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Sechzehntes Kapitel.

– Es hat ihn Zeit und Gram zu dem gemacht,
– Was jetzt er ist: die Zeit mit sanfter Hand
– Vermag vielleicht, wann sie der einst'gen Tage
– Geschick ihm beut, zu dem was einst er war,
– Ihn wieder umzuwandeln. – Bringt Uns hin
– Zu ihm, geschehe was da will.

Altes Schauspiel.

 

– Der Schall von Ratcliffe's Stimme erreichte nicht länger das Ohr von Isabelle; da sie aber häufig zurückblickte, gewährte es ihr einige Ermuthigung, seine Gestalt in der Dämmerung zu erblicken; ehe sie jedoch noch viel weiter kam, verlor sie den Gegenstand bei dem sich mehrenden Schatten des Abends außer Augen. Mit dem letzten Schein des Zwielichts stand sie vor der Hütte des Klausners. Zweimal streckte sie ihre Hand nach der Thüre aus, zweimal zog sie dieselbe zurück; als sie zuletzt die Anstrengung machte, kam ihr Klopfen an der Thüre der Heftigkeit der Schläge in ihrem eigenen Busen nicht gleich. Ihre nächste Bemühung war lauter; sie wiederholte den Schlag an die Thüre zum dritten Mal, denn die Furcht, den Beistand nicht zu erlangen, von welchem Ratcliffe so viel verheißen hatte, begann die Schrecken vor der Gegenwart dessen zu überwältigen, den sie um Hülfe bitten wollte. Als sie zuletzt keine Antwort erhielt, nannte sie wiederholt den Zwerg bei seinem angenommenen Namen, und bat ihn, ihr zu antworten und die Thüre zu öffnen.

»Welches elende Wesen,« fragte die erschreckende Stimme des Einsiedlers, »ist in der Noth, um hier Zuflucht zu suchen? Geh von hinnen. Wenn das Auerhuhn auch der Zuflucht bedarf, sucht es sie nicht im Neste des Raben.«

»Ich komme zu Euch, Vater,« sagte Isabelle, »in meiner Stunde des Unglücks, so Ihr mir selbst befohlen habt, als Ihr mir verspracht, Euer Herz und Eure Thüre solle meinem Elend offen stehen, allein ich fürchte –«

»Ha,« rief der Einsiedler, »dann bist du Isabelle Vere, gib mir ein Zeichen, daß du es bist.«

»Ich habe Euch die Rose zurückgebracht, die Ihr mir gabt: sie hatte nicht Zeit zum Verwelken, bevor das harte Schicksal über mich hereinbrach, welches Ihr mir vorhersagtet.«

»Und wenn du so dein Wort gelöst hast,« sagte der Zwerg, »so will ich das meinige nicht verwirken. Das Herz und die Thüre, welche gegen jedes menschliche Wesen verschlossen waren, sollen sich dir und deinem Kummer öffnen.«

Sie vernahm, wie er sich in seiner Hütte bewegte, und gleich darauf Feuer schlug; ein Riegel nach dem andern ward weggezogen; das Herz Isabellens klopfte heftiger, als diese Hindernisse ihrer Zusammenkunft entfernt wurden. Es öffnete sich die Thüre und der Einsiedler stand vor ihr; seine seltsame Gestalt und seine Züge wurden durch die eiserne Lampe erleuchtet, die er in der Hand hielt.

»Trete ein, Tochter der Trübsal,« waren seine Worte, »betrete das Haus des Elends.«

Sie trat ein, und beobachtete mit einer Vorsicht, welche ihre Furcht steigerte, daß die erste Handlung des Klausners, nachdem er die Lampe auf den Tisch gestellt hatte, darin bestand, daß er die zahlreichen Riegel wieder vorschob, welche die Thür seiner Hütte sicherten. Sie schauderte, als sie das Geräusch dieses Unglück bedeutenden Verfahrens vernahm, gedachte jedoch der Warnungen Ratcliffe's, und bemühte sich, jeden Schein der Furcht zu unterdrücken. Das Licht der Lampe war schwach und ungewiß; der Einsiedler aber, ohne vorerst weiter auf Isabelle zu achten, als daß er sie einlud, sich auf einen kleinen Sitz am Kamin niederzulassen, entzündete schnell einigen trockenen Stechginster, welcher sogleich einen Flammenschein durch die Hütte verbreitete. Ein hölzernes Gesims mit einigen Büchern, einigen Bündeln getrockneter Kräuter und einem oder zwei Trinkgeschirren und Schüsseln, befanden sich an einer Seite des Feuers; an der andern standen einige Geräthe der Feldarbeit, mit anderen, welche Handwerker anwenden, untermischt. Wo man ein Bett hätte erwarten sollen, stand ein hölzerner, mit verwittertem Moos und Binsen bestreuter Rahmen, die Lagerstätte des Klausners. Der ganze Raum der Hütte betrug innerhalb der Mauern nur zehn Fuß Länge und sechs Fuß Breite; ihr einziges Geräth außer dem erwähnten bestand in einem Tisch und zwei Stühlen aus groben Dielen.

