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2. Die Firma Lars Graberg.

Ich möchte das für ein Geschäft halten.

An einem kalten Dezembertage saß Konsul Lars Graberg – er, der nicht Kommerzienrat geworden war – in seinem Comptoir. Dasselbe lag neben dem Saal, vor der Schlafkammer, hatte einen besonderen Ausgang nach dem Vorzimmer, das nicht heizbar war, und sah im übrigen kaum wie das tägliche Arbeitszimmer eines reichen Kaufmanns in unsern Tagen aus. Ein Schreibtisch, ein Pult, ein Sopha, einige mit Leder überzogene Stühle, ein Schrank für die Rechnungsbücher und an der Wand ein Comptoirkalender mit den gewöhnlichen Kreuzen über die verflossenen Wochen, die Kasse im Schreibtisch der Schlafkammer; kein Luxus, keine kratzende Feder, die von zerstreuten Comptoiristen mit bleicher Gesichtsfarbe und starren Augen geführt wurde. In dieser Werkstatt, in welcher der Kurs der Schiffe über das Meer dekretiert wurde, von wo aus die Post reichlich mit Briefen und Paketen versorgt, und Hunderte von Arbeitern in Bewegung gesetzt wurden, befand sich kein anderer Werkmeister als der Chef und eine schwarze Katze, die ihr Leben so behaglich wie möglich auf dem gepolsterten Sopha verbrachte.

Der gegenwärtige Chef des Hauses Graberg war ein ungefähr fünfzigjähriger Witwer, mit dunklem Haar, glatt rasiertem, bleichem Gesicht, und etwas korpulent; sein blauer Comptoiranzug war sorgfältig gebürstet, die Halsbinde schwarz und die Vatermörder weiß und steif. Er hatte einen Sohn, drei Buchhalter und ebenso viele Laufburschen außer dem gewöhnlichen Dienstpersonal, aber keiner derselben ward eines Sitzes im Comptoir gewürdigt; nur am Vormittag, wenn die Bauern in Empfang genommen wurden, durfte der älteste Buchhalter zugegen sein, um die Rechnungen auszuschreiben. Die ganze Post, mit Ausnahme der englischen, französischen, spanischen und italienischen wurde vom Chef selber besorgt.

Er hatte gerade einen eben angekommenen Brief gelesen und zur Feder gegriffen, um zu antworten, schien aber in Zweifel zu sein, was er schreiben solle. Es lag wie eine Wolke über seiner Stirn. Die Unterlippe schob sich bedenklich über die Oberlippe hinaus.

Der Herbststurm heulte gegen die Fenster. Die Wanduhr im Saal schlug elf. Ehe der letzte Schlag noch verklungen war, trat ein alter etwa siebzigjähriger Mann ins Comptoir hinein. Er war klein und hager, äußerst sorgfältig gekleidet in einen blauen Anzug und mit weißer Halsbinde, lebhaft und aufmerksam wie ein Jüngling, mit klugen, stets umherspähenden grauen Augen und in seinem ganzen Wesen vorsichtig und wachsam wie ein Vogel. Er zog seinen dünnen Überzieher aus, hängte ihn an einen Haken neben der Thür, strich mit seinem Rockärmel über den feinen schwarzen Cylinderhut und schien dann die Befehle seines Chefs zu erwarten.

»Guten Morgen, Edvardson!« sagte Konsul Graberg in gleichgültigem Ton, ohne sich umzuwenden.

Kauffahrteikapitän Edvardson, Grabergs Assistent in der ausländischen Korrespondenz nahm an einer Ecke des Schreibtisches Platz und fragte: »Neues vom Neptun?«

»Nein, vom Jupiter. Havarie an der jütischen Küste!«

»Große?«

»Vermutlich.«

»Wieder flott, hoffe ich?«

»Flott. Masten gekappt, Deckslast über Bord.«

»Hm … Nicht versichert!«

»Das ist mein Princip. Sechs Schiffe bezahlen das siebente.«

»Man repariert in Bremen?«

»Vielleicht … Ich habe einen Brief von meinem Sohn gehabt. Er will seine Studien in Helsingfors abbrechen und sich dem Handel widmen.«

Der Kapitän knipste mit den Fingern. – »Nun denk mal! Das nenn' ich Glück. Wiegt wahrhaftig Jupiters Havarie auf. Lars Roderik ist am Ende doch ein ganz vernünftiger junger Mann.«

»Sag' lieber, ein ganz verrückter Mensch. Nachdem ich mich schließlich in seine Leidenschaft für die Bücher gefunden hatte, hätte er auch Magister werden können. Das hätte nicht mehr gekostet und Kenntnisse sind immer nützlich. Ich weiß, was es heißt, wenn man noch auf seinen alten Tagen Geographie lernen muß.«

