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Neunundzwanzigstes Kapitel.

Ihr Eulen, schweigt! – Wie? Nichts als Todtenlieder?

Richard der Dritte.

Mehr als drei Monden waren seit dem im vorigen Kapitel erzählten Ereignisse entschwunden, und es war nur der Vorläufer anderer, noch wichtigerer Begebenheiten gewesen, die sich im Verfolge der Erzählung entwickeln werden. Da es indeß in unserm Plane liegt, dem Leser nicht eine bestimmte Schilderung der Begebenheiten in richtiger Reihenfolge nach Zeit und Datum zu liefern, sondern vielmehr eine Sammlung von Gemälden, welche die ergreifendsten Momente dem Aug' oder der Einbildungskraft derjenigen vergegenwärtigen sollen, welche Antheil daran nehmen mögen, so eröffnen wir eine neue Scene und bringen andere Schauspieler auf die Bühne.

Durch einen öden Landstrich, über zwölf Meilen von Garde Doloureuse entfernt, in der glühenden Sonne eines Sommermittags, die auf das schweigende Thal den verzehrenden Strahl hinabsenkte und die schwarzen Ruinen der Hütten beleuchtete, die es einst schmückten, schritten langsam zwei Wanderer. Nach ihren lang herabwallenden Gewändern, dem Pilgerstabe, den breit herabgekrämpten Hüten, mit Muscheln verziert, vor allem aber nach dem Kreuze von rothem Tuche, das ihre Schultern schmückte, mußte man sie für Pilger halten, die ihr Gelübde erfüllt und nun heimkehrten von jenem unheibringenden Quell, von welchem unter den Tausenden, welche ihn damals aus Liebe zu Abenteuern oder aus begeisterter Andacht besuchten, nur wenige die Heimath wieder begrüßten.

Ihr Weg hatte die Pilger an diesem Morgen über einen Schauplatz geführt, der ähnliche Verwüstungen zeigte, die kaum von denen übertroffen wurden, welche ihnen oft auch während der Kreuzzüge zugestoßen waren. Sie sahen Dörfer, welche alle Wuth des Krieges erfahren zu haben schienen; Häuser, bis auf den Grund niedergebrannt, und Gerippe ihrer unglücklichen Bewohner oder vielmehr Ueberreste derselben. Sie hingen an schnell aufgerichteten Galgen oder Bäumen, die man, wie es schien, blos zur Bequemlichkeit der Henker nicht umgehauen hatte. Lebende Wesen erblickten sie nicht, außer den wilden Bewohnern der Wälder, die jetzt schweigend wieder den Ort eingenommen zu haben schienen, aus welchem sie die zunehmende Kultur vertrieben hatte. Ihr Ohr hatte eben so unangenehme Eindrücke als ihre Augen; denn die in sich versunkenen Wanderer vernahmen das Krächzen des Raben, der zu beklagen schien, daß die Beute, an der er zur Zeit des Kriegs geschwelgt, sich vermindere. Auch das dumpfe Geheul eines herrenlosen Hundes drang ihnen bisweilen zu Ohren, dagegen aber kein Ton, der Thätigkeit oder häusliches Zusammenwohnen verrieth.

Die düstern Gestalten, welche müden Schrittes, wie es schien, durch diesen Schauplatz des Raubs und der Verwüstung zogen, schienen in einer ihm ähnlichen Stimmung zu seyn. Sie sprachen nicht mit einander, sie blickten sich nicht an, und während der Kleinere von beiden stets um einen halben Schritt seinem Gefährten voran war, bewegten sie sich langsam vorwärts, wie Priester, die von dem Todtenbette eines Sünders zurückkehren, oder vielmehr wie Geister, welche an der Kirchhofsmauer vorüberschweben.

Endlich erreichten sie einen Rasenhügel, auf dessen Gipfel eines jener Grabmäler berühmter, alter Britten-Häuptlinge sich befand, die aus aufgerichteten Granitblöcken bestehen, einem steinernen Sarge oder etwas dem Aehnlichen gleichend. Das Grabmal war seit langer Zeit von den siegreichen Sachsen entweiht worden, entweder aus bloßer Neugier oder wildem Uebermuthe, oder weil man zuweilen Schätze an solchen Orten vermuthete. Der ungeheure flache Stein, der einst den Deckel des Sarges bildete, lag in einiger Entfernung von der Gruft in zwei Stücke zerschmettert. Nach dem Grase aber und den Schlingkräutern zu schließen, welche diese Trümmer bedeckten, befanden sie sich schon seit vielen Jahren in diesem Zustande. Ein verkrüppelter, mürber Eichbaum breitete noch immer seine Zweige über das offene und rauhe Mausoleum aus, als wolle dies Wahrzeichen und Sinnbild der Druiden, zerschmettert und vom Sturme gebrochen, wie es war, dem letzten Ueberreste seiner Verehrer noch immer seinen Schutz gewähren.

»Dies ist also der Kist-Vaen Kist-vaen: Steinkiste; steinzeitliches Depot für Skelette oder menschliche Knochen; Monument dieser Art sind Ausdruck der Kultur und Ideologie neolithischer Gesellschaften.,« sagte der kleinere Pilger, »hier müssen wir die Nachricht unseres Kundschafters erwarten. Aber, Philipp Guarine, auf welche Weise lassen sich die Verwüstungen, die wir geschaut haben, erklären?«

»Vermuthlich sind's die Folgen eines Einfalls der Walliser Wölfe, Mylord,« entgegnete Guarine. »Bei Unserer Frau! da liegt ein armes sächsisches Schaf, das sie zerrissen haben.«

Der Konstabel (denn er war der vorangehende Pilger) wandte sich bei diesen Worten seines Knappen um und erblickte den Leichnam eines Mannes im hohen Grase, das ihn in der That so gänzlich verbarg, daß er vorübergeschritten wäre, ohne das zu bemerken, was dem Blicke seines minder in Betrachtungen versunkenen Dieners nicht entgangen war. Nach dem ledernen Wamse des Getödteten zu schließen, war es ein englischer Bauer. Die Leiche lag auf dem Gesichte, und der Todespfeil, der ihn niedergestreckt, steckte noch in dem Rücken des Erschlagenen.

