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Zehntes Kapitel.

Gern mied ich meiner Dame Laube,
Sie war von Schnee umfangen;
Gern kehr' ich, wird mit frischem Laube
Sie neu im Lenze prangen.

Alte Ballade.

 

Aergerlich über die von seinen Verwandten nach seiner Meinung gezeigte Kälte in einer ihm so nahe liegenden Angelegenheit, hatte sich Hobbie von ihrer Gesellschaft getrennt und befand sich jetzt auf seiner einsamen Heimkehr. »Der Teufel mache dich zu Schanden,« sagte er, als er heftig sein ermüdetes und stolperndes Roß spornte, »du bist wie alle andern, ich habe dich aufgebracht und genährt und dich mit eigener Hand gewartet, und jetzt willst du stolpern und mir den Hals brechen, wo ich dich am meisten brauche; aber du bist wie die andern; jeder von ihnen ist mein Vetter, wenn auch mein entferntester Verwandter nur im zehnten Grade, aber Tag und Nacht würde ich ihnen mit meinem besten Blute gedient haben. Nun zeigen sie dem Diebe von Westburnflat mehr Rücksicht, wie ihrem eigenen Fleisch und Blut. Jetzt sollte ich die Lichter in Heugh-foot sehen, wehe mir,« fuhr er fort, indem die Erinnerungen auf ihn eindrangen, »in Heugh-foot wird nicht mehr ein Kohlen- oder Kerzenlicht leuchten; wäre nicht meine arme Großmutter, meine Schwestern und die arme Grace, so könnte ich jetzt Lust haben, das Thier anzuspornen und über den Abhang in's Wasser zu springen um Alles zu beenden.« In dieser trostlosen Stimmung wandte er den Zügel seines Pferdes nach der Hütte, worin seine Familie Zuflucht gefunden hatte.

Als er der Thür sich nahte, hörte er ein Flüstern und Kichern unter seinen Schwestern; »der Teufel ist unter den Weibern,« sagte der arme Hobbie; »sie würden wiehern und lachen, wenn ihr bester Freund als Leiche da läge, und dennoch freut es mich, daß sie ihre Munterkeit so gut behalten, die armen einfältigen Dinger; aber sicherlich, das Böse befällt mich und nicht sie.« Während er so grübelte, war er damit beschäftigt, sein Pferd in einem Schuppen festzubinden. »Du kannst dich jetzt ohne Decke und Uebergurt behelfen, Bursch,« sagte er zum Thiere; »du und ich, wir sind gleicher Weise heruntergekommen; es wäre besser, wir wären in den tiefsten Teich von Tarras gefallen.«

Er wurde von der jüngsten seiner Schwestern unterbrochen, welche heraussprang und mit erzwungener Stimme, als wolle sie eine Aufregung unterdrücken, ihm zurief: »was tändelt Ihr hier, Hobbie, bei dem Pferde? Jemand aus Cumberland wartet nun schon seit einer Stunde und länger; geh schnell in's Haus, Mann, ich will den Sattel abnehmen.«

»Jemand aus Cumberland!« rief Elliot aus, warf den Zaum seines Pferdes seiner Schwester in die Hand und stürzte in die Hütte, »wo ist er, wo ist er!« rief er aus, richtete schnelle Blicke nach allen Seiten und fügte hinzu, als er bloß Frauen sah: »brachte er Nachrichten von Grace?«

»Er kann keinen Augenblick länger warten,« sagte die ältere Schwester mit einem unterdrückten Lachen.

»Still, Mädchen!« sagte die alte Dame in einem mit guter Laune gegebenen Verweise; »ihr solltet euren Bruder Hobbie nicht so quälen; sieh dich um, mein Sohn, ob noch Jemand sonst hier ist außer uns, die du heute Morgen verlassen hast.«

Hobbie sah sich eifrig um: »Ihr seid hier und meine drei Schwestern.«

»Wir sind unserer vier, Hobbie,« sagte die Jüngste, die in diesem Augenblick eintrat.

In einem Augenblick hielt Hobbie Grace Armstrong in seinen Armen, welche mit einem Mantel seiner Schwester angethan, beim ersten Eintritt von ihm nicht beobachtet war. »Wie hast du das thun können?« fragte Hobbie.

