Autorenseite

 << zurück 

Achtzehntes Kapitel.

Des Schicksals Hand faßt jetzt den Vorhang,
Und gibt der Scene Licht.

Don Sebastian.

 

Ich fühlte mich bei ihrer Entfernung betäubt und erstarrt. Wenn die Einbildungskraft bei einem geliebten Gegenstande verweilt, zeigt sie denselben nicht allein in dem schönsten Lichte, sondern auch in dem, worin wir ihn am liebsten erblicken. Diana's Bild schwebte mir vor, wie sie war, als ihre Abschiedsthräne auf meine Wange fiel, als ihr Andenken, mir von Mac-Gregors Frau eingehändigt, ihren Wunsch andeutete, die Erinnerung an meine Zuneigung in Verbannung und klösterliche Einsamkeit mitzunehmen. Ich sah sie wieder, und ihr kaltes, hingebendes Wesen, das wenig mehr als stille Schwermut ausdrückte, täuschte meine Erwartung, und verletzte mich beinahe. In meinem selbstsüchtigen Gefühle beschuldigte ich sie der Gleichgültigkeit – der Unempfindlichkeit. Ich gab ihrem Vater Stolz, Grausamkeit, Fanatismus Schuld, und vergaß, daß Beide ihren Vortheil, und Diana auch ihre Neigung, dem aufopferten, was sie für ihre Pflicht hielten.

Vernon war ein eifriger Katholik, der den Weg des Heils für zu schmal hielt, als daß ein Ketzer ihn betreten könnte, und Diana, für welche ihres Vaters Sicherheit seit vielen Jahren die erste Triebfeder ihrer Gedanken, Hoffnungen und Handlungen gewesen war, glaubte, ihre Pflicht erfüllt zu haben, wenn sie nicht nur ihr weltliches Eigenthum, sondern auch die theuersten Neigungen ihres Herzens, seinem Willen opferte. Es war jedoch nicht zu verwundern, daß ich in einem solchen Augenblicke diese ehrenwerthen Beweggründe nicht würdigen konnte; indessen äußerte sich mein Unmuth nicht auf unedle Weise.

»Ich bin also verschmäht,« sagte ich zu mir selbst, als ich Vernons Mittheilungen erwog; »ich bin verschmäht, und man hält mich sogar für unwürdig, mit ihr zu reden. Mag sein! Sie sollen mich wenigstens nicht abhalten, für ihre Sicherheit zu sorgen. Hier will ich Wache halten, und so lange sie sich unter meinem Dache befindet, soll ihr keine Gefahr drohen, die der Arm eines entschlossenen Mannes abzuwenden vermag.«

Ich rief Syddall. Er kam, aber in Begleitung des zudringlichen Andrew, der von großen Dingen träumte, seitdem ich das Haus in Besitz genommen, und entschlossen war, dadurch nichts zu verlieren, daß er sich nicht oft genug zeigte; und wie dieß bei Leuten mit eigennützigen Absichten oft geschieht, schoß er über das Ziel hinaus, und machte seine Aufmerksamkeiten lästig. Seine unverlangte Gegenwart hinderte mich, offen mit Syddall zu sprechen, und ich wagte es nicht, ihn wegzuschicken, aus Furcht, den Argwohn zu vermehren, der früher bei der plötzlichen Entfernung aus der Bibliothek in ihm entstanden sein konnte. »Ich werde hier schlafen,« sagte ich, und gab Befehl, ein altfränkisches Ruhebett näher an's Fenster zu rücken. »Ich habe viel zu thun, und werde mich erst spät niederlegen.«

Syddall, der meinen Blick zu verstehen schien, erbot sich, mir Matratzen und Betten zu holen. Ich nahm es an, entließ meinen Diener, und gebot ihm, mich vor sieben Uhr am nächsten Morgen nicht zu stören.

Sie entfernten sich, mich meinen schmerzlichen, unzusammenhängenden Gedanken überlassend, bis die erschöpfte Natur der Ruhe bedürfen würde.