»Sag's nicht! Bruder Graberg hat reellere Kenntnisse als mancher Magister. Die Wissenschaft verdreht den jungen Herren die Köpfe. Ein Kaufmann Magister! Haben wir Lateinisch nötig gehabt, wie?«

»Nein, aber die Wissenschaft giebt Ansehen. Die Schale wirft man über Bord, den Kern behält man. Edvardson … wir sind ja alte Freunde. Kann ich mich auf Bruder verlassen?«

Der Kapitän strich über seinen Hut und fragte: »Steh' ich im Ruf, ein Schwätzer zu sein?«

»Edvardson … der Bursche ist toll. Der Handel ist nur ein Vorwand. Er will seine Studien unterbrechen, weil er in Lisu Halm verliebt ist.«

»In des Kommerzienrats Nichte!« sagte der Kapitän mit satirischem Nachdruck auf das erste Wort.

Konsul Graberg schwieg.

Der Kapitän schlug mit dem Lineal auf den Tisch. »Knabenstreiche! Heute Lisu, morgen eine andre!«

»Glaub's nicht. Man sagt, Eigensinn sei eine Erbsünde. Hätte ich dem Burschen nicht erlaubt, zu studieren, so wäre er nach Schweden durchgegangen. Geb' ich ihm Lisu nicht, läuft er mit ihr nach Rußland. Edvardson, Du bist ein kluger Kerl … was soll ich ihm antworten?«

»Lisu Halm Kredit: ein praktisches, tüchtiges und häusliches Mädchen.

Debet: Pietistin.

Kredit: Mit Ausnahme eines Jahres in Stockholm zum Handel erzogen. Backt Schiffsbrot. Reist mit ihrer Mutter zu Markt. Kauft Talg und Flachs auf. Kann einen Bücherwurm in einen Kaufmann verwandeln.

Debet: Hans Halms Nichte.

Kredit: Einziges Kind. Erbt wenigstens 200 000.

Debet: Hans Halms Nichte.

Kredit: Ist mit den Geschäften des Hauses ganz vertraut. Steht sich mit den Theerbauern gut. Kann die Hälfte von Halm & Comp.'s Kunden zum Hause Graberg hinüberziehen.

Debet: Hans Halms Nichte.«

Der Kapitän nahm die Papierscheere, schnitt ein grinsendes Gesicht und sagte: »Ich wüßte nichts, was Hans Halm mehr ärgern würde.«

»Glaubt Bruder?«

»Und übrigens, falls Lars Roderik nur nach Hause kommt, findet er den Vogel ausgeflogen und das Nest leer. Frau Margarete Halm ist heute morgen mit ihrer Tochter Lisu nach dem Tammerforser Markt gereist.«

»Vermutlich, um für ihre eigene und ihres Schwagers Rechnung Flachs aufzukaufen?«

»Sehr wahrscheinlich. Die Konjunkturen sind gut.«

»Sind nicht schlecht. Ich sandte Pellavoinen schon gestern hin, er hat eines Tages Vorsprung,« sagte der Konsul mit einem Lächeln, das sagen sollte, er habe einen Konkurrenten überlistet.

Der Kapitän schwieg einige Augenblicke, nahm wie in Gedanken einen unbeschriebenen Bogen Papier und zerschnitt ihn langsam in zwei Teile. – »Das geht nach Noten,« brummte er für sich hin. »Ist es sicher, daß Lisu Lars Roderik ihr Ja giebt?«

»Als sie sechs Jahre alt war, kratzte sie ihn ins Gesicht; als sie zehn Jahre alt war, schlug sie ihn mit der Elle an den Kopf. Als sie zwölf Jahre alt war, ließ sie sich im Witwenspiel von ihm fangen, und als sie vierzehn Jahre alt war, mußte ich um ihretwillen den Knaben aus dem Hause schicken. Nun ist sie achtzehn und nimmt ihn.«

»Gut. Wie ich nun dieses Papier zerschneide, so soll die Firma Graberg die Firma Halm zerschneiden und das beste Teil für sich behalten. Laß den Burschen nach Hause kommen und sich verheiraten.«

»Edvardson, ich bin ein guter Christ. Man soll mir nicht nachsagen, daß ich nach fremdem Gut trachte. Gott sei Dank, bedarf ich dessen nicht. Was frag ich nach Hans Halm und seinem neuen Titel? Ich bin trotzdem ein braver Kerl. Bruder sieht die Sache in anderm Licht an, weil Bruder gegen die Firma Halm einen alten Groll nährt.«

