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Die heutige deutsche Judenfrage.

Schmollers Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft im Deutschen Reiche (1917). 41. Bd., 2. Heft. S. 563-567. Die nachstehenden Ausführungen wurden bereits in der »Täglichen Rundschau« Nr. 27 vom 16. Januar 1917 abgedruckt, weil die Umstände es angezeigt erscheinen ließen, mit einer Veröffentlichung nicht bis zum Herauskommen dieses Jahrbuchheftes zu warten. Der nochmalige Abdruck aber an dieser Stelle erfolgt, weil, wie ersichtlich, ein enger Zusammenhang zwischen diesen Ausführungen und meinen früheren im vorletzten Hefte besteht. G. Sch.

Im vorletzten Hefte dieses Jahrbuches (Band 40, Heft 4) habe ich unter dem Titel »Obrigkeitsstaat und Volksstaat« zwei Bücher besprochen: Hugo Preuß, »Das deutsche Volk und die Politik«, und Hans Delbrück, »Regierung und Volkswille«. An die beweglichen Klagen von Preuß über Ausschließung von Staatsbürgern von der verfassungsmäßigen Gleichberechtigung wegen ihrer Abstammung und ihres religiösen Bekenntnisses, knüpfte ich einige ganz harmlose Bemerkungen darüber an, daß viele Leute fänden, diese mißhandelten Staatsbürger erschienen da und dort in diesen oder jenen einflußreichen Stellungen schon fast als herrschende Elemente.

In der Presse entstand darüber, zunächst auf Grund kurzer, nicht ganz zutreffender und einseitiger Notizen über den Inhalt meines Artikels, ein Sturm des Unwillens bei den jüdischen und philosemitischen Blättern, des Jubels bei den antisemitischen. Berge von Briefen und Zuschriften von mir meist unbekannten Schreibern drückten mir ihren Unwillen, einige aber auch ihre Zustimmung aus. Auch jüdische Zustimmungen fehlten nicht. Antworten kann ich auf diese Zuschriften nicht im einzelnen. So sei ein allgemeines Wort über meine Stellung zur Judenfrage gestattet.

Ich habe zeitlebens mich weder als Philo- noch als Antisemit gefühlt. Ich hatte mit meine besten Freunde unter Juden und Halbjuden. Ich suchte immer mir ein objektives historisches Urteil über die einschlägigen Fragen zu bilden und zu bewahren.

Die Grundlage eines gerechten Urteils über die politische und gesellschaftliche Judenbehandlung im modernen Staate, wie in den Staaten der Vergangenheit, muß stets die Beantwortung der Fragen bilden: wie groß ist die Zahl der Juden im betreffenden Staate gegenüber den germanisch-christlichen Elementen, wie groß ist die Zahl der höher gebildeten Juden und die des jüdischen Mittelstandes und der jüdischen Arbeiter, wie ist die räumliche Verteilung der Juden, wohnen sie kompakt für sich oder ganz zerstreut unter den Christen; endlich wie hoch ist das politische und kulturelle Niveau des Volkes, unter dem die Juden leben, wie ist die religiös-kirchliche Entwicklung des betreffenden Volkes und der unter ihm lebenden Juden?

In älteren Zeiten waren die Probleme, die sich beim Durcheinanderwohnen verschiedener Rassen, Völker, Religionsgemeinschaften ergaben, unendlich viel schwieriger als in neuerer Zeit. Man konnte sich am ehesten helfen durch ganz getrenntes Wohnen. Daraus erklärt sich die heutige russische Judenpolitik, das getrennte Judenghetto in den mittelalterlichen Städten. Rohere, primitive Menschen konnten sich die anderen Volkselemente und Rassen nur als Feinde denken. Jeder Fremde galt einstens selbstverständlich als Feind, den man ausschloß, vertrieb, mißhandelte. Bedurfte man seiner trotzdem, so mußte er besondere Privilegien erhalten, deren beliebigen Widerruf man sich vorbehielt. Immer blieb er verdächtig, man traute ihm alles Schlechte zu, besteuerte ihn übermäßig, nahm ihm zeitweise sein Vermögen halb oder ganz, verbrannte zeitweise ganze Judenschaften unter diesem oder jenem Verdacht. Nur wenige hochstehende Fürsten und Bischöfe sahen die Nützlichkeit und Tüchtigkeit der Juden, schützten sie, solange es ging.