Philipp Guarine zog mit der kalten Gleichgiltigkeit eines Menschen, der an dergleichen Auftritte gewöhnt ist, den Pfeil so gelassen heraus, als er ihn aus dem Körper eines Hirsches herausgezogen hätte. Eben so gleichgiltig gab der Konstabel seinem Knappen einen Wink, ihm den Pfeil zu reichen, und mit müßiger Neugier ihn betrachtend, sagte er: »Du hast Deine alte Kunst verlernt, Guarine, wenn Du dies einen Walliser Pfeil nennst. Verlaß Dich d'rauf, daß ihn ein normännischer Bogen abschoß; wie er aber in dem Leibe dieses englischen Bauern steckt, kann ich mir nicht erklären.«

»Es ist irgend ein entlaufener Leibeigener, darauf will ich wetten – irgend ein treuloser Hund, der sich mit den Wallisern verbunden hat,« antwortete der Knappe.

»Das ist wohl möglich,« entgegnete der Konstabel; »allein ich schließe mehr auf einen Bürgerkrieg zwischen den Gränzlords selbst. Die Walliser verheeren allerdings die Dörfer, und nur Blut und Asche bezeichnet ihre Spur, allein hier scheinen selbst Burgen gestürmt und eingenommen zu seyn. Gott möge uns günstige Nachrichten von Garde Doloureuse senden!«

»Amen!« rief der Knappe; »doch wenn wir sie durch Renault Vidal erfahren, so ist er zum ersten Mal ein Glücksvogel.«

»Philipp,« versetzte der Konstabel, »ich habe Dir schon gesagt, Du bist ein eifersüchtiger Thor. Wann gab Vidal jemals Anlaß, seine Treue zu bezweifeln? Zeigte er nicht Gewandtheit in Gefahren, Muth in der Schlacht, Geduld im Leiden?«

»Das mag immerhin wahr seyn, Mylord, aber – Doch was nützt mein Sprechen? – Daß er mitunter gute Dienste geleistet, will ich zugeben; aber grauen würd' es mir, wäre Euer Leben oder Eure Ehre in Renault Vidals Macht gegeben.«

»In aller Heiligen Namen, Du grämlicher, argwöhnischer Thor, was kannst Du zu seinem Nachtheile vorbringen?« versetzte der Konstabel.

»Nichts, Mylord, als instinktmäßiger Argwohn und Widerwillen,« sagte Guarine. »Das Kind, welches eine Schlange sieht, kennt ihre bösen Eigenschaften nicht und gleichwohl wird es ihr nicht nachjagen, noch sie wie einen Schmetterling zu fangen suchen. Eine gleiche Abneigung – ich kann mir einmal nicht helfen – hege ich gegen Vidal. Ich könnte dem Menschen seine boshaften, schielenden Seitenblicke vergeben, wenn er sich von Jemand beobachtet glaubt, aber sein höhnisches Lächeln kann ich ihm nicht verzeihen. Er gleicht der Bestie, von der wir in Judäa hörten, die, wie man sagt, lacht, ehe sie Jemand zerreißt und vernichtet!«

»Philipp,« versetzte Hugo von Lacy, »ich bedaure Dich von ganzer Seele, daß ich Dich, einen alten, tapfern Krieger von so überwiegender, grundloser Eifersucht befangen sehe. Noch bei unserem letzten Unglücksfalle, früherer Beweise seiner Treue gar nicht zu gedenken, konnte er es wohl anders, als wohl mit uns meinen, da er uns so treu bewachte, als wir durch Schiffbruch an die Walliser Küste verschlagen, offenbar den Tod vor Augen sahen, wenn die Cymrier in mir den Konstabel von Chester und in Dir den treuen Vollstrecker meiner Befehle gegen die Walliser erkannt hätten!«

»Ich gebe zu,« erwiederte Philipp Guarine, »daß der Tod unser Loos gewesen wäre, hätte jenes Menschen Schlauheit uns nicht für Pilger ausgegeben, zu deren Dolmetscher er sich aufwarf. Dadurch war er uns aber auch durchaus hinderlich, irgend eine Nachricht von dem Zustande der Dinge hier zu Lande einzuziehen, deren Kenntniß Euch so sehr am Herzen lag, und die, wie ich leider zugestehen muß, einen schlimmen Anschein haben.«

»Du bist dennoch ein Thor, Guarine,« sagte der Konstabel, »denn sieh' nur, hätte es Vidal böse mit uns gemeint, so würd' er uns den Wallisern verrathen oder uns veranlaßt haben, durch die mangelhafte Kenntniß, die Du und ich von ihrem Kauderwelsch haben mögen, uns selbst zu verrathen.«

»Gut, Mylord,« versetzte Guarine, »ich kann schweigen, aber beruhigt bin ich deshalb nicht. Trotz allen schönen Worten, die er vorbringen kann, trotz allen schönen Weisen, die er anstimmt, bleibt Renault Vidal in meinen Augen stets ein finsterer, verdächtiger Mensch, dessen Züge stets bereit sind, die Form anzunehmen, die das größte Vertrauen einflößt, dessen Zunge zu einer Zeit die schmeichelhaftesten, angenehmsten Worte, zu einer andern schlaue Einfalt oder plumpe Ehrlichkeit äußert; dessen Auge aber, wenn er sich unbemerkt glaubt, jedem auch noch so schlau verstellten Ausdruck seiner Züge, jeder rechtlichen Aeußerung, jedem artigen oder herzlichen Worte widerspricht, das von seinen Lippen floß. Doch ich will nichts mehr über diesen Gegenstand sagen, als daß ich ein alter Haushund von ächter Zucht bin. Ich liebe meinen Gebieter, wenn ich gleich einige, die er duldet, nicht leiden kann. – Aber, wenn ich nicht irre, so naht dort Vidal, um uns, wie es ihm eben belieben wird, Bericht von unserer Lage abzustatten.«

Ein Reiter näherte sich in der That eilig dem Kist-Vaen. Seine Kleidung, ein Gemisch der morgenländischen Tracht mit dem phantastischen Anzuge, welcher von Leuten seines Standes getragen ward, ließ den Konstabel in ihm leicht den Minstrel erkennen, von dem er so eben mit Guarine gesprochen hatte.

Wiewohl Hugo von Lacy, indem er seinen Diener gegen Guarine's Argwohn vertheidigte, seinen Verdiensten nur Gerechtigkeit widerfahren ließ, so theilte er im Grunde des Herzens doch bisweilen jenen Argwohn, und ärgerte sich, gerecht und edeldenkend wie er war, über sich selbst, daß oberflächliche Blicke und zufällige Ausdrücke ihn dann und wann eine Treue bezweifeln ließen, von deren Eifer und Unerschütterlichkeit er so viele Beweise hatte.

Als Vidal sich näherte und vom Pferde stieg, um sich vor seinem Gebieter zu verneigen, eilte dieser, ihn mit freundlichen Worten anzureden, als fühle er, daß er einigermaßen Guarine's ungerechtes Urtheil gebilligt habe, indem er demselben sein Ohr geliehen.

