Autorenseite

 << zurück weiter >> 

1. Die beiden Großmächte.

Das war nun einmal nicht anders.

Vor reichlich sechzig Jahren standen die Städte an der finnischen Westküste, von Abo bis nach Uleaborg, an der Spitze des Handels und der Schiffahrt. Finnlands große Marktplätze waren damals noch nicht Rußland, vielmehr Schweden, Dänemark, Deutschland und das westliche Europa, und zu den Häfen dieser Länder war von der Westküste aus der nächste Weg. Während die Industrie noch nicht über die ersten Anfangsgründe der Entwicklung hinausgekommen war und der Landmann seinen Acker noch nach alter Väter Weise bearbeitete, hatten Handel und Schiffahrt sich zu einer bisher unbekannten Blüte aufgeschwungen und brachten von den Ländern des Westens viel Gold nach Hause, weniger durch die dürftige Handelsbilanz von Export und Import, die stets mit einem minus schloß, als durch die Fracht, die von einem Hafen der Welt nach dem andern gebracht wurde; hier lag das Geheimnis des plus, das die größeren Ausgaben deckte und in den Händen einzelner ein bedeutendes Vermögen anhäufte.

Schon von der Zeit an, da die westlichen Städte Stapelfreiheit erhielten, nämlich im Jahre 1765, sah man dort eine Art Kaufmanns-Aristokratie erblühen, die mit jedem Jahre an Macht und Ansehen zunahm. Dem Reichtum aber folgte Übermut, der Macht ein Eifern um den Vorrang, daher man auch hier wenigstens etwas von den innern und äußern Kämpfen sehen konnte, welche gegen Ende des Mittelalters die reichen italienischen Städte in ihrem Grunde erschütterten. In jeder Stadt fanden sich Patrizier, denen das Geld einen mächtigen Einfluß gab, und Plebejer, die neidisch zu den Patriziern hinaufsahen, sie schmähten und lästerten und ihnen entgegenarbeiteten, wo sie nur konnten, da sie der Ansicht waren, daß sie von denselben überall unterdrückt und zurückgesetzt würden. Aber während so in jeder einzelnen Stadt das heimliche Feuer innerer Zwietracht glühte, lagen zu gleicher Zeit auch wieder alle Städte untereinander in Kampf und Streit, und kam es hier auch nicht wie in Italien zu offener Fehde und zu blutigen Schlachten, so fehlte es doch jedenfalls nicht an mancherlei diplomatischen Intriguen, wechselseitigen Übergriffen, höhnischen Herausforderungen, Prügeleien und manchem Strauß auf den strittigen Handelsgebieten der rivalisierenden Städte. Und um die Ähnlichkeit vollkommen zu machen, fehlten auch nicht einmal die zwischen den italienischen Geldfürsten so berüchtigten Familienfeindschaften, teils zwischen den mächtigsten Familien und ihren Anhängern in jeder einzelnen Stadt, teils zwischen den Magnaten der verschiedenen Städte untereinander.

Wegen der steten Verbindung mit Stockholm stand die Bildung jener Zeit in jenen westfinnischen Kleinstädten ungefähr auf demselben Niveau wie an andern Orten des Landes, was freilich nicht viel bedeutete. Oft unterschied sich der reichste und angesehenste Mann von der Masse des Volkes, dessen barbarische Dialekte selbst in den vornehmsten Häusern gesprochen wurden, nur durch den Firnis einer äußeren Politur. Dagegen hatte der große Gewinn des Handels, der Unternehmungsgeist, das ewige Rivalisieren und eifersüchtige Wetteifern um den höchsten Rang eine bewundernswerte praktische Tüchtigkeit, energische Charaktere und eine Menge lokaler Eigentümlichkeiten hervorgerufen, die hie und da geradezu in lächerliche Originale ausarteten. Sara Wacklins »Hundert Erinnerungen aus Ostbotten« haben uns einige Züge aus dieser kleinen Welt bizarrer Eigentümlichkeiten aufbewahrt. Ein Maurus Jókai oder ein Bret Harte würden da unerschöpfliche Quellen entdeckt haben.

