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17. Wenn der Mammon Krieg führt.

Selbst die Gewaltigen der Erde können überwunden werden.

Wir nennen die beiden rivalisierenden Städte X…by und Y…by – X…by war niedergebrannt und Y…by stand in ungestörter Ruhe unter dem Regiment der Firmen Halm und Graberg.

X…bys Brand war verheerend, aber nicht vernichtend gewesen. Die reichsten und am besten bebauten Quartiere mit ihren Läden lagen in Asche, aber neben diesen Ruinen stand noch ein dritter Teil der unglücklichen Stadt; der größte Teil der Keller und Warenlager am Hafen war unversehrt geblieben. Kapitän Edvardson hatte nicht ohne Glück die erste Verwirrung benutzt, um bei einer möglichen Verlegung der Stadt seiner Firma die größten Vorteile zu sichern; aber wenige Tage nachher hatten die Abgebrannten wieder Mut gefaßt und wiesen jeden derartigen Vorschlag ab. Die brennende Frage, ob die Stadt wieder aufgebaut werden oder von der Karte Finnlands verschwinden sollte, war nun auf aller Lippen das Gespräch des Tages. Zum erstenmal seit langen Zeiten sah man kleine, miteinander streitende persönliche Interessen vor einer großen allgemeinen Frage in den Hintergrund treten; selbst bei den Gleichgültigsten erwachte die Liebe zu den väterlichen Herden von neuem, nur wenige konnten sich mit dem Gedanken vertraut machen, die zerstörte Stadt, wo ihre Wiegen gestanden hatten, für immer zu verlassen. Feinde versöhnten sich, alter Groll ward vergessen, erbitterte Konkurrenten umarmten einander mit dem heiligen Schwur, ihre teure Stadt bis zum letzten Blutstropfen zu verteidigen, und nur etwa zwei bis drei jüngere Kaufleute erklärten sich bereit, nach Y…by überzusiedeln.

Einige Meilen von der Brandstätte entfernt, im glücklichen Y…by, wo unsre Erzählung ihren Anfang nahm, sah man die Sache mit andern Augen an. Auch hier drängte die große Frage die kleinen Interessen zurück; die Meinungen waren geteilt; einige fürchteten, die Fremden würden zu großen Einfluß gewinnen und stritten gegen die Verschmelzung der beiden Städte, aber die große Menge träumte von einer künftigen mächtigen Handelsstadt und unterstützte Halm und Graberg in ihren Plänen aus allen Kräften.

Die beiden rivalisierenden Häuser schlossen in dieser Frage gemeinsamen Vorteils Frieden und Bundesgenossenschaft, jedoch mit dem stillschweigenden Vorbehalt, in allen andern Fragen den Kampf für ihre eigenen Interessen fortzusetzen. Jeder von ihnen führte eine Schar von Anhängern mit sich in den Kampf, und diese vereinte Macht ihrer Kapitalien und ihres Einflusses wurde so stark, daß sie jeden Widerstand niederschlug. Der Bürgermeister und Rat der Stadt waren ganz in den Händen der Alliierten. Die Bürgerschaft ward zusammenberufen und beschloß, die Abgebrannten aufzufordern, samt und sonders nach Y…by zu ziehen, wogegen sie ihnen ein großes, bisher unbebautes Territorium der Stadt frei und umsonst überlassen wollten, sowie Befreiung von Steuern und Abgaben während der ersten Jahre und andere bedeutende Vorteile. Höheren Ortes war die Sache schon vorbereitet; es lag im Interesse des Landes, lieber einen großen und blühenden Stapelplatz zu schaffen, als zwei klein zu behalten, die einander immer befehdeten und es daher nie zu etwas bringen konnten. Diese Nationalökonomie schien voll berechtigt – nur fehlte ihr eins: die Zustimmung derer, die ihre Stadt preisgeben sollten.

