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Krieg oder Frieden?

Neue Freie Presse (Wien), Nr. 17 451, vom 23. März 1913.

So fragt man sich jetzt jeden Abend und jeden Morgen, wenn man die neuesten Depeschen liest. Wird die Flamme von dem Balkan übergreifen auf die großen Mächte? Gehen wir zunächst dem österreichisch-russischen und dann dem allgemeinen europäischen Krieg entgegen?

Es wäre nicht meines Amtes, hier zu prophezeien. Ich glaube persönlich, es wird der europäischen Diplomatie nochmals gelingen, den Sturm zu beschwören. Aber ich bin nicht unbedingt sicher, ob man sich darüber freuen soll; denn der Sturm wird doch bald wieder kommen. Gewiß wäre ein europäischer Krieg mehrerer Großmächte ein ungeheurer wirtschaftlicher. Schaden, den man kaum ausdenken kann. Die künftigen Sieger und Besiegten hätten vom rein wirtschaftlichen Standpunkt der Gegenwart alle Ursache, ihn möglichst zu vermeiden. Und die Friedensschwärmer, auch gewisse Parteien meinen, eben deshalb solle man jeden Krieg vermeiden; und er sei bei einigem guten Willen vermeidbar.

Ob dem so ist, das ist die Frage. Ob der Eigensinn der Regierenden überhaupt an den Kriegen schuld sei, ob es heute schon möglich sei, durch Schiedsgerichte alle Kriege zu vermeiden, darüber möchte ich als Wirtschafts- und Entwicklungshistoriker ein Wort sagen.

Es wäre gewiß wahr, wenn nicht die politische, die Staaten und Wirtschaftswelt in ewiger, zeitweise sehr schneller Umbildung begriffen wäre, und wenn alle Menschen so klug, so weitsichtig, so rasch über alle diese Umbildungen orientiert wären, daß sie deren Notwendigkeiten und Folgen einsähen. Und wenn zugleich allwissende Vermittler mit unwiderstehlicher Überredungskunst vorhanden und fähig wären, die großen weltgeschichtlichen Interessengegensätze der Völker und der sozialen Klassen rasch auszugleichen. Dem ist aber nicht so.

Die alte und die neue Ideenwelt, die alten und die neuen Interessen stehen sich in der weiten Welt der Wirklichkeit bis jetzt immer zunächst so gegenüber, daß sie zuletzt, wenn kein anderer Ausgleich gefunden wird, die Kräfte messen müssen, im Innern der Staaten und noch mehr im Verhältnis der Staaten untereinander.

Wer etwas von der wirtschaftlichen Entwicklung und von der Ausbildung staatlicher Gewalten weiß, der hat erkannt, daß zwar zahlreiche Kriege aus falschem Ehrgeiz, aus religiösem Wahn, aus egoistischen Interessen von Fürsten und Handelsherren hervorgingen, daß all das aber mehr nur den Anstoß, die äußere Veranlassung bot, hinter denen die wirklichen treibenden Ursachen standen.

Die menschliche Kultur ging aus von kleinen Stämmen einiger tausend Seelen, die in ewigem Kleinkrieg sich befehdeten und sehr häufig sich vernichteten. Stammesbündnisse wurden da und dort darüber Herr; öfter noch erobernde Nomaden- und Kriegerstämme, denen die Bildung großer Reiche gelang. Folgte der Vereinigung in große Staaten nicht die innere kulturelle, so fielen diese aber bald wieder auseinander. Und die nun entstehenden Kleinstaaten bekriegten sich nicht ganz so, wie die älteren Stämme, aber doch so, wie zum Beispiel die italienischen Staaten untereinander nach dem Untergang der Staufer. Die unendlichen Schwierigkeiten, kleine Staaten mit etwas höherer wirtschaftlicher Kultur, mit Schiffahrt und Handel durch Bündnisse zu einen, wurden wohl vereinzelt in der Weltgeschichte auch friedlich überwunden: im alten Griechenland, im italischen Städtebund, den Rom leitete, im deutschen Zollvereine. Aber alle solche Bundesverträge waren doch so lose gefügt, daß sie die großen internationalen Gefahren der Interessengegensätze selten bestanden, nicht leicht in Einheitsstaaten übergingen; auch dem Zollverein gelang es, in das Deutsche Reich überzugehen nur im Zusammenhang mit den Kriegen von 1864 und 1866. Im Mittelalter hatten Papst und Kaiser für lange eine Art schiedsrichterliche Obergewalt über die romanisch-germanischen Staaten gehabt. Sie hatten zugleich vom 8. bis zum 13. Jahrhundert dafür gesorgt, daß die abendländische Staatenwelt nicht den eindringenden Arabern, Normannen, Ungarn und Mongolen erlag. Als ihre Macht vom 13. Jahrhundert an verblaßte, entstand, sagt Ranke, der in Europa notwendige Krieg aller gegen alle für lange Zeiten. Und als in späterer Zeit an die Stelle von Kaiser und Papst ein recht unvollkommenes, stets verletztes Völkerrecht und die Idee des europäischen Gleichgewichts sich setzte, mußten diese ideellen Einheitstendenzen noch mehr und noch öfter versagen.