Innerhalb dieses engen Raumes fand sich jetzt Isabelle mit einem Wesen eingeschlossen, dessen Geschichte nichts darbot, sie zu beruhigen, und bei welchem die furchtbare Gestaltung eines scheußlichen Antlitzes einen beinahe abergläubischen Schrecken einflößte. Er nahm seinen Sitz ihr gegenüber ein, senkte seine großen und zottigen Brauen über seinen durchdringenden schwarzen Augen, und blickte sie schweigend an, als sei er durch eine Mannigfaltigkeit streitender Gefühle bewegt. Auf der andern Seite saß Isabelle, bleich wie der Tod; ihr langes Haar, durch den feuchten Nebel des Abends entkräuselt, fiel ihr über Schultern und Brust, so wie die nassen Wimpel vom Maste herabhängen, wenn der Sturm entschwand, nachdem das Schiff durch ihn auf dem Gestade gestrandet ist. Der Zwerg brach zuerst das Schweigen mit der plötzlichen, abgebrochenen und erschreckenden Frage: »Weib, welches böse Geschick hat dich hieher gebracht?«

»Meines Vaters Gefahr und Euer Befehl,« erwiderte sie mit schwacher aber fester Stimme.

»Und Ihr hofft Hülfe von mir!?«

»Wenn Ihr mir sie leisten könnt,« erwiderte sie in demselben Tone milder Demuth.

»Und wie sollte ich diese Gewalt besitzen?« fuhr der Zwerg mit bitterem Hohne fort, »ist meine Gestalt die eines Ritters, der dem Unrecht abhilft? Ist dieß ein Schloß, worin ein Mächtiger wahrscheinlich seinen Wohnsitz aufschlägt, welcher Gewalt genug besitzt, daß eine schöne Bittende, die ihn anfleht, Hülfe von ihm erlangt? Mädchen, ich spottete deiner, als ich sagte, ich werde dir helfen.«

»Dann muß ich fort, und meinem Geschicke trotzen, so weit es mir möglich ist!«

»Nein,« sagte der Zwerg, indem er aufstand, zwischen sie und die Thür trat, und durch eine Handbewegung bei finsterem Ausdruck der Gesichtszüge sie einlud, ihren Sitz wieder einzunehmen – »Nein, so verlaßt Ihr mich nicht; wir müssen noch weiter mit einander reden. Warum sollte ein Wesen die Hülfe eines Andern verlangen? Warum sollte nicht Jeder sich selbst genügen? Blickt umher – ich, von Allen verachtet und abgelebt im Reich der Natur, habe Mitgefühl und Hülfe von Niemand verlangt. Diese Steine habe ich mit eigenen Händen auf einander gehäuft; dieses Geräth mit eigener Hand geformt, und mit diesem« – er legte seine Hand mit einem trotzigen Blick auf den langen Dolch, den er stets unter dem Kleide trug, und zog ihn so weit hervor, daß die Klinge in dem Flammenlichte glänzte – »mit diesem« fuhr er fort, als er die Waffe in die Scheide zurückstieß, »kann ich im Nothfall den Lebensfunken in so einem armen Rumpfe gegen den schönsten und kräftigsten Mann vertheidigen, der mich mit Gewaltthätigkeit bedroht!« Nur mit Schwierigkeit hielt Isabelle einen lauten Ruf des Schreckens zurück; sie überwältigte jedoch ihre Furcht. »So ist das Leben der Natur,« fuhr der Klausner fort, »einsam sich selbst genügend und unabhängig. Der Wolf ruft nicht den Wolf zu Hülfe, wenn er seine Höhle baut, der Geier ersucht nicht einen Andern, wenn er auf seine Beute herniederfahren will.«

