Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Viertes Kapitel.

So stehet Thraciens Hirt mit seinem Speer
Grad' vor dem Gang, und wartet auf den Bär,
Und hört ihn rauschen durch das Holz, und sieht,
Wie sich die Zweige beugen, er dem Wald entflieht.
»Da kömmt mein Todfeind!« denket er bei sich;
»Er fällt in diesem Kampfe, oder ich!«

Palamon und Arcite.

 

Ich schlug den Weg nach dem Collegium ein, wie mir Jarvie gerathen hatte, doch weniger um einen Gegenstand zu suchen, der mich anziehen und zerstreuen sollte, als um meine Gedanken zu ordnen und über mein künftiges Thun nachzudenken. Ich wanderte von einem Viereck altväterischer Gebäude zum andern, und von da in den Collegien-Garten, wo ich, angezogen durch die Einsamkeit des Ortes, da die meisten Schüler in ihren Classen waren, mehrmals auf- und abging, über die Seltsamkeit meines Schicksals nachdenkend.

Nach den Umständen, welche mein erstes Zusammentreffen mit diesem Campbell begleiteten, konnte ich nicht zweifeln, daß er mit irgend einem kühnen Unternehmen beschäftigt war, und der Widerwille, mit dem Jarvie von diesem Manne und dessen Verhältnissen, so wie von den Vorfällen der vergangenen Nacht sprach, bestätigte meinen Argwohn. Dennoch hatte sich Diana Vernon unbedenklich in Bezug auf mich an diesen Mann gewendet, und das Betragen des Stadtbeamten selbst gegen ihn zeigte eine seltsame Mischung von Güte und sogar Hochachtung mit Bedauern und Tadel. Es mußte etwas Ungewöhnliches in Campbells Verhältnissen und Denkungsart liegen, und was mir noch seltsamer vorkam: sein Schicksal schien bestimmt zu sein, Einfluß auf das meinige zu haben. Ich beschloß, bei der ersten günstigen Gelegenheit in Jarvie zu dringen, und so viel als möglich von dem geheimnißvollen Menschen zu erforschen, damit ich beurtheilen könne, ob ich, ohne Nachtheil für meinen Ruf, die Gemeinschaft unterhalten dürfe, zu der er mich einzuladen schien.

Indem ich über diese Dinge nachdachte, wurde meine Aufmerksamkeit auf drei Männer gelenkt, welche sich am oberen Ende des Ganges, durch den ich schlenderte, in ernstem Gespräche zeigten. Jener lebhafte Eindruck, der uns die Annäherung eines Menschen, den wir lieben oder hassen, mit stärkerer Heftigkeit lange vorher ankündigt, ehe ein gleichgültiges Auge ihn erkennen würde, erfüllte mich mit der gewissen Ueberzeugung, daß der mittlere jener drei Männer Rashleigh Osbaldistone sei. Ihn anzureden war meine erste Regung, die zweite, ihn zu beobachten, bis er allein sein würde, oder wenigstens seine Begleiter erst in's Auge zu fassen, ehe ich ihn selbst zur Rede stellte. Sie waren so weit entfernt und so in ihr Gespräch vertieft, daß ich Zeit hatte, unbemerkt hinter eine Hecke zu treten, welche den Gang begränzte, in dem ich mich befand.

Es war zu jener Zeit unter munteren Jünglingen Sitte, auf ihren Morgenspaziergängen einen Scharlachmantel überzuwerfen, der oft mit Tressen besetzt und gestickt war, und die Stutzer pflegten ihn zuweilen so zu tragen, daß er einen Theil des Gesichts verhüllte. Indem ich diese Sitte nachahmte, konnte ich, von der Hecke geschirmt, an meinem Vetter vorübergehen, unbemerkt von ihm und den Andern; oder höchstens hielten sie mich für einen Fremden. Ich erschrak nicht wenig, als ich in Rashleighs Begleiter denselben Morris erkannte, der mich angeklagt hatte, und den Kaufmann Mac-Vittie, dessen trotziges und strenges Aeußere mir am vorigen Tage so abstoßend erschienen war.

