Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Die Bedeutung der Straßburger Universität.

Beilage zur Allgemeinen Zeitung, München. Nr. 5 vom 8. Januar 1897.

Im Mai 1897 feiert die Straßburger Universität ihr 25jähriges Bestehen. In den wissenschaftlichen Kreisen des ganzen deutschen Vaterlandes wird man an diesem Fest mit dem Bewußtsein teilnehmen, daß die Tat von 1872 das Rechte getroffen und für das geistige Leben Elsaß-Lothringens und ganz Deutschlands von Segen gewesen sei. In einzelnen politischen Kreisen aber konnte man schon seit einiger Zeit die kritische Frage vernehmen, ob die Universitätsgründung notwendig und heilsam gewesen sei. Und nun gibt ein Studentenstreit, wie er überall einmal vorkommt, einzelnen Organen der Presse (zum Beispiel der »Badischen Landeszeitung« vom 24. Dezember 1896) gar Veranlassung, zu erklären, die Gründung der Kaiser-Wilhelm-Universität sei ein großer Fehler gewesen, weil in Straßburg Altdeutsche und Elsässer gesondert lebten, während ein Studium dieser letzteren auf deutschen Universitäten sie sicherer und rascher zu guten Deutschen gemacht hätte.

Es möge gestattet sein, dieser kurzsichtigen Auffassung hier mit einigen Argumenten teils allgemeiner, teils konkreterer Art entgegenzutreten. Der Verfasser dieser Zeilen hat zehn Jahre als Lehrer an der Straßburger Universität gewirkt, hat viele elsässer Studenten damals wie später in seinem jetzigen Wirkungskreis kennen gelernt. Er glaubt aber überhaupt nicht, daß in dem Gelingen oder Nichtgelingen der raschen Germanisierung der Studierenden das Schwergewicht der Frage liege. Gewiß hat das auch seine Bedeutung; aber es sprechen doch noch andere Momente wesentlich mit.

Die Gründung der Universität Straßburg im Jahre 1872 ist einerseits aus Gefühlen und Überzeugungen entsprungen, die an die Gründung des Deutschen Reiches, an die großen Siege von 1870, an das gesteigerte Nationalgefühl jener Tage sich anschlossen; andererseits ist sie die Folge der traditionellen preußischen Universitätspolitik. Diese Politik hatte bisher nur gute Früchte getragen; sie ging dahin, in neu gewonnenen Provinzen durch Neugründung oder verbesserte Pflege von Universitäten zugleich auf die Assimilierung der Landschaft mit dem Staatsganzen und auf eine Hebung des wissenschaftlichen Geistes, auf bessere Ausbildung der Geistlichen, Lehrer, Ärzte, Beamten hinzuwirken. Was der Große Kurfürst in Duisburg anstrebte, wiederholte Friedrich I. in größerem Stil in Halle a. S. Zu Anfang unseres Jahrhunderts wurde neben der Gründung von Berlin, wobei allgemeinere Tendenzen vorwalteten, die Universität Frankfurt a. O. nach Breslau verlegt, um auf Schlesien und die östlichen polnischen Lande zu wirken, und die Hochschule von Bonn ins Leben gerufen, um in der halb französierten rheinischen Pfaffengasse des heiligen römischen Reichs, welche auch nach 1815 für Jahrzehnte der Ausgangspunkt alles Antipreußischen blieb – ich erinnere an die ultramontane, an die ultrademokratische und sozialdemokratische Bewegung (Marx), an die überspannten Forderungen des nach belgisch-französischem Muster sich gestaltenden liberalen Konstitutionalismus –, preußisch-deutsche Gesinnung zu pflanzen. Gerade hier zeigte sich so recht der tief greifende Einfluß dieser Gründung. Die Universität war und blieb der Mittelpunkt der preußischen Gesinnungen, eines gut nationalen Katholizismus, eines vernünftigen Konstitutionalismus. Jeder verständige Patriot segnet heute das Andenken der großen Historiker, Philologen, Theologen, Juristen, der Niebuhr, Löbell, Welcker, Dahlmann, Sybel usw., welche die Führer des geistig-sittlichen Lebens in den Rheinlanden im Sinne vernünftigen Fortschritts und patriotisch-preußischer Politik wurden. Schnell ist es freilich auch dort nicht gegangen; man haßte Preußen am Rhein bis 1848; die volle Verschmelzung trat erst 1866 bis 1870, 50 Jahre nach der Einverleibung in den Staat, ein. Und wenn dazu die großen politischen Ereignisse, das Parlament, die Gesetzgebung, die Verwaltung mit das meiste getan haben: die Universität Bonn kann mit Recht ihren guten Anteil an dem Erfolge beanspruchen.

