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Zweiter Theil.

Der Triumphbogen des Constantin.

Elftes Kapitel.
Tags vor der Schlacht.

Rufus hatte, dem ihm von Maxentius ertheilten Befehle gemäß, das Vordringen Constantin's auf Rom möglichst aufzuhalten gesucht, um für den Anmarsch der Legionen aus dem Süden Zeit zu gewinnen. Nochmals eine offene Feldschlacht zu liefern, getraute er sich bei der Entmuthigung seiner Truppen nicht, und nach schwacher Vertheidigung der Apenninenpässe mußte er auch Florenz dem Gegner ohne Schwertstreich preisgeben, um sich, hart auf dem Fuße von den feindlichen Legionen verfolgt, auf der flaminischen Heerstraße nach Rom zurück zu ziehen.

Constantin gönnte seinen Soldaten kaum die nothwendigste Ruhe; aber diese selber schienen, je näher sie dem Ziele ihrer Hoffnungen kamen, mit fast übermenschlicher Kraft und Ausdauer erfüllt zu werden. Ihr freudiger Muth wurde nicht wenig gehoben durch die Begeisterung, mit welcher die Bevölkerung in Stadt und Land, je näher sie der Hauptstadt kamen, den Constantin als ihren Befreier von dem Joche des Tyrannen begrüßte. Hatte ja Maxentius noch in den letzten Tagen Alles, was waffenfähig war, und ebenso die Vorräthe an Vieh und Getreide, mit schonungsloser Gewalt nach Rom gezogen.

So gelang es dem Constantin, in unermüdlichem Vordringen zwei Tage vor dem Feste seines Gegners mit der Vorhut seines Heeres die Villa ad gallinas zu erreichen, welche nur mehr acht Miglien vom Stadtthor entfernt lag. [R1] Hier beschloß er sein Quartier aufzuschlagen, am folgenden Tage die Ankunft sämmtlicher Truppen abzuwarten und dann am nächsten Morgen, den 28. Oktober, dem Jahrestage der Thronbesteigung des Maxentius, die Entscheidungsschlacht zu schlagen.

Die Villa ad gallinas hatte einst der Livia, der Gemahlin des Kaisers Augustus, gehört, und sie trug ihren Namen von der Sage, nach welcher ein weißes Huhn, das von einem Adler davongetragen wurde, in den Schooß der Kaiserin einen Lorbeerzweig hatte fallen lassen.

Gordianus, der heidnische Opferpriester, unterließ es nicht, Constantin auf diese gute Vorbedeutung für den nahen Sieg aufmerksam zu machen.

Candidus, welcher mit dem Kaiser in der Villa eingetroffen war, brannte vor Sehnsucht, seine geliebte Mutter zu umarmen, und hatte gleich nach der Ankunft einen Bauern aus der Umgegend mit einigen flüchtigen Zeilen zur Stadt geschickt, Irene seinen Gruß zu bringen und ihr die nahe Stunde des Wiedersehens anzukündigen. Der Sicherheit wegen hatte er dem Boten befohlen, sich auf Umwegen nach dem Vatikan zu begeben und die »Memorie des Anenclet« – die damalige Peterskirche [R2] – aufzusuchen. Dort werde man seinen Brief zur Weiterbeförderung in Empfang nehmen und ihm auch mittheilen, wie es seiner Mutter, der Matrone Irene, der Witwe des Castulus, gehe. Spät am Abend war der Bote mit der Antwort zurückgekehrt, daß seine Mutter sich wohl befinde und daß sein Schreiben ihr umgehend eingehändigt werden solle; die Kunde von ihrer Gefangennehmung war zu jener Stunde noch nicht nach dem Vatikan gelangt. So sparte der Himmel dem edlen Jüngling gnädig die Qual banger Besorgniß; sein Kindesherz freute sich an der Freude seiner Mutter, wenn sie seinen Brief empfange, und der Schimmer süßesten Glückes leuchtete auf seinem Gesichte, wenn er des Augenblicks gedachte, wo er sie in seine Arme schließen sollte.

Hätte er geahnt, wo sie jetzt war, was seine Mutter jetzt litt!

So saß denn Candidus glücklich in einem Gemache der Villa, das ihm für die Nacht angewiesen worden, und ließ durch das offene Fenster seine Blicke träumend auf dem vom milden Sternenlicht beleuchteten Tiberthale und den fernen Sabinerbergen ruhen, und Erinnerung und Hoffnung, diese beiden lieblichen Schwestern, umgaukelten in heiterem Reigen die Phantasie des Jünglings.

Da klopfte es an seine Thüre, und der Tribun Artemius trat mit dem Senator Anicius Paulinus ein.

Seit dem Tage, wo das himmlische Zeichen mit dem Namenszuge Christi über der Sonne erschienen war, hatten beide Männer sich zum Christenthume hingezogen gefühlt; durch die wunderbaren Erfolge, welche die himmlische Verheißung so auffallend bestätigten, waren sie hierin mit jedem Tage mehr bestärkt worden; wiederholt hatten sie, erst einzeln, dann zusammen, mit Candidus über die Lehren des Christenthums gesprochen, und je näher sie dieselben kennen lernten, um so mehr schwanden die Wolken der Vorurtheile vor dem Sonnenlichte der ihnen aufgehenden Wahrheit. So war denn zwischen den drei Männern ein auf der edelsten Grundlage sich aufbauendes freundschaftliches Verhältniß entstanden; ohne Absprache fanden heute der Senator und der Tribun sich auf dem Wege zum Zimmer des Candidus zusammen, beide von dem Drange geführt, angesichts des entscheidungsvollen Tages ihrem Freunde die Erklärung abzugeben, daß der Sieg des Kaisers auch der Sieg Christi über sie sein solle.

»Mit unsäglichem Verlangen,« setzte Paulinus seufzend hinzu, »zieht es mich nach Rom, und doch zittere ich bei dem Gedanken an das Schicksal meiner Kinder. Gestern Abend gleich nach unserer Ankunft habe ich einen treuen Diener in die Stadt geschickt, Erkundigungen über sie einzuziehen; bis auf diesen Augenblick ist er noch nicht zurückgekehrt. Alle Tage flehe ich mit wachsender Inbrunst zu Gott, daß er mich meine Kinder wohlbehalten wieder finden lasse; ich habe ihm gelobt, daß sie mit mir Christen werden sollen, und ich will Alles thun, daß sie mit ganzem Herzen und ganzer Seele Christen werden.«

»Vertraue auf Gott, du wirst sie wieder erhalten!« entgegnete Candidus mit lebhafter Wärme. »Unser Gott ist nicht, wie die Götzen von Stein und Erz, die Ohren haben und nicht hören, deren Kniee der Trauernde und Bekümmerte vergebens umarmt.«

Der Jüngling hatte seit Wochen, je mehr er den edeln Charakter der beiden Männer kennen gelernt, um so inbrünstiger für ihre Bekehrung gebetet; ihre heutige Erklärung erfüllte ihn mit höchster Freude, und sein frommes Herz sah in der schweren Prüfung, welche den Senator Anicius getroffen, nur das offenbare Walten der Vorsehung, die ihn nebst seinen Kindern durch diese Nacht zum Lichte der Wahrheit hatte führen wollen. Er würde sich noch herzlicher gefreut haben, wenn ihm ein Blick in die Zukunft vergönnt gewesen wäre. Denn Artemius, der unter Constantin's Söhnen zu den höchsten Würden emporstieg [R3], sollte unter dem Apostaten Julian die Kirche durch glorreiches Martyrium verherrlichen; der Familie der Anicier aber gehörte nicht nur der erste christliche Consul im römischen Reiche an, sondern sie hat auch, mehr denn irgend eine andere der alten christlichen Familien, in der Folge der Kirche eine strahlende Schaar großer und heiliger Kinder geschenkt. [R4]

Von der Villa ad gallinas konnte man in der Ferne die Wachtfeuer des feindlichen Heeres den Fluß entlang und auf den zur Stadt sich hinziehenden Hügeln brennen sehen; in der Stille der Nacht hörte man sogar von Zeit zu Zeit den Lärm, mit welchem die Soldaten des Maxentius bei wüstem Trinkgelage sich auf die nahe Entscheidungsschlacht vorbereiteten.

Nach jener Gegend hin den Blick gerichtet, saß in einem dunkeln, abgelegenen Erker der Villa, in düsteres Sinnen versunken, Gordianus, der Priester des Mithras. Mit jedem neuen Siege Constantin's hatte bei den Soldaten die Ueberzeugung an Boden gewonnen, daß der Christengott ihr Führer sei; der Kaiser schien nur auf die Eroberung Rom's zu warten, um sich offen für den Gekreuzigten zu erklären, und selbst Männer wie Artemius hatten sich von den Göttern abgewendet. Gordian's Hoffnungen auf Rufus waren schmählich gescheitert, und zu seinem größten Aerger ergab jede Opferschau günstige Zeichen für Constantin.