Das war der Knoten, und der war nicht so leicht zu lösen. Das Geld rückte mit seinem groben Geschütz vor und, wo das ohne Wirkung blieb, mit leichten Feldkanonen. Halm und Graberg luden die Kanonen, und Edvardson feuerte sie ab. Dieser schlaue Herr reiste zwischen den beiden Städten hin und her, streute hier Versprechungen aus, und ließ es dort an Geld und gutem Rat nicht fehlen, sandte seine Handlanger nach der abgebrannten Stadt – die beiden Kaufleute, die an der Spitze der Minorität standen und nun vor einem Konkurs bewahrt blieben –, gewann Anhänger und wurde für seine thätige Hilfe während des Brandes hochgepriesen. Große Transporte von Baumaterial kamen für die Abgebrannten an; er kaufte es zu hohen Preisen, sicherte sich alle Mauersteine und alle fertigen Balken, die er in der Nähe auftreiben konnte; er bot allen Zimmerleuten, Schmieden und andern Handwerkern, welche die Wiederaufführung der abgebrannten Höfe annehmen wollten, Arbeit in seiner Stadt an. Das alles kostete viel Geld, aber was hatte das zu bedeuten? Das Geld führte Krieg, das Geld verheerte das Territorium des Feindes, das Geld streute – nach dem Vorbilde der alten Römer – Salz in die Ruinen der zerstörten Stadt, deß zum Zeichen, daß sie sich nie wieder als ein Phönix aus der Asche erheben solle. Und das Geld ist ein mächtiger Kriegsherr; es sendet seine Späher und Spione aus, unterminiert die schwachen Punkte des Feindes, schießt Breschen und stürmt die Wälle; wie sollte es nicht siegen?

Und doch geschieht es jeweilen, daß es aus dem Felde geschlagen wird; auch geschieht es, daß Geld mit dem Gelde kämpft, und dann gewinnt der Stärkere; aber es passiert auch wohl, daß der Kriegsherr auf menschliche Gefühle stößt, die er zu andern Zeiten verachtet, oder auf die unbestechliche Stimme des Gewissens, die er in Rechnung zu bringen vergaß, und dann kann selbst dieser Herr der Welt überwunden werden. Ein solcher Fall traf während jenes Krieges um die Existenz einer Stadt wirklich ein.

Auch die abgebrannte Stadt hatte ihre Kapitalisten, die nun allen Groll und alles Rivalisieren vergaßen und ihre vereinte Geldmacht gegen den mächtigen Angreifer warfen. Die ganze Gegend ward durch eine Art Auktion über Arbeitskraft und Baumaterial überrascht. Beides stieg unerhört im Preise, da die eine Partei die andere immer überbot. Aber das hatte Edvardson gerade berechnet; ob diese hohen Preise seinem Prinzipal auch viel Geld kosteten, es wurde doch auch der Wiederaufbau der zum Tode verurteilten Stadt sehr erschwert; die weniger Bemittelten konnten nicht bauen, murrten laut und hielten sich zur Minorität, die nach Y…by ziehen wollte. Hier war der Sieg auf der Seite des Geldes, aber das Blatt wandte sich.

Im selben Maße, als man nach dem großen Brande mit natürlichen und künstlich hervorgerufenen Schwierigkeiten zu kämpfen hatte, wuchs auch die Liebe zur Heimat und zur Geburtsstadt. Nicht wenige Bürger der zerstörten Stadt, arme und reiche, schlossen sich zusammen und schwuren, sie wollten sich aus allen Kräften der Übersiedelung widersetzen. Sie schafften Kapitalien, kamen den Unbemittelten zur Hilfe, ließen in ferneren Gegenden mancherlei, was sie dringend bedurften, aufkaufen, hielten Zusammenkünfte, gingen von einem zum andern und drangen darauf, daß eine Deputation an die Regierung gesandt würde, die zur Wiederaufbauung der Stadt um ein zinsfreies Darlehen bitten sollte. Mit warmer Begeisterung traten sie für ihre Überzeugung ein, es bedürfe das dünn bevölkerte Land nicht einige wenige große Städte, die durch weite Heideflächen voneinander getrennt seien, sondern gut gelegene kleinere Stapelplätze, die einen Schutz gegen die Monopole gewährten und der ländlichen Bevölkerung die Wahl zwischen mehreren Märkten ließen, damit sie ihre Waren da verkaufen könnten, wo sie am besten bezahlt würden. Die Zeit der Tagesblätter, solche Fragen zu ventilieren, war noch nicht gekommen; die kleinen Zeitungen, welche in Abo und Helsingfors erschienen und höchstens ein- oder zweimal wöchentlich aufs Land kamen, brauchten ihren beschränkten Raum für gelehrte Abhandlungen, Stiftsneuigkeiten oder Liebesnovellen und hatten für eine abgebrannte Stadt oder deren ungewisse Zukunft keine Zeile übrig. Das mündliche Wort machte sich, so gut es ging, auf die Reise, und suchte für das, was ihm gut und heilsam deuchte, einzutreten, wurde durch Gerüchte getrübt und durch persönliche Antipathien verwirrt, aber bildete schließlich eine Opinion, die sich wider die Übermacht des Geldes erhob. Doch war diese Opinion für oder wider ein bedeutender Vorteil für zwei Städte, die bisher miteinander rivalisiert und in kleinen persönlichen Fragen befehdet hatten. Denn nun hatten sie ja ein gemeinsames Ziel, das schon des Kampfes wert war; es vereinigte die zerstreuten Wünsche und Kräfte, stärkte und verjüngte sie; der Angreifer fühlte den Mut, größer und stärker werden zu wollen, der Angegriffene den Mut, leben und für seine Existenz kämpfen zu wollen.