»Sey mir willkommen, mein treuer Vidal,« rief er. »Du warst der Rabe, der uns in den Walliser Gebirgen fütterte, sey nun die Taube, die uns gute Botschaft von den Gränzen bringt. – Du schweigst? Was bedeutet dieser niedergeschlagene Blick – dies verlegene Benehmen – die tief in die Augen herabgedrückte Mütze? Sprich in Gottesnamen! Sey meinetwegen unbesorgt – ich kann Schlimmeres vernehmen, als eine Menschenzunge auszusprechen wagt. Du hast mich gesehen in den Schlachten von Palästina, als meine tapferen Krieger, Mann für Mann, neben mir sanken, und ich fast allein übrig blieb. Erbebte ich damals? Du hast mich gesehen als der Schiffskiel an dem Felsen hängen blieb, und die Wellen schäumend über das Verdeck schlugen? Habe ich damals gezittert? Nein! Und, auch jetzt werde ich es nicht.«

Der Minstrel heftete fest seinen Blick auf den Konstabel, als dieser den Anstand und die Haltung eines Mannes annahm, der dem Glücke und seinen boshaftesten Launen Trotz bietet. »Rühmt Euch nicht,« sagte Vidal, »falls Euer Muth nicht unerschütterlich ist.«

Es erfolgte eine kurze Pause, während welcher die Gruppe ein seltsames Bild darstellte. Vor einer Frage scheu, und sich zugleich schämend, seine Furcht vor schlimmen Nachrichten blicken zu lassen, stand der Konstabel seinem Boten mit verschränkten Armen und fest zusammengezogenen Augenbrauen gegenüber, während der Minstrel, durch das Interesse des Augenblicks seinem gewöhnlichen Gleichmuthe entrissen, einen scharfen, durchringenden Blick auf seinen Gebieter heftete, als wolle er prüfend erforschen, ob sein, Muth ächt oder nur angenommen sey.

Philipp Guarine dagegen, dem der Himmel, indem er ihm ein rauhes Aeußere ertheilte, weder Verstand, noch Beobachtungsgabe versagte, hatte seinerseits Vidal fest in's Auge gefaßt, als wolle er prüfen, von welcher Art der rege Antheil sey, welcher sichtbar in des Minstrels Blicken zu liegen schien. Er war ungewiß, ob er ihn für das Gefühl eines treuen Dieners halten solle, dem theilnehmend vor der übeln Nachricht bange, die er dem Gebieter mittheilen müsse, oder ob die Schadenfreude eines Henkers dahinter verborgen sey, der, das Messer über sein Opfer erhebend, mit dem Stoße nur zögere, um zu erspähen, wo er am schmerzlichsten verwunden könne. In Guarine's Geiste, der vielleicht von dem vorhin geäußerten Vorurtheile befangen war, ward diese letzte Ansicht so vorherrschend, daß er sich innig sehnte, mit einem tüchtigen Schlage seines Pilgerstabes den Diener zu Boden zu strecken, der sich auf diese Weise an den verlängerten Leiden ihres gemeinschaftlichen Herrn zu weiden schien.

Endlich zeigte sich ein krampfhaftes Zucken auf der Stirn des Konstabels, und Guarine, der ein höhnisches Lächeln auf Vidal's Lippen schweben sah, konnte nicht länger schweigen, und rief: »Vidal, Du bist ein –«

»Ein Ueberbringer schlimmer Nachrichten,« unterbrach ihn Vidal, »und demzufolge der Mißdeutung jedes Thoren bloßgestellt, der zwischen dem Stifter des Bösen, und dem, der es ungern verkündet, keinen Unterschied zu machen weiß.«

»Was soll dies Zögern?« rief der Konstabel. »Kommt, Herr Minstrel, ich will Euch die Qual erleichtern. – Eveline hat mich vergessen und verlassen. Ist's nicht so?«

Der Minstrel bejahte es durch eine tiefe Verbeugung. Hugo von Lacy ging ein Paar Schritte vor dem steinernen Denkmale auf und ab, indem er die tiefe Erschütterung, welche ihn ergriff, zu verbergen suchte. »Ich vergebe Ihr!« sagte er. – »Vergeben? sagte ich so? – Ach! ich habe ihr nichts zu vergeben. Sie benutzte nur das Recht, welches ich ihr ertheilte. Ja, die Zeit unseres Bündnisses war verstrichen – sie hörte von meinen Verlusten– von meiner Niederlage – von der Zerstörung aller meiner Hoffnungen – von dem Schwinden meines Reichthums, und ergriff die erste Gelegenheit, die ihr der Buchstabe des Gesetzes darbot, die Verbindung mit einem Manne abzubrechen, der Glück und Ruhm verlor. Manches Mädchen hätte so gehandelt, hätte vielleicht vernünftiger Weise so handeln müssen; aber der Name eines solchen Mädchens sollte nicht Eveline Berengar seyn.«

Auf seines Knappen Arm sich lehnend, senkte er einen Augenblick das Haupt auf seine Schultern mit so tiefer Rührung, wie sie Guarine noch nie an ihm bemerkt hatte. Der letztere suchte sie mit ungeschickter Theilnahme durch den Trost zu entkräften, daß er ja nur ein Weib verloren und deshalb guten Muthes seyn solle.

»Das ist kein eigennütziges Gefühl, Philipp,« sagte der Konstabel, sich wiederum fassend. »Ich beklage es minder, daß sie mich aufgegeben, als daß sie mich so falsch beurtheilt, daß sie mich behandelt hat, wie der Pfandverleiher seinen elenden Schuldner, der sich das Pfand zueignet, sobald der Augenblick der Auslösung verstrichen ist. Glaubte sie denn, daß ich ein so strenger Gläubiger seyn würde? Daß ich, der ich, seit ich sie kenne, mich kaum ihrer würdig hielt, als ich noch Ruhm und Schätze besaß, jetzt darauf bestehen würde, daß sie mein herabgewürdigtes, verringertes Glück theilen sollte? Wie wenig kannte sie mich, oder wie selbstsüchtig mußte, ihrer Ansicht nach, mich das Unglück gemacht haben. Doch, sey es d'rum! Sie ist dahin – möge sie glücklich seyn! Meine Seele soll den Gedanken verbannen, daß sie meine Ruhe störte; ja, glauben will ich, daß sie nur so gehandelt, wie ich selbst, als ihr bester Freundes ihr rathen mußte.«

Während er so sprach, kehrte, zur Verwunderung seiner Begleiter, seine gewöhnliche Fassung und Entschlossenheit zurück.

