Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Neuntes Kapitel.
Gerettet.

Für die zum Martyrium berufenen Christen war das Opfer ein verhältnißmäßig leichtes, wenn dem Todesurtheile sofort die Vollstreckung folgte. Ganz anders aber war es, wenn lange Haft in schauderhaften Gefängnissen oder schwere Sklavenarbeit an den öffentlichen Bauten in langsamem Tode die Unglücklichen dahinsiechen ließ, wenn sie – vergebens – nach der Stunde sich sehnten, wo das Schwert des Henkers ihre Leiden und Qualen endige. Da machte die Natur nur all zu stürmisch ihre Rechte geltend, und jeder Tag, jede Stunde verlangte das erneuerte Bekenntniß in heldenmüthigster Standhaftigkeit. Was waren alle Folterqualen gegen diese wochenlange Haft in Kerkern voll Dunst und Moder, in die nie ein Sonnenstrahl drang, wo die Stunden, gleich den Gefangenen selbst, angekettet zu sein schienen, – in trostlosester Einsamkeit, die sich schwer, wie die Nacht umher, auf das Gemüth lagerte und den Unglücklichen in Verzweiflung zu treiben drohte! Nicht minder schrecklich war das Loos der zu den öffentlichen Arbeiten verurtheilten Bekenner. Ein Volk, das, wie das römische, von Kindheit auf an den blutigen Gemetzeln der Gladiatoren im Circus sein höchstes Vergnügen fand, das an die brutalste Mißhandlung seiner Sklaven gewöhnt war, kannte kein Mitleid und kein Erbarmen mit armen Sträflingen, und am wenigsten kannten es jene Aufseher, unter deren Zucht die unglücklichen Opfer bei kärglichster Nahrung die schwersten Arbeiten vom Dämmern des Tages bis tief in die Nacht zu verrichten hatten. Wenn wir heute die Ruinen der Prachtbauten des alten Rom's durchwandern, dann denken wir nicht an die Seufzer und Thränen, nicht an die Ströme Blutes, unter welchen sie aufgeführt worden sind, nicht an die Schaaren christlicher Bekenner, die hier in namenlosen Mißhandlungen für ihren Glauben gelitten haben.

Für Rufinus wurde die Probe seines jungen Glaubens eine besonders harte durch die ausdrücklich für ihn den Wärtern gegebene Weisung des Heraclius. Der kräftige Mann war in den wenigen Tagen zu einem Skelett abgemagert; er fühlte, daß sein Ende nahe war: wie gerne wäre er gestorben, wenn nicht die Sorge um seine Tochter ihm das Sterben erschwert hätte!

Valeria glich einer Pflanze, die aus ihrem Erdreich ausgerissen und in die sengende Sonnengluth dahingeworfen ist. Was die Verwelkende noch belebte, war Irene's wahrhaft mütterliche Theilnahme. Bald wies die edle Matrone sie hin auf die erhabenen Ideen, die das Christenthum gleich Blumen aus dem Paradiese neben den königlichen Weg des Kreuzes gepflanzt hat; bald weckte sie in ihr die Hoffnung, daß Constantin zeitig genug komme, die Gefangenen in Freiheit zu setzen.

Zumal wenn Irene von dieser Hoffnung redete, steigerte sich ihre Sprache zu einer Wärme und Zuversicht, die auch Valeria unwillkürlich ergriff. Das Mutterherz dachte ja an den Sohn, an Candidus, an die selige Stunde des Wiedersehens nach jahrelanger Trennung. –

Es war am vorletzten Tage vor dem kaiserlichen Feste, als Valeria wiederum die Freitreppe des Palastes hinaufstieg; allein wie sie auch umherspähen mochte, ihr Auge suchte vergebens den Vater.

War er erkrankt? Vielleicht schon todt, gestorben unter der barbarischen Mißhandlung seiner Wärter? Und ach, wenn er krank da lag, ohne Pflege, ohne Nahrung, ohne Bedeckung, und keine Seele sich seiner erbarmte! Diese Vorstellung zerschnitt Valeria das Herz. Nachdem sie zwei Stunden lang vergebens nach ihrem Vater ausgespäht, stieg sie die Treppe hinab, weinend und schluchzend, unbekümmert um die Leute, die mit theilnahmsloser Neugierde ihre Blicke auf die Weinende hefteten.

