Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Siebentes Kapitel.

Baron von Bucklivich,
Der Teufel hole dich,
Und reiß' in Stücke dich,
Für'n Bau für eine solche Stadt,
Wo man kein Pferdefutter, für Menschen keine
Speis', und keinen Stuhl zum Sitzen hat.

Schottische Volksreime auf ein schlechtes Wirthshaus.

 

Die Nacht war freundlich und der Mond spendete hinreichendes Licht zu unserer Reise. Unter seinen Strahlen nahm die Gegend, durch die wir kamen, ein gefälligeres Ansehen an, als sie bei dem vollen Tageslichte hatte, das den Umfang der Verödung zeigte. Die Abwechselung von Licht und Schatten verlieh ihr einen Reiz, der ihr eigentlich mangelte, und erregte, gleich der Wirkung eines Schleiers, über ein reizloses Gesicht geworfen, unsere Neugier bei einem Gegenstande, der an und für sich nichts Angenehmes hatte.

Der noch immer abwärts gehende Pfad drehte und wendete sich, verließ die offene Haide, und führte in steilere Schluchten, die uns bald zu dem Bette eines Baches oder Flusses zu bringen versprachen, und auch in kurzer Zeit ihr Versprechen erfüllten. Wir kamen an das Ufer eines Stromes, der mehr den Strömen meiner Heimath glich, als denen, die ich seither in Schottland gesehen hatte. Der Strom war schmal, tief und still, obgleich das matte Licht, das auf seinen ruhigen Gewässern glänzte, auch zeigte, daß wir jetzt unter den hohen Gebirgen waren, die seine Wiege bildeten.

»Das ist der Forth,« sagte der Stadtvoigt mit einem Ausdrucke der Ehrerbietung, welche die Schotten ihren vornehmsten Flüssen gewöhnlich zollen. »Der Clyde, der Tweed, der Forth, der Spey, werden von den Anwohnern größtentheils mit einer Art von Hochachtung und Stolz genannt, und ich habe ein Wort der Geringschätzung Zweikämpfe herbeiführen sehen. Diese unschuldige Begeisterung kann ich nicht im geringsten tadeln.« Ich nahm meines Freundes Mittheilung mit der Wichtigkeit auf, die er ihr beizulegen schien. Wirklich war ich nicht wenig erfreut, nach einer so langen und ermüdenden Tagereise mich einer Gegend zu nähern, welche die Einbildungskraft zu fesseln versprach. Mein getreuer Knappe Andrew schien nicht derselben Meinung zu sein, denn er empfing die feierliche Nachricht: Das ist der Forth! mit einem »Hm!« als hätte er sagen wollen, daß das Wirthshaus willkommener wäre.

Der Forth schien indeß, so viel ich bei dem unvollkommenen Lichte zu urtheilen vermochte, die Bewunderung zu verdienen, welche man ihm darbrachte. Ein schöner Hügel von regelmäßig runder Form, mit Unterholz von Haselstauden, Eschen und Zwergeichen bewachsen, worunter einige prächtige alte Bäume, über die andern hervorragend, ihre Zacken und nackten Zweige im Silberschimmer des Mondes zeigten, schien die Quelle des Stromes zu beschützen. Wie mein Gefährte erzählte, der zwar kein Wort davon zu glauben vorgab, aber doch mit gedämpfter Stimme und einem Ausdrucke von Furchtsamkeit sprach, enthielt nach der Sage der umwohnenden Landleute dieser Hügel, so regelmäßig geformt, so reizend und in anmuthiger Abwechselung mit alten Bäumen und Buschholz bewachsen, in seinen unsichtbaren Höhlen die Paläste der Feen, einer Art geistiger Wesen, welche eine Mittelklasse zwischen den Menschen und Dämonen bilden, und die zwar nicht entschieden boshaft gegen die Menschheit waren, dennoch aber wegen ihres launischen, rachsüchtigen und reizbaren Charakters vermieden und gefürchtet wurden.