»Ich werde es noch erleben müssen,« knirschte der Oberpriester, »daß die Altäre, die Tempel verödet stehen und der Nazarener seinen Fuß auf die gestürzten Statuen der unsterblichen Götter setzt! Oder steht der allgemeine Weltbrand, den die Sibyllen vorausgesagt haben, vor der Thüre, um nach dem ewigen Beschluß des Fatum's Erde und Himmel, Christus und die Götter in seinen Riesenflammen zu verzehren?«

»Furchtbare Nothwendigkeit,« fuhr er nach einer Pause fort, ballte die Faust, und stieß in wüthendem Grimme seinen Stab auf den Boden, – »furchtbare Nothwendigkeit, dem Constantin huldigen und schmeicheln und Sieg auf Sieg verheißen zu müssen! Ha! daß ich, ich der Prophet sein muß, der den Triumph des Gekreuzigten über meine Götter verkündigt!«

Erst der Morgen, der seine Strahlen über die ferne Landschaft und die Fluthen der Tiber leuchten ließ, trieb Gordianus von seinem einsamen Erker fort, wie der Uhu entflieht, wenn der Tag anbricht. –

Am nächsten Morgen sprach man in ganz Rom über nichts Anderes, als über die Ankunft Constantin's vor den Thoren der Hauptstadt. Vor fünfhundert Jahren hatte das Wort: » Hannibal ante portas, Hannibal steht vor unseren Thoren«, die ganze Bevölkerung mit Schrecken und Entsetzen erfüllt; heute begrüßten die Römer die ähnliche Kunde mit stiller Freude, mit Wünschen und Gebeten für den Sieg Constantin's, und mit zuversichtlicher Hoffnung auf bessere Zeiten nach dem Sturze des Tyrannen.

Heraclius hatte bei dem ungünstigen Verlaufe des Krieges die Folgen desselben für sich immer ernstlicher in Erwägung gezogen; von Niemand war mit größerer Aufmerksamkeit der Zug des feindlichen Heeres täglich näher auf die Stadt zu verfolgt worden; der Gedanke an seine Zukunft hatte in den letzten Nächten jeden Schlaf von seinen Augen verscheucht. Gewiß, in Rom gab es keinen von schweren und finstern Sorgen mehr gequälten Menschen, als den allmächtigen, von so Vielen beneideten Präfekten der kaiserlichen Kanzlei. Allerdings wußte er, daß Rufus für den Fall einer Niederlage seine Vorkehrungen getroffen, den Kaiser nach dem Süden zu retten und seinen frühern Kriegsplan, wenn auch unter erschwerten Umständen, in Ausführung zu bringen; allein Heraclius mochte gar nicht daran denken, sich den Schwierigkeiten einer solchen Flucht mit all' ihren Wechselfällen auszusetzen. Und wie, wenn Rufus fiel, wenn Maxentius erschlagen wurde? – »Der Ast, auf dem ich bisher gesessen,« sagte er sich, »beginnt morsch zu werden; ich muß daher bei Zeiten einen andern fassen, auf den ich mich schwingen kann, wenn der Sturm jenen abbricht.« Allein wer anders als Constantin konnte dieser Ast sein, und doch hatte er selbst Alles gethan, ihn für sich unerreichbar zu machen.

Um zu seinem jetzigen Amte zu gelangen, war dem Heraclius jedes Mittel recht gewesen; um sich in demselben zu halten, hatte er der Grausamkeit und Habgier des Tyrannen gedient; an seinem eigenen Reichthum klebte das Blut unschuldig Verurtheilter. Der gestürzte Stadtpräfekt Rufinus war der ehemalige Waffengefährte Constantin's: Heraclius dachte mit Schrecken an die Möglichkeit, daß Constantin von den ihm untergeschobenen und gefälschten Briefen Kunde erhielte. Und wie mußte derselbe, bei seiner Zuneigung zum Christenthum, den Abfall des Heraclius von der Kirche, sein Auftreten gegen die beiden Päpste Marcellus und Eusebius beurtheilen?

Das Gewissen, das so lange geschlafen, begann zu erwachen; es war das Erwachen einer Schlange, die ihm mit der Angst des Todes die Brust umschnürte.

Es gab für Heraclius keine andere Retterin, als einzig die Kirche, sie, deren Mutterherz er so tief verwundet hatte. Mit ihr ausgesöhnt, von ihr wieder als Sohn in die Gemeinschaft der Gläubigen aufgenommen, durfte er hoffen, Constantin's Gunst erwerben zu können. Aber ließ sich denn ein Weg finden, sich mit Umgehung der strengen und langjährigen Buße vom Banne zu lösen? Heraclius glaubte ihn in jenem Projekte gefunden zu haben, das er bereits dem Maxentius vorgelegt. Wie Kaiser Gordianus nach der blutigen Verfolgung des Valerianus den Christen ihre Kirchen und Coemeterien zurückgegeben, so mußte er den Maxentius zur Unterschrift eines ähnlichen Gnadenaktes bewegen.

Als die Stunde des Morgenempfanges gekommen war, begab sich Heraclius zu dem Tyrannen und begrüßte ihn mit den Worten:

»Also Constantin hat auf der Villa ad gallinas sein Quartier genommen! Welch günstige Vorbedeutung: ad gallinas!«

»Beim Herkules!« rief Maxentius lachend, »an dieses omen hatte ich nicht gedacht. Ha, ad gallinas! Wie wird der Habicht unter die feigen Hühner fahren und sie zerzausen, daß die Federn umherfliegen sollen! Morgen muß Rufus den Feind vernichten: das wird die schönste Verherrlichung meines Festes sein! Schade, daß ich nicht an zwei Orten zugleich sein kann!«

»Ich kam gerade deßhalb,« entgegnete Heraclius, »um als Chef der Kanzlei die Befehle entgegen zu nehmen, wie ich durch Kuriere regelmäßige Nachrichten vom Schlachtfelde nach dem Circus gelangen lasse. Wenn du mir nämlich eine Anzahl der besten Renner aus den kaiserlichen Marställen überweisen willst, so werde ich von Viertelstunde zu Viertelstunde einen Reiter aufstellen; jeder übermittelt seine Nachricht dem nächsten, und du wirst an der appischen Straße gewissermaßen auf dem Schlachtfelde sein.«

»Bei der Keule des Hercules! das gefällt mir; Rufus kann mir so den Kopf des Constantin noch warm in den Circus schicken.«

»Es kommt hierbei Alles darauf an, daß die Uebermittelung der Nachrichten pünktlich und genau geschehe, und die Verantwortlichkeit dafür wage nur ich selbst zu übernehmen. Auch muß sofort nach der Schlacht ein Eilbote die Siegesnachricht nach Neapel und von da nach Afrika bringen.«

»Und andere Boten nach Gallien, Britannien und Spanien, daß ich dort sogleich zum Kaiser ausgerufen werde.«

»Ich lasse schon heute die Siegesberichte anfertigen.«

»Sehr gut! Aus die Spiele im Circus wirst du allerdings verzichten müssen. Nun, ich werde dir Gallien als Provinz geben; da kannst du dich schadlos machen.«

»Freilich habe ich mich seit Monaten auf das Fest gefreut; allein ein treuer Diener muß für seinen Herrn Genüssen und Erholungen zu entsagen wissen.«

Damit hatte Heraclius erreicht, daß er über den Gang der Schlacht in jedem Augenblicke die zuverläßigsten Nachrichten haben und daheim den Ausgang des Kampfes abwarten konnte, falls Constantin, wie er mit allem Grund vermuthete, den Jahrestag der Thronbesteigung für die Entscheidung der Waffen erkoren hätte. – Nunmehr legte er dem Kaiser das Edikt zur Unterschrift vor, welches den Christen ihre Cömeterien und Kirchen zurückgab, indem er seine Zusage wiederholte, wenn nicht an dem bevorstehenden Gedächtnißtage der Cacilia, so sicherlich vor Ende des Jahres, und zwar an den Festen, an welchen die Christen die Geburt ihres Gottes feierten, sie alle in der Falle zu haben.

»So glaubst du also gewiß, daß die Ratten auf diesen Speck anbeißen?« fragte Maxentius.

»Die Wegnahme ihrer Begräbnisse und Kirchen,« antwortete Heraclius, »ist ihnen schmerzlicher, als die blutigste Marter gewesen; du wirst sehen, mit welchem Heißhunger sie auf diesen Köder in die Falle laufen.«

Maxentius unterschrieb [R5], und Heraclius verließ höchst befriedigt, das Edikt wie ein Kleinod in seinem Gewände verbergend, seinen kaiserlichen Gebieter, – um den Bischof Milziades aufzusuchen.

