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Elftes Kapitel.

Noch eh' der Abend sinkt, sei er zurückgegeben;
Sonst, wenn Rache nähret das gekränkte Herz,
Und Macht liegt in dem Arm, der Waffen führt,
Soll Euer Land dafür bald »wehe!« rufen.

Altes Schauspiel.

 

Ich weiß nicht, wie es kömmt, daß eine einzelne grausame That unsere Nerven mehr ergreift, als wenn sie in einem vergrößerten Maaßstabe geprüft werden. Ich hatte an jenem Tage mehrere meiner tapfern Landsleute fallen sehen, aber es schien mir, als ob das gewöhnliche Loos der Sterblichkeit sie getroffen hatte, und bei aller Theilnahme, die meine Brust durchdrang, empfand ich doch nicht jenes qualvolle Entsetzen, mit welchem ich den unglücklichen Morris ohne Widerstand und mit kaltem Blute dem Tode opfern sah. Ich blickte auf meinen Gefährten, Mr. Jarvie, und sein Gesicht drückte dieselben Gefühle aus, die sich in dem meinigen zeigten. Wirklich konnte er sein Entsetzen nicht genug bezwingen, um seine Worte unhörbar zu machen: –

»Ich zeuge gegen diese That, als gegen einen blutigen und grausamen Mord. – Es ist eine verfluchte That, und Gott wird sie zu seiner Zeit und auf seine Weise rächen.«

»Ihr fürchtet also nicht, nachzufolgen?« fragte das Mannweib mit einem Todesblicke, wie ihn der Falke auf seinen Raub wirft, ehe er ihn ergreift.

»Base,« sagte der Voigt, »Niemand wird mit Willen seinen Lebensfaden abschneiden, ehe er das Ende des Knäuels gehörig auf die Garnwinde abgewunden hat. – Und ich habe, wenn ich verschont bleibe, viel in dieser Welt zu thun, öffentliche und eigene Geschäfte – und habe auch von mir Abhängende, wie die arme Mathilde, eine verlassene Waise – sie ist eine weitläufige Verwandte des Lairds von Limmerfield. – So, das Alles zusammengenommen, Haut um Haut, Alles, was Einer hat, wird er für sein Leben geben.«

»Und wenn ich Euch in Freiheit setze,« fragte das herrische Weib, »welchen Namen wolltet Ihr dann der Ertränkung dieses sächsischen Hundes geben?«

»Ah! Ah! – Hm! Hm!« räusperte sich der Stadtvoigt. »Ich wurde mich bemühen, so wenig als möglich davon zu sagen. Wer nicht viel sagt, hat nicht viel zu verantworten.«

»Aber wenn Ihr von einem Gerichtshofe, wie Ihr's nennt, gefragt würdet, was wolltet Ihr dann antworten?«

Jarvie sah dahin und dorthin, als ob er auf eine Ausflucht sinne, und antwortete dann wie ein Mensch, der kein Mittel sieht, seinen Rückzug zu bewirken, und sich entschließt, den Kampf zu bestehen: »Ich sehe, wohin Ihr mich treiben wollt. Aber ich sag's Euch gerade heraus, Base, es ziemt sich für mich, zu sprechen, wie's mein Gewissen verlangt. Zwar könnte Euer eigener Mann, den ich hierher gewünscht hätte, sowohl um seinet- als um meinetwillen, und auch die arme hochländische Creatur, Dougal, könnte Euch sagen, daß Nicol Jarvie bei den Fehlern eines Freundes so gut ein Auge zudrücken kann, als irgend Jemand, aber dennoch sag' ich Euch, Base, meine Zunge spricht nie, wovon mein Herz nichts weiß. Eh' ich sagte, der arme Tropf dort sei gesetzmäßig um's Leben gekommen, eher wollt' ich mich an seine Seite legen lassen. – Aber ich glaub', Ihr wäret die erste Hochländerin, die dergleichen gegen den Verwandten ihres Mannes thäte.«

Wahrscheinlich war der entschlossene Ton, mit dem Jarvie diese letzten Worte sprach, besser geeignet, auf das harte Herz seiner Muhme Eindruck zu machen, als der bittende Ausdruck, den er bisher angenommen hatte. Sie ließ uns Beide vor sich treten. – »Euer Name,« sagte sie zu mir, »ist Osbaldistone? – Der todte Hund, den Ihr sterben sahet, nannte Euch so.«

»Mein Name ist Osbaldistone,« lautete meine Antwort.