»Ich wünsche Euch Glück!« flüsterte der Knappe dem Minstrel zu, »Eure schlimmen Nachrichten haben nicht so tief verwundet, als Ihr es ohne Zweifel glauben mochtet.«

»Leider habe ich noch schlimmere Dinge zu verkünden!« versetzte der Minstrel mit einem Seufzer.

Diese Antwort geschah mit dem zweideutigen Tone, der zu seinem eigenthümlichen Wesen gehörte und eine innere Bewegung verrieth, deren Grund sich schwer erklären ließ.

»Eveline Berengar, ist also vermählt,« sagte der Konstabel, »und – laßt mich einmal einen gewagten Schluß ziehen – nicht die Familie gab sie auf, wenn sie gleich Ein Mitglied derselben verließ? Sie ward dennoch eine Lacy, nicht wahr? – Tölpel, der Du bist, willst Du mich nicht verstehen? Sie ist vermählt mit Damian von Lacy – mit meinem Neffen!«

Die Anstrengung, womit der Konstabel diese Vermuthung äußerte, stand mit dem erzwungenen Lächeln, zu welchem er seine Züge zwang, in dem seltsamsten Kontraste.

Mit einem solchen Lächeln möchte Jemand, der eben den Giftbecher an den Mund setzt, eine Gesundheit ausbringen.

»Nein, Mylord – nicht vermählt,« antwortete der Minstrel, das letzte Wort so nachdrücklich betonend, daß der Konstabel sogleich verstand, was er meinte.

»Nicht – nicht?« entgegnete er rasch, »nicht vermählt? Aber versprochen – verlobt! Weshalb nicht? Die Zeit des alten Verlöbnisses war verstrichen, warum sollte sie keine neue Verbindlichkeit eingehen?«

»Lady Eveline und Sir Damian von Lacy sind nicht verlobt, so viel ich weiß,« antwortete sein Diener.

Bei dieser Antwort erreichte Hugo's Ungeduld den höchsten Grad. »Hund!« rief er, »Du wagst es, mit mir Deinen Scherz zu treiben! Elender Bänkelsänger, Du marterst mich! Sprich mit Einem Male das Schlimmste aus, oder ich will Dich auf der Stelle zum Minstrel an des Satans Hofe machen!«

Ruhig und gefaßt entgegnete der Sänger: »Lady Eveline und Sir Damian von Lacy sind weder verlobt noch verheirathet, Mylord. Sie haben sich geliebt und mit einander par amour gelebt.«.«

»Hund und Hundessohn, Du lügst!« rief der Konstabel, indem er den Minstrel bei der Brust packte und mit seiner ganzen Kraft rüttelte. Aber so groß auch die Stärke seines Arms war, so vermochte sie doch Vidal nicht zu überwältigen, der, als ein geübter Ringer, sich in der angenommenen festen Stellung zu erhalten wußte, so daß die Wuth seines Herrn an der ruhigen Fassung des Minstrels scheiterte.

»Gestehe, daß Du eine Lüge gesagt!« fuhr der Konstabel fort, ihn loslassend, da er sah, daß seine gewaltigen Anstrengungen wenig mehr gewirkt hatten, als was etwa menschliche Kräfte gegen einen alten Druidenstein ausrichten, der sich wohl erschüttern, aber nicht von seiner Stelle rücken läßt.

»Könnte ich mein Leben, ja das Leben aller meiner Zunftgenossen durch eine Lüge erkaufen,« versetzte der Minstrel, »ich würde dennoch keine sagen. Aber die Wahrheit selbst wird oft Falschheit genannt, wenn sie dem Fluge unserer Leidenschaften widerstrebt.«

»Höre ihn, Philipp Guarine, höre ihn«!« rief der Konstabel, indem er sich rasch zu seinem Knappen wandte. »Er schildert mein Unglück, die Schande meines Hauses, die Schlechtigkeit derjenigen, die mir auf der Welt am theuersten waren, und spricht von alle dem mit ruhigem Blick, mit festem Auge und ungelähmter Zunge. Ist dies – kann dies natürlich seyn? – Ist Hugo von Lacy so tief, gesunken, daß ein gemeiner, umherstreifender Minstrel ihm seine Schande so ruhig verkünden darf, als wäre es der Stoff einer seichten Ballade? – Vielleicht willst Du gar eine daraus machen?« fügte er hinzu, dem Minstrel einen wüthenden Blick zuwerfend.

»Vielleicht thäte ich es, Mylord,« sagte Vidal, »wenn ich nicht darin mein eigenes Mißgeschick berühren müßte, indem ich einem Herrn diene, der weder Geduld besitzt, Beleidigungen und Unrecht zu ertragen, noch den Muth, sich an den Urhebern seiner Schmach zu rächen.«

»Du hast Recht, wackerer Bursche, Du hast Recht!« rief der Konstabel schnell. »Die Rache allein ist uns jetzt geblieben, auf irgend wen muß sie fallen!«

Während er so sprach, ging er schnell auf und nieder; dann plötzlich stehen bleibend, rang er tief erschüttert die Hände.

»Ich habe Dir's wohl gesagt,« flüsterte der Minstrel Guarine zu, »daß meine Neuigkeiten endlich einen wunden Fleck finden würden. Entsinnst Du Dich des Stiergefechts, das wir in Spanien sahen? Tausend kleine Wurfspieße reizten und quälten das edle Thier, ehe es den letzten tödtlichen Stoß von der Lanze des Maurenritters erhielt.«

»Mensch oder Teufel, was Du seyn magst,« entgegnete Guarine, »der Du Dich mit Wohlgefallen weiden kannst an dem Schmerze und Elende eines Andern, ich sage Dir, nimm Dich vor mir in Acht! Flüstere Deinen kalten Spott einem andern Ohre zu; denn wenn meine Zunge stumpf bleibt, so führe ich ein Schwert, das scharf genug ist!«

»Du hast mich unter Schwertern erblickt,« antwortete der Minstrel, »und weißt, wie wenig einem Manne, wie ich bin, davor graut.«

Demungeachtet zog er sich vor dem Knappen zurück. Er hatte ihn in der That nur aus jener überströmenden Herzensfülle angeredet, die sich, wäre er allein gewesen, durch ein Selbstgespräch Luft gemacht hätte, jetzt aber sich gegen den nächsten Zuhörer aussprach, ohne daß der Redner selbst genau daran dachte, welche Empfindungen seine Worte erregen konnten.«

Es vergingen einige Minuten, ehe der Konstabel von Chester die äußere Würde und Ruhe wieder gewann, womit er, bis zu diesem letzten furchtbaren Streiche, alle Schicksalslaunen ertragen hatte. Er wandte sich zu seinen Begleitern und redete den Minstrel mit seiner gewöhnlichen Fassung an:

»Du hast Recht in dem, was Du mir eben sagtest, mein braver Bursche, und ich verzeihe den Hohn, von welchem Dein guter Rath begleitet war. In Gottes Namen, verkünde mir Alles! Du sprichst zu einem Manne, der vorbereitet ist, die Leiden, die ihm Gott sendet, geduldig zu ertragen. Der ächte Ritter bewährt sich am besten in der Schlacht, der Christ in Drangsalen und Widerwärtigkeiten.«

Der Ton, womit er diese Worte sprach, schien seine Wirkung auf den Diener nicht zu verfehlen. Der Minstrel entsagte plötzlich dem kecken, höhnischen Tone, womit er bisher die Leidenschaftlichkeit seines Herrn gereizt hatte. In einfachen, ehrerbietigen Worten, die fast Theilnahme verriethen, theilte er ihm die übeln Nachrichten mit, die er während seiner Abwesenheit eingesammelt hatte. Sie waren in der That höchst mißlich und ungünstig.

Evelinen's Weigerung, Monthermer und seine Krieger in das Schloß aufzunehmen, hatte natürlich den Verläumdungen, welche Damian und sie selbst betrafen, eine größere Ausbreitung und mehr Glauben verschafft; und es gab Mehrere, die aus mancherlei Gründen diese Schmähungen zu vergrößern und zu verbreiten suchten. Eine starke Kriegsmacht war in die Gegend gesandt worden, um die aufrührerischen Bauern zu unterjochen, und die zu diesem Zwecke befehligten Ritter und Edlen verfehlten nicht, den edlen Plebejern aufs Aeußerste das edle Blut entgelten zu lassen, welches sie während ihres vorübergehenden Triumphes vergossen hatten.

Die Reisigen des unglücklichen Wenlock's wurden von jenem Leumunde gleichfalls angesteckt. Getadelt von so Manchem wegen ihrer feigen, eiligen Uebergabe eines noch haltbaren Postens, suchten sie sich selbst zu rechtfertigen, indem sie die feindlichen Absichten von Lacy's Reiterei als den einzigen Grund ihrer vorzeitigen Unterwerfung angaben.

Diese Gerüchte, durch so befangene Zeugen ausgestreut, verbreiteten sich weit und breit im Lande, und vereint mit dem unläugbaren Faktum, daß Damian ein Asyl in dem festen Schlosse Garde Doloureuse gesucht habe, welches sich jetzt gegen die königlichen Truppen vertheidigte, regten sie die zahlreichen Feinde des Hauses Lacy auf, während die Freunde und Vasallen desselben sich fast zur Verzweiflung getrieben sahen, und nur die schwere Wahl hatten, entweder ihrem Lehnseide untreu zu werden, oder den noch heiligeren Pflichten ihres Landesherrn entgegen zu handeln.

In diesem bedenklichen Augenblicke erhielten sie die Nachricht, der weise und thätige Monarch, der damals Englands Scepter schwang, rückte an der Spitze einer starken Kriegsmacht in diese Gegend, um die Belagerung von Garde Doloureuse zu beschleunigen, und den Bauern-Aufruhr, den Guy Monthermer schon fast gestillt, vollends zu unterdrücken.

In dieser dringenden Noth, als die Freunde und Vasallen des Hauses Lacy kaum wußten, welchen Weg sie einschlagen sollten, erschien plötzlich Randal, der Vetter des Konstabels, und nach Damian sein Erbe, mit dem Befehle des Königs, diejenigen Mitglieder seines Hauses, die nicht in die angebliche Verrätherei Damians verwickelt seyn wollten, unter seinen Fahnen zu versammeln.

In unruhigen Zeiten vergißt man die Laster der Menschen, wenn sie Thätigkeit, Muth und Vorsicht zeigen – Tugenden, die man in einem solchen Augenblicke so sehr bedarf. So ward die Erscheinung Randal's, dem diese Eigenschaften keineswegs abzusprechen waren, von den Vasallen seines Vetters als ein gutes Omen betrachtet. Sie versammelten sich schnell um ihn, und dem königlichen Befehle gemäß, alle festen Punkte, die in ihrer Gewalt waren, besetzend, um sich von jenem, Damian beigelegten, Verbrechen völlig zu reinigen, zeichneten sie sich unter Randal's Anführung muthig aus gegen die zerstreuten, aufrührerischen Bauern, welche noch das Feld behaupteten, oder sich in den Bergschluchten verborgen hielten. Nach ihrem Siege zeigten sie eine so furchtbare Strenge, daß selbst Monthermers Krieger, im Vergleich mit Lacy's Truppen, mild und barmherzig schienen. Endlich erschien Randal mit dem entfalteten Banner seines Hauses in Begleitung von fünfhundert rüstigen Kriegern vor Garde Doloureuse, an Heinrich's Macht sich anschließend. Die Burg ward bereits hart bedrängt, und die wenigen Vertheidiger, durch Wunden, Wachen und Mangel geschwächt, mußten nun noch die Kränkung erfahren, gegen ihre Mauern das einzige Banner in England, von dem sie Hülfe hofften, entfaltet zu sehen.

Die hochherzigen Bitten Evelinens, die weder durch Mangel noch Widerwärtigkeiten gebeugt ward, verloren allmälig auf die Vertheidiger des Schlosses ihre Wirkung. Vorschläge zur Uebergabe wurden öfters in den unruhigen Rathsversammlungen erwogen, zu denen nicht nur die unteren Offiziere, sondern auch viele der gemeinen Leute sich gedrängt hatten, wie es zur Zeit allgemeiner Unruhe zu gehen pflegt, wo alle Bande der Unterwürfigkeit aufgelöst sind, und Jeder sich die Freiheit herausnimmt, für sich selbst zu sprechen und zu handeln. Zu ihrem Erstaunen erschien während dieser Berathungen Damian von Lacy in ihrer Mitte. Bleich und entstellt von dem Krankenbett, das ihn so lange gefesselt, hatte sein Auge den geisterartigen Blick, den ein so langwieriges Uebel zurückläßt. Er lehnte sich auf seinen Pagen Amelot und sagte: »Edle Herren und Krieger – doch warum sollte ich Euch so nennen? – Edle Männer sind bereit, für das Wohl einer Dame zu sterben – und Krieger verachten das Leben in Vergleich mit ihrer Ehre.«

»Hinweg mit ihm!« riefen einige Soldaten, »hinweg, mit ihm! Er möchte lieber uns, die wir unschuldig sind, den Tod der Verräther sterben und in unseren Rüstungen an den Mauern aufhängen lassen, ehe er sich von seiner Beischläferin trennt!«

