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7. Schwager Sten.

Ich diene stets meinen Nächsten, und wäre es auch mit meinem letzten Heller.

Der späte Dezembertag fing schon an im Nordosten zu grauen, als Lars Roderik Graberg am folgenden Morgen auf seinem harten Lager von Frau Margaretas wohlbekannter Baßstimme aus dem Schlaf geweckt ward. »Die Pferde sind vorgespannt,« hieß es; »wir reisen weiter und trennen uns nicht eher, als bis wir in Lappo sind.«

Der Jüngling erhob sich voller Schmerzen in den Gliedern und merkte bald, daß aller Widerstand vergeblich war. Man. bezahlte vierundzwanzig Schillinge für Nachtlager und Kaffee pro drei Personen, setzte auf den unergründlichen Wegen seine Reise mühsam fort und nahm das nächste Nachtquartier in Lappo. Hier waren mehrere Fremdenstuben: selbst eines Studenten gerechte Wünsche wurden hier befriedigt, und Lars Roderik war mehr und mehr zu dem Resultat gekommen, daß seine Cousine doch nicht dem Typus eines Marktfräuleins entsprach. Am folgenden Morgen erklärte er, in dieser rauhen Jahreszeit könne er zwei wehrlose Frauen nicht ohne Schutz lassen und werde sie bis zum Kommissär in Storkyro begleiten.

»Wehrlose Frauen!« sagte die Tante in höhnischem Ton. Davon wollte sie nichts hören.

»Aber ich komme ja nicht als Erbe, und kann nützlich sein, wenn der Kommissär krank ist.«

Frau Margareta überlegte. »Ja, das ist wahr; ich kann Dich nach Wasa zum Doktor und Apotheker schicken.«

Lars Roderik blieb also der Damen Begleiter. Es war schon spät, als unsre Reisenden am dritten Abend, nachdem sie einander getroffen hatten, über die berühmten Felder Storkyros in das Territorium der Gemeinde Napo kamen. Das Tauwetter hatte schon den größten Teil des Schnees geschmolzen, so daß die fruchtbare, aber waldlose Ebene ihre weiße Decke bereits fast ganz verloren hatte. Große Steinfelder, kahle Weideplätze und Acker, die in Brache lagen und fast ohne Schnee waren, gaben der ganzen Landschaft einen einförmigen Charakter; nur hier und da sah man grüne Felder, die den Reisenden sagten, daß sie nun in der reichsten Landschaft Finnlands und Osterbottens seien, zwischen jenen unübersehbaren Feldern, deren Länge und Breite sprichwörtlich geworden ist.

Wäre Finnlands Geschichte damals schon aufgefunden, hätte sich jedenfalls ein Student dessen erinnern müssen, daß hier, auf diesen Feldern, zwischen diesen überall umherliegenden Felsen und aus dem Eise dieses breiten Flusses mit seinen niedrigen Ufern Finnlands Schicksal am 19. Februar 1714 durch die Schlacht von Storkyro entschieden wurde. Aber soll man den vergangenen Zeiten einige Aufmerksamkeit schenken, dann muß man nicht zu tief in strahlende Mädchenaugen der Gegenwart blicken. Die Reisenden erblickten plötzlich einen einzelnen Lichtschein, der von einem Hof vor dem Dorfe kam. »Da,« sagte der Fuhrmann, indem er in die Finsternis hinauszeigte, »da wohnt der ›Goldkommissär‹ – Kulta Komisarius. – Sind schon reiche Herren mit Pferden und Wagen in den Hof hineingefahren und in Lumpen, mit bloßen Füßen und dem Ranzen auf dem Rücken wieder herausgekommen.«

»Der Kommissär soll sehr krank sein?« fragte Frau Margareta, die nicht zu hören schien, wie schlecht es den reichen Herren dort ergangen sei.