»Es war nicht meine Schuld,« sagte Grace, indem sie sich bemühte, mit den Händen ihr Gesicht zu verdecken, um ihr Erröthen zu verbergen und zugleich dem Sturme herzlicher Küsse zu entgehen, womit ihr Bräutigam ihre einfache List bestrafte, – »es war nicht meine Schuld, Hobbie, Ihr solltet Jeannie und die Uebrigen küssen, denn diese haben die Sache eingerichtet.«

»Das will ich,« sagte Hobbie und umarmte und küßte seine Schwestern und Großmutter hundert Male, während Alle in dem Uebermaß ihrer Freude abwechselnd lachten und weinten. »Ich bin der glücklichste Mann,« sagte Hobbie, indem er beinahe erschöpft auf einen Stuhl sank – ich bin der glücklichste Mensch in der Welt!«

»Dann, mein theures Kind,« sagte die gute alte Dame, welche keine Gelegenheit vorbeiließ, um die Lehren der Religion in solchen Augenblicken einzuschärfen, in welchen das Herz zu deren Aufnahme am meisten geöffnet ist, »dann, o mein Sohn, lobpreise Ihn, welcher Lächeln aus Thränen und Freude aus Gram erzeugt, wie er Licht aus Finsterniß und die Welt aus Nichts erschuf. Waren es nicht meine Worte, daß Ihr, wenn Ihr sagen wolltet, Sein Wille geschehe, auch Ursache haben würdet, zu sagen, Sein Name sei gepriesen?«

»So war es – es waren Eure Worte, Großmutter; ich preise ihn für seine Gnade, und daß er mir eine gute Mutter ließ, als meine eigene todt war,« sagte der ehrliche Hobbie, indem er ihre Hand ergriff, »es erinnert mich an meine Pflicht, Seiner im Glück und im Unglück zu gedenken.«

Es entstand eine feierliche Pause von einer oder zwei Minuten in der Uebung innerer Andacht, welche in Reinheit und Aufrichtigkeit die Dankbarkeit der liebevollen Familie gegen jene Vorsehung aussprach, welche so unerwartet das verlorene Mitglied ihren Umarmungen zurückgegeben hatte.

Hobbie's erste Fragen betrafen die Abenteuer, welche Grace erlitten hatte; sie wurden weitläufig erzählt, waren aber in Kürze folgende. Sie wurde durch den Lärm, welchen die Räuber bei dem Einbruch in das Haus machten, und durch den Widerstand von einem oder zwei Dienern geweckt, die jedoch schnell überwältigt wurden. Sie kleidete sich hastig an, lief die Treppe hinab, sah im Getümmel die Maske Westburnflats von dessen Gesicht fallen, nannte ihn unvorsichtig bei Namen und bat ihn um Gnade; der Räuber knebelte sogleich ihren Mund, schleppte sie aus dem Hause und warf sie auf ein Pferd hinter einem seiner Genossen.

»Ich würde ihm den verfluchten Hals brechen,« sagte Hobbie, »wenn es keinen andern Gräme im Lande wie er selbst gäbe!«

Sie fuhr in ihrer Erzählung fort, daß sie von den Räubern nach Süden gebracht wurde, welche das Vieh vor sich her trieben, bis sie die Grenze überschritten hatten. Plötzlich kam eine Person, die als ein Vetter von Westburnflat bekannt war, in sehr schnellem Ritt zu den Räubern und sagte ihrem Führer, sein Vetter habe aus sicherer Quelle erfahren, der Raub werde ihm kein Glück bringen, wenn das Mädchen ihren Verwandten nicht zurückgegeben würde. Nach einiger Verhandlung schien der Anführer der Schaar sich zu beruhigen. Grace wurde hinter ihren neuen Wächter auf's Pferd gesetzt; derselbe ritt stillschweigend und mit großer Eile den am wenigsten besuchten Weg nach Heugh-foot, und ehe der Abend dämmerte, hieß Jener das ermüdete und erschreckte Mädchen in der Entfernung von ungefähr einer Viertelmeile von der Wohnung ihrer Verwandten absteigen. Mannigfach und aufrichtig waren die Glückwünsche, die von allen Seiten ertheilt wurden. Als diese erste Aufregung sich gelegt hatte, begannen weniger angenehme Betrachtungen sich aufzudrängen.

