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Drittes Kapitel.

»Gefällt es Euer Gnaden, meine armen Dienste anzunehmen? Ich bitte von Eurem Brode zu essen, wenn es auch das schwärzeste wäre, und von Eurem Tranke zu trinken, ist er der dünnste; denn ich will Euer Gnaden so viel Dienste für vierzig Schillinge thun, als ein Anderer für drei Goldstücke.

Greene's Tu Quoque.

 

Ich dachte der Abschiedsermahnung des ehrlichen Beamten, hielt es aber nicht für ungebührlich, der halben Krone, mit der ich Mathilde's Begleitung belohnte, einen Kuß hinzuzufügen; auch drückte ihr: »Pfui, schämt Euch, Sir!« keinen sehr heftigen Unwillen über die Beleidigung aus. Wiederholtes Pochen an der Thür der Mrs. Flyters erweckte zuerst Hunde, die aus voller Kehle bellten, und dann mehrere Köpfe mit Nachtmützen, die aus den benachbarten Fenstern herausguckten, und mich wegen des lärmenden Geräusches in der Sonntagsnacht ausschalten. Als ich noch fürchtete, daß das Ungewitter ihres Zornes sich ergießen möchte, erwachte auch die Wirthin, und begann in einem Tone, der einer Xanthippe nicht unangemessen gewesen wäre, auf einige Zauderer in der Küche zu schelten, daß sie nicht zur Thür eilten, um die Wiederholung meines Lärmes zu verhüten.

Diese Ehrenmänner waren keine andern, als der getreue Andrew, sein Freund, der Vorsänger, und ein Dritter, wie ich nachher erfuhr, der öffentliche Ausrufer. Sie saßen auf meine Kosten bei einem Kruge Doppelbier (wie die Rechnung auswies), um die Art und Weise der Bekanntmachung zu überlegen, die am nächsten Tage in den Straßen erfolgen sollte, um den unglücklichen jungen Mann, wie sie mich nannten, seinen Freunden ohne Zögern zurückzugeben. Es ist natürlich, daß ich mein Mißvergnügen über diese unbescheidene Einmischung in meine Angelegenheiten nicht unterdrückte, aber Andrew überließ sich bei meinem Anblick einem solchen Ausbruche der Freude, daß er meinen Unwillen dadurch übertäubte. Seine Entzückungen waren vielleicht zum Theil berechnet, und die Freudenthränen, welche er vergoß, entsprangen bestimmt aus jener edlen Quelle der Rührung, der Kanne. Die ungestüme Fröhlichkeit, die er bei meiner Rückkehr fühlte, oder zu fühlen vorgab, schützte ihn indeß vor einem blutigen Kopfe, den ich ihm zweimal zugedacht hatte, und ich begnügte mich, ihm die Thür meines Schlafzimmers vor der Nase zuzuschlagen, als er mir folgte, dem Himmel für meine Rückkehr dankte, und seinen Freudenbezeigungen die Ermahnung hinzufügte, künftig vorsichtiger zu sein, wenn ich allein ausginge. Ich ging hierauf mit dem Vorsatze zu Bett, daß am nächsten Morgen mein erstes Geschäft sein sollte, diesen lästigen, pedantischen, eingebildeten Thoren zu verabschieden, der so sehr geneigt schien, mehr einen Aufseher, als einen Diener zu spielen.

Mit diesem Entschlusse rief ich ihn am Morgen auf mein Zimmer, und fragte, was ich ihm für seine Begleitung nach Glasgow zu bezahlen hätte? Andrew erblaßte bei dieser Frage, die er mit Grund für die Einleitung zu seiner Entlassung hielt.

»Euer Gnaden werden doch nicht – werden doch nicht« – sagte er zögernd.

»Sprich, Schurke! oder ich schlage dir den Schädel ein!« rief ich, während Andrew zwischen der doppelten Gefahr, Alles zu verlieren, wenn er zu viel verlangte, oder einen Theil einzubüßen, wenn er weniger begehrte, als ich wahrscheinlich bewilligen würde, unentschlossen dastand.