Mit Gewalt suchte ich mein Gemüth von der sonderbaren Lage abzuziehen, in der ich mich befand. Gefühle, die ich entschlossen bekämpft hatte, so lange der Gegenstand, der sie erregte, entfernt war, wurden jetzt durch die Nähe Derjenigen gereizt, von welcher ich bald für immer getrennt werden sollte. Ihr Name stand in jedem Buche, das ich zu lesen versuchte, und ihr Bild drängte sich in meine Gedanken, womit ich sie auch zu beschäftigen strebte; bald gab ich diesen Gedanken nach, bald bekämpfte ich sie; zuweilen überließ ich mich einer weichen, hingebenden Wehmuth, die mir eigentlich nicht natürlich war; dann waffnete ich mich wieder mit dem verletzten Stolze eines Mannes, der sich unverdient zurückgesetzt glaubt. Ich ging auf und nieder, bis ich mich in einem fieberhaften Zustande befand. Ich warf mich dann auf das Lager, und versuchte zu schlafen; allein vergebens trachtete ich, ruhig zu werden; vergebens lag ich so still, als wäre ich todt, und suchte dadurch einzuschlafen, daß ich zählte. Mein Blut wallte fieberhaft, und klopfte gleich Strömen flüssigen Feuers in den Adern.

Endlich stand ich auf, öffnete das Fenster, und sah im hellen Mondlicht hinaus; und die ruhige Klarheit der Nacht gewährte mir wenigstens zum Theil jene Erfrischung und Zerstreuung, die ich durch eigenen Willen nicht erlangen konnte. Als ich mich wieder auf mein Lager warf, war, der Himmel weiß es, mein Herz nicht leichter, aber standhafter und mehr zum Dulden entschlossen. Der Schlummer beschlich mich bald, dennoch blieb meine Seele noch immer für das peinliche Gefühl meiner Lage wach, und furchtbare Träume beunruhigten mich.

Ich erinnere mich eines jener ängstlichen Träume: Diana und ich befanden uns in der Gewalt von Mac Gregors Frau, und sollten von dem Felsen in den See hinabgestürzt werden. Das Zeichen sollte eine Kanone geben, die Vernon, als Kardinal gekleidet, abzufeuern hatte. Nichts kann lebhafter sein, als der Eindruck, den dieser Traum auf mich machte. Noch in diesem Augenblicke könnte ich die Scene malen, die stumme, muthvolle Ergebung in Diana's Zügen, – die wilden, verzogenen Gesichter der Henker, die uns mit stets wechselnden, immer gräßlicheren Geberden umdrängten. Ich sah den strengen, unbeugsamen Fanatismus im Angesicht des Vaters – ich sah ihn die Lunte erheben – die Todeslosung erscholl – vielfach wiederholt von dem Echo der umherliegenden Felsen – und ich erwachte aus eingebildetem Schrecken zu wirklichem.

Die Töne in meinem Traume waren keine Täuschung. Sie schallten auch noch wachend in mein Ohr; allein es vergingen einige Minuten, ehe ich mich zu sammeln und genau zu unterscheiden vermochte, daß sie von heftigen Schlägen an das Thor herrührten. Ich sprang erschrocken vom Lager auf, nahm meinen Degen unter den Arm, und eilte hinaus, um Jedermann den Eintritt zu verwehren. Nothwendig aber mußte ich einen Umweg nehmen, da die Bibliothek die Aussicht nicht nach dem Hofe hatte, sondern nach dem Garten. Als ich die Treppe erreichte, aus deren Fenstern man in den Eingangshof sah, hörte ich Syddalls schwache und furchtsame Stimme im Wortwechsel mit rauhen Stimmen, welche auf Grund einer Vollmacht des Friedensrichters Standish, und im Namen des Königs, Einlaß begehrten, und dem alten Diener mit den schwersten Strafen drohten, wenn er nicht sogleich Gehorsam leiste. Während sie noch sprachen, vernahm ich zu meinem unaussprechlichen Verdruß Andrew's Stimme, der dem Kellner gebot, auf die Seite zu gehen, und das Thor selbst öffnen wollte.