»Gewiß, er ist sehr krank,« antwortete der Fuhrmann. »Aber es giebt etwas, was ihn kuriert. Er wird immer gesund, wenn er irgendwo pfänden kann. Wär nicht der Küster …«

»Ist der Kommissär in der Heilkunst erfahren?«

»Weiß ich nicht,« antwortete der Fuhrmann. »Aber wenn der Kommissär eine Pfändung vornimmt, bezahlt der Küster, und dann ist der Kommissär gleich wieder krank.«

Ungefähr um acht Uhr abends hielt der Schlitten vor einem einsamen Hof, der von ziemlich großen, aber sehr verfallenen Wirtschaftsgebäuden umgeben war. Der wohlhabende Osterbotte baut gewöhnlich große und hübsche Wohnhäuser mit einer Menge von hohen Fenstern, die Licht und Luft reichlich einlassen, weshalb ein Fremder oft Herrenhäuser in einer Gegend zu sehen glaubt, in welcher diese doch seltener sind als in irgend einem andern Teil des Landes. Aber dieses verfallene Haus mit seinem schiefen Giebel, dem halbheruntergefallenen Dach und vielen zerbrochenen Fenstern sah in dem reichen Storkyro keineswegs wie die Wohnung eines reichen Mannes aus. Und die Schäden des Hauses traten um so deutlicher hervor, als es in zwei Etagen aufgeführt, und alle Fenster der unteren Etagen mit Fensterläden wie verbarrikadiert waren. Die Reisenden glaubten verkehrt gefahren zu sein, als sie vor dieser Ruine hielten.

»Wohnt der Kommissär hier?«

»Eisen gehört auf den Grund des Meeres, Kupfer den Bergen und Gold den Steinhaufen,« antwortete der Fuhrmann.

Der Schimmer eines Lichtes, den man durch die Ritzen eines Fensterladens bemerkte, bezeugte es jedoch, daß diese öde und unheimliche Wohnung nicht ohne Bewohner war. Man hörte lautes Hundebellen, und hervor stürzte einer jener fuchsähnlichen Hühnerhunde, die in den schwedischen Dörfern gewöhnlich »Schütze« oder »Schnell« heißen, in den finnischen dagegen »Mufti«, wenn sie schwarz, und »Ransi« – Kranz –, wenn sie einen weißen Flecken am Halse haben. Lars Roderik war unvorsichtig genug, diesen Willkommensgruß mit einem Peitschenknall zu beantworten, was ihm der vierbeinige Hüter des Hauses sehr übel nahm. Es entstand ein wahrer Höllenlärm, denn von dem andern Ufer des Flusses schienen etwa zehn bis zwölf Hunde das als eine Aufforderung zu betrachten, und ein entsetzliches Heulen und Bellen hallte an dem dunkeln Winterabend überall wieder.

»Hat der Kommissär sich diese Wohnung gesucht, um ländliche Ruhe zu finden, so ist er wahrhaftig reingefallen,« lachte der Student. »Aber da wir nun mit dem Cerberus Bekanntschaft gemacht haben, wird Pluto wohl auch nicht mehr fern sein.«

Mit diesen Worten ging er weiter und donnerte mit seiner Hand gegen die verschlossene Thür. Ja, donnern war keine Kunst, aber die Thür aufmachen, war noch etwas anderes. Lars Roderik donnerte in allen Tonarten, von dem leisen Klopfen mit einem Finger an bis zu dem wildesten Furioso mit geballter Faust, aber alles vergebens. Die Geduld des jungen Herrn war lange nicht so stark wie die eisenbeschlagene Thür.

Als weder die mildere noch die gröbere Tonart irgend eine Wirkung hatte, griff er zu einem Mittel, das zwar nicht gerade sehr sanft und nachahmenswert war, aber sich doch oft schon als unfehlbar erwiesen hatte, wenn schläfrige Studenten zu nächtlicher Zeit an die Thür verschlossener Wirtshäuser klopften. Er feuerte unmittelbar vor den Fensterladen eine seiner Pistolen ab.

