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Siebentes Kapitel.
Gute Freunde

So erhaben die alte Kirche das Martyrium aufgefaßt hat, so entschieden und bestimmt hielt sie an der Pflicht fest, alle erlaubten Mittel anzuwenden, das Eigenthum des Lebens vor den heidnischen Verfolgern zu retten. Derselbe Cyprianus, der mit der höchsten Begeisterung von der Ehre des Martyriums redet und diejenigen selig preist, welche zum blutigen Bekenntnisse ihres Glaubens berufen wurden, suchte sein Leben durch die Flucht zu erhalten, bis der offenbare Wille Gottes ihn vor den Richterstuhl und auf den Henkersplatz führte. Bei allem Starkmuth, mit welchem die ersten Christen für ihren Glauben starben, waren sie unerschöpflich erfindungsreich, die Anschläge ihrer Feinde zu vereiteln.

An Wen unter den vielen Freunden ihres Vaters Valeria auch denken mochte, um seine Hilfe zu erbitten, dem Einen fehlte es an Einfluß beim Kaiser, dem Andern gebrach es an Muth, und wieder Andere, unter ihnen Symmachus, würden in ihrem Hasse gegen das Christenthum ihr jeden Beistand versagt haben.

Um nichts unversucht zu lassen, ihren Vater zu retten, beschloß Valeria, sich an die Kaiserin um ihre Vermittlung bei Maxentius zu wenden, und so schlug sie denn sofort ihren Weg nach dem Palatin ein.

Von ihrem Gemahl auf das unwürdigste behandelt, wohnte die unglückliche Fürstin als eine Verstoßene in einem entlegenen Theile des Palastes; nur bei Festlichkeiten durfte – nein, mußte sie öffentlich erscheinen, wenn Maxentius dem Volke das Bild seines ehelichen Glückes vorgaukeln wollte, welches er doch selbst, wie alle Welt wußte, so schamlos und gründlich zerstört hatte.

Sobald die Kaiserin erfuhr, daß die Tochter des Stadtpräfekten und der Sophronia sie um eine Audienz ersuche, bewilligte sie ihr sofort voll Theilnahme die Bitte. – In dem üppigen Garten des Glückes gedeiht die Blume des Mitleids schlecht: ihr Boden ist das steinige, dornenüberwucherte Erdreich eigenen Leides.

Auf einem Divan ausgestreckt, in Gesellschaft von zwei Sklavinnen, welche allein Maxentius ihr noch zur Bedienung gelassen hatte, empfing die Kaiserin Valeria. Sie war eine hohe, bleiche Dame; auf ihrem noch jugendlichen Antlitz hatten Kummer und Herzleid die ehemalige Schönheit und Anmuth bis auf schwache Spuren verwischt, und die Schminke auf ihren Wangen und das mit feinem Pinsel auf den Augenbraunen aufgetragene stibium boten für das Verlorene nur schwachen Ersatz.

Seit dem Tode ihres einzigen Sohnes Romulus hatte die Kaiserin Monate lang in tiefster Schwermuth nur schwarze Kleider getragen. Dann hatte sie sich aufgerafft: sie wollte dem Schicksal trotzen, und fand jetzt Freude und Zerstreuung darin, sich von ihren Sklavinnen in prächtige Gewänder kleiden und mit Edelsteinen und Perlen schmücken zu lassen. Sie war ja noch jung und hatte Anrecht auf die Gaben des Lebens, und die weiße Syra und die schwarze Numidica, ihre Sklavinnen, wurden nicht müde, durch Wahrsagerei und Zeichendeutung ihr die Zukunft in rosigem Hoffnungsschimmer auszumalen. Allein die Erfüllung dieser Verheißungen wollte nicht kommen; die aufgezwungene Einsamkeit begann wie ein Alp auf der Seele der Kaiserin zu lasten, und ohne höheren Halt versank sie in eine Melancholie, die oft an Verzweiflung grenzte.

