlicher Bedeutung, als der greise Hohepriester vor dem jugendlichen und siegreichen Imperator erschien. Nachdem dreihundert Jahre lang der Christenname für Rom und die römische Welt ein Fluch gewesen, nachdem die Kaiser so lange Untergang und Verderben von dem Christengotte gefürchtet und deshalb über seine Anhänger die blutigsten Verfolgungen verhängt hatten, war es jetzt der Gott der Christen, von dem Constantin sich mit Sieg gekrönt sah, war es der Christen Bischof, der ihm zuerst aus der Hauptstadt Huldigung und Glückwunsch brachte. Aus dem dreihundertjährigen Dunkel der Katakomben trat die reine Braut Christi, die Kirche, vor den neuen Imperator und bot ihm ihre Hilfe an, auf den Trümmern der alten Welt eine neue, glücklichere, bessere zu gründen. Sacerdotium und Imperium traten sich zum erstenmale zu glückverheißender Freundschaft entgegen.

Die Erscheinung des greisen Bischofs und die schlichte und doch so würdevolle Weise, in welcher er zum Kaiser redete, machten auf diesen, wie auf seine Umgebung unverkennbaren Eindruck. Unwillkürlich verglich Constantin ihn mit Gordianus und den andern heidnischen Priestern: wie ganz anders erschien dieser Priester des Christenthums! Constantin fühlte, daß er einem Papste gegenüberstand.

Der Oberhirt beeilte sich, seinen Glückwünschen sofort die Bitte beizufügen, einen Boten auf schnellem Rosse nach dem Circus zu entsenden.

Candidus hatte sich bisher aus Ehrfurcht vor dem Kaiser wie vor dem Papste Gewalt angethan, nach seiner Mutter zu fragen, so gerne er auch aus dem Munde des Bischofs die Nachricht seines Boten bestätigt gehört hätte. Bei der Mittheilung, daß Christen im Circus zur Hinrichtung verurtheilt, wenn nicht schon dem Tode überliefert seien, durchzuckte ihn plötzlich eine schreckliche Ahnung, und erbleichend richtete er mit bebender Stimme an den Papst die Frage:

»Wo ist meine Mutter?«

Milziades zögerte mit der Antwort.

»Ist auch sie …?« rief Candidus, und da ihm das Schweigen des Greises Alles sagte, warf er sich dem Kaiser zu Füßen und erbat sich die Erlaubniß, nach dem Circus eilen zu dürfen.

Constantin ließ sofort den schnellsten andalusischen Renner vorführen; zugleich entsandte er einen Eilboten in die Stadt an den Obersten der Reiterei, unverzüglich zwei Decurien oder Schwadronen nach dem Circus an der appischen Straße zu schicken; indem er dann dem Candidus den eigenhändig geschriebenen Befehl überreichte, die Gefangenen sofort in Freiheit zu setzen, sprach er:

»Die Kunde von unserm Siege und dem Untergange des Maxentius wird bereits hinausgelangt sein, und dann, sind die Gefangenen sicherlich schon frei gelassen; wenn nicht, so wirst du der willkommene Bote sein, der deine edle Mutter und die übrigen Christen im Triumph nach Rom zurückführt. Ich werde,« fuhr Constantin fort, »dem Intendanten des kaiserlichen Palastes der Lateraner den Befehl zustellen lassen, für deine Mutter, und für wen es dir weiterhin nöthig erscheint, einen Flügel des Palastes bereit zu halten. Jetzt eile; Gott, der uns nach Rom geführt, wird auch dich in die Arme deiner Mutter führen.«

Constantin verschwieg den Gedanken an die Möglichkeit, Maxentius könnte die Hinrichtung gerade für den Fall seiner Niederlage befohlen haben; Candidus hegte dieselbe Befürchtung. – In fliegender Eile jagte er die Straße hinunter, welche auf dem rechtem Tiberufer am vatikanischen Höhenzuge vorüber führte, da diese vom Gedränge nicht gesperrt war. Dann ging es durch das transtiberinische Stadtviertel, am Circus Maximus und den Bädern des Caracalla vorbei zum appischen Thore hinaus. Das edle Roß schien, zumal als es wieder in's Freie gelangt war, kaum den Sand zu berühren, und doch hätte Candidus sich Flügel gewünscht. Von steigender Angst gepeinigt, seufzte und flehte er aus tiefster Seele zum Himmel empor:

»O laß mich nicht zu spät kommen! –

Mit Valeria hatte sich eine Anzahl von Gläubigen, meist nächster Verwandten der zum Tode Verurtheilten, seit der Frühe des Tages beim Circus eingefunden, um die Leichen der Martyrer nach dein Coemeterium des Callistus zu übertragen; später war auch der Diakon Severus mit Mincius und den übrigen fossores hinzugekommen. Aus einer Aeußerung, die von den draußen sich umhertreibenden Sklaven des Hofes gefallen, hatte man erfahren, daß die Schlacht entbrannt sei, und unwillkürlich knüpfte sich an diese Nachricht die Hoffnung auf Rettung der Gefangenen. Alsdann waren die ersten Boten des Rufus gekommen, und mit Angst und Sorge hatten die Christen gehört, wie dieselben nacheinander frohlockend die Erfolge der kaiserlichen Waffen verkündigten.

