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Die wirtschaftliche Zukunft Deutschlands und die Flottenvorlage.

Dieser Vortrag wurde in ziemlich anderer Form am 28. November 1899 in Berlin in der Philharmonie im Auftrag der freien Flottenvereinigung, dann in der Hauptsache so, wie er hier abgedruckt ist, am 28. Januar 1900 in Straßburg i. E. und am 30. Januar in Hannover gehalten.

I.

Hochverehrte Versammlung!

Als in den letzten Wochen in Deutschland so vielerorts Feiern veranstaltet wurden, die wesentlich Rückblicke auf das letzte Jahrhundert enthielten, da konnte man viel wahre und stolze Worte darüber hören, was wir in Deutschland erreicht hätten, warum wir getrost in die Zukunft blicken könnten. Vor 100 Jahren ein armes Volk von Bauern und Handwerkern, von Denkern und Dichtern in einigen hundert machtlosen Mittel-, Klein- und Duodezstaaten; heute ein großes, einiges, mächtiges Reich, dessen Wohlstand, Großindustrie und Technik, dessen Heer und Beamtentum, dessen Verfassung und freie Selbstverwaltung, dessen Macht und Stärke weit über seine Grenzen hinaus gepriesen werden! Ja, wir können heute stolz und dankbar sein. Aber nicht vergessen dürfen wir dabei, daß doch in dem abgelaufenen Jahrhundert unsere Nachbarn vielleicht noch Größeres erreicht haben. Nicht mit Unrecht erinnerte Herr v. Wilamowitz in seiner wunderbar schönen Gedächtnisrede in der Berliner Universität daran, daß die Französische Revolution das 19. Jahrhundert eröffnete und ihm politisch seinen Stempel aufdrückte, daß Rußland die arische Kultur über den Kaukasus bis an den Stillen Ozean trug. Er hätte hinzufügen können, daß all unser Wohlstand und unser Handel weit zurückbleibt hinter den Leistungen britischer Welthandelsherrschaft und den Wundern nordamerikanischer Technik und Kolonisation.

Seien wir also nicht zu stolz. Lassen wir uns auch nicht dadurch täuschen, daß wir eben jetzt von 1894-1900 eine so glänzende Aufschwungsperiode erlebt haben wie kaum in den fünfziger, sechziger und siebziger Jahren. Gewiß, unser Handel, unsere Schiffahrt, unsere Industrie nahmen überraschend zu; mehr als in anderen Ländern. Es fehlte allerwärts an Arbeitskräften; es gab Überschüsse über Überschüsse in unseren Etats. Und kein Zweifel, auch wenn das Wirtschaftsleben jetzt bereits wieder langsamer pulsiert, vielleicht da und dort schon stockt, wir können von weiteren solchen Epochen des Aufschwungs noch die eine oder andere erleben. Aber sie werden immer schwieriger und seltener werden, wenn wir nicht unser wirtschaftliches Leben auf etwas breiteren und sicheren Boden stellen.

Wir sind das kinderreichste Volk des alten Europa, nehmen jährlich etwa um 1 Prozent zu. Wir haben unsere Zahl in 70 Jahren (1824-1895) von 24 auf 52 Millionen gebracht und in dieser Zeit noch 6-7 Millionen Deutscher übers Meer gesendet. Wir werden sicher weiter so wachsen. Was wird die Folge sein? Haben wir den Raum dafür? Können wir uns zu Hause ausdehnen, unsere Grenzen hinausrücken?

Wir sind ein friedliches Volk, denken an keine Eroberungen; unsere Nachbarstaaten sind dicht bevölkerte Länder, mit denen wir friedlichen Verkehr haben wollen, nicht mehr; die auch, wenn uns je noch das eine oder andere zufiele, uns nicht Raum für Kolonisation, für neue Städte und Dörfer bieten würden, wie Rußland ihn im Osten, die Vereinigten Staaten im Westen, Frankreich im Süden, in Nordafrika, hat. In Algier ist heute noch für 20 Millionen Franzosen genügender Raum. Und sie bleiben in direkter Verbindung mit der Heimat, innerhalb derselben französischen Zolllinie. Wir haben keine Aussicht der Art. Wir sind auf unsere europäischen Grenzen für immer angewiesen.

Der Philister sagt, es sei ja doch noch viel Platz im Vaterland; der Schwärmer für landwirtschaftlichen Fortschritt meint, wir könnten unsere Ernten verdoppeln; der Fabrik- und Exportenthusiast meint, wir könnten Industrieprodukte in unbegrenzter Menge ausführen; der Auswanderungsagent erklärt, es sei ganz gut, wenn wir im nächsten Jahrhundert die doppelte oder vierfache Zahl Auswanderer nach fernen Weltteilen schickten. Aber es kommt darauf an, in welchem Umfang solche Hoffnungen berechtigt, in welchem sie täuschend oder falsch sind. Es kommt darauf an, ob wir von den nächsten zehn Jahren oder den nächsten drei Generationen sprechen.