Er rechnete fest darauf, um das Angebot des kaiserlichen Ediktes seine sofortige und bedingungslose Wiederaufnahme in die kirchliche Gemeinschaft vom Papste erkaufen zu können. Damit war dann einer der schwersten Steine, die ihm zur Erreichung der Gunst und Gnade Constantin's im Wege lagen, beseitigt. »Daß ich der Kirche,« sagte Heraclius zu sich selbst, »ihre Cömeterien, Kirchen und frommen Stiftungen wieder verschaffe, ist eine Wohlthat, die tausendmal Alles aufwiegt, was man mir zum Vorwurf machen kann und woran zudem doch nur die übertriebene Härte des Papstes Eusebius Schuld war. Hilft Milziades mir jetzt, mein Schifflein glücklich um die gefährliche Klippe herum zu steuern, so will ich fürwahr die Kirche mehr erbauen durch meinen Eifer, als ich es durch die strengste Buße hätte thun können.«

Fromme Vorsätze, aber taube Schößlinge ohne Fruchtbarkeit, nicht von der Sonnengluth der Gnade, sondern einzig durch die dumpfe Kellerwärme banger Angst hervorgetrieben!

Heraclius hatte durch seine Spione den geheimen Aufenthalt des Bischofs Milziades in einer Hütte der Suburra ausfindig gemacht; bei der Vorsicht aber, mit welcher die Christen die Zufluchtsstätte des Papstes umgeben hatten, kostete es dem Präfekten trotzdem keine geringe Mühe, zu demselben zu gelangen. – Als er nach einer halben Stunde die Hütte verließ, verriethen seine finsteren Züge den Aerger und die Wuth, die in seinem Innern kochten. Wider all' sein Erwarten hatte Milziades sein Angebot abgelehnt und ihm höchstens einen theilweisen Nachlaß der Kirchenstrafen in Aussicht gestellt, zugleich aber mit heiligem Ernste auf die Strafgerichte Gottes hingewiesen, denen noch kein Verfolger der Kirche entgangen sei.

Voll Unmuthes, sich so verrechnet zu haben, und durch die Drohungen des Papstes noch mehr verletzt, schritt Heraclius dem Forum zu, in finsterem Sinnen über ein anderes Mittel brütend, wie er sich dem Constantin empfehlen könne.

»Ich werde,« sprach er zu sich selbst, »die Protokolle des Senats durchblättern und die Aeußerungen der dem Constantin feindlich gesinnten Senatoren zusammenstellen. Vielleicht auch finde ich im Archiv …«

Plötzlich erheiterte sich sein Gesicht:

»Ich hab's gefunden!« rief er; »die Briefe des Priesters Gordianus an Rufus! – Könnte ich mich besser bei Constantin einführen?«

Zu Hause empfing ihn sein Sohn Sabinus mit der überraschenden Frage: »Weißt du, daß Rufinus geflohen oder gestohlen ist?«

»Du scheinst von Weindunst benebelt,« entgegnete ärgerlich Heraclius; »erkläre dich deutlicher!«

»Entweder ist seine ganze Krankheit bloße Verstellung gewesen,« erklärte Sabinus, »und dann ist er entflohen; oder er ist gestorben, und dann haben die Christen seine Leiche gestohlen. Auf jeden Fall ist er diese Nacht fortgekommen. Ich meine, das ist sehr deutlich.«

Die Nachricht berührte den Heraclius höchst unangenehm und gab ihm viel zu denken. Daß die Christen sich die Mühe genommen hätten, die Leiche zu stehlen, schien ihm unwahrscheinlich, da sie dieselbe ja um ein Trinkgeld erhalten konnten, ohne sich einer Gefahr auszusetzen; der Gefangene mußte also entflohen sein. Dann aber hatte Heraclius im Falle eines Thronwechsels Alles von dessen Rache zu fürchten. – Da erinnerte er sich an Valeria. Sie wußte ganz gewiß um die Flucht und wo Rufinus jetzt verborgen war; mit der Tochter aber hatte Heraclius den Vater wieder in seiner Gewalt.

»Gehe sofort,« befahl er seinem Sohne, »und schicke Häscher nach dem Aventin, in die Wohnung der Irene. Und wenn man dort die Dirne nicht findet, so soll man wo immer ihren Aufenthaltsort ausspüren; bis heute Abend muß sie gefangen eingeliefert sein.«

»Ich verheiße Demjenigen,« rief er dem davoneilenden Sohne nach, »der das Mädchen mir bringt, hundert Sesterzien, – zweihundert Sesterzien!«

Die Seele voll bittern Mißmuths schritt Heraclius in seinem Zimmer auf und nieder. Zufällig fiel sein Blick auf das Edikt: in seinem Ingrimm ergriff er es, riß es in Stücke und warf die Fetzen auf den Boden.

Kaum hatte er es gethan, als ihm einfiel, wie treffliche Dienste ihm das Dokument immerhin hätte leisten können, um seine wohlwollende Gesinnung gegen die Christen damit bei Constantin zu beweisen.

Das brachte ihn noch mehr auf.

Nach einer Stunde kam Sabinus mit der Nachricht zurück, Valeria sei seit gestern Morgen nicht heimgekehrt. In der Nacht aber habe ein Unbekannter in der Kleidung der Fuhrleute den Ostiarius geweckt und vorgegeben, eine Botschaft an Irene zu haben; auch habe derselbe ängstlich nach seiner Tochter gefragt, sei jedoch vom Pförtner an der Thüre abgewiesen worden.

Heraclius stampfte bei dieser Nachricht vor Aerger mit dem Fuße auf den Boden: dadurch, daß er Irene als die Mutter des Candidus angezeigt und deren Verhaftung veranlaßt hatte, war jetzt sein ganzer Plan verdorben worden.

»Muß denn Alles mir quer kommen?« rief er wüthend aus.

– » Es wird noch schlimmer kommen!« antwortete ihm eine Stimme in seinem Innern.

Nach der Verkleidung zu schließen, mußte Rufinus mit Hilfe der Fuhrleute entflohen sein; allein was war Anders aus diesen Kerlen herauszubringen, als die einstimmige Erklärung, nichts zu wissen?

Der Thorhüter am Bauplatze wurde in ein scharfes Verhör genommen. Aus den an ihn gestellten Fragen begriff dieser gar bald, daß das Weib ihn hintergangen und den Rufinus entführt hatte; da er Rustica dem Ansehen nach sehr wohl kannte, so wäre es für ihn nicht schwer gewesen, sie im transtiberinischen Gebiete ausfindig zu machen, und dann würde der Stadtpräfekt sicher entdeckt worden sein. Allein der Thorwart hielt es zu seinem eigenen Heile für rathsam, von dem ganzen Zwischenfall zu schweigen und beharrlich zu behaupten: »Jeder Karren hat bei der Einfahrt wie bei der Ausfahrt seinen Fuhrmann gehabt, und ich kann alle Götter und Göttinnen zu Zeugen anrufen, daß auf keinem Karren zwei Männer gesessen haben.«

»Aber,« rief Heraclius aufgebracht, »wie ist denn der Gefangene hinausgekommen?«

»Der Mann war zu einem Schatten abgemagert; er wird an einer Stelle, wo die Palissaden nicht ganz nahe zusammen gefügt waren, hindurchgeschlüpft und so entwischt sein.«

»Nein, nein; das ist unmöglich!«

»Ja, dann weiß ich nur noch eine einzige andere Erklärung, Herr. Die Christen sind arge Zauberer. Ich habe gehört, ihr Meister sei einmal durch ein Schlüsselloch hindurch gekrochen und in Mitten seiner Jünger erschienen. Ein anderes Mal aber, wo er Abends in eine Höhle eingesperrt worden, wurde die Oeffnung durch einen mächtigen Felsblock verschlossen, den kaum zehn Mann von der Stelle gebracht hätten; eine halbe Centurie Soldaten mußte Wache halten, und trotzdem war der Gefangene am nächsten Morgen fort, ohne daß der Stein von der Oeffnung weggewälzt gewesen. Ich habe Einen gesprochen, der es selbst gesehen haben wollte, wie dieser Erzzauberer auf die Zinnen des Tempels zu Jerusalem geschleppt wurde, um ihn von dort hinunterzustürzen. Ruhig ließ er sich hinaufführen, aber oben angekommen war er, in dem Augenblicke, wo man ihn hinabstoßen wollte, plötzlich verschwunden. Wenn die Christen Zaubersprüche haben, durch die sie Berge versetzen können, dann wundert mich nur Dies, daß sie den gefangenen Stadtpräfekten nicht schon viel eher befreit haben.« –

Heraclius war auf's Höchste verstimmt. Auch nicht die geringste Spur wollte sich ihm zeigen, die ihn auf die Fährte des Flüchtlings hätte führen können. Seine Mißstimmung wurde noch größer, als ihm Sabinus, gegen Abend heimkehrend, berichtete, er habe Valeria mit einem Weibe aus dem Volke im transtiberinischen Viertel gesehen.

