Autorenseite

 << zurück weiter >> 

6. Von Jans Christopher Halm und dem Familienerbe.

Da kam der Versucher …

»Gesteh es nur, Tante, daß der Kommissär Geister sieht!« fing der Student wieder an, als er sah, wie ein Gefühl behaglicher Ruhe sich über die korpulente Frau verbreitete, von der Haarfrisur herab bis zu der gewaltigen Hand, welche die Kaffeetasse hielt.

»Ob Schwager Sten Geister sieht, weiß ich nicht,« antwortete die Gefragte nun in einem sanfteren Ton, »und das geht mich auch nichts an. Aber so viel weiß ich, daß etwas Derartiges seinem Vater, meinem Schwiegervater passiert ist.«

»Das ist ja seltsam!« sagte Lars Roderik mit einer so ernsten Miene, wie er sie nur aufsetzen konnte. »Ich habe niemals gehört, daß ein Halm – abgesehen von Tante und Lisu – an etwas anderes zwischen Himmel und Erde geglaubt hat, als an Gold, Silber und hohe Renten. Vielleicht mag Tante, die so ausgezeichnet erzählt, uns in dieser Abendstunde eine Geschichte zum Besten geben!«

»Und wozu sollte das wohl dienen, mein junger Herr? Meinst Du, daß Deine Tante mit ihren Erfahrungen so verschwenderisch umgeht, wie Du mit dem Gelbe Deines Vaters?«

»Was glaubt Tante von mir? Als könnte ich nicht ernst sein? Als wollte ich nicht so etwas Nützliches lernen?«

»Was Du sagst! Ja, Du bist ein Graberg. Halm und Graberg, – nun, es kommt auf eins heraus. Ich kenne die Familien: sie können sich ineinander spiegeln. Und weil Du ein Graberg bist, sollst Du von einem Halm etwas lernen. Man soll in dieser Welt sparsam und vorsichtig sein, aber nicht den Mammon zu seinem Gott machen.«

»Wie der Kommissär?«

»Nein, wie Hans Christopher Halm.«

»Nun, wie wars mit ihm?«

»Er war ein kluger und unternehmender Mann; deshalb ward er zu seinem Unglück unermeßlich reich. Er lebte in den Zeiten, in denen das Maß Salz einen Reichsthaler kostete und man das Maß noch mit blanken Speciesthalern füllen konnte. Von denen habe er wenigstens sechs in seinem innersten Keller gehabt, und während des letzten Krieges seien noch eben so viele mit Silberrubeln hinzugekommen. Nun, darin läge ja nichts Böses, das könnte alles ebenso ehrlich verdient sein, wie wenn andere den Bauern für einen papierenen Rubel 47 Schillinge bezahlen ließen. Aber die Welt sagte, der selige Schwiegervater habe etwas zu sehr auf seinen und zu wenig auf anderer Vorteil gesehen, aber das weiß ich nicht, es wird ja so vieles von reichen Menschen erzählt. Der Neid weiß immer kleine Steine in große Berge zu verwandeln … Lisu, schenk mir die Tasse voll, es ist gut für die Brust.«

Von neuem füllte Lisu die Tasse mit dampfendem Kaffee.

»Na ja,« fuhr Frau Margarete fort, »eine Meile von der Stadt, aus Toismäki, wohnte ein reicher Bauer; er besaß sechs Höfe. Wie er nun bei meinem seligen Schwiegervater in Schulden geriet, weiß ich nicht, aber alle sechs Höfe kamen unter den Hammer. Da soll der Toismäki-Bauer gelobt haben, für jeden seiner Höfe werde Hans Christopher Halm ein Schiff verlieren. Es war einige Jahre nach dem pommerschen Kriege, glaub ich, und da England um die Zeit mit Frankreich Krieg führte, und mein seliger Schwiegervater seine Schiffe gewöhnlich auf Marseille und Havre gehen ließ, geschah es, daß der Engländer seine sechs Schiffe nahm, eins nach dem andern. Das war mehr als selbst ein wohlhabender Mann ertragen konnte, weil keine Assekuranz Schiffe gegen Kriegsgefahr versichern wollte, und der selige Schwiegervater ward nun ärmer als der Bauer von Toismäki, der doch ein kleines Kätnerhaus behalten hatte, während jeder Nagel im Hause des Schwiegervaters verpfändet war. Das Unglück ging ihm so nahe, daß er weder Tag noch Nacht Ruhe fand, denn sieh, es ist leichter, sein ganzes Leben arm sein als es werden, wenn man vorher die Güter dieser Welt besessen hat. Da kam der Versucher …«

