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Achtzehntes Kapitel.

Die letzte Scene folgt, um die Geschichte
Voll sonderbaren Wechsels hier zu schließen.

Wie es Euch gefällt.

 

Am nächsten Morgen überreichte Ratcliffe der Miß Vere einen Brief ihres Vaters folgenden Inhalts:

 

»Theuerstes Kind!

Die Bosheit einer mich verfolgenden Regierung wird mich nöthigen, meiner Sicherheit wegen mich in's Ausland zurückzuziehen, und einige Zeit in fremden Ländern zu verweilen. Ich ersuche Euch nicht, mich zu begleiten oder mir zu folgen; Ihr werdet meinem und Eurem Interesse gemäß weit wirksamer verfahren, wenn Ihr zurückbleibt, wo Ihr seid. Es ist unnöthig, die Einzelnheiten der Ursache jener sonderbaren Vorfälle darzulegen, welche sich gestern ereigneten. Ich glaube Ursache zu haben, mich über die Behandlung zu beklagen, die ich von Sir Edward Mauley erlitt, welcher Euer nächster Verwandter von mütterlicher Seite ist; da er Euch aber zum Erben erklärt hat, und Euch in unmittelbaren Besitz eines großen Theils Eures Vermögens setzen wird, so halte ich dieß für eine vollkommene Ausgleichung seines Unrechtes. Ich erkenne, daß er mir niemals den Vorzug verziehen hat, den Eure Mutter meinen Bewerbungen gab, statt die Bedingungen einer Art von Familienvertrag anzunehmen, welcher abgeschmackter und tyrannischer Weise sie zur Gemahlin ihres körperlich entstellten Verwandten bestimmte. Der Schlag war sogar genügend, seinen Verstand zu verwirren, der sich jedoch niemals in sehr guter Ordnung befand, und ich hatte als der Gemahl seiner nächsten Verwandten und Erbin die zarte Aufgabe einer sorgfältigen Behandlung seiner Person und der Verwaltung seines Eigenthums zu lösen, bis er in den Genuß des letzteren von denjenigen wieder eingesetzt wurde, welche ohne Zweifel der Meinung waren, daß sie ihm Gerechtigkeit erwiesen; untersucht man jedoch einige Theile seines späteren Verfahrens, so scheint es, daß man ihn um seiner selbst willen unter dem Einfluß eines milden und heilsamen Zwanges hätte lassen müssen.

»In einer Hinsicht jedoch zeigte er das Bewußtsein seiner Pflicht hinsichtlich der Bande des Blutes, sowie dasjenige seiner eigenen Geisteskrankheit; während er sich von der Welt unter verschiedenen Namen und Verkleidungen gänzlich absonderte, und darauf bestand, daß man ein Gerücht über seinen Tod verbreitete (ein Verfahren, zu dem ich gerne meine Einwilligung gab, um ihm gefällig zu sein), ließ er mir die Einkünfte eines großen Theils seiner Güter und hauptsächlich aller derjenigen zur Verfügung, die als das Eigenthum Eurer Mutter ihm als Mannslehen wieder anheimfielen. Er glaubte vielleicht mit außerordentlicher Großmuth zu handeln, während alle Unparteiischen der Meinung sein werden, daß er nur eine natürliche Verpflichtung erfüllte; denn der Gerechtigkeit, wenn auch nicht nach dem Buchstaben des Gesetzes gemäß, müßt Ihr als die Erbin Eurer Mutter und muß ich als der gesetzliche Verwalter Eures Vermögens betrachtet werden. Anstatt deßhalb mich als einen Mann zu betrachten, welcher von Sir Edward in dieser Hinsicht mit Wohlthaten überladen wurde, glaube ich vielmehr Ursache zur Beschwerde zu haben, daß jede mir zukommende Geldsumme nur nach dem Belieben des Herrn Ratcliffe ausgetheilt wurde, welcher ohnedem Pfandbriefe auf mein väterliches Gut Ellieslaw für jedes Darlehen von mir erpreßte, welches ich als Vorschuß anderer Art brauchte; so hat sich dieser Mann gewissermaßen als der unbedingte Verwalter und Beaufsichtiger meines Eigenthums eingeschlichen. Wenn nun alle diese scheinbare Freundschaft von Sir Edward nur zu dem Zweck verwandt wurde, daß er eine vollkommene Leitung meiner Angelegenheiten und die Macht, mich nach Belieben zu Grunde zu richten, erlangen konnte, so fühle ich mich noch weniger zur Dankbarkeit wegen angeblicher Wohlthaten verpflichtet.