»Das ist eine elende Wohnung für euch Alle,« sagte Hobbie, indem er sich umsah, »ich kann mich sehr wohl bei meinem Klepper niederlegen, wie es manche Nacht auf den Bergen der Fall war, aber ich kann nicht begreifen, wie ihr unterzubringen seid. Was noch schlimmer ist, ich kann es nicht ändern; und was noch schlimmer als Alles ist, Morgen kann kommen und Uebermorgen, ohne daß ihr besser daran seid.«

»Es war eine feige grausame That,« sagte eine der Schwestern, »eine arme Familie auf solche Weise bis auf die Wände auszuplündern.«

»Und uns weder Kalb noch Vieh,« sagte der jüngere Bruder, der jetzt eintrat, »weder Schaf noch Lamm, noch irgend Etwas zu lassen, das Gras oder Körner frißt.«

»Wenn sie noch einen Zank mit uns hätten,« sagte Harry, der zweite Bruder, »so waren wir doch bereit, ihn auszufechten, und noch dazu, daß wir Alle von Hause und Alle auf den Bergen waren, – bei Gott, wären wir zu Hause gewesen, so sollte Will-Gräme's Magen seinen Morgentrunk erhalten haben; er wird ihm aber doch geboten, Hobbie, nicht wahr?«

»Unsere Nachbarn haben einen Tag in Castleton bestimmt, um mit ihm im Angesicht der Menschen sich zu vergleichen,« sagte Hobbie mit düsterem Ausdruck, »sie verlangten in ihrer eigenen Weise zu verfahren, oder ich hätte mich ihrer Hülfe nicht versichern können.«

»Um sich mit ihm zu vergleichen!« riefen beide Brüder zugleich aus. »Nach solch einer Räuberei, wie sie im Lande seit den alten Kriegszeiten nicht mehr erhört worden ist!«

»Sehr wahr, Brüder, und mein Blut kochte, aber – der Anblick von Grace Armstrong hat mich wieder beruhigt.«

»Aber die Viehheerden, Hobbie,« sagte John Elliot; »wir sind gänzlich zu Grunde gerichtet. Harry und ich ritten aus, um einzusammeln, was hier in der Umgegend noch vorhanden war; kaum eine Klaue ist zurückgeblieben. Ich weiß nicht, was wir anfangen sollen – ich glaube, wir müssen Alle in den Krieg. Westburnflat hat nicht die Mittel, sogar wenn er wollte, unsern Verlust auszugleichen; von ihm können wir keine andere Entschädigung bekommen, als diejenige, die wir uns an seinen Knochen holen; er hat kein vierfüßiges Geschöpf als seinen Klepper von elendem Blut, worauf er reitet, und der ist ohnedem durch sein nächtliches Treiben noch schlechter geworden. Wir sind bis auf Stumpf und Stiel zu Grunde gerichtet.«

Hobbie richtete einen betrübten Blick auf Grace Armstrong, welche mit gesenkten Augen und einem leisen Seufzer antwortete.

»Seid nicht niedergeschlagen, Kinder,« sagte die Großmutter, »wir haben gute Freunde, die uns im Unglück nicht verlassen werden, z. B. Sir Thomas Kittleloof ist mein Vetter von mütterlicher Seite im dritten Grade und hat sehr viel Silber sich erworben, und ist noch dazu zum Ritter und Baronet ernannt worden, weil er einer der Commissäre bei der Union war.«

»Er wird uns keinen Heller geben, um uns vom Hungertode zu retten,« sagte Hobbie, »und wenn er es thäte, so würde das Brod, das ich damit kaufen sollte, mir in der Kehle stecken bleiben, wenn ich bedenken muß, daß es ein Theil des Preises ist, um welchen die Krone und Unabhängigkeit des armen alten Schottlands verkauft wurde.«

»Dann haben wir den Gutsherrn von Dunder aus einer der ältesten Familien in Tiviotdale.«

»Mutter, der sitzt im Gefängniß, er sitzt im Kerker von Edinburg für tausend Mark, die er von Saunders Wyliecoat, dem Schreiber, borgte.«

»Der arme Mann,« rief Frau Elliot aus, »können wir ihm nicht Etwas zuschicken, Hobbie?«

»Ihr vergeßt, Großmutter, daß wir vorerst uns selbst helfen müssen,« sagte Hobbie etwas verdrießlich.