Da begegnete ihr Rustica, die junge Frau aus dem transtiberinischen Stadtviertel.

Unter dem Vorwande, Holzspäne zu sammeln, hatte das brave Weib sich wiederholt in den abgesperrten Bauplatz eingeschlichen und den Christen heimlich Hilfe gebracht, gleichgültig gegen die Peitschenhiebe, mit welchen die Aufseher sie mehr denn einmal fortgetrieben hatten. Jetzt, wo ihr Valeria ihr Leid klagte, faßte Rustica den Kopf mit beiden Händen, um ihm gleichsam mit Gewalt den Plan auszupressen, den Kranken zu finden und zu ihm zu gelangen. Plötzlich klärte sich ihr Gesicht auf, ihre Augen leuchteten und ein schelmisches Lächeln spielte um ihre Lippen.

»Ja, ja, so wird es gehen!« rief sie aus. »Es wird ein toller Streich werden, und ich muß dazu die Dunkelheit abwarten; aber wenn's mir gelingt, wirst du vor Mitternacht … Doch jetzt,« unterbrach sich Rustica, »habe ich keine Zeit zu verlieren; ich muß die Sache mit meinem Mann überlegen. Du glaubst nicht,« fügte sie stolz hinzu, »wie klug und gescheidt er ist. Lebe wohl und hoffe!«

Valeria schaute sie dankbar und mit wehmüthigem Lächeln an und übergab ihr beim Abschiede ein Goldstück, das letzte, das sie besaß, um damit ihrem Vater eine Erquickung zu kaufen.

In Rom durften damals bei dem ungeheuren Verkehr und der Enge der Straßen Karren und Lastwagen nur bei Nacht fahren; auch die Fuhrleute, welche das Baumaterial für die Basilika heran zu führen hatten, mußten ihre Arbeit wenigstens theilweise auf die Nacht verlegen. [R1] Darauf baute Rustica ihren Plan. Der Fossor Mincius, ihr Mann, kannte gewiß Manche der Fuhrleute, welche in der Nähe der Katakomben ihre Sandgruben hatten, und sicherlich fand sich wohl Dieser oder Jener von ihnen bereit, seinen nächtlichen Dienst an jemand Andern zu übertragen, zumal wenn ihm die Nachtruhe noch bezahlt wurde.

Rustica eilte nach Hause.

Mincius war eben beschäftigt, eine ihm vorliegende Grabschrift in eine Marmorplatte zu meißeln, so gut er's mit seiner ungeübten Hand und dem mangelhaften Werkzeug vermochte. Die Grabschrift galt einem Knaben Eugenius, und die Eltern fanden ihren Trost in der Ueberzeugung: »Deine Seele ist, wo es gut ist – Spiritus tuus in bono.« Die Buchstaben waren dem fossor noch leidlich gelungen, wenngleich ihm in der zweiten Zeile drei Buchstaben entfallen waren. Aber die Taube Noe's, die er nach der Vorlage hinzuzufügen versuchte, weckte selbst bei Rustica ein heiteres Lächeln.

»Du spottest über mein Kunstwerk,« bemerkte scherzend ihr Gatte, »allein der Oelzweig ist doch sicher ein Oelzweig, und daraus schließt Jeder, daß der Vogel die Taube der Arche sein soll. Aber sage mir, was führt dich schon so bald wieder heim?«

Rustica erzählte ihrem Manne von ihrer Begegnung mit Valeria und von dem Plane, der plötzlich in ihr aufgestiegen, und den sie unterwegs noch reiflicher überlegt hatte; zu ihrer großen Freude fand derselbe den Beifall des Mincius. Da keine Zeit zu verlieren, begab sich der fossor sofort zur appischen Straße hinaus, um in den dortigen Arenarien oder Sandgruben den nothwendigen Helfershelfer zu finden; Rustica aber schlich sich wieder, um Holz zu sammeln, auf die Baustelle.

