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Zwölftes Kapitel.

Als er an die gebrochne Brücke kam,
Senkt' er das Haupt und schwamm;
Als er kam zur Rasenfläche,
Hob er den Fuß, und rann.

Gil Morrice.

 

Das Echo der Felsen und Schluchten an beiden Seiten des Thales vervielfältigte jetzt die Töne der Trompeten, als die Reiter, in zwei Haufen getheilt, in langsamem Trabe fortzuziehen begannen. Die Abtheilung, welche der Major Galbraith kommandirte, hielt sich bald rechts, und ging über den Forth, um ein altes Schloß in der Nähe, das ihr angewiesene Nachtquartier, zu beziehen, wie ich hörte. Sie gewährte bei dem Uebergange über den Strom einen angenehmen Anblick, verlor sich aber bald in den Krümmungen am jenseitigen mit Wald bewachsenen Ufer.

Wir setzten unsern Zug in ziemlich guter Ordnung fort. Zur Sicherung des Gefangenen hatte ihn der Herzog hinter einen Reiter seines Gefolges auf's Pferd steigen lassen. Er hieß, wie ich erfuhr, Evan von Brigglands, und war der längste und stärkste Mann unter Allen. Ein Sattelgurt, Beiden um den Leib, und vorn auf des Reiters Brust zugeschnallt, machte es Robin unmöglich, sich in Freiheit zu setzen. Ich bekam eines der Handpferde, und mir wurde geboten, mich dicht neben Jenen zu halten. Wir waren von Soldaten so sehr umringt, als die Enge des Weges es gestattete, und hatten wenigstens immer einen, wo nicht zwei Mann mit Pistolen in der Hand an der Seite. Andrew, den man mit einem erbeuteten hochländischen Klepper versehen hatte, durfte unter den andern Dienern reiten, deren eine große Anzahl dem Zuge folgte, ohne in die Reihen der regelmäßigen Reiter zu gehören.

Auf diese Weise zogen wir eine Strecke fort, bis wir an den Ort kamen, wo wir gleichfalls über den Strom setzen mußten. Der Forth ist, als der Ausfluß eines See's, von beträchtlicher Tiefe, selbst wo er nicht breit ist, und der Weg zu der Furt senkte sich durch eine steile, zerrissene Schlucht, die nur für einen Reiter auf ein Mal Raum gewährte. Indem die vordern Glieder nach und nach hinunter ritten, mußten die andern am Ufer halten, wodurch Zögerung, und selbst einige Verwirrung entstand, wie das bei diesen Gelegenheiten gewöhnlich ist; denn mehrere Reiter, die nicht zur eigentlichen Schwadron gehörten, drängten sich in Unordnung zu der Furt, und brachten die Miliz-Reiterei, die sonst ziemlich gut geübt war, gleichfalls in Unordnung.

Indem wir so am Ufer zusammengedrängt waren, hörte ich, wie Robin der Rothe dem Manne, hinter welchem er auf dem Pferde saß, zuflüsterte: »Euer Vater, Evan, hätte einen alten Freund nicht so wie ein Kalb zur Schlachtbank geführt, und wenn's alle Herzoge in der Christenheit gewollt hätten.«

Evan antwortete nicht, aber sein Achselzucken schien zu sagen, daß es nicht seine eigene Wahl sei, was er thue.

»Und wenn die Mac-Gregors in's Thal hinabkommen, und Ihr seht leere Hürden, Blut auf dem Herd-Stein und die Flamme aus dem Dache Eures Hauses schlagen, dann werdet Ihr denken, Evan, wäre Freund Robin an der Spitze, so wäre das, was du mit schwerem Herzen verlierst, sicher gewesen.«

Evan zuckte wieder die Achseln und seufzte, schwieg aber noch immer.