»Wahrhaftig, das vergeß ich,« erwiderte die gute alte Frau, »gerade in diesem Augenblick; es ist so natürlich, eher an seine Blutsverwandten als an sich zu denken – aber wir haben ja noch den jungen Earnscliff.«

»Er hat sehr wenig von seinem Eigenthum übrig; wollten wir ihn mit unserem Elend belasten, so wäre es eine Schande, da er die Ehre eines solchen Mannes erhalten muß. Ich sage Euch, Großmutter, es ist nutzlos, daß Ihr da sitzt und über das Thema Eurer Bekannten, Verwandten und Vettern träumt, als läge in ihren Namen ein Zauber, um uns aus der Noth zu helfen; die Vornehmen haben uns vergessen, und die uns Gleichgestellten haben wenig genug, um sich durchzuschlagen; wir haben keinen Verwandten, der uns zu den Heerden unseres Pachtgutes wiederum verhelfen will oder kann.«

»Dann, Hobbie, müssen wir auf Ihn vertrauen, der bewirken kann, daß Freunde und Vermögen aus dem nackten Moor entspringen, wie man zu sagen pflegt.«

Hobbie sprang auf, »Ihr habt Recht, Großmutter!« rief er aus, »ich kenne Jemand auf dem nackten Moor, der uns helfen will und kann. Die Wechselfälle dieses Tages haben mir den Kopf schwindlig gemacht. Ich habe so viel Geld auf dem Mucklestane-Moor heute Morgen zurückgelassen, daß Haus und Stall in Heugh-foot zweimal davon gefüllt werden könnten, und ich bin überzeugt, Elshie wird uns nicht zürnen, wenn wir Gebrauch davon machen.«

»Elshie!« fragte seine erstaunte Großmutter, »welchen Elshie meint Ihr?«

»Wen anders, als den klugen Elshie, den Weisen von Mucklestane,« erwiderte Hobbie.

»Gott behüte, mein Kind, daß du Wasser holst aus zertrümmerten Cisternen, oder Hülfe suchst von Denen, welche mit dem Bösen verkehren. Niemals war Glück in ihren Gaben oder Gnade auf ihren Pfaden; das ganze Land weiß, daß jener Elshie ein verkehrter Mensch ist. Herrschte das Gesetz und die süße ruhige Verwaltung der Gerechtigkeit, wodurch ein Königreich in Rechtschaffenheit erblüht, so würde man niemals leiden, daß Seinesgleichen leben darf. Der Zauberer und die Hexe sind der Abscheu und das Böse im Lande.«

»Wahrhaftig, Mutter,« erwiderte Hobbie, »Ihr mögt sagen, was Ihr wollt, aber ich glaube, daß Hexen und Kobolde nicht mehr halb die Gewalt wie früher haben, wenigstens bin ich überzeugt, daß Jemand, welcher böse Plane entwirft, wie der alte Ellieslaw, oder ein Anderer, welcher Böses thut, wie der verdammte Schurke Westburnflat, weit mehr eine Plage und Abscheu einem Lande ist, als ein ganzer Schwarm der schlimmsten Hexen, die jemals auf einem Besenstiel ritten, oder die Bezauberungen am Pfingst-Dienstage ausführten. Es hätte lange gedauert, bis Elshie mir Haus und Scheuer verbrannt hätte; jetzt aber bin ich entschlossen zu versuchen, ob er Etwas thun will, um sie mir wieder aufzubauen.«

»Wart ein wenig, mein Kind; bedenke, seine Wohlthaten haben bei Niemand Gedeihen gehabt. Jock Howden starb an derselben Krankheit, von welcher Elshie ihn zu heilen vorgab, zur Zeit, als die Blätter abfielen; Lambside's Kühe hat er zwar gut geheilt, allein die Klauenseuche herrschte alsdann um so schlimmer dies Jahr unter seinen Schafen, und man hat mir gesagt, er brauche solche Worte, wenn er auf die menschliche Natur schmäht, daß dies eine Lästerung der Vorsehung ist. Erinnere dich noch, wie du selbst sagtest, das erstemal als du ihn gesehen hast, er sei eher wie ein Kobold als wie ein lebendiges Ding.«

»Halt Mutter,« sagte Hobbie, »er ist nicht so ein schlechter Kerl; er sieht allerdings grauenhaft genug für einen Krüppel aus, und er hat eine grobe Zunge, aber sein Bellen ist schlimmer wie sein Biß. Wenn ich nur Etwas zu essen hätte, denn kein Bissen ist heute in meine Kehle gekommen, so würde ich mich zwei oder drei Stunden neben meinem Thiere ausstrecken und mit dem ersten Morgenstrahl auf und davon nach Mucklestane reiten.«

»Warum nicht noch heute Nacht, Hobbie?« fragte Harry, »ich würde mit Euch reiten.«

»Mein Klepper ist müde,« sagte Hobbie.