Nach langem Spähen, Suchen und Fragen ermittelte sie endlich, daß Rufinus fieberkrank in einem abgelegenen Theile des Bauplatzes liege.

Als in der folgenden Nacht die lange Reihe der mit Pozzolanerde beladenen Karren durch das Einfahrtsthor des abgesperrten Raumes fuhr, da saß auf einem der Karren Rustica, Zügel und Peitsche in der Hand, in einen rauhen Mantel gehüllt, auf dem Kopfe die weite phrygische Mütze von rother Farbe, wie die römischen Kärrner sie noch jetzt zu tragen pflegen, eine orca köstlichsten Weines neben sich.

»Oho,« rief spöttisch der Wächter, der mit einer brennenden Fackel am Einfahrtsthore stand, »oho, eine Amazone auf einem Sandkarren? Wo ist denn der Fuhrmann?«

»Ja,« warf Rustica leicht hin, »wo ist der Fuhrmann? Wenn das Glück Dem ein Trinkgeld in die Hand spielt, dann schnarcht er die ganze Nacht durch wie ein Murmelthier.«

»Da lenkst also du für deinen Mann diesen stolzen Hirpiner,« spottete der Beamte weiter, während er auf den mageren Klepper hinwies. »Aber bei der Pferdegöttin Epona!« fuhr er fort, Rustica mit der Fackel in's Gesicht leuchtend, »so prächtig dir die rothe Mütze steht, ich erkenne dich doch in der Verkleidung. Laß sehen, ob du nichts für die gefangenen Christen bei dir führst.«

»Ei, hört doch,« rief Rustica spöttisch, den Weinkrug in die Höhe haltend, »der Docht ist dem bibulus trocken geworden, und da möchte er hinter mein Oelkrüglein her, das uns in der Nachtkälte vor dem Erfrieren schützt! Da kennst du die transtiberinischen Weiber schlecht! He, trag' deine Kupfernase in die Münze; du kaufst einen ganzen Krug Wein dafür.«

Unter dem schallenden Gelächter der Fuhrleute schlug Rustica fest auf ihren Gaul los und war, ehe der Wächter weitere Einwendungen erheben konnte, an ihm vorüber.

Sobald sie mit ihrem Rößlein an die Abladestelle gelangt war, überließ sie die Arbeit einem der Gefährten, hakte das unter dem Karren an einer kleinen Kette schaukelnde Oellämpchen los und ging, den Stadtpräfekten aufzusuchen.

Im Dunkel kam sie einmal dem großen Bretterverschlag nahe, in welchem eine Schaar von Sklaven zusammengepfercht unter der Wache eines Soldaten die elende Nachtruhe genoß; das Licht verrieth sie, und der Soldat rief sie an; aber indem sie hurtig hinter einem Steinhaufen vorüberhuschte, entkam sie der Gefahr. Noch wenige Schritte, und Rustica kniete neben Rufinus.

Dieser war gestern von einem sehr heftigen Fieber ergriffen worden, so daß er, trotz der Einrede des Sabinus, von der Arbeit entlassen werden mußte. Nur unter dem Hinweis, daß der Gefangene ja für die Festspiele bestimmt sei, hatte er sich damit zufrieden gegeben; seine Rache mochte nicht auf den Genuß verzichten, das Blut seines Opfers unter den Krallen eines Löwen oder dem Schwerte des Henkers hervorspritzen zu sehen. Jetzt lag Rufinus da auf dem harten Boden, unter freiem Himmel, nur mit einer Strohmatte dürftig zugedeckt, vom Frost geschüttelt, und erwartete sein Ende. – Wie gerne hätte er vor seinem Tode noch einmal sein Kind gesehen!

Plötzlich fiel der Strahl eines Lampenlichtes in seine Augen; zugleich erblickte er Rustica.

»Deine Tochter grüßt dich tausendmal und sendet dir diesen Trunk,« sprach sie, richtete dann mit der zärtlichen Sorgfalt einer Mutter den Kranken empor und führte die Flasche an seine Lippen.

