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Zweites Kapitel.
Treu bis in den Tod.

Der erschöpfenden Schwüle des Sommers war belebende Frische gefolgt; reichlicher Regen hatte das dürre Erdreich der römischen Campagna begossen und in üppigem Wachsthum allüberall auf den Fluren frisches Grün hervorgezaubert; der zweite Lenz war erwacht und schlang seine Blumenkränze um die gefüllten Fruchtkörbe des Herbstes.

Der Jubel des Landvolks am Feste der Meditrinalien (11. Oktober), wo zuerst der neue Wein gekostet wurde, und zwei Tage später an dem der Fontinalien, an welchem man die Quellen und Brunnen mit Blumengewinden schmückte, hatte die Römer aus ihren Villen in die Stadt zurückgeleitet.

Auch Aradius Rufinus, der Präfekt der Stadt Rom, war mit seiner Gemahlin Sophronia und seiner Tochter Valeria wieder in den Palast eingezogen, welchen sie auf der Höhe des Cölimontium, nicht weit vom Lateran, besaßen; jener Stadttheil war damals der Sitz der vornehmsten Adelsgeschlechter, wo die Paläste eines Marius Maximus, eines Valerius Aradius, eines Symmachus u. a. an Größe und Pracht mit einander wetteiferten. [R1]

Aradius Rufinus hatte unter Maximianus, wie unter Constantius Chlorus die ersten Kriegsdienste gethan; Constantin und Maxentius waren in der Jugend seine Waffengefährten gewesen. Später war er nach Nicomedia an den Hof Diokletian's gekommen, wo er Sophronia, eine Tochter des Vasallenkönigs Totorsus vom Bosporus, als Gattin heimführte. Da Totorsus und dessen Familie Christen waren, [R2] hatte der Bräutigam seiner künftigen Gemahlin volle Freiheit ihres christlichen Bekenntnisses bewilligen müssen, ein Versprechen, das Rufinus ehrlich gehalten. Er selbst allerdings, als alter Patrizier, hielt treu an dem Dienst der Götter, welche die Stadt Rom groß gemacht hatten, wenngleich er, in der Schule der Neuplatoniker gebildet, in reinerer Auffassung die Vielheit der Götter nur als Symbole der verschiedenen Eigenschaften und Thätigkeiten eines einzigen höchsten Wesens betrachtete.

Seine Ehe war mit drei Söhnen und einer Tochter gesegnet, und die Mutter hatte sie alle in der christlichen Lehre erzogen. Dem Gemahl war das nicht entgangen; allein er rechnete wenigstens für seine Söhne darauf, daß die Schule und das Leben sie »aufklären« würden. Darum vertraute er sie dem Lactantius Firmianus an, den Diokletian im Jahre 301 aus Africa als Lehrer der Beredtsamkeit nach Nicomedia berufen hatte. Daß Lactantius nicht lange nach Uebernahme seines Amtes Christ geworden, ahnte Rufinus freilich nicht. Später führte der Vater sie in die militärische Laufbahn ein, und jetzt dienten zwei derselben im Heere des Oberkaisers Licinius an den fernen Ostgrenzen des Reichs; der dritte war eines ruhmvollen Todes auf dem Schlachtfelde gestorben.

In der blutigen diokletianischen Verfolgung war Sophronia mit ihren Kindern, Dank der Stellung ihres heidnischen Gemahls, verschont geblieben. Als im Frühling des Jahres 305 Diokletian die Krone niederlegte, kehrte Rufinus von Nicomedia nach Rom zurück, wo sich seinem Ehrgeize glänzendere Aussichten boten. Wirklich übertrug Maxentius, der im Jahre 306 die Herrschaft in Italien an sich riß, dem ehemaligen Waffengefährten der Reihe nach mehrere einflußreiche Aemter; ja, zu Beginn des Jahres 312 ernannte er ihn sogar zum præfectus Urbi und legte damit die oberste Leitung der hauptstädtischen Angelegenheiten in seine Hand. [R3] Wenn der Ehrgeiz des Rufinus in dieser Ernennung seine höchste Befriedigung fand, so bereitete sie seiner Gattin bange Sorge und tiefen Kummer. Nicht nur fürchtete sie unter der Herrschaft des Tyrannen Maxentius einen jähen Sturz von solch steiler Höhe, sondern sie sah dadurch auch die Erfüllung ihres sehnlichsten Wunsches, endlich doch den Gemahl dem Christenthum zu gewinnen, abermals in unabsehbare Ferne gerückt.

Maxentius hatte beim Antritt seiner Regierung der Christenverfolgung ein Ende gemacht und auf alle Weise sich die Gunst des römischen Volkes zu erwerben gesucht. Leider dauerte der gute Anfang nur so lange, als seine durch frevelhafte Empörung wider den eigenen Vater erworbene Herrschaft von Außen bedroht war. Als dann aber die Eroberung Aegypten's durch seinen Feldherrn Rufus und die Zwietracht unter den übrigen Kaisern, zumal aber der Tod des Oberkaisers Galerius im Mai 311, ihn von der Furcht für die Sicherheit seines angemaßten Thrones befreit hatten, ließ er die Maske fallen, und mit Zittern und Entsetzen sah jetzt Rom täglich die Akte der Grausamkeit, der Habgier und der schamlosesten Wollust sich mehren, mit welchen der Tyrann Hohe und Niedere, Heiden und Christen verfolgte. Bei der im Jahre 311 ausgebrochenen Hungersnoth rief er seinen Soldaten zu: »Zehrt drauf los bis zum Verschleudern und Vergeuden: fruimini, dissipate, prodigite!« Da das Volk darüber murrte und, um Brod schreiend, sich vor dem Palaste sammelte, befahl Maxentius seinen Soldaten, auf die Massen einzuhauen und so »ihren Hunger auf immer zu stillen.« Die bis zur Unerschwinglichkeit gesteigerten und mit unerbittlicher Strenge eingetriebenen Steuern wurden theils für das Heer, theils für kostspielige Luxusbauten verwendet; noch war der neue Circus an der appischen Straße nicht fertig, und schon hatte der Kaiser auf dem Forum zu Ehren seines verstorbenen Sohnes Romulus den Bau einer Basilika begonnen. So drückte Maxentius das römische Volk mit eiserner Härte nieder, während er den Adel durch Confiskationen und Gefängnisse im Zaume hielt. [R4] Im Besondern mußten die Christen den Haß des Kaisers erfahren. Papst Marcellus hatte schon im Jahre 310 den Martertod erlitten; sein Nachfolger Eusebius wurde im folgenden Jahre nach Sicilien verbannt, wo er bald darauf starb; nur politische Rücksicht auf Constantin hielt den Tyrannen noch zurück, die alten Blutedikte Diokletian's gegen die Christen zu erneuern. –