»Schweig, unehrerbietiger Sklave!« rief Damian mit einer donnerähnlichen Stimme, »oder mein letzter Schlag soll ein gemeines Ziel haben, da er einen solchen Schurken, wie Du bist, treffen soll. Und Ihr,« fuhr er fort, indem er sich zu den Uebrigen wandte, »Ihr, die Ihr vor den Arbeiten Eures Berufs zurückschaudert, weil der Tod sie vielleicht ein Paar Jahre früher beschließen kann, als es doch geschehen muß; Ihr, die Ihr mich anstarrt, wie Kinder, die einen Todtenton erblicken, glaubt nicht, daß Damian sich selbst auf Kosten dieses Euch so theuren Lebens retten möchte. Macht Euren Handel mit König Heinrich ab. Liefert mich seiner Gerechtigkeit oder seiner Strenge aus; oder, wenn Ihr lieber wollt, trennt das Haupt von meinem Körper und werft es als ein Friedenszeichen über die Mauern dieser Burg. Mit einem Worte, liefert mich aus, sey es todt, seh es lebendig; oder öffnet die Thore, damit ich mich selbst vor Gericht stelle. Seyd Ihr nur Menschen, da ich nichts Besseres von Euch sagen kann, so sorgt wenigstens für die Sicherheit Eurer Gebieterin; macht solche Bedingungen, die ihre Sicherheit verbürgen, und rettet Euch selbst von der Schande, als feige, meineidige Schurken in die Gruft zu fahren.«

»Mich dünkt, der Jüngling spricht gut und vernünftig,« sagte Wilkin Flammock. »So laßt uns durch seine Auslieferung an den König für uns selbst und die Lady so vortheilhafte Bedingungen als möglich festzustellen suchen, ehe die Vorräthe bis auf den letzten Bissen verzehrt sind.«

»Ich würde kaum diese Maßregel vorgeschlagen haben,« sagte oder murmelte vielmehr Pater Aldrovand, der vor kurzem vier Vorderzähne durch den Wurf einer Steinschleuder verloren hatte. »Da indeß der am meisten interessirte Theil sie selbst großmüthig darbietet, so ruf ich mit dem gelehrten Scholiasten: Volunti non fit injuria!«

»Pfaff und Flamänder!« rief der alte Fahnenträger Genvil. »Ich sehe, wohin Euch der Wind treibt; aber Ihr irrt Euch, wenn Ihr unseren jungen Gebieter, Sir Damian, zum Sündenbock für Eure leichtsinnige Dame zu machen glaubt. – Nein, zürnt und tobt nicht, Sir Damian! Wißt Ihr keinen sicheren Ausweg zu finden, so wissen wir es. Werft Euch auf Eure Rosse, Krieger Lacy's, zwei auf eins, wenn es Noth thut. Wir wollen diesen halsstarrigen Knaben zwischen uns nehmen, und der zierliche Knappe Amelot so ebenfalls unser Gefangener seyn, falls er uns durch seinen albernen Widerstand belästigt. Dann laßt uns einen tüchtigen Ausfall auf die Belagerer unternehmen. Die, welche sich den Weg hindurch zu bahnen wissen, werden wohl thun, und die, welche fallen, sind gleichfalls gut aufgehoben.«

Dieser Vorschlag ward durch ein Jubelgeschrei der Krieger Lacy's gebilligt, während Berengars Mannen sich ihm laut und zürnend widersetzten. Eveline, durch den Tumult herbeigelockt, suchte vergeblich sie zu beruhigen; auch Damians Bitten, so wie sein Zorn, verfehlten bei seinen Kriegern ihre Wirkung. Beiden ertheilte man die gleiche Antwort: »Kümmert Euch nicht darum! Weil Ihr hier par amour liebt, ist es deßhalb vernünftig, unser und Euer Leben aufzuopfern?« – So äußerte sich Genvil gegen Lacy, und mit sanfteren Worten, doch mit gleicher Hartnäckigkeit, weigerten sich Berengars Krieger bei dieser Gelegenheit, den Bitten und Befehlen seiner Tochter Gehör zu geben.

Wilkin Flammock hatte sich aus dem Tumulte zurückgezogen, als er sah, welchen Ausgang derselbe wahrscheinlich nehmen würde. Die Burg durch eine Hinterthür verlassend, deren Schlüssel.ihm anvertraut worden war, begab er sich, ohne Aufmerksamkeit zu erregen, oder auf irgend einen Widerstand zu stoßen, in das königliche Lager. Als er vor König Heinrich vorgelassen ward, fand er den Monarchen, von zweien seiner Söhne, Richard und Johann, Richard Löwenherz und Johann Ohneland. Die Chronologie innerhalb des Romans gerät spätestens hier mit der historischen Chronologie in Konflikt: Hugo kann wegen der vereinbarten 3-Jahre-Verlobungsfrist, die am St.-Clemens-Tag, dem 23. November, endet, nicht vor dem 23.11.1187 den Kreuzzug begonnen haben. Zum Zeitpunkt dieses Kapitels ist jedoch der 23.11.1190 bereits verstrichen, so dass Heinrich II. schon über ein Jahr verstorben ist (nämlich am 6. Juli 1189) und Richard Löwenherz (seit Juli 1190) sich längst auf Kreuzfahrt befindet. Eine gemeinsame Anwesenheit von Heinrich, Richard und Johann ist zu dem anzunehmenden Termin also unhistorisch. umgeben, die nach ihm den Scepter Englands unter sehr verschiedenen Auspicien führten Einen romantischen Eindruck, wie die Herrschaft Johanns und die Rückkehr Richard Löwenherz' aussah, vermittelt Scotts Roman »Ivanhoe«..

»Was gibts? Wer bist Du!« fragte der König.