»Es ist ein traurig Ding,« fuhr Robin fort, und flüsterte seine Schmeichelworte so leise in Evans Ohr, daß Niemand sie hören konnte, als ich, der ich gewiß keinen Beruf fühlte, seine Aussichten zur Flucht zu zerstören – 's ist ein traurig Ding, daß Evan von Brigglands, welchem Robin Mac-Gregor mit Hand, Schwert und Beutel geholfen hat, eines vornehmen Mannes Unmuth mehr achten will, als eines Freundes Leben.«

Evan schien schmerzlich bewegt zu sein, aber er schwieg. Wir hörten des Herzogs Stimme vom jenseitigen Ufer rufen: »Bringt den Gefangenen herüber!«

Evan setzte sein Pferd in Bewegung, und eben, als ich Robin sagen hörte: »Wiegt nicht eines Mac-Gregors Blut gegen einen zerrissenen Ledergurt, denn es wird eine andere Rechenschaft für Beide abzulegen sein, hier und dort,« ritten sie schnell an mir vorüber, und eilten in's Wasser.

»Noch nicht, Sir, noch nicht!« riefen mir einige Reiter zu, als ich folgen wollte, während andere sich in den Strom drängten.

An der andern Seite sah ich bei zunehmender Dämmerung den Herzog beschäftigt, seine Leute, die bald höher, bald tiefer landeten, in Ordnung zu bringen. Viele waren schon hinüber, einige im Strome und die übrigen im Begriff, zu folgen, als ein plötzliches Geräusch im Wasser mir verrieth, daß Mac-Gregors Beredsamkeit über Evan gesiegt, und er ihm mit der Freiheit die Möglichkeit gegeben hatte, sich zu retten. Der Herzog hörte den Schall gleichfalls und errieth sogleich dessen Ursache. »Hund! Wo ist dein Gefangener?« rief er dem landenden Evan zu, und ohne die Entschuldigung abzuwarten, die der erschrockene Vasall zu stottern begann, feuerte er eine Pistole auf ihn ab, ob mit tödtlichem Erfolge, weiß ich nicht; dann rief er: »theilt euch und verfolgt den Schurken! – Hundert Guineen dem, der Robin den Rothen wieder fängt!«

Die Ufer des Stromes wurden nun ein Schauplatz der lebhaftesten Verwirrung. Robin der Rothe, den Evan ohne Zweifel durch die Lösung des Sattelgurtes frei gemacht hatte, war von dem Pferde heruntergeglitten, untergetaucht und unter dem Bauche des Pferdes zur Linken weggeschwommen. Da er aber genöthigt war, auf einen Augenblick hervorzukommen, um Athem zu schöpfen, verrieth ihn der Schimmer seines bunten Plaids. Einige Reiter stürzten sich in den Strom, ohne alle Rücksicht auf ihre eigene Sicherheit vordringend, zuweilen mit den Pferden schwimmend, zuweilen sie verlassend und für ihr Leben kämpfend. Andere, die weniger eifrig und vorsichtiger waren, zerstreuten sich in verschiedenen Richtungen, und sprengten an den Ufern auf und nieder, um die Stellen zu bewachen, an denen der Flüchtling vielleicht landen konnte. Das wiederholte Geschrei, das Rufen um Beistand an verschiedenen Orten, wo man eine Spur des Entkommens sah, oder zu sehen glaubte, der Schall der Pistolen- und Carabiner-Schüsse, die auf jeden Gegenstand abgefeuert wurden, der den mindesten Verdacht erweckte; der Anblick so vieler Reiter, die in und außer dem Flusse umher ritten, und ihre langen Schwerter gegen Alles richteten, was ihre Aufmerksamkeit erregte; die vergeblichen Bemühungen der Offiziere, die Ordnung herzustellen; alles Dieß in einer so wilden Gegend, und in dem schwankenden Zwielicht eines Herbstabends, bildete das seltsamste Schauspiel, das ich je erlebt habe. Ich war allein gelassen, und konnte Beobachtungen machen, denn die ganze Reiterei hatte sich zerstreut, um nachzusetzen, oder wenigstens den Ausgang der Verfolgung zu sehen. Wie ich schon damals vermuthete, und später mit Gewißheit erfuhr, waren viele von denen, die am eifrigsten bemüht zu sein schienen, dem Entflohenen nachzusetzen und ihn zu fangen, im Grunde am wenigsten dafür, daß man ihn ergreifen sollte, und stimmten in das Geschrei nur mit ein, um die allgemeine Verwirrung zu vermehren und Robin desto bessere Gelegenheit zum Entkommen zu geben.