In den ersten Tagen nach seiner Rückkehr in die Stadt hatte Rufinus eine Menge rückständiger Geschäfte zu erledigen, welche von der Frühe bis in die Nacht seine Anwesenheit auf der Präfectur nothwendig machten. Seine Erholung fand er dann am Abende in der Unterhaltung mit Gattin und Tochter. Valeria, das jüngste der Kinder, jetzt sechszehn Jahre alt, war eine überaus holde und anmuthige Erscheinung; das schwarze Haar umrahmte in reicher Lockenfülle das ovale Gesicht mit den fein geschnittenen Zügen, und aus den tiefen Augen leuchtete eine edle, reine Seele voll kindlicher Unschuld. Sie besaß einen geweckten Geist und eine ungewöhnliche Energie des Willens, und so war sie die Freude und der Stolz ihres Vaters, der das einzige ihm noch gebliebene Kind auf das zärtlichste liebte. –

Eines Abends fand Rufinus seine Gemahlin auffallend ernst gestimmt. Vergebens forschte er nach der Ursache; umsonst bemühte er sich, Sophronia, die sich, von einer unerklärlichen Unruhe beängstigt fühlte, aufzuheitern. Als nach der coena oder dem Abendessen ein Sklave ein Körbchen köstlicher rother Trauben auf den Tisch stellte und Valeria eine derselben emporhob und sich in kindlicher Lust an der Größe und Schönheit derselben erfreute, nahm Sophronia in ihrer ernsten Stimmung davon Anlaß zu ungewöhnlich feierlichen Worten.

»Erkenne in dieser Frucht,« sprach sie zu ihrer Tochter, »das Bild der in Leid und Prüfung erzogenen Seele. Auf steinigem Boden erwachsen, an das Holz gebunden, von Thränen träufelnd unter dem Messer des Winzers, – so muß den Weinstock die Frühlingssonne finden, daß sie sich seiner erbarme und aus dem nackten Reis die edelste Frucht erwachsen lasse.«

Valeria ließ unwillkürlich die Traube in das Körbchen zurücksinken; die Mutter aber pflückte sinnend eine von den rothen Beeren, zerpreßte sie zwischen den Fingern und sagte:

»Die Schaale ist roth, doch das Innere ist klar und hell, und um die harten Traubenkerne legt sich der süße Saft, – so ist es auch mit dem Leiden. [R5]

In Sophronia's Auge perlte eine Thräne; schweigend und bekümmerten Herzens saßen Gatte und Tochter ihr gegenüber.

Am nächsten Morgen wäre Rufinus gerne seiner Gemahlin wegen, deren ahnungsvolle Wehmuth sich noch gesteigert hatte, zu Hause geblieben, wenn nicht gerade heute eine besonders wichtige Berathung seine persönliche Anwesenheit auf der Präfektur erfordert hätte; er versprach jedoch, in einer Stunde zurückzukehren. Als er fortgegangen, stieg Sophronia zu der pergula oder dem offenen, mit Blumen besetzten Erker ihres Hauses hinauf und verfolgte mit ihren Blicken den Gatten auf seinem Wege am Colosseum vorüber nach dem Forum, wo hinter dem Friedenstempel das Amtsgebäude der Präfektur lag. Vor ihren Augen stieg dort in zauberhafter Herrlichkeit das flavische Amphitheater oder das Colosseum auf, vom Doppeltempel der Venus und Roma überragt, daneben der Triumphbogen des Titus und zur Linken der Palatin mit der stolzen Pracht seiner Kaiserpaläste; ein Bauwerk großartiger als das andere, leuchteten dort im Glanze der Morgensonne der Tempel des Jupiter Stator, das Septizonium des Severus und die Paläste des Augustus, des Tiberius und des Caligula mit ihrem Walde von Säulen und Statuen, das Auge blendend durch den reichen Schmuck von Gold, Farben und seltenstem Marmor. Dahinter erhob sich das Capitol mit seiner Burg und dem goldgedeckten Jupitertempel. Allein für all' diese Herrlichkeit hatte die Patrizierin kein Auge; ihr Geist weilte ferne bei ihren Söhnen, und eine namenlose Sehnsucht nach denselben beschlich ihr Herz; sie gedachte ihres Mannes, und seufzend richtete sie ihren von Thränen umflorten Blick zum Himmel mit der Frage: Wann, o Gott, wann wird in seiner Seele die Nacht des Heidenthums dem Gnadenlichte deiner Wahrheit weichen?

Ueber solch' trüben Gedanken beachtete sie nicht die unheimlichen Gestalten, welche sich ihrem Palaste näherten; sie sah nicht, wie Sklaven in der kaiserlichen Livrée eine geschlossene Sänfte in das vestibulum oder den Vorhof des Hauses trugen, während bewaffnete Soldaten in der nahen Gasse, wie in einem Hinterhalt, sich aufstellten.