»Und wenn sie sich nicht Hülfe verschaffen können?« fragte Isabelle, indem sie scharfsinnig bedachte, daß er Gründen, welche sie, in seinen bilderreichen Styl eingehend, ihm angeben werde, am meisten zugänglich sein werde, »welcher Art dann ist ihr Schicksal?«

»Laßt sie vor Hunger sterben und vergessen werden.«

»Es ist das Loos der wilden Naturgeschlechter,« sagte Isabelle, »und vorzugsweise solcher, welche bestimmt sind, vom Raube zu leben, der keinen Theilnehmer erträgt, es ist nicht das Gesetz der Natur im Allgemeinen. Sogar die niederen Thiere schließen Bündnisse zu gegenseitiger Vertheidigung. Aber die Menschen – das Geschlecht würde den Untergang finden, wenn die Einzelnen einander die Unterstützung versagten. Vom Augenblick, wo die Mutter den Kopf ihres Kindes verbindet, bis zum Augenblick, wo ein gütiger Freund den Todesschweiß von der Stirn des Sterbenden abtrocknet, können wir ohne gegenseitige Hülfe nicht leben. Alle deßhalb, welche der Hülfe bedürfen, besitzen ein Recht, sie von ihrem Nebenmenschen zu erbitten; Niemand, welcher die Macht hat, sie zu gewähren, kann sie ohne Schuld verweigern.«

»Und mit dieser einfältigen Hoffnung, armes Mädchen,« sagte der Einsiedler, »bist du in die Wüste gekommen, um mich aufzusuchen, der ich wünsche, daß die von mir erwähnte Verbindung auf immer abgebrochen würde, und daß das ganze Geschlecht im wahren Sinn des Worts umkommen möge? Hast du dich nicht gefürchtet?«

»Das Elend,« sprach Isabelle mit Festigkeit, »ist der Furcht überlegen.«

»Hast du nicht in deiner sterblichen Welt sagen hören, daß ich mit anderen Mächten im Bunde stehe, die für den Blick eben so entstellt und dem Menschengeschlecht eben so feindlich sind wie ich? Hast du dieß nicht gehört? Und du suchst meine Zelle um Mitternacht auf!«

»Das Wesen, welches ich verehre, schützt mich vor so eitler Furcht,« sagte Isabelle; die gesteigerte Aufregung ihres Busens widerlegte jedoch den erzwungenen Muth, welchen ihre Worte aussprachen.

»Ha, ha,« sagte der Zwerg, »du prahlst mit Philosophie, hast du jedoch nicht die Gefahr bedacht, daß du jung und schön dich der Gewalt eines Wesens anvertraust, welches so tief die Menschheit haßt, daß es sein hauptsächlichstes Vergnügen in Entstellung und Entwürdigung ihrer schönsten Werke findet?«

Isabelle, obgleich erschreckt, fuhr fort, mit Festigkeit zu antworten, »welch' Unrecht Ihr auch in der Welt ertragen habt, so vermögt Ihr nicht, es an mir zu rächen, die ich niemals weder Euch noch einem Andern absichtlich ein Unrecht erwies.«

»Mädchen,« fuhr der Zwerg fort, und seine dunklen Augen glänzten mit dem Ausdruck der Bosheit, welche sich seinen wilden und verdrehten Gesichtszügen mittheilte, »Rache ist der hungrige Wolf, welcher nur erstrebt, Fleisch zu zerreißen und Blut zu lecken. Glaubst du, daß er darauf achtet, wenn das Lamm sich auf Unschuld beruft?«

»Mann,« sprach Isabelle, indem sie aufstand und mit vieler Würde redete, »ich fürchte nicht die schauderhaften Vorstellungen, wodurch Ihr Eindruck bei mir zu erregen sucht, ich weise sie mit Verachtung zurück. Seid Ihr sterblich oder ein böser Geist, so würdet Ihr niemals einer Unglücklichen schaden, welche in äußerster Noth als Bittende zu Euch kam. Ihr werdet es nicht, Ihr wagt es nicht.«