Einem so geschickten Schwimmer, wie der Freibeuter war, konnte es, nachdem er dem ersten Ausbruche der Verfolgung entgangen war, nicht schwer werden, zu entkommen. Einmal sah ich ihn hart bedrängt, und mehrere Hiebe fielen rings um ihn her in das Wasser, was mich an die Ottern-Jagden erinnerte, die ich in Osbaldistone-Hall gesehen hatte, wo das Thier dadurch, daß es gezwungen war, den Kopf über das Wasser zu erheben, um frische Luft zu schöpfen, von den Hunden entdeckt wurde, während es ihnen, sobald es sich gestärkt hatte, durch Untertauchen wieder entging. Mac-Gregor war indeß listiger als die Ottern; denn als man ihn am härtesten verfolgte, löste er unbemerkt seinen Plaid ab, und ließ ihn von dem Strome fort treiben, so daß er schnell die allgemeine Aufmerksamkeit erregte. Viele Reiter wurden dadurch auf eine falsche Spur geführt, und mancher Schuß oder Hieb von der Person abgeleitet, der sie galten.

Sobald der Gefangene einmal aus dem Gesichte war, wurde es fast unmöglich, seiner wieder habhaft zu werden, denn die steilen Ufer machten den Fluß an vielen Stellen unzugänglich, oder Dickichte von Erlen, Pappeln und Birken, welche das Ufer überhingen, verhinderten die Annäherung der Reiter. Irrungen und Unfälle unter den Verfolgern hatten sich auch zugetragen, und die anbrechende Nacht machte das Unternehmen mit jedem Augenblicke hoffnungsloser. Einige wurden von den Wirbeln des Stromes ergriffen und riefen nach dem Beistand ihrer Gefährten, um sie vom Ertrinken zu retten. Andere, die in der Verwirrung durch Schuß oder Hieb verwundet wurden, riefen um Hülfe, oder drohten Rache, und einige Mal führten diese Vorfälle zum blutigen Streite. Die Trompeten ertönten daher zum Rückmarsch. Der Befehlshaber hatte, so ungern es auch geschehen mochte, für jetzt die Hoffnung aufgegeben, die wichtige Beute, die ihm so unerwartet entrissen war, wiederzugewinnen, und langsam, zögernd, und mit einander streitend, fingen die Reiter an, sich wieder in ihre Reihen zu stellen. Ich sah sie dunkel am südlichen Ufer des Stromes, dessen Gemurmel, lange übertäubt von dem lautern Geschrei rachgieriger Verfolgung, sich nun dumpf mit den tiefen, mißmuthigen und schmähenden Stimmen der getäuschten Reiter vermischte.

Bis jetzt war ich nur ein Zuschauer bei dem seltsamen Schauspiel gewesen, obschon keineswegs gleichgültig. Allein nun hörte ich plötzlich rufen: »Wo ist der Engländer? Er war es, der Robin das Messer gab, den Gurt loszuschneiden!«

»Haut ihn in Stücken!« »Jagt ihm eine Kugel durch den Kopf!« »Stoßt ihm das Schwert in den Leib!« – riefen mehrere Stimmen nach einander. Und ich hörte verschiedene Reiter hin und her sprengen, ohne Zweifel in der freundlichen Absicht, diese Drohungen auszuführen. Ich erkannte sogleich meine Lage und war überzeugt, daß Bewaffnete, deren gereizte und entflammte Leidenschaft durch Nichts beschränkt wurde, mich vermuthlich niedermachen und dann untersuchen würden, ob sie recht gethan hätten. Von diesem Gedanken erfüllt, sprang ich vom Pferde, das ich laufen ließ, und drängte mich in ein Erlengebüsch, in welchem ich bei der zunehmenden Dunkelheit der Entdeckung nicht leicht ausgesetzt zu sein glaubte. Wäre ich dem Herzoge nahe gewesen, so würde ich seinen Schutz in Anspruch genommen haben, allein er hatte den Rückzug bereits angetreten, und ich sah auf dem linken Ufer keinen Offizier von hinreichendem Ansehen, um mich zu schützen, wenn ich mich ihm hätte ergeben wollen. Ich glaubte, daß mir unter solchen Umständen kein Ehrenpunkt vorschreiben könne, mein Leben unnöthig in Gefahr zu setzen. Als der Lärm nachzulassen anfing und der Hufschlag der Pferde seltener in der Nähe meines Zufluchtsortes ertönte, war mein erster Gedanke, den Herzog aufzusuchen, wenn Alles ruhig wäre, und mich ihm als ein treuer Unterthan zu überliefern, der die Gerechtigkeit nicht zu fürchten, und als ein Fremder, der allen Anspruch auf Schutz und Gastfreundschaft zu machen hatte. Mit diesem Vorsatze kroch ich aus meinem Versteck hervor, und blickte umher.