Ein Verein von schlimmerer Vorbedeutung hätte sich wohl schwerlich für meine und meines Vaters Angelegenheiten bilden lassen können. Ich gedachte der falschen Anklage, die Morris gegen mich erhoben hatte, und zu deren Erneuung er sich wohl eben so leicht verleiten lassen konnte, als er sie aus Furcht zu widerrufen vermocht worden war; ich dachte an den unglücklichen Einfluß, den Mac-Vittie auf meines Vaters Geschäfte übte, wie Owens Verhaftung bezeugte, und ich sah nun diese beiden Männer mit einem Dritten vereint, dessen Fähigkeit zum Unheilstiften ich für wenig geringer hielt, als die des Urhebers alles Bösen, und gegen welchen mein Abscheu fast bis zum Entsetzen stieg.

Als sie einige Schritte an mir vorüber waren, kehrte ich um und folgte ihnen unbemerkt nach. Am Ende des Ganges trennten sie sich; Morris und Mac-Vittie verließen den Garten und Rashleigh kam allein den Gang zurück. Ich war jetzt entschlossen, ihm entgegenzutreten und Ersatz für das Unrecht zu fordern, das er meinem Vater zugefügt hatte, obwohl ich noch nicht wußte, auf welche Weise Vergütung möglich war. Dieß überließ ich indeß dem Zufall, und, den Mantel zurückschlagend, trat ich durch eine Oeffnung der niedrigen Hecke und zeigte mich Rashleigh, der im tiefen Nachdenken den Gang herabkam.

Rashleigh war nicht der Mann, der sich durch plötzliche Vorfälle überraschen oder aus der Fassung bringen ließ. Als er mich aber so nahe vor sich sah und vermuthlich auf meinem Gesichte den Ausdruck des Unwillens las, der in meiner Brust glühte, war er dennoch sichtlich bestürzt über die plötzliche drohende Erscheinung.

»Gut, daß ich Euch treffe, Sir,« hob ich an; »ich wollte eben eine lange, ungewisse Reise beginnen, um Euch aufzusuchen.«

»Ihr kennt den also wenig, welchen Ihr sucht,« erwiderte Rashleigh mit seiner gewöhnlichen unerschütterlichen Fassung. »Meinen Freunden wird es leicht, mich zu finden; leichter noch meinen Feinden. Euer Betragen nöthigt mich, Euch zu fragen, unter welche Classe ich Frank Osbaldistone rechnen soll?«

»Unter Eure Feinde,« antwortete ich, »unter Eure Todfeinde, wenn Ihr nicht sogleich gegen Euern Wohlthäter, meinen Vater, gerecht werdet, und von seinem Eigenthum Rechenschaft gebt.«

»Und wem, Mr. Osbaldistone, muß ich, ein Mitglied von Eures Vaters Handelshause, über mein Verfahren in Angelegenheiten, die in jeder Hinsicht meine eigenen geworden sind, Rechenschaft ablegen? Doch gewiß nicht einem jungen Manne, der so viel Geschmack an der Literatur findet, daß ihm solche Erörterungen nur widrig und unverständlich sein würden!«

»Euer Spott, Sir, ist keine Antwort; ich will Euch nicht verlassen, bis ich volle Auskunft über den Betrug habe, auf den Ihr sinnt. – Ihr müßt mit mir zu irgend einer richterlichen Person gehen.«

»Es sei,« sagte Rashleigh, und that einige Schritte, als ob er mich begleiten wollte, dann aber blieb er stehen und fuhr fort: »Wäre ich geneigt, zu thun was Ihr verlangt, so würdet Ihr bald empfinden, wer von uns Beiden am meisten Ursache hat, einen Richter zu scheuen. Aber ich hege keinen Wunsch, Euer Schicksal zu beschleunigen. Geht, junger Mann, vergnügt Euch in Eurer Welt dichterischer Einbildungen, und überlaßt die Geschäfte des Lebens Denen, die sie verstehen und zu führen wissen.«

Seine Absicht war, glaube ich, mich zu reizen, und es gelang ihm. »Mr. Osbaldistone,« sagte ich, »dieser Ton ruhiger Unverschämtheit soll Euch nichts helfen. Ihr solltet erwägen, daß der Name, den wir Beide führen, nie Beschimpfungen ertrug und in meiner Person keiner solchen ausgesetzt sein darf.«