»Man nennt sie,« sagte Jarvie flüsternd, » Daoine Schie, das heißt, so viel ich weiß, Männer des Friedens, um sie sich dadurch geneigt zu machen. Und wir können sie auch wohl so nennen, Mr. Osbaldistone, denn es ist nicht gut, wenn man von dem Hausherrn in seinen vier Pfählen Böses spricht.« Doch sogleich setzte er hinzu, als er vor uns einige Lichter blinken sah: »Es ist am Ende nur Teufelstrug, und ich scheue mich nicht, es zu sagen – denn wir sind nun dem Hause nahe, und dort schimmern die Lichter im Wirthshause zu Aberfoil.«

Ich muß bekennen, daß mir dieser Umstand sehr angenehm war, nicht sowohl, weil es Jarvie's Zunge, nach seiner Meinung, in Freiheit setzte, als weil es auf einige Stunden Ruhe versprach, deren wir und unsere Pferde so sehr bedurften.

Eine sehr hohe und schmale steinerne Brücke führte uns über den jugendlichen Forth. Mein Begleiter sagte mir indeß, der gewöhnliche Weg aus dem Hochlande nach der südlichen Gegend gehe durch die Furt von Frew, wo der Strom stets tief und schwer zu passiren, auch zuweilen ganz ungangbar sei. Von dieser Furt bis östlich zur Brücke von Stirling gibt es keinen Uebergang weiter, so bildet der Forth von seiner Quelle bis beinahe zu dem Firth, oder dem Eingange in's Meer, das ihn aufnimmt, eine leicht zu vertheidigende Gränze zwischen dem schottischen Hochlande und Niederlande. Die folgenden Ereignisse, von denen ich Zeuge war, lassen mich mit Aufmerksamkeit erwägen, was Jarvie in seiner sprüchwörtlichen Weise sagte: Der Forth ist der Zaum für den wilden Hochländer.

Ein kurzer Ritt jenseits der Brücke brachte uns vor die Thüre des Wirthshauses, in welchem wir die Nacht zubringen wollten. Es war eine elende Hütte, beinahe schlimmer als die, in der wir zu Mittag aßen; allein die kleinen Fenster waren erleuchtet, Stimmen tönten von innen, und Alles deutete auf eine Aussicht zu Obdach und Erfrischung. Andrew bemerkte zuerst, daß ein abgeschälter Weidenstab quer über die halb offene Thüre gelegt war. Er hielt an, und rieth uns, nicht hineinzutreten. »Denn,« sagte er, »einige von ihren Häuptlingen und großen Männern zechen drinnen beim Branntwein und wollen nicht gestört sein. Das Wenigste, was wir abbekommen, wenn wir, mir nichts, dir nichts, hineingehen, wird ein blutig geschlagener Kopf sein, um uns die Sitte zu lehren, wenn wir nicht etwa gar einen kalten Dolch in die Gedärme bekommen, was eben so leicht möglich ist.«

Ich sah den Stadtvoigt an, der flüsternd zugestand, daß der Kuckuk Grund habe, einmal im Jahre zu singen.

Während dessen kamen einige gaffende, halb bekleidete Dirnen aus dem Wirthshause und den umliegenden Hütten, als sie den Hufschlag unserer Pferde hörten. Niemand begrüßte uns, oder hielt die Pferde, nachdem wir abgestiegen, und auf alle unsere Fragen erhielten wir die trostlose Antwort: Kann nicht Sächsisch. Der Stadtvoigt fand indeß durch seine Erfahrung ein Mittel, sie Englisch zu lehren. »Wenn ich dir einen Penny gebe,« sagte er zu einem zehnjährigen Buben mit zerrissenem Plaid, »willst du dann Sächsisch verstehen?«

»Ja, ja, das will ich,« antwortete der Knabe in ganz leidlichem Englisch.

»Dann geh' und sag' deiner Mutter, mein Bube, daß zwei sächsische Herren mit ihr sprechen wollen.«