»Wenn sie in des Königs Namen kommen,« sagte er, »so haben wir Nichts zu fürchten – wir haben Gut und Blut für ihn gegeben. Wir brauchen uns nicht zu verstecken, wie manche Leute, Mr. Syddall – wir sind weder Papisten, noch Jacobiten.«

Vergebens eilte ich die Treppe hinab; ich hörte, wie von dem dienstfertigen Schurken ein Riegel nach dem andern weggeschoben wurde, wobei er beständig seine und seines Gebieters Anhänglichkeit an König Georg rühmte, und es war leicht zu berechnen, daß die Leute hereintreten mußten, ehe ich die Thür erreichte, die Riegel wieder vorzuschieben. Ich beschloß, Andrew's Rücken die wohlverdiente Züchtigung sobald als möglich zukommen zu lassen, und eilte nach der Bibliothek zurück, verrammelte die Thür, so gut ich konnte, eilte an jene, durch welche Diana und ihr Vater verschwanden, und bat um Einlaß. Diana öffnete selbst. Sie war völlig angekleidet, und verrieth weder Unruhe noch Furcht.

»Wir sind so vertraut mit der Gefahr,« sagte sie, »daß wir immer bereit sind, ihr entgegenzutreten. Mein Vater ist bereits auf – er ist in Rashleighs Zimmer. Wir wollen in den Garten eilen, und dann durch die Hinterthür – zu der mir Syddall für den Nothfall den Schlüssel gab – in den Wald fliehen. – Niemand kennt die Waldgründe besser, als ich. Haltet sie nur noch einige Minuten auf. – Mein lieber, lieber Frank, lebt noch einmal wohl!«

Sie verschwand wie eine Lufterscheinung, um zu ihrem Vater zu gelangen, und die Eingedrungenen pochten heftig, und versuchten, die Thür der Bibliothek zu sprengen, als ich wieder eintrat.

»Ihr Räuber!« rief ich, indem ich absichtlich die Ursache ihres Lärms mißverstand. »Wenn ihr nicht sogleich das Haus verlaßt, schieße ich durch die Thür.«

»Schießen wäre Thorheit,« sagte Andrew. »Es ist Mr. Jobson mit einer gesetzlichen Vollmacht.« –

»Zu suchen, zu ergreifen und zu verhaften,« fiel die Stimme des abscheulichen Zungendreschers ein, »gewisse Personen, die in meiner Vollmacht genannt, als des Hochverraths unter dem 13ten von König Wilhelm, Kap. III., angeklagt sind.«

Man wiederholte den Lärm an der Thür. »Ich stehe auf, ihr Herren!« rief ich, um so viel Zeit als möglich zu gewinnen. »Braucht keine Gewalt. Zeigt mir eure Vollmacht, und ist sie nach Form und Recht, so werde ich mich nicht widersetzen.«

»Gott segne Georg, unsern König!« rief Andrew. »Ich habe euch gesagt, ihr würdet keine Jacobiten hier finden.«

So lange als möglich zögernd, war ich endlich genöthigt, die Thür zu öffnen, die man sonst gesprengt haben würde.

Jobson trat herein, von mehreren Gehülfen begleitet, unter welchen ich den jüngeren Wingfield entdeckte, dem er ohne Zweifel seine Nachricht zu danken hatte. Er zeigte mir die Vollmacht, die nicht allein gegen Frederick Vernon, einen überwiesenen Verbrecher, sondern auch gegen Diana Vernon und Frank Osbaldistone, wegen Mitwissenschaft des Verraths, gerichtet war. Widerstand wäre hier Tollheit gewesen, und nachdem ich noch einige Minuten Aufschub bedungen hatte, ergab ich mich als Gefangener.