»So ist Rashleigh, wie ich vermuthe, Euer Vorname?« fuhr sie fort.

»Nein; mein Name ist Frank.«

»Aber Ihr kennt Rashleigh Osbaldistone? – Er ist Euer Bruder, wenn ich nicht irre, oder wenigstens Euer Verwandter und genauer Freund?«

»Mein Verwandter ist er, aber nicht mein Freund,« entgegnete ich. »Wir hatten vor Kurzem erst einen Zweikampf, bei dem uns Jemand trennte, der, wie ich vernehme, Euer Mann ist. Mein Blut ist an seinem Schwerte kaum trocken, und die Wunde in meiner Seite vernarbt noch nicht. Ich habe wenig Grund, ihn Freund zu nennen.«

»Wenn Ihr also nichts mit seinen Anschlägen zu thun habt,« erwiderte sie, »so könnt Ihr sicher und ohne Etwas für Eure Freiheit zu befürchten, zu Galbraith und seinen Leuten gehen, und eine Botschaft von Mac-Gregors Frau überbringen?«

Ich antwortete, daß ich keinen vernünftigen Grund wüßte, weßhalb die Miliz-Männer mich festhalten sollten, und daß ich für mich nichts zu befürchten haben würde; könnte es meinem Freunde und meinem Diener, als ihren Gefangenen, zum Schutze gereichen, wenn ich die Botschaft übernähme, so wäre ich bereit, sogleich aufzubrechen. Ich sei, setzte ich hinzu, auf ihres Mannes Einladung in das Land gekommen, und auf seine Versicherung, daß er mir in einer wichtigen Angelegenheit beistehen wollte, und mein Reisegefährte, Mr. Jarvie, hätte mich eben in der Absicht begleitet.

»Ich wollte,« fiel der Stadtvoigt ein, »die Stiefel des Mr. Jarvie wären mit siedendem Wasser angefüllt gewesen, als er sie in dieser Absicht anzog.«

»Ihr erkennt euren Vater in dem, was dieser junge Mann sagt,« sagte Helene zu ihren Söhnen. »Er ist nur klug, wenn er die Mütze auf dem Kopfe und das Schwert in der Hand hat; aber sobald er den Tartan mit dem Tuchkleide vertauscht, mischt er sich in die elenden Ränke der Niederländer, und wird nach Allem, was er schon gelitten hat, von Neuem ihr Geschäftsträger, ihr Werkzeug, ihr Sklave.«

»Und ihr Wohlthäter, setzt hinzu,« sagte ich.

»Mag sein,« sagte sie; »denn es ist der leerste Titel von allen, da er immerfort Wohlthaten ausgesäet hat, um eine Ernte des schändlichsten Undanks einzusammeln. – Doch genug davon! – Ich werde Euch zu den feindlichen Vorposten geleiten lassen; fragt nach ihrem Anführer, und bringt ihm diese Botschaft von mir, Helene Mac-Gregor: Wenn sie auf Mac-Gregors Haupt ein Haar krümmen, und ihn nicht binnen zwölf Stunden in Freiheit setzen, so soll, ehe Weihnachten kommt, keine Frau in Lennox sein, die nicht die Todtenklage über Die anstimmt, die sie ungern verliert – kein Pächter, der nicht über eine abgebrannte Scheune und einen leeren Stall Ach und Weh ruft; kein Laird, kein Erbe soll sein Haupt Abends mit der Zuversicht auf sein Kissen niederlegen, daß er am Morgen lebe – und um anzufangen, wie wir enden wollen, so schick' ich ihnen, sobald die Frist vorüber ist, diesen Stadtvoigt von Glasgow, diesen sächsischen Hauptmann und alle übrigen Gefangenen, jeden in einen Plaid gebunden, und in so viel Stücke zerhackt, als Würfel im Tartan sind.«

Als sie in ihren Drohungen eine Pause machte, setzte Thornton mit großer Kaltblütigkeit hinzu: »Bringet meine, des Hauptmanns Thornton, Empfehlung an den kommandirenden Offizier, und saget ihm, er möge seine Pflicht thun, und seinen Gefangenen sichern, ohne an mich zu denken. Wenn ich thöricht genug war, mich von diesen verschlagenen Wilden in einen Hinterhalt locken zu lassen, so bin ich auch weise genug, um zu wissen, wie ich dafür sterben muß, ohne dem Dienste Schande zu machen. Mich bekümmern nur meine armen Soldaten, daß sie in so mörderische Hände gefallen sind.«