»O Herr,« seufzte Valeria aus tiefstem Herzensgrunde, »laß das Opfer, das die Martyrer dir bringen, deine Hilfe auf Constantin herabflehen!«

Einmal kam ihr sogar der Gedanke, wenn die Blutzeugen zum Tode geführt würden, sich den Weg zu ihnen zu bahnen und laut sich als Christin zu bekennen, um das Opfer auch ihres Lebens mit in die Wagschaale der Entscheidung zu legen; nur die Erinnerung an ihren Vater hielt sie zurück. Dann war der dritte und vierte Bote erschienen. Maxentius hatte in Mitten der Festlichkeiten den Circus verlassen, um mit verhängten Zügeln nach Rom zu eilen; die allgemeine Flucht des Volkes setzte es außer Zweifel, daß der Sieg sich dem Constantin zuneige, und triumphierend rief der Diakon Severus dem jungen Fossor zu:

»Denkst du an den König Balthasar und das geheimnißvolle Schriftzeichen?«

Valeria hatte die Frage gehört; »nach Balthasar,« rief sie aus, »kam jener König, unter welchem Gott den Daniel aus der Löwengrube rettete; der Allmächtige wird heute ein ähnliches Wunder wirken!«

Die Hoffnung ist, wie eine tröstende Mutter, und zumal die Jugend neigt sich so gerne an ihre Brust und vergißt über ihrem süßen Lächeln, daß die Enttäuschung mit ihren finstern Zügen und ihrem kalten Herzen die Stiefschwester der Hoffnung ist.

Irene frei! – Dieser Gedanke machte Valeria vor freudiger Aufregung erzittern.

»Mein Gott,« seufzte sie, »ist es Sünde, wenn meine Seele frohlockt in der Vorstellung, meine Mutter von den Thoren des Himmels an das Herz ihrer Tochter zurückgeführt zu sehen? Darf ich mich nicht an dem Gedanken freuen, daß die edle Matrone gleich dem greisen Jacob den Sohn wiederfinde?«

Die Gefangenen waren gestern Abend in ein Gewölbe des Circus eingesperrt worden; wie gerne hätte Valeria jetzt mit ihnen geredet! Sie wagte es, ihre Bitte dem Centurio, der dieselben zu bewachen hatte, vorzutragen; allein dieser wies sie barsch zurück, indem er höhnisch hinzufügte:

»Die wissen ja, daß sie sterben müssen! Oder willst du etwa Zeuge der angenehmen Ueberraschung sein, wenn es plötzlich heißt: Jetzt fort auf die Schlachtbank?«

Der Diakon Severus hatte nacheinander einige junge Leute zur Stadt geschickt, Erkundigungen einzuziehen. Jetzt kamen die ersten Boten zurück und berichteten, in allen Straßen sehe man Haufen von flüchtigen Soldaten; es heiße, Rufus sei gefallen, Maxentius gefangen. Der Centurio ließ die Leute vor sich kommen; allein nachdem er ihre Berichte angehört, wiederholte er seine Erklärung:

»Das Alles ändert nichts an dem Befehl, den ich aus des Kaisers Munde selbst empfing. Ihr Christen,« setzte er ingrimmig hinzu, »hoffet, daß der göttliche Maxentius unterliege, und ihr würdet Freudentänze um seine Leiche aufführen. Doch dann will ich, sein Centurio, dem großen Todten als erste Weihegabe das Blut der Eurigen darbringen.«

»Du würdest doch,« wendete ihm Severus ein, »wenn Constantin siegt, dir schlechten Dank bei ihm verdienen, wofern du den so blutigen und grausamen Befehl des Besiegten ausgeführt hättest.«

Allein der Centurio blieb unerbittlich, und für die Christen sank die Hoffnung, die Gefangenen gerettet zu sehen, in demselben Maße, in welchem ihre Erwartung auf den Sieg Constantin's durch die Meldungen neu eintreffender Boten mehr und mehr zur Gewißheit wurde.

Valeria allein hielt fest. Wohl sah auch sie nicht, woher Hilfe und Rettung kommen sollte; aber wenn sie auch in einem neuen Akte der Hingebung Alles in Gottes Hände legte, – sie konnte nicht glauben, daß der himmlische Vater ihr die selige Hoffnung des Wiedersehens habe leuchten lassen, einzig, um ihr schweres Opfer doppelt schwer zu machen. Wie freundliche Engel, vom Himmel geschickt, umgaukelten ihre Seele unablässig die Gedanken an den glücklichsten der Augenblicke, wo sie ihre Mutter gerettet in die Arme schließen, wo alle Bekenner in Jubel und Frohlocken nach Rom zurückkehren würden, um mit der gemeinsamen Mutter, der Kirche, Christi Sieg zu feiern.