Der vortreffliche alte Falernerwein goß neues Leben in die erstarrten Glieder des Gefangenen.

»Wir haben keine Zeit zu verlieren,« fuhr Rustica fort; »raffe deine Kräfte zusammen und folge mir; Alles ist zur Flucht bereit.«

Mit diesen Worten half sie ihm aufstehen, setzte ihm ihre phrygische Mütze auf den Kopf, hing ihm ihren Fuhrmannsmantel um die Schultern, und nachdem sie ihr Licht ausgelöscht hatte, zog sie ihn durch das Dunkel an der Hand der Abladestelle zu.

Es bedurfte nur weniger Worte, die Fuhrleute in das Geheimniß einzuweihen und sie zu Helfern bei dem Fluchtversuche eines Mannes zu machen, der beim Volke allgemein in Achtung stand.

Da ihr Karren bereits abgeladen war, hieß Rustica den Stadtpräfekten hinaufsteigen und mit den übrigen davonfahren; seine Tochter, fügte sie hinzu, befinde sich im Hause der Irene auf dem Aventin; in der Nähe desselben möge er seinen Karren den Gefährten übergeben.

Rufinus folgte mechanisch; er wußte nicht, war es Wirklichkeit, oder war es Traum, was mit ihm vorging.

Von der Wache unbehelligt, gelangte er in der Reihe mit den andern Fuhrleuten zum Eingange des Bauplatzes hinaus und kam bald, am Colosseum vorüber, zu der Stelle, wo der Weg zum Aventin emporstieg.

Einige der Fuhrleute halfen ihm von seinem Karren herabsteigen.

»Du hast für uns niedrige Leute stets ein Herz gehabt,« sprach einer derselben, »und hast gesorgt, daß es in der Stadt wenigstens nicht an Brod fehlte; deine Gattin aber scheute selbst die elendesten Schlupfwinkel der Armuth nicht, und darum sind wir dir gerne zur Flucht behilflich gewesen.«

Damit schüttelten die Männer ihm treuherzig die Hand und verabschiedeten sich von ihm. Erst als Rufinus allein war und Alles überdachte, überzeugte er sich endlich, daß er nicht träume, sondern daß er wirklich befreit sei. –

Rustica hatte den Karren, auf welchem Rufinus saß, wie mit Falkenblicken durch das Dunkel verfolgt; ihr Herz jubelte, als sie ihn an dem Thorwärter unbehelligt vorüberfahren sah, und so stieg sie denn jetzt selbst zu dem letzten der Fuhrleute hinauf, bereit, mit der Zungenfertigkeit einer Transtiberinerin dem Wächter Rede und Antwort zu stehen.

Dieser hatte sie längst erwartet, um nach Weise solcher Leute mit dem kecken Weibe zu scherzen; er hatte Fuhrmann um Fuhrmann gemustert, und war nun nicht wenig erstaunt, Rustica bei dem Führer des letzten Karrens zu finden.

»Das ist doch merkwürdig,« rief er bei ihrem Anblicke aus; »finde ich dich, du transtiberinische Hexe, da auf dem letzten Wagen! Wer hat denn deinen Karren geführt?«

»Können Gänse und Soldaten hinter einander herlaufen,« entgegnete Rustica spöttisch, »glaubst du, daß mein Gäulchen zu dumm dazu sei?«

»Aber ich habe doch genau Acht gegeben und auf jedem Karren seinen Fuhrmann gesehen.«

»Mein Wein,« entgegnete Rustica mit spöttischem Lachen, »ist dir in den Kopf gestiegen; ich wette, du sähest einen Senator für einen Karrentreiber an.«

»Hol' der Henker dich sammt deinem Wein und deinen Senatoren!« schrie der Wächter ärgerlich dem davonfahrenden Weibe nach. Rustica aber wandte sich um und rief:

»Wie verächtlich du von den Senatoren sprichst! Und doch ist es noch gar nicht lange her, daß du den Thürsteher bei einem Senator gespielt hast.«