Die Wirthin erschien sogleich, einen brennenden Kienspan in der Hand, den die Hochländer oft statt eines Lichtes brauchen. Eine solche Fackel beleuchtete jetzt die wilden, ängstlichen Züge einer bleichen, magern Frau von ungewöhnlicher Größe, deren unreinlicher, zerlumpter Anzug kaum eine anständige Bedeckung gewährte. Ihr schwarzes Haar, das in ungekämmten Locken unter ihrer Haube hervorhing, und der fremde, verlegene Blick, mit dem sie uns betrachtete, gaben ihr das Ansehen einer Zauberin, die in der Mitte ihrer verbotenen Gebräuche gestört wurde. Sie weigerte sich bestimmt, uns in ihrem Hause aufzunehmen. Wir machten Vorstellungen, wir erwähnten unsere starke Tagereise, die Müdigkeit unserer Pferde, und daß wir dann noch bis Callander reiten müßten, welches nach Jarvie's Angabe noch sieben schottische Meilen entfernt war. Wie viele Meilen auf eine englische Meile gingen, hab' ich nie bestimmen können, aber ich glaube, man kann ziemlich noch einmal so viel annehmen. Die halsstarrige Wirthin behandelte unsere Einwendungen mit Verachtung. »Besser weiter gegangen, als schlimm gebettet,« sprach sie in der Aussprache des schottischen Niederlandes, da sie aus dem Bezirke Lennox war. »Es sind Leute im Hause, die sich nicht gern von Fremden wollen stören lassen. Wer weiß, wer noch kommen kann, – es können Rothröcke von der Besatzung sein.« – Diese letzten Worte sprach sie leiser und mit besonderem Nachdrucke: »Die Nacht ist schön – eine Nacht Schlaf auf der Haide wird euer Blut abkühlen, und ihr könnt eure Pferde dort anbinden, was euch Niemand verwehren wird.«

»Aber gute Frau,« sagte ich, während Jarvie seufzte und unentschlossen stehen blieb, »seit sechs Stunden haben wir keinen Bissen gegessen. Ich bin halb verhungert, und habe keine Lust, meine Wohnung ohne Abendbrod in Euren Gebirgen unter freiem Himmel aufzuschlagen. Ich muß durchaus hinein, und Ihr entschuldigt so gut Ihr könnt, bei Euren Gästen, daß noch einige Fremde zu ihnen kommen. – Andrew, Ihr werdet die Pferde versorgen.«

Die Hecate sah mich verwundert an, und rief dann aus: »Wer auf seinem Kopf besteht, den muß man gehen lassen! – Man sehe diese englischen Bauch-Götter! Er hat heute bereits eine volle Mahlzeit gehalten – und wagt eher Leben und Freiheit, als daß er ein Abendessen entbehrt. – Aber ich wasche meine Hände. – Folgt mir,« sagte sie zu Andrew, »ich will Euch zeigen, wo Ihr die Pferde unterbringt.«

Ich war über die Aeußerungen der Wirthin, die eine nahe Gefahr anzudeuten schienen, etwas bestürzt. Dennoch wollte ich mich nicht zurückziehen, da ich meinen Entschluß erklärt hatte, und trat deßhalb kühn in das Haus. Nachdem ich in dem schmalen Eingange kaum der Gefahr entgangen war, mir an dem seitwärts liegenden Torfhaufen und Pöckelfaß die Beine zu zerstoßen, öffnete ich eine zerbrechliche, halb verfallene Thüre, die nicht aus Brettern, sondern aus Weidenstäben verfertigt war, und trat mit Jarvie in das Hauptgemach dieses schottischen Karavanserais.

Das Innere bot einen Anblick dar, der mir seltsam genug vorkam. Das Feuer, mit Torf und dürrem Reisig genährt, flammte lustig in der Mitte, aber der Rauch, welcher keinen andern Ausgang hatte, als ein Loch im Dache, umkreiste in dunkeln Wolken, etwa fünf Fuß hoch vom Boden, die Decke des Gemaches. Der untere Raum war ziemlich hell, weil unzählige Luftströme durch die Spalten der Thüre, durch zwei viereckige Löcher, die man Fenster nannte, von denen das eine mit einem Plaid, das andere mit einem zerrissenen Mantel verstopft war, und durch eine Menge weniger sichtbarer Oeffnungen in den aus Steinen und Torf erbauten Wänden, dem Feuer zuzogen. An einem alten Eichentische, nahe dem Feuer, saßen drei Männer, Gäste, wie es schien, die man unmöglich mit Gleichgültigkeit betrachten konnte. Zwei von ihnen waren in hochländischer Kleidung; der Eine, ein kleiner, schwärzlicher Mann von lebhaften, muntern Gesichtszügen, trug enge, lange Beinkleider von einer Art würfeligem Zeuge. Jarvie flüsterte mir zu, es müßte ein Mann von Bedeutung sein, denn nur die Vornehmen trügen solche Beinkleider; diese wären sehr schwer ganz nach dem Geschmacke der Hochländer zu weben.