»Dann mögt Ihr meinen nehmen,« sagte John.

»Aber ich bin selbst sehr müde.«

»Ihr seid müde?« sagte Harry, »schämt Euch! Ich habe Euch gesehen, wie Ihr vierundzwanzig Stunden nach einander im Sattel wart und wie dennoch nicht die geringste Müdigkeit in Eurem Leibe war.«

»Die Nacht ist sehr dunkel,« erwiderte Hobbie, indem er durch die Fensteröffnung der Hütte blickte; »und um die Wahrheit zu sagen und den Teufel zu beschämen, so möchte ich lieber das Tageslicht mit mir nehmen, wenn ich Elshie besuche, obgleich er wirklich ein ehrlicher Kerl ist.«

Dieses freimüthige Geständniß beendigte den Streit. Nachdem Hobbie zwischen der Raschheit seines Bruders und der furchtsamen Vorsicht seiner Großmutter eine Ausgleichung getroffen hatte, erfrischte er sich mit solcher Nahrung, wie sie die Hütte darbot, dann entfernte er sich nach herzlicher Begrüßung Aller in den Schuppen, und legte sich bei seinem treuen Pferde zum Schlafen nieder. Seine Brüder theilten unter sich einige Bündel von reinem Stroh in dem Stalle, welcher gewöhnlich von der Kuh der alten Annaple bewohnt wurde; die Frauenzimmer legten sich zur Ruhe, so gut es die Bequemlichkeiten der Hütte gestatteten.

Mit der ersten Morgendämmerung stand Hobbie auf; nachdem er sein Pferd geputzt und gesattelt hatte, ritt er nach dem Mucklestane-Moor. Er vermied es, einen seiner Brüder mitzunehmen, denn er dachte, der Zwerg sei für Diejenigen, welche ihn allein besuchten, am meisten versöhnlich gestimmt.

»Das Geschöpf dort,« dachte er bei sich, als er fortritt, »ist ungesellig, mehr als ein Mann ist zu viel für ihn, als daß er dies leiden könnte. Ob er wohl aus seinem Stall heraus geblickt hat, um den Sack voll Silber aufzunehmen? hat er es nicht gethan, so war das ein schöner Fund für irgend Jemand, und ich bin übel angekommen – komm Tarras,« sagte er zu seinem Pferde, indem er demselben einen Stoß mit den Sporen gab: »laufe schneller, wir wollen die Ersten auf dem Felde sein, wenn wir es können.«

Er befand sich jetzt auf der Haide, welche die Strahlen der aufgehenden Sonne zu beleuchten begannen; der sanfte Abhang, den er hinunterritt, bot ihm eine deutliche Ansicht von der Wohnung des Zwerges, obgleich er sich noch in einiger Entfernung befand. Die Thür öffnete sich, und Hobbie erblickte mit seinen eigenen Augen jene Erscheinung, von welcher er oft reden gehört hatte. Zwei menschliche Gestalten, wenn die des Zwerges so genannt werden kann, traten aus der einsamen Wohnung des Klausners und blieben stehen, als wollten sie in der frischen Luft sich unterreden. Die schlankere Gestalt blieb alsdann stehen, als wollte sie Etwas aufnehmen, welches neben der Thür der Hütte lag; hierauf gingen Beide ein wenig vorwärts und hielten wiederum, als seien sie in eifrigem Gespräch begriffen. Alle abergläubischen Schrecken Hobbie's wurden wiederum wach, als er dies Schauspiel sah. Der Umstand, daß der Zwerg einem menschlichen Gaste seine Wohnung öffnen sollte, war ebenso unwahrscheinlich, wie derjenige, daß irgend Jemand freiwillig ihm einen nächtlichen Besuch abstatten würde. Mit der vollen Ueberzeugung, er habe gesehen, wie der Zaubermeister mit seinem dienstbaren Geist eine Unterredung hielt, zog Hobbie sowohl seinen Zaum wie seinen Athem an, entschlossen, den Unwillen von Keinem der Beiden durch hastiges Eindringen in ihre Unterredung zu erregen. Jene hatten wahrscheinlich seine Annäherung gemerkt; denn kaum hatte er einen Augenblick angehalten, so kehrte der Zwerg in seine Hütte zurück; die schlankere Gestalt, die ihn begleitet hatte, eilte um die Umzäunung des Gartens und schien vor den Blicken des staunenden Hobbie zu verschwinden.