In der, wenn auch noch so schwachen Hoffnung, daß vielleicht doch auf irgend eine Weise eine ganz sichere und verbürgte Nachricht über den Sieg Constantin's sich nach dem Circus hinaus verliere, die dann den Centurio umstimme, hatte Severus aus der Anhöhe beim Grabmal der Cornelier den Mincius als Wächter aufgestellt. Von dort konnte das Auge die appische Straße weit hinaus auf die Stadt zu verfolgen; bis zum Circus standen andere Männer, welche die Wahrnehmungen des Wächters übermitteln sollten.

Nach langem Harren signalisirte endlich Mincius einen Reiter, der in militärischer Kleidung herangesprengt kam.

Von einigen seiner Soldaten begleitet, von den Gläubigen gefolgt, begab sich der Centurio zur appischen Straße. Endlich kam der Reiter; es war der von Paulinus zu seinen Kindern nach der Villa der Quintilier entsendete Diener. Voll banger Spannung drängten die Christen sich um ihn; selbst Mincius war von seinem Posten dem Boten nachgeeilt. Wohl gab derselbe die sichere und unzweifelhafte Nachricht, daß Maxentius gefallen sei: gerade das stachelte den Centurio zur grimmigsten Wuth, den Tod des Kaisers an den Christen zu rächen. Zum Circus zurückgekehrt, befahl er seinen Soldaten, die Gefangenen vorzuführen.

»In Mitten der Arena,« rief er, »zu den Füßen der Statue des Romulus, bringen wir den Manen des Imperator's das große Todtenopfer!«

Vergebens bestürmten ihn die Gläubigen, von der Vollstreckung des blutigen Befehles abzulassen; vergebens warf sich mit ihnen der greise Diakon Severus dem Centurio zu Füßen: der trotzige Krieger blieb unerbittlich. Die Gefangenen wurden aus ihrem Verließ herausgeführt; die Cohorte der Soldaten nahm sie in ihre Mitte – zum Todesgange.

Valeria erblickte Irene; stumm streckte sie die Arme nach der Mutter aus. Während sie mit unaussprechlicher Innigkeit und glühendster Inbrunst ihren Hilferuf zum Throne der allmächtigen Erbarmung sandte, folgte sie mit den klagenden und weinenden Gläubigen den Bekennern in den Circus zum Richtplatze.

Allein nun trat eine unerwartete Wendung ein. Die Mittheilungen des Boten des Paulinus hatten sich rasch in der ganzen Cohorte der Soldaten verbreitet; war Maxentius gefallen, Constantin aber Kaiser und Rom in seinem Besitze, dann mußte die Ausführung des Blutbefehls für sie alle die schlimmsten Folgen haben. Schon wider Willen, zögernd und murrend, hatten sie die Gefangenen auf die Richtstätte geführt; jetzt, wo der Centurio ihnen befahl, die Schwerter zu ziehen, auf die Bekenner einzuhauen und sie alle niederzumetzeln, standen die Soldaten unbeweglich und verweigerten den Gehorsam.

Valeria hatte dies nicht sobald bemerkt, als sie voll Jubel die Hände zum Himmel erhob und frohlockend in die Worte ausbrach:

»Dank, Dank dir, allmächtiger Gott! Der du Moyses der Hand Pharao's entrissen, und Daniel aus der Löwengrube befreit hast, – ich wußte es wohl: du lässest nicht zu Schanden werden, wer auf dich vertraut.«

Mit diesen Worten wollte Valeria, schon der Rettung der Gefangenen gewiß, auf Irene zueilen. Allein der Centurio stieß sie wüthend zurück, indem er ausrief:

»Beim Herkules! Lebend oder todt ist mein Kaiser mein Kaiser, und sein Befehl soll ausgeführt werden! Und wenn ihr Soldaten, den göttlichen Maxentius, der euch mit Wohlthaten überhäuft hat, schnöde vergessen und rebellisch ihm den Gehorsam verweigern wollt, dann – –«

In diesem verhängnißvollen Augenblicke rief einer der Landleute, die zahlreich beim Circus sich gesammelt hatten, auf der Höhe der appischen Straße sehe man einen zweiten Reiter in rasender Eile heransprengen.

Finstern Blickes senkte der Centurio sein Schwert und sandte einige Soldaten nach dem Ausgang des Circus. Valeria mit andern Christen folgten ihnen in ängstlicher Spannung.

Mit verhängten Zügeln jagte von der appischen Straße her ein Reiter in kriegerischer Rüstung heran, ein Blatt Papier hoch in der Hand. »Im Namen des Kaisers,« rief er schon von ferne, »haltet ein!«

Candidus war es, der auf schweißtriefendem Rosse im letzten entscheidenden Moment erschien.

Alles wich vor dem heransprengenden Reiter zurück, und – in den Circus stürmen, sich vom Pferde werfen, mit dem Rufe: »Mutter, Mutter!« auf die Schaar der Gefangenen zueilen und Irene, die ihre Arme dem Sohne entgegenstreckte, an sein Herz ziehen, war die Sache eines Augenblicks.