Das innere Gesetz des Wachstums der Bevölkerung, der Produktion, des Handels läßt absolute Ruhe der Beziehungen der Staaten untereinander nicht zu; sie wäre nur zu erkaufen durch Stillstand und Stagnation aller Staaten. Die Länder der Barbarei und Halbkultur können meist nur durch die Herrschaft von Kulturstaaten dem Fortschritt, der friedlichen Kultur erschlossen werden. Oft dringen Handel und Kapital, technischer Fortschritt und höhere Lebensform versuchsweise in die rohen Länder ein, sind aber bald so bedroht, daß nur die Unterwerfung unter höhere Rassen den Fortschritt sichern kann. Alle kleinen, später auch die großen Kulturstaaten haben eine natürliche Tendenz, ihre Grenzen hinauszurücken, an Meere und große Ströme zu kommen, Handelsniederlassungen und Kolonien draußen in der Welt zu erwerben. Und da stoßen sie stets auf fremde Völker, mit denen sie sich ab und zu vertragen, häufiger aber kämpfen müssen. Wirtschaftliche Entwicklung und staatliche Expansion, Handelsfortschritt und Machtsteigerung sind meist unlöslich verbunden, auch da, wo der oberflächliche Blick nur Machtfragen sieht.

Man hat oft gesagt, im 17. und 18. Jahrhundert, in der Zeit des Merkantilismus und der Ausbildung der heutigen Nationalstaaten, hätten wirtschaftliche, Handels- und Kolonialkriege die ältere Epoche der Religionskriege verdrängt. Der Zug Gustav Adolfs nach Deutschland habe mehr als die Rettung des Protestantismus die wirtschaftliche Herrschaft über die Ostsee zum Zwecke gehabt. Der achtzigjährige Kampf der Vereinigten Niederlande gegen Spanien, der zunächst der freien Fahrt nach Indien, dem Erwerb der Molukken galt und dann der Eroberung Brasiliens, hat diesen Freistaat geschaffen und bis 1672 zur ersten und reichsten Seemacht Europas gemacht. Diese Suprematie zu brechen, war das Ziel der Cromwellschen Navigationsakte, wie der meisten Seekriege Englands, das nach Büsch' Ausspruch aus dem Jahre 1797 von 1653-1797 nicht weniger als 66 Jahre in den blutigsten Kämpfen zur See zubrachte. Es hat zuletzt im Revolutionszeitalter vor allem mit Frankreich um die Weltseehandelsherrschaft gekämpft, es hat die Flotten aller anderen Staaten vernichtet, es hat ihnen die besten Kolonien weggenommen, es hat so seinen Handel und Wohlstand riesenhaft gesteigert. Einige seiner früheren Kriege dienten eigentlich nur dem freieren Schmuggelhandel in den spanisch-westindischen Kolonien.

Frankreichs Kriege von 1496-1789 zielten auf die Ausweitung in Europa; es wollte sich in Italien festsetzen, seine Grenzen nach Spanien, Deutschland, den Niederlanden ausdehnen und zugleich ein zweites Frankreich in Ostindien und in Nordamerika gründen. Das waren damals nicht an sich falsche Tendenzen, aber sie mußten in der Hauptsache daran scheitern, daß zu Großes, zu Verschiedenes auf einmal erstrebt wurde. Dafür konnten auch die großen Mittel der zentralisiertesten Militärmonarchie nicht ausreichen.