Zu meinem Verdrusse sah ich den Schreiber gerade nach Diana's Zimmer gehen, und ich hörte, wie er sich von da, ohne Bedenken oder Schwierigkeit, in das Zimmer begab, in welchem Vernon geschlafen hatte. »Der Hase ist entwischt,« sagte er roh, »aber das Lager ist noch warm, und die Hunde werden ihn jetzt schon beim Felle haben.«

Ein Angstruf im Garten verkündete mir, daß er recht hatte. Nach fünf Minuten trat Rashleigh mit Vernon und seiner Tochter als Gefangene in's Zimmer. »Der Fuchs,« sagte er, »kennt seinen alten Bau, aber er hat vergessen, daß ein sorgsamer Jäger ihn verstopfen mußte; – ich hatte die Gartenthür nicht vergessen, Sir Frederick – oder, wenn Euch dieser Titel besser gefällt, höchst edler Lord Beauchamp.«

»Rashleigh,« sagte Vernon, »du bist ein verächtlicher Schurke!«

»Den Namen verdiente ich besser, Herr Ritter, oder Mylord, als ich unter der Leitung eines geschickten Lehrers den Bürgerkrieg in ein friedliches Land zu bringen bemüht war. Aber ich habe mein Bestes gethan, meine Verirrungen wieder gut zu machen,« sagte er mit emporgerichtetem Blicke.

Ich konnte mich nicht länger halten. Ich hatte mir vorgenommen, dem Vorgange schweigend zuzusehen, aber ich fühlte, daß ich reden oder sterben mußte. »Wenn die Hölle eine Gestalt hat, die scheußlicher, als die andere ist,« sagte ich, »so muß es Niederträchtigkeit unter der Larve der Heuchelei sein.«

»Ha, mein sanfter Vetter,« sagte Rashleigh, indem er ein Licht nach mir hinhielt, und mich vom Kopf bis zum Fuß betrachtete. »Recht willkommen im Schlosse. Ich kann Euren Unmuth vergeben. – Es ist hart, ein Gut und eine Geliebte in einer Nacht zu verlieren; denn wir werden Besitz nehmen von diesem armen Herrschaftshause, im Namen des gesetzmäßigen Erben, Rashleigh Osbaldistone.«

Während Rashleigh auf diese Weise Trotz bot, konnte ich bemerken, wie er die Regungen des Zornes und der Scham gewaltsam unterdrückte. Noch sichtbarer war seine Gemüthsstimmung, als Diana ihn anredete. »Rashleigh,« sagte sie, »ich bemitleide Euch – denn so groß das Unheil ist, das Ihr mir habt zufügen wollen, und das Böse, was Ihr wirklich verübt hat, kann ich Euch doch nicht so sehr hassen, als ich Euch verachte und bemitleide. Was Ihr jetzt gethan habt, kann das Werk einer Stunde sein, aber es wird Euch Stoff zum Nachdenken für Euer ganzes Leben bieten – von welcher Art, das überlasse ich Eurem eigenen Gewissen, welches nicht immer schlummern wird.«

Rashleigh ging einige Male durch das Zimmer, trat zu dem Tische, wo der Wein noch immer stand, und schenkte mit zitternder Hand ein volles Glas ein; als er aber sah, daß wir seine Bewegung bemerkten, unterdrückte er sie mit starker Anstrengung, sah uns fest mit trotziger Fassung an, und führte den Becher zum Munde, ohne einen Tropfen zu vergießen.

»Es ist meines Vaters alter Burgunder,« sagte er, auf Jobson blickend. »Es freut mich, daß noch Etwas davon da ist. – Ihr werdet passende Leute anstellen, die in meinem Namen für das Haus und mein Eigenthum Sorge tragen, und den aberwitzigen alten Kellner und diesen schottischen Narren hinausweisen. Unterdessen wollen wir diese Personen an einen füglicheren Ort in Gewahrsam bringen. Ich habe den alten Familienwagen für euch in Bereitschaft setzen lassen,« fuhr er fort, »obwohl ich weiß, daß selbst das Fräulein zu Fuß oder zu Pferd der Nachtluft trotzen könnte, wenn die Reise mehr nach ihrem Sinne wäre.«

Andrew rang die Hände. »Ich sagte nur, daß mein Herr gewiß im Büchersaal mit einem Geiste spräche, und der Schelm Lancie konnt' einen alten Freund verrathen, der zwanzig Jahre lang jeden Sonntag mit ihm aus demselben Psalmbuch gesungen hat!«