»Und warum hast du sie denn nicht ergriffen?« rief wüthend der Präfekt.

»Gemach, Tata!« antwortete höhnisch Sabinus. »Als ich sie erkannte, stürzte ich selbstverständlich auf sie zu und faßte sie beim Arme. Allein nun flog jenes Weib wie eine Furie auf mich los und schrie die ganze Nachbarschaft zusammen; von allen Seiten liefen die Männer und die noch schlimmeren Weiber herbei; ich war wie in ein Wespennest von lauter Dämonen gerathen. Die Megären heulten, wie ein Haufe rasender Katzen; die Kerle schlugen und stießen mich, und da du deinem Sohne keinen Krokodilpanzer mit in's Leben gegeben hast, so hätten sie mich todtgeschlagen, wenn mir nicht Jemand zu Hilfe gekommen wäre.«

»Und wer war das?« fragte Heraclius.

»Es war Niemand anders,« antwortete Sabinus, »als Valeria selbst, die mit wenigen Worten die Tiger in Lämmer verwandelte, daß sie von mir abließen. Schmählich beschämt, schlich ich davon. Das war die Rache einer Christin, und beim Jupiter! wenn alle Christen so sind, wie dieses Mädchen, dann begreife ich, wie du nicht …«

Sabinus war doch dem Vater gegenüber noch nicht frech genug, seinen Gedanken ganz auszusprechen; allein sein spöttisch boshaftes Lachen ergänzte seine Worte deutlich genug.

Heraclius warf ihm einen grimmigen Blick zu, biß sich auf die Lippen und schwieg. Es war das erste Mal, daß Sabinus auf den Abfall seines Vaters vom Christenthume anspielte; hätte derselbe ihm den verletzenden Vorwurf in verletzenderer Weise machen können?

Heraclius aber war wehrlos gegen den giftigen Pfeil, mit welchem sein eigener Sohn ihn getroffen hatte, und zu den ernsten Worten des Bischofes gesellte sich nun der Hohn des ungerathenen Jungen.

Es kostete dem Präfekten Mühe, seinen Geist mit Gewalt von diesen Gedanken loszureißen, indem er zu überlegen begann, wie er Valeria im transtiberinischen Gebiete aufspüren lassen könne.

Seine Besorgnisse wegen Rufinus wurden jedoch verscheucht, als ihm später ein Mann vorgeführt wurde, der ihm erklärte, Valeria, die er ganz gut kenne, weil sie in demselben Hause mit ihm wohne, habe auf dem Wege nach dem appischen Thore ihn ersucht, Irene mitzutheilen, sie gehe, ihrem Vater das Grab zu bereiten. Rufinus mußte also doch gestorben sein, und wenn Heraclius allerdings auch nicht alle an ihn gelangten Berichte hiermit zu reimen vermochte, so ließ jene Aeußerung der Tochter doch an der Thatsache, daß der Stadtpräfekt todt sei, keinen Zweifel aufkommen. Damit war ihm eine schwere Sorge vom Herzen gewälzt. –

Am Nachmittage waren die zu dem morgigen Menschenopfer verurtheilten Christen nach dem Circus des Maxentius hinausgeführt worden. Es waren ihrer fünfzig; eine weit größere Zahl war für die Thierkämpfe aufgespart, welche an einem späteren Tage der Fest-Octave statt finden sollten.

Valeria hätte es nicht über das Herz gebracht, Irene sterben zu lassen, ohne ihrer geliebten zweiten Mutter Lebewohl zu sagen, ohne ihr zu danken für alle Güte und zärtliche Fürsorge, mit welcher die Matrone Mutterstelle an ihr vertreten, ohne ihr die freudige Mittheilung zu machen, daß ihr Vater gerettet sei. Und hatte nicht auch Irene der Tochter Aufträge zu geben? Valeria fühlte es, wie unendlich schwer und schmerzlich der Mutter es sein mußte, zu sterben, ohne den heiß ersehnten Sohn zu sehen, der ihr jetzt so nahe war und nach welchem sie doch vergebens ihre Arme ausstreckte. Das Mädchen konnte ihr wenigstens den Trost bieten, ihre letzten Grüße, ihren mütterlichen Segen für ihn entgegen zu nehmen. Durch die Sorge um den Vater brauchte Valeria sich nicht zurückhalten zu lassen.

Rufinus war, wunderbar gestärkt, am Morgen erwacht. Wie hatte er sich voll Staunen umgeschaut in der Hütte des Mincius und sich erst nach und nach an Alles erinnert, was in der verflossenen Nacht vor sich gegangen! Wie glücklich war er, seine Tochter wieder zu haben; wie glücklich sie, den Vater gerettet zu sehen! Durch Mincius noch vor Tagesanbruch von der Befreiung des Stadtpräfekten in Kenntniß gesetzt, hatte der Bischof Milziades sofort einen Diakon geschickt, um Alles, was zur Pflege des Kranken nöthig sei, anzuordnen. Der Arzt, der mit ihm gekommen, konnte einen jener merkwürdigen Fälle constatiren, wo eine plötzliche freudige Gemüthserschütterung mit einem Schlage die Krankheit bricht und selbst die zurückgebliebene Schwäche in wunderbar kurzer Frist hinwegnimmt. So durfte Valeria am Nachmittage unbesorgt den Kranken der Obhut des Mincius überlassen, um mit Rustica zum Circus zu eilen. Beide hatten eben die Wohnung verlassen, als ihnen, wie oben erzählt, Sabinus begegnet war.

Nach römischer Sitte wurde den zum Tode Verurtheilten am Vorabende der Hinrichtung nicht nur eine gewisse Freiheit vergönnt, ihre Angehörigen zu sehen, sondern es wurde ihnen auch ein reichliches Mahl, die sogenannte coena libera bereitet, bei welcher das Volk zuschaute. Die christlichen Blutzeugen verwandelten dasselbe, soviel sie konnten, in jenes heil. Liebesmahl, das für sie Unterpfand wie Vorfeier des himmlischen Hochzeitsmahles war, zu dem sie, mit dem Kranze des Martyrium's geschmückt, nun bald ihren Einzug halten sollten. [R6]

Da im Circus noch allenthalben gearbeitet wurde, so hatte man die Gefangenen in dem für ihre Hinrichtung bestimmten Raum eingesperrt; dort lagerten sie in langer Reihe an der Erde, um das letzte Mahl, bestehend in Brod, Wein, Käse und Früchten, zu halten. Eine Anzahl Neugieriger, zumal Landleute aus dem benachbarten Dorfe, drängte sich am Eingange und schaute der Mahlzeit zu; Soldaten mit gezückten Schwertern hielten ringsum die Wache.

Eine heitere Ruhe in ihren Zügen saßen die Bekenner da und genossen die ihnen dargereichten Speisen unter heiligen Gesprächen; die Heiden standen voll Verwunderung, wie diese Menschen angesichts des Todes so gleichmüthig und heiter zu sein vermochten.

Eine gewisse Unruhe machte sich unter den Bekennern gegen Ende des Mahles bemerkbar; mehr und mehr richteten sich die Blicke nach dem Eingange; die Verurtheilten erwarteten offenbar Jemand, dessen Ausbleiben sie mit wachsender Besorgniß erfüllte.

Endlich erschien der Ersehnte, und mit zufriedenem Lächeln flüsterte es Einer dem Andern zu: »Er ist gekommen; da ist er!« Aller Augen hefteten sich, leuchtend vor Freude, auf den Erzdiacon, der, von zwei Knaben begleitet, am Eingange erschien, nachdem er sich mühsam durch die neugierigen Zuschauer einen Weg gebahnt hatte.

Unter dem Mantel verborgen trug er den Leib des Herrn, die himmlische Wegzehrung. [R7]

Der Oberaufseher der Gefangenen, am Morgen durch ein reichliches Handgeld gewonnen, gestattete dem Diakon, in den für die Gefangenen abgesperrten Raum zu treten, und diese empfingen ihn unter Zeichen tiefster Verehrung und Huldigung.

Die beiden Knaben knieten vor ihn nieder und hielten dann auf ihren mit Leinentüchern bedeckten Händen eine silberne Schüssel empor. Der Diakon nahm das heil. Brod aus der reich in Gold gestickten Hülle, in welcher er es getragen hatte, und zerbrach es über der Schüssel nach der Zahl der Gefangenen. [R8]

Nachdem diese einander umarmt und sich den Kuß des Friedens gegeben, traten sie nach der Reihe hinzu, knieten nieder und hoben die Hände, die Rechte im Kreuze über die Linke gelegt, empor.