»Still! Still!« rief Jarvie. »Seid Ihr Eures Lebens müde? – Grüßt den Befehlshaber von mir, dem Stadtvoigt Jarvie, obrigkeitliche Person in Glasgow, wie's mein Vater, der Vorsteher, vor mir war – und sagt ihm, hier wären einige wackere Männer in großer Bedrängniß, und könnten leicht in noch größere gerathen, und er könnte nichts Besseres für's gemeine Wohl thun, als wenn er Robin wieder seiner Wege gehen ließe. Es ist hier schon bereits etwas Böses geschehen; da es aber fast nur den Zöllner betroffen hat, ist's nicht der Mühe werth, viel Lärmen darüber zu machen.«

Mit diesen sehr widersprechenden Aufträgen der Parteien, für welche der Erfolg meiner Sendung am wichtigsten war, und mit der Lady wiederholter Ermahnung, ihren Auftrag genau und wörtlich auszurichten, wurde ich endlich entlassen. Andrew durfte mich begleiten, vermuthlich um seiner ungestümen Bitten loszuwerden. Besorgt indeß, daß ich mit Hülfe meines Pferdes den Begleitern entfliehen möchte, oder vielleicht auch, um ein Unterpfand von einigem Werthe zu behalten, sagte man mir, daß ich zu Fuße reisen müßte. Escortirt durch Hamish Mac-Gregor, den ältern Bruder, und zwei seiner Gefährten, sowohl um mir den Weg zu zeigen, als auch um die Stärke und die Stellung des Feindes zu erforschen, machte ich mich auf den Weg. Dougal war eigentlich zu meiner Begleitung bestimmt, er wußte aber dem Dienste auszuweichen, und zwar, wie wir nachher erfuhren, in der Absicht, über Jarvie zu wachen, dem er, nach seinen rohen Begriffen von Treue, Dienstleistungen schuldig zu sein glaubte, weil er einst sein Gönner oder Gebieter gewesen war.

Nachdem wir ungefähr eine Stunde sehr schnell fortgegangen waren, erreichten wir eine buschbewachsene Anhöhe, von welcher wir eine weite Aussicht über das Thal hatten, und die Stellung der Soldaten genau beobachten konnten. Da es meistens Reiterei war, so hatte man sich gehütet, gegen den Engpaß vorzudringen, wo der Capitain Thornton den Kürzern zog. Die Stellung war ziemlich geschickt auf einer Anhöhe in der Mitte des kleinen Thales von Aberfoil gewählt, durch welches der Forth seinen Lauf schlängelt, das von zwei Hügelreihen eingeschlossen, und in der Ferne von höhern Gebirgen begränzt wird. Das Thal war indeß breit genug, um die Reiter gegen einen Ueberfall der Hochländer zu sichern, und sie hatten in gehöriger Entfernung von der Hauptschaar nach allen Richtungen Schildwachen und Vorposten ausgestellt, um bei dem geringsten Allarm Zeit genug zu haben, aufzusitzen und unter Waffen zu sein. Zu jener Zeit war es noch nicht zu erwarten, daß die Hochländer eine Reiterschaar in offenem Felde angreifen würden, obwohl spätere Ereignisse bewiesen haben, daß sie es mit Erfolg thun können. Die Hochländer hatten, als ich sie kennen lernte, eine fast abergläubische Furcht vor berittenen Truppen, deren Pferde ein weit grimmigeres und stolzeres Ansehen hatten, als die kleinen Klepper aus ihren Gebirgen, und überdieß, wie die unwissenden Bergbewohner glaubten, abgerichtet waren, sich mit Füßen und Zähnen zu wehren.

Die weidenden Pferde der Reiter im Thale; die Krieger, welche in mannigfachen Gruppen an dem schönen, kleinen Flusse, oder auf den kahlen, romantischen Felsen ringsumher saßen, standen oder gingen, bildeten einen reizenden Vordergrund, während weithin, nach Morgen zu, der See Menteith herabblickte, und das Schloß Stirling in dämmernder Ferne längs der blauen Ochill-Gebirge den Hintergrund schloß.