»Im Herbste vergangenen Jahres führte ihn, wie ich höre, entweder seine zerrüttete Einbildungskraft, oder der von mir angedeutete Entwurf in dieß Land zurück. Sein vorgeblicher Beweggrund war, wie es scheint, der Wunsch, ein Denkmal zu sehen, welches er in der Kapelle auf dem Grabe Eurer Mutter hatte errichten lassen. Herr Ratcliffe, welcher mir damals die Ehre erwies, mein Haus zu dem seinigen zu machen, hatte die Gefälligkeit, ihn heimlich in die Kapelle einzuführen. Wie er mir berichtet, war die Folge ein Wahnsinn von mehreren Stunden, in welchem er nach den Mooren in der Nähe floh; in einem der wildesten Orte derselben beschloß er, nachdem er sich etwas erholt hatte, seine Wohnung aufzuschlagen, und als eine Art Quacksalber beim Landvolke aufzutreten, was er schon in seinen besseren Tagen gern zu thun pflegte. Es ist auffallend, daß Herr Ratcliffe, anstatt mich von diesen Umständen zu benachrichtigen, damit ich dem Verwandten meiner verstorbenen Frau die Sorgfalt erweisen könne, welche sein unglücklicher Zustand erheischte, eine strafbare Nachsicht bei dessen wahnsinnigen Planen hegte; er versprach nicht allein Geheimhaltung, sondern leistete darauf auch einen Eid. Er besuchte häufig den Sir Edward und half ihm in dem phantastischen Geschäft, das er sich auferlegt hatte, um eine Einsiedelei zu erbauen. Beide schienen nichts so sehr befürchtet zu haben, wie eine Entdeckung ihres Verkehres.

»Der Boden bestand nach jeder Richtung hin in einer offenen Ebene; indeß eine kleine unterirdische Höhle, wahrscheinlich ein früheres Grab, welche sie in ihren Nachsuchungen an dem großen Granitpfeiler entdeckt hatten, diente Ratcliffe als Versteck, wenn Jemand seinem Herrn nahte. Wie ich glaube, meine Theure, werdet Ihr der Meinung sein, daß diese Heimlichkeit einen starken Beweggrund haben mußte. Auch ist es auffallend, daß mein unglücklicher Freund, von welchem ich glaubte, daß er unter den Mönchen des Ordens la Trappe sein Leben führe, mehrere Monate lang sich in dieser sonderbaren Verkleidung, fünf Meilen von meinem Hause entfernt, befand und regelmäßige Kunde über mein geheimstes Verfahren durch Ratcliffe, oder Westburnflat, oder Andere erhielt, zu deren Bestechung er die Mittel besaß. Er macht es mir zum Verbrechen, daß ich Eure Ehe mit Sir Frederik abzuschließen mich bemühte. Ich handelte in den besten Absichten; wenn aber Sir Edward Mauley anderer Meinung war, so hätte er männlich vortreten und seine Absicht aussprechen müssen, daß er an den Bestimmungen Theil nehmen und denjenigen Einfluß geltend machen wolle, zu welchem er hinsichtlich Eurer, als der Erbin seines großen Eigenthums, berechtigt ist.