»Du sprichst die Wahrheit,« erwiderte der Klausner, »ich wage es nicht – ich werde es nicht, kehre heim. Fürchte nichts von dem, womit man dich bedroht. Du hast mich um Schutz ersucht – du sollst ihn wirksam finden.«

»Aber Vater, ich habe eingewilligt, noch heute Nacht den Mann, den ich verabscheue, zu heirathen, oder ich muß meinen Vater zu Grunde richten.«

»Noch heute Nacht? um welche Stunde?«

»Vor Mitternacht.«

»Das Zwielicht,« sagte der Zwerg, »ist schon vorüber, sei jedoch unbesorgt, die Zeit genügt zu deinem Schutze.«

»Und mein Vater,« fuhr Isabelle in bittendem Tone fort.

»Dein Vater,« erwiderte der Zwerg, »war und ist mein bitterster Feind, sei jedoch unbesorgt; deine Tugend soll ihn retten. Jetzt aber gehe, hielte ich dich länger bei mir zurück, so könnte ich wiederum in die albernen Träume hinsichtlich der Güte der Menschen verfallen, aus denen ich einst so furchtbar geweckt wurde. Fürchte jedoch nichts – sogar am Fuße des Altares will ich dich erretten. Lebt wohl, die Zeit drängt uns, und ich muß handeln.«

Er führte sie zur Thür seiner Hütte, die er öffnete, damit sie ihn verlassen konnte. Sie bestieg wieder ihr Pferd, welches innerhalb der Umzäunung gegrast hatte, und trieb es im Lichte des jetzt aufgehenden Mondes an den Platz, wo Ratcliffe zurückgeblieben war.

»Habt Ihr Erfolg gehabt?« war seine erste, hastige Frage.

»Ich habe Versprechungen von ihm erhalten, zu dem Ihr mich sandtet; wie ist es aber möglich, daß er sie erfüllt?«

»Gott sei Dank,« sagte Ratcliffe, »zweifelt nicht an seiner Gewalt, sein Versprechen zu erfüllen.«

In dem Augenblick ertönte ein scharfes Pfeifen über die Heide.

»Horcht,« sagte Ratcliffe, »er ruft mich – Miß Vere, kehrt nach Hause zurück, und laßt die Hinterthüre des Gartens unverriegelt; zu derjenigen Thür, welche auf die Hintertreppe führt, habe ich einen besonderen Schlüssel.« Ein zweites Pfeifen wurde jetzt vernommen, noch greller als das erste.

»Ich komme, ich komme,« sagte Ratcliffe; er spornte sein Pferd und ritt über die Heide in der Richtung zur Hütte des Klausners. Miß Vere kehrte in's Schloß zurück. Das Feuer ihres Pferdes und ihre eigene Angst wirkten zusammen, um ihren Ritt zu beschleunigen.

Sie gehorchte den Vorschriften Ratcliffe's, ohne jedoch ihren Zweck zu ahnen, ließ ihr Pferd auf einem eingehegten Platze am Garten zurück und eilte auf ihr Zimmer, das sie, ohne bemerkt zu werden, erreichte. Sie entriegelte jetzt ihre Thür und zog die Schelle, um Kerzen herauf bringen zu lassen. Ihr Vater erschien mit dem Diener, der ihrem Befehl gehorchte.

»Zweimal,« sagte er, »während der zwei Stunden, welche vergangen sind, seit ich Euch verließ, habe ich an Eurer Thür gehorcht; da ich nichts von Euch vernahm, besorgte ich, daß Ihr krank wäret.«

»Und jetzt, theurer Vater,« sagte sie, »erlaubt mir, das Versprechen in Anspruch zu nehmen, welches Ihr mir gütigst gegeben habt; überlaßt mir die letzten Augenblicke der Freiheit, die ich noch genieße, ohne alle Unterbrechung; verlängert den mir gestatteten Verzug bis zum letzten Augenblick.«

»So will ich,« erwiderte ihr Vater, »Ihr werdet nicht unterbrochen werden. Aber diese ungeordnete Kleidung, dies zerstreute Haar – wenn ich Euch wiederum rufe, dürft Ihr nicht in solchem Zustande sein. Das Opfer muß freiwillig gebracht werden, wenn es heilsam sein soll.«

»Muß es sein,« antwortete sie, »wohlan denn, seid unbesorgt, Vater, das Opfer wird geschmückt sein.«


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