Nachdem der junge Mac-Gregor mit ernstem Blicke diese Scene betrachtet hatte, deutete er mir an, daß ich zu den Kriegern hinabgehen und meine Botschaft bei ihrem Anführer ausrichten sollte, wobei er mir mit drohender Geberde einschärfte, weder zu sagen, wer mich zu diesem Orte geleitet, noch wo mich meine Begleitung verlassen hätte. Mit dieser Vorschrift ging ich zu dem Posten hinab, und Andrew folgte mir. Von seiner englischen Tracht hatte er nur noch die Beinkleider und Strümpfe behalten; er war ohne Hut, trug Riemenschuhe, die ihm Dougal aus Mitleid gegeben hatte, und ein zerrissener Plaid mußte den Mangel aller andern Kleidungsstücke ersetzen. Wir waren noch nicht weit gegangen, als eine Vedette uns erblickte, auf uns zuritt, und mit vorgehaltenem Gewehre mir »Halt!« zurief. Ich gehorchte, und verlangte, vor den Befehlshaber gebracht zu werden. Man führte mich sogleich in einen Kreis von Offizieren, welche, im Grase sitzend, einen Mann von höherem Range zu umgeben schienen. Er trug einen Panzer von polirtem Stahl, über welchen die Insignien des alten Distel-Ordens hingen. Mein Bekannter Galbraith und viele Andere, theils in Uniform, theils in gewöhnlicher Kleidung, aber Alle bewaffnet, schienen Befehle von diesem Manne zu empfangen. Mehrere Diener in reichen Livréen, die offenbar zu seinem Haushalt gehörten, warteten seiner Befehle ebenfalls.

Nachdem ich diesem Edelmanne die Ehrfurcht bewiesen hatte, die seinem Range zu gebühren schien, machte ich ihn damit bekannt, daß ich ein unwillkürlicher Zeuge der Niederlage geworden war, welche des Königs Soldaten von den Hochländern bei dem Passe von See-Ard, wie man den Ort nannte, erlitten hatten, und daß die Sieger ihren Gefangenen und dem Niederlande alle Art von Unheil drohten, wenn ihr Anführer ihnen nicht ungekränkt zurückgegeben würde. Der Herzog (denn Der, an welchen ich mich gewendet hatte, war von keinem geringeren Range) hörte mich sehr ruhig an, und gab mir dann zur Antwort, daß es ihm sehr leid thun würde, die unglücklichen Gefangenen den grausamen Wilden preiszugeben, in deren Hände sie gefallen wären, daß es aber eine thörichte Voraussetzung sei, er werde den wahren Urheber aller dieser Unordnungen und Gewaltthaten freigeben, und dadurch dessen Anhänger in ihrer Zügellosigkeit aufmuntern. »Ihr könnt zu Denen zurückkehren, die Euch sandten, und ihnen sagen, daß ich Robin Campbell, den sie Mac-Gregor nennen, zuverlässig mit Tagesanbruch als einen Geächteten hinrichten lasse, der mit den Waffen in der Hand ergriffen wurde, und den Tod durch tausend Missethaten verdient hat; – daß man mich mit Recht meines Postens und meines Auftrags für unwürdig halten würde, wenn ich anders handelte, daß ich das Land gegen ihre unverschämten Drohungen zu schützen wissen würde, und daß ich, wenn sie den unglücklichen Männern, die ein böser Zufall in ihre Macht gab, ein Haar auf ihrem Haupte krümmen, eine Rache nehmen will, über welche selbst die Steine in ihren Thälern hundert Jahre Weh schreien sollen.«

Ich erlaubte mir eine demüthige Gegenvorstellung hinsichtlich der ehrenvollen Sendung, die man mir auftrug, und sprach von der Gefahr, der ich dadurch ausgesetzt sein würde, worauf der edle Befehlshaber erwiderte, daß ich in diesem Falle meinen Diener schicken könnte.