Österreichs große Kriege im 17. und 18. Jahrhundert dienten dem Schutz des eigenen Landes und Mitteleuropas gegen die Türkeneinfälle, der politischen Zusammenfassung der von heterogenen Stämmen bewohnten Donaulande und der Erhaltung des europäischen Gleichgewichtes. Seine Stellung als europäische Macht zwischen Frankreich, Rußland und der Türkei war schon damals eine europäische Notwendigkeit und hat sich deshalb auch während der Kriege von 1792-1815 so unverändert erhalten.

Der preußische Staat stellt die Vereinigung einer Anzahl deutscher Territorien durch Erbrecht dar; er bewies aber seine Notwendigkeit und sein Recht auf eine gewisse Ausdehnung durch die Kriege des Großen Kurfürsten und Friedrichs des Großen. Mit diesen Kriegen wurde er im Zentrum Europas der bestregierte Beamten- und Militärstaat, der durch seine Wucht Napoleon I. niederwarf und 1864, 1866 und 1870 das Deutsche Reich zu gründen fähig war. Er allein hat es verhindert, daß Deutschland nicht geteilt wurde zwischen Österreich, Rußland, Schweden und Frankreich, so wie Polen das Schicksal der Teilung erlebte.

Nach Epochen häufiger, sich rasch folgender Kriege bedarf die Kulturwelt wieder längerer Ruhe. So im 18. Jahrhundert nach der Kriegszeit von 1689-1713; so im 19. Jahrhundert nach den Revolutions- und Napoleonischen Kriegen von 1792-1815. Die Friedensschlüsse von 1814 und 1815, so unvollkommen sie waren, hatten ein gewisses Gleichgewicht der großen Staaten hergestellt. England war der eigentlich gewinnende Teil gewesen. Es war an Kolonien, Seeherrschaft und Macht so gewachsen, daß es begreiflich ist, wie es dazu kam, zunächst an einen ewigen Frieden zu glauben, von 1830-1870 für Selbständigmachung seiner Kolonien, Verminderung der Flotte, der Steuern und Zölle zu schwärmen. Ausdehnungen anderer Mächte an der Peripherie berührten damals das europäische Gleichgewicht nicht; so der Zug Frankreichs nach Algier 1830, die Ausdehnung Rußlands im Kaukasus, die Erwerbung von Texas und dem Westen des Kontinents durch die Vereinigten Staaten in den vierziger Jahren, als England dort heimlich die Annexion vorbereitete.

Nach der Mitte des Jahres rückten drei sturmbringende Fragen in den Vordergrund: die Herstellung der deutschen und der italienischen Einheit und die europäische Türkenherrschaft, die seit der Befreiung der Griechen von der Türkenherrschaft als Anachronismus erschien; Konstantinopel war in den Gesichtskreis russischer und griechisch-orthodoxer Wünsche getreten. Daher die russisch-türkischen Kriege 1828, 1854, 1878, der italienische Feldzug 1859, die deutschen Kriege 1864, 1866 und 1870. So bedeutungsvoll die Einheit Italiens und Deutschlands wurde, so sehr sie gewisse Machtverhältnisse verschob und Eifersucht auslöste (der Krieg von 1870 entsprang dem falschen Verlangen Frankreichs, das für die italienische Einheit Nizza und Savoyen erhalten hatte, nun auch ein Stück Deutschlands am Rhein zu bekommen), zunächst fügten sich die anderen Mächte in die beiden natürlichen und berechtigten nationalen Einheitsprozesse. Das Wichtigste war, daß England 1864, 1866 und 1870, so schwer es ihm wurde, doch nicht in die deutsche Einheitsbildung hemmend eingegriffen hatte. Ein geistreicher Historiker, Kollege von mir, pflegt zu sagen: »Als England 1862-1864 nicht für die amerikanischen Südstaaten, 1864 nicht für Dänemark eintrat, gab es seine alte Weltherrschafts- und seine Faustrechtspolitik auf; es hätte durch das Eingreifen damals den wunderbaren Aufstieg der Vereinigten Staaten und Deutschlands bis heute hindern können.«