Noch war der Knall nicht verklungen und noch hatte der Rauch sich nicht verzogen, als sich in einem der nächsten Fensterläden ein kleines rundes Loch zeigte und in demselben ein Gewehrlauf, dann hörte man einen neuen Knall und eine Kugel fuhr so dicht an dem Ohr des jungen Studenten vorüber, daß er unwillkürlich nach seiner Mütze griff, um zu fühlen, ob er sie noch auf dem Kopf habe. In gerechtem Zorn nahm er seine zweite Pistole, die aber nach der Bataille bei der Räuberhöhle glücklicherweise nicht wieder geladen war.

»Was machst Du da?« rief Frau Margareta aus dem Schlitten heraus. »Schämst Du dich nicht, hier zu schießen! Sag ihnen, wir seien Verwandte, die für die Nacht freundliche Aufnahme und Obdach begehrten.«

»Das sollte was helfen!« antwortete der Student bitter. »Was fragt ein geiziger Hund danach, und wenn ichs mit Kreide an die Thür schreibe: allernächste Familie? Nein, Tante, Pluto hat keine Schwägerin. Der Mammon hat weder Vater noch Mutter, Schwester noch Bruder, der Mammon erkennt keine andre Verwandte an als nur wieder den Mammon … und deshalb … nun wird Tante hören … Herr Kommissär! … Schließen Sie, bitte, auf! … Ich bin der königliche Steuereinnehmer Stigell von Laukkas … ich komme wegen eines kleinen Geschäfts … ich soll morgen auf einer Auktion beim Landeshauptmann zu Wasa ein Bauerngut kaufen und nehme es mit den Bedingungen nicht so genau, wenn der Herr Kommissär mit sechstausend Reichsthalern assistieren will …«

»Bist Du verrückt? Schwager Sten ist ja todkrank!«

»Donner und Doria … das hatte ich vergessen! Aber laßt uns sehen, ob nicht sechstausend Pillen einen Toten wieder ins Leben rufen … Wahrhaftig!«

Ein Fensterladen über der geschlossenen Thür wurde geöffnet, ein Kopf mit einer Nachtmütze sah heraus, und eine mürrische, aber durchaus nicht schwache Stimme fragte: »Wer überfällt denn mitten in der Nacht friedliche Menschen?«

»Gehorsamster Diener! Nehmen Sie mir es nicht übel; ich war in Eile, und fand kein anderes Mittel, zum Ziel zu kommen. Ich habe meinen Namen genannt: königlicher Steuereinnehmer Stigell. Sechstausend Reichsthaler. Volle Sicherheit. Renten und Provision, wie Sie es wünschen.«

»Na, warum wendet sich der Herr denn in solcher Sache an einen armen Mann, der sich sein tägliches Brot sauer verdienen muß? Böse Zeiten, schlechte Zeiten … Reisen Sie zu Major N. auf Tottesund …

Woher sollte ich wohl sechstausend Reichsthaler nehmen? Solch ein Einfall! Wollen der Herr mir nicht auf mein ehrliches Gesicht Geld leihen, daß ich dieses Jahr meine Steuern … zwanzig Reichsthaler bezahlen kann?«

»Na, Gott sei dem alten Filz gnädig! er kann eine ganze Stadt kaufen!« rief Frau Margareta und kletterte aus dem Schlitten heraus, da sie ihren Ärger nicht mehr zurückhalten konnte.