Diesen Traditionen und Erfahrungen entsprechend, gründete man 1872 in Straßburg eine deutsche Universität oder stellte vielmehr die alte, welche noch im 18. Jahrhundert geblüht hatte, welche Goethe und Herder einen Teil ihrer Jugendbildung gegeben, die noch damals als eine Hauptstätte der Pflege deutschen Verfassungsrechtes gegolten hatte, wieder her. Überschwängliche Hoffnungen knüpften sich an diese Gründung. Man war überhaupt deutscherseits in den ersten Jahren der Eroberung geneigt, die Verknüpfung der elsaß-lothringischen Bevölkerung mit Frankreich zu unterschätzen; man pochte zu sehr darauf, daß die Verwelschung ja erst von den Schulgesetzen Guizots, somit von den dreißiger Jahren an begonnen habe, daß die Masse des Volkes zu Hause noch deutsch rede. Wie man glaubte, daß die denkbar mildeste Verwaltung und die größte Umwerbung der sogenannten Notabeln das Land rasch deutsch machen werde, so rechnete man auf einen raschen Besuch der Universität durch Elsaß-Lothringer in großer Zahl.

Es war nur natürlich, daß die Blütenträume in der harten Wirklichkeit nicht so reifen konnten, wie man erwartet hatte. Man mußte einsehen lernen, daß die gebildeten und besitzenden Kreise doch fast ganz französiert gewesen waren, daß nur die mittleren und unteren Klassen noch stärker als jene mit deutschem Wesen, deutscher Sprache, deutschen Gefühlen verknüpft, leichter zu gewinnen waren. Man sah, daß die protestantischen Kreise, der größere Teil der protestantischen Geistlichen wohl rascher zu Deutschland neigten, daß aber die katholische, besser und fester in sich geschlossene Kirche naturgemäß zunächst in französischen Sympathien befangen blieb, und zwar um so mehr, je mehr sie ihre Bildungsstätten in abgesonderter Geschlossenheit halten konnte. Fast nur zum Studium der protestantischen Theologie und zur Medizin meldeten sich in den ersten Semestern Studierende aus dem Lande bei der Universität; erst nach und nach kamen auch einige Philologen, Juristen und sonstige junge Männer. Die eigentliche Aristokratie des Landes, die reichen Fabrikanten, ließen ihre Söhne überhaupt nicht an Universitäten studieren, sie sandten sie am liebsten in den entscheidenden Jahren nach Frankreich. Und die milde Verwaltungspraxis duldete das ja, man wollte ja die Herren Notabeln schonen, weil man durch verfrühte Einführung einer parlamentarischen Verfassung ihre Stimmen im Landesausschuß brauchte. So ist bis heute die Zahl der spezifisch elsaß-lothringischen Studierenden mäßig geblieben. Doch hat sie immer erheblich zugenommen. Es werden jetzt wohl ¼ bis ? der Studierenden in Straßburg sein.

Ist deswegen nun aber die Gründung der Universität Straßburg an sich falsch gewesen? Kann man mit irgendwelchem Schein der Glaubwürdigkeit behaupten, es hätten mehr Elsaß-Lothringer im Fall der Nichtgründung der Universität auf deutschen Universitäten studiert, und sie wären da bessere Deutsche geworden?

Lassen wir zunächst die allgemeine Wirkung der Universität auf das Land und sein Deutschtum beiseite. Fragen wir einfach: wie hätten die höheren und mittleren Klassen der Gesellschaft, auf die es ankommt, sich in bezug auf das Universitätsstudium verhalten, wenn keine Universität im Lande war? Ich glaube, es kann kein Zweifel sein, es hätten noch viel weniger studiert. Die meisten anderen deutschen Universitäten lagen ihnen zunächst zu fern; es war zu teuer dahin zu reisen, man hätte die Söhne noch mehr nach Frankreich und nach der Schweiz, nicht nach Deutschland geschickt. Der eingefleischte Elsässer ist stolz darauf, in 200 Jahren nicht verwelscht worden zu sein, aber ebensowenig will er jetzt »verprüßt« werden, wie er sagt. Der Weg zur deutschen Gesinnung beim Elsässer geht durch den Partikularismus; der Stolz auf seine engere schöne Heimat muß geweckt werden, um ihn zum Deutschen zu machen.

Aber auch wenn einige Elsässer mehr bald nach Heidelberg, Freiburg, München, Berlin gekommen wären, sie würden hier wahrscheinlich nicht deutsch geworden sein, sondern wären noch mehr als in Straßburg in partikularistischen engen Konventikeln geblieben, wie die Polen in Berlin, Breslau und Königsberg; sie wären, direkt aus dem Elsaß dahin verpflanzt, viel weniger zugänglich für deutsches Wesen und deutsche Wissenschaft gewesen, als wenn sie, wie es jetzt der Fall ist, zwei bis drei Semester vorher in Straßburg studiert haben.