»Ihr erinnert mich daran,« sagte Rashleigh mit einem seiner finstersten Blicke, »daß dieser Name in mir selbst entehrt worden ist! – Und Ihr erinnert mich auch daran, durch wen! Glaubt Ihr, ich hätte den Abend in Osbaldistone-Hall vergessen, wo Ihr wohlfeil und ungestraft den Eisenfresser auf meine Kosten spieltet? Für diese Beschimpfung – die nur durch Blut abgewaschen werden kann – und dafür, daß Ihr mir zu verschiedenen Zeiten in den Weg tratet, und immer zu meinem Nachtheile – dafür, daß Ihr mit thörichter Hartnäckigkeit Entwürfe zu durchkreuzen sucht, deren Wichtigkeit Ihr weder kennt, noch zu würdigen vermögt – für alles Dieß seid Ihr mir eine lange Rechenschaft schuldig, wozu früh genug ein Tag der Rechnung kommen soll.«

»Er komme, wann er will!« entgegnete ich, »willig und bereit werde ich ihn begrüßen. Jedoch, Ihr scheint den schwersten Punkt vergessen zu haben – daß ich das Vergnügen hatte, dem Verstande und den tugendhaften Gefühlen der Miß Vernon beizustehen, sich aus Euren schändlichen Netzen zu befreien.«

Seine dunkeln Augen schienen bei diesem scharfen Worte Flammen zu sprühen, und dennoch behielt seine Stimme denselben ruhigen Ton, mit dem er bisher die Unterhaltung geführt hatte.

»Ich hatte andere Absichten mit Euch, junger Mann,« war seine Antwort, »die weniger gefährlich für Euch und passender für meinen jetzigen Stand und meine frühere Erziehung waren. Allein ich sehe, Ihr wollt Euch selbst die persönliche Züchtigung zuziehen, die Eure knabenhafte Unverschämtheit so sehr verdient. Folgt mir an einen entlegeneren Ort, wo wir nicht so leicht gestört werden können.«

Ich folgte ihm mit wachsamem Auge auf seine Bewegungen, denn ich traute ihm das Aergste zu. Wir kamen an einen offenen Platz, eine Art wilder Anlage in holländischem Geschmack, mit geschorenen Hecken und einigen Bildsäulen. Ich war auf meiner Hut, und zu meinem Glück; denn Rashleighs Degen war gezogen und bedrohte meine Brust, ehe ich meinen Mantel abgeworfen und meine Waffe entblößt hatte, so daß ich mein Leben nur dadurch rettete, daß ich mehrere Schritte zurücksprang. Er hatte durch die Verschiedenheit unserer Waffen einige Vortheile, da sein Degen länger und dreieckig war, während der meine eine flache, zweischneidige Klinge hatte, und sich kaum so gut, wie der meines Gegners, regieren ließ. Uebrigens waren wir ziemlich gleich; denn der Vortheil, den mir überlegene Geschicklichkeit und Gewandtheit geben mochten, wurde durch Rashleighs Stärke und Kaltblütigkeit reichlich ausgewogen. Er focht in der That mehr wie ein Teufel, als wie ein Mensch mit unterdrücktem Groll und dem Verlangen nach Blut, nur durch jene kalte Ueberlegung gemildert, die seinen schlimmsten Handlungen ein noch schlimmeres Ansehen gab: durch den Schein eines ruhigen Vorbedachtes. Seine offenbar boshafte Absicht machte ihn keinen Augenblick unvorsichtig, und er erschöpfte alle List und alle Künste der Vertheidigung, während er zu gleicher Zeit auf den ärgsten Ausgang des Kampfes bedacht war.