In einer dieser rührigen und kühnen, reichen und durch steten Neid und nimmer endende Zwietracht zerrissenen kleinen Städte war die Bevölkerung schon lange zwischen den beiden mächtigsten Handelshäusern, die wir Halm und Graberg nennen wollen, geteilt. Beide zeichneten sich durch Tüchtigkeit und Kühnheit aus, beider Reichtum schrieb sich aus der Zeit her, da Gustav IV. Adolf noch minderjährig und das Land unter Vormündern war – eine Zeit, die ebenso vorteilhaft für den Handel wie wenig ehrenvoll für die Politik war. Aber während das Haus Graberg seine gewinnbringende Thätigkeit immer mehr ausdehnte, hatte das Haus Halm unter den vielen, großen Umwälzungen der napoleonischen Zeit manchen Wechsel erlebt. Das Kontinentalsystem, welches die kühnsten Spekulationen nach englischen Häfen mit raschem Gewinn lohnte, wenn man so glücklich war, den französischen, zu andrer Zeit auch den russischen Kreuzern zu entgehen, stürzte eben so oft die Spekulanten ins Verderben, die sich im Vertrauen auf das falsche Glück zu ungelegener Zeit hinausgewagt hatten und es ansehen mußten, wie ihre kostbare Ladung ein Raub des unerbittlichen Feindes wurde. Die Firma Halm sah sich aus diesem Grunde rasch ruiniert und am Rande eines Konkurses, während die Schiffe der Firma Graberg glücklich den Hafen erreichten. Einige Jahre später wandte sich das Glück, und jetzt hatte die Firma Graberg bedeutende Verluste erlitten, während die Firma Halm sich durch neue und kühne Spekulationen rasch zu ihrem alten Reichtum aufschwang.

Diese Umwälzungen hatten die kleine Stadt tief bewegt und erschüttert. Von den beiden mächtigen Häusern hatte jedes seine Klienten und Anhänger, die von seiner Gnade abhingen – nicht nur Scharen von Seefahrenden, Zimmermeistern, Schmieden und allen möglichen Arbeitern mit ihren Familien, sondern auch eine lange Reihe kleinerer Handwerker, Bauern u. s. w., die in den Büchern dieser reichen Häuser aufgeführt waren oder denselben ihre Ersparnisse anvertraut hatten. Als das Haus Halm seinem Untergang nahe war, wurden alle Anhänger desselben, sofern sie sich nicht dem Hause Graberg unterwarfen, von den Kreditoren unbarmherzig streng verfolgt, und als sich das Haus Halm wieder erhob, während die Macht des Hauses Graberg abnahm, rächte sich die eben erst geschlagene, nun wieder siegreiche Halmsche Partei mit eben so unerbittlicher Strenge an ihren Widersachern. Höhere allgemeine Interessen waren in der kleinen Stadt fast unbekannt; natürlich, man studierte die politischen Begebenheiten der Zeit in den magern Notizen, welche die Zeitungen Abos oder die »Stockholmer Post« nach Verlauf einiger Monate mitzuteilen belieben, aber man legte denselben keinen besondern Wert bei, es sei denn, daß sie die Handelsinteressen berührten, oder zur Unterhaltung der alten Herren beim Glase Grog dienten. Wenn man dann noch weiter erwägt, daß die Kunst jener Zeit sich zum größten Teil auf schlechte russische oder deutsche Holzschnitte beschränkte und die Litteratur nur sentimentale Räuberromane lieferte, die hie und da von Franzén und Choräus aufgefrischt wurden, höchstens etwa noch die Frithjofs-Sage und Walter Scott gelesen wurden, dann begreift man's, daß trotz aller besseren und wärmeren Gefühle im einzelnen Geld und wieder Geld doch die eigentliche tonangebende und alles bestimmende Macht in einem Gemeinschaftsleben bildete, das den tieferen Strömungen der Kultur jener Zeit so fern lag.