Auch heute hatte sie wieder eine solch' finstere Stunde, und in düsterem Träumen schaute sie hinaus in's Weite, ohne auf die Sklavin zu achten, die ihr den Metallspiegel hinhielt, daß sie schaue, wie prächtig ihr der neue Lockenbau stehe, welchen Numidica ersonnen hatte. So sorgsam man bisher die immer bedenklicher gewordene politische Lage vor der Kaiserin geheim gehalten, um so tiefer drückte jetzt die unerwartete Kunde von der schon so nahen Entscheidung sie nieder. Zudem hatten schlimme Vorzeichen sie erschreckt; unter anderen waren gestern am hellen Nachmittage Schaaren von Nachteulen aus ihren Höhlen und Nestern in den weiten Bauten des Palatin davon geflogen. [R1]

Als Valeria eintrat, entließ die Kaiserin ihre Sklavinnen, um mit dem Mädchen allein zu sprechen; nachdem sie dann dessen Anliegen vernommen, sprach sie mit bitterem Lächeln:

»Gutes Kind, wenn ich meinen Gemahl um das Leben deines Vaters bäte, so würde er in ihm einen Nebenbuhler wittern. Ich bin eine arme, machtlose Frau. Meine Hände sind mit Ketten gebunden, und daß diese von Gold sind, macht sie mir noch schwerer. – In all' meinem Reichthum reich nur an Kummer,« fuhr sie nach einer Pause mit tiefer Bitterkeit fort, »beneide ich die letzte Bettlerin um das Glück ihrer Armuth; – geschmückt mit Purpur und Juwelen trage ich ein Diadem, das der Hohn eines feindlichen Verhängnisses auf meinen Schmerz gesetzt hat.«

Der düstere Gram, welcher aus den Worten der unglücklichen Kaiserin sprach, rührte tief Valeria's Herz, und für einen Augenblick des eigenen Leides vergessend, sprach sie:

»Hohe Herrin, die allmächtige Hand, welche den Wurm im Staube erhält, waltet auch über dem Leben des Menschen, und wenn Gott uns Prüfungen aufladet, so reicht er uns auch den Stab der Hoffnung, uns zu stützen.«

»Was die Dichter,« entgegnete die Kaiserin, »von einem Vater der Götter und Menschen reden, ist ein schöner Wahn. Diese Puppe ist nur für die Kinder des Glückes. Lerne, wie ich, mit trotzigem Gleichmuth den Haß des Schicksals tragen: das ist der beste Rath, den ich dir geben kann. Wird die Lebenslast zu schwer, dann wirft man sie von sich.«

Mit diesen Worten erhob sich die Kaiserin und entließ Valeria, indem sie ihr die Hand zum Kusse reichte.

Mit einem aus Grauen und Mitleid gemischten Gefühle schied die Jungfrau. Im schwersten Leiden trostlos, hoffnungslos, – als letztes Mittel den Selbstmord – – gab es etwas Unglücklicheres, Unseligeres?

Valeria richtete einen innigen Blick zum Himmel: wie licht und leicht erschien ihr das eigene Leid in diesem Augenblicke! –

Irene hatte das, was geschehen war, vorausgesehen; sie kam jetzt, Valeria in ihrer Wohnung Obdach zu bieten. Wohl bewohnte die Matrone seit dem Tode ihres Mannes und dem Verluste ihrer Güter nur einige bescheidene Stübchen in einem Miethshause auf dem Aventin; aber sie drang so herzlich in Valeria, diese Räume mit ihr zu theilen, daß das Mädchen der Einladung seiner mütterlichen Freundin nicht widerstehen konnte. –

Als Heraclius dem Kaiser die Mittheilung machte, Rufinus habe sich selbst als Christen bekannt, gerieth Maxentius in die grimmigste Wuth, zumal als jener auch von den Lästerungen berichtete, welche der Gefangene gegen den Herrscher ausgestoßen habe.

»Das Drachengezücht der Nazarener wächst uns über den Kopf: da muß mit der Keule darauf geschlagen werden!« rief Maxentius, indem er mit der Faust aus den Tisch schlug. »Der Präfekt von Rom ein Christ, die Stadt an allen Ecken und Enden voll von Christen, und Constantin auf dem Wege nach Rom! – Daß du mir bis zum Abende ein langes Verzeichniß der Eingekerkerten vorlegst! Und greife auch recht in den Hühnerhof der Ritter und Senatoren hinein! Denn, ob Christen oder nicht, verschworen sind sie alle mit einander. Wenn ich da nicht einer Anzahl dieser stolzen Hähne den Hals umdrehe und die übrigen gehörig rupfe, fliegt mir das Federvieh noch auf den Kopf!«

So schleppten denn schon im Laufe des Nachmittags die Schergen des Heraclius aus allen Theilen der Stadt die angeblichen Mitverschworenen des Stadtpräfekten in das tullianische Gefängnis [R2], unter ihnen eine nicht geringe Zahl von Christen und vorwiegend aus den damals blühenden Adelsgeschlechtern. [R3] Der Erste war Antoninus, der kaiserliche Hofbeamte.