Auf meiner Seit wurde der Streit Anfangs mit mehr Mäßigung geführt. Meine Leidenschaften waren wohl stürmisch, aber nicht übelwollend, und während eines Ganges von zwei bis drei Minuten hatte ich Zeit, zu erwägen, daß Rashleigh meines Vaters Neffe, der Sohn meines Oheims war, der sich in seiner Art freundlich gegen mich gezeigt hatte, und daß sein Tod von meiner Hand großes Leidwesen in der Familie verursachen mußte. Mein erster Entschluß war daher, die Entwaffnung meines Gegners zu versuchen, was ich, auf meine vermeintliche Ueberlegenheit in Geschicklichkeit und Uebung bauend, nicht für schwer hielt. Ich sah indeß, daß ich meinen Mann gefunden hatte, und einige Stöße, die er führte, und denen ich nur mit der größten Mühe entging, nöthigten mich, vorsichtiger zu fechten. Nach und nach wurde ich durch die Feindseligkeit, mit der Rashleigh nach meinem Leben trachtete, erbittert, und erwiderte seine Stöße fast so aufgebracht, wie er sie gab, so daß der Kampf bestimmt schien, einen traurigen Ausgang zu haben. Dieser Ausgang hätte beinahe auf meine Kosten stattgefunden, denn mein Fuß glitt bei einem starken Ausfall auf meinen Gegner aus, und ich konnte mich nicht schnell genug wieder aufraffen, um den Gegenstoß ganz abzuwenden. Rashleighs Degen ging durch meine Weste und streifte mir die Rippen. Rashleigh stieß so heftig, daß der Degengriff, meine Brust treffend, mir großen Schmerz verursachte und ich mich für tödtlich verwundet hielt. Begierig, mich zu rächen, rang ich mit meinem Gegner, faßte mit der linken Hand den Griff seines Degens und nahm den meinigen kürzer, um ihn zu durchbohren. Unser Kampf auf Leben und Tod wurde durch einen Mann unterbrochen, der sich gewaltsam zwischen uns warf, und indem er uns von einander trennte, mit lauter und gebieterischer Stimme rief: »Wie! die Söhne Derer, die an einer Brust lagen, wollen ihr Blut vergießen, als ob's fremdes wäre? – Bei der Hand meines Vaters, den Ersten, der noch einen Streich thut, spalt' ich bis auf die Brust!«

Erstaunt blickte ich empor. Der Sprecher war Niemand anders, als Campbell. Er hielt in der Hand ein breites, gezogenes Schwert, das er, während er sprach, über dem Haupte schwang, als ob er seine Vermittlung hätte erzwingen wollen. Rashleigh und ich starrten schweigend den unerwarteten Störer an, der uns abwechselnd zu ermahnen fortfuhr: »Meint Ihr, Mr. Frank, daß Ihr Eures Vaters Credit wieder herstellen könnt, wenn Ihr Euern Verwandten erstecht oder Euch erstechen laßt? Oder denkt Ihr, Mr. Rashleigh, daß die Menschen ihr Leben und Vermögen Jemand anvertrauen wollen, der in dem Augenblicke, wo es ein großes politisches Interesse gilt, wie ein Trunkenbold Händel sucht? Nun, seht mich nicht so grimmig an; wenn Ihr zornig seid, so wißt Ihr, an wen Ihr Euch zu wenden habt.«

»Meine augenblickliche Lage macht Euch so vermessen,« erwiderte Rashleigh, »sonst würdet Ihr schwerlich gewagt haben, Euch einzumischen, wo meine Ehre im Spiele ist.«

»Ei, man sehe doch! Vermessen? Und warum soll es vermessen sein? Ihr mögt reicher sein, als ich, Mr. Osbaldistone, wie es wahrscheinlich ist, und Ihr mögt gelehrter sein, was ich nicht bestreiten will; aber ich meine, Ihr seid weder ein stattlicherer, noch ein besserer Edelmann als ich, und es wird eine Neuigkeit für mich sein, wenn ich höre, daß Ihr eben so gut seid. Und von wagen sprecht Ihr? Da wäre viel zu wagen! – Ich habe, mein' ich, mehr, als Einer von Euch, in manchem heißen Kampfe mich herumgehauen, und dachte nicht viel an meine Morgenarbeit, wenn sie vorbei war.«

Rashleigh hatte während dessen seine ganze Fassung wieder erlangt. »Mein Vetter,« sagte er, »wird zugeben, daß er mich zu diesem Streite gezwungen hat. Ich hab' ihn nicht gesucht. Es ist mir lieb, daß wir gestört wurden, ehe ich seine Voreiligkeit strenger züchtigte.«

»Seid Ihr verwundet?« fragte mich Campbell mit einem Ausdrucke von Theilnahme.