» Viaticum Domini, die Wegzehrung des Herrn,« sprach der Diakon. »Amen,« antwortete der Andere, empfing dann auf die offene Hand die heil. Communion und genoß, das Haupt in Ehrfurcht gebeugt, das göttliche Geheimniß.

Nach dem Empfange kehrte Jeder auf seinen Platz zurück, in stiller Anbetung seines Herrn und Gottes, sich selbst opfernd Dem, der sich für uns hingegeben, und im inbrünstigsten Flehen um das Eine bittend, auszuharren in der Liebe und Treue bis zum letzten Athemzuge.

Nach dem Mahle, das so in feierlicher Weise mit dem Empfange der hl. Communion abgeschlossen worden, wurden den Gefangenen noch einige Augenblicke bewilligt, sich mit ihren Angehörigen zu unterreden und von ihnen Abschied zu nehmen, und so durften die draußen Harrenden in den abgesperrten Raum eintreten.

Irene empfing Valeria und ihre Begleiterin mit jener stillen und heiligen Ruhe des Gemüthes, die schon ein Wiederschein des himmlischen Friedens ist, während das Mädchen, von tiefem Schmerze ergriffen, schluchzend sein Haupt an der Brust der Mutter barg. Valeria mußte ihr alle Umstände der Flucht ihres Vaters erzählen: als sie geendet hatte, sprach Irene:

»Der Himmel hat dich nicht als Waise lassen wollen; indem er dir die Freundin nahm, gab er dir den Vater wieder.«

Sie wollte noch weiter reden; allein der Gedanke an Candidus, der für den Verlust der Mutter, ach! keinen Ersatz finden sollte, erstickte ihre Stimme.

Ein inbrünstiger Blick nach oben gab ihr die Ruhe und Fassung wieder.

»Nimm diese Kapsel,« fuhr Irene fort und zog dabei aus ihrem Busen eine goldene Bulla hervor, »und übergib sie meinem Sohne. Sie enthält einen mit dem Blute seines Vaters getränkten Schwamm; es ist das Einzige, was ich nebst meinem mütterlichen Segen ihm hinterlasse. Sage ihm, daß mein letzter Seufzer ein Gebet für ihn war; sage ihm, daß ich vom Himmel her unablässig über ihn wache, daß ich in jeder Stunde der Gefahr unsichtbar an seiner Seite stehen werde. Nein, die Mutterliebe stirbt nicht; sie wird im Himmel nur noch reiner und verklärter, und auf die kurze Trennung folgt eine ewige Vereinigung. – Und auch über dich und deinen Vater will ich wachen und für euch beten, mein Kind; ich habe es schon diese Nacht gethan, ich werde es in meiner Todesstunde und dann immerfort am Throne Gottes thun. Zwischen gestern und heute war unser Wiedersehen ein schmerzliches; aber ist die Spanne Zeit bis zum seligen Wiedersehen droben nicht auch nur ein Von heut' auf morgen?«

Unterdessen war die Sonne untergegangen und die den Gefangenen gewährte Zeit der Unterredung verstrichen; die Wächter kamen, die Besucher hinauszuweisen. Valeria und Rustica, welche unter steten Thränen Irene's Worte angehört hatten, knieten vor ihr nieder, daß sie ihnen den Segen gebe; Irene zeichnete unter stillem Gebete mit dem Zeigefinger das Kreuz auf ihre Stirnen und gab ihnen den Kuß des Friedens.

»Edle Frau,« sprach Rustica, den Säugling auf ihrem Arm ihr hinhaltend, »segne auch mein Kind, und gedenke seiner im Himmel, daß es fromm und tugendhaft werde. Wir sind arm und können ihm Nichts in's Leben mitgeben; aber wenn ich ihm sagen kann, daß eine Martyrin ihm vor ihrem Tode den mütterlichen Segen gespendet, dann besitzt es darin mehr, als alle Reichthümer werth sind.«

Irene legte ihre Hand auf den Kopf des Kleinen und machte auch ihm das hl. Zeichen auf die Stirne. Dann trennten die Wächter unbarmherzig die Frauen.

»Auf ein seliges Wiedersehen!« riefen die Gefangenen.

»Gedenket unser in eueren Gebeten!« antworteten die mit dem Erzdiakon von den Bekennern scheidenden Gläubigen. [R9]

Während die Christen im Circus an der appischen Straße ihr Liebesmahl hielten und vor dem Tode das heil. Unterpfand des Lebens genossen, versammelte Maxentius zur Vorfeier seines Festes den Adel Rom's und die obersten Befehlshaber seines Heeres in der prachtvollsten Halle des Kaiserpalastes zu einem großen nächtlichen Gelage.

Es sollte auch seine coena libera, seine Todesmahlzeit sein.

Auf goldenen Kandelabern loderten die Flammen, welche die Hallen tageshell erleuchteten und die Marmorstatuen gleichsam belebten; plätschernde Springbrunnen warfen ihre Wasser in die Höhe und spiegelten sie tausendfach in Regenbogenfarben im Glanze der Flammen; der herrlichste Blumenflor strömte seine Düfte aus; an den Pilastern und den blanken Marmorwänden waren Kriegstrophäen angebracht.

Die Menge der Gäste war an mehreren Tafeln auf verschiedenen Estraden vertheilt; an der Haupttafel ruhte die junge Gemahlin eines Senators an der Seite des Maxentius; denn die Kaiserin hatte auf seinen Befehl sich wegen Unwohlseins entschuldigen müssen. Ihnen gegenüber hatte der Feldherr Rufus seinen Platz; der neu ernannte Stadtpräfekt, gewesene Consuln und andere der angesehensten Senatoren waren auf den übrigen Polstern an der Kaisertafel vertheilt. Rufus war wider Willen der Einladung gefolgt; die Nähe des Feindes machte seine Anwesenheit im Lager nothwendig, und Maxentius hatte ihm bewilligen müssen, vor Mitternacht mit den Befehlshabern Zum Heere zurückzukehren.

Sklaven und Sklavinnen trugen geschäftig auf mächtigen Schüsseln die künstlich aufgethürmten Speisen auf; andere füllten aus den Amphoren oder Henkelkrügen den kostbarsten Rebensaft in goldene Schaalen und in noch werthvollere Glasbecher von wunderbarer Arbeit. [R10] Leichtgeschürzte Tänzerinnen gaben zum Ergötzen der Gäste beim Klange der Pfeifen und Castagnetten ihre lüsternen Tänze.

Schon waren die Köpfe vom Wein erhitzt, Pokal auf Pokal auf den Sieg der kaiserlichen Waffen getrunken; immer wüster und ausgelassener wurde die bachantische Lust. Selbst Rufus vergaß, vom Weine berauscht, der bevorstehenden Entscheidungsschlacht.

Unbemerkt von den Wachen, die jetzt wohl auch bei dem großen Gelage nicht leer hatten ausgehen wollen, war ein altes Mütterchen auf seinen Krücken bis zu der breiten Freitreppe vorgedrungen, welche zu der Estrade der Kaisertafel emporführte. Erschöpft war es auf der untersten Stufe niedergesunken, und während oben der Wein schäumte und das wilde Jauchzen der Gesellschaft sich in die Musik der Flöten und Cimbeln mischte, nahm die Greisin aus einem Korbe die blutige Leiche eines Kindes und drückte sie unter dem Stöhnen und Wimmern tiefsten Schmerzes an ihre Brust.

»Deine Mutter ist todt, mein Schätzchen,« lispelte die Alte, »und dein Vater hat sich in die Tiber gestürzt; aber deine Großmutter wird dich schützen, daß der Kaiser dir nichts thut. Schlaf' nur zu, mein süßes Püppchen! – – Sie gaben vor, dir das Horoscop stellen zu wollen, und darum hat die Mutter dich ihnen übergeben. Allein sie haben … o, sie haben dich … Wie bist du so kalt! – Hu, der Kaiser hat dich ja geschlachtet, und jetzt essen sie da droben dein Herz und trinken dein Blut.«

Und nun erhob sich die Unglückliche unter Wimmern und Weheklagen, und alle Kräfte zusammenraffend, stieg sie am Geländer die Stufen empor, bis sie plötzlich aus dem Dunkel in das helle Licht hinaustrat und wie ein aus der Tiefe auftauchendes Gespenst vor dem Kaiser stand.

Wohl stürzten sich alsbald die Sklaven auf sie und trieben sie die Treppe hinunter; allein Maxentius hatte sie doch gesehen, mit der blutigen Kindesleiche auf dem Arme, mit dem wahnsinnigen Blick aus den tiefen Augenhöhlen, und darüber war ihm der Becher von den Lippen gesunken und sein Gesicht erdfahl geworden. Denn das konnte kein menschliches Wesen sein; das war eine Furie des Abgrundes, die ihm sein unnatürliches Verbrechen vorhielt und ihm die nahende Rache ankündigte.