»Obgleich Euer leidenschaftlicher und überspannter Verwandter allerdings sehr spät seine Absicht erklärt hat, so bin ich dennoch sogar jetzt noch weit davon entfernt, gegen seine Wünsche mein väterliches Ansehen geltend zu machen, mag auch die Person, die er zu Eurem zukünftigen Gemahl bestimmt, der junge Earnscliff sein; gerade bei diesem hätte ich am wenigsten geglaubt, daß dessen Person in Betracht eines gewissen unheilvollen Ereignisses ihm annehmlich sein würde. Ich gebe jedoch meine freie und herzliche Einwilligung, vorausgesetzt, daß die Bestimmungen des Ehecontraktes in einer so unwiderruflichen Form entworfen werden, daß mein Kind gegen den Zustand der Abhängigkeit und der plötzlichen, sowie grundlosen Widerrufbarkeit der zugestandenen Einkünfte gesichert ist, worüber ich soviel Ursache zur Klage habe. Von Sir Frederik Langley werdet Ihr, wie ich vermuthe, nichts mehr vernehmen; es ist nicht wahrscheinlich, daß er sich um die Hand eines Mädchens ohne Mitgift bewirbt. Indem ich nun, meine theure Isabelle, Euch einer weisen Vorsehung und Eurer eigenen Klugheit anvertraue, bitte ich Euch, daß Ihr ohne Zeitverlust diejenigen Vortheile Euch sichert, die mir die Launenhaftigkeit Eures Verwandten entzog, um Euch damit zu überschütten.

»Herr Ratcliffe erwähnte Sir Edwards Absicht, mir eine beträchtliche Summe als jährliches Einkommen während meines Aufenthaltes im Auslande zu übertragen; allein mein Herz ist zu stolz, um dieses von ihm anzunehmen. Meine Erwiderung lautete, ich besäße eine theure Tochter, welche niemals dulden würde, daß ich mich in Armuth befinde, während sie selbst in Ueberfluß lebt. Ich hielt es für angemessen, ihm dieses in klaren Worten zu sagen, damit eine Erhöhung des Euch übertragenen Einkommens darauf berechnet sein kann, diese notwendige und für Euch natürliche Ausgabe zu decken. Das Schloß und das Gut Ellieslaw werde ich Euch als Eigentum verschreiben, um meine väterliche Liebe und den uneigennützigen Eifer für die Beförderung Eures Wohles zu erweisen. Die jährlichen Zinsen der auf dem Gute haftenden Schulden übersteigen um Etwas dessen Einkommen, sogar wenn eine ziemlich hohe Pacht für das Haus und die Ländereien bezahlt wird. Da jedoch alle Schulden Herrn Ratcliffe, als dem Verwalter Eures Verwandten, verschrieben sind, so wird dieser kein lästiger Gläubiger sein. Hier muß ich Euch noch darauf aufmerksam machen, daß ich Herrn Ratcliffe, obgleich ich mich persönlich über ihn zu beklagen habe, dennoch für einen gerechten und aufrichtigen Mann halte, mit welchem Ihr über Eure Angelegenheiten mit Sicherheit verkehren könnt, abgesehen von dem Umstande, daß Ihr Euren Verwandten Euch am sichersten geneigt erhaltet, wenn Ihr mit Herrn Ratcliffe auf gutem Fuße steht. Empfehlt mich dem Vetter Marchie, ich hoffe, er wird wegen der kürzlichen Angelegenheit keine Verdrießlichkeiten haben; ich werde ihm von dem Festlande aus einen Brief schreiben. Mittlerweile bleibe ich Euer liebender Vater, Richard Vere.«

 

Der erwähnte Brief beleuchtet weiterhin den früheren Theil unserer Geschichte. Es war Hobbie's Meinung, und die meisten unserer Leser werden vielleicht dieselbe theilen, daß der Klausner von Mucklestane-Moor gleichsam nur einen dämmernden Verstand habe, daß er weder klare Ansichten habe über dasjenige, was er wolle, noch auch seine Zwecke mit den klarsten und einfachsten Mitteln erreichen könne; Hobbie meinte, wolle man den Leitfaden seines Verfahrens suchen, so sei das, als wenn man sich nach einem geraden Pfade auf einer Haide umsehe, auf welcher sich hundert krumme Fußwege, aber nicht eine Straße in bestimmter Linie befinde.