Das war das mittelalterliche Judenschicksal; es war das Schicksal rassenfremder Minoritäten überall in der Kulturgeschichte. Langsam rang sich aus solchen psychologischen und kulturgeschichtlichen Zuständen die Idee heraus, daß die Menschen vor Gott gleich seien, also auch von den Menschen so behandelt werden sollten.

Die Aufklärung des 18. Jahrhunderts, die politischen Ideen des 19. brachten nach und nach den Anfang der äußeren Rechtsgleichheit. Soll eine solche Früchte tragen, so muß sie verbunden sein mit einer Assimilation, wie sie am leichtesten in den oberen Schichten der rassefremden Minorität eintritt, während deren mittlere und untere Schichten noch Generationen hindurch in ihrem geistigen, geselligen Sonderleben verharren.

Seit 1848-70 hat die Assimilation der obersten Judenschichten in Deutschland große Fortschritte gemacht; unter dem Einfluß der humanitär-liberalen Ideen, des beginnenden Konnubiums zwischen Germanen und Semiten, des wachsenden Übertritts der assimilierten oberen Schichten des Judentums zu einer der christlichen Konfessionen. Aber die Assimilation ist noch weit entfernt, vollendet zu sein; sie wird immer wieder gehindert durch Judenhetzen der geschäftlich von der Judenkonkurrenz getroffenen Germanen und durch die stete Zuwanderung nicht assimilierter östlicher Judenelemente, durch die noch vorhandene Abschließung der jüdischen Kreise unter sich, besonders der mittleren und unteren Judenschichten, wie sie in Posen, in Polen ja noch ganz getrennt von den Christen unter sich leben. Die Verschmelzung ist in Frankreich und England viel leichter gewesen, weil die Zahl der Juden dort so sehr viel kleiner war und ist, und die dortigen Juden von einer Judenaristokratie stammen, die teilweise schon seit Jahrhunderten in Italien, Portugal und Spanien ganz oder halb sich assimiliert hatte, während die deutsche Judenzuwanderung aus dem Osten stammt und in den paar ersten Generationen vielfach noch jeder Assimilation widerstrebt.

Die Assimilation vollzieht sich durch gleiche Schulen, gleichen Universitätsbesuch, durch die Einwirkung der Literatur, die herrschende allgemeine Gedankenwelt, durch geselligen Verkehr, endlich am intensivsten durch das Konnubium.

Wenn man sich nun fragt, was soll heute geschehen, so ist die erste Vorfrage: was ist erreichbar; dann erst kommt die zweite: was ist wünschenswert? Eine Austreibung aller Juden aus Deutschland ist unmöglich, wäre eine Barbarei, wäre auch ein Schaden für unsere Kultur. Alle höhere Kultur, der heutige Bestand der höchststehenden Völker beruht auf Rassenmischung. Nicht jede Rassenmischung freilich schafft gutes Menschenmaterial. Die Mischung von sehr hoch und sehr niedrig stehenden Menschen erzeugt unausgeglichene Charaktertypen oft der schlimmsten Art: Menschen, welche die schlechten Eigenschaften der beiden gemischten Rassen haben. Aber die Mischung einigermaßen sich nahestehender Typen von Menschen darf nach unserer heutigen Rassenlehre als eine Ursache der körperlichen und geistigen Hebung der Eigenschaften gelten (siehe meinen Grundriß I, S. 147-160; Reibmayr, Die Entwicklungsgeschichte des Talents und Genies, 2. Bd., 1908). Wir haben also keine Ursache, die Existenz von 615 021 Israeliten unter 60 Millionen Einwohnern in Deutschland für bedenklich oder gar schädlich zu halten. Ja, es scheinen mir triftige Gründe für das Gegenteil zu sprechen.