Bei meinen Drohungen platzte er indessen heraus, wie zuweilen ein gutgemeinter Schlag auf den Rücken die Luftröhre von einem eingedrungenen Brocken befreit: »Achtzehn Pfennig Sterling per diem, d. h. für den Tag – das werdet Ihr nicht unbillig finden.«

»Es ist doppelt so viel, als gewöhnlich, und dreimal mehr, als Ihr verdienet, Andrew; doch hier ist eine Guinee, und nun geht Eurer Wege.«

»Gott verzeih' uns! Sind Euer Gnaden toll?« rief Andrew.

»Nein; aber ich glaube, Ihr wollt mich dazu machen. Ich geb Euch ein Drittel mehr, als Ihr fordert, und Ihr steht und starrt mich an, und beschwert Euch, als ob ich Euch zu wenig gegeben hätte. Nehmt Euer Geld, und geht Eurer Wege.«

»Herr behüt' uns!« fuhr Andrew fort. »Womit hab' ich Euer Gnaden beleidigt? Gewiß, alles Fleisch ist gleich den Blumen auf dem Felde; aber wenn ein Kamillenbeet für den Arzt Werth hat, so kann Euch Andrew Fairservice nicht weniger nützlich sein – die Trennung von mir ist so viel werth, wie Euer Leben.«

»Auf Ehre,« erwiderte ich, »es ist schwer zu entscheiden, ob Ihr mehr ein Schelm oder mehr ein Narr seid. – So denkt Ihr also daran, bei mir zu bleiben, ich mag wollen oder nicht?«

»Meiner Treu', das dacht' ich eben,« entgegnete er. »Wenn Ihr nicht wißt, daß Ihr einen guten Diener habt, so weiß ich, daß ich einen guten Herrn habe. Der Teufel müßte in mir stecken, wenn ich Euch verließe – überdieß hab' ich keine gehörige Aufkündigung meines Dienstes erhalten.«

»Eures Dienstes?« rief ich. »Ich miethete Euch nicht als Diener; Ihr waret für mich nur ein Wegweiser, dessen Kenntniß des Landes ich auf der Reise benutzte.«

»Freilich bin ich kein gewöhnlicher Diener, das geb' ich zu, Sir,« entgegnete Mr. Fairservice, »aber Ihr wißt, ich habe einen guten Dienst aufgegeben, um Euer Gnaden Verlangen zu erfüllen, das ich nur eine Stunde vorher kannte. Ehrlich und mit gutem Gewissen kann man's als Gärtner im Schlosse Osbaldistone jährlich auf richtige zwanzig Pfund bringen, und die bin ich nicht Willens, für eine Guinee zu opfern. Ich rechnete, wenigstens bis zur Miethzeit bei Euch zu bleiben, und erwarte auch so lange Lohn, Kostgeld und Trinkgeld.«

»Diese unverschämte Forderung soll Euch nichts helfen,« erwiderte ich, »und wenn ich noch ein Wort weiter davon höre, so will ich Euch zeigen, daß Squire Thorncliff nicht der einzige meines Namens ist, der seine Hände zu brauchen weiß.«

Indem ich dieß sagte, kam mir die ganze Sache so lächerlich vor, daß ich mich, so bös ich auch war, über die Ernsthaftigkeit, mit welcher Andrew seine Forderung behauptete, kaum des lauten Lachens enthalten konnte. Der Schelm merkte den Eindruck, den er auf meine Lachmuskeln gemacht hatte, und war um so beharrlicher. Er hielt es indeß für rathsamer, seine Ansprüche etwas herabzustimmen, um nicht meiner Geduld und seinem Dienste zugleich ein Ende zu machen. Wenn es auch in meiner Gewalt stehe, sagte er, mich von einem treuen Diener, der mir und den Meinigen zwanzig Jahre lang bei Tag und Nacht gedient hätte, plötzlich und an einem fremden Orte zu trennen, so sei er doch versichert, daß es mir so wenig, als irgend einem wackeren Manne in den Sinn komme, einen armen Burschen, wie er, der 40, 50, ja sogar 100 Meilen aus seinem Wege gegangen sei, blos um mir Gesellschaft zu leisten, und der nichts hätte, als seinen Lohn, auf diese Art in Noth zu bringen.