Der zweite Bergländer war ein großer, starker Mann, mit dickem, rothem Haar, einem sommerfleckigen Gesichte, hervorstehenden Backenknochen und langem Kinne – eine Art von Zerrbild der eigenthümlichen schottischen Züge. Sein Tartan hatte viel Scharlach, während Schwarz und Dunkelgrün in den Würfeln des Andern vorherrschend waren. Der Dritte, in niederschottischer Tracht, war ein kühner Mann, von trotzigem Aussehen, dessen Blick und Benehmen etwas Kriegerisches verrieth; sein Reitrock war prunkend und reich besetzt, und sein aufgestülpter Hut von ungeheurem Umfange. Sein Degen und ein Paar Pistolen lagen vor ihm auf dem Tische. Jeder der Hochländer hatte seinen entblößten Dolch neben sich in den Tisch gestoßen, ein Zeichen, wie ich nachher erfuhr, aber ganz sicher ein sonderbares, daß ihr Gelag nicht durch einen Streit gestört werden sollte. Vor diesen Herren stand eine große zinnerne Kanne mit Uskebah, einem beinahe so starken Getränke wie Branntwein, das die Hochländer von Malz bereiten, und verdünnt in großer Menge genießen. Ein zerbrochenes Glas mit hölzernem Fuße diente als gemeinsames Trinkgeschirr, und ging so schnell herum, daß es bei dem starken Getränk zu verwundern war. Sie sprachen laut und eifrig, bald Gaelisch, bald Englisch. Ein anderer Hochländer, in seinen Plaid gehüllt, lag auf dem Boden, mit dem Kopfe auf einem Strohbündel, das auf einem Steine lag, und schlief, oder schien zu schlafen, ohne zu beachten, was um ihn her vorging. Es schien gleichfalls ein Fremder zu sein, denn er war völlig angezogen, und mit Schwert und Tartsche gerüstet, den gewöhnlichen Waffen der Hochländer, wenn sie auf der Reise sind. Längs den Wänden befanden sich Gestelle von verschiedener Größe, einige von zerbrochenen Brettern, andere von beschädigtem Weidengeflechte, welche den Hausgenossen, Männern, Weibern und Kindern, zu Schlafstätten dienten, und die nur durch die düstern Rauchwolken, die sie von allen Seiten umgaben, verhüllt wurden.

Wir traten so still herein, und die Zecher waren so sehr in ihr Gespräch vertieft, daß wir ihrer Aufmerksamkeit einige Minuten entgingen. Ich bemerkte jedoch, daß der Hochländer, welcher unweit des Feuers lag, sich bei unserem Eintritte auf den Ellenbogen stützte, und mit seinem Plaid den untern Theil seines Gesichts verhüllend, uns einige Augenblicke ansah, worauf er sich wieder hinlegte, und weiter zu schlafen schien.

Wir näherten uns dem Feuer, welches uns, nach einem späten Ritte in einer kalten Herbstnacht durch die Gebirge, einen freundlichen Anblick gewährte, und erregten die Aufmerksamkeit der anwesenden Gäste zuerst dadurch, daß wir die Wirthin riefen. Sie näherte sich, blickte zweifelnd und furchtsam bald auf uns, bald auf die Andern, und gab eine unbestimmte Antwort auf unser Verlangen, eine Mahlzeit zu erhalten. Sie wisse nicht, sagte sie, ob Etwas im Hause sei – wenigstens Etwas für unsern Geschmack.

Ich versicherte, daß wir mit Allem zufrieden sein würden, und nachdem ich mich nach Mitteln zur Bequemlichkeit umgesehen hatte, die nicht leicht zu finden waren, machte ich eine alte Hühnersteige zu einem Sitze für Jarvie zurecht, und kehrte einen zerbrochenen Zuber für mich selbst um. Andrew trat gleich nachher herein, und stellte sich schweigend hinter uns. Die Eingeborenen, wie ich sie nennen kann, starrten uns fortwährend an, als wenn unsere Zuversicht sie verlegen machte, und wir, wenigstens ich, suchten, so gut wir konnten, unter dem Anscheine von Gleichgültigkeit die heimliche Besorgniß zu verbergen, die wir über die Art des Empfanges vor unsern Vorgängern empfanden.

Endlich wandte sich der kleinere Hochländer zu mir, und sprach mit einem sehr stolzen Tone und in gutem Englisch: »Ihr thut, als wenn Ihr zu Hause wäret, Sir, wie ich sehe.«

»Das pfleg' ich zu thun, wenn ich in ein öffentliches Wirthshaus komme,« war meine Antwort.