Aber Großbritannien tat anders; es führte unter Disraelis Leitung die Rückkehr zu einer großen Eroberungs- und Kolonialerwerbungspolitik aus. Es steigerte seine Herrschaft 1880-1912 von etwa 27 auf über 30 Millionen Quadratkilometer, von 300 auf über 400 Millionen Einwohner. Frankreich und Rußland folgten England auf diesem Wege. Langsam, zögernd und bescheiden auch einige andere Staaten. Neue Macht- und internationale Konkurrenzfragen entstanden, daneben Fragen der Erhaltung des eigenen Absatzes in der Fremde, der draußen angelegten Kapitalien. Es vollzog sich so in den letzten 30 Jahren die Teilung Afrikas, die letzte große Teilung der Erde überhaupt, unter die bestehenden Mächte, d. h. unter die, welche am raschesten, geschicktesten, skrupellosesten zugriffen. Damit war eine ganz neue Weltlage, die tiefgreifendste Veränderung der Machtverhältnisse, der Wirtschaftsbeziehungen unter den Staaten geschaffen. Die koloniale Merkantilpolitik schien wiederhergestellt. Imperialismus wurde die Losung allerwärts! Steigende militärische Rüstungen, Flottenbau und Schutzzollsystem, die man mehr oder weniger 1840-1870 überwunden glaubte, wurden wieder notwendige Hilfsmittel, um in die neu entstehenden Handels-, Kolonial- und sonstigen Ausdehnungsrivalitäten, in den neuen Kampf um Raum für die Menschen, Raum für das zinstragende Kapital und Raum für den gewinnbringenden Absatz einzugreifen.

Immer gelang es, bei allen zunehmenden gegenseitigen feindlichen Tendenzen und Rüstungen einen erheblichen Teil der auftauchenden Interessen- und Wirtschaftskonflikte friedlich zu lösen. Man grenzte die Interessensphären ab, wirkte in diesem oder jenem mit dem Gegner zusammen, um ihn nicht allein handeln zu lassen. England und die Vereinigten Staaten vertrugen sich. Rußland und England einigten sich über Persien, Deutschland und Frankreich über Marokko. Die Festsetzung der Deutschen in Afrika hatte man in den achtziger Jahren (später auch die in China) geduldet; so duldet man jetzt wieder die Besetzung von Tripolis durch Italien und den Losbruch der Balkanstaaten gegen die Türkei. Aber in steigendem Maße wuchs doch die Spannung: jede der großen Mächte hatte dies und jenes, was gegen ihr Interesse war oder schien, mit dem Gefühle eingesteckt: dem nächsten Schritte gegen mich muß ich mit den Waffen entgegentreten.

Und die wachsende internationale Spannung wird durch zwei Umstände gesteigert: 1. durch die steigende Demokratisierung der Verfassungen und die Verstärkung der öffentlichen Meinung, selbst in autokratisch regierten Staaten, und 2. durch die Tatsache, daß neben den leitenden Regierungen die großen Geld- und Spekulationsmächte einen wachsenden Einfluß auf Krieg und Frieden bekommen haben.

Selbst in Rußland haben panslawistische Strömungen, haben Sympathien mit den glaubens- und stammesverwandten Südslawen heute einen großen, die Kriegstendenzen der Militärpartei steigernden Einfluß. In England steht den liberalen und demokratischen Friedensfreunden eine starke populäre Strömung imperialistisch-konservativer Art gegenüber. In Deutschland trieft die Sozialdemokratie von Kriegsfeindschaft, aber gegen Rußland zu marschieren erklärt sich Bebel jeden Tag bereit. In Frankreich hat neben aller Friedensliebe des rentenbeziehenden Bürgertums der gegen Deutschland hetzende Chauvinismus eine bedenkliche Höhe erreicht.

Die großen organisierten Geld-, Kapital- und Trustgewaltigen haben vielleicht in den demokratisch-republikanischen Staaten den größten Einfluß auf die Politik. Aber überall spricht ihre Macht mit; sie sind die Geldgeber für den Krieg; die Hautefinance der Gläubiger- und Rentnerstaaten beherrscht die Schuldnerstaaten. Freilich nur, wer hinter die Kulissen sieht, ermißt die großen Einflüsse dieser Art.