Aus ihrem schwermüthigen Sinnen wurde Sophronia durch die Meldung geweckt, ein kaiserlicher Hofbeamter wünsche sie zu sprechen, und kaum war die Meldung gethan, als der Freigelassene auch schon selbst erschien.

Beim Anblicke des Menschen, dessen abstoßende Gesichtszüge durch ein gemeines Lächeln noch widerwärtiger wurden, zuckte die edle Frau zusammen; der Freigelassene aber verbeugte sich tief vor der Herrin und machte ihr ohne Umschweife die Mittheilung, der göttliche Maxentius, von ihrer Schönheit und Anmuth bezaubert, habe sie zu seiner Gemahlin erkoren; er, des Kaisers Diener, habe den Befehl, sie sofort zu dem Herrscher zu führen; die Sänftenträger ständen im Vorhof bereit.

Todesblässe überzog Sophronia's Antlitz; einige Augenblicke stand sie erstarrt vor Schrecken und Entsetzen, dem Rehe gleich, wenn es plötzlich den Schakal sieht, dem es nicht mehr entrinnen kann, und dessen Krallen es im nächsten Momente zerfleischen werden. Ein Blick zum Himmel gab ihr die Fassung wieder, und mit fester Entschiedenheit gab sie dem Boten zur Antwort:

»Melde dem Kaiser diese Worte seiner Dienerin: Ich bin Christin und durch heilige Bande unzertrennlich an meinen Gatten Rufinus geknüpft; ich darf und ich werde dem Kaiser nimmer willfahren.«

»Nun,« erwiederte der Höfling mit leichtfertigem Scherz, »die heiligen Bande, welche dich, hohe Herrin, an deinen Mann ketten, lassen sich ja lösen. ›Niemand ist unsterblich,‹ sagt das Sprüchwort. Somit steht nichts im Wege, daß du dem Befehle des Kaisers willfahrest.«

Sophronia erschauderte.

»Nein,« rief sie tief entrüstet, »niemals, niemals!«

»Dann wisse,« entgegnete der Freigelassene kalt und trocken, »daß ich gemessenen Befehl habe, dich ungesäumt zum Kaiser zu bringen, auch mit Gewalt. Um Lärm zu vermeiden, habe ich bereits alle Zugänge besetzen lassen; meine Leute stehen im Vestibulum.«

Sprachlos rang die Bedrängte ihre Hände.

War keine Rettung möglich? – keine? –

Aus der Tiefe ihrer Seelennoth richtete Sophronia einen Blick inbrünstigsten Flehens zum Himmel; – es war, wie eine Eingebung von oben, welche ihr die Worte auf die Zunge legte, mit denen sie, scheinbar sich dem Befehle fügend, die Bitte stellte:

»Gönne mir eine Viertelstunde, Festgewänder anzulegen!«

Bereitwillig ging jener darauf ein. Als Sophronia sich zurückgezogen, sprach er hohnlachend:

»Gleich allen andern! – Weibertugend? – ha ha ha!«

Die Viertelstunde verstrich; – Sophronia erschien nicht.

Nach längerm Warten riß dem Höfling die Geduld, zumal er des harrenden Kaisers gedachte, und so schritt er dreist durch die nächsten Zimmer, bis er an Sophronia's Gemach gelangte. Er klopfte; – keine Antwort. Er rief; – Alles blieb stille.

Sollte trotz seiner Vorkehrungen das Weib doch einen Ausweg gefunden haben, vielleicht einen geheimen Gang, um zu entfliehen?

Kurz entschlossen öffnete der Freigelassene die Thüre: in demselben Augenblicke stieß Sophronia mit den Worten: »Herr Jesus, in deine Hände befehle ich meinen Geist!« sich einen Dolch in das Herz.

Lautlos brach sie zusammen.

Einen Fluch auf den Lippen schlich der Höfling davon. –

Der Kirchengeschichtsschreiber Eusebius berichtet uns die Thatsache in seinem Leben Constantin's, indem er hinzufügt: »Diese Frau hat allen Menschen jetzt und in Zukunft durch die That bewiesen, daß die Keuschheit allein bei den Christen unbesiegbar, daß sie stärker ist, denn der Tod.« [R6]

Von dem Erscheinen der Häscher sofort durch eine Sklavin benachrichtigt, hatte Valeria, welche die Morgenstunden mit Studium zuzubringen pflegte, zum Zimmer ihrer Mutter eilen wollen: die kaiserlichen Wächter hatten sie zurückgewiesen. Die Andeutung eines derselben enthüllte ihr das Schreckliche, das der Mutter drohte, und eine unsägliche Angst befiel sie. So verfloß fast eine halbe Stunde; da kam der Freigelassene, gab seinen Leuten einen Wink und eilte mit ihnen davon.

Valeria athmete auf: es mußte der Mutter gelungen sein, die Unholde von sich abzuwehren.

Sie eilte, sie flog durch die Zimmer, welche zum Gemache Sophronia's führten, indem sie laut nach der Mutter rief. Allein die Gerufene kam nicht, antwortete nicht, und – barmherziger Gott! da lag sie todt in ihrem Blute.

Unter lautem Schrei brach das Mädchen zusammen.

Rufinus hatte seine Geschäfte möglichst beschleunigt und eilte nun nach Hause; denn auch ihn hatte eine unerklärliche Beängstigung erfaßt. Schon im Vestibulum kamen ihm der Thürhüter und die Sklavinnen jammernd und wehklagend entgegen. In banger Hast stürzte er in das Zimmer Sophronia's: wie ein zerschmetternder Schlag traf ihn der Anblick der blutigen Leiche.