Ich halte zumal das westdeutsche Judentum, vollends das assimilierte, für eine glückliche Zugabe zur germanischen Rasse. Es gibt uns Geisteskräfte, die uns mehr oder weniger fehlen, oder wenigstens früher fehlten; es hat die deutsche Volkswirtschaft sehr gefördert. Aber es schließt die Gefahr in sich, daß es durch seine geschäftliche Überlegenheit, die es oft noch und zwar mannigfach durch zweifelhafte Mittel ausnützt, viele innere soziale Verstimmungen und Kämpfe erzeugt. Die Neigung des Juden, wo er in eine einflußreiche, herrschende Stellung kommt, die Germanen und Christen zu benachteiligen, ist noch so mannigfach vorhanden, daß Rückschläge in der judenfreundlichen Stimmung aller Liberalen immer wieder vorkommen, und daß die Verstimmungen konservativer, bäuerlicher, kleingewerblicher, hausindustrieller Kreise heute noch nicht so weit verschwinden können wie in Westeuropa. Es ist daher im Interesse der Juden selbst, daß ihre Vorherrschaft in gewissen Stellungen, Berufen, Ämtern nicht zu sehr, nicht zu sichtlich sich geltend mache. Starke Verstimmungen mußten kommen, wenn es den Anschein gewinnt, eine Stadt wie Berlin sei wesentlich in ihrer Verwaltung durch Juden beherrscht. Daß dieser Beherrschung ihre Spitze abgebrochen wird durch einen Oberbürgermeister wie Wermuth, sehen die Fernerstehenden nicht so, wie den Einfluß der jüdischen Führer. Die Überlegenheit des jüdischen Geschäftsmannes mag sich heute vielfach beschränken auf gewisse ländliche, kleingewerbliche Kreditverhältnisse; der Wucher auf dem Lande mag stark abgenommen haben. Aber vorhanden ist er immer noch, und das Volk glaubt daran, fühlt sich mehr getröstet dadurch, daß an anderen Stellen dem Juden auch noch nicht volle Gerechtigkeit widerfährt.

Das ist gewiß der Fall in der jüdischen Offiziersfrage. Die Nichtwahl von tüchtigen Juden in die meisten Regimenter zum Reserveoffizier ist gewiß ein Verstoß gegen die verfassungsmäßig garantierte Rechtsgleichheit. Aber es fragt sich, ob es heute schon angezeigt wäre, das freie Wahlrecht des Offizierskorps aufzuheben, ob, wenn bloße Ernennung von oben her entschiede, das Offizierskorps nicht dadurch geschädigt würde, viel von seiner wünschenswerten Einheitlichkeit und Harmonie verlöre.

Wenn heute der betreffende Offizierskandidat sich taufen läßt, so wird er in der Regel gewählt. Das verletzt die Gefühle aller freier Denkenden. Aber es darf auch nicht übersehen werden, daß die strengen und orthodoxen Christen eben heute noch glauben, daß der getaufte Christ zu Gott durch die Taufe in ein ganz besonderes, ihn innerlich umbildendes Verhältnis komme. Das glaubt der Freidenker nicht, er findet mit Recht, daß meist die charakterlosen Juden es sind, die sich aus äußerlichen Gründen taufen lassen. Aber wer auf mystisch-orthodoxem Standpunkt steht, wie ein Teil unserer östlichen Landaristokratie, ein großer Teil unserer Offiziere, kann nicht so urteilen. Übrigens weiß ich aus zuverlässiger Quelle, daß neuerdings vielfach und gerade in Berlin Wahlen von jüdischen Reserveoffizieren zum Leutnant stattfanden. Es soll schon etwa 200 solcher geben, und ich hoffe, das wird so bleiben und sich ausdehnen. Diese Hoffnung wird sich in dem Maße realisieren, als die religiösen Gegensätze sich mildern, als der innere sittliche Gehalt der christlichen und der jüdischen Religion mehr als das Dogma und die Mystik zur Hauptsache werden; als die Juden selbst da, wo sie die Macht haben, ebenso duldsam und gerecht gegen die Nichtjuden werden, wie sie es von den Christen verlangen.

Hätten wir nur Nathan-Naturen unter unseren 600 000 deutschen Juden, so gäbe es überhaupt heute kaum eine Judenfrage mehr; aber wir haben auch noch Shylock-Naturen, und die Mehrzahl der Juden steht vielleicht zwischen diesen beiden Extremen in der Mitte. Ganz ebenso ist es freilich auf christlicher Seite. Peccatur intra muros et extra.

Die christlichen und die jüdischen Nathan-Naturen müssen sich die Hand reichen, um die jüdischen Shylock-Naturen und den christlichen, germanischen Rassenstolz und die althergebrachten Vorurteile, die Sitten, die zur Unsitte geworden sind, zu bekämpfen. Dazu wird sicher der Krieg wesentlich beitragen. All Derartiges braucht aber Zeit. Ich bin sicher, daß in hundert Jahren das meiste, was die besten Männer auf beiden Seiten heute beklagen, beseitigt oder so gemildert ist, wie wir es wünschen müssen.

Aber von heute auf morgen lassen sich bestehende Massenüberzeugungen und die entsprechenden Sitten nicht ändern.

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