Etwas vor der Zeit, zu welcher diese Erzählung vor sich geht, war eine Art Waffenstillstand zwischen den beiden rivalisierenden Großmächten Graberg und Halm eingetreten; ob nun deshalb, weil die beiden Häuser ungefähr gleich stark waren, oder weil die alten Chefs der beiden Firmen ungefähr zu gleicher Zeit dieses irdische Leben mit all seinen Comptoirbüchern, Wechseln, Kursen und Saldi mit einer höheren Buchführung vertauscht hatten, wo das Debet und Kredit nach einem andern Kurs berechnet wird, genug, es schien der Friede gesichert zu sein. Die Söhne, welche ihrer Väter Reichtümer und Ehren in Besitz genommen, hatten weniger persönlichen Groll auf den Debetblättern in dem Kontobuch ihrer Widersacher aufzuführen. Sie waren sogar miteinander verwandt geworden, da ein Graberg und ein Halm sich mit zwei Schwestern vermählt hatten und in jener anständigen und höflich freundschaftlichen Weise miteinander verkehrten, die zwischen soliden Geschäftsmännern einer und derselben Stadt Brauch und Sitte ist, und die keinen hindert, seinem geehrten Freunde alle möglichen Schiffbrüche und Konkurse zu wünschen, und zwar gerade in demselben Augenblick, in welchem man den Hut vor ihm zieht und ihm einen guten Morgen zuruft. Die beiden Firmen hatten weder für ihren in- noch für ihren ausländischen Handel die Konkurrenz fahren lassen, die Zeit der Associationen war in Finnland noch nicht angebrochen und es fiel daher niemandem ein, daß zwei mächtige Häuser durch einen gemeinsamen Bund, den man in der Geschäftssprache Kompanie nennt, doppelt mächtig werden könnten. Die neue Freundschaft hinderte daher die beiden neuen Rivalen durchaus nicht, sehr genau auf die Bewegungen des andern zu achten und seine schwachen Seiten eifrig zu erkundschaften, nicht nur sofern dieselbe im geschäftlichen, sondern auch sofern sie, wie es ja übrigens sehr menschlich ist, im privaten und Familienleben sich offenbaren. Ein Geschäftsmann darf nichts übersehen, was seine Aktien heben und die des andern herabdrücken kann, und wie oft sind nicht großartige Spekulationen auf einem zufällig entdeckten Familiengeheimnis erbaut, oder auf einer unbedeutenden, vor vielen Jahren begangenen Dummheit, einer Schwachheit Leibes oder der Seelen, um nicht von der glücklichen Entdeckung eines unschuldigen Vergehens zu reden, das vor einem Richtertribunal gar häßlich aussehen kann, wenn ein tüchtiger Jurist sich nur die Mühe giebt, den Pinsel zu führen.

Die kleine Stadt hatte infolge des diplomatischen Waffenstillstands zwischen diesen beiden Großmächten fast zehn Jahre einen beneidenswerten und lange unbekannten Frieden genossen, als eine unerwartete Begebenheit in die noch nicht genügend versicherten brennbaren Stoffe der Stadt eine neue Brandfackel zu werfen drohte.