Von namenlosem Schmerze bewältigt warf er sich neben der Todten auf die Erde, nahm ihr Haupt in seine Arme und rief jammernd:

»Sophronia, süßes Weib! nein, es ist nicht wahr! Du kannst nicht todt sein! O, nur noch Ein Wort! Nur noch Einmal schlage die Augen auf!«

Allein die Gattin war todt – todt, und als er nach seiner Tochter fragte, erfuhr er, daß sie ohnmächtig sei, und von der Leiche hinweg wankte er an das Lager des Kindes.

Blaß wie Marmor, die Augen geschlossen, ohne Athem lag das Mädchen da. Als hätte er die Seele festhalten wollen, daß sie nicht dem schwachen Körper entweiche, ergriff Rufinus Valeria's Hände und preßte sie krampfhaft in seine Hände. Ach, wenn dies nicht bloß eine Ohnmacht war! Wenn dieselbe Stunde ihm Gattin und Tochter entrissen hätte!

Die treue Amme, welche um die Kranke beschäftigt war, beruhigte die Angst des Vaters; der Puls schlage noch, und bald werde Valeria wieder erwachen. Aber dann sei die höchste Schonung nothwendig, fügte sie hinzu, und bat den Vater, im anstoßenden Gemache die Rückkehr des Bewußtseins zu erwarten.

Rufinus ging.

Die Ohnmacht dauerte lange, und der unglückliche Mann hatte Zeit, die ganze Schwere seines Leids zu messen und zu wägen. Der Schlag, der ihn so plötzlich getroffen, hatte ihn geknickt, und vergebens suchte er nach einer Stütze, die ihn aufrichte. Heute zum ersten Male erfuhr er es an sich selbst, daß die schwache Kraft des Erdensohnes allein nicht ausreicht, das Gewicht schweren Unglücks zu tragen. Aber vom Himmel her streckte sich keine Hand aus, es ihm zu erleichtern, und seine Philosophie erwies sich ohnmächtig zu seinem Beistande.

Da brachte eine der Sklavinnen ein Blatt Papier, welches man erst jetzt auf einem Tische im Gemache Sophronia's bemerkt hatte. Rufinus erkannte sofort die Handschrift seiner Gattin; das Schreiben lautete folgender Maßen:

»Mein Gemahl, nur Gott weiß, wie innig ich dich und unsere Kinder liebe, wie es mir das Herz bricht, daß ich euch verlassen muß, plötzlich, ohne Abschied. Allein ich kann nicht anders. Das Heiligste, was ich habe, muß ich meinem Gott makellos bewahren; ich darf das Gefäß des heiligen Geistes nicht der Entweihung preisgeben. Ich würde vor Scham vergehen, sollte ich mit Schande befleckt zu dir zurückkehren; viel weniger darf ich so vor den Augen der Engel, vor Gottes Angesicht erscheinen. Mit der glühendsten Inbrunst meines Herzens habe ich zu ihm gefleht, daß er mir einen andern Weg der Rettung zeige; kommt keine Hilfe, dann folge ich der Stimme in meinem Innern und entrinne wie der Hirsch den Schlingen des Jägers, hinauf zu jenem Berge, wohin der Fuß des Verfolgers nicht gelangen kann. Christus wird meine Seele aufnehmen, und was ich dir, mein theuerer Rufinus, hienieden als Sünderin nicht zu erflehen vermochte, das hoffe ich dir zu erwirken, wenn ich als Martyrin für dich bete. Valeria, mein süßes Kind, tröste deinen Vater; empfiehl mich dem Gebete der Kirche; gedenke meiner Armen! Auch im Himmel bleibe ich deine und deiner Brüder Mutter, und einstens …«

Unvollendet brach das Schreiben ab; das Eindringen des kaiserlichen Freigelassenen hatte es Sophronia unmöglich gemacht, ihrem Glauben und ihrer Hoffnung auf einstiges Wiedersehen, wo keine Trennung das Glück der Seligen bedroht, den vollen Ausdruck zu geben.

Rufinus las das Schreiben wieder und wieder, und sein Schmerz fand in einem Strome von Thränen Linderung. Wie hauchte jedes Wort der Dahingeschiedenen die zärtlichste Liebe; wie spiegelte sich in jeder Zeile die edle, hochherzige Gesinnung seiner Gattin!

Die römische Geschichte erzählt einen ähnlichen Fall von Lucretia, die, um ihre Schande nicht zu überleben, sich den Tod gegeben hatte. Wer hätte geglaubt, daß solch ein Heldenmuth jetzt noch möglich sei? Und doch stand Sophronia's That um so viel höher, als die Beweggründe edler waren, die sie geleitet hatten. Obschon Heide, fühlte Rufinus die Erhabenheit dieser Beweggründe, die ihre Wurzel einzig in der hohen Auffassung der Keuschheit und der ehelichen Treue bei den Christen haben konnten.

Eine Sklavin meldete, daß Valeria aus ihrer Ohnmacht erwacht sei und den Vater zu sehen wünsche. Schweigend streckte die Kranke ihm die Hand entgegen; beide fanden keine Worte für ihren Schmerz; nur das Auge und der stumme Druck der Hände redeten.

Dennoch war der Schmerz Valeria's ein ganz anderer, als der ihres Vaters, zumal, nachdem sie das Schreiben der Mutter gelesen. Sie, die Christin, vermochte ganz und vollkommen den hohen Sinn zu fassen, in welchem die Verstorbene gehandelt. Ihr, der glaubenseinen Tochter, hatte die Mutter stets ihr ganzes Herz erschließen dürfen, und Sophronia hatte es gethan mit all' der heiligen Liebe einer christlichen Mutter. Was der Gatte als Heide nicht verstand, worüber sie mit ihm nicht reden konnte, was in Stunden der Erhebung und Erleuchtung ihre edle Seele bewegte und erfüllte, das hatte sie in das empfängliche Herz des Kindes und der Tochter ausgeschüttet. Wie oft hatten sie mit einander ihre Gebete, ihre Thränen am Throne der göttlichen Barmherzigkeit niedergelegt, daß doch endlich die Scheidewand falle, welche den Gatten und Vater im Höchsten und Heiligsten von ihnen trennte! Valeria hatte mehr als eine Mutter verloren; aber aus ihrem Schmerze schaute sie empor zu der sieggekrönt am Throne Gottes stehenden Martyrin, und heller leuchtete ihr die Hoffnung, daß für den geliebten Vater die Stunde der Gnade jetzt weniger fern sei.