»Den Thürsteher bei einem Senator?« murmelte der Wächter für sich; aber Rustica war schon zu weit in das Dunkel der Nacht davon gefahren, als daß er sie nach dem Sinn ihrer Worte hätte fragen können. –

Es dauerte lange, bis Rufinus an dem Hause, in welchem Irene wohnte, den in tiefem Schlaf liegenden Ostiarius zu wecken vermochte. Endlich kam derselbe, öffnete vorsichtig die Thüre auf eine Ritze weit, schaute mit verdächtigen Blicken den Mann in der rothen Mütze an und fragte ihn, was er wolle. Mit Rücksicht auf seinen Anzug, und um seine Tochter nicht durch die unmittelbare Nachricht seiner Befreiung in zu heftige Gemüthsbewegung zu versetzen, gab sich Rufinus für einen Boten aus, welcher an die Matrone Irene eine sehr dringende Nachricht zu überbringen habe.

»Die Matrone Irene,« entgegnete der Pförtner, »ist am Nachmittage von kaiserlichen Häschern aus dem Hause geholt und in's Gefängniß geschleppt worden.«

»Und meine Tochter?« rief ängstlich fragend Rufinus.

»Was weiß ich von deiner Tochter!« antwortete der Ostiarius und schloß, ärgerlich über die nächtliche Ruhestörung, die Thüre wieder, ohne sich weiter um die Fragen und Bitten des Fremden zu kümmern.

Für Rufinus hatte die Annahme, Heraclius habe in einem neuen Racheakte nun auch seine Tochter, und mit ihr Irene, in das Gefängniß werfen lassen, die höchste Wahrscheinlichkeit. Konnte er zweifeln, daß man sie zum Tode verurtheilen werde, wenn morgen seine eigene Flucht entdeckt wurde?

Wie hatte er sich die selige Freude des Erkennens und Wiedersehens ausgemalt, wie hatte sein Vaterherz gebrannt, die heißgeliebte Tochter zu umarmen! Noch wenige Augenblicke, und alle Prüfung und alle Trübsal mußten ein Ende nehmen, und der Himmel, der ihn so wunderbar gerettet, hatte sicherlich auch schon die Wege geebnet, ihn der weitern Verfolgung seiner Feinde zu entziehen. Und jetzt diese plötzliche, schreckliche Enttäuschung! War er denn nur darum befreit worden, daß er Zeuge des blutigen Todes seines Kindes sein solle? O wie wäre es ihm da tausendmal lieber gewesen, wenn er mit demselben hätte sterben können!

Nachdem er lange sinnend dagestanden, entschloß er sich, zur Basilika zurückzukehren und sich selbst den Wärtern wieder zu überliefern. Er wünschte, je eher, je lieber zu sterben.

Eine unsägliche Bitterkeit erfüllte sein Herz, und düstere Schatten lagerten sich über seine Seele. Mit höhnischem Spotte nahte sich ihm der Versucher und raunte ihm in's Ohr: »Siehst du, wie Alles Zufall ist, und die Laune des blinden Schicksals mit dem Glücke der Menschen spielt? Und du Thor hast an einen Gott geglaubt?!«

Es war die erste schwere Versuchung, welche nach dem Empfange der h. Taufe an Rufinus herantrat. Alle Leiden und Mißhandlungen der verflossenen Tage hatte er mit Starkmuth, ohne zu murren, ertragen, begeistert durch das Bewußtsein, als Christ für seinen Gott zu leiden; vom Fieberfrost geschüttelt hatte er dem Himmel gedankt, daß er die Stunden der Prüfung gnädig abkürzen und ihn jetzt bald mit Sophronia in ewiger Seligkeit vereinigen wolle. Dieser jähe Wechsel aber zwischen süßester Hoffnung und solch grausamer Enttäuschung, auf den der körperlich gebrochene Mann so gar nicht gefaßt war, erschütterte seine ganze Seele.