»Und habt Ihr nicht an dem weißen Stabe vor der Thüre gesehen, daß andere Leute schon für sich das Haus in Beschlag genommen hatten?« fragte der lange Hochländer.

»Ich maße mir nicht an, die Sitten dieses Landes zu kennen,« erwiderte ich, »aber ich möchte wissen, wie drei Menschen berechtigt sein könnten, alle andern Reisenden von dem einzigen Orte des Obdachs und der Erfrischung auszuschließen, den es Meilen weit in der Runde gibt?«

»Es ist kein Grund dafür da, ihr Herren,« sagte der Stadtvoigt. »Wir wollen Niemand beleidigen, aber es ist weder ein Gesetz, noch ein Grund dafür. Doch wenn eine Kanne guter Branntwein den Streit ausmachen könnte; wir sind friedliche Leute, und wollten gern« –

»Verdammt wär' Euer Branntwein, Sir!« rief der Niederländer, und setzte seinen großen Hut grimmig auf den Kopf. »Wir begehren weder Eure Gesellschaft, noch Euern Branntwein.« – Er stand von seinem Sitze auf. Seine Gefährten erhoben sich gleichfalls, murmelten gegen einander, zogen ihre Plaids herauf, und schnarchten und schnaubten, wie es ihrer Landsleute Sitte ist, wenn sie sich in Leidenschaft versetzen.

»Ich hab' euch gesagt, was kommen würde,« sagte die Wirthin, »aber ihr wolltet nicht hören. Fort mit euch aus meinem Hause, und macht keine Störung hier. – Müssige Engländer wollen hier bei Nacht und Nebel herumziehen, und ehrbare, friedsame Leute stören, die beim Feuer ihr Gläschen trinken!«

Zu einer andern Zeit würde ich an das alte lateinische Sprüchwort gedacht haben:

Dat veniam corvis, vexat censura columbis.

Allein ich hatte keine Zeit, klassische Stellen anzuführen, da ein Kampf unvermeidlich schien. Empört über die ungastliche Unverschämtheit, mit der man mich behandelte, war es mir gleichgültig, nur nicht wegen Jarvie, dessen Person und Stand zu einem solchen Abenteuer nicht geeignet waren. Ich sprang indeß auf, da ich die Andern aufstehen sah, und schlug meinen Mantel zurück, um zur Vertheidigung bereit zu sein.

»Wir sind Drei gegen Drei,« rief der kleine Hochländer, seine Blicke auf uns werfend. »Wenn ihr wackere Männer seid, so zieht!« – Er entblößte sein Schwert, und trat auf mich zu. Ich stellte mich zur Vertheidigung, und auf die Ueberlegenheit meiner Waffe vertrauend, fürchtete ich den Ausgang des Kampfes nicht. Jarvie betrug sich mit unerwartetem Muthe. Als er den riesenhaften Hochländer vor sich sah, zog er einige Mal an seiner Klinge, da er aber fand, daß sie, durch längeren Nichtgebrauch eingerostet, nicht aus der Scheide ging, ergriff er die glühende Pflugschaar, die man statt eines Schüreisens beim Feuer gebraucht hatte, und schwang sie mit solchem Erfolge, daß er sogleich des Hochländers Plaid in Flammen setzte, und ihn nöthigte, bis sie gelöscht waren, sich zurückzuziehen. Dagegen war Andrew, der es mit dem Niederländer hätte aufnehmen sollen, gleich zu Anfang des Streites verschwunden. »Ehrlich Spiel! ehrlich Spiel!« rief sein Gegner, und schien an dem Streite keinen Theil nehmen zu wollen. Wir waren also, was die Zahl betraf, gleich. Meine Absicht war, meinen Gegner wo möglich zu entwaffnen, aber ich konnte ihm, aus Furcht vor seinem Dolche, den er in der linken Hand hielt, um die Stöße meines Degens abzuwehren, nicht nahe kommen. Indessen wurde Jarvie, ungeachtet seines Erfolges im ersten Gange, hart bedrängt. Die Schwere seiner Waffe, seine eigene Wohlbeleibtheit und die Aufwallung seiner Leidenschaft raubten ihm bald Kraft und Athem, und er war nahe daran, seinem Gegner zu erliegen, als der Schläfer am Boden aufsprang, und, das entblößte Schwert und die Tartsche in der Hand, sich zwischen die Kämpfenden warf: »Hab' mein Brod in Glasgow gegessen,« rief er, »und meiner Treu', ich fechte für Stadtvoigt Jarvie – das will ich!« Seine Worte durch die That bekräftigend, ließ dieser unerwartete Helfer sein Schwert um die Ohren seines großen Landsmannes pfeifen, der unverzagt seine Streiche mit Zinsen zurückgab. Da aber Beide runde, hölzerne Schilde hatten, mit Leder überzogen und mit Erz beschlagen, mit denen sie gewandt die gegenseitigen Streiche auffingen, so war ihr Gefecht mit weit mehr Lärmen als wirklicher Gefahr verbunden. Es schien in der That mehr auf Prahlerei, als auf einen Versuch, zu verletzen, abgesehen, denn der Niederländer, der aus Mangel eines Gegners unthätig gestanden hatte, übernahm es jetzt, den Friedensstifter zu machen.