Ohne ihn seine Wehklagen beendigen zu lassen, warf man ihn mit Syddall aus dem Hause. Seine Vertreibung hatte indeß seltsame Folgen. Nach seiner Versicherung, zur Mutter Simpson zu gehen, bei der er aus alter Bekanntschaft ein Nachtlager zu finden hoffte, war er durch die Allee gegangen, und in den alten Wald gekommen, wie man's nannte, obwohl er jetzt eher zur Weide benutzt wurde, als er plötzlich auf eine schottische Heerde stieß, welche hier für die Nacht ausruhen sollte. Andrew war darüber keineswegs verwundert, da er die Gewohnheit seiner Landsleute kannte, die mit solchen Heerden auf dem besten Grasplatze, den sie finden können, die Nacht zubringen, und sich vor Tagesanbruch entfernen, um der Zahlung für das Nachtquartier zu entgehen. Aber er gerieth in Bestürzung, als ein Hochländer aufsprang, ihn beschuldigte, das Vieh gestört zu haben, und ihn nicht weiter gehen lassen wollte, bis er mit seinem Herrn gesprochen hätte. Der Hochländer führte ihn in ein Dickicht, wo er noch drei bis vier seiner Landsleute fand. »Und ich sah bald,« sagte Andrew, »daß ihrer zuviel für eine Heerde waren; und an ihren Fragen merkte ich, daß sie anderes Werg auf dem Rocken hatten.«

Sie fragten ihn genau nach Allem, was im Schlosse vorgegangen war, und schienen über seine Nachrichten verwundert und betrübt.

»Und meiner Treu!« sagte Andrew, »ich sagte Ihnen Alles, was ich wußte: denn Dolche und Pistolen sind Dinge, denen ich in meinem Leben keine Auskunft verweigern konnte.«

Sie sprachen leise mit einander und trieben endlich ihr Vieh nahe an den Eingang der Allee, in einiger Entfernung vom Hause. Hierauf schleppten sie gefällte Bäume zusammen, die in der Nähe lagen, und machten davon eine leichte Verschanzung quer über den Weg. Der Tag fing jetzt an, zu grauen, und ein matter Schein im Osten verschmolz mit dem erblassenden Mondlichte, so daß man die Gegenstände ziemlich deutlich unterscheiden konnte. Der rumpelnde Ton einer Kutsche, die vier Pferde zogen, und sechs Mann zu Pferde begleiteten, wurde die Allee herab hörbar. Die Hochländer lauschten aufmerksam. In dem Wagen saß Jobson mit seinen unglücklichen Gefangenen. Das Gefolge bestand aus Rashleigh und mehreren Reitern, Gerichtsdienern und ihren Gehülfen. Sobald wir durch das Thor am Eingange der Allee fuhren, wurde es durch einen Hochländer, der in dieser Absicht dastand, hinter den Reitern verschlossen. Zu gleicher Zeit wurde der Wagen durch das Vieh, zwischen welches wir geriethen, aufgehalten. Zwei Begleiter stiegen ab, um die Baumstämme wegzuschaffen, die, wie sie glaubten, nur zufällig oder aus Nachlässigkeit hier lagen. Die Andern fingen an, das Vieh mit ihren Peitschen aus dem Wege zu treiben.

»Wer wagt es, unser Vieh zu mißhandeln?« rief eine rauhe Stimme. – »Schieß, Angus!«

Rashleigh rief: »Eine gewaltsame Befreiung! Eine gewaltsame Befreiung!« und seine Pistole abfeuernd, verwundete er den Mann, der gesprochen hatte.