Allein wenn Rufinus derselben Versuchung damals im mamertinischen Kerker erlegen war, heute, als Sohn der Kirche, als Bekenner, gestählt durch die Leiden, die er für seinen Glauben erduldet, war er durch die Gnade stark genug, ihr zu widerstehen. Wie ein häßliches Scheusal des Abgrundes schien der Versucher neben ihm aus der Tiefe aufzusteigen, und mit Grausen und Entsetzen wandte er sich von ihm hinweg.

Indem Rufinus das thränenumflorte Auge zum nächtlichen Sternenhimmel emporhob, rief er voll Inbrunst: »Führe uns nicht in Versuchung!«

Und wie von Gott gesandt, erschien in diesem Augenblicke Rustica. Ueberglücklich, den Stadtpräfekten gerettet zu haben, war sie ihm so rasch als möglich nachgeeilt, um jetzt auch Zeuge des frohen Wiedersehens zwischen Vater und Tochter zu sein. Wohl war auch für sie die Enttäuschung eine schmerzliche; aber das entschlossene Weib wußte sich rasch zu fassen.

Rustica's Zuspruche gelang es, Rufinus wenigstens dahin zu überreden, daß er für die Nacht in ihrer Hütte Obdach nähme. Beide schlugen miteinander den Weg nach der Tiberbrücke ein, wobei Rustica dem körperlich und geistig gebrochenen Manne ihren stützenden Arm lieh.

Wiederholt mußte er bei seiner gänzlichen Erschöpfung sich auf einen Stein an der Straße niederlassen, um auszuruhen. Rustica gab ihm dann wieder zu trinken; aber wenn der vorzügliche Wein ihn auch körperlich stärkte, sein vom Kummer um sein Kind niedergedrücktes Gemüth vermochte sich nicht zu erheben.

»Wäre doch,« seufzte er, »der Tod gekommen, ehe ich diese bittere Enttäuschung erfahren mußte! Ich war auf ihn gefaßt; ergeben in Gottes Willen erwartete ich mein Ende. Und nun leben, wo meine Tochter sterben muß, frei sein, wo sie im Gefängnisse schmachtet! Armes, armes Kind! – Rustica, bete mir das Vater unser vor – mein Geist ist zu umnachtet – zumal die dritte Bitte! – Ja, dein Wille geschehe, dein Wille geschehe!« –

Fast zu der gleichen Zeit – die Mitternachtsstunde rückte bereits heran – sah man einen Mann die Stufen des kaiserlichen Palastes hinaufsteigen, der unter seinem weiten Mantel einen verborgenen Gegenstand trug. Trotz der ungewöhnlichen Stunde ließen alle Wachen ihn unbehindert und ohne zu fragen weiter gehen, bis er in das Gemach des Kaisers gelangte.

Maxentius hatte ihn längst ungeduldig erwartet.

Neben dem Herrscher stand ein phantastisch gekleideter Mann von orientalischem Gesichtsausdruck, eine goldgestickte phrygische Mütze auf dem schwarzen, geringelten Haar, das bis auf die Schultern hinabhing.

»Bringst du das Gewünschte?« fragte Maxentius hastig.

»Es hat noch keine Milch gesogen,« antwortete Jener, indem er ein neugebornes Knäblein vor den Kaiser auf den Tisch legte.

Dieser grinste mit dämonischem Lachen das unschuldige Geschöpf an und wandte sich dann an den Orientalen, indem er sprach:

»So laß uns denn Opferschau halten.« –

Eine Stunde später verließ der Unbekannte den Palast und schlug hastigen Schrittes den Weg nach dem Tiber ein.

Maxentius aber legte sich, von banger Furcht befreit, zur Ruhe: aus den noch zuckenden Eingeweiden des Kindes hatte der Magier ihm den glänzendsten Triumph über Constantin geweissagt. [R2]

Am andern Morgen fand man in einer abgelegenen Gasse, nahe beim Tiberufer, einen mit vielen Dolchstichen Ermordeten, und neben ihm die Eingeweide eines Kindes. Das geheimnißvolle, doppelte Verbrechen, das hier vorliegen mußte, brachte das ganze Viertel in Aufregung. Vom Quästor inquiriert, sagten die Leute der Nachbarschaft aus, sie hätten im Tumult eines nächtlichen Straßenkampfes die räthselhaften Worte gehört: »Mein Kind schlachten … vollen Lohn geben.« Einige behaupteten auch, den Kaiser nennen gehört zu haben, – und darauf stellte der Quästor seine Nachforschungen ein.