»Der Teufel müßte mir in die Beine gefahren sein,« rief Andrew, ohne Rücksicht auf die Anwesenden zu nehmen, oder zu warten, bis ich geantwortet hatte – »der Teufel müßte mir in die Beine gefahren sein, wenn ich nur so weit ginge, als meine Zehen lang sind. Denken die Leute, ich hätt' eine andere Kehle in der Tasche, wenn die Hochländer mir diese abschnitten? Oder ich könnte an der einen Seite des See's untertauchen, und an der andern wieder 'rauskommen, wie eine wilde Ente? Ne, ne, Jeder für sich, und Gott für uns Alle. Die Leute mögen sich Burschen von ihrem eignen Alter nehmen, und sich selbst bedienen, bis ihre Jungen groß sind, und ihre eigenen Gänge für Andrew thun. Robin der Rothe kam dem Kirchspiel von Dreepdaily nie nahe, um mir oder den Meinigen einen Apfel oder eine Birne zu stehlen.«

Ich brachte meinen Begleiter mit einiger Mühe zum Schweigen, stellte dann dem Herzog vor, welcher großen Gefahr Hauptmann Thornton und Jarvie gewiß ausgesetzt sein würden, und bat ihn, mich zum Ueberbringer von gemäßigten Bedingungen zu machen, durch die ihr Leben geschützt werden könnte. Ich versicherte ihn, daß ich keine Gefahr scheuen würde, wenn ich nützlich sein könnte, doch nach Allem, was ich gehört und gesehen hätte, dürfe ich kaum zweifeln, daß man die Gefangenen sogleich ermorden würde, wenn der Geächtete den Tod erleiden sollte.

Der Herzog schien augenscheinlich sehr gerührt. Es sei ein harter Fall, sagte er, und er fühle es, allein er habe eine höhere Pflicht gegen das Vaterland zu erfüllen – Robin der Rothe müsse sterben!

Ich gestehe es, nicht ohne Bewegung hörte ich diese Todesdrohung gegen meinen Bekannten Campbell, der seinen guten Willen für mich so oft gezeigt hatte. Mehrere Männer in des Herzogs Gefolge theilten dieß Gefühl, und wagten es, für ihn zu reden. Es würde rathsamer sein, meinten sie, ihn nach Stirling-Castle zu schicken, und dort als ein Unterpfand für die Unterwerfung und Auflösung seiner Rotte in enger Verwahrung zu halten. Es sei ein großes Elend, das Land der Plünderung auszusetzen, welche man jetzt, bei Annäherung der langen Nächte, schwerlich würde verhindern können, da es unmöglich sei, jeden Punkt zu bewachen, und die Hochländer gewiß die unbesetzten Stellen zu finden wissen würden. Es sei hart, fügten sie hinzu, die unglücklichen Gefangenen dem Todesurtheile preiszugeben, das man in der ersten Aufwallung der Rache gewiß vollziehen würde.

Garschattachin ging, der Ehre des Herzogs vertrauend, noch weiter, obgleich er wußte, daß dieser aus besondern Gründen dem Gefangenen abgeneigt war. Robin der Rothe, sagte er, sei zwar ein bedenklicher Nachbar für das Niederland, und besonders lästig für Se. Herrlichkeit; und wenn er auch das Handwerk eines Caterans weiter triebe, als in diesen Tagen irgend Jemand, so wäre er doch sonst ein gescheidter Kerl, und es möchte wohl noch Mittel geben, ihn zur Vernunft zu bringen; sein Weib hingegen und seine Söhne wären rastlose Feinde, ohne Furcht und Erbarmen, und würden an der Spitze seiner Spießgesellen eine ärgere Landplage sein, als er je gewesen wäre.

»Oho! Oho!« erwiderte der Herzog, »die Klugheit und List dieses Menschen hat seine Herrschaft so lange erhalten. Ein gewöhnlicher hochländischer Räuber würde in so vielen Wochen unterdrückt worden sein, als er Jahre gehauset hat. Seine Rotte ist ohne ihn nicht mehr als eine beständige Plage zu fürchten – sie wird sich nicht länger erhalten, als eine Wespe ohne Kopf, die vielleicht noch einmal sticht, aber dann sogleich vernichtet wird.«

Garschattachin war nicht so leicht zum Schweigen gebracht. »Mylord,« erwiderte er, »ich hege gewiß keine Gunst für Robin und er eben so wenig für mich, da ich zwei Mal durch ihn meine Ställe ausgeleert sah, den Schaden, den meine Pächter durch ihn erlitten, noch ungerechnet; aber dennoch« –

»Aber dennoch,« sagte der Herzog mit einem bedeutsamen Lächeln, »meint Ihr, glaub' ich, eine solche Freiheit könne man dem Freunde eines Freundes verzeihen, und man hält Robin für keinen Feind der Freunde Major Galbraiths jenseits des Meeres.«