Als die acta diurna am Abende erschienen und ihre Enthüllungen über Rufinus und die angebliche Verschwörung der Christen brachten, wurde die Neuigkeit mit allgemeinem Kopfschütteln ausgenommen. Jedermann fand es unglaublich, daß Rufinus, das Haupt der städtischen Verwaltung, ein Christ sei; hatte man ihn doch jüngst noch bei den großen Festen der ludi Romani im September im Tempel des Jupiter auf dem Capitol opfern gesehen. Weiterhin aber war die bewährte Pflichttreue des Stadtpräfekten so allgemein anerkannt, daß ihn Niemand des angedichteten Verbrechens für fähig hielt. Zudem hatten die Freunde des Sabinus die von seiner Mutter gehörte Neuigkeit und seinen eigenen Wuthausbruch bei ihrer Beglückwünschung mit der Verurtheilung des Rufinus in Verbindung gebracht, und so schob man allgemein die Schuld auf Heraclius.

Dieselben acta diurna brachten auch das kaiserliche Edikt, welches den Aradius Rufinus seines Amtes als Stadtpräsekten entsetzte und an seine Stelle den Annius Anulinus ernannte.

Am Abende zogen Pöbelhaufen, die von Heraclius gedungen waren, durch die Straßen unter dem lauten Gebrüll: » Christianos ad leones, werft die Christen den Löwen vor!« Andere Schaaren sammelten sich vor dem Eingange des Gefängnisses und überschütteten die Christen, welche eingebracht wurden, mit gemeinstem Hohne, stießen und schlugen sie, oder warfen mit Steinen nach ihnen.

Symmachus knirschte vor Wuth über den neuen Gewaltakt des Tyrannen, der sich der schweren Schuld, die er dem Rufinus gegenüber auf sich geladen, dadurch entledigte, daß er auch diesen selbst aus dem Wege räumte, und dies that, indem er ihm zwei gleich gemeine Verbrechen andichtete: Hochverrath und – was in den Augen des Symmachus noch niedriger war – Abfall zu der verachteten Sekte der Christen.

Zumal diese letzte Anschuldigung empörte ihn; wußte er ja, wie fest Rufinus, trotz seines Weibes, an der überlieferten Religion des römischen Staates hing.

Symmachus war von Jugend auf mit dem Stadtpräsekten befreundet gewesen, und er hielt es für seine Pflicht, durch persönliche Vorstellung beim Kaiser den Versuch zu machen, ihm wenigstens das Leben zu retten. Noch am selben Abende erbat er sich eine Audienz.

Maxentius, nicht wenig verwundert, daß der mächtige Senator, der den Hof bisher so stolz gemieden, sich endlich ihm nahe, empfing ihn mit ausnehmender Höflichkeit.

»Ich hoffe, nicht deinen Zorn zu erregen,« begann. Symmachus, »wenn ich mir herausnehme, deine Göttlichkeit auf einen thatsächlichen Irrthum in einer Anklage aufmerksam zu machen, die, wenn sie wahr wäre, allerdings die schwerste Strafe für den Angeschuldigten rechtfertigen würde.«

»Du meinst wohl, edler Symmachus,« entgegnete der Kaiser, »den abgesetzten und zum Tode verurtheilten Rufinus. Aber, wenn es dich ehrt, daß du für einen Standesgenossen als Anwalt auftrittst, so weiß ich auch, daß der Senator Symmachus Verschwörung mit den Feinden des Reiches und Verrath an den Göttern, welche Rom groß gemacht haben, mit mir für todeswürdige Verbrechen hält.«

»Es ist nicht wahr, daß Rufinus ein Christ ist.«

»Ich möchte deinen Gegenbeweis hören.«

»Ich kenne ihn von Jugend auf als treuen Verehrer der Götter, der die Größe Rom's einzig und allein in der Erhaltung der alten Staatsreligion erblickt.«

»Und wenn er heute diese Götter verflucht und sich offen als Anhänger der verruchten und verbotenen Sekte der Christen erklärt hat, wirst du ihn dann nicht auch des zweiten Verbrechens für fähig halten?«