»Zum Schwert!« rief der Anführer der Hochländer, und sogleich begann ein Gefecht. Durch einen so urplötzlichen Angriff bestürzt, und gewöhnlich nicht ausnehmend tapfer, vertheidigten sich die Gerichtsdiener, trotz ihrer Ueberzahl, nur schwach. – Einige wollten in das Schloß zurückreiten, als aber ein Schuß hinter dem Thore abgefeuert wurde, glaubten sie sich umringt, und sprengten endlich in verschiedenen Richtungen davon. Rashleigh war unterdessen abgestiegen, und focht zu Fuß einen verzweifelten Kampf mit dem Anführer der Bande. Die Wagenfenster an meiner Seite gestatteten mir, ein Zeuge dieses Kampfes zu sein. Endlich fiel Rashleigh.

»Wollt Ihr um Gnade bitten, um Gottes, des Königs Jacob und alter Freundschaft willen?« rief eine Stimme, die ich recht gut kannte.

»Nein, nein!« antwortete Rashleigh entschlossen.

»Dann stirb, Verräther, in deinem Laster!« versetzte Mac-Gregor, und stieß seinem gefallenen Gegner das Schwert in die Brust.

Im nächsten Augenblicke war er am Kutschenschlage, hob Miß Vernon heraus, half ihrem Vater und mir aussteigen, ergriff den Schreiber beim Kopf und warf ihn unter die Räder.

»Mr. Osbaldistone,« sagte er leise, »Ihr habt Nichts zu fürchten. – Eure Freunde werden bald in Sicherheit sein. Lebt wohl, und denkt an Mac-Gregor!«

Er pfiff – seine Leute versammelten sich um ihn, und Vernon und seine Tochter mit sich fortführend, verschwanden sie sogleich im Walde. Der Kutscher hatte die Pferde im Stiche gelassen und war bei dem ersten Schusse entflohen; allein die Thiere blieben, von dem Verhau aufgehalten, zum Glücke für Jobson, ruhig stehen, denn bei der geringsten Bewegung würden die Räder über ihn weggegangen sein. Mein erster Gedanke war, ihm beizustehen, denn der Mensch war so erschrocken, daß er sich nicht selbst aufhelfen konnte. Ich bemerkte ihm hierauf, daß ich weder Antheil an der Befreiung der Gefangenen genommen, noch selbst zu entfliehen gesucht hätte, und forderte ihn auf, nach dem Schlosse zurückzugehen und einige von seinen dort gebliebenen Leuten zu rufen, um den Verwundeten beizustehen. Die Furcht hatte sich jedoch seiner so bemächtigt, daß er sich nicht bewegen konnte. Ich beschloß daher, selbst zu gehen, stolperte aber auf dem Wege über den Körper eines Menschen, den ich für todt oder sterbend hielt. Es war jedoch Andrew, so frisch und gesund als je, da er diese Stellung angenommen hatte, um den Hieben, Stößen und Kugeln auszuweichen, die einige Augenblicke nach allen Richtungen flogen. Ich war so froh, ihn zu finden, daß ich nicht fragte, wie er dahin gekommen sei, sondern sogleich seinen Beistand forderte.

Rashleigh war der erste Gegenstand meiner Bemühungen. Er stöhnte, als ich ihm nahete, wohl eben so sehr aus Haß, wie aus Schmerz, und schloß die Augen, als sei er entschlossen, nie wieder zu sprechen. Wir hoben ihn in den Wagen und leisteten einem andern Verwundeten, der auf dem Platze geblieben war, gleichen Beistand. Mit Mühe machte ich Jobson dann begreiflich, daß er in den Wagen steigen müsse, um Rashleigh zu unterstützen. Er gehorchte, sah aber aus, als verstehe er nur halb, was ich meine. Wir lenkten hierauf die Pferde um, öffneten das Thor der Allee, und fuhren langsam nach dem Schlosse zurück.

Einige von den Flüchtlingen waren auf Umwegen schon dort angekommen, und hatten die Besatzung durch die Nachricht erschreckt, Rashleigh, Jobson und alle übrigen Begleiter wären am Eingange der Allee von einem ganzen Regiment wilder Hochländer in Stücken gehauen worden. Wir hörten daher bei Erreichung des Schlosses ein dumpfes Summen, wie wenn Bienen in ihren Körben in Bewegung sind. Jobson, der sich nun wieder etwas erholt hatte, machte sich sogleich mit lauter Stimme bemerkbar. Er war um so ungeduldiger, aus dem Wagen erlöst zu werden, da einer von seinen Begleitern, der Gerichtsdiener, eben an seiner Seite gestorben war.