Ungefähr vier Wochen nach dem Brande war der Streit und die Gereiztheit der beiden Städte aufs höchste gestiegen. Die Entscheidung lag nun bei der Regierung des Landes, die wohl nicht mehr wie in alten Tagen durch einen Machtspruch die eine Stadt direkt zwingen durfte, nach der andern überzusiedeln, wohl aber ihre Absichten dadurch erreichen konnte, daß sie X…by jegliche Unterstützung weigerte, ihre Zollkammer eingehen ließ, ihr Postcomptoir aufhob und vor allem die neue Regulierung der Stadt ins Unendliche zog. Was in unsern Tagen unmöglich zu sein scheint, war mit der unberechenbaren und von persönlichem Einfluß abhängigen Staatskunst jener Zeit nicht nur möglich, sondern erschien auch vielen als das Wahrscheinlichste. Die beiden mächtigen Alliierten, Halm und Graberg, hatten nicht nur die Bürgermeister beider Städte in ihrer Macht, sondern auch den Landeshauptmann und, was mehr sagen wollte, des Landeshauptmanns Gemahlin, die wieder mit einem damals allmächtigen Mann, der an der Spitze der Regierung stand, nahe verwandt war. Alle Triebfedern wurden in Bewegung gesetzt, alle Räder geschmiert – in den niederen Regionen mit klingenden, in den höheren mit überzeugenden Gründen; denn was man auch den finnischen Beamten vorwerfen mag, sie lassen sich nicht bestechen, und das thaten sie auch damals nicht. Im tiefsten Grunde aber war es doch eine Handels-, will sagen, eine Geldfrage; also wollte das Geld in diesem erbitterten Kriege, in welchem ja freilich kein Blut vergossen ward, das Feld behalten und den Sieg davontragen. Die Herren Halm und Graberg waren von dem Sieg des Geldes so überzeugt, daß sie, obgleich in diesem Kampf gute Alliierte, doch schon wieder ihren geheimen Krieg untereinander eröffneten und sich die wichtigsten Stapelplätze der Stadt Y…by zu sichern suchten; denn wenn die Stadt X…by nach Y…by übersiedelte, mußten diese ja doppelt so wertvoll werden wie zuvor.

Wie sicher ein Feldherr jedoch seines Sieges sein mag, er wird es doch niemals unterlassen, seine Position durch neue Angriffs- oder Verteidigungsmittel, wo solche innerhalb der Grenzen der Möglichkeit liegen, zu verstärken. Und in der That war noch ein solches Mittel übrig, um X…by zu imponieren. Die Häfen beider Städte hatten nämlich mit der ganzen Westküste dasselbe Schicksal über sich ergehen lassen müssen; sie waren im Lauf der Zeiten immer seichter geworden, da sich in diesen Gegenden das Land immer mehr erhebt und infolgedessen der Wasserspiegel sinkt, in jedem Jahrhundert um ein Fuß. Glückte es nun Y…by, einen bessern Hafen als X…by zu erhalten, so war das ein so triftiger Grund für die Übersiedelung, wie kaum ein andrer. Konnte die Natur nicht gezwungen werden, diesen sprechenden Grund zu prästieren? Ja, es war möglich, wenn man eine früher befahrene, aber nun versandete bequemere Wasserstraße wiederherstellte. Diese Arbeit kostete zwar nicht wenig, war also auch eine Frage, auf welche die Artillerie des Kapitals ihre Aufmerksamkeit richten mußte, aber man hoffte, das Geld durch eine nach fünfzig Jahren zu amortisierende Anleihe zu erhalten. Die jetzt Lebenden sollten den Vorteil haben, die Nachkommen die Schuld bezahlen.