»Mütterchen, süßestes, süßestes Mütterchen!« – mehr konnte Candidus nicht sagen in der überwältigenden Freudenfülle seines Herzens. Stumm, Thränen der Seligkeit in ihren Augen, beugte die Matrone ihr Haupt über ihren Sohn und preßte ihn an ihr Mutterherz – in langer, unaussprechlicher Umarmung.

Selbst die rauhen Soldaten standen gerührt umher. Der Centurio war durch das so plötzliche und fast wunderbare Erscheinen eines Retters in der Person eines Kriegstribunen aufs höchste überrascht worden; er hatte den Befehl Constantin's gelesen, den ihm Candidus zugeworfen, und jetzt erklang auch aus der Ferne der Hufschlag der heransprengenden Reiterei. So gab er denn die laute Erklärung:

»Es ist mir unmöglich gemacht worden, den Befehl des göttlichen Maxentius zu vollziehen. Möge denn der Wille des Siegers gelten: die Gefangenen sind frei.«

Mit lautem Jubel wurden diese Worte von den Christen begrüßt: der Diakon Severus und die übrigen Gläubigen eilten auf die Gefangenen zu; hier umarmte ein Gatte die Gattin, dort ein Sohn seinen Vater, der Bruder den Bruder unter Thränen süßester Freude. Wenn der Himmel das Oel seines Trostes in die erlöschende Lampe gießt, dann lebt die Flamme schnell wieder auf, und von der Stätte, wo eben noch das blutige Opfer des Martyriums dargebracht werden sollte, stieg nun der Weihrauchduft innigen Dankgebetes zum Throne des Allerhöchsten.

So sehr auch Valeria brannte, Irene in die Arme zu schließen, so hatte doch ihr Zartgefühl und ihre jungfräuliche Scheu sie zurückgehalten, sich der geliebten Mutter zu nähern, die in den ersten seligen Augenblicken des Wiedersehens ihres Sohnes, zumal unter solchen Umständen, einzig ihm allein gehören mußte. Schweigend stand sie bei Seite, das Herz übervoll von Glück und Freude, ein Lächeln süßester Wonne in ihren Augen, auf ihren Lippen. So glich sie einer Rose nach dem Gewitter. Noch hangen die Regentropfen wie Thränen an ihren Blättern; allein schon spiegelt sich die helle Sonne in denselben und übergießt die Blume mit neuem Duft und lieblichster Anmuth. Und als nun Irene Valeria erblickte, auf sie zueilte und sie in ihre Arme schloß, da war's Beiden, als ob eine Hand von oben den bitteren Leidenskelch von ihren Lippen weit hinwegschleuderte und Tropfen aus den Wonnequellen des Paradieses in ihre Seele träufelte.

»Das ist mein Sohn, mein Candidus!« jubelte ihr die überglückliche Matrone zu.

»Gott allein,« sprach Valeria, indem sie seine Hand trotz seines Widerstrebens an ihre Lippen drückte, »Gott allein, der dich gesandt hat, kann dir das süße Glück dieser Stunde vergelten!«

Erröthend schlug sie die Augen nieder.

»Edle Jungfrau,« antwortete Candidus, überrascht durch den Adel und die Anmuth in Valeria's Erscheinung, »es ist des Soldaten Beruf, Wunden zu schlagen und den Tod zu bringen: aber süßer ist es doch für ihn, wenn er Leben spenden, Wunden heilen, Thränen trocknen darf. Allein daß ich als Sohn das Leben der Mutter, als Christ das Leben ruhmwürdiger Bekenner retten konnte, das ist ein Glück und eine Gnade, um die ich freudig all' die rasch welkenden Lorbeeren des Krieges hingebe.«

Unterdessen waren die kaiserlichen Reiter angekommen. Da sie die Gefangenen bereits befreit sahen, gingen sie auf Beute aus, und bald verkündigte ihr Jubelgeschrei, sowie ein an Candidus entsendeter Kamerad, daß sie eine reich besetzte, noch unberührte Tafel in der Halle über dem Eingangsthore entdeckt hätten. Die Bekenner hatten seit der coena libera am gestrigen Abende Nichts genossen; sie bedurften einer Erquickung, bevor sie zur Stadt zurückkehrten; unter allgemeiner Freude theilten mit ihnen die Soldaten die Leckerbissen der kaiserlichen Tafel. – Am obern Ende der Halle war zwischen Kränzen und kostbaren Draperien das Brustbild des Tyrannen angebracht; die Soldaten rissen es von der Wand herunter, stachen ihm die Augen aus, wie Maxentius es mit den Bildnissen Constantin's gethan, und beschlossen, es als Siegeszeichen im Triumphe nach Rom zu bringen.