Rashleigh lebte noch, war aber so schwer verwundet, daß sein Blut den Boden des Wagens bedeckte, und von dem Eingange bis in die Steinhalle, wo man ihn in einen Lehnstuhl setzte, lange Spuren zurückließ. Einige suchten das Blut zu stillen, während Andere nach einem Wundarzte riefen, und doch Niemand geneigt schien, ihn zu holen.

»Quält mich nicht,« sagte der Verwundete. »Ich weiß, daß mir Niemand helfen kann. Ich sterbe.« Er richtete sich im Lehnstuhle auf, obwohl Todesschweiß seine Stirn bereits bedeckte, und sprach mit einer Festigkeit, die über seine Kräfte schien: »Vetter Frank, tretet zu mir.« Ich näherte mich. – »Ihr sollt nur von mir hören, daß die Qualen des Todes nichts in meinen Gesinnungen gegen Euch ändern. Ich hass' Euch,« sagte er, und der Ausdruck von Wuth verlieh den Augen, die sich bald auf immer schließen sollten, einen gräßlichen Glanz. »Ich hass' Euch mit solcher Heftigkeit, jetzt da ich blutend vor Euch liege, als wenn mein Fuß auf Eurem Nacken stände.«

»Ich habe Euch dazu keine Ursache gegeben,« erwiderte ich, »und um Euretwillen wünsche ich, daß Euer Gemüth besser gestimmt wäre.«

»Ihr habt mir Ursache gegeben,« entgegnete er – »in der Liebe, auf den Pfaden des Ehrgeizes und des Gewinns habt Ihr mich bei jedem Schritte gehemmt und gestört. Ich wurde geboren, die Ehre meines Hauses zu sein – ich bin ihm zur Schande geworden – und Alles durch Eure Schuld. Selbst mein Erbe wurde das Eurige. Nehmt es! Und möge der Fluch eines Sterbenden darauf lasten!«

Nachdem er diesen furchtbaren Wunsch ausgesprochen hatte, sank er in den Lehnstuhl zurück. Sein Auge wurde starr, seine Glieder steif, doch das Grinzen des Hasses überlebte selbst den letzten Lebenshauch. – Ich will nicht länger bei diesem gräßlichen Bilde verweilen und nichts mehr von Rashleighs Tode sagen, als daß nun mein Erbtheil unbestritten war, und Jobson gestehen mußte, daß die Anklage gegen mich nur zu Rashleighs Vortheil erhoben worden sei, um mich aus dem Schlosse zu entfernen. Der Name des Buben wurde aus der Liste der Sachwalter gestrichen, und er sank in Armuth und Verachtung.

Ich kehrte nach London zurück, sobald ich meine Angelegenheiten in Osbaldistone-Hall in Ordnung gebracht hatte, und fühlte mich glücklich, einen Ort zu verlassen, der so viele schmerzliche Erinnerungen erweckte. Ich wartete nun ängstlich auf Nachrichten von Diana's und ihres Vaters Schicksal. Ein französischer Kaufmann, der Handelsgeschäfte in London hatte, brachte mir einen Brief von ihr, der mich in Bezug auf ihre Sicherheit beruhigte. Sie gab mir darin zu verstehen, daß die gelegene Erscheinung Mac-Gregors und seiner Leute keineswegs zufällig war. Die schottischen Vornehmen, so wie die in England, welche an dem Aufstande Theil genommen hatten, waren vorzüglich besorgt, Vernons Flucht zu befördern, da er, als ein alter und vertrauter Anhänger des Hauses Stuart, genug wußte, um halb Schottland unglücklich zu machen. Robin der Rothe, dessen Scharfsinn und Muth so erprobt waren, wurde ausersehen, seine Flucht zu begünstigen, und Osbaldistone-Hall zu dem Orte der Zusammenkunft bestimmt. Der Plan wäre beinahe durch des unglücklichen Rashleigh Thätigkeit vereitelt worden. Er gelang indeß vollkommen. Vernon und seine Tochter fanden Pferde bereit, und unter dem Geleite Mac-Gregors, der das Land genau kannte, erreichten sie einen westlichen Hafen, und schifften sich sicher nach Frankreich ein. Derselbe Kaufmann berichtete mir auch, man zweifle an Vernons Genesung von einer auszehrenden Krankheit, der Folge der Beschwerden und Entbehrungen, welche er in der letzten Zeit zu erdulden gehabt hatte. Seine Tochter befand sich in einem Kloster, und obgleich ihr Vater wünschte, daß sie den Schleier nehmen möchte, überließ er dieß doch ganz ihrer eigenen Entscheidung.