»Wenn's so wäre, Mylord,« versetzte Garschattachin in demselben scherzenden Tone, »so ist's nicht das Schlimmste, was ich von ihm gehört habe. Aber ich wollte, wir hätten Nachricht von den Clans, auf die wir so lange warten. Ich wünschte zu Gott, sie möchten uns ihr Hochlandswort halten; – aber ich glaube, ich kenne sie besser. – Es taugt nicht, die Hosen über die Stiefel zu ziehen.«

»Ich glaube das nicht,« sagte der Herzog. »Diese Herren sind als Männer von Ehre bekannt, und ich muß nothwendig erwarten, daß sie ihr Versprechen lösen. Es mögen noch ein paar Reiter nach unsern Freunden ausgesendet werden. Vor ihrer Ankunft können wir es nicht wagen, den Paß anzugreifen, in dem sich der Capitain Thornton überfallen ließ, und wo, wie ich weiß, zehn Mann Fußvolk gegen das beste Reiterregiment Stand halten können. – Unterdessen laßt der Mannschaft Erfrischungen reichen.«

Auch ich zog Vortheil aus diesem Befehle, und das war mir um so nothwendiger und angenehmer, da ich seit unserem eiligen Mahle am Abend vorher in Aberfoil nichts genossen hatte.

Die ausgeschickten Vedetten kehrten ohne Nachricht von den erwarteten Hülfsvölkern zurück, und die Sonne näherte sich dem Untergange, als ein Hochländer, der zu den Clans gehörte, mit einem Briefe erschien, den er dem Herzoge mit der tiefsten Verbeugung überreichte.

»Ich wette einen Oxhoft Claret,« rief Garschattachin, »das ist die Botschaft, daß die verwünschten Hochländer, die wir hier unter so vielen Plagen und Beschwerden erwartet haben, sich zurückziehen, und es uns überlassen, die Sache auszuführen, wenn wir können.«

»So ist es, ihr Herren,« sagte der Herzog, glühend vor Unwillen, als er den Brief gelesen hatte, der auf ein schmutziges Stück Papier geschrieben, aber sehr pünktlich adressirt war: ›Zu den höchst geehrten Händen Sr. Herrlichkeit, des hohen und mächtigen Prinzen, Herzog etc. etc.‹« »Unsere Verbündeten haben uns verlassen, meine Herren, und einen Separatfrieden mit dem Feinde geschlossen.«

»Es ist eben das Schicksal aller Bündnisse,« sagte Garschattachin; »die Holländer wollten uns denselben Streich spielen, wenn wir ihnen nicht in Utrecht zuvorgekommen wären.«

»Ihr seid spaßhaft, Sir,« sagte der Herzog mit einem Lächeln, welches verrieth, wie wenig ihm der Scherz gefiel, »und unsere Geschäfte sind grade jetzt von ernsterer Art. Ich glaube, keiner von euch Herren wird dazu rathen, weiter in's Land vorzudringen, da wir weder durch freundlich gesinnte Hochländer, noch durch Fußvolk unterstützt werden?«

Eine einstimmige Antwort sagte, daß ein solches Unternehmen wahrer Wahnsinn sein würde.

»Auch würde es keine große Weisheit verrathen, wenn wir uns hier einem nächtlichen Ueberfalle aussetzen wollten,« fügte der Herzog hinzu. »Ich mache daher den Vorschlag, uns nach den Häusern Duchray und Gartartan zurückzuziehen, und bis zum Morgen sichere Wach' und Hut zu halten. Aber ehe wir uns trennen, will ich Robin in eurer Gegenwart verhören, damit ihr euch mit eigenen Augen und Ohren überzeuget, wie unpassend es sein würde, ihm zu fernern Gewaltthätigkeiten Raum zu lassen.« Er gab demnach Befehl, und der Gefangene wurde vorgeführt. Seine Arme waren über den Ellenbogen mit einem Sattelgurte fest an den Leib geschnallt. Zwei Unteroffiziere führten ihn, und zwei Rotten Soldaten mit Karabinern und aufgepflanzten Bajonetten folgten.