Da es die Christen drängte, an der allgemeinen Siegesfreude Theil zu nehmen, so brach die glückliche Schaar nach kurzer Erquickung auf, und nachdem sie noch einmal vereint Herz und Hände in lautem Dankgebete zum Himmel erhoben, machten sie sich auf den Weg. Ihnen voraus sprengten die Reiter mit ihrer Siegestrophäe der Stadt zu. Auf Befehl des Candidus hatte einer von ihnen den Mincius hinter sich auf's Roß genommen, damit er nach dem Wunsche Valeria's so schnell als möglich ihrem Vater die Rettung Irene's und der übrigen Gefangenen verkünde.

Zwischen Candidus und Valeria hinwandelnd, ließ die glückliche Mutter sich von ihrem Sohne seine Erlebnisse während des Feldzuges, und zumal den Verlauf der heutigen Schlacht erzählen. Wie aufmerksam lauschten die beiden Frauen seiner Schilderung; wie frohlockten ihre Herzen über all' das sichtbare Eingreifen Gottes; wie glücklich schauten sie nun aus der entschwundenen Nacht der Prüfungen in eine heitere Zukunft, die wie ein goldener Morgen vor ihren Blicken aufging! – Dann kam die Reihe an Irene, zu erzählen, was sie erlebt und gelitten. Ihr Bericht war zugleich eine Schilderung der Prüfungen und Leiden, die über Rufinus und seine Tochter, wie über die andern Bekenner gekommen waren. Wieder und wieder mußte die Jungfrau erröthen über das ihr gespendete Lob; vergebens suchte sie es abzuwehren durch den Dank für die mütterliche Liebe, mit welcher Irene ihr zur Seite gestanden. Candidus horchte mit tiefer Rührung den ergreifenden Worten seiner Mutter; voll frommer Ehrfurcht sah er sich in Mitten einer Schaar von Bekennern, welche theils im Gefängnisse, theils als Baugefangene Noth und Elend aller Art erduldet hatten. Gewiß, während Constantin's Heer mit dem Schwerte um den Sieg focht, hatten alle diese Leiden und Opfer der Gläubigen in Rom sich gleich flehenden Kindern an den Stufen der göttlichen Majestät niedergeworfen, um den Triumph Constantin's, den Sieg des Kreuzes zu erbitten.

Den tiefsten Eindruck aber auf Candidus machte der Opfermuth, mit welchem Valeria ihren Vater zu retten gesucht, die Schrecken seiner Gefangenschaft im mamertinischen Gefängnisse getheilt, eine fast übermenschliche Last von Leiden und Schmerzen ertragen hatte. Gab es, so fragte er sich unwillkürlich, unter den Töchtern Rom's wohl eine edlere, hochherzigere Jungfrau, als sie? – Valeria mußte der Mutter und dem Sohne ihre Erlebnisse seit der Gefangennehmung Irene's erzählen, und die Weise, wie sie es that, wie sie zumal das glückliche Wiederfinden ihres Vaters schilderte, enthüllte ein Herz von solchem Adel der Gesinnung, daß Candidus nur seine Mutter mit ihr vergleichen konnte, und vollkommen die innige Liebe begriff, welche Beide mit einander verband. Die Mittheilung, daß Rufinus in einer Hütte in Trastevere verborgen sei, beantwortete er wie seine Mutter mit der theilnahmsvollen Erklärung, Valeria sofort dorthin begleiten zu wollen.

»Mein Kaiser,« fügte der Tribun hinzu, »hat uns einen Flügel des lateranensischen Palastes angewiesen; dorthin wollen wir den edlen Stadtpräfekten bringen, bis er in den nächsten Tagen wieder durch kaiserlichen Befehl in seinen eigenen Palast zurückkehren kann.«

Der Diakon Severus hatte auf Bitten des Candidus einen Fossor in das nahe Dorf geschickt, für Irene und Valeria einen Wagen zu beschaffen. Dieser holte jetzt die Wanderer ein; die Frauen nahmen in demselben Platz, Candidus aber schwang sich wieder auf sein Roß und ritt neben dem Wagen her der Stadt zu. Die übrigen Gläubigen folgten zu Fuß.

Damals war das heute weithin öde und verlassene Gebiet von den Bädern des Caracalla bis zum appischen Thore und über dasselbe hinaus von einer dichten Bevölkerung bewohnt, und neben dem alten Grabmale der Scipionen und den Columbarien der Freigelassenen des Augustus erhoben sich Häuser, Paläste und Villen in großer Zahl. Je mehr sich Candidus und die beiden Frauen der Stadt näherten, und zumal als sie in die bevölkerten Straßen gelangten, um so mehr traten ihnen von allen Seiten Aeußerungen der einmüthigen Freude der Römer über die Befreiung vom Joche des Gewaltherrschers entgegen. Sie selbst waren Gegenstand der Verwunderung und des allgemeinen Staunens; der schmucke Tribun aus dem Heere Constantin's, der auf seinem edlen Rosse neben dem elenden Landwagen als schützender Begleiter zweier ärmlich gekleideter Frauen herritt, war für Alle ein Räthsel. Zumal die Weiber und Mädchen steckten die Köpfe zusammen und verfielen auf die seltsamsten Vermuthungen, es zu lösen.