»Und wenn's so wäre,« fuhr der Kapitän fort und schlug mit der Scheere kräftig gegen den Tisch, »wenn ich wie eine Mauer vor der Firma Graberg stünde, hätte ich nicht Grund dazu? Die eine Firma nimmt mir in Gegenwart der ganzen Besatzung das Kommando, prozessiert mit mir über Havarie und Rechnungen, bringt mich fast an den Bettelstab und chikaniert mich vor dem Gericht. Die andere birgt mich wie eine Planke auf der See, macht mich zum Befehlshaber eines doppelt so großen Schiffes und erweist mir die Ehre, daß ich im Comptoir einen Platz einnehmen darf, da ich zu alt geworden bin, um zur See zu fahren. Warum sollte ich denn nicht für das Haus Graberg Geschäfte machen und in seinem Interesse ein guter Christ sein? Mein Rat also, wenn Bruder ihn hören will, ist der, daß Lars Roderik als Compagnon in die Firma aufgenommen wird und sich je eher je lieber mit Lisu Halm verheiratet.«

»Ich will's mir überlegen.«

»Das steht Bruder frei, aber bedenk es auch, daß Hans Halms ältester Sohn John im Frühjahr von England nach Hause zurückkehrt. Er wird ein gefährlicher Konkurrent werden. Der Vater sieht eine Partie mit Lisu und ihm als selbstverständlich an.«

»Lisus Mutter, meine Schwägerin Margarete Halm, dürfte derselben Ansicht sein. Nein, das geht nicht an, Edvardson!«

»Die alte Frau Margarete ist eine herumziehende Marktboutique. Biete über, so erteilt sie Dir den Zuschlag.«

»Geht nicht, sage ich. Hans Halms Nichte und eine Pietistin! Nein, geht nicht.«

Der Kapitän biß in die Papierscheere hinein, als wär's Kautabak, machte ein Auge zu und sagte: »Es findet sich auf der Kredit-Seite ein Posten, den Bruder übersehen hat und der doch alle andern aufwiegen dürfte. Sten Halm …«

»Was? Der alte Wucherer!«

»Gerade der elende Wucherer mit seiner Million auf dem Boden seiner Geldkiste. Er, der in der Welt umherschwärmte und nun seit zwanzig Jahren wie ein Maulwurf in Storkyro lebt.«

»Man erzählt sich wunderliche Geschichten von ihm. Es heißt, der Kerl sei nicht recht klug.«

»Millionen sammeln und nicht recht klug sein! Was sind wir denn, Bruder Graberg? Bruder weiß vermutlich nicht, daß Lisu im Winter zwei volle Monate bei dem alten Juden ausgehalten hat. Er ist unverheiratet und in meinem Alter. Alles, was er besitzt, hat er selber erworben, so daß er darüber disponieren kann, wie er will. Es ist daher klar wie der Tag, daß Lisu einzige Erbin sein wird.«

»Hm … eine Million.«

»Wenigstens. Merke also: hier diese Summe plus, dort dieselbe Summe minus. Ich sollte meinen, das wäre ein nicht zu verachtendes Geschäft.«

»Bruder hat so unrecht nicht.«

»Was die wunderlichen Geschichten angeht, so ist das etwas, was nur die Familie betrifft. Hans Halm ist jetzt Kommerzienrat. Ob sein ältester Bruder Sten … ja, was soll ich sagen? … ein leichtsinniger Mensch gewesen … ob in der Familie nicht alles so ist, wie es sein müßte … was Lisu nicht angeht …«

»Edvardson … wir müssen uns zuverlässige Nachrichten zu verschaffen suchen. Ich bin ein guter Christ, und will keinen Verdruß bereiten, aber wir müssen wissen, was hinter diesen Geschichten steckt. Meine Mutter erzählte mir seiner Zeit, daß der alte Hans Christopher Halm, der Vater, Geister gesehen hat. Verschaffe mir Gewißheit, so streichen wir die eine Schuld von tausend Reichsthalern durch.«

»Und die andere im selben Betrage geht denselben Weg, wenn Lisu Halm Frau Graberg wird.«

»Nein, warte ein wenig, Bruder Edvardson! Die andere Schuld fällt hin, wenn Frau Lisu Graberg die Erbschaft Sten Halms antritt.«

»Gut. Und Lars Roderik kommt zurück …«

»Um mein Compagnon zu werden.«

»Hat Bruder noch mehr zu befehlen?«

»Nein. Lebe wohl, Edvardson. Viel Glück.«

»Lebe wohl.«


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