Ich hatte diesen Mann noch nie in seiner Landestracht gesehen, welche die Eigenthümlichkeiten seiner Gestalt in ein noch auffallenderes Licht setzte. Ein Krauskopf von rothem Haar, das der Hut und die Perücke der niederländischen Tracht großentheils verborgen hatte, zeigte sich jetzt unter der hochländischen Mütze, und rechtfertigte den Beinamen des Rothen, unter dem er im Niederlande bekannt war, und, wie ich glaube, noch immer in der Erinnerung fortlebt. Auch ließ sich diese Benennung deßhalb auf ihn anwenden, weil seine Beine, vom Saume des Schurzes bis zum Rande der kurzen Strümpfe hinab, nach hochländischer Sitte unbedeckt, vorzüglich um die Kniee mit einem dichten, rothhaarigen Felle überzogen waren, und dadurch eben so, wie durch das nervige Aussehen von ungewöhnlicher Kraft, den Schenkeln eines rothen hochländischen Bullen glichen. Durch seinen veränderten Anzug, so wie dadurch, daß ich mit seinem wahren und furchtbaren Charakter bekannt geworden war, hatte er in meinen Augen ein um so wilderes und auffallenderes Aeußere, daß ich ihn kaum wieder erkannte.

Sein Benehmen war kühn, ungezwungen, und in so weit seine Bande es nicht hinderten, stolz und sogar würdevoll. Er verbeugte sich vor dem Herzoge, nickte mehreren Andern zu, und zeigte einige Ueberraschung, auch mich hier zu finden.

»Wir haben uns lange nicht gesehen, Mr. Campbell,« sagte der Herzog.

»So ist es Mylord und Herzog! Ich wünschte, wir hätten uns wiedergesehen (dabei blickte er auf die Bande seiner Arme), wo ich besser im Stande gewesen wäre, Euch die schuldige Höflichkeit zu erweisen. – Aber es gibt eine gute Zeit für Alles.«

»Keine Zeit, wie die gegenwärtige, Mr. Campbell,« erwiderte der Herzog; »denn die Stunden entfliehen schnell, in denen Ihr Eure letzte Rechnung mit allen irdischen Dingen abzuschließen habt. Ich sag' es nicht, um Eures Unglücks zu spotten, aber Ihr müßt selbst einsehen, daß Ihr Euch dem Ende Eurer Laufbahn nähert. Ich läugne nicht, daß Ihr zuweilen weniger Schaden angerichtet habt, als Andere von Eurem unseligen Gewerbe, und daß Ihr auch gelegentlich Beweise von Talent und selbst Neigungen gezeigt habt, die etwas Besseres versprachen. Allein Ihr wißt selbst, wie lange Ihr der Schrecken und der Unterdrücker Eurer friedlichen Nachbarn gewesen seid, und durch welche Gewaltthätigkeiten Ihr Eure unrechtmäßige Macht behauptet und erweitert habt. Kurz, Ihr wißt, daß Ihr den Tod verdient, und müßt Euch also darauf bereiten.«

»Mylord,« antwortete Robin der Rothe, »obwohl ich Euer Gnaden mein Unglück vor die Thüre legen könnte, werde ich dennoch niemals sagen, daß Ihr mit Wissen und Willen davon der Urheber gewesen seid. Hätt' ich das geglaubt, Mylord, so würden Euer Gnaden heute nicht über mich Gericht halten; denn Ihr waret mir dreimal schußgerecht, wo Ihr nur an's rothe Wild dachtet, und wenig Leute haben mich mein Ziel fehlen sehen. Aber man hat mich bei Euch verleumdet, und Euch gegen einen Mann aufgebracht, der so friedlich war, wie irgend Einer im Lande, und in Eurem Namen ward ich auf's Aeußerste getrieben. Ich habe einige Vergeltung an ihnen genommen, und ich hoffe, es zu erleben, auch das zu vergelten, was Ihr jetzt sagt.«

»Ich weiß,« sagte der Herzog mit steigendem Unwillen, »daß Ihr ein entschlossener, vermessener Schurke seid, der sein Wort hält, wenn er Unheil zu stiften schwört, aber ich werde dafür Sorge tragen, Euch daran zu verhindern. Ihr habt keine Feinde, als Eure bösen Thaten.«

»Hätt' ich mich Grahame genannt, statt Campbell, so würde ich weniger davon gehört haben,« versetzte Robin mit verstockter Entschlossenheit.