»Sah jemals ein Sterblicher etwas Aehnliches!« dachte Elliot, »aber mein Fall ist verzweifelt, und wäre es Beelzebub selbst, so will ich mich die Anhöhe hinunter wagen.«

Ungeachtet seines angenommenen Muthes nahte er sich langsam, als er beinahe auf demselben Platz, wo er die schlanke Figur zuletzt bemerkt hatte, einen kleinen rauh aussehenden Gegenstand, etwas wie einen Dachshund, unter dem langen Haidekraut lauern sah.

»Er hat doch keinen Hund, von dem ich jemals gehört hätte,« dachte Hobbie, »aber manchen Teufel bei der Hand – Gott vergebe mir, daß ich so etwas denke! – das Ding hält seinen Platz, sei es was es will – ich glaube, es ist ein Dachs; wer weiß aber, welche Gestalten die Kobolde annehmen, um Jemand zu erschrecken? Vielleicht fährt es in die Höhe wie ein Löwe oder ein Krokodil, wenn ich näher komme, ich will zuerst einen Stein darauf werfen, denn sollte es seine Gestalt verändern, wenn ich näher komme, so wird Tarras nicht Stand halten, und es wäre für mich zu viel, sollte ich mit ihm und dem Teufel zugleich zu schaffen haben.«

Er warf deßhalb vorsichtig einen Stein auf den Gegenstand, »es ist kein lebendiges Ding,« dachte Hobbie, näher kommend, »sondern der große Geldsack, den er gestern aus dem Fenster warf, jenes andere sonderbare Geschöpf hatte ihn etwas weiter auf meinen Weg gelegt.« Er trat vor und hob einen schweren Beutel von Pelzwerk in die Höhe, der gänzlich mit Gold gefüllt war. »Gott sei uns gnädig,« sagte Hobbie, dessen Gefühle zwischen der Freude über die Wiederbelebung seiner Hoffnungen und Lebensaussichten, sowie zwischen dem Argwohn unruhig schwankten, daß ihm diese Hülfe zu Zwecken böser Art geleistet sei – »Gott sei uns gnädig, es ist keine Kleinigkeit, so Etwas zu berühren, was soeben in den Klauen von Jemand steckte, mit dem es nicht geheuer ist. Ich kann mich von dem Glauben nicht losmachen, daß irgend ein Blendwerk Satans im Spiel ist, aber ich bin entschlossen, mich als ehrlicher Mann und guter Christ zu benehmen, es komme, was da will.«

Er trat somit an die Thür, klopfte mehrere Male an, ohne eine Antwort zu erhalten, und erhob zuletzt seine Stimme, um den Bewohner der Hütte anzureden. »Elshie! Vater Elshie, ich weiß, Ihr seid zu Hause und wach, denn ich sah Euch vor der Thür, als ich über die Anhöhe kam; wollt Ihr nicht herauskommen und nur ein wenig mit Jemanden sprechen, der Euch vielen Dank zu geben hat? Es ist Alles wahr, was Ihr mir über Westburnflat sagtet; er hat aber Grace sicher und wohlbehalten zurückgebracht, darum ist das Unglück jetzt nicht größer, als wie man erleiden und ertragen kann – wollt Ihr nicht ein wenig herauskommen, Mann, oder mir sagen, daß Ihr mir zuhört? – Wohlan, da Ihr mir keine Antwort geben wollt, so will ich mit meiner Erzählung fortfahren. Seht Ihr, ich dachte, es sei doch schlimm für zwei junge Leute wie ich und Grace, viele Jahre lang unsere Ehe aufzuschieben, wenn ich außer Landes wäre, bis ich mit einiger Habe zurückkehrte; man sagt ja, daß man in den Kriegen nicht mehr so Beute machen darf wie vor Zeiten, und der Königin Sold ist nicht hoch; damit kann man keine Habe sammeln – und dann auch das Alter meiner Großmutter – und meine Schwestern würden winselnd am Kamin sitzen, wenn ich ihnen fehlte, um sie herumzustoßen – und Earnscliff und die Nachbarn oder auch Ihr selbst, Elshie, könnt irgend einen guten Streich brauchen, den Hob Elliot für Euch ausführen könnte, auch wäre es schade, wenn das alte Haus von Heugh-foot gänzlich in Trümmern liegen sollte – drum dachte ich – aber der Teufel hole mich, wenn ich weiter rede,« fuhr er fort, indem er sich Einhalt that, »und wenn ich Jemanden um einen Gefallen bitte, der mir nicht einmal ein bloßes Wort erwidert, um mir zu sagen, daß er mich anhört.«