Als Isabelle den Brief gelesen hatte, erkundigte sie sich sogleich nach ihrem Vater. Man sagte ihr, er habe das Schloß früh am Morgen nach einer langen Unterredung mit Herrn Ratcliffe verlassen und sei schon auf dem Wege nach dem nächsten Hafen, wo er sich nach dem Festlande einschiffen wolle.

»Wo ist Sir Edward Mauley?«

Niemand hatte den Zwerg seit dem verhängnißvollen Auftritt am vergangenen Abend gesehen.

»Bei Gott, wenn dem armen Elshie etwas zugestoßen ist, so möchte ich lieber wiederum ausgeplündert werden,« sagte Hobbie. Er ritt sogleich zur Wohnung des Zwerges; die noch übrige Ziege kam ihm blökend entgegen, denn die Zeit, sie zu melken, war längst vorüber. Der Einsiedler war nirgends zu sehen; seiner Gewohnheit entgegen stand die Thür seiner Hütte offen, sein Feuer war erloschen, und die ganze Einsiedelei befand sich in dem Zustande, den sie bei Isabellens Besuche zeigte. Es war offenbar, daß dieselben Transportmittel, welche den Zwerg nach Ellieslaw am vergangenen Abend brachten, ihn jetzt nach einer andern Wohnung entfernt hatten. »Ich glaube, wir haben den weisen Elshie auf immer verloren.«

»So ist es,« sagte Ratcliffe, indem er Hobbie ein Papier übergab; »leset dieß! Ihr werdet sehen, daß Ihr durch Eure Bekanntschaft nichts verloren habt.«

Es war eine Schenkungsurkunde, durch welche Sir Edward Mauley, sonst genannt Elshender, der Klausner, Halbert oder Hobbie Elliot und Grace Armstrong in das Eigenthum einer beträchtlichen Summe einsetzte, die Elliot von ihm geborgt hatte.

Hobbie's Freude mischte sich mit Gefühlen, welche Thränen über seine rauhen Wangen rollen ließen.

»Es ist doch sonderbar,« sagte er, »daß ich mich an dem Gute nicht freuen kann, wenn ich nicht weiß, daß der arme Mann glücklich ist, der es mir gab.«

»Das Bewußtsein, Andere glücklich gemacht zu haben,« erwiderte Ratcliffe, »kommt dem eigenen Glücke am nächsten. Wie verschieden wäre der Erfolg aller Wohlthaten meines Herrn gewesen, hätte er dieselben sämmtlich ebenso wie die gegenwärtigen übertragen; aber die Verschwendung derselben ohne richtiges Urtheil, eine solche, welche die Habsucht überhäuft, oder der Genußsucht die Mittel zu ihrer Befriedigung darbietet, hat niemals gute Folgen und wird niemals mit Dank belohnt. Durch sie säet man den Wind, um Sturm zu ernten.«

»Das wäre eine schlechte Ernte,« meinte Hobbie, »aber mit meiner jungen Dame Erlaubniß möchte ich gerne Elshie's Bienenstöcke mit mir nehmen, und sie in Grace's Blumengarten aufstellen; sie sollen niemals durch einen von uns eingeräuchert werden. Und die arme Ziege würde vernachlässigt werden, wenn sie dabliebe; sie hat auf der Lilienflur an unserer Scheune ein gutes Futter, und die Hunde werden sie in einem Tage kennen und nicht mehr hetzen, und Grace wird sie jeden Morgen mit eigener Hand melken um Elshie's willen, denn obgleich er sauertöpfisch und mürrisch in seinem Gespräch war, so sah er gerne stumme Geschöpfe.«

Hobbie's Gesuche wurden bereitwillig und nicht ohne Erstaunen über die natürliche Zartheit des Gefühles gewährt, welches ihm dieß Verfahren zur Aeußerung der Dankbarkeit eingab. Er freute sich, als Ratcliffe ihn benachrichtigte, daß sein Wohlthäter die Sorgfalt erfahren werde, die er auf dessen Günstlinge verwandte.