»Verzeihe mir die kühne Bitte, darf ich diese Erklärung aus seinem eigenen Munde vernehmen?«

»Der Hund von Verräther wird bereits zu den Zwangsarbeiten an der neuen Basilika abgeführt worden sein; ich gestatte dir gerne und wünsche es, daß du dich selbst und damit die Römer überzeugst, von welchem Mist ich den Augiasstall der Stadt Rom gereinigt habe.«

»Und wenn dennoch,« wagte Symmachus weiter zu fragen, »Rufinus sich bereit erklären würde, den Göttern zu opfern?«

Maxentius runzelte die Stirne, aber er that sich Gewalt an und erwiderte:

»Dann gebe ich dir mein kaiserliches Wort, daß ich ihm das Leben schenken werde. Gehe denn zu ihm; ich schicke dir einen Centurio meiner Leibwache mit, daß du Einlaß zu den Baugefangenen findest.«

Auf ein vom Kaiser gegebenes Zeichen trat mit dröhnendem Schritt der Centurio Martialis ein, eine herkulische Gestalt, die den Maxentius um doppelte Kopflänge überragte, über der von Gold blitzenden Rüstung ein Löwenfell als Mantel, einen aufgesperrten Löwenrachen als Helmzier, eine mächtige Herkules-Keule in der Hand.

»Dies Knäblein gebe ich dir als Begleiter mit,« sprach lächelnd der Kaiser; »der Schlüssel aber in seiner Faust öffnet jede Thüre.«

Nachdem Symmachus sich von Maxentius verabschiedet, begab er sich, von Martialis begleitet, zu der Basilika.

Die Gewißheit, mit welcher der Kaiser von dem Abfall des Rufinus gesprochen, hatte den Senator allerdings nachdenklich gemacht; allein mußte sein Jugendfreund sich nicht gerade jetzt dadurch, daß der Christengott seine Gattin nicht vor den Nachstellungen des kaiserlichen Wüstlings zu schützen vermocht hatte, von dem Irrwahn jener Sekte von Neuem überzeugt haben? Daß er trotzdem Christ geworden sein sollte, enthielt also einen innern Widerspruch.

Nach langem Suchen fand Symmachus endlich den Rufinus, gleich den übrigen Baugefangenen in schwere Ketten gefesselt, nothdürftig mit Fetzen bekleidet, trotz der späten Abendstunde noch in schwerster Sklavenarbeit. Der jammervolle Anblick des Unglücklichen erschütterte den Senator, und indem er auf ihn zutrat, sprach er tief bewegt:

»Du bist das Opfer ruchlosester Verleumdung geworden, edler Rufinus; allein ich komme, dir die Freiheit anzukündigen. Es ist nicht wahr und kann nicht wahr sein, daß du ein Christ geworden; sage mir daher, in welchem Tempel ich den unsterblichen Göttern das Opfer bestellen soll, und du bist frei. Maxentius hat mir sein kaiserliches Wort darauf gegeben.«

»Ich danke dir von Herzen für deine freundliche Vermittlung beim Kaiser,« antwortete Rufinus; »aber mehr noch danke ich meinem Gott, daß er mich endlich von meinem Irrwahn erlöst und in Jesus Christus die einzige Wahrheit hat finden lassen.«

»Ist es möglich?« rief Symmachus, auf das schmerzlichste enttäuscht. »Doch nein! Das gräßliche Unglück, der plötzliche und blutige Verlust deiner treuen Gattin hat deinen Verstand umnachtet. Raffe dich auf! Begreife doch, daß ein gekreuzigter Verbrecher, der weder sich, noch dein Weib vor dem Tode zu retten vermochte, nicht ein Gott sein kann.«

»Das Unglück,« entgegnete ruhig der Gefangene, »hat durch das Licht der göttlichen Gnade die Finsterniß, die mich bisher umnachtete, verscheucht, und freudig bin ich bereit, für meinen christlichen Glauben die schwersten Leiden und den schrecklichsten Tod zu erdulden. Möge Gott dir dein Wohlwollen gegen mich dadurch vergelten, daß auch du zur Erkenntniß der Wahrheit gelangest.«

Ohne ein Wort zu erwidern, kehrte der Senator sich um und ging davon.