»Halt ein! halt ein!« rief er. »Genug gethan! Genug! 's ist kein Kampf auf Leben und Tod. Die fremden Herren haben sich als Ehrenmänner gezeigt, und die geziemende Genugthuung gegeben. Ich bin so kitzlich, was die Ehre betrifft, wie irgend Jemand, aber ich hasse unnöthiges Blutvergießen.«

Ich wünschte natürlich nicht, den Streit fortzusetzen; mein Gegner schien gleichfalls geneigt, das Schwert einzustecken; Jarvie, nach Athem schnappend, war als überwunden zu betrachten, und unsere beiden Schwert- und Schild-Männer gaben ihr Gefecht eben so gleichgültig auf, als sie es angefangen hatten.

»Und nun,« sprach der würdige Mann, der den Friedensstifter gemacht hatte, »laßt uns trinken und uns vertragen als ehrliche Kerle. Das Haus ist groß genug für Alle. Ich schlage vor, daß dieser gute, kleine Herr, der sehr mitgenommen scheint, einen Becher voll Branntwein holen läßt, und ich bezahle einen andern, und dann vertrinken wir unsere Pfennige als Brüder.«

»Und wer bezahlt mir meinen neuen, schönen Plaid?« fragte der lange Hochländer. »Es ist ein Loch 'nein gebrannt, so groß, daß man eine Hand durchstecken kann. Hat man wohl schon einen anständigen Mann mit einem Feuerbrande fechten sehen?«

»Laßt Euch das nicht bekümmern,« sagte Jarvie, der wieder zu Athem gekommen war, den Triumph seines Muthes genießen und zugleich vermeiden wollte, es noch einmal auf eine so gefährliche und zweifelhafte Art zu wagen. »Hab' ich die Wunde gemacht, werd' ich auch das Pflaster dafür finden. Ihr sollt einen neuen Plaid haben, und zwar den besten von den Farben Eures Clans. Sagt mir, wohin ich's Euch von Glasgow aus schicken soll?«

»Ich brauche meinen Clan nicht zu nennen, ich bin von des Königs Clan, der wohl bekannt ist,« antwortete der Hochländer. »Aber Ihr könnt ein Stück vom Plaid nehmen, und das Muster daran sehen. Ein Vetter von mir soll zum Martinsfeste darnach fragen, wenn Ihr sagt, wo Ihr wohnt. Aber, wackerer Sir, wenn Ihr zunächst wieder fechtet, und Euren Gegner nur etwas achtet, so nehmt Euer Schwert, da Ihr eins tragt, und nicht Pflugschaar und Feuerbrände, wie ein wilder Indianer.«

»Wahrhaftig,« erwiderte Jarvie, »ein Jeder muß thun, was er kann. Mein Schwert ist seit dem Gefechte an der Bothwellbrücke, wo mein Vater es führte, nicht wieder an's Tageslicht gekommen, und ich weiß nicht einmal gewiß, ob's auch da heraus kam, denn die Schlacht war eine der kürzesten. Auf jeden Fall ist's jetzt so in die Scheide gerostet, daß ich's nicht davon trennen kann, und da ich das fand, ergriff ich das erste Beste, womit ich mich vertheidigen konnte. Meine Fechtzeit ist vorüber, aber dennoch laß ich mich nicht gern schimpfen. – Doch wo ist der wackere Bursche, der so tapfer meinen Streit übernahm?«