»Und sagt ihm auch, daß meine Großmutter und Schwestern, und vor Allem Grace und ich, wohl auf sind, und daß wir gedeihen, und daß Alles dieß Gute von ihm stammt. Dieß wird ihm doch gefallen, sollte ich meinen.«

Auch lebte Elliot und seine Familie in Heugh-foot so glücklich, wie seine Ehrlichkeit, seine Zärtlichkeit und sein Muth es verdienten.

Alles Hinderniß zwischen Isabelle und Earnscliff war jetzt entfernt, und die Einkünfte, welche Ratcliffe von Seiten Sir Edward Mauley's ihm übertrug, hätten sogar die Habsucht von Ellieslaw befriedigen können. Miß Vere und Ratcliffe hielten es jedoch für unnöthig, gegen Earnscliff zu erwähnen, daß ein Hauptbeweggrund des Sir Edward bei der Ertheilung seiner Wohlthaten in der Absicht bestand, eine frühere That zu sühnen, weil er vor vielen Jahren das Blut seines Vaters in einem heftigen Streit vergossen hatte. Wenn es wahr ist, daß der äußerste Menschenhaß des Zwerges, wie Ratcliffe behauptete, bei dem Bewußtsein etwas nachließ, so viele Menschen glücklich gemacht zu haben, so mochte wahrscheinlich die Erinnerung an diesen Umstand einer seiner hauptsächlichsten Beweggründe sein, weßhalb er sich hartnäckig weigerte, den Zustand der Zufriedenheit, welchen er geschaffen hatte, mit eigenen Augen zu schauen.

Mareschal jagte, duellirte sich und trank Rothwein; dann hatte er zu Hause lange Weile, ging in's Ausland, diente in drei Feldzügen, kam wieder nach Hause und heirathete Lucy Ilderton.

Jahre flohen über den Häuptern Earnscliff's und seiner Frau, und fanden sie zufrieden und glücklich. Der intriguirende Ehrgeiz von Sir Frederik Langley verwickelte ihn in den unglücklichen Aufstand von 1715; er fiel bei Preston mit dem Grafen von Derwentwater und Anderen in Gefangenschaft. Seine Vertheidigung vor Gericht und die Rede, die er bei seiner Hinrichtung auf dem Schaffote hielt, kann man in den Staatsprozessen vorfinden. Herr Vere, welcher ein großes Einkommen von seiner Tochter erhielt, lebte im Auslande; er ließ sich in den Schwindel von Laws Bank während der Regentschaft des Herzogs von Orleans ein, und wurde einige Zeit lang für unermeßlich reich gehalten. Als aber jene berüchtigte Seifenblase zersprang, wurde er so zornig darüber, daß er sich wieder mit einem mäßigen Einkommen begnügen mußte (obgleich er Tausende seiner Unglücksgefährten hungern sah), daß sein Grimm einen Schlagfluß hervorrief, an welchem er starb, nachdem er einige Wochen lang an den Wirkungen desselben gekränkelt hatte.