Als dann die Gesellschaft über die Tiberbrücke den Weg in das transtiberinische Viertel einschlug, wo, wie noch heute, das ganze Leben und Treiben der armen Klassen sich auf der Straße entfaltete, wo die Handwerker bei offenen Thüren arbeiteten und die Krämer und Höckerweiber ihre Trödlerwaaren und Gemüse vor den Häusern zum Verkaufe ausgelegt hatten, da kam dort Alles in Bewegung. Kinder und Erwachsene liefen dem Wagen nach: man mußte doch sehen, wohin das ging. Und nun gar, als Reiter und Wagen in eine der elendesten Gassen einbogen, vor der Hütte des Mincius Halt machten und durch die niedrige Hausthüre eintraten, drängte sich das neugierige Volk von allen Seiten heran, um einen Blick in das Innere zu erhaschen. Hundertmal mußte der Bauernbursche, der den Kutscher gemacht, wiederholen, daß er nicht wisse, wer der vornehme Reitersmann und seine Begleiterinnen seien. Zwar erinnerte sich eine von den Nachbarinnen, die beiden Frauen wiederholt gesehen zu haben, als sie die Wöchnerin Rustica besuchten, allein sie hatte sich damals nicht die Mühe genommen, zu fragen, wer sie seien; des Rathens und Vermuthens war kein Ende. –

Seitdem Rustica erfahren, daß die Schlacht zwischen Constantin und Maxentius entbrannt sei, und zumal als am Nachmittag der wachsende Tumult in der Stadt auch in ihre abgelegene Gasse herüberscholl, wurde sie von Stunde zu Stunde besorgter um Valeria. Unaufhörlich machte sie sich Vorwürfe, daß sie das Mädchen allein hatte hinausgehen lassen; vergebens versuchte sie sich mit der Sorge für ihr Kind, für den Kranken, für die Haushaltung vor sich selber zu entschuldigen, vergebens sich mit dem Gedanken zu beruhigen, daß ja Mincius auf die Sicherheit Valeria's bedacht sein werde. Selbst die Siegesnachricht, die sie von einer Nachbarin erfuhr, konnte sie nicht recht erfreuen, da sie der Gefangenen im Circus gedachte, die der Tyrann gewiß schon dem Schwerte überliefert hatte, bevor er auf den Kampfplatz geeilt war. Immer dringender schrie der Rabe, als die gewöhnliche Stunde seiner Atzung da war, ihr sein Ave Rustica zu: sie achtete nicht darauf, und als der kleine, schwarze Bettler gar zu zudringlich wurde, stieß sie ihn unwirsch auf die Seite. Die Mutter aber, die mit dem feinen, den Blinden eigenthümlichen Gefühl die Verstimmung ihrer Tochter gar bald erkannt hatte, verdarb's ihr erst recht mit allerlei Fragen, durch welche die gute Alte den Grund der übeln Laune zu erfahren suchte.

Rufinus hatte am Morgen nur ungern seine Einwilligung zu dem Gange seiner Tochter hinaus zum Circus gegeben; als Valeria am Mittage noch nicht heimgekehrt war, wurde der Kranke immer unruhiger. Um den Präfekten nicht aufzuregen, hatte Rustica ihm bis jetzt nichts von der Schlacht gesagt; in der Hoffnung, seine Gedanken von der Tochter abzulenken, theilte sie ihm nunmehr mit, was sie erfahren. Der Sieg Constantin's freute ihn unaussprechlich; aber warum war seine Tochter nicht da, diese Freude zu theilen?

Als die Sonne schon anfing, sich zum Niedergange zu neigen, und Valeria noch immer nicht erschien, wurde Rustica auf das ernstlichste besorgt. Wie gerne wäre sie nach dem Circus hinausgeeilt, wenn sie den kranken Präfekten und die blinde Mutter hätte allein lassen dürfen! Wohl hundertmal in der Stunde eilte sie vor die Thüre, um auszuschauen, ob das Mädchen noch nicht komme. Endlich erblickte Rustica ihren Mann: – er kam ohne Valeria! In fürchterlicher Angst eilte sie ihm die Gasse hinunter entgegen; – laut jubelte sie auf, als Mincius ihr die Rettung Irene's durch ihren Sohn verkündigte und daß Valeria ihn schicke, ihrem Vater die frohe Nachricht zu melden.

»Hast du nicht erfragt,« rief sie aus, »wohin der junge Herr seine Mutter bringen wird? Und wenn mich zehn Pferde hielten, ich muß zu ihr und ihr Glück wünschen!«

»Nun,« erwiederte Mincius, »er wird sie zunächst in ihre Wohnung auf dem Aventin begleiten.«

»In jene ärmlichen Stübchen? Wie du doch redest, Mann! Doch jetzt schnell herein, und bringe dem Kranken die glückliche Neuigkeit! – Gott sei Dank!« rief sie frohlockend, indem sie hinter ihren Mann in die Hütte trat.