Und das ist eben die Aufgabe jener großen Politik, nicht von heute auf morgen, sondern ebenso an die Zukunft zu denken. Der Werktagsmensch muß freilich im Laufe der gewöhnlichen Geschäfte und Sorgen des täglichen Lebens zufrieden sein, wenn er für die nächsten Monate und Jahre sich alles richtig überlegt hat und demgemäß sein Leben einrichtet. Von ihm ist nicht mehr zu verlangen. Und eben deshalb ist er so schwer für große Pläne zu gewinnen, die seine Kinder, die die Zukunft seines Vaterlandes angehen. Aber wie überhaupt aller geistige und sittliche Fortschritt der Individuen und Völker darin besteht, daß der Horizont sich erweitert, daß die künftigen Ereignisse bei allen Entschlüssen, allen Handlungen mit in Rechnung gezogen werden, so muß vor allem in der Politik der Staaten nicht von heute auf morgen gewirtschaftet, sondern zugleich für die Zukunft gearbeitet werden. Der Philister, der Kurzsichtige, der Alltagsmensch ist von ihren Forderungen freilich immer schwer zu überzeugen; sie ist im einzelnen niemals ganz sicher vorauszusagen. Aber in ihren großen Zügen kann sie doch vor unserer Seele stehen, wenn wir mit historischem Blick an sie herantreten. Darum handelt es sich heute in der Flottenfrage. Wir müssen uns Rechenschaft ablegen, ob ohne eine größere Macht zur See, ohne eine solche, die unsere Küsten vor Blockaden schützt, unseren Kolonialbesitz und unseren Welthandel absolut sicher stellt, unsere wirtschaftliche Zukunft gesichert sei. Alle Sachverständigen und Weitblickenden sagen, mit einer Flotte, wie wir sie jetzt haben, sei das unmöglich. Alle oder die meisten ehrlichen Einwürfe gegen die vergrößerte Flotte beruhen auf der Unfähigkeit der Betreffenden, sich ein zutreffendes Bild von unserer wirtschaftlichen Zukunft zu machen.

II.

Sehen wir uns dieselbe etwas näher an. Die Kernfrage ist und bleibt die Bevölkerungszahl, ihr künftiges Wachstum, die Möglichkeit ihrer Ernährung und sonstigen Versorgung in der Weise, daß sie nicht eingeschränkt, sondern verbessert wird.

Das heutige Deutschland hatte 1700 etwa 14-15 Millionen, 1824 24, 1895 52, heute 56 Millionen Menschen. Es spricht die größte Wahrscheinlichkeit dafür, daß es weiter jährlich um 1 Prozent wachsen wird. Dann hätte es 1965 schon 104, 2135 schon 208 Millionen Menschen. Gewiß können Kriege, Katastrophen, Krankheiten, wirtschaftliche Not die Zunahme aufhalten, zeitweise hindern; die Zunahme kann mit größerer Dichtigkeit langsamer werden. Aber das ändert nicht zu viel. Solange wir ein kräftiges fortschreitendes Volk sind, werden wir um ½-1 Prozent jährlich wachsen, oder wir werden uns unglücklich fühlen. Nur die alternden, absterbenden Nationen wachsen nicht mehr. Mit der Annahme solchen Wachstums stehe ich auch nicht allein. Hübbe-Schleiden hat prophezeit, die Deutschen würden 1980 150 Millionen, die erste französische Autorität in diesen Dingen gar, Leroy-Beaulieu, sie würden in 100 Jahren 200 Millionen ausmachen.

Er fügt bei, die Völker, welche nicht so wachsen, würden in 100 Jahren zur Bedeutungslosigkeit herabgedrückt sein. Meine Damen und Herren, einstens konnten Völker von ½-2 Millionen eine Rolle in der Welt spielen. Die Athener, welche die Perser schlugen, zählten 150 000 Seelen, Venedig hatte als Weltmacht 1,3 Millionen, Holland auf seinem Höhepunkt 2,2 Millionen; selbst Augustus befahl mit seiner Herrschaft über den Orbis terrarum über nicht mehr als 50-60 Millionen. Noch im Anfang unseres Jahrhunderts waren die Staaten mit 10-30 Millionen die mächtigsten. Heute zählen die Vereinigten Staaten schon 66-70, das europäische Rußland über 100. Hübbe-Schleiden schätzt die großbritannischen und amerikanischen Engländer im Jahre 1980 auf zusammen 900 Millionen Menschen, jedes dieser Völker auf 400-500, die Russen auf 300 Millionen. Diese Zahlen sind wohl übertrieben, aber Leroy-Beaulieu kommt zu nicht sehr viel geringeren.