Willie von Westburnflat floh vor dem Grimme Hobbie Elliots, eben so wie vornehmere Leute vor der Verfolgung der Gerichte geflohen waren. Sein Patriotismus drängte ihn zum Entschlusse, seinem Vaterlande im Kriege zu dienen, während sein Widerwille, den Boden des Vaterlandes zu verlassen, ihn anreizte, auf der geliebten Insel zu bleiben, und Geldbörsen, Uhren und Ringe auf den Landstraßen einzusammeln. Zu seinem Glück behielt der erste Antrieb die Oberhand, und er schloß sich dem Heere unter Marlborough an; er erhielt dort eine Lieutenantsstelle, zu welcher er durch seine Verdienste in Herbeischaffung von Rindvieh zur Verproviantirung der Armee sich empfahl; nach vielen Jahren kehrte er nach Haus mit einigem Gelde (wie er dazu kam, weiß der Himmel), ließ den alten Thurm von Westburnflat niederreißen, und an dessen Stelle ein hohes, enges Haus von drei Stockwerken mit einem Kamin an jedem Ende bauen, trank Branntwein mit den Nachbarn, die er in jüngeren Tagen geplündert hatte, starb endlich eines natürlichen Todes, und ist auf seinem noch vorhandenen Grabsteine in Kirkwhistle als ein Mann erwähnt worden, der alle Eigenschaften eines braven Soldaten, eines verständigen Nachbarn und aufrichtigen Christen in sich vereinigte.

Herr Ratcliffe lebte gewöhnlich bei der Familie von Ellieslaw, entfernte sich aber regelmäßig in jedem Frühjahr und Sommer ungefähr auf die Zeit eines Monats. Ueber die Richtung und den Zweck dieser periodischen Reise behauptete er ein standhaftes Schweigen; man wußte aber wohl, daß er alsdann seinen unglücklichen Beschützer aufsuchte. Zuletzt verkündete sein ernster Ausdruck und seine Trauerkleidung bei der Heimkehr von einer dieser Reisen der Ellieslaw-Familie den Tod ihres Wohlthäters. Sir Edwards Tod vermehrte nicht ihr Vermögen, denn derselbe hatte schon während seines Lebens sich seines Eigenthums zu ihren Gunsten entäußert. Ratcliffe, sein einziger Vertrauter, starb in hohem Alter, ohne aber jemals den Ort, wohin sich sein Herr zuletzt zurückgezogen hatte, oder seine Todesart, oder auch nur seinen Begräbnißort zu nennen. Man vermuthete, daß sein Beschützer ihm die strengste Heimlichkeit bei allen diesen Einzelnheiten vorgeschrieben hatte.

Das plötzliche Verschwinden Elshie's aus seiner außerordentlichen Einsiedelei bestärkte die Gerüchte, welche unter der Volksmasse über ihn verbreitet waren. Viele glaubten, sein Leib sei von dem Gottseibeiuns fortgeführt worden, als er nach seiner Einsiedelei zurückkehrte, weil er seinem Kontrakt entgegen, ein geheiligtes Gebäude betreten hatte; die Meisten aber waren der Meinung, er sei nur auf einige Zeit verschwunden, und man sehe ihn von Zeit zu Zeit in den Bergen. Da man nun, wie es gewöhnlich zu geschehen pflegt, eine lebhaftere Erinnerung an seine wilden und verzweifelten Reden wie an die wohlwollende Richtung seiner Handlungen bewahrte, so wird er gewöhnlich als ein Wesen mit dem boshaften Geiste betrachtet, welchen man den Mann der Moore nennt, und dessen böse Thaten von der Frau Elliot ihren Enkelkindern erzählt wurden. Somit wird er gewöhnlich dargestellt, als behexe er die Heerden und verursache, daß die Mutterschafe zu frühzeitig ihre Lämmer werfen, oder als ob er Schneemassen löse, um ihr Gewicht auf solche Schafe zu stürzen, welche während eines Sturmes am Rande eines Stromes oder in einem tiefen Thale Schutz suchen. Kurz, für alle Uebel, welche die Einwohner dieses Viehzucht treibenden Landes am meisten scheuen, wird als Ursache angegeben

der schwarze Zwerg.


 

Druck der C. Hoffmann'schen Officin in Stuttgart.

 


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