Als mich diese Nachrichten erreichten, gestand ich meinem Vater offen meine Neigung, und er erschrak nicht wenig über den Gedanken, mich an eine Katholikin verheirathet zu sehen. Aber er wünschte es dringend, »mich fixirt zu sehen«, wie er es nannte; auch erkannte er es, daß ich meine eigenen Neigungen geopfert hatte, indem ich mit Herz und Hand an seinen Handelsgeschäften Theil nahm. Nach einer kurzen Zögerung und mehreren Fragen, die ich zu seiner Zufriedenheit beantwortete, brach er in die Worte aus: »Ich hätte nicht geglaubt, daß ein Sohn von mir Herr von Osbaldistone-Manor werden sollte, und noch weniger, daß er sich seine Gattin aus einem französischen Kloster holen würde. Aber eine so pflichtgetreue Tochter muß auch eine gute Ehefrau werden. Du hast dich in das Comptoir gesetzt, Frank, um mir zu gefallen; es ist daher billig, daß du dir zu gefallen lebst.«

Wie ich meine Heirath beschleunigte, brauche ich dir nicht zu sagen. Du weißt auch, wie lange und wie glücklich ich mit Diana lebte. Du weißt, wie ich sie betrauerte. Aber du weißt nicht, wie sehr sie die Trauer ihres Gatten verdiente, – du kannst das nicht wissen.

Ich habe weiter keine romantischen Abenteuer, noch in der That sonst irgend Etwas zu erzählen, da die spätern Ereignisse meines Lebens dir so wohl bekannt sind, als Einem, der mit freundlicher Uebereinstimmung die Freuden und Leiden desselben theilte. Ich besuchte Schottland oft, sah aber nie wieder den kühnen Hochländer, der auf die frühern Ereignisse meines Lebens so viel Einfluß hatte. Von Zeit zu Zeit erfuhr ich jedoch, daß er noch immer, seinen mächtigen Feinden zum Trotze, in den Gebirgen am Loch Lomond lebte, und daß er sogar auf gewisse Weise, bei seinem selbst erwählten Amt eines Beschützers von Lennox, in welcher Eigenschaft er so regelmäßig Schutzgeld erhob, wie die Landbesitzer Abgaben, die Nachsicht der Regierung genoß. Es scheint unmöglich, daß sein Leben kein gewaltsames Ende genommen haben sollte, und dennoch starb er im hohen Alter, gegen das Jahr 1733, eines friedlichen Todes, und ist noch immer in seiner Gegend, als der Robin Hood von Schottland, die Furcht der Reichen, aber der Freund der Armen, bekannt, und begabt mit manchen Eigenschaften des Kopfes und des Herzens, welche einen minder zweideutigen Beruf, als den, zu welchem sein Schicksal ihn verdammte, geehrt haben würden.

Der alte Andrew Fairservice pflegte zu sagen: Viele Dinge wären, gleich Robin dem Rothen, viel zu gut, um sie zu segnen, und viel zu schlecht, um sie zu verdammen.


(Hier endet das Original-Manuscript etwas abgebrochen. Ich habe Ursache, zu glauben, daß das, was folgte, nur Privat-Angelegenheiten betraf.)

Druck der C. Hoffmann'schen Officin in Stuttgart.


 << zurück