Der Held, nach welchem er sich umsah, war indeß nicht mehr zu sehen. Er hatte sich gleich nach dem Ende des Gefechtes entfernt, doch hatte ich an den wilden Zügen, und den struppigen, rothen Haaren, unsern Bekannten, Dougal, den Gefängnißschließer, wiedererkannt. Ich theilte diese Bemerkung dem Stadtvoigt leise mit, der in demselben Tone antwortete: »Gut, gut; ich sehe, der bewußte Mann hatte recht. Dieser Dougal hat einen Schimmer von gesundem Menschenverstand. Ich muß darauf denken, wie ich ihm etwas Gutes erzeigen kann.«

Mit diesen Worten setzte er sich nieder, holte einige Mal tief Athem, und sagte zu der herbeigerufenen Wirthin: »Da ich finde, daß mein Leib kein Loch bekommen hat, was in Eurem Hause wohl zu fürchten war, halt' ich für's Beste, Etwas hineinzufüllen.«

Die Wirthin, welche sich, sobald der Sturm vorüber war, dienstfertig zeigte, unternahm es sogleich, uns ein Abendessen zu bereiten. Wirklich hatte mich während des Kampfes nichts mehr überrascht, als die außerordentliche Kaltblütigkeit, mit der sie und ihre Hausgenossen den kriegerischen Lärm zu betrachten schienen. Die Wirthin rief nur einigen ihrer Diener zu: »Schließt die Thür! Schließt die Thür! Mögen sie todtschlagen, oder todtgeschlagen werden, Niemand kommt hinaus, bis die Zeche bezahlt ist.« Und die Schlummerer in jenen Lagern an den Wänden, die der Familie statt der Betten dienten, richteten sich blos empor, um nach dem Streit zu blicken, stießen nach Alter und Geschlecht einige Ausrufungen aus, und waren, glaub' ich, wieder in tiefen Schlaf gesunken, noch ehe unsere Schwerter wieder in der Scheide staken.

Während die Wirthin uns ein schmackhaftes Mahl von Wildpretschnitten bereitete, wurde Branntwein auf den Tisch gesetzt, für den auch die Hochländer, trotz ihrer Vorliebe für ihre starken heimischen Getränke, keinen Widerwillen zeigten, sondern der ihnen im Gegentheil vortrefflich zu munden schien, und nachdem der erste Becher herumgegangen war, fragte der niederländische Herr nach unserem Stand und dem Zwecke unserer Reise.

»Wir sind Leute aus Glasgow, Euch aufzuwarten,« sagte Jarvie mit dem Anschein großer Demuth, »und reisen nach Stirling, um etwas Geld einzufordern, das man uns schuldig ist.«

Ich war thöricht genug, mich über diese anspruchslose Rechenschaft, die Jarvie von uns gab, verlegen zu fühlen; allein ich erinnerte mich meines Versprechens, zu schweigen, und ihn die Sachen auf seine Art leiten zu lassen. Und wenn ich bedachte, daß der wackere Mann um meinetwillen eine lange Reise unternommen hatte, die nicht allein an und für sich beschwerlich für ihn war, sondern ihn auch bei einem Haar das Leben gekostet hätte, konnte ich ihm schwerlich eine solche Höflichkeit versagen. Der Sprecher von der andern Partei versetzte mit einer Art von Hohn: »Ihr Handelsleute aus Glasgow habt nichts Anderes zu thun, als daß ihr West-Schottland von einem Ende zum andern durchzieht, und ehrliche Leute plagt, die zufällig nichts in den Händen haben, wie ich.«

»Wenn unsere Schuldner so ehrliche Männer wären, als zu denen ich Euch rechne, Mr. Garschattachin,« entgegnete Jarvie, »wahrhaftig, so könnten wir uns die Mühe ersparen, denn sie würden kommen, und uns aufsuchen.«

»Ei! was! wie!« rief die Person, an welche diese Worte gerichtet waren. »So wahr ich lebe, es ist mein alter Freund, Nicol Jarvie, der beste Mann, der je einem bedrängten Gentleman Geld geliehen. Kommt Ihr vielleicht zu mir?«