Konsul Hans Hermann Halm, Chef des Hauses Halm & Comp., erhielt nämlich ganz unerwartet durch die Gnade Seiner königlichen Majestät Namen, Ehren und Würden eines Kommerzienrates. Weshalb das geschehen war, blieb ein Geheimnis, um so mehr, als seit den Tagen Gustavs III. keiner der hochgeehrten Bürger jener Stadt eines so hohen Ehrentitels gewürdigt worden war; damals war einem Graberg, dem Großvater des gegenwärtigen Chefs dieser Firma eine solche königliche Auszeichnung erwiesen worden, weil er im Kriege von 1789 vier Transportschiffe zum Dienst der Krone ausgerüstet hatte. Die Anhänger der Firma Halm fanden es natürlich ganz berechtigt und gewissermaßen selbstverständlich, daß, da seiner Zeit ein Graberg Kommerzienrat gewesen war, nun ein Halm es werden mußte, damit die Ehren und Würden unter die beiden Großmächte gerecht verteilt würden und keine derselben zu viel vor der andern voraus habe. Die Anhänger der Firma Graberg dagegen fanden es lächerlich, um nicht zu sagen, unverschämt, daß ein Halm, ein einfacher dänischer Vizekonsul, dessen ganze politische Bedeutung sich darauf beschränkte, daß er alle fünf, sechs Jahre einem schiffbrüchigen Matrosen einen Konsulatpaß ausfertigte und ihm Geld zur Reise nach Kopenhagen lieh, in dieser Ehrenfrage den Vorzug vor einem englischen – denkt nur, einem englischen – Vicekonsul wie Graberg haben sollte, denn dieser stand ja nicht nur im selben Verhältnis zu Halm, wie England zu Dänemark, sondern war auch im Besitz eines so hervorragenden politischen Einflusses, daß er alle Jahre mit den Lloyds in London korrespondierte, und um dieser wichtigen Korrespondenz willen einen früheren Schiffer als Assistent für sein Comptoir engagiert hatte. Die Partei Graberg war davon überzeugt, daß, wenn Graberg oder seine Freunde auch nur das geringste Wort hätten fallen lassen, als der Generalgouverneur Zakrewsky die Stadt auf seiner Durchreise passierte und huldvollst bei Graberg zu Mittag speiste, das Kommerzienrat-Patent schon lange dahin und nirgends anderswohin gekommen wäre. Dazu aber war Graberg sowohl zu bescheiden wie zu stolz gewesen. Halm und seine Freunde waren es um so weniger gewesen. Man kannte wohl ihre Schleichwege, man wußte, daß Halm auf dem Galgenberg mit zwei Kanonen hatte salutieren lassen, als der neue Generalgouverneur, Zakrewskys Nachfolger, bei seiner Durchreise im Sommer die Stadt berührte; man wußte, daß Halm durch seine Verbindungen in Oporto dem Landeshauptmann einen Portwein verschafft hatte, wie ihn sonst nur die Lippen eines englischen Lords schmecken, – und das, obgleich Graberg, nicht Halm, englischer Konsul dort war! Bedurfte es eines weiteren Beweises? Halm war ein Glücksjäger, ein Intriguant, um nicht zu sagen, ein Landesverräter! Es würde schon offenbar werden, daß Hochmut vor dem Fall komme, und der Tag werde anbrechen, an dem dieser lächerliche Kommerzienrat sein neues Patent als bestes Wertpapier unter seinen activis anführen werde, wenn's zum Konkurs mit ihm gehe.

War in dieser Titelfrage etwas lächerlich, so war's einerseits das unbegreifliche Gewicht, welches die Gegenpartei darauf legte, und andrerseits der unverhohlene Schmerz, mit dem gerade der also zu Ehren gekommene und beneidenswerte Mann diese seine neue Würde annahm. Es ist sehr traurig, von einem loyalen Unterthanen derartiges sagen zu müssen, aber es verhielt sich wirklich so, daß Hans Hermann Halm sein Patent auf die Erde warf und erbittert darauf trat. Wie war das möglich? fragt der Leser verwundert. Ja, sag's mir! Es klingt unglaublich, aber es war so. Das Patent kostete an Einlösungsgebühren, Stempel, Sporteln, Abgaben an das Armen- und Arbeitshaus u. s. w. u. s. w. nach damaligem Gelde über 900 Rubel, und Hans Hermann Halm wußte den Wert des Geldes zu schätzen. Um die Hälfte dieser Summe würde er seinen neuen Titel verkauft haben, wenn jemand es ihm hätte geben wollen. Was brachte der Titel ihm ein? Nichts, höchstens das Vergnügen, Graberg ärgern zu können. Und wozu diese Würde? Konnte er als Kommerzienrat den Kurs an der Hamburger Börse um einen einzigen Schilling erhöhen oder fallen lassen? Nein, was Hans Hermann Halm haben wollte, war Gold, Gold und wieder Gold, und nichts anderes als Gold. Das war nun einmal nicht anders, es lag im Blut. Das war eine Familienerbschaft.

Unglückliche Erbschaft! Lieber allen Flitter auf dem Markt der Eitelkeiten, als dieses unglückselige, dieses dämonische Gold, Gold, Gold!


 << zurück weiter >>