»Still, Tante! Sagt Tante noch ein Wort, schwört er drauf, daß Tante eine verkleidete Mannsperson ist. Aber nun will ich den Alten auf die Folter spannen … der Herr Kommissär erkältet sich, wenn er in so leichten Kleidern – wie der Volksmund sagt – weder drinnen noch draußen steht. Die Frau Assessorin, die mich nach Wasa begleitet, ist bereit, ihren ganzen Besitz zu verbürgen. Aber ich sehe wohl, daß es sich nicht machen läßt … Kehr um, Fuhrmann, wir wollen fahren!«

»Wir haben jetzt Thauwetter,« sagte die Nachtmütze sanfter. »Es giebt einen grünen Weihnachten, und was sagt das Sprichwort? Die Menschen sterben wie die Fliegen. Aber um auf das Geschäft zu kommen, so werde ich sehen, was ein armer Mann zusammenscharren kann. Ich diene stets meinen Nächsten, und wäre es auch mit dem letzten Heller.«

»Er hat keine Spur von Scham in seinem Leibe!« brummte Frau Margareta. Sie war ungefähr in derselben Situation, wie eine wohlverkorkte Flasche Bier, die neben einem warmen Ofen steht.

»Warte nur noch einen Augenblick, Tante, es wird gleich aufgeschlossen! … Na, will der Herr Kommissär uns mit einer Anleihe helfen,« fuhr der Student ungeduldiger fort, als es eigentlich zu der Rolle paßte, die er spielte, »dann schließen Sie uns gefälligst die Thür auf. Wir stehen seit einer Stunde im Hof und möchten nicht so unhöflich sein, dem Herrn Kommissär eine dankend ablehnende Antwort zu geben, wenn er uns zu einem bescheidenen Abendessen …«

Die Wirkung dieses diplomatischen Mißgriffs zeigte sich sofort. »Ei, ei,« sagte die Nachtmütze spottend, »wie Sie es doch eilig haben, Herr Steuereinnehmer! … Ich erinnere mich übrigens gar nicht, daß mein alter Freund und Gönner, der Steuereinnehmer Löfberg in Laukkas, solch jungen Nachfolger erhalten hat. Und Frau Assessorin … um Vergebung, aber ist sie wirklich ein Frauenzimmer? Vielleicht ists doch am besten, wir warten bis morgen. Fahren Sie nach Sipila … einen Steinwurf von hier … anständige Menschen, gutes Nachtquartier … und billig, billig!«

Aber nun sprang die Bierflasche auf. Frau Margareta war allmählich bis zur Treppe avanciert und schlug tapfer auf die geschlossene Thür los, ihrem lange verhaltenen Ärger endlich freien Lauf lassend. »Schämt Ihr euch nicht, Schwager Sten! Schämt Ihr euch nicht, Ihr alter Filz, eure eigene Schwägerin und Brudertochter eine Stunde nach der andern im Schnee und vor einem jammervollen Hof stehen zu lassen, ohne ihnen ein Obdach zu gewähren! Ich sage nichts, aber das sage ich noch einmal: Schämt Euch, Schwager Sten! Pfui über solch geizigen Hund!«

Frau Margaretens gerechter Zorn hatte seinen Grund offenbar nicht ausschließlich in dem langen Warten im Schnee, während sie vor der ungastlichen Wohnung eines so nahen Verwandten stand. Sie hatte ihre klug berechneten und einträglichen Marktpläne aufgegeben, hatte sich die Mühe nicht verdrießen lassen, eine Reise von vierzig Meilen hin und vierzig Meilen zurück zu machen, und gar im Winter; sie hatte ihrem Rivalen und Konkurrenten Pellavoinen einen glänzenden Triumph bereitet; sie hatte sich schließlich den Wagen eine hübsche Summe Geldes kosten lassen, alles in der Hoffnung, ihren teuren Schwager auf seinem letzten Lager zu finden, um in allen Ehren zu einem guten Erbe zu kommen. Nun trieb er nicht nur mit ihrer Familienliebe mutwilligen Scherz, sondern war außerdem noch so frech, ganz gesund und munter hinter einem Fenster zu stehen, und ganz wie sonst zu spekulieren und zu schachern. Das war doch eine Schändlichkeit sondergleichen! Und da sollte eine treue Schwägerin nicht vor Zorn und Ärger rot werden.

Das Ende der Geschichte war indessen, daß die so hartnäckig belagerte und so krampfhaft verteidigte Festung doch schließlich kapitulierte.


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