Der Centurio dagegen, welcher Ohrenzeuge der ganzen Unterredung gewesen war und sich von den Worten des Rufinus tief ergriffen fühlte, blieb zurück und richtete an den Gefangenen die Frage:

»Sage mir, wo kann ich Näheres über die Lehren deines Glaubens erfahren?«

Die Frage erfüllte Rufinus mit unbeschreiblichem Troste. Das Martyrium ist zu allen Zeiten der Same des Christenthums gewesen; daß aber der Beginn seiner Opfer schon sofort Früchte trug, die süße Hoffnung, eine Seele für Christum zu gewinnen, war für den jungen Christen und Bekenner eine heilige Freude, wie er sie nie empfunden, von der er bisher keine Ahnung gehabt hatte.

»Gehe die appische Straße hinaus,« antwortete er nach einigem Besinnen, »etwa bis zum zweiten Meilensteine, und frage dort nach dem Bischof Milziades; der wird dich Alles lehren, was du zu wissen begehrst. Sage ihm, daß ich mit Freuden für Christum leide, und empfiehl meine Tochter seiner väterlichen Obhut.«

Der Aufseher unterbrach die Unterredung, indem er den Rufinus wieder zur Arbeit trieb.

Sinnend schaute der Soldat dem Gefangenen nach.

»Gibt man denn,« fragte er sich, »den Rang eines römischen Senators, das glänzende Amt eines Stadtpräfekten von Rom, Reichthum und alle Freuden des Lebens hin, um sich als Verbrecher mißhandeln und endlich den wilden Thieren im Amphitheater vorwerfen zu lassen, ohne die überzeugendsten Gründe und eine mehr als menschliche Kraft zu solchem Opfer? – Ich will doch morgen den Bischof Milziades aufsuchen.« –

Unter den Christen hatten die Verhaftungen und die Anklage der Verschwörung Angst und Schrecken verbreitet; mußte man nicht die Wiederkehr einer diokletianischen Verfolgung befürchten? Nicht Alle waren leider von jener hochherzigen Gesinnung und jenen erhabenen Ideen des Martyriums beseelt, welche Valeria beim Anblick der Folterinstrumente zu heiligem Jubel begeistert hatten. Waren doch in der diokletianischen Verfolgung nicht Wenige vom Glauben abgefallen, und wenn sie schon dadurch das Mutterherz der Kirche tief betrübt hatten, so fügten sie der einen Wunde noch die tiefere hinzu, daß sie nach Beendigung der Verfolgung die Wiederaufnahme in die Gemeinde, ohne vorherige Buße, sogar mit Gewalt zu ertrotzen suchten. Sie hatten sich nicht einmal geschämt, sich unter die Anführung des Heraclius zu stellen, der nicht etwa in der Marter schwach geworden war, sondern im Frieden Christum verleugnet hatte.

Der Bischof Milziades und sein Klerus erachteten es daher als ihre heiligste Pflicht, den gefangenen Brüdern beizustehen, sie im Glauben und im Bekenntnisse desselben zu stärken, durch die Tröstungen der Sakramente und die mannigfaltigsten Beweise der Liebe und Verehrung ihnen zu Hilfe zu kommen. Durch Bestechung der Aufseher gelang es noch am Abende dem Erzdiakon des Papstes, zu den Gefangenen zugelassen zu werden, und er hatte den Trost, alle voll freudigen Glaubensmuthes zu finden, entschlossen, lieber Marter und Tod zu dulden, als ihren Gott zu verleugnen.

Eine unerwartete Ueberraschung wurde den Gefangenen nach einigen Stunden der Haft durch die Ankündigung, daß der Kaiser Alle, welche dem römischen Adel angehörten, vorläufig auf freien Fuß gesetzt habe.

Wir werden bald erfahren, was die Ursache dieser Verfügung war. Uebrigens war die Zahl der noch im Kerker Verbleibenden immerhin groß genug, und im Laufe des folgenden Tages wurden die Lücken durch neue Gefangene ausgefüllt.