Anmerkungen zum IX. Kapitel.

F1: Material für Privatbauten und andere Lasten durften nur vor Sonnenaufgang oder in den beiden letzten Tagesstunden angefahren werden. Allerdings galt diese Verordnung nicht für Fahrten bei Staatsbauten, und gewiß haben sich die Kaiser vielfach über diese Verfügung hinweggesetzt. Allein auf einem so ungemein frequenten Platze, wie es das Forum war, hatte auch ein Maxentius Rücksicht auf den öffentlichen Verkehr zu nehmen, zumal für die Anfuhr des gewöhnlichen Baumaterials.

F2: Während Nazarius in seiner Lobrede auf Constantin nur im Allgemeinen von den »abergläubischen Zaubereien« ( superstitiosa maleficia) redet, auf welche Maxentius vertraut habe, berichtet Eusebius ( Vita Const. I, 36; vergl. K.-G. VIII, 14), der Tyrann habe nicht nur allerlei gräuliche Opfer vorgenommen, um die Dämonen heraufzubeschwören, sondern selbst neugeborene Kinder geschlachtet, um aus ihren Eingeweiden die Zukunft zu erforschen. So sei er zur unzweifelhaften Gewißheit seines Sieges gelangt. ( Tyrannus sceleribus suis quasi quoddam fastigium magicae artis praestigias imposuit, … infantum recens in lucem editorum rimans viscera … et quaedam nefanda peragens sacra ad daemones evocandos … His enim artibus victoriam se adepturum sperabat.) – Lactantius ( de morte persec. 44) erzählt, dem Tyrannen sei geweissagt worden, er werde umkommen, wenn er die Stadt verlasse. – Zeichendeutung und »das ganze unermeßliche Zauberwesen mit all' seiner Gaukelei und Bethörung, mit seinem Wahnwitz, seinen Verbrechen und Gräueln« sind in Rom zu allen Zeiten in hohem Ansehen gewesen, nicht nur beim Volke, sondern auch im kaiserlichen Palaste. Besonders waren es die Orientalen oder Chaldäer, die den größten Einfluß genossen. Asclepiades aus Bithynien behauptete, Kräuter zu kennen, durch die man Seen und Flüsse austrocknen, Alles Verschlossene öffnen, feindliche Heere in die Flucht schlagen, sich alle Dinge im Ueberfluß verschaffen könne u. s. w., und man glaubte ihm. Den Schwindel des Tischrückens kennt schon Tertullian ( Apol. 23), indem er von der Beschwörung der Dämonen redet, durch welche Tische – und Ziegen zu weissagen pflegen. ( Habentes invitatorum daemonum assistentem potestatem, per quos et caprae et mensae divinare sonsueverunt.) Daß auch unter den Christen Manche sich nicht von heidnischem Aberglauben frei zu bewahren wußten, oder vielmehr ihren alten Wahn mit in die neue Religion hinübernahmen, ist eine nicht zu bestreitende Thatsache. Besonders war es die Stellung des Horoscops, d. h. die Beobachtung der Sterne in der Stunde der Geburt eines Kindes, welche auch unter den Christen weit verbreitet war und gegen die unter Andern Gregor der Große ( homil. 10. in evang.) vergebens eiferte. Selbst auf den Grabsteinen findet jener Aberglaube in der ängstlich genauen Angabe des Tages und der Stunde der Geburt und des Todes seinen Ausdruck. Allein während all' dieser Aberglaube dem Heidenthum wesentlich war, findet er im Christenthum seine beharrliche Bekämpfung, und die Väter werden nicht müde, das Wahnwitzige solcher Gaukeleien auf das schärfste zu brandmarken.


 << zurück weiter >>