Die, welche meinen, die Verschmelzung der jungen Elsässer mit den Deutschen hätte sich auf den deutschen Universitäten besser vollzogen als auf einer elsässischen Universität, denken vielleicht – als Parallele – an die guten Folgen des Militärdienstes der Elsässer im Reich. Ja, wenn jeder junge Elsässer einer gewissen Bildungs- und Besitzstufe für universitätspflichtig erklärt und dann in Deutschland ein bis drei Jahre in einer Bildungskaserne neben anderen Deutschen geschult würde, dann lägen die Dinge anders. Aber das Studium ist freiwillig wie die Wahl der Universitäten, die Lebensführung, die Wahl des Umgangs auf ihnen. Ein Zwang war hier nach keiner Seite möglich. Und deshalb war auch von den gebildeten Kreisen des Elsasses nicht rasch ein umfangreiches Universitätsstudium, eine Hinwendung zu deutschen Beamtenkarrieren zu erwarten.

Übrigens ist die Zahl der Elsaß-Lothringer, die in Deutschland studieren, verhältnismäßig nicht so gering und ist neuerdings bedeutend gewachsen. Es waren allein in Berlin immatrikuliert:

im Winter 1881-1882 3 Sommer 1882 1
im Winter 1882-1883 5 Sommer 1883 9
im Winter 1883-1884 2 Sommer 1884 1
im Winter 1884-1885 6 Sommer 1885 3
im Winter 1885-1886 3 Sommer 1886 7
im Winter 1886-1887 3 Sommer 1887 12
im Winter 1887-1888 6 Sommer 1888 8
im Winter 1888-1889 6 Sommer 1889 12
im Winter 1889-1890 5 Sommer 1890 8
im Winter 1890-1891 3 Sommer 1891 12
im Winter 1891-1892 4 Sommer 1892 22
im Winter 1892-1893 18 Sommer 1893 27
im Winter 1893-1894 12 Sommer 1894 30
im Winter 1894-1895 20 Sommer 1895 32
im Winter 1895-1896 27 Sommer 1896 64

Man kann billig fragen: würden viel größere Zahlen und ein schnelleres Wachstum zu konstatieren gewesen sein, wenn in Straßburg keine Universität wäre? Und für den Fall, daß dem doch so wäre: würden ein Paar elsässer Studenten mehr und früher in Berlin, Heidelberg und anderwärts die sonstigen großen Vorteile der Universität und ihrer Wirksamkeit aufgehoben haben?

Diese Vorteile und Folgen sind freilich schwer für jeden einleuchtend darzulegen, weil es sich um Imponderabilien und um Kausalzusammenhänge handelt, die über Jahre und Generationen sich verteilen. Aber einiges scheint doch einleuchtend und wird auch von allen Elsässern, den deutsch wie französisch fühlenden, empfunden.

Der Französierungsprozeß in unserm Jahrhundert beruhte neben anderem auf der Umwandlung der alten Straßburger Universität in französische Fakultäten unter und seit Napoleon I. Nur das Thomasstift hatte seinen alten Charakter und damit seine deutsche Gesinnung und Fühlung mit deutscher Wissenschaft behalten. Also war die Beseitigung der französischen Fakultäten, die Verwandlung des Thomasstiftes in das Glied einer neuen deutschen Universität für das Bewußtsein aller Beteiligten ein wichtiger Akt der Germanisierung.

Aber es war zugleich ein Akt, welcher dem elsässer Bewußtsein bald schmeichelte, ihm das Gefühl beibrachte, daß Deutschland Frankreich geistig ebenbürtig, ja überlegen sei. Man sah im Elsaß mit Verwunderung, daß die Straßburger Universität und ihre Leistungen rasch in ganz Frankreich anerkannt wurden, daß man dort sogar auf sie als Muster und Vorbild hinwies. Es war ferner dem Elsässer sympathisch, daß auf dieser Universität rasch ein liebevolles Studium der elsässer Altertümer, des Dialekts, der Literatur und Poesie, der Geschichte des Elsasses, der größeren Städte, wie Straßburg, begann. Es ergaben sich daraus sofort eine Menge von Berührungspunkten zwischen altdeutschen Gelehrten und elsässischen Liebhabern solcher Studien. Die Dozenten erschienen ohnedies neben dem Heer und den Beamten, welche die Eroberung und die fremde Herrschaft personifizierten, und den deutschen Geschäftsleuten, welche Konkurrenz machten, als ein mehr neutrales Element. Daraus ist es ja auch zu erklären, daß rasch viele der Gelehrten nahe, ja intime Beziehungen zu elsässer Familien und zu einzelnen Geistlichen, Beamten, Ärzten usw. aus der einheimischen Bevölkerung erhielten. Ja, man wird sagen können, einzelne Gelehrte, wie Kußmaul, hätten neben einzelnen hervorragenden Beamten, wie Back, das meiste zur Versöhnung der beiden zunächst mißtrauisch nebeneinander stehenden Gesellschaftsgruppen beigetragen.