Am nächsten Morgen schleppte man die Angeklagten aus dem Gefängnisse auf das Forum in die Basilika Julia [R4] und vor den Richterstuhl; für diejenigen unter ihnen, welche Christen waren, reichte das Bekenntniß ihres Glaubens hin, sie auch der Theilnahme an der Verschwörung für überwiesen zu erklären. Unter dem Drucke der Tyrannei hatte auch der Richterstand längst seine Selbständigkeit verloren; nicht nach den Bestimmungen des Gesetzes wurde nunmehr das Urtheil gesprochen, sondern der Wille des Kaisers war das Gesetz und bestimmte das Urtheil der Richter. Alle Gefangenen wurden als Majestätsverbrecher zum Tode und zur Confiscation ihres Vermögens verurtheilt; bis zum Tage ihrer Hinrichtung sollten die Männer an dem Neubau der kaiserlichen Basilika auf dem Forum verwendet werden; die Frauen wurden in ein Verließ des mamertinischen Kerkers eingesperrt.


Anmerkungen zum VII. Kapitel.

F1: Der ebenso tief, als allgemein herrschende Aberglaube der Römer gab auf solche Vorzeichen außerordentlich viel; Gallicanus erwähnt in seiner Lobrede auf Constantin ausdrücklich »die rächenden Nachteulen«, die den Maxentius aus dem Palaste verscheucht hätten. Auch Zosimus berichtet von einem »unermeßlichen Schwarm von Nachteulen, die davonfliegend sich auf den Stadtmauern niedergelassen«.

F2: Außer dem mamertinischen Kerker war das tullianische Gefängniß wegen seiner Schrecken besonders verschrieen. Dasselbe lag in der Nähe der Tiber, unter der jetzigen Kirche des hl. Nicolaus, die von demselben den Namen » in carcere« hat. Die Ueberreste des Gefängnisses bilden jetzt die Unterkirche. Auch dieses Tullianum wird in den Martyrakten wiederholt als Gefängniß der Christen erwähnt.

F3: De Rossi ( Roma sotter. III, 111 seq.) führt eine Anzahl von christlichen Gliedern der Familie der Valerier auf, welche dieser Zeit angehören und in den Katakomben des Callistus ihr Grab hatten. Eine Inschrift, welche leider nur halb auf uns gekommen, nennt einen Valerius, der am Hofe des Maxentius ein Amt bekleidete; er war der Sohn oder der Bruder der Valeria Surula Antonina; ein anderer Grabstein nennt einen Valerius Antoninus als Gemahl einer Honoria (?), die als Clarissima Femina, als Dame von senatorischem Stande bezeichnet wird. – Die Dasumier waren eine jüngere Adelsfamilie aus dem ersten Jahrhunderte, deren Grabmal in der Gegend der Katakomben des Callistus lag. Die christlichen Glieder der Familie besaßen gegen Ende des dritten Jahrhunderts eine eigene Grabkapelle in jenem Coemeterium; eine dort gefundene Inschrift bezeichnet die Verstorbene, Dasummia Quiriaca, als palumba sine felle, als »Taube ohne Galle«. (Vergl. De Rossi, Roma sotterr. II, 185.) – Die hl. Soteris, Martyrin unter Diokletian, gehörte zu der Familie der Aurelier, welche ihre Gruft ebenfalls in San Castillo hatte. – Die unter sich vielfach verschwägerten Adelsgeschlechter der Cornelier, Cäcilianer und Prätextaten weisen schon seit dem zweiten Jahrhunderte Bekenner des Christenthums auf. – Wenn der h. Cyprian schreibt, es gezieme sich nicht für einen Christen, und am wenigsten für eine christliche Jungfrau, auf den Adel der Geburt stolz zu sein ( claritatem ullam computare carnis), so sehen wir dies thatsächlich beobachtet; Leichen, in Goldstoff gehüllt, oder durch ihre Grabschrift als Angehörige hochadeliger Familien bezeichnet, finden sich in den Katakomben in gleicher Reihe mit Todten aus dem niedrigsten Stande bestattet.

F4: Die Basilika Julia, in neuerer Zeit wieder ausgegraben, ist die Stätte, welche durch das glorreiche Bekenntniß zahlloser Martyrer geweiht ist. Dort haben sie vor dem Richter gestanden, dort ihren Glauben an den Gekreuzigten bekannt, dort die Qualen der Folter erduldet, dort ihr Todesurtheil vernommen. Wenn die Steine daselbst reden könnten, wie Vieles würden sie uns von der unerschütterlichen Standhaftigkeit der Blutzeugen Christi erzählen! Mir ist die Basilika Julia eine der heiligsten und ehrwürdigsten Stätten des antiken Rom's.


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