Daß seine Tochter wohlbehalten, Irene durch ihren Sohn sammt den übrigen Gefangenen gerettet, Rom in vollster Vorbereitung auf den triumphierenden Einzug des Siegers sei, waren für Rufinus Nachrichten die eine noch erfreulicher, als die andere; jeden Augenblick unterbrach er durch Fragen die Erzählung des Mincius.

Da erklang von der Straße her das Rollen eines rasch heranfahrenden Wagens.

Und wie? – Hielt er nicht vor ihrer Hütte?

Eben wollte Rustica neugierig an das Fenster eilen, als auch schon die Thüre aufflog und Valeria mit dem Rufe in das Gemach stürzte:

»Tata, die Mutter ist frei mit allen Gefangenen; Candidus, ihr Sohn, hat sie gerettet; Beide kommen, dich zu begrüßen.«

Gleich darauf trat Irene mit ihrem Sohne ein.

Rufinus raffte seine Kräfte zusammen, ihnen einige Schritte entgegen zu gehen, um sie zu bewillkommnen und ihnen Glück zu wünschen. Mincius und Rustica schauten voll froher Neugier auf den Kriegstribunen: solch hohen Besuch hatte ihre armselige Hütte noch nicht empfangen. Die blinde Mutter, der sie leise zugeflüstert, wer der Fremde war, mußte um jeden Preis seine Hand küssen. Rustica aber hob ihren Säugling aus der Wiege, damit auch er an dem Glücke Theil nehme, welches in der armen Hütte jedes Herz erfüllte. Als dann gar Irene sie in ihre Arme schloß und Candidus sie mit Lobsprüchen wegen der Rettung des Stadtpräfekten überhäufte, da gingen ihr, so redefertig sie sonst war, vor lauter Verlegenheit die Worte aus.

Mit herzlichem Danke schied Rufinus von den trefflichen Leuten, die ihn mit so viel Liebe aufgenommen und gepflegt hatten.

Während Mincius zugleich mit Candidus ihm behülflich waren, in den Wagen zu steigen, drängte sich die neugierige Menge an Rustica, um ihr die Frage zuzuflüstern, wer der Tribun, wer der Kranke, wer die beiden Frauen seien. Rufinus war durch die Leiden, die er erduldet, derart verändert, daß die Leute ihn nicht wieder erkannten: wer hätte zudem vermuthen sollen, daß der zum Tode verurtheilte Stadtpräfekt eine Zuflucht in einer Hütte in ihrem Trastevere gefunden?

Sobald dann aber Rustica den Leuten verrathen, wer die geheimnißvollen Personen waren, da erhob sich lauter Jubel. Jeder wollte den Stadtpräfekten sehen und ihm seine Verehrung an den Tag legen. Frohlockend folgten Alle dem Wagen; von der Straße, wie aus den Seitengaßen drängte sich Jung und Alt hinzu, und so gestaltete sich die Fahrt durch das transtiberinische Viertel zu einer Art Triumphzug für Rufinus.

Mincius und seine Gattin, die den davonfahrenden Wagen bis zum Ende der Gasse mit ihren Blicken begleiteten, mußten jetzt den Nachbaren und Nachbarinnen Alles erzählen, und des Fragens und Verwunderns war kein Ende.

Rustica aber verschwieg doch, daß und wie sie den Stadtpräfekten gerettet hatte. Was sie gethan, das hatte sie aus Dankbarkeit und in christlicher Nächstenliebe gethan, und das Gelingen war ja so ganz das Werk der göttlichen Hilfe gewesen, daß sie sich dabei kein Verdienst zumaß. Sie beschränkte sich darauf, zu erzählen, es sei Nachts an der Thüre geklopft worden, und als ihr Gatte geöffnet, habe ein Armer um Obdach gebeten; da der Mann ganz elend gewesen, hätte Mincius ihn nicht abweisen mögen. Daß sie selbst den Kranken zu sich heimgeführt, verschwieg sie.

Beim Abschiede hatte Candidus den Fossor ersucht, nach dem Schlachtfelde zu eilen und dem Papste die Rettung der Gefangenen zu verkündigen. Mit welcher Freude machte sich jetzt Mincius auf den Weg, diese ehrenvolle und glückliche Botschaft auszurichten! –

Die Sonne war bereits untergegangen, als Candidus sich von den Seinen im lateranensischen Palaste auf einige Stunden verabschiedete, um in das Lager zu eilen. Der Intendant, froh, sich dem neuen Herrscher empfehlen zu können, hatte ihnen, dem Befehle gehorsam, eine Reihe der prachtvollsten kaiserlichen Gemächer zur Verfügung gestellt und trug für die Pflege und Bedienung seiner Gäste mit aller Umsicht Sorge.