»Ein wenig geritzt,« antwortete ich; »doch mein gütiger Vetter hätte sich dessen nicht lange rühmen sollen, wenn Ihr nicht zwischen uns getreten wäret.«

»Mein' Treu', das ist wahr, Mr. Rashleigh,« sagte Campbell; »denn der kalte Stahl und Euer bestes Blut konnten bald mit einander bekannt werden, als ich Eures Vetters rechten Arm ergriff. Aber seht deßhalb nicht so mürrisch aus. Kommt mit mir; ich hab' Euch etwas Neues zu erzählen, und Ihr werdet Euch dabei abkühlen und zur Besinnung kommen.«

»Verzeiht mir, Sir,« rief ich; »bei mehr als einer Gelegenheit schienet Ihr freundliche Absichten gegen mich zu haben; allein ich darf und will diesen Mann nicht verlassen, bis er mir die Mittel, die Verbindlichkeiten meines Vaters zu erfüllen, die Mittel, deren er sich verrätherisch bemächtigt hat, einhändigt.«

»Laßt's gut sein, Mann!« erwiderte Campbell. »Es wird Euch nichts helfen, wenn Ihr uns jetzt folgt. Ihr habt gerade genug an einem Gegner; wollt Ihr Euch zwei über den Hals bringen?«

»Zwanzig, wenn's sein muß,« antwortete ich.

Ich faßte Rashleigh beim Kragen. Er leistete keinen Widerstand, sagte aber mit höhnischem Lächeln: »Ihr hört ihn selbst, Mac Gregor! Er rennt in sein Verderben – ist's meine Schuld, wenn er hineinstürzt? Die Verhaftsbefehle sind ausgefertigt und Alles ist bereit.«

Der Schotte war in sichtbarer Verlegenheit. Er blickte ringsumher, vor sich, hinter sich, und sprach dann: »Nie werd' ich zugeben, daß ihm etwas Uebles geschieht, weil er für den Vater, der ihn erzeugt hat, aufgestanden ist. Vermaledeit mögen sie alle sein, die Obrigkeiten, Richter, Vögte, Gerichtsdiener und Häscher und dergleichen schwarzes Hornvieh, das unser armes, altes Schottland seit hundert Jahren quält. Es war ein lustiges Leben, als Jedermann seine Habe mit seiner eigenen Faust bewahrte, und als das Land nicht mit Verhaftsbefehlen, Berichten und solcherlei Trug und List geplagt wurde. Und ich sag's noch einmal, mein Gewissen leidet's nicht, daß dieser arme, sorglose Jüngling übel behandelt wird, und besonders auf solche Art. Ich wollte lieber, ihr träfet wieder zusammen und machtet den Streit aus, als wackere Männer.«

»Euer Gewissen, Mac Gregor,« sagte Rashleigh; »Ihr vergeßt, wie lange wir Beide uns kennen.«

»Ja, mein Gewissen!« wiederholte Campbell, oder Mac Gregor, oder wie er heißen mochte. »Ich habe so ein Ding in mir, Mr. Osbaldistone, und darin könnte ich wohl Etwas vor Euch voraushaben. Was unsere Bekanntschaft betrifft, so werdet Ihr, wenn Ihr mich kennt, wissen, durch welche Behandlung ich geworden bin, was ich bin, und, was Ihr auch von mir denken mögt, ich tausche nicht mit dem Stolzesten der Unterdrücker, die mich genöthigt haben, den Haidebusch zum Versteck zu wählen. Was Ihr seid, Mr. Osbaldistone, und welche Entschuldigung Ihr für das habt, was Ihr seid, das liegt zwischen Eurem Herzen und jenem Tage. – Und nun, Mr. Frank, laßt ihn los. Er sagt mit gutem Grunde, daß Ihr eine Gerichtsperson mehr zu fürchten habt, als er, und wenn Eure Sache so gerade wäre, wie ein Pfeil, er würde Mittel finden, sie krumm zu machen. – Laßt ihn also los, sage ich.«