Vergebens bemühte sich der Kaiser, seine Aufregung zu verbergen. Er griff nach dem Becher; aber seine Hand zitterte und vermochte die Schaale nicht an die Lippen zu bringen. Die Musik und der Lärm klangen ihm mit Einem Male wie Heulen und Lachen von Dämonen. Finster, aus weit geöffneten Augen hinausstierend, saß er da. Mit scheuen Blicken beobachteten ihn die nächsten Gäste; das plötzliche Verstummen der Lust um ihn her wurde um so peinlicher durch den ausgelassenen Jubel an den oberen Tischen.

Plötzlich sprang Maxentius auf, faßte den Glasbecher, schleuderte ihn auf den Mosaikboden, daß er klirrend in tausend Scherben zerbrach, und brüllte:

»Ruhe will ich haben! Fort mit diesem Kreischen und Heulen! Wo sind meine Prätorianer, daß sie all' das Gesindel dort oben niedermetzeln?«

Entsetzt flogen die Gäste an der Kaisertafel auseinander; mit Einem Schlage verstummte der fröhliche Lärm; in wenigen Augenblicken standen die Hallen leer, und grausige Todtenstille folgte der wüsten Lust.

Maxentius war auf seinen Polster zurückgesunken; Rufus, der allein gewagt hatte, zurück zu bleiben, betrachtete ihn mit ernstem Sinnen. Mit dem Rücken nach der Treppe sitzend, hatte er die Alte nicht bemerkt, und so wußte er sich anfangs die plötzliche Veränderung des Kaisers nicht zu erklären.

Die öde, unheimliche Stille ringsumher schreckte endlich den Maxentius auf, und er befahl dem Rufus, ihn zu seinem Schlafgemach zu geleiten.

Der Wechsel der Luft wirkte beruhigend auf den Geist des Kaisers: mit der Ruhe kehrte sein Trotz zurück.

»Opfere ich doch,« sprach er, »Tausende von Kriegern, um meinen Thron zu vertheidigen; was ist an einer solchen Kröte gelegen, wenn ich mir die Gewißheit verschaffen will, daß ich siege? Sind die Schicksalsgeister lüstern nach Kinderblut, so lasse ich, beim Jupiter! in Rom und im ganzen Reich Alles, was Säugling heißt, Mensch und Thier, an den Brüsten der Mütter in Stücke hauen!«

Rufus starrte den Kaiser mit großen Augen an. Die Worte, die derselbe ausgestoßen hatte, waren ihm zwar ein Räthsel, wie es die plötzliche Wandlung ausgelassener Lust in starres Grausen gewesen; allein er ahnte den innern Zusammenhang und schauderte bei der Vorstellung des Verbrechens, das die Worte seines Gebieters angedeutet hatten.

»Und einem solchen Ungeheuer,« sprach er zu sich selbst, »dienst du, und opferst für seine Herrschaft dein Feldherrntalent, wie das Leben deiner Soldaten und vielleicht dein eigenes Leben?«

Rufus war mit Maxentius allein, – und wie jener Gedanke durch seinen Geist fuhr, da lag auch schon unwillkürlich die Rechte am Griffe des Schwertes. Auf seinem Polster hingestreckt, war der Kaiser wehrlos in seine Gewalt geliefert: ein Stoß, und Maxentius war nicht mehr, und Rufus brauchte nur die Hand auszustrecken, um die Krone auf sein Haupt zu setzen. Mit Jubel, das wußte er, würden seine Legionen ihn zum Imperator ausrufen.

Hätte Symmachus an seiner Stelle gestanden, –?

»Nein!« sagte sich Rufus, und verließ eiligen Schrittes, ohne sich von Maxentius zu verabschieden, das Gemach, »nein, ich habe ihm vier Schlachten und die Hälfte seines Reiches verloren; ich will nicht auch noch zum Meuchelmörder an ihm werden! Wollen die Götter mich auf den Thron erheben, so mögen sie eine andere Hand mit dem Mordstahl bewaffnen!«

Als der Feldherr die große Freitreppe des Palastes hinunter eilte, um noch in der Nacht zum Lager zurückzukehren, schaute ihm ein Soldat der kaiserlichen Leibwache nach, der bisher sinnend an der Marmorbrüstung der Treppe gestanden. Aber nur einen Augenblick vermochte der Anblick des Feldherrn den Krieger von den Gedanken abzulenken, die seinen Geist, wie der Sturm die Fluthen des Meeres, bewegten. Martialis – denn er war es – hatte mit dem Bischofe Milziades eine lange Unterredung gehabt, und was der ehrwürdige Hohepriester ihm von den Lehren des Christenthums gesagt, hatte zwar zum Theil seine Zustimmung, ja seine Bewunderung gefunden; aber gegen andere Lehren bäumte sich auch der ganze Stolz und Trotz des wilden Kriegsmannes.

»Ein Gott,« sprach er für sich, indem er den Kopf schüttelte, »der sich in's Gesicht speien, der sich geißeln und an's Kreuz nageln laßt, nein, das ist kein Gott für mich!«

»Dreihundert Jahre schon gibt er seine Anhänger den grimmigsten Verfolgungen preis, ohne sich zu erheben und den rächenden Blitzstrahl auf seine Feinde zu schleudern, und doch verlangt er von den Seinen, daß sie Alles, Hab' und Gut, Leib und Leben für ihn opfern!«

»Und sie opfern es für ihn; freudiger und begeisterter stürmt kein Krieger in den Kampf, als diese Christen zu der Schlachtbank eilen!«

»Um mit dem Schwerte d'rein zu schlagen, um Jeden, der ein Wort wider ihn sagt, zu Boden zu schmettern, dazu könnte mich Christus haben. Allein wie seine Jünger geduldig Beleidigung und Mißhandlung hinnehmen, ohne den Elenden zu packen und gegen die Mauer zu quetschen, – – nein, das kann ich nicht!«

Als hätte er seinen Gedanken entfliehen wollen, schlug Martialis eilig den Weg in den Flügel des Palastes ein, wo die Herkulier ihr Quartier hatten; aber die Gedanken folgten ihm, und im Schlafe stand das Bild des Bischofs Milziades vor seiner Seele und klangen in seine Ohren die Worte, die der Greis zu ihm von der Glorie des Kreuzes gesprochen. –

Valeria und Rustica waren mit den übrigen Gläubigen bei Einbruch der Dämmerung vom Circus des Maxentius in die Stadt zurückgekehrt; das Heer der Sterne leuchtete schon am dunkeln Himmel, als sie in die Hütte im transtiberinischen Viertel eintraten. Rufinus hatte bereits auf einige Stunden das Bett verlassen; er war durch den Besuch des Bischofes Milziades beglückt worden, und der Papst hatte ihm zu seiner höchsten Freude für den kommenden Sonntag den Empfang der hl. Firmung in Aussicht gestellt, der dann in der nächstem Zeit die Ertheilung des regelmäßigen Unterrichts in den Glaubenswahrheiten durch einen Diakon folgen sollte. [R11]

Längst hatte der Engel des Friedens den Schleier süßen Schlummers über die Hütte in Trastevere ausgebreitet; stille schauten die treuen Wächter der Nacht, die Sterne, mit ihren milden Augen nieder auf Rom und die weiten Gefilde ringsumher; leise, wie die Hand der Mutter über das Haupt des schlafenden Kindes, strich der Hauch der Nacht über die Bäume lind Sträucher; an den erlöschenden Wachtfeuern in den beiden Feldlagern huschten unheimlich die letzten Flämmchen empor, – und immer noch wachte ein Herz, – das Mutterherz, – und von der schlummernden Erde stiegen Irene's Gebete hinauf für ihren Sohn zum Throne Gottes. Und vor der Seele des schlafenden Candidus schwebte, freundlich und voll Milde, das Bild Irene's, und wer an seinem Lager gestanden hätte, der würde von seinen Lippen, lächelnd im Traume, den süßen Mutternamen flüstern gehört haben.

Es war eine milde Nacht vor dem großen Entscheidungstage, welcher eine vollständige Wendung in der Geschichte des römischen Reiches, in der Kirchengeschichte, in der Weltgeschichte bringen sollte. Vom dunkeln Himmel leuchtete die Sichel des Mondes nieder auf die Legionen Constantin's, auf das Lager des Rufus, auf die ewige Stadt und spiegelte sich in den Fluthen der Tiber. Wenn sie morgen Abend wieder am Himmel aufgeht, auf welchen Wechsel wird er, »der wechselnde Mond«, dann niederschauen! Nur der Tiberstrom rauscht dann in seinem steten, gewöhnlichen Lauf dahin und wälzt seine Fluthen wie gestern und wie vor tausend Jahren, – ein Sinnbild der Vorsehung, die, ewig gleich, durch die wechselnden Geschicke der Menschen und der Völker wandelt.