Eine der Sklavinnen hatte inzwischen Irene, die vertraute Freundin Sophronia's, von dem Geschehenen in Kenntniß gesetzt, und die edle Matrone trat jetzt voll christlicher Liebe und Theilnahme in das Haus der Trauer. Irene verstand es, wie Wenige, Balsam in die brennende Wunde zu träufeln; sie brachte, was ihr Name bedeutete, Frieden; wo sie erschien, da kamen mit ihr Ergebung und Hoffnung, die beiden Engel, welche die ewige Barmherzigkeit in dieses Thränenthal geschickt hat, damit der schwache Sterbliche nicht unter seiner Kreuzeslast zusammenbreche.

Es liegt beim Tode edler Menschen ein geheimnißvoller Trost darin, sich ihre letzten Worte und Handlungen zu vergegenwärtigen, – goldenes Abendroth nach einem sonnigen Tage. So erzählte denn Irene, wie Sophronia noch gestern Mittag in das transtiberinische Stadtviertel gegangen, um in einer entlegenen Gasse einer armen Wöchnerin stärkende Nahrung und für ihr Kindlein neue Wäsche zu bringen. Sie gedachte dann so mancher Züge stiller Tugend, heldenmüthigen Entsagens und Ertragens, so mancher Worte der vertrauten Freundin, die, wie der Duft aus dem Kelch einer Rose, der edlen Tiefe ihres Herzens entströmt waren. Und wie wurde das Bild, welches Irene so von Sophronia entwarf, durch die letzten im Angesichte des Todes von ihr geschriebenen Worte vervollständigt!

In ihrer Liebe zu der Verstorbenen sprachen und erzählten die beiden Frauen, ohne Rücksicht auf die Verschiedenheit der religiösen Anschauungen des Rufinus zu nehmen; hatte ja auch Sophronia in derselben Weise ihre Abschiedsworte geschrieben. Der Präfekt aber, mit seinem nach Trost dürstenden Herzen, nahm Alles auf, wie dürres Erdreich den erquickenden Regen. Er hatte immer geglaubt, Sophronia bis auf den Grund ihrer Seele zu kennen: jetzt erst eröffnete sich ihm die ganze Tiefe ihres reinen und edlen Herzens. Und was waren das für erhabene Ideen, die er heute zum ersten Male hörte, und die den Frauen so vertraut und gleichsam angeboren schienen! –

Rufinus wußte, daß Irenen's Gatte nebst beiden Töchtern ihres christlichen Glaubens wegen hingerichtet worden waren; er hatte sich jedoch nie nach den nähern Umständen ihres Todes erkundigt. Jetzt aber drängte es ihn, zu erfahren, wie eine schwache Frau den Verlust ihres Mannes und ihrer Kinder ertragen habe, und in seinem trostbedürftigen Kummer benutzte er eine Andeutung, welche jene machte, um seine Bitte auszusprechen.

Irene verstand die Gedanken des Rufinus und befriedigte gerne seinen Wunsch.

»Als die blutigen Edikte des Diokletian erlassen wurden,« so begann sie, »und Maximian, seiner angeborenen Grausamkeit folgend, die Christen aus jeder Zufluchtsstätte vertrieb, unsere Kirchen und Hospize und selbst unsere Cömeterien (Friedhöfe) confiscirte, stellte mein Gatte Castulus, der beim Kaiser das Amt des Oberhofmeisters bekleidete, unsere Wohnung der Kirche zur Verfügung. Während der Kaiser seine blutigen Mordbefehle unterschrieb, feierten in seinem eigenen Palaste die Christen die heiligen Geheimnisse. – Du erinnerst dich noch, edler Rufinus, des tapfern Tribunen Sebastianus?«

»Der erst von den numidischen Bogenschützen erschossen wurde,« antwortete zunickend der Präfekt, »jedoch zum Leben wieder erwachte und dann mit Keulen erschlagen ward. Ich erinnere mich, daß man damals viel darüber redete.«

»Wir hatten,« fuhr Irene fort, »die vermeintliche Leiche heimlich in unsere Wohnung geschafft, um sie in der Stille der folgenden Nacht zu begraben. Allein zu unserer höchsten Freude merkten wir, daß Sebastianus noch lebe, und unserer Pflege gelang es bald, die durch den Blutverlust erschöpften Kräfte wieder herzustellen. Kaum geheilt, trat er, nach dem Marterthum sich sehnend, dem Kaiser entgegen. Maximian ließ ihn, wie einen Hund, erschlagen, forschte dann aber alsbald nach, wo Sebastianus Aufnahme und Pflege gefunden habe. Die Entdeckung, daß sein eigener Hofbeamter in seinem eigenen Palaste ihm eine Zuflucht geboten, ja, dort sogar die Christen zum Gottesdienste versammle, erfüllte ihn mit der höchsten Wuth. Sofort wurde mein Gatte ergriffen, und nach dreimaligem Verhör und dreimaliger Folter vor dem labikanischen Thore, in der Nähe der claudianischen Wasserleitung, lebendig in einer Sandgrube begraben.«

Irene schwieg einige Augenblicke, von der innern Bewegung bewältigt; dann fuhr sie fort:

»Ich wurde unter rohen Mißhandlungen mit meinen beiden Töchtern, Mädchen von sechszehn und fünfzehn Jahren, in das Gefängniß geschleppt. Das jüngste Kind, mein Candidus, entging der Rache des Kaisers, da Castulus den Knaben kurz vorher in die Kriegsschule nach Gallien geschickt hatte. Die Leiden monatelanger Haft, so entsetzlich sie waren, wurden noch von dem Schmerz übertroffen, daß ich von meinen Kindern getrennt worden und trotz alles Bittens weder zu ihnen gelangen, noch etwas über sie erfahren konnte. Eines Morgens aber kam der Wärter und warf mir mit eisiger Gleichgültigkeit die Mittheiluug hin, beide Mädchen lägen todt am Boden ihrer Gefängnißzelle. Sie waren am Kerkerfieber in der verflossenen Nacht gestorben. Mein Flehen, wenigstens ihre Leichen, wenn auch nur für Augenblicke, sehen zu dürfen, schlug der harte Mann anfangs ab; endlich siegte doch meine Liebe, als ich ihn an seine eigenen Kinder erinnerte. Ich trat in die Zelle: da lagen sie, zwei gebrochene Knospen, an der Erde. Die eine hatte die Arme in Kreuzesform ausgestreckt; die andere ruhte neben ihr, Opferlamm neben Opferlamm …«

Thränen erstickten die Stimme Irene's; Rufinus ergriff tief bewegt die Hand seiner Tochter: wie nahe war auch ihm ein gleicher Verlust gewesen!

Die Matrone trocknete die Thränen, welche die schmerzliche Erinnerung ihren Augen ausgepreßt, und schloß dann ihre Erzählung also:

»Die Thronbesteigung des Maxentius öffnete die Thüre meines Gefängnisses, und mein erster Gang war zu der Ruhestätte meines Gatten und von da zu meinen Kindern, die man in einem gemeinsamen Grabe im Cömeterium des Callistus beigesetzt hatte. Seitdem stehe ich da, wie ein entblätterter Baum zur Winterszeit, der einsam seine nackten Aeste zum Himmel streckt. Nur Einen Trost und Eine Hoffnung hat mir der Herr noch gelassen, das ist mein Sohn Candidus.«

Irene schwieg, und schweigend und sinnend saß Rufinus da. Wie viel Leid hatte dieses schwache Weib erduldet! – Und woher hatte es seinen Starkmuth in solchen Prüfungen geschöpft? – –

Valeria hatte sich nach und nach so weit erholt, daß sie ihren Vater zu bitten wagte, der theuern Todten die letzten Liebesdienste erweisen zu dürfen, und weil auch Irene die Bitte unterstützte, gab er trotz seiner Besorgniß endlich seine Zustimmung. Wer den bittern Kelch der Prüfung mit Starkmuth trinkt, der findet auf seinem Grunde geheimnißvolle Himmelskraft: das wußte Irene aus eigener Erfahrung. So begab sich denn Valeria mit ihrer mütterlichen

Freundin in das tablinum, wohin die Leiche unterdessen von den Dienerinnen getragen und auf einem Polster gebettet worden war. Rufinus blieb in seinem Gemache allein mit seinem Schmerze und mit seinen Gedanken; aber der Schmerz war milder, die Gedanken waren lichter geworden.

Wenn das Dämmern des Morgens seine ersten Strahlen über die dunkle Salzfluth sendet, dann glätten sich die Wogen, und dankend begrüßt der Schiffer das Aufleuchten des nahen Tages. –

Sophronia hatte, bevor sie sich freiwillig den Tod gab, jenes weiße Leinenkleid angelegt, das sie am Tage ihrer Taufe empfangen: sie hatte es, von Sünde unbefleckt, geröthet mit dem Blute des Martyriums, ihrem Gott und Erlöser zurückgeben wollen.

Valeria sank tiefbewegt neben der Leiche auf die Kniee und indem sie ihre Arme um das theuere Haupt schlang, brach sie in die Worte aus!

»Süßeste Mutter, als Martyrin, den Palmzweig in der Hand, stehst du jetzt am Throne Gottes. Nein, ich will nicht weinen! Die Tochter eines so starken Weibes, das Kind der Martyrin muß sich seiner Mutter würdig zeigen. Mag der Herr das schwache Reis an das Kreuzholz binden: aus Thränen schaue ich zu deiner Himmelsglorie empor und preise mit dir unsern Herrn, du Selige.«

Von Irene und zwei treuen Dienerinnen unterstützt, ging Valeria an die schmerzlich süße Arbeit. Sie salbten die Todte mit kostbaren Spezereien, kleideten sie in ein golddurchwirktes Gewand, legten ihr einen Palmzweig zwischen die Hände und wanden einen Kranz von Rosen um ihr Haupt. [R7] Nach altrömischer Sitte mit den Füßen nach der Thüre gestellt, wurde dann die Leiche mit Lichtern umgeben; in einer acerra oder Rauchpfanne brannte nebenan duftiger Weihrauch, der das Gemach mit Wohlgerüchen erfüllte. – Das mit dem Marterblut benetzte Taufkleid der Mutter schloß Valeria als heilige Reliquie in eine arca von kostbarem Holze, die mit Beschlägen in getriebenem Silber und Verzierungen in Elfenbein geschmückt war.

Irene nahm dann die Sorge für die mancherlei Vorbereitungen zum Begräbnisse auf sich, wie die Anmeldung des Sterbefalles auf dem Todtenamte beim Tempel der Libitina, und die Bestellung der vespillones oder Leichenträger; [R8] Valeria aber eilte zu ihrem Vater, um dem Vereinsamten in seinem Kummer zur Seite zu stehen. Sie wußte ja, wie sehr er des Trostes bedurfte, er, dem in die Nacht seines Unglückes nicht das beseligende Licht der Gnade und des Glaubens leuchtete, das ihr den schmerzlichen Verlust durch die Ergebung in den Willen einer Alles leitenden Vorsehung und durch die Hoffnung auf ein dereinstiges Wiederfinden erleichterte.