»Ein ehrlicher Mann aus dem Schlosse Garde Doloureuse.«

»Du magst ehrlich seyn,« entgegnete der Monarch, »aber Du kommst aus einem Neste von Verräthern.«

»Was die Andern auch seyn mögen, Mylord, es ist mein Vorsatz, sie Eurer königlichen Willkühr zu übergeben, denn es fehlt ihnen an Klugheit, sich ferner selbst zu leiten; auch ermangeln sie eben sowohl der nöthigen Vorsicht, sich noch länger zu vertheidigen, als der Einsicht, sich auf gute Art zu unterwerfen. Doch wünsche ich zuvor von Ew. Gnaden die Bedingungen zu erfahren, die Ihr den Vertheidigern des Schlosses zugestehen wollt.«

»Sie sind von der Art, wie Könige sie falschen Verräthern ertheilen,« sagte König Heinrich finster, »scharfe Messer und tüchtige Stricke.«

»Nein, mein gnädiger Herr, Ihr müßt Euch milder und freundlicher zeigen, wenn das Schloß durch meine Vermittlung übergeben werden soll. Sonst werden Eure Messer und Stricke sich nur mit meinem armseligen Körper zu schaffen machen; Ihr aber werdet eben so weit von dem Innern des Schlosses Garde Doloureuse entfernt bleiben, als Ihr es in diesem Augenblicke seyd.«

Der König blickte ihn fest an. »Du kennst,« sagte er, »die Kriegsgesetze. Hier, Oberprofos, steht ein Verräther, und dort ein Baum.«

»Und hier ist eine Gurgel,« versetzte der beherzte Flamänder, indem er den Kragen seines Kleides aufknöpfte.

»Bei meiner Ehre,« rief Prinz Richard, »ein treuer und kecker Insaße! Es wäre besser, wir schickten solchen Burschen ihre Speise, und verzehrten sie mit ihnen vor dem Schlosse, als daß wir sie, wie die bettelhaften Franzosen ihre Hunde, vor Hunger sterben lassen.«

»Still, Richard!« rief sein Vater. »Dein Witz ist zu unreif, Dein Blut zu heiß, um Dich zu einem passenden Rathgeber zu machen. – Du aber, Bursche, gib einige vernünftige Bedingungen an, so wollen wir es nicht so gar genau mit Dir nehmen.«

»Zuerst also,« sagte der Flamänder, »fordere ich völligen Pardon, Leib, Leben und Güter betreffend, für mich und meine Tochter Rose.«

»Ein ächter Flamänder!« versetzte Prinz Johann. »Er denkt zuerst an sich selbst.«

»Seine Forderung ist vernünftig,« sagte der König. »Doch weiter!«

»Dann Sicherheit für Ehre, Leben und Güter des Fräuleins Eveline Berengar.«

»Schurke!« rief der König entrüstet, »ziemt es sich für Deines Gleichen, unserem Urtheile oder unserer Gnade die Behandlung einer edlen normännischen Lady vorzuschreiben? Schränke Deine Verwendung auf Leute Deines Gelichters ein, oder übergib uns vielmehr ohne Weiteres die Burg, und sey überzeugt, daß Du den Verräthern darin einen größeren Dienst leistest, als wenn sie noch Wochen lang einen Widerstand leisten, der unnütz seyn muß und seyn soll.«

Der Flamänder schwieg, da er ungern das Schloß ohne bestimmte Bedingungen übergeben wollte, und doch durch die Lage, worin er Garde Doloureuse verlassen, überzeugt war, daß er durch den Einmarsch der königlichen Truppen Evelinen den besten Dienst leistete.

»Ich billige Deine Treue, Bursche,« sagte der König, dessen scharfes Auge Kampf in des Flamänders Brust erblickt; »aber Deine Hartnäckigkeit möge Dich nicht zu weit verleiten! Haben wir nicht geäußert, daß wir so gnädig mit dem Beleidiger verfahren wollen, als es unsere königliche Würde irgend erlaubt?«

»Und mir, mein königlicher Vater,« versetzte Prinz Johann, sich in das Gespräch mischend, »mir vergönnt die Gnade, zuerst Besitz zu nehmen von Garde Doloureuse und die Vormundschaft und Bestrafung des verbrecherischen Fräuleins zu bestimmen.«

»Ich bitte Euch, mein königlicher Vater, doch ja Johanns Gesuch zu bewilligen!« sagte Prinz Richard mit spöttischem Tone, »Bedenkt, es ist das erste Mal, daß er den Wunsch geäußert, den Verschanzungen des Schlosses zu nahen, obgleich wir es wohl vierzig Mal gestürmt haben. Das muß wahr seyn, Armbrüste und Steinschleudern machten sich sonst da genug zu schaffen; doch jetzt werden sie wahrscheinlich ruhen.«

»Stille, Richard,« sagte der König, »Deine Worte durchbohren mir das Herz. Johann, Dein Gesuch in Betreff des Schlosses sey Dir gewährt; die unglückliche junge Dame wollen wir selbst in Schutz nehmen. – Flamänder, wie viel Mannen machst Du Dich verbindlich in das Schloß zu bringen?«

Ehe Flammock antworten konnte, näherte sich ein Knappe Prinz Richard und flüsterte ihm ins Ohr, doch laut genug, daß es die Anwesenden hörten: »Wir haben bemerkt, daß irgend ein innerer Zwist oder ein anderer unbekannter Grund einen großen Theil der Mannschaft den Wällen entzogen hat, und daß vielleicht ein plötzlicher Angriff« –

»Hörst Du das, Johann?« rief Richard. »Leitern herbei! Schaff Leitern herbei und klimme die Mauern hinan. Wie es mich freuen würde, Dich auf der höchsten Staffel zu erblicken, mit schlotterndem Knie, mit den Händen Dich fest anklammernd, wie die von Krämpfen Befallenen sich halten – rings Luft um Dich her, außer ein Paar hölzernen Sprossen – tief unten im Graben ein halbes Dutzend Lanzen nach Deiner Kehle gerichtet« –

»Schweig, aus Scham, wenn nicht aus Barmherzigkeit, Richard!« rief sein Vater in einem Tone, worin sich Verdruß und Gram mischten. »Du aber, Johann, sey bereit zum Sturme.«

»Sobald ich meine Rüstung angelegt habe, Vater,« entgegnete der Prinz, und entfernte sich langsam und mit bleichem Antlitze, woraus man eben auf keine eiligen Vorbereitungen von seiner Seite schließen konnte.

Sein Bruder sah ihm lächelnd nach und sagte zu seinem Knappen: »Kein übler Spaß wäre es, Alberich, wenn wir die Burg einnähmen, ehe Johann sein seidenes Wamms mit einem Panzer vertauscht!«

So sprechend entfernte er sich schnell; der König aber rief mit väterlichem Schmerze: »O, er ist leider zu feurig; so wie sein Bruder zu kalt ist, doch es ist der männlichere Fehler. – Glocester,« fuhr er fort, indem er sich zu jenem berühmten Grafen wandte, »zieht die nöthigen Truppen zusammen und folgt dem Prinzen Richard, um ihm beizustehen und ihn zu beschützen. Vermag irgend Jemand ihn zu leiten, so muß es ein Ritter von so fest begründeter Ruhe seyn, wie Du es bist. Aber, ach! für welche Sünde verdiene ich diesen grausamen Familienzwist?«

»Tröstet Euch, Mylord!« sagte der Kanzler, der ebenfalls anwesend war.