»Ich verstehe …«

»Was denn? Du verstehst nichts, laß mich erzählen! Der berühmteste Zauberer jener Zeit hieß Matts Kallanvaara und wohnte in Kemi. Der selige Schwiegervater reiste nach Kemi, und darin lag nichts Besonderes, das thaten ja so viele, um Teer und Holz zu kaufen. Aber ein Kind konnte es begreifen, daß von der Zeit an alles eben so rasch aufwärts ging, wie es vorher abwärts gegangen war. Der Krieg von achtundachtzig brachte den Schwiegervater wieder auf die Beine; in langen Reihen marschierten die Silberkrüge im Keller aus, und sobald ein neuer hinzukam, mußten die älteren zusammenrücken. Aber das Fäßchen mit den Dukaten verwahrte der selige Schwiegervater in der großen, messingbeschlagenen, eichenen Kiste seines Schlafzimmers, es ist dieselbe Kiste, die nachher Schwager Sten erhielt, als das Erbe geteilt ward.«

»Es wundert mich, daß der alte Halm, der doch ein so kluger Geschäftsmann war, das Geld so unfruchtbar liegen ließ und es nicht in seinem Geschäft anlegte, damit es hohe Renten eintrage.«

»Ja, sags nur! Das hätte er in der Zeit seines ersten großen Reichtums auch niemals gethan. Aber als die Zeit der Armut über ihn hereingebrochen, und er in Kemi gewesen war, war der Schwiegervater ein ganz anderer Mensch geworden und konnte sich von dem Gold oder Silber, das er in seine Hände bekommen hatte, nie wieder trennen. Ja, Silber sage ich, denn Gold konnte er in der letzten Zeit weder ansehen noch anrühren.«

»Wie war das möglich?«

»Möglich oder nicht, aber es war doch so. Es machte ihn wie rasend, wenn er zufällig Gold sah. Ich hatte mich damals gerade mit dem seligen Otto Christopher verheiratet; – ja, Gott sei ihm gnädig – er war so verschieden von seinem Vater wie ein Kupferschilling von einem holländischen Dukaten. Das Geld ging ihm durch die Hände zur Zeit und zur Unzeit, und hätte ich nicht auf den Schilling gesehen … aber das ist nun auch einerlei, ich preise es als eine Gnade Gottes, daß Otto Christopher das unglückselige Erbe nicht erhalten hatte, das von einem hartherzigen Vater auf einen gutmütigen Sohn übergehen kann. Hans Christopher Halm, der Vater, wurde schrecklich gestraft: was seines Herzens Freude und Wonne gewesen war, ward zugleich seiner Augen Grauen. Ich war damals noch sehr jung und wohnte mit zwei Schwägern und einer Schwägerin im Hause des Schwiegervaters. Gott erbarme sich, die Last, die wir mit dem Alten hatten! Wir mußten, so wahr ich hier sitze, alle unsre goldnen Schmucksachen vor ihm verbergen; niemand von uns durfte eine goldene Kette am Halse oder einen goldenen Ring am Finger tragen. Die vergoldeten ovalen Rahmen um seiner und der seligen Schwiegermutter Porträts, die in Stockholm schweres Geld gekostet hatten, mußten schwarz angestrichen werden, damit er sie ansehen könne. Selbst die gelbe Farbe war ihm ein Grauen. Weder die selige Schwiegermutter noch eine der Töchter wagten gelbe Handschuhe oder ein gelbes Band zu tragen. Und was wars für ein Rumor, als ich ihm einmal in meines Herzens Unschuld eine schöne gelbe Apfelsine anbot! … Sieh nach, Lisu, daß mein Mantel nicht am Kamin verbrennt!«