»Meiner Treu' nicht, Mr. Galbraith,« versetzte Jarvie. »Ich hatt' etwas Anderes auf dem Rohre – ich dachte wohl, Ihr würdet sagen, ich käme wegen des verfallenen Jahrzinses der kleinen erblichen Verschreibung zwischen uns.«

»Verdammt die jährlichen Zinsen!« rief der Laird recht von Herzen. – »Nicht ein Wort von Geschäften zwischen uns, da Ihr so nah' an meiner Heimath seid. – Wie ein Reitkleid einen Mann doch verstellen kann – daß ich meinen alten, treuen Freund, den Vorsteher, nicht wiedererkannte!«

»Stadtvoigt, wenn's Euch beliebt,« entgegnete mein Gefährte. »Aber ich sehe, woher der Irrthum kommt; die Verschreibung war bei meines seligen Vaters Lebzeiten gegeben, und der war Vorsteher; aber er hieß Nicol, wie ich. So viel ich mich entsinne, wurde zu meiner Zeit keine Zahlung gemacht, und daher entstand ohne Zweifel das Mißverständniß.«

»Hol' der Teufel das Mißverständniß und was es veranlaßte!« versetzte Galbraith. – »Aber ich bin erfreut, daß Ihr Stadtvoigt seid. Füllt das Glas, ihr Herren! – Auf's Wohl meines vortrefflichen Freundes, des Stadtvoigts Nicol Jarvie! – Ich kannte ihn und seinen Vater seit zwanzig Jahren. – Füllt noch eins! – Auf daß er bald Schultheiß werde – ach was, Schultheiß – Ober-Schultheiß, Nicol Jarvie! – Und wer sagt, daß in Glasgow irgend Jemand durch die Straßen ginge, der besser dazu taugte, der soll's wenigstens mich nicht hören lassen, Duncan Galbraith von Garschattachin, – das ist Alles.« Und mit diesen Worten setzte Duncan Galbraith den Hut auf, und drückte ihn trotzig, wie mit herausforderndem Wesen, auf die eine Seite des Kopfes.

Der Branntwein war vermuthlich bei den Hochländern die beste Empfehlung der Gesundheiten, welche sie tranken, ohne nach ihrem Inhalte begierig zu sein. Sie fingen an, mit Galbraith Gaelisch zu reden, das er sehr geläufig sprach, da er, wie ich nachher erfuhr, ein naher Nachbar des Hochlandes war.

»Ich kannte diesen Burschen vom Anfang an recht gut,« flüsterte Jarvie mir zu; »aber als das Blut erhitzt war, und die Schwerter gezogen, wer weiß, wie's ihm da eingefallen wäre, seine Schulden zu bezahlen? Es wird lange dauern, ehe er's auf die gewöhnliche Art thut. Aber er ist ein ehrlicher Kerl, und hat ein warmes Herz dazu; er kommt nicht oft nach Glasgow, aber manches Reh und Birkhuhn schickt er uns aus dem Gebirge. Mein Vater, der Vorsteher, hegte große Achtung für die Familie Garschattachin.«

Da das Abendessen nun beinahe fertig war, sah ich mich nach Andrew um, aber dieser getreue Diener war seit dem Anfange des Streites von Niemand gesehen worden. Die Wirtin meinte indeß, er sei in den Stall gegangen, und erbot sich, mir dahin zu leuchten. Weder ihrer Kinder, noch ihr eigener Zuruf, sagte sie, hätte ihn zu einer Antwort bewegen können, und sie werde sicher zu dieser Stunde nicht in den Stall gehen. Es hause ein Kobold darin, und deßhalb könnte sie auch keinen Stallknecht behalten.

Als sie mir jedoch zu dem armseligen Schuppen leuchtete, unter dem unsere Pferde ihr grobes Heu fraßen, zeigte sich deutlich, daß sie mich aus einer andern Absicht, als ihre Worte andeuteten, von der Gesellschaft entfernt hatte.

»Leset das!« sagte sie, als wir vor den Stall gekommen waren, und schob mir ein Blatt Papier in die Hand. »Gott sei Dank, daß ich's los bin! Zwischen Soldaten, Sachsen und Viehdieben, Ungemach und Blutvergießen, würde eine ehrliche Frau ruhiger in der Hölle leben, als an der hochländischen Gränze.«

Mit diesen Worten druckte sie mir die Kienfackel in die Hand, und ging in das Haus zurück.


 << zurück weiter >>