Als Candidus durch die Straßen der Stadt ritt, wo er seinem Rosse der Menschenmenge wegen die Zügel nicht schießen lassen durfte, sah er, wie sich überall die Häuser mit Lorbeerzweigen, Blumenkränzen und bunten Teppichen zum festlichen Empfange des Siegers schmückten. Die Marmorstatue des Maxentius auf dem Forum war umgestürzt worden, und eine Schaar jubelnder Kinder tanzte um die Trümmer den Reigen. – Candidus ward vom Volke, das in ihm einen Tribunen des siegreichen Heeres erkannte, mit Jubel begrüßt. Im Marsfelde und auf der flaminischen Straße wurde er wieder und wieder im Ritt gehemmt durch die Deputationen der verschiedenen und zahlreichen Collegien und Körperschaften, die in festlichen Gewändern mit Palmzweigen, Lorbeer- oder Oelzweigen dem Sieger entgegenzogen. Beim Einbruch der Nacht beleuchteten sich rings die Häuser und Villen auf den Höhen, die flaminische Straße entlang, mit zahlreichen Lichtern, und Schaaren von Landleuten tanzten um die Freudenfeuer, welche allenthalben zum Himmel loderten.

Den Reiter begleitete der bunte Reigen all' der Ereignisse des heutigen Tages: die blutigen Scenen des Schlachtgewühls, die Freude des glorreich errungenen Sieges, die Ehre, mit welcher Constantin ihn ausgezeichnet hatte, all' das Bangen und Hoffen, die Fülle von Freude, Glück und Seligkeit, die ihm der Nachmittag gebracht. Aber so reich und mannigfach die Bilder waren, die an seinem Geiste vorüberzogen, zwei Gestalten standen doch immer im Vordergründe, – seine Mutter und Valeria.


Anmerkungen zum XIV. Kapitel.

F1: Wie groß die Zahl der in den Gefängnissen schmachtenden Opfer des Tyrannen, selbst aus den höchsten Ständen, gewesen, ergibt sich aus der Schilderung des Nazarius in seiner Ansprache an Constantin: »Zwar wurden vor deinem Triumphwagen nicht die gefangenen Fürsten der besiegten Völker aufgeführt; allein statt ihrer geleitete dich der aus langer Haft befreite Adel; nicht wurden barbarische Häuptlinge zum Tode in den Kerker hinabgestoßen, wohl aber zum Leben aus dem Kerker Consularen befreit.« ( Incedebat tandem soluta nobilitas … deducti carcere Consulares.)

F2: Noch heute stehen von dieser Villa der Quintilier mächtige Ruinen, im Munde des Volkes » Roma vecchia, das alte Rom« genannt, unter Pius VI. die Fundgrube werthvollster Statuen. – Von dort stammt auch das Bruchstück jener Scheibe von Alabaster, das jetzt im kircherianischen Museum aufbewahrt wird. Dieselbe zeigt in einem Kreise das constantinische Monogramm Christi, darunter auf einer länglichen Tafel die griechischen Buchstaben Ι. Χ. Θ. Υ. C., darüber im Halbkreis die Buchstaben LIORV, welche wohl zu QuintiLIORVm zu ergänzen sind. Die schöne Schrift weist auf die Zeit kurz vor Constantin hin. (Vergl. Weiteres De Rossi Bullett. 1874, 89 f.) Jene Buchstaben aber sind die Anfangsbuchstaben der griechischen Worte Ἰησοῦς Xριστὸς Θεοῦ Ὑιὸς Cωιἠρ; Jesus Christus, Gottes Sohn, Erlöser; zugleich aber bilden sie in sich das Wort Ichthys, Fisch. So wurde das Wort, oder auch das Bild des Fisches Symbol Christi. Auf einem kleinen geschnittenen Stein ist der Namenszug Christi in das Wort Ι. . Θ. Υ. C. verflochten; auf einem anderen das Bild des Fisches um einen Kreuz-Anker geschlungen der oben in das Monogramm Christi ausläuft.

F3: Das Coemeterium des h. Valentin ist berühmt durch eine von Bosio dort abgezeichnete und von ihm veröffentlichte Darstellung der Kreuzigung Christi aus dem 7. Jahrhundert, mit welcher die Grabkammer des h. Valentin geschmückt war. Im Jahre 1877 hat der junge Gelehrte Marucchi diese, sowie Ueberreste einer Basilika wieder entdeckt, die sich ehemals über der Ruhestätte des Martyrers erhob. (Vergl. Bullett. 1877, p. 74.) Die Grabkammer war im vorigen Jahrhundert in einen Weinkeller umgewandelt worden! Als seit dem 9. Jahrhundert die Katakomben mehr und mehr in Vergessenheit geriethen, wurden noch auf lange Zeit die des h. Valentin von Pilgern und Andächtigen besucht; die letzte aus dem Mittelalter überlieferte Nachricht über die Katakomben Rom's ist die Reisebeschreibung eines Pilgers von der Mosel aus dem 11. Jahrhundert, der in jenes Coemeterium hinabstieg und es von Lampen beleuchtet fand ( ubi semper ardent lampades). (Vergl. De Rossi, Roma sotterr. I, 222.)

F4: Schon Eusebius (Kirchengesch. IX. 9.) legt den Gesang des Moyses nach dem Untergange Pharao's und seines Heeres im rothen Meere den christlichen Soldaten Constantin's in den Mund, als vor ihren Augen Maxentius und die Seinen in den Fluthen der Tiber versanken.


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