Sie fand ihren Vater, den Kopf auf die Hand gestützt, sinnend über dem Schreiben Sophronia's; er reichte ihr das Blatt und sprach:

»Lies es mir laut vor, mein Kind; in deiner Stimme höre ich die Mutter wieder.«

Valeria nahm das Blatt und las. Anfangs gelang es ihr, der innern Bewegung Herr zu bleiben: als sie aber zufällig einen Blick auf den Vater warf, dem Thräne auf Thräne über die Wangen rollte, da übermannte auch sie die Wehmuth und ihre Stimme stockte. Allein mit der ganzen, von der Mutter ererbten Energie ihrer starken Seele wußte sie sich alsbald zu fassen, und im Lesen fortzufahren; sie schloß mit den Worten: »Christus wird meine Seele aufnehmen, und was ich dir, mein theuerer Rufinus, hienieden als Sünderin nicht zu erflehen vermochte, das hoffe ich dir zu erwirken, wenn ich als Martyrin für dich bete – –.«

»Es ist das Testament der Mutter,« sprach Valeria, indem sie mit zärtlicher Inbrunst ihren Arm um den Hals des Vaters schlang: »willst du nicht ihren letzten Wunsch erfüllen?«

Rufinus schaute aus Thränen seine Tochter an, drückte ihr die Hand und schwieg. Und seine Tochter verstand ihn, und voll Hoffnung und Dank richtete sich ihr Auge zum Himmel: – das Gebet der Martyrin begann zu wirken: das Lamm, das so lange in der Irre gegangen, empfand das erste Sehnen nach dem guten Hirten, daß er es ebenfalls auf seine Schultern nehme und hintrage in den Garten süßen Seelenfriedens und himmlischen Trostes.

Auf seinen Wunsch mußte Valeria den Vater zu der Leiche der Mutter geleiten, und so tief ihn der erste Anblick der nun auf der Bahre daliegenden Gattin erschütterte: es war jetzt nicht mehr bloß der Schmerz um den harten Verlust, es war zugleich eine Art heiliger Verehrung, mit welcher er sich der theueren Todten näherte. Indem er neben ihr niederkniete, legte er das Schreiben Sophronia's auf die Brust der Leiche und heftete, als wolle er die Worte noch einmal aus ihrem Munde hören, seine thränenumflorten Blicke bald auf die Schrift, bald auf das friedlich verklärte Antlitz der Gattin. Sophronia war gestorben, um ihm ihre eheliche Treue zu bewahren; allein, das fühlte Rufinus in lebendigster Ueberzeugung, sie war zu dem Opfer nur fähig gewesen, weil sie Christin war. Die landläufigen Vorurtheile gegen das Christenthum hatten Gemahlin und Tochter durch den Glanz ihrer Tugenden längst bei ihm verscheucht; aber daß ihre Religion zu so hohen Opfern begeistern könne, das war ihm neu und ergriff ihn tief, und unwillkürlich mußte sein Blick immer wieder auf die letzten Worte in dem Schreiben zurückkehren: »Was ich dir hienieden als Sünderin nicht zu erflehen vermochte, das hoffe ich dir zu erwirken, wenn ich als Martyrin für dich bete.«


Anmerkungen zum II. Kapitel.

F1: Im alten Rom ist das Gebiet zwischen Colosseum und Lateran der Sitz der haute-volée gewesen; heute liegt es öde und verlassen, und über den im Schutte versunkenen Palästen dehnen sich Gemüsegärten aus. Die Verwüstung datirt aus dem Jahre 1004, wo der Normanenherzog Robert Guiscard die Stadt belagerte und dieses Viertel in Brand steckte. Von da an siedelten die Römer sich in dem unbewohnten Marsfelde an, und ähnlich, wie es bei Jerusalem der Fall ist, steht das heutige Rom mit seinen Palästen und Kirchen, mit seinem Handel und seinen Festen westwärts von der alten Stadt. Erst in neuester Zeit beginnt man wieder, die Höhen des Esquilin und des Cölius bewohnbar zu machen.

F2: Auf Münzen erscheint das Kreuz zuerst auf denen dieses Königs mit der Jahreszahl 296 und 303 unserer Zeitrechnung. Seit dem Jahre 270 aber schon kommen auf den zahlreichen Münzen desselben keine heidnischen Symbole mehr vor. Die frühe Ausbreitung des Christenthums in jener Gegend hängt mit der Wirksamkeit des hl. Clemens von Rom, des ersten Nachfolgers Petri, zusammen, der mit vielen andern Gläubigen in die Marmorbrüche des heutigen Inkermann verbannt wurde. (Vergl. De Rossi, Bullett. 1864, 5 seq.)

F3: Das Verzeichnis; der Stadtpräfekten oder Bürgermeister Rom's nennt uns für das Jahr 312 den Aradius Rufinus. (Vgl. Corsino, Series Praefectorum Urbi, p. 168.)

F4: Ueber Maxentius berichtet Eusebius in seiner Kirchengeschichte ( VIII, 14), er habe sich anfangs den Christen günstig erwiesen und seinen Beamten befohlen, von der Verfolgung derselben abzulassen, auch dem römischen Volke geschmeichelt, um sich gegenüber den früheren Kaisern in ein günstiges Licht zu stellen. Bald jedoch habe er sich zu allen Schandthaten und Verbrechen fortreißen lassen. Den Männern habe er ihre Frauen genommen und sie, mit Schimpf und Schande bedeckt, ihren Gatten zurückgegeben; wegen einer höchst geringfügigen Ursache habe er seine Prätorianer auf das römische Volk einhauen und eine unzählige Menge römischer Bürger niedermetzeln lassen; eine große Zahl von Senatoren sei von ihm auf Grund erdichteter Verbrechen hingerichtet worden, um ihr Vermögen confisciren zu können. Kurz, es sei unbeschreiblich, wie schwer seine Tyrannei auf dem römischen Volke gelastet habe, zumal auch die Stadt durch eine unerhörte Hungersnoth heimgesucht worden sei.