Die Dämmerung war nun beinahe in Dunkelheit übergegangen; nur noch wenige Reiter befanden sich auf dem linken Ufer, und von denen auf der andern Seite hörte ich nur den fernen Hufschlag der Pferde und die gezogenen Töne der Trompeten, welche durch die Wälder schallten, um die Nachzügler herbeizurufen. Ich befand mich daher in einer ziemlich schwierigen Lage. Ich hatte kein Pferd, und der tiefe, wirbelnde Strom, getrübt durch den Aufruhr, dessen Schauplatz er gewesen war, und im bleichen Mondlicht noch trüber, hatte nichts Einladendes für einen Fußgänger, der nicht daran gewöhnt war, Ströme zu durchwaten, und der vor Kurzem bei diesem gefährlichen Uebergange die Reiter bis über den Sattel versinken sah. Blieb ich dagegen auf dem linken Ufer, so hatte ich keine andere Aussicht, als nach allen erduldeten Mühseligkeiten dieses Tages und der vorhergehenden Nacht, die jetzt hereinbrechende al fresco auf einem hochländischen Berge zuzubringen.

Nach kurzem Bedenken fing ich an, zu erwägen, daß Andrew, der ohne Zweifel mit den übrigen Dienern über den Strom ging, nach seiner fürwitzigen, abgeschmackten Gewohnheit, sich immer hervorzudrängen, nicht ermangeln würde, dem Herzoge oder einer competenten Behörde über meinen Stand und meine Lage Bericht zu erstatten. Es war also für meinen Charakter nicht nothwendig, mich sogleich zu stellen, und auf die Gefahr hin, im Strom zu ertrinken, die Spur der Reiter zu verfehlen, wenn ich wirklich glücklich das jenseitige Ufer erreichte, oder von einem Nachzügler niedergehauen zu werden. Ich beschloß daher, nach dem kleinen Wirthshause zurückzukehren, wo ich die vorige Nacht zugebracht hatte. Robin den Rothen brauchte ich nicht zu fürchten. Er war nun frei, und wenn ich unter seine Leute fiel, verschaffte mir die Botschaft von seiner Rettung gewiß ihren Schutz. Auch konnte ich auf diese Weise zeigen, daß ich nicht die Absicht hatte, Jarvie in der bedenklichen Lage zu verlassen, in die er hauptsächlich um meinetwillen gerathen war; und endlich durfte ich nur auf diesem Wege hoffen, Nachricht von Rashleigh und meines Vaters Papieren zu erhalten, was die ursprüngliche Veranlassung einer Reise war, die so gefährliche Abenteuer nach sich gezogen hatte. Ich wandte also der Furt von Frew den Rücken, und ging nach dem kleinen Dorfe Aberfoil zurück.

Ein scharfer Frostwind, der sich von Zeit zu Zeit hören und fühlen ließ, theilte die Nebelwolken, die sonst bis zum Morgen auf dem Thale geruht haben würden, und obwohl er sie nicht ganz zerstreute, so drängte er sie doch in verworrene, wechselnde Massen zusammen, die bald um die Gipfel der Berge schwebten, die tiefen Klüfte, in welche Massen der gemischten Felsarten, oder Breccia, von den Klippen losgerissen, in's Thal gerollt waren, und Schluchten gebildet hatten, die verlassenen Strombetten glichen, mit dichten, gewaltigen Nebelströmen erfüllten. Der Mond, welcher jetzt hoch und hell am frostigen Himmel blinkte, versilberte die Windungen des Flusses, die Felsenspitzen und jähen Abhänge, die der Nebel nicht verhüllte, während seine Strahlen von den dichten weißen Nebelmassen wie eingezogen schienen, und den leichtern, duftigen Wölkchen eine Durchsichtigkeit verliehen, welche dem zartesten Schleier von Silberflor glich. Ungeachtet der Ungewißheit meiner Lage, fühlte ich bei einem so anziehenden Anblicke und dem belebenden Einfluß der kalten Atmosphäre, meinen Muth wachsen, meine Nerven sich spannen. Ich fühlte mich gestimmt, die Sorgen von mir zu werfen und der Gefahr Trotz zu bieten, und pfiff unwillkürlich, indem ich der Kälte wegen meine Schritte beschleunigte. Stolzer und höher schlugen meine Lebenspulse, je mehr mein Vertrauen auf die Stärke, den Muth und die Hülfsmittel in mir selbst, zunahm. Ich war so verloren in diese Gedanken und in die Gefühle, welche sie erregten, daß mich zwei Reiter einholten, und ich deren Annäherung erst bemerkte, als Beide mir zur Seite waren, der zur Linken sein Pferd anhielt, und mich auf englisch anredete:

»Heda, Freund, wohin so spät?«

»Zu meinem Abendessen und Nachtlager in Aberfoil,« versetzte ich.

»Sind die Wege offen?« fragte er mit demselben gebieterischen Tone der Stimme.

»Das weiß ich nicht,« war meine Antwort. »Ich werde es erfahren, wenn ich hinkomme; aber,« fügte ich hinzu, indem ich mich an Morris' Geschick erinnerte, »wenn ihr Engländer seid, so rathe ich euch, bis es Tag wird, zurückzukehren. Es sind Unruhen in der Gegend vorgefallen, und ich möchte nicht behaupten, daß es für Fremde ganz sicher sei.«

»Die Soldaten zogen den Kürzern? – Nicht wahr?« fragte der Reiter.

»So geschah's, und das Kommando eines Offiziers wurde theils niedergemacht, theils gefangen genommen.«

»Wißt Ihr das gewiß?« entgegnete der Reiter.

»So gewiß, als ich Euch sprechen höre;« erwiderte ich. »Ich war wider Willen Zeuge des Gefechtes.«

»Wider Willen?« fuhr der Fragende fort; »also hattet Ihr keinen Theil daran?«

»Gewiß nicht,« gab ich zur Antwort. »Ich wurde von dem königlichen Offizier festgehalten.«

»Auf welchen Verdacht? Und wer seid Ihr? Oder wie ist Euer Name?« fuhr er fort.

»Ich weiß wirklich nicht, Sir,« sagte ich, »warum ich einem Fremden so viele Fragen beantworten sollte. Ich habe Euch genug gesagt, um Euch zu überzeugen, daß Ihr in eine gefährliche und unruhige Gegend reiset. Wollt Ihr weiter gehen, so ist es Eure Sache; aber da ich nicht nach Eurem Namen und Geschäft frage, so werdet Ihr mich verbinden, wenn Ihr mich auch nicht danach fraget.«

»Mr. Frank Osbaldistone,« sagte der andere Reiter mit einer Stimme, die durch alle meine Nerven bebte, »sollte seine Lieblingslieder nicht pfeifen, wenn er unerkannt zu bleiben wünscht.«

Und Diana Vernon – denn sie, in einen Reitermantel gehüllt, war es, die zuletzt sprach – pfiff mit lustiger Nachäffung den andern Theil der Melodie, bei der sie mich überraschte.

»Guter Gott!« rief ich, wie vom Donner gerührt. »Könnt Ihr es sein, Miß Vernon, an einem solchen Orte – zu einer solchen Stunde, in einem so gesetzlosen Lande – in solcher« –

»In solcher männlichen Kleidung, wollt Ihr sagen? Aber was ist zu thun! – Am Ende bleibt die Philosophie des vortrefflichen Corporal Nym doch die beste – es geht, wie's gehen kann – pauca verba.«

Während sie dieß sprach, benutzte ich begierig einen ungewöhnlich hellen Strahl des Mondes, um ihren Begleiter zu betrachten, da man leicht denken kann, daß es mich überraschen und jedes Gefühl der Eifersucht in mir erregen mußte, Miß Vernon an einem so einsamen Orte, auf einer so gefahrvollen Reise und unter dem Schutze eines einzelnen Mannes zu finden. Der Reiter sprach nicht mit Rashleighs tiefer, melodischer Stimme; seine Töne waren höher und gebieterischer; überdieß war er größer als jener Hauptgegenstand meines Hasses und Argwohns. Eben so wenig glich der Fremde in seinem Organe einem meiner übrigen Vettern; es hatte jenen unbeschreiblichen Ton und Ausdruck, an denen man bei den ersten Worten den Mann von Verstand und Bildung erkennt.