»Sage, was du willst – thue was du willst,« erwiderte der Zwerg vom Innern seiner Klause her, »aber pack dich und laß mich in Ruh.«

»Schon gut,« begann Elliot aufs Neue, »da Ihr mich hören wollt, so will ich die Sache kurz abmachen. Da Ihr so gütig seid, mir zu sagen, Ihr wollet mir so viel Silber leihen, daß ich Heugh-foot mit Vorräthen und Heerden wieder anfüllen kann, so bin ich meinerseits zufrieden, Eure Artigkeit mit vielem Dank anzunehmen; und wahrhaftig, ich glaube, das Geld wird in keinen Händen so sicher sein, wie in meinen, wenn Ihr es in dieser Weise hinwerft, damit der erste beste Schelm es aufnimmt, abgesehen von der Gefahr, der Ihr durch böse Nachbarn ausgesetzt sind, die durch verschlossene Thüren und in gut verwahrte Häuser dringen können, wie ich nach eigenem Schaden berichten kann. Nun sage ich, da Ihr so viel Rücksicht für mich habt, so nehme ich gern Eure Güte an; und meine Mutter und ich (sie hat eine Leibrente und ich besitze die Ländereien von Wideopen, wir werden Euch gern einen Schuldschein oder einen erblichen Pfandbrief für das Geld ausstellen und Euch den Zins halbjährlich zahlen; Saunders Wyliecoat soll den Schuldschein ausstellen und die ganze Schreiberei soll Euch keinen Heller kosten.«

»Laß dein Geschwätz und packe dich!« sagte der Zwerg. »Deine wortreiche ochsenköpfige Ehrlichkeit macht dich zu einer unerträglichen Plage, wie der leichtfingerige Höfling eine solche ist, welcher eines Mannes Vermögen demselben nehmen würde, ohne weder zu danken, noch sein Verfahren zu beschönigen oder zu vertheidigen. Packe dich, sage ich! du bist einer jener zahmen Sclaven, deren Wort so gut ist wie ihre Unterschrift. Behalte das Geld, Capital und Interesse, bis ich es zurückfordere.«

»Aber,« fuhr der hartnäckige Grenzbewohner fort, »es ist nur für Leben oder Sterben, Elshie; darum muß bei diesem Geschäft Schwarz auf Weiß gegeben werden. Setzet mir nur einen Schein in einer Form wie Ihr wollt auf; alsdann will ich ihn schön abschreiben, und vor Zeugen mit gutem Namen unterschreiben, nur, Elshie, möchte ich wünschen, daß Ihr nichts hineinsetzt, was mein Seelenheil gefährden kann; denn ich werde jenen Schein unserem Pfarrer zu lesen geben und Ihr würdet Euch zu keinem Zweck bloßstellen. Nun will ich gehen, denn Ihr seid mein Geschwätz müde, und ich bin es müde zu schwätzen, ohne Antwort zu erhalten – und ich werde Euch ein Stück Hochzeitkuchen dieser Tage bringen, und bringe vielleicht auch Grace, um Euch zu sehen. Ihr würdet Grace gern sehen, Mann, so hartherzig Ihr auch seid – bei Gott, ich wünsche, daß er sich wohl befindet, das war ein klägliches Stöhnen! vielleicht dachte er, ich spreche von himmlischer Gnade Grace (Gnade). und nicht von Grace Armstrong, der arme Mann! sein Zustand ist mir sehr zweifelhaft; aber gewiß, gegen mich war er so gütig, als wäre ich sein Sohn, und einen seltsam aussehenden Vater würde ich dann haben, wenn das der Fall wäre.«

Hobbie erlöste jetzt seinen Wohlthäter von seiner Gegenwart und ritt vergnügt nach Hause, um dort seinen Schatz zu zeigen und über die Mittel zu berathen, wie der Schaden auszugleichen sei, den sein Vermögen durch den Ueberfall des rothen Räubers von Westburnflat erlitten hatte.


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