Er unterstützte seine Worte mit einem so plötzlichen und unerwarteten Griffe, daß er Rashleigh befreite und mich, trotz meines Sträubens, mit herkulischer Kraft festhielt. »Sucht das Weite, Mr. Rashleigh!« rief er. »Macht ein Paar Beine so viel werth, als zwei Paar Hände; Ihr habt es ja wohl schon eher gethan.«

»Ihr mögt es diesem Herrn danken, Vetter!« sagte Rashleigh, »wenn ich einen Theil meiner Schuld unbezahlt lasse; und wenn ich Euch jetzt verlasse, so geschieht es nur in der Hoffnung, daß wir uns bald wieder treffen, ohne eine Unterbrechung befürchten zu dürfen.«

Er nahm seinen Degen, steckte ihn ein, und verlor sich im Gebüsche.

Der Schotte hielt mich theils durch Gewalt, theils durch Vorstellungen ab, Rashleigh zu folgen, und ich fing an zu glauben, daß mir dieß wenig helfen würde.

»So wahr ich lebe!« sagte Campbell, als er mich nach einigem Widerstande, wobei er sich sehr schonend gegen mich betrug, ruhiger sah, »ich erblickte noch nie einen so tollen Wagehals! Was wolltet Ihr thun? Dem Wolf in seine Höhle folgen? – Ich sag' Euch, er hat die alte Falle wieder aufgestellt. Er hat das Einnehmer-Geschöpf, den Morris, bewogen, die alte Geschichte wieder vorzubringen, und Ihr könnt hier von mir keine Hülfe erwarten, wie vor dem Richter Inglewood. Es sagt meiner Gesundheit nicht zu, diesen Whigs, diesem Beamten-Volke hier nahe zu kommen. Ihr aber geht nun heim, gleich einem guten Sohne. – Vermeidet Rashleigh und Morris und diesen viehischen Mac-Vittie. – Denkt an das Wirthshaus von Aberfoil, wie ich gesagt habe, und bei dem Worte eines Ehrenmannes, es soll Euch kein Leid geschehen. Aber haltet Euch ruhig, bis wir uns wiedersehen. Ich muß fort, damit ich Rashleigh aus der Stadt bringe, ehe etwas Schlimmeres daraus entsteht; denn wo er die Nase hineinsteckt, ist immer Unheil. Denkt an Aberfoil.«

Er ging, und ließ mich über die sonderbaren Ereignisse nachdenken, die mir begegnet waren. Meine erste Sorge war, meine Kleider zu ordnen und den Mantel so umzuschlagen, daß er das Blut verbarg, welches aus meiner Seite drang. Kaum hatte ich dieß vollbracht, so füllte sich der Garten mit den Schülern, deren Stunden beendigt waren, und ich eilte daher hinaus. Auf dem Wege nach Jarvie's Wohnung, dessen Eßstunde sich nun näherte, verweilte ich bei einem kleinen, anspruchslosen Laden, dessen Schild den Bewohner, Christopher Neilson, als Wundarzt und Apotheker bezeichnete. Ich ersuchte einen kleinen Buben, der einige Spezereien in einem Mörsel stieß, mir bei diesem gelehrten Manne Gehör zu verschaffen. Er öffnete die Thüre des Hinterstübchens, und ich fand einen lebhaften, ältlichen Mann, der ungläubig den Kopf schüttelte, als ich erzählte, ich sei zufällig durch ein Rapier verwundet worden, von dem beim Fechten der Knopf abgegangen wäre. Nachdem er etwas Charpie und was er sonst noch für dienlich hielt, auf die kleine Wunde gelegt hatte, bemerkte er: »Nimmer war es der Knopf eines Rapiers, was diese Verletzung machte. O! junges Blut! junges Blut! – Aber wir Wundärzte sind ein verschwiegenes Geschlecht. – Wenn es nicht heißes Blut gäbe und böses Blut, was wollte aus den zwei Facultäten werden?«

Mit dieser moralischen Bemerkung entließ er mich, und ich empfand nachher wenig Schmerz oder Unbequemlichkeit von der erhaltenen Schramme.


 << zurück weiter >>