Anmerkungen zum XI. Kapitel.

F1: Etwa anderthalb Meilen von Rom, bei der Poststation Prima Porta, wurden in den sechsziger Jahren die Trümmer der kaiserlichen Villa der Livia ausgegraben, wo unter andern die jetzt im Vatikan stehende herrliche Statue des Augustus gefunden wurde. In einem gewölbten Saale sind die Wandmalereien, welche einen Garten darstellen, trefflich erhalten. Von der Anhöhe, auf welcher, noch heute größtentheils in Schutt und unter Wiesengrund begraben, die ausgedehnten Gebäude der Villa sich erhoben, genießt man eine weite Aussicht bis nach Rom hinüber. Das Pflaster der alten flaminischen Straße, welche unten vorbeiführt, ist noch theilweise erhalten.

F2: Der Apostel Petrus wurde nach seiner Kreuzigung in der Familiengruft eines Gläubigen begraben, die an jener Straße lag, welche von der Triumphalbrücke am Circus des Nero vorüberführte und deren Richtung durch die Auffindung heidnischer Gräber am Beginne des Petersplatzes, vor den Stufen des Domes und hinter dem Hochaltar festgestellt ist. Von Papst Anenclet, dem dritten Nachfolger Petri, meldet die Papstchronik, » memoriam b. Petri construxit,« er habe über der Ruhestätte des Apostels eine Art Kapelle oder Oratorium aufgeführt (vgl. die Erklärung bei De Rossi, Roma sotterr. I, 196; III, 454) und daselbst zugleich die Grabstätten für die Päpste hergerichtet; dort sei auch er selbst bestattet worden (et alia loca, ubi episcopi conderentur; ubi et ipse sepultus est in pace juxta corpus b. Petri). De Rossi gibt nach Analogie heidnischer Grabbauten und ähnlicher christlicher Kapellen über den Katakomben die Beschreibung dieses Mausoleum's oder der cella memoriae des Apostelfürsten: Auf einem von Mauern umschlossenen, mit Bäumen und Blumen bepflanzten Grundstück, der » area monumenti«, erhob sich ein zu den gottesdienstlichen Versammlungen und zur Feier der christlichen Liebesmahle oder Agapen bestimmter Bau, aus welchem man in einen unterirdischen Raum, in die Grabkammer, hinabstieg. Da bei den Römern jeder Begräbnißplatz, auch der christliche, ein locus religiosus und daher durch das Gesetz geschützt war, so konnte die von Anenclet erbaute Memoria des Apostelfürsten die Stürme der Verfolgungen bis auf Constantin überdauern. – Während bei den übrigen Gräbern berühmter Martyrer, auch bei dem des Apostels Paulus, die Beschaffenheit des Bodens die Anlage von unterirdischen Gängen und Grabkammern ermöglichte, in welchen sich die Gläubigen in der Nähe des Heiligengrabes bestatten lassen konnten, ließ der Thonboden des vatikanischen Hügels solche unterirdische Anlagen nicht zu; man kann also von Katakomben im gewöhnlichen Wortsinne im Vatikan nicht reden. Die christlichen Gräber daselbst waren gleich den unsrigen an der Oberfläche der Erde angelegt, wie es auch in Afrika und überall dort der Fall war, wo sich der Boden nicht zum Bau von Katakomben eignete. Die Apostelgruft selbst und ihre area war theils durch den Circus des Nero, theils durch andere heidnische Bauten auf einen kleinen Raum beschränkt, und daher sind auch außer den Päpsten des ersten und zweiten Jahrhunderts keine andern Martyrer dort begraben worden (vgl. unsere Schrift: Des Apostelfürsten Petrus glorreiche Ruhestätte, Pustet, 1871). – Das Jahr, in welchem Constantin an Stelle der Memoria des Anenclet die Basilika über der Gruft des hl. Petrus erbaute, ist ungewiß; da Papst Silvester die neue Kirche einweihte, muß der Bau vor dem Jahre 335 vollendet gewesen sein; doch setzt man die Gründung gewöhnlich um etwa zehn Jahre früher, wo Constantin nach Besiegung des Licinius 323 alleiniger Kaiser des ganzen römischen Reiches wurde.

F3: Artemius, unter Kaiser Constantin dux oder praefectus Augustalis von Aegypten und Landpfleger von Syrien, wurde seines christlichen Glaubens willen unter Julian zu Antiochien vor Gericht gestellt und nach mannigfaltigen Martern enthauptet. Die Kirche feiert sein Fest am 20. October. Seine Martyrakten, verflochten mit denen der hh. Eugenius und Macarius, und des hl. Babylas, sind uns in einer spätern Umarbeitung erhalten. ( Surius, X, 579 seq.)

F4: Das Geschlecht der Anicier zählte zu den edelsten und hervorragendsten Adelsfamilien Rom's im 4. und 5. Jahrhundert. Der erste christliche Consul war Julianus Anicius, der im Jahre 322 mit Probianus das Amt bekleidete. Ein Anicius Paulinus war 394, ein Anicius Probianus 395, ein Anicius Bassus 408 Consul. Die hl. Christina, die berühmte Martyrin von Bolsena, wird als » de gente Aniciorum« von mütterlicher Seite her bezeichnet; ebenso stammte der hl. Benedict, der Begründer des Ordenslebens im Abendlande, aus der Familie der Anicier; Silvia Anicia Probina, die Gemahlin des Senators Gordianus Anicius, war die Mutter des heil. Gregor des Großen. Vor ihm hatte schon ein Anicier, Felix III., die päpstliche Würde bekleidet. Der Palast der Anicier lag im transtiberinischen Stadttheil, wo noch jetzt eine Straße den Namen der Via Anicia trägt; die Familiengruft derselben befand sich, wie De Rossi im I. Bande seiner christlichen Inschriften nachgewiesen hat, in der Basilika des hl. Paulus.

F5: Unter Diokletian waren den Christen ihre Friedhöfe, wie ihre gottesdienstlichen Versammlungsorte in den Städten genommen und confiscirt worden. Allerdings wird uns berichtet, Maxentius habe sie den Christen zurückgegeben; da jedoch ein Gleiches von Constantin gemeldet wird, so muß das Edict des Maxentius gar nicht, oder doch nur in beschränkten Grenzen zur Ausführung gekommen sein.

F6: In der apostolischen Zeit war, wie beim letzten Abendmahle, die Feier der hl. Messe mit der gemeinschaftlichen Speisung der Versammelten verbunden; man nannte diese religiösen Mahlzeiten Agapen (ἀγάπη), Liebesmahle. »Der Charakter unsrer Mahlzeit,« so schildert Tertullian ( Apol. 39) dieselben, »ergibt sich aus ihrem Namen, der das bezeichnet, was bei den Griechen ›Liebe‹ heißt. Bevor man sich zu Tische setzt, bildet ein Gebet zu Gott das Vorgericht; man ißt, so viel der Hunger erfordert; man trinkt, soweit es züchtigen Menschen nützlich ist; man redet, eingedenk, daß Gott uns hört. Ein Gebet schließt wiederum das Mahl.« Wohl schon zu Anfang des zweiten Jahrhunderts wurden Messe und Mahl der Zeit nach von einander getrennt; doch blieb an den Jahresfesten der Heiligen und ebenso an den Todestagen der Gläubigen wenigstens die Speisung der Armen noch als Erinnerung an jene altchristlichen Liebesmahle. Darstellungen von Mahlzeiten, wo die Gäste nach römischer Sitte auf halbrunden Polstern um die Tafel gelagert sind, kommen in den Katakomben ziemlich häufig vor, zumal im Coemeterium des Callistus, wo die Hinzufügung der Körbe der wunderbaren Brodvermehrung auf die Beziehung des Bildes zur hl. Communion hinweist. (Vgl. unsere Abbildung im letzten Capitel, Seite 282.) Andere Darstellungen solcher Mahlzeiten in den Katakomben erscheinen als Vorbilder des ewigen Gastmahls in der himmlischen Seligkeit. – In den Martyrakten der hh. Perpetua und Felicitas heißt es, die Martyrer hätten, so viel sie es vermochten, die coena libera in die agape verwandelt, wobei einer von ihnen, Saturus, sich an das zuschauende Volk wandte mit den Worten: »Merkt euch unsere Züge gut, damit ihr uns am Tage des Gerichtes wieder erkennet.« ( Ruinart, Acta, III, 219.)