So liegen heute die Kriegs- und Friedensaussichten. Sie werden beherrscht von den kompliziertesten Ursachen der inneren und der auswärtigen, der Macht- und der Wirtschaftspolitik, von den keineswegs einheitlichen Anschauungen und Hoffnungen der Regierungen wie der Völker. Mit falschen und mit ungefälschten Würfeln wird gespielt. Mit Bluff wird gearbeitet wie mit ernsten Drohungen. Sentimentale und idealistische Massengefühle und klare realistische Einsicht und Willensenergie stehen teils sich begrenzend, teils sich verstärkend gegenüber. Edle Menschen und ängstliche Philisterseelen kämpfen für die Friedenserhaltung neben den großen berechtigten Wirtschaftsinteressen. Auch die weitsichtige realistische Staatsleitung ist so weit ganz im Recht, für den Frieden zu wirken, als sie dazu nicht durch Ängstlichkeit bestimmt wird, als sie dabei nicht die großen, prinzipiellen, unantastbaren Grundlagen des eigenen Staates schädigt oder gar preisgibt.

Hier liegt meo voto der entscheidende Punkt. Mit dem wachsenden Verständnis der Staaten und Volkswirtschaften für einander wird es gewiß möglich werden, viel mehr noch als bisher durch eine gute Diplomatie sowie durch gerechte Schiedssprüche alle die kleineren Interessengegensätze der Staatenwelt friedlich aus der Welt zu schaffen. Das ist das Berechtigte an den Friedenshoffnungen der Idealisten, der Demokratie, derjenigen Geschäftswelt, die nicht durch einen Krieg gestört sein will. Aber das gilt nur für die kleineren Konflikte und Interessengegensätze.

Für die großen Lebensfragen einer Nation, eines Staates muß die Regierung wagen, auch zu kämpfen, wenn sie wirklich bedroht sind. Eine Regierung, die das nicht tut, stellt sich ein Unfähigkeitszeugnis aus; sie verweist damit die Nation auf den Niedergang, auf das kommende Ende. Wohl kann sie einer ungünstigen Machtkonstellation einmal ausweichen, wenn sie sicher ist, bald eine für ihren Sieg günstigere zu schaffen. Wohl kann sie falsche Prätensionen, zum Beispiel die einer Weltherrschaft, aufgeben, wenn sie sieht, daß sie doch unter allen Umständen unhaltbar ist. Wohl kann sie falsche Eroberungen aufgeben, die mit dem modernen Zeitgeist und dem Völkerrecht unverträglich sind. Aber schon in solchen Fällen doch nur, wenn sie vergeblich für die Erhaltung ihrer bisherigen Macht gekämpft hat.

Im ganzen muß jedes Volk, das an sich selbst glaubt, sich eine Regierung schaffen, die fähig ist, Kriege zu wagen und wenn möglich zu siegen – sofern die Existenz des Staates, die Zukunft des Volkes, die gesunde Entwicklung der Kultur, der Volkswirtschaft in Frage gestellt ist. Sie muß den Krieg wagen, solange irgendeine Hoffnung des Sieges, der Selbsterhaltung vorhanden ist.

Werfen wir von diesem Standpunk aus einen Blick auf die heutige Weltlage und die heute hauptsächlich für Krieg und Frieden in Frage kommenden Mächte.

Von Großbritannien droht keine Verschärfung der Kriegsgefahr. Es hat in seinen Millionen indischer Mohammedaner eine dringliche Veranlassung, die Türkei zu schonen. Seine Verstimmung über die deutsche Flotte hat wesentlich nachgelassen. Es sieht wohl auch ein, daß es zwischen 1899 und 1903 vielleicht noch ohne zu große eigene Gefahr die deutsche Flotte vernichten konnte; jetzt muß es sich mit ihrer Existenz abfinden und kann es, da sie wirklich ihre Spitze nicht gegen England richtet.