»Ihr werdet wohl thun, Sir,« sagte der Herzog, »wenn Ihr Eure Angehörigen und Anhänger warnt, sich vorzusehen, wie sie die Herren, die jetzt in ihren Händen sind, behandeln, da ich zehnfach an ihnen und ihrer Sippschaft und ihren Verbündeten die kleinste Kränkung vergelten will, die sie des Königs treuen Unterthanen zufügen.«

»Mylord,« sagte Robin als Antwort, »keiner von meinen Feinden kann sagen, daß ich ein blutdürstiger Mann gewesen bin, und wär' ich jetzt unter meinen Leuten, ich könnte vier- oder fünfhundert wilde Hochländer so leicht regieren, als Euer Gnaden diese acht oder zehn Lakeien. Aber wenn Ihr einem Hause sein Haupt nehmen wollt, so könnt Ihr darauf rechnen, daß es Unordnung unter den Gliedern gibt. – Doch komme, was da will, es ist ein wackerer Mann dabei, ein Vetter von mir, dem darf kein Leid geschehen. Ist Jemand hier, der für Mac-Gregor etwas Gutes thun will? – Er kann's vergelten, wenn auch seine Hände jetzt gefesselt sind.«

Der Hochländer, welcher dem Herzoge den Brief überbracht hatte, erwiderte: »Ich will Euren Auftrag vollziehen, Mac-Gregor, und deßhalb in's Thal zurückgeh'n.«

Er trat hinzu, und der Gefangene gab ihm einen Auftrag an seine Frau, welcher mir, da er Gaelisch sprach, zwar unverständlich blieb, der sich aber, wie ich nicht zweifelte, auf einige Maßregeln wegen Jarvie's Sicherheit bezog.

»Hört ihr den Unverschämten,« sagte der Herzog; »er verläßt sich auf seinen Charakter als Botschafter. Er beträgt sich wie seine Herren, die uns einluden, gemeinschaftliche Sache gegen diese Freibeuter zu machen, und uns verlassen haben, sobald die Mac-Gregors sich erboten, das Balquidder Gebiet, über das sie sich stritten, auszuliefern.

›Bei Plaid und Tartan gibt es Glauben nicht, noch Treu';
Chamäleon gleich, ist tausendfältig ihre Farbe neu.‹

»Euer großer Ahnherr sprach nicht so, Mylord,« antwortete Major Galbraith, »und mit Erlaubniß, auch Ihr würdet nicht Ursache haben, so zu reden, wenn Ihr nur gegen den Anführer gerecht sein wolltet. – Gebt dem wackern Manne seine Freiheit wieder. Laßt jeden Kopf seine eigene Mütze tragen, und die Uneinigkeit wird schon im Lande aufhören.«

»Still! Still! Garschattachin!« rief der Herzog, »das sind gefährliche Reden für Jedermann, und besonders gegen mich; aber ich glaube, Ihr haltet Euch bevorrechtet. Seid so gefällig, mit Euren Leuten nach Gartatan aufzubrechen; ich selbst will den Gefangenen nach Duchray begleiten, und Euch morgen weitere Befehle senden. Ihr werdet keinem von Euren Reitern Urlaub geben.«

»Da ist Befehl und Gegenbefehl,« murmelte Garschattachin zwischen den Zähnen. »Aber Geduld! Geduld! – Wir werden spielen: Wechselt den Sitz, der König kömmt.«

Die beiden Reiterhaufen rüsteten sich nun zum Aufbruche, um noch bei Tageshelle das Nachtquartier zu erreichen. Ich erhielt mehr eine Weisung, als eine Einladung, die Truppen zu begleiten, und sah, daß ich zwar nicht mehr als Gefangener, aber doch als verdächtig angesehen wurde. Die Zeit war allerdings gefahrvoll, die Parteien der Jacobiten und Hannoveraner theilten das Land so entschieden, und die beständigen Streitigkeiten und Eifersüchteleien der Hochländer und Niederländer, außer einer Menge Veranlassungen zu Fehden, welche die mächtigen Geschlechter in Schottland trennten, bewirkten einen so allgemeinen Argwohn, daß ein einsamer, schutzloser Fremdling fast beständig Unannehmlichkeiten ausgesetzt war. Ich ergab mich daher, so gut ich konnte, in mein Schicksal, und tröstete mich mit der Hoffnung, von dem gefangenen Freibeuter einige Nachricht über Rashleigh und seine Anschläge zu erhalten. Ich würde mir selbst Unrecht thun, wenn ich nicht hinzufügte, daß meine Absichten nicht blos eigennützig waren. Ich nahm zu viel Antheil an meinem sonderbaren Bekannten, als daß ich nicht gewünscht hätte, ihm jeden Dienst zu leisten, den seine unglückliche Lage heischte und erlaubte.


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