Ich glaube, du warst es, Will, der mir einst sagte, daß ich bei aller Hartnäckigkeit in gewissen Fällen, leichter als irgend Jemand zu täuschen und breitzuschlagen sei. Widerspruch macht mich eigentlich hartnäckig, und sobald ich mich nicht angeregt fühle, einen Vorschlag zu bekämpfen, bin ich immer eher geneigt, ihn zu gewähren, als mir viel Unruhe zu machen. Ich kannte diesen Menschen als einen begehrlichen, überlästigen Thoren; dennoch brauchte ich Jemand als Wegweiser und Diener, und ich war so sehr an seine Laune gewöhnt, daß sie mich zuweilen belustigte. Noch unentschlossen, fragte ich ihn, ob er die Wege und Städte im nördlichen Schottland kenne, da meines Vaters Verkehr mit den hochländischen Waldeigenthümern mich wahrscheinlich dahin führen würde. Ich glaube, wenn ich ihn nach dem Wege zum Paradiese gefragt hätte, er würde es in diesem Augenblicke übernommen haben, mich hinzuführen, und ich konnte mich nachher glücklich schätzen, als ich fand, daß seine wirkliche Kenntniß der Gegend nicht zu weit hinter dem zurückblieb, dessen er sich rühmte. Ich bestimmte ihm seinen Lohn, und behielt mir das Recht vor, ihn nach Gefallen, mit einer Woche Vorausbezahlung, zu verabschieden. Zuletzt gab ich ihm einen strengen Verweis über sein Betragen am vorigen Tage, und er entfernte sich mit frohem Herzen, obwohl etwas kleinlaut, um seinem Freunde, dem Vorsänger, zu erzählen, wie er den jungen, englischen Squire zurechtgewiesen hätte.

Der Verabredung zu Folge ging ich darauf zu dem Stadtvoigt Nicol Jarvie, bei dem in dem Wohnzimmer, das der Ehrenmann beinahe zu allen Zwecken benutzte, ein stattliches Frühstück aufgetragen war. Der thätige und gutmüthige Beamte hatte redlich Wort gehalten. Ich fand meinen Freund Owen in Freiheit, und vermöge der Erfrischungen und der Reinigungen mit der Bürste und des Waschbeckens war er natürlich ein ganz anderer Mann, als der unsaubere, kummervolle und hoffnungslose Gefangene. Dennoch hatte das Bewußtsein der Geldverlegenheiten, in denen er sich befand, seinen Muth niedergebeugt, und die beinahe väterliche Umarmung, mit der mich der gute Mann empfing, wurde durch einen Seufzer verbittert. Nachdem wir uns gesetzt hatten, verrieth die Schwermuth in seinem Blick und Benehmen, so verschieden von seiner gewöhnlichen ruhigen und gelassenen Zufriedenheit, daß er in Gedanken die Tage, Stunden und Minuten berechnete, nach welchen, auf nicht erfolgte Zahlung, das große Haus Osbaldistone und Tresham fallen mußte. Es blieb daher mir überlassen, unsers Wirthes gastfreundliches Mahl, seinen Thee, der direkt aus China kam, seinen Kaffee, der, wie er uns durch einen Wink zu verstehen gab, auf seiner eigenen kleinen Pflanzung in Jamaika, Salt-Market-Grove genannt, gewachsen war, sein englisches, geröstetes Brod und Doppelbier, seinen schottischen, geräucherten Lachs, seine Häringe, und selbst sein damastenes, doppeltes Tafeltuch, das keines Andern Hand, als die seines Vaters, des würdigen Vorstehers, gewebt hatte, anzuerkennen. Als ich unsern gutlaunigen Wirth durch jene kleinen Aufmerksamkeiten, die den Meisten etwas Großes sind, befriedigt hatte, suchte ich von ihm dagegen einige Nachrichten zu erhalten, die mir bei meinem Benehmen von Nutzen sein, oder auch meine Neugier befriedigen konnten. Wir hatten bis jetzt noch nicht die geringste Anspielung auf die Vorfälle der vergangenen Nacht gemacht, und meine Frage kam daher etwas unerwartet, als ich, ohne vorhergegangene Einleitung, eine Pause, die nach der Geschichte des Tischtuches folgte, zu der Frage benutzte: »Aber sagt mir, Mr. Jarvie, wer mag dieser Robert Campbell sein, den wir in der letzten Nacht trafen?«

Diese Frage schien den wackern Mann sehr in Verlegenheit zu bringen, und statt mir zu antworten, wiederholte er: »Wer Robert Campbell ist – wer er ist?«

»Ja,« sagte ich, »wer und was ist er?«

»Er ist – ei – hm – er ist – wo traft Ihr diesen Robert Campbell, wie Ihr ihn nennt?«

»Ich traf ihn zufällig vor einigen Monaten in Nord-England,« erwiderte ich.