F5: Das Gleichniß vom Weinstock und den Trauben lag den Christen besonders nahe; wie der Herr sich selbst mit dem Weinstock, uns mit den Reben verglichen, so waren Weinlaubgewinde und Scenen der Traubenlese die beliebteste Dekoration der Katakomben seit der ältesten Zeit. So erscheint der Eingang in das Coemeterium der Domitilla, welches dem ersten Jahrhundert angehört, mit Rebengewinden geschmückt; ein Arcosolium oder Nischengrab desselben Friedenhofes ist ringsum mit den heitern Scenen der Traubenlese geziert. Selbst die Heiden hatten Kenntniß von der Vorliebe der Christen für dieses Gleichniß, so daß in der zweiten Hälfte des dritten Jahrhunderts heidnische Bildhauer aus Speculation Scenen aus der Traubenlese auf die Marmorsärge meißelten, um christliche Käufer zu finden.

F6: Eusebius erzählt (K.-G. VIII, 14) das Ereigniß in folgender Weise: Unter allen christlichen Frauen, welchen Maxentius nachgestellt habe, verdiene unsere höchste Bewunderung eine vornehme Christin, die Gemahlin des Präfekten der Stadt Rom. Als die Diener des Kaisers in ihre Wohnung eingedrungen seien, habe sie sich eine kurze Frist erbeten, um sich zu schmücken. Sobald sie sich allein in ihrem Gemache sah, stieß sie sich ein Schwert in die Brust, und brach sofort todt zusammen.

Den Namen derselben theilt uns Eusebius nicht mit; der Kirchengeschichtschreiber Rufinus aber nennt sie in seiner Uebersetzung des Eusebius (Kap. 17.) Sophronia. Dieser griechische Frauenname kommt beim römischen Adel sonst nicht vor, und ist auch auf den Inschriften der Katakomben sehr selten.

Obwohl der hl. Augustin ( de Civitate Dei, Lib. I.) darthut, daß Niemand sich selbst das Leben nehmen dürfe, auch nicht zur Bewahrung der Keuschheit, so erkennt er doch ( cap. 26) an, wenn Gott es befehle und seinen Befehl ohne allen Zweifel zur Erkenntniß bringe, so sei dieser Gehorsam kein Verbrechen. Er erwähnt dann die hl. Frauen der Verfolgungszeit, die, um den Nachstellungen zu entgehen, sich in den Fluß gestürzt hätten, und deren Martyrium die katholische Kirche mit großer Verehrung feiere ( earumque martyria in Ecclesia catholica veneratione celeberrima frequentantur). – Wenn die römische Kirche das Fest der Sophronia nicht feiert und sie nicht als Heilige verehrt, so begeht sie ebenso wenig das der Domnina und ihrer beiden Töchter, die sich aus gleicher Ursache in Antiochien selbst den Tod gaben, während dieselben bei den Griechen, bei denen ihr Fest auf den 4. October fällt, hoch verehrt werden. (Vgl. Ruinart. Acta Mart, sincera III. 110 und 206.)

F7: Die Leichen wurden von den Gläubigen in Leinentücher ( lintea) gehüllt und mit Spezereien ( unguenta) gesalbt, häufig auch mit kostbaren und golddurchwirkten Gewändern bekleidet. In den Martyrakten ist wiederholt die Rede von pretiosis linteis, splendidis vestibus, aureis indumentis, in welchen die Blutzeugen bestattet wurden, und seit Bosio sind bis auf unsere Tage in zahlreichen Gräbern Ueberreste von Goldstoffen gefunden worden, in welchen die Todten beigesetzt waren. (Vgl. z. B. De Rossi, Roma sotterranea II, 125; Bullettino 1874, 96.) Nach Tertullian's Ausspruch verwendeten die Christen für ihre Todten mehr Spezereien und Wohlgerüche, als die Heiden zu Ehren ihrer Götter. Zwei einbalsamirte und trefflich erhaltene Leichen fand De Rossi in den Katakomben des hl. Callistus in Sarkophagen des vierten Jahrhunderts; beim Oeffnen der Särge hatten die Spezereien noch von ihrem Dufte bewahrt. – Die Heiden hielten Berührung der Todten für befleckend, und man mußte sich nach einem Begräbnisse durch Lustration reinigen; die Christen kleideten sich in Festgewänder, um die Todten auf ihren Schultern zu bestatten; bei ihnen kommt nichts von Lustration vor.

F8: Die Sorge für das Begräbniß galt als eine der wichtigsten und theuersten Pflichten der christlichen Nächstenliebe, zumal bei Leichen von Martyrern. Ueber das Sammeln des Blutes und jeder Reliquie derselben durch die Christen gibt uns Prudentius ( Peristeph. XI, 141 seq.) eine anschauliche Schilderung, wie die Gläubigen sich hinzudrängen, »um mit Tüchlein den mit Blut benetzten Sand zu trocknen, damit ja nichts von dem Thau auf dem durchfeuchteten Boden zurückbleibe, und wie sie in gleicher Sorgfalt mit Schwämmen das Blut von den Marterwerkzeugen abwischen, Palliolis etiam bibulae siccantur, arenae, Ne quis in infecto pulvere ros maneat; Si quis et in sudibus recalenti adspergine sanguis Insidet, hunc omnem spongia pressa rapit.« Gaudentius von Brescia, der Zeitgenosse des hl. Ambrosius, zählt unter den Schätzen seiner Kirche sanguinem gypso collectum, etwas von dem in Gyps aufgesogenen Blute der Martyrer Gervasius, Protasius und Nazarius auf. ( Sermo in dedic. ss. XL Mart.)


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