Die Bürgerschaft ward zusammenberufen; sie stutzte über den Plan, aber schien doch dem weisen Orakelspruch der Mächtigen gehorsam sein zu wollen. Alles ging nach Wunsch, als plötzlich ein unerwarteter Gegner auftrat.

Konsul Lars Graberg hatte einen alten, kinderlosen Onkel, den früheren Ratsherrn und Fischhändler, Rufus Graberg, ein Original, wie es sich jetzt selten anderswo als bei der Fischerei zeigte, wo er über Einsalzen und Verpacken guten Rat erteilte. Der kleine gemütliche alte Mann mit seiner schiefen Perrücke, seinem rotwollenen Wams unter dem groben Rock von eigen gemachtem Tuch und seinem Reichtum von Sprichwörtern war wegen seines klugen Kopfes und seiner satirischen Laune überall bekannt. Um die Angelegenheiten der Stadt hatte er sich seit vielen Jahren so wenig gekümmert, daß es allgemeine Verwunderung hervorrief, als er nun seinem eigenen Brudersohn an der Spitze einer Opposition entgegentrat.

»Ich habe sagen hören,« fing er an, »daß das Summen der Mücken im Himmel nicht gehört wird, Finnisches Sprichwort. aber ich habe auch sagen hören, es sei kein Kopf so schlecht, daß er nicht ein Körnlein Verstand in sich haben könne. Finnisches Sprichwort. Nun wollt ihr den Wirta-Sund aufwühlen, um die Nachbarn herzulocken, und wenn sie kommen, laßt Ihr sie die Mahlzeit bezahlen. Aber nasse Erde braucht keine Feuchtigkeit mehr; Finnisches Sprichwort. sie haben genug, um ihren eigenen Schaden zu bezahlen, warum wollen wir sie auch noch unsern Vorteil bezahlen lassen? Ihr meint, in einem Brunnen sei Platz genug für zwei Kröten, aber ich will Euch etwas sagen, fremde Menschen bei sich aufnehmen heißt nichts anderes, als seine Kinder Fische rein machen lassen – für einen, den sie rein machen, essen sie zwei auf. Laßt X…by in Frieden; jeder kocht seine Grütze am besten, selbst wenn nichts andres als magere Rübenstiele drin sind. Finnisches Sprichwort.

Der kleine graue Mann stand tapfer und richtig zwischen einem jüngeren Geschlecht, von welchem manche im geheimen seiner Ansicht waren, ohne daß sie es auszusprechen wagten. Es ward lebendig im Lager; die Meinungen gingen auseinander, die Gegenpartei hatte einen Sprecher gefunden. Edvardson war fort, er wühlte vermutlich anderswo in einem Maulwurfshaufen; der Bürgermeister lag wegen der Gagen mit der Stadt in offener Fehde; Lars Graberg durfte einen kinderlosen Onkel nicht vor den Kopf stoßen – man fürchtete schon, er würde sein Vermögen für öffentliche Institutionen testieren. Hans Hermann Halm brauchte aus diesem Grunde nicht zu schweigen. Er zeigte, welche Vorteile die Stadt von einem verbesserten Hafen und einer doppelt so großen Handelsflotte haben werde, aber er redete nicht mit gewohnter Kraft und Begeisterung, er war zerstreut und dachte an etwas anderes. Der halsstarrige Alte trat ihm mit seinen Sprichwörtern entgegen: »Reden bauen keine Brücken, sondern der Zimmermann, und was der Vogel im Schnabel hat, hat er noch nicht im Kopf.« Der Beschluß konnte nicht durchgesetzt werden; das Geld hatte eine Bataille verloren; der entscheidende Schlag stand noch bevor, und der mußte aus dem Centrum der Regierung kommen.

»Der alte Rufus ist doch ein Kerl,« flüsterte die siegreiche Gegenpartei bei sich selber. »Auf ihn kann man eins seiner eigenen Sprichwörter anwenden:

Den alten Hund mir nicht verachte,
Er beißt noch immer tief ins Bein.«


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