»Nun, Mr. Osbaldistone,« sagte Jarvie mürrisch, »dann wißt Ihr so viel von ihm, als ich.«

»Das sollt' ich nicht meinen, Mr. Jarvie,« erwiderte ich. »Ihr seid ja sein Verwandter, und wie es scheint, auch sein Freund.«

»Es ist allerdings etwas Vetterschaft zwischen uns,« entgegnete der Stadtvoigt zögernd; »aber wir haben uns wenig gesehen, seit Robin den Viehhandel aufgab. Der arme Mensch! Man hat ihn hart behandelt, wo er's besser verdient hätte. – Es ist Mancher, der ihn lieber wieder hinter 300 Ochsen sehen möchte, als an der Spitze von 30 schlimmeren Bestien.«

»Alles das, Mr. Jarvie, sagt mir nichts von seinem Range, seinem Thun und Trachten und seinen Unterhaltsmitteln,« erwiderte ich.

»Rang?« sagte Jarvie. »Er ist ein Hochlands-Edelmann – einen bessern Rang braucht's nicht. Was Trachten betrifft, so trägt er wohl in den Gebirgen die hochländische Tracht, obwohl er sie ablegt, wenn er nach Glasgow kömmt. Und sein Unterhalt – was brauchen wir uns um seinen Unterhalt zu kümmern, so lang er nichts von uns verlangt? Aber ich habe keine Zeit, jetzt von ihm zu schwatzen, da wir uns schleunigst mit Eures Vaters Angelegenheiten beschäftigen müssen.«

Mit diesen Worten setzte er seine Brille auf, und nahm Platz, um die Angaben zu untersuchen, welche ihm Owen ohne alle Zurückhaltung mitzutheilen für das Klügste hielt. Ich verstand genug vom Geschäft, um zu erkennen, wie genau und scharfsinnig Jarvie die Gegenstände beurtheilte, die seiner Prüfung vorgelegt wurden, und bei denen er viel Ehrlichkeit und sogar Edelmuth zeigte. Er kratzte sich freilich manchmal hinter den Ohren, als er bemerkte, wie das »Soll« von Osbaldistone und Tresham in seiner eigenen Rechnung stand.

»Es kann ein verlorener Posten sein,« bemerkte er; »und auf's Gewissen! was Eure Goldmacher in London auch davon sagen mögen, bei uns in Glasgow ist's keine Kleinigkeit. Es würde eine große Lücke machen. Aber was ist's denn weiter? Ich hoffe, Euer Haus wird darum nicht fallen, was auch gekommen und gegangen sein mag, und wenn's geschieht, so will ich nie so schlimm sein, als die Raben hier in Gallowgate. Soll ich durch Euch verlieren, so werd' ich doch nie läugnen, daß ich manches schöne Pfund Sterling durch Euch gewonnen habe.«

Er zeigte nun unverkennbar freundschaftliche Theilnahme an den Angelegenheiten meines Vaters, schlug mehrere Hülfsmittel vor, billigte verschiedene Einrichtungen, die Owen angab, und verbannte durch seinen Rath und seinen Beistand den Trübsinn, der auf der Stirne dieses bekümmerten Mannes ruhte, zum großen Theile.

Da ich bei dieser Gelegenheit ein müssiger Zuschauer war, und vielleicht auch mehr als einmal einige Neigung verrieth, das verpönte und in Verlegenheit setzende Gespräch von Campbell wieder anzuknüpfen, entließ mich Mr. Jarvie ohne Umstände mit dem Rathe, in das Collegium zu gehen, wo ich einige Leute finden würde, die Griechisch und Latein sprächen, wenigstens Geld genug dafür erhielten, es zu thun, und wo ich Etwas von Body's Uebersetzung der heiligen Schrift lesen könnte – bessere Poesie, als irgend eine, wie er von Denen gehört hätte, die dergleichen Dinge wüßten oder wissen sollten. Er milderte indessen diesen Abschied durch eine gastfreie Einladung, Mittags bei ihm zu essen, aber pünktlich um ein Uhr zu kommen, wo er, ebenso wie sein Vater, der Vorsteher, zu Tische zu gehen pflege.


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