Er schien meinen forschenden Blicken ausweichen zu wollen. »Diana,« sagte er mit einem Tone, der Güte und Befehl ausdrückte, »gib deinem Vetter sein Eigenthum, und laß uns hier keine Zeit verlieren.«

Diana hatte unterdessen ein Päckchen hervorgezogen, und sich vom Pferde zu mir herab biegend, sagte sie mit einer Stimme, in der das Bestreben, ihre gewöhnliche feine Leichtigkeit des Ausdrucks anzunehmen, mit einem tiefern, ernstern Tone der Empfindung kämpfte: »Ihr seht, lieber Vetter, daß ich zu Eurem Schutzengel geboren bin. Rashleigh ist genöthigt worden, seine Beute aufzugeben, und hätten wir vorige Nacht das Dorf Aberfoil erreicht, wie es unsere Absicht war, so würde ich einen hochländischen Sylphen gefunden haben, der Euch diese Stellvertreter des Handelsreichthums zugeweht hätte. Aber Riesen und Reiter hatten den Weg versperrt, und irrende Ritter und Fräuleins unserer Tage dürfen, so kühn sie auch sein mögen, sich nicht, wie vor Alters, in unnütze Gefahr begeben. – Thut Ihr das auch nicht, lieber Vetter!«

»Diana,« sagte ihr Begleiter, »ich muß noch einmal daran erinnern, daß die Nacht vorrückt, und daß wir noch weit vom Hause sind.«

»Ich komme, ich komme; – erwäget,« fügte sie mit einem Seufzer hinzu, »wie spät ich an Beschränkung gewöhnt worden bin; überdieß hab' ich meinem Vetter das Päckchen noch nicht gegeben und ihm Lebewohl gesagt – für immer! – Ja, Frank,« fuhr sie fort, »für immer! Es liegt ein Abgrund zwischen uns – ein Abgrund gewissen Verderbens. – Ihr dürft uns nicht folgen, wohin wir gehen – was wir thun, daran dürft Ihr keinen Theil nehmen. – Lebt wohl! – Seid glücklich!«

Indem sie sich von ihrem hochländischen Klepper herabbeugte, berührte ihr Gesicht, vielleicht nicht ganz ohne Absicht, das meinige. – Sie drückte meine Hand, während die Thräne, die in ihrem Auge zitterte, auf meine Wange fiel. Es war ein unvergeßlicher Augenblick – unaussprechlich bitter, und dennoch vermischt mit einem so tief ergreifenden, süßen Wonnegefühl, daß er auf einmal alle Empfindungsthore meines Herzens öffnete. Es war aber nur ein Augenblick, denn sich sogleich von dem Gefühle ermannend, dem sie sich unwillkürlich überlassen hatte, sagte sie ihrem Gefährten, daß sie bereit sei, ihm zu folgen; und ihre Pferde in scharfen Trab setzend, waren sie bald weit von der Stelle entfernt, wo ich stand.

Der Himmel weiß, daß es nicht Unempfindlichkeit war, die meine Zunge und meinen ganzen Körper so sehr fesselte, daß ich weder Diana's halbe Umarmung erwidern, noch ihr Lebewohl beantworten konnte. Das Wort erstarb auf meinen Lippen – die Ueberraschung – der Kummer betäubten mich beinahe. Mit dem Packet in der Hand, sah ich ihnen unbeweglich nach, als ob ich die Funken hätte zählen wollen, die unter den Hufen ihrer Pferde sprüheten. Ich blickte ihnen noch nach, selbst als diese nicht mehr zu sehen waren, und lauschte noch auf die Töne des Hufschlags, als schon der letzte entfernte Laut vor meinem Ohr verhallt war. Endlich quollen aus meinen Augen Thränen, die ich mechanisch zu trocknen suchte, fast ohne zu wissen, daß ich sie vergoß; aber sie flossen stärker und stärker, und indem ich mich an dem Wege niedersetzte, weinte ich die ersten bittern Thränen, welche seit der Kindheit meinem Auge entströmt waren.


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