F7: Den Sterbenden, im Besondern den Martyrern vor ihrem Tode den Leib des Herrn als Wegzehrung zu spenden, ist uralte kirchliche Sitte. Schon die mehrerwähnten Martyrakten der hh. Perpetua und Felicitas lassen die hl. Perpetua in der Vision, wo sie vor dem himmlischen Hirten erscheint, die Eucharistie unter dem den alten Christen geläufigen Symbol geronnener Milch empfangen. ( Et de caseo, quod mulgebat, dedit mihi quasi buccellam, et ego accepi iunctis manibus et manducavi, et universi circumstantes dixerunt: Amen.) (Vgl. die Erläuterung bei Ruinart, 1. c. I, 242 seq.) Auf das Bestimmteste spricht sich fünfzig Jahre später der hl. Cyprian darüber folgender Maßen aus ( ep. 2. Lib. I): »Jetzt müssen wir nicht den Sterbenden (auf dem Todtbette), sondern den Lebenden (die in den Martertod gehen), die Communion spenden, damit wir diejenigen, die wir zum Kampfe ermuntern und begeistern, nicht wehrlos und unbewaffnet lassen, sondern sie durch die Wehr des Leibes und Blutes Christi schirmen; und da die Eucharistie den Zweck hat, die Empfangenden zu schützen, so lasset uns Jene, die wir geschützt gegen die Angriffe des Feindes sehen wollen, mit der Kraft der göttlichen Speise bewaffnen. Denn wie wollen wir sie belehren oder auffordern, im Bekenntnisse seines Namens ihr Blut zu vergießen, wenn wir ihnen, bevor sie in den Kampf gehen, das Blut Christi vorenthalten? … Der kann nicht fähig sein zum Martyrthum, der von der Kirche nicht zum Streite gewappnet wird, und das Herz wird schwach (in der Folter), wenn der Empfang der Eucharistie es nicht aufrecht hält und entflammt.« – Von der Feier der hl. Geheimnisse in den Kerkern liefert uns der heidnische Spötter Lucian eine Schilderung ( De morte peregr. III, 335): »Die Vornehmeren unter den Christen bestachen die Wärter des Gefängnisses und verweilten die ganze Nacht (bei dem Bekenner); dann feierten sie ein gemeinschaftliches Mahl, unter Lesungen aus ihren hl. Büchern.« Von dem Verlangen der Gläubigen, nicht ohne die heilige Wegzehrung von hinnen zu scheiden, wie von der Spendung der Communion unter Einer Gestalt an einen Sterbenden, bietet uns Eusebius (Kirchengesch. VI, 44) nach einem Briefe des Bischofs Dionysius von Alexandrien ein Beispiel aus der Zeit der valerianischen Verfolgung (um 260). Als der kranke Greis Serapion sich dem Tode nahe fühlte, schickte er seinen Neffen, daß er ihm den Priester rufe. Dieser, der ebenfalls krank war, gab dem Knaben eine Partikel der hl. Eucharistie, damit er sie, in Wasser getaucht, dem Sterbenden reiche ( exiguam Eucharistiae partem puero tradidit, jubens, ut in aqua intinctam seni in os instillaret). Der Knabe that, wie ihm befohlen worden, und kaum hatte Serapion die hl. Wegzehrung empfangen, da starb er. ( Puer buccellam intinxit et in os senis infudit. Qui ea paulatim absorpta, continuo animam exhalavit.)

F8: Papst Urban I. hat um das Jahr 225 die sämmtlichen zur hl. Feier nothwendigen Gefäße ( ministeria sacrata) aus Silber anfertigen lassen. Dazu gehörten auch die patenae, große Teller oder Schüsseln für die heilige Communion, da in alter Zeit statt unsrer kleinen, runden Hostien ein einziges Brod consecriert und dann nach der Zahl der Communicierenden in Stücke zerbrochen wurde. – Alles Heilige durfte nur mit verhüllten Händen berührt und angefaßt werden. – Die Uebertragung der hl. Communion geschah entweder in kleinen Gefäßen, thecae, oder in reichgestickten Umhüllungen. – Nach ältestem Brauch legte der Priester oder der Diakon die heilige Communion den Gläubigen auf die kreuzweise über einander gelegten Hände, und der Communicierende spendete sich dann selbst den Leib des Herrn.

F9: Das »in mente habete« (μνήδκεδθε)seid eingedenk in euern Gebeten«, ist die ständige Formel in der alten Kirche, durch welche sich die Bischöfe dem Gebete der Gläubigen, diese sich der Fürbitte der Märtyrer und der zum Himmel eingegangenen Seelen, die Abgeschiedenen sich dem Gebete der Ueberlebenden empfahlen. Schon der hl. Ignatius gebraucht diese Formel »gedenket meiner in euren Gebeten« in seinem Briefe an die Trallianer ( ed. Zahn, p. 55); der heil. Cyprian ( ep. 60 ad Episcopos Numid.) empfiehlt die Brüder, welche Almosen gesammelt hatten, dem Gebete der Gläubigen mit den Worten: »In euren Gebeten gedenket der Brüder, die zu diesem Liebeswerke gerne ihre Hand geliehen haben, und vergeltet ihnen die Wohlthat beim Opfer und im Gebete.« ( Fratres nostros, qui ad hoc opus libenter operati sunt, in mente habeatis in orationibus vestris et eis vicem boni operis in sacrificiis et precibus repraesentetis.) Le Blaut (Inscriptions chrét. de la Gaule) citirt eine Grabschrift, auf der es heißt: » in orationibus tuis roges pro nobis, quia scimus te in , in deinen Gebeten bitte für uns; denn wir wissen, daß du in Christus bist.« Eine griechische Grabschrift im Kircher'schen Museum lautet: »Hier ruht Dionysus, ein unschuldiges Knäblein, in Mitten der Heiligen. Gedenket in euern Gebeten nun auch ihr dessen, der die Grabschrift verfaßt, und dessen, der sie in den Stein gemeißelt hat.« De Rossi ( Roma sotterr. II, 18) gibt uns u. a. graffiti oder in den Kalk der Grabkammern eingekratzten Inschriften die Anrufungen: » Sante Suste, in mente habeas in horationes Aurelio Repentinu«, »Heiliger Sixtus (Papst Sixtus II.), gedenke in deinen Gebeten des Aurelius Repentinus«; » Marcianum, Successum, Severum spirita sancta in mente havete et omnes fratres nostros«, »Ihr heiligen Seelen, gedenket des Marcianus … und all' unserer Brüder.« Eine Grabschrift zu Aquileja aus dem Ende des 4. Jahrhunderts empfiehlt am Schlusse die Verstorbene der Fürbitte der Martyrer: » Martyres sancti in mente havete Maria(m)«, »Ihr heiligen Martyrer, laßt euch Maria empfohlen sein«. Viele dieser Anrufungen gehören, wie De Rossi ( I. c. 19) nachweist, der vorconstantinischen Periode an: wie lebendig fühlte schon die älteste Zeit das Band des Gebetes, welches die streitende, leidende und triumphierende Kirche unter einander verbindet!

F10: Die vasa diatreta waren Glasbecher, deren ganze Außenseite in durchbrochener Arbeit durch Ausschneiden aus der harten Glasmasse hergestellt wurde. Andere Glasbecher zeigten auf ihrem Boden bildliche Darstellungen in Gold, und solcher Glasböden mit biblischen Scenen oder Heiligenbildern ist eine ansehnliche Zahl in den Katakomben gefunden worden. Diese »Goldgläser« wurden als Hochzeitsgeschenk den Brautleuten, oder bei besonderen Veranlassungen den Freunden gegeben; manche derselben haben wahrscheinlich auch eine liturgische Verwendung gefunden, wie denn gläserne Kelche und gläserne Patenen bei der hl. Messe vielfach in Brauch waren. In den Katakomben sind die Goldböden dieser Becher in den frischen Kalkverschluß der Gräber eingedrückt, theils zum Schmuck und zur Kennzeichnung, theils in Nachahmung der Versiegelung des Grabes Christi. Unser Bild am Schlusse des letzten Kapitels ist der Boden eines solchen, als Hochzeitsgeschenk bestimmten Goldglases.

F11: Die Salbung mit dem h. Oele durch den Bischof folgte in der Regel unmittelbar nach Empfang der h. Taufe, so daß beide Sakramente mit einander gespendet wurden. »Sind wir aus dem Taufbade hervorgegangen,« sagt Tertullian, »so werden wir mit geweihtem Oel gesalbt; … dann folgt die Handauflegung, welche segnend den hl. Geist herabruft.« – »Die in der Kirche getauft worden,« schreibt der hl. Cyprian, »werden den Vorstehern der Kirche vorgeführt, und durch unser Gebet und unsere Handauflegung empfangen sie den hl. Geist und werden mit dem Zeichen des Herrn vollendet.« Wurde nicht in der feierlichen Weise die Taufe gespendet, z. B. den Kranken in Todesgefahr, den Bekennern im Gefängnisse, so holte später der Bischof die Firmung nach. (Vgl. Probst, Sakramente und Sakramentalien in den drei ersten christl. Jahrh. 159, f.)


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