In Frankreich dagegen steigt die Neigung, sich gegen Deutschland zu wenden. Und daher die Möglichkeit der Benützung jeder schwierigen internationalen Lage. Es wäre aber eine unsagbare Torheit, wenn die französische Regierung bei dieser Gelegenheit sich Elsaß-Lothringen wieder holen wollte; es wäre ein Rückfall in die verhängnisvollsten Fehlgriffe Ludwigs XIV., Napoleons I. und Napoleons III. Frankreich ist ein reiches, blühendes Land alter Kultur. Die Gefahr, vor der es steht, ist, ein bloß behäbiger Rentnerstaat zu werden. Ohne selbst volkswirtschaftlich bedeutend fortzuschreiten, wird es der Gläubiger aller kapitalsbedürftigen Volkswirtschaften und Staaten. Aber eine volkswirtschaftliche und politische Großtat gelang ihm seit 1870: die Gründung eines zweiten jugendlich frischen Frankreich im nahen Nordafrika; das kann ihm die eigene Verjüngung bedeuten. Aber es stört diese größte Aufgabe des Landes, wenn es sich in andere Verwicklungen und Kriege stürzt, um ein kleines Grenzland zurückzugewinnen, das Ludwig XIV. gewalttätig annektierte, das heute in der Hauptsache noch deutsch ist. Es ist eine falsche Sentimentalität, wie es eine solche wäre, wenn etwa Italien die italienischen Grenzstriche zurückforderte, die es an Frankreich unter Napoleon III. abtreten mußte.

Das offizielle Rußland sieht ein, wie falsch es wäre, wenn es mit Österreich-Ungarn Krieg anfinge, weil seine siegreichen Vasallenstaaten auf dem Balkan im Rausch über ihre Erfolge so viel fordern, daß weder die habsburgische Monarchie, noch Italien und Rumänien, noch die Türkei, noch das übrige Europa ihnen alles konzedieren können, was sie begehren. Die Slawophilen und gewisse Teile des russischen Hofes und des hohen Militärs setzten zunächst eine große Rüstung durch. Man konzedierte sie, weil Rußland zu jeder Kriegsrüstung schon wegen der ungeheuren Entfernungen viele Monate braucht. Nun steht man kriegsbereit und soll das Schwert wieder in die Scheide stecken. Wenn aber einigermaßen der gesunde Menschenverstand siegt, so wird Rußland nicht zum Kriege schreiten. Es hat im Augenblick so große innere Aufgaben, die Einlebung in die neue Verfassung, die Durchführung der riesenhaften Bauernreform und inneren Kolonisation, die volkswirtschaftliche Neuordnung Turkestans; es hat alle Ursachen, seine Staatsschuld nicht durch weitere auswärtige Anlehen übermäßig zu erhöhen; sein Verhältnis zu China und Japan, zu Persien nimmt die Kräfte in Anspruch; es muß auf Englands Stimmung Rücksicht nehmen, da es seine Politik auf ein Zusammenarbeiten mit ihm eingerichtet hat. Selbst ein siegreicher Krieg mit Österreich-Ungarn kann ihm nicht viel bringen; ein Sieg Österreichs würde ihm ungeheuer schaden. Die russische Besitznahme Konstantinopels wäre mehr eine Befriedigung von Eitelkeit und Sentimentalität als ein reeller Vorteil. Einen freieren Zugang zum Mittelmeer muß Rußland bei England durchsetzen; die unnötige Unterstützung der Balkanstaaten bringt ihm die Erfüllung dieses Wunsches nicht.

Die österreichisch-ungarische Monarchie kann ruhig zusehen, wie die Dinge weitergehen. Will Rußland den Krieg, so ist es gerüstet, und die einsichtigsten Politiker glauben, es werde siegen. Die neuen christlichen Balkanstaaten sind auf ein gutes Einvernehmen mit Österreich angewiesen. Daß die neue Abgrenzung dieser Staaten im Einverständnis mit Österreich und nicht gegen seine wichtigsten Lebensinteressen erfolge, dafür tritt nicht nur die Wiener Regierung, sondern auch Italien ein. Irgendeinen Versuch, sich selbst auszudehnen, hat Österreich richtigerweise nicht gemacht. Es hat die denkbar größte Mäßigung vor und nach Ausbruch der Balkankrisis sich auferlegt. Ihm verdankt es Europa mit am meisten, wenn der Friede zwischen den großen Mächten erhalten bleibt.

Sollte er zuletzt doch unmöglich werden, so kann Österreich-Ungarn getrost das Schwert ziehen. Es hat dann das vollste Recht dazu. Und der Historiker wird ihm zuversichtlich dann zurufen: Du tust recht!

Denn der Krieg hat auch seine Ehre,
Der Beweger des Menschengeschlechts!

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