»Sagte Tante nicht, daß einige Krüge mit Dukaten in dem Schlafzimmer verwahrt wurden?«

»Ja gewiß! So wunderlich sind die Menschen, mein lieber Freund; Heu und Stroh sind wir alle, »ihmis parka aivan arka,« wie es in unserm finnischen Gesangbuch heißt. Der selige Schwiegervater, der sich vor dem Golde fürchtete wie ein Zigeuner vor dem Galgen, liebte trotzdem das gelbe Metall über alles im Himmel und auf Erden. Er sammelte Dukaten über Dukaten und legte sie in die großen Krüge, aber immer des Nachts und mit schwarzen Handschuhen. Er war mit dem Gewicht und Klang derselben so vertraut, daß keiner ihn betrügen konnte. Erhielt er tags eine goldene Münze, dann wandte er immer das Gesicht ab und zog gleich Handschuhe an. Ich war bei dem Alten gut angeschrieben; er ließ mich abends oft auf sein Zimmer rufen. »Zähle die Dukaten, Margarete,« sagte er und wollte immer den Klang des Goldes hören. »Hörst Du,« sagte er, »das ist Musik, nicht wahr?« – »Aber, Schwiegervater,« sagte ich einmal zu ihm, »laß uns Licht anzünden, es ist so hübsch, das schöne Gold zu sehen.« – »Nein,« sagte er, und faßte mich hart an den Arm, »kein Licht! kein Licht! …« Aber Gott sei uns gnädig, trotzdem geschah es eines Abends, als der Schwiegervater und ich bei einander saßen und die Dukaten zählten und uns am Klang des Goldes ergötzten, daß die Magd, die eben erst ins Haus gekommen war und es noch nicht besser wußte, mit einem Licht ins Zimmer trat. Der selige Schwiegervater sprang auf, und die goldenen Dukaten fielen auf die Erde. Du allmächtiger Gott! Ich vergesse es niemals, wie er aussah, als es so unerwartet im Zimmer hell wurde. Er ward so weiß wie eine Leiche und starrte das Gold wie besessen an, er konnte den Blick nicht von demselben wenden, obgleich es ihm das Herz zerriß; dann schrie er laut auf und trat auf die überall umherliegenden Dukaten, als wären es giftige Tiere, und rief uns zu, wir möchten die Schlangen töten, die ihn beißen wollten. Großer Gott, was konnten wir thun? Von der Stunde an ward Hans Christopher Halm wahnsinnig und glaubte immer im Krieg mit dem goldenen Gespenst zu sein, wie er es nannte. Drei Wochen später gab er den Geist auf … na, ich sage nichts, aber jammervoll war es; wir sind alle arme, schwache Menschen, vor Gott. Toismäki und viele andere erlebten es … Lisu, gieb mir das blaukarrierte Taschentuch und putz das Licht; siehst Du nicht den Räuber drin?«

Obgleich der junge Student eine gute Portion Leichtsinn besaß, hatte er diese Erzählung doch nicht ohne Teilnahme und fast mit Schaudern angehört; denn sie entsprach gar wenig seiner Hoffnung, eine muntere Geistergeschichte zu hören. Nicht einmal Frau Margaretens blaukarriertes Taschentuch noch die drei trompetenartigen Stöße in dasselbe konnten diesen Eindruck verjagen. Es lag daher auch ein größerer Ernst auf seinem Gesichte, als er bisher an den Tag gelegt hatte, da er fragte, ob des alten Halms unglückliche Phantasien mit den Gerüchten zusammenhingen, die von dem Kommissär Sten Halm in Storkyro umliefen.