»Sprecht nicht von Trost zu einem Vater, dessen Söhne mit einander in Zwietracht leben, und nur in ihrem gemeinsamen Ungehorsame gegen ihn einig sind.«

So sprach Heinrich der Zweite, ein so weiser, oder im Allgemeinen gesprochen, glücklicher Monarch, als je einer auf Englands Throne saß, dessen Leben aber gleichwohl ein Beispiel aufstellt, wie sehr Familienzwiste das glänzendste Loos, das der Himmel je einem Sterblichen zu Theil werden ließ, verdunkeln können, und wie wenig Befriedigung des Ehrgeizes, ausgebreitete Macht, ja, der höchste Ruhm im Krieg und Frieden, jene Wunden heilen können, welche häuslicher Kummer schlägt.

Der plötzliche, kecke Angriff Richards, der zu dem Sturme an der Spitze eines Kriegerhaufens eilte, den er auf gut Glück zusammen raffte, hatte völlig die Wirkung eines Ueberfalls. Auf den Leitern die Mauern hinanklimmend, sprengten die Angreifenden die Thore und ließen Glocester ein, der mit einem starken Truppenkorps ihnen gefolgt war. Die verwirrte und überraschte Besatzung leistete nur geringen Widerstand, und würde dem Schwerte, wie das Schloß der Plünderung anheimgefallen seyn, wäre nicht Heinrich selbst sogleich eingezogen, durch seine persönliche Gegenwart die Ausschweifungen der zügellosen Krieger unterdrückend.

Wenn man das Zeitalter und die erlittene Beleidigung erwägt, so bewies der König eine lobenswerthe Mäßigung. Er begnügte sich, die gemeinen Soldaten zu entwaffnen und zu entlassen, und gab ihnen eine kleine Unterstützung, um sich außer Landes zu begeben, ohne aus Mangel genöthigt zu seyn, sich zu Räuberbanden zusammen zu rotten. Die Offiziere wurden schärfer behandelt und größtentheils im Kerker verhaftet, um ihr gesetzliches Urtheil zu erwarten. Damian von Lacy ward besonders in strengem Gewahrsam gehalten; denn gegen ihn war der König vorzüglich entrüstet, da er den mannichfachen, ihn betreffenden Anklagen völlig Glauben schenkte. Es war Heinrichs Entschluß, an ihm ein warnendes Beispiel für alle treulose Ritter und unrechtliche Vasallen aufzustellen. Lady Evelinen Berengar wies er ihr eigenes Zimmer zur Haft an, worin sie von Rosen und Alice ehrerbietig bedient, außerdem aber sehr streng bewacht ward. Es verbreitete sich das allgemeine Gerücht, ihr Gebiet werde für ein der Krone verfallenes Eigenthum erklärt, und wenigstens zum Theil Randal von Lacy übertragen werden, der bei der Belagerung so gute Dienste geleistet hatte. Sie selbst, glaubte man, sey bestimmt in irgend ein entferntes französisches Kloster eingeschlossen zu werden, um dort ihre Thorheit und Uebereilung Zeitlebens zu beklagen.

Pater Aldrovand ward seiner eigenen Klosterdisciplin übergeben, da Heinrich durch lange Erfahrung sich von der Thorheit überzeugt hatte, die Vorrechte der Kirche zu beeinträchtigen. Doch unterdrückte der König, als er ihn zuerst mit einem rostigen Panzer über seinem Mönchskleide erblickte, nur mit Mühe den Wunsch, ihn an den Zinnen aufhängen zu lassen, daß er dort den Raben predige.

Mit Wilkin Flammock unterhielt sich Heinrich viel, vorzüglich in Betreff des Handels und der Fabriken, worüber der plumpe, doch von Natur kluge Flamänder dem einsichtsvollen Monarchen manche Aufschlüsse geben konnte.

»Deine Bestrebungen sollen nicht vergessen werden, mein braver Bursche,« sagte Heinrich, »wiewohl die tollkühne Tapferkeit meines Sohnes Richard ihnen zuvor gekommen ist, wodurch einige arme Schelme das Leben einbüßten. Richard ist nicht bestimmt, sein Schwert von Blut rein zu erhalten. – Aber Du und Deine Landsleute, Ihr sollt dort zu Euren Mühlen zurück kehren und völligen Pardon erhalten für Eure bisherigen Beleidigungen, falls Ihr Euch in Zukunft nicht mehr mit so verrätherischen Dingen befaßt.«

»Und unsere Privilegien und Dienstpflichten, mein Lehensherr?« versetzte Flammock. »Ew. Majestät wissen wohl, daß wir Vasallen der Eigenthümer dieses Schlosses sind, und ihnen ins Treffen folgen müssen.«

»Das soll nicht länger so seyn,« entgegnete Heinrich. »Ich will eine freie Kommun der Flamänder hier errichten und Du, Flammock, sollst ihr Oberhaupt seyn, damit Du nicht mit der Lehenspflicht bei einem Rückfalle zur Verrätherei Dich entschuldigen kannst.«

»Verrätherei, mein Lehensherr!« sagte Flammock der sich innig sehnte, doch es kaum wagte, ein Wort zu Gunsten der Lady Eveline vorzubringen, für die er, trotz der gewöhnlichen Kälte seines Charakters, vielen Antheil empfand. »Ich wollte, Ew. Hoheit könnten nur genau die Fäden dieses Gewebes unterscheiden;«

»Schweig, Bursche!« entgegnete Heinrich. »Kümmere Dich um Deinen Weberstuhl, und wenn wir uns herablassen, mit Dir über Dein Handwerk zu sprechen, so halte Dich deßhalb nicht für berechtigt, weiter in unser Vertrauen Dich einzudrängen.«

Nach diesem Vorwurfe entfernte sich der Flamänder schweigend, und das Schicksal der unglücklichen Gefangenen blieb fest verschlossen in der Brust des Königs. Er selbst schlug seinen Wohnsitz in dem Schlosse Garde Doloureuse auf, da dieser Ort durch seine Lage sehr geeignet war, um Streifparthien auszusenden und die letzten Spuren des Aufruhrs zu unterdrücken. Randal von Lacy zeigte sich hierbei so thätig, daß er täglich in des Königs Gunst zu steigen schien, und beträchtliche Geschenke aus Berengars und Lacy's Besitzungen erhielt, die der König bereits als verwirktes Eigenthum zu betrachten schien. Viele Leute aber hielten die wachsende Gunst Randals für ein schlimmes Zeichen, sowohl für das Leben des jungen Lacy, als für das Schicksal der unglücklichen Eveline.



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