Wichtiger aber als diese einzelnen schon jetzt sichtbaren Wirkungen ist das allgemeine: die zukünftige Imprägnierung des Volksbewußtseins mit deutschem Geist und Gemüt, mit deutschen Vorstellungen und Tendenzen. Es handelt sich da um Vorgänge, deren Wirkungen erst in den folgenden Generationen ganz zutage treten werden, die aber um so wichtiger sind.

Ohne die Universität wäre Elsaß-Lothringen ganz von der französischen Wissenschaft und von einer katholischen Geistlichkeit abhängig geblieben, die französisch fühlt. Dem mußte ein großes Zentrum entgegengesetzter geistiger Kräfte gegenübertreten. Das konnte nur eine Universität im großen Stile sein. Diese durfte, gerade wenn sie recht wirken wollte, nicht dahin zielen, rasch deutschen Patriotismus zu entzünden, gehorsame deutsche Staatsbürger zu erziehen, auf die Wahlen zu wirken. Sie mußte unabhängig dastehen und, zunächst nur auf wissenschaftliche Zwecke gerichtet, auch das Vertrauen der Deutschfeindlichen gewinnen. Dann war sie sicher, die folgenden Geschlechter langsam und nachhaltig umzubilden.

Ohne die Universität würde in diesem Lande des behaglichen Lebensgenusses, der hochentwickelten Industrie, in den mittleren und höheren, nicht mehr ganz von der Kirche geleiteten Klassen ein viel stärkerer Materialismus sich ausgebildet haben, ein Geist des Banausentums, der Flachheit, des Lebens in den Tag hinein. Alle idealen Elemente in jedem Pfarrhaus, jeder Amtsstube, jeder Mittelschule erhalten Kräftigung und Nahrung durch die Universität des Landes und den Zusammenhang mit ihr.

Erwägt man alle derartigen Potenzen, so scheint es nicht fraglich, daß die künftige volle Versöhnung des Reichslandes mit Deutschland wesentlich mit von der Universität abhängt. Diese Versöhnung beruht darauf, daß die Majorität der Elsaß-Lothringer die großen materiellen und geistigen Güter, welche Deutschland im Reich und seiner Verfassung, in seinen volkswirtschaftlichen und geistigen Institutionen, in seinem ganzen Kulturleben besitzt, ähnlich schätzen und lieben lerne wie die Altdeutschen. Das wird voll erst vielleicht 1970 erreicht sein. Aber auf dem Wege dazu sind wir, und eines der besten Instrumente dazu war und ist die Universität.

Niemand würde mehr frohlocken als die französischen Chauvinisten, wenn es bekannt würde, man zweifle an der Wirksamkeit der deutschen Universität in Straßburg oder wolle sie in ihren Mitteln beschränken. In Frankreich wie im Elsaß würde man darin mit Recht einen Rückzug, einen Mangel von Vertrauen in die eigene Stellung sehen. Maßnahmen dieser Art würden mit Recht allseitig als ein kleinliches Herabsteigen von dem Standpunkt großer und weitsichtiger Politik erscheinen, den man 1870-1872 bei der Gründung einnahm.

Wer Reben pflanzt, darf nicht im folgenden Jahre Trauben schneiden wollen; wer geistige Kräfte pflanzt, muß wissen, daß sie des Wechsels der Generationen bedürfen, um zu reifen. Das Elsaß blieb von 1680-1789 gut deutsch; erst von da bis 1870 erhielten die oberen Schichten der Gesellschaft einen französischen Firniß. Wir werden rascher zum Ziel kommen, weil der Kern des Volkes und die Rasse gut deutsch blieb. Aber wir dürfen auch nicht jeden Moment an den Institutionen rütteln, auf denen die Assimilierung beruht. An allen deutschen Universitäten halten die landsmannschaftlichen Gruppen der Studierenden zusammen. In Tübingen ist es Ausnahme, daß der echte Schwabe mit den »Nordkaffern« (Norddeutschen) verkehrt. In Berlin halten Bayern, Schwaben, Rheinländer, Schlesier, Sachsen vielfach zusammen. Es ist also natürlich, daß auch in Straßburg die Elsässer mehr unter sich als mit den Altdeutschen verkehren. All das hebt die Berührung mit deutschem Geist und Wesen, den Einfluß deutscher Wissenschaft, das gegenseitige Sich-kennen und -achten-lernen nicht auf.

*


 << zurück weiter >>