Frau Margareta schüttelte gewichtig ihr ehrwürdiges Haupt und erwiderte nach einigem Bedenken, darauf könne sie weder mit Nein noch mit Ja antworten. Sie wisse nur, daß Weisheit und Thorheit oft vom Vater auf den Sohn übergehe – oft, aber nicht immer. Dafür sei der selige Otto Christopher der beste Beweis.

»Er ging mit voller Vernunft aus dieser Welt, ganz so wie er gelebt, und den Bruder, Frau Margaretas anderen Schwager, Hans Herman Halm habe man für würdig erachtet, Kommerzienrat zu werden. Sten Halm sei der älteste der Brüder. Er gleiche seinem Vater darin, daß er in seiner Jugend reich, in den Jahren seines Mannesalters arm gewesen und nun wieder in seinem Alter so reich geworden sei wie nie zuvor. All sein ererbtes Gut habe er auf Reisen im Ausland verpraßt, und' sei so arm wie eine Kirchenmaus nach Hause gekommen, ganz ruiniert, recht ein Aas für den leidigen Satan, gerade so wie …«

Hier unterbrach Frau Margareta sich selber, als hätte sie schon mehr gesagt, wie für Ohren junger Menschen gut sei. Das einzige, was Lars Roderik ihr noch von diesen Familiengeheimnissen entlocken konnte, war, daß Sten Halm, als er nach Hause zurückgekehrt sei, sich dem Handel zugewandt, aber zu kühn spekuliert habe, dann vor seinen Kreditoren geflohen, ins Ausland gereist und nach einigen Jahren sehr reich wiedergekommen sei. Nun bezahlte er seine alten Schulden und kaufte sich einen Hof in Storkyro, wo er, abgesondert von der übrigen Welt, ganz für sich lebte, teils als Rechtsanwalt andern helfend, teils seine Kapitalien fruchtbar anlegend.

»Will sagen als Wucherer«, sagte der Student. »Ich habe gehört, daß er anfangs, wenn er auf einer Hochzeit oder zu einem Begräbnis war, den Zucker beim Kaffee in die Tasche steckte, um ihn dann lotweise den Bauerfrauen zu verkaufen.«

»Er!« rief Frau Margareta eifrig aus. »Nein, Du, die Geschichte kannst Du von kleinen Krämern erzählen. Sten Halm ist stolz wie das ganze Geschlecht, wie sein Vater und sein Bruder. Nach Brosamlein strecken sie ihre Hände nicht aus, sie wollen Millionen haben. Glaub lieber, was man sich von einer gewissen Silberlast erzählt.«

»Davon habe ich nichts gehört.«

»Wie? Nicht von der Silberlast? Na, die Geschichte kennt die ganze Welt, die braucht man nicht zu verschweigen. Das Silber stand hoch im Preise, und Schwager Sten spekulierte. Er kaufte Silberbarren in Südamerika auf und versicherte sie hoch. Das Schiff scheiterte, aber es traf sich so unglücklich, daß es auf einer Sandbank geschah und man die ganze Fracht auffischen konnte. Und siehe, da war nur oben etwas Silber, aber darunter lauter Sand und Feldsteine! … Aber die Uhr ist schon drei! Gute Nacht. Geh hinaus und schlaf in der Wirtsstube. Lisu, schließ die Thür hinter ihm zu.«

Lars Roderik hatte gehofft, man werde ihm in dem einzigen Fremdenzimmer mit seinen beiden Betten einen Platz auf einem Stuhle gönnen, fand sich nun aber in seiner Erwartung eben so sehr getäuscht wie vorher, als er gehofft hatte, einen Platz im verdeckten Schlitten zu erhalten. Ganz erbost darüber, daß man auf die gerechten Ansprüche eines Studenten und nahen Verwandten so wenig Rücksicht nahm, ging er ärgerlich fort und legte sich auf eine harte Bank in der Wirtsstube, die noch voll von Gästen war; er war fest entschlossen, am Morgen allen marktreisenden Tanten ein höfliches Lebewohl zu sagen und in der glücklichen Freiheit, mit welcher er seine Reise angetreten hatte, dieselbe gen Norden fortzusetzen.


 << zurück weiter >>