Natürlich hängt diese Schätzung mit der erwarteten Ausbreitung dieser Nationen über Europa hinaus, mit den zu erwartenden großen Wanderungen übers Meer zusammen. Werden sie so erheblich zunehmen? Ich möchte darauf mit einer historischen Betrachtung antworten.

Man wird die historisch uns näher bekannte Geschichte der Menschheit einteilen können in eine ältere Epoche der zu Lande vollzogenen Stammeswanderungen, in eine zweite des Stillstandes der Wanderungen und in eine neue Zeit ihrer Wiederaufnahme zu Wasser.

Die großen Stammeswanderungen zu Lande waren möglich geworden, seit die Menschen die Feuerbereitung, die Metalltechnik, die Viehzähmung und den primitiven Ackerbau gelernt hatten, seit sie ihre Moral und ihre politische Organisation so vervollkommnet hatten, um, in Stämmen vereint, erobernd vorzudringen. Die befähigtsten mongolischen, indogermanischen und semitischen Völker haben so wandernd und erobernd die asiatische und europäische Kultur begründet. Die ersten Jahrhunderte der Völkerwanderung, aus der die heutige Staatenwelt hervorging, stellen den letzten Akt dieses Wanderdramas dar. Sie war fast ausschließlich eine Wanderung zu Lande; denn die damalige Schiffsbaukunst und Schiffahrt erlaubte nicht, große Mengen von Menschen übers Meer zu setzen. Nur einzelne Völker, wie die Phönizier, die Griechen, die Angelsachsen, die Nordmänner haben schon damals den Seeweg gewagt.

Es war natürlich, daß der großen Epoche der Wanderungen nun ein langer Stillstand folgte. In den neuen Gebieten war Raum für Jahrhunderte. Die bekannte Welt schien besetzt. Die Seßhaftigkeit, der Ackerbau, die Städtegründung, das Einleben in der Heimat, die Ausbildung von Gewerbe und Handel, die innere Kolonisation, die Verdichtung der Bevölkerung zu Hause – das waren Aufgaben, die für Jahrhunderte alle Kräfte in Anspruch nahmen. Man vergaß zuletzt, daß die Ahnen einstens von weither eingewandert seien. Von 1300-1800 haben die europäischen Völker sich fast nur nach innen entwickelt, etwa um kleine Grenzveränderungen gestritten, kleine Handelsfaktoreien draußen gegründet; aber das Wandern im großen Stil hatten sie verlernt. Sie haben vielfach sich in engherzigem Philistersinn eingesponnen; die Menschen klebten in ihrer Mehrzahl schwerfällig an der Scholle.

Auch als die Portugiesen und Spanier den Seeweg nach Indien und Amerika entdeckt, wurde das zunächst nicht viel anders. Der unermeßliche Horizont, der sich so auftat, lockte doch zuerst nur eine kleine Anzahl von Kaufleuten, Abenteurern, Soldaten, Kavalieren, Geistlichen und Schiffern hinaus. Bis gegen 1600 waren nur Handelsstationen und feudale Herrschaften jenseits der Meere gegründet; bis 1700 waren die spärlichen englisch-nordamerikanischen Ackerbaukolonien die einzigen, die etwas mehr Menschen übers Meer zogen. Es werden so gegen 1700 wohl nicht über eine Million Menschen europäischer Rasse außerhalb Europas gewesen sein.

Erst als nun in den meisten Staaten Europas die Bevölkerung ganz anders als früher wuchs, und als die moderne Technik und der moderne Verkehr das Wandern übers Meer in ganz anderem Umfang ermöglichten, entstand schüchtern im 18., groß im 19. Jahrhundert eine neue Wanderbewegung, die noch lange nicht auf ihrem Höhepunkt angekommen ist. Es ist die Epoche der Wasserwanderung, die sich über die ganze Erde ausdehnt.

Sie entspringt in erster Linie dem modernen Anwachsen der Menschenzahl überhaupt. Europa hatte wahrscheinlich zur Zeit Luthers etwa 60-70 Millionen Menschen. Im Jahre 1700 werden es etwas über 100, 1800 etwa 180 Millionen gewesen sein, heute sind es 350-380. Noch niemals hat die Menschheit so zugenommen wie in den letzten 200 Jahren; nie noch haben die Fortschritte der Technik und der Staatsorganisation die Entstehung von solchen Millionenvölkern möglich gemacht wie heute.

Im Innern Europas fanden im 17. und 18. Jahrhundert nur vereinzelte Wanderungen statt, hauptsächlich, wenn kirchliche Intoleranz irgendwo die besten Bürger vertrieb, wie das Frankreich und Österreich taten. England und Preußen waren dabei die gewinnenden Teile. Aber über eine halbe Million Menschen sind doch 1640-1800 nicht in Preußen eingewandert. Etwa 100 000 Deutsche wanderten im vorigen Jahrhundert nach Nordamerika. Etwas größer war wohl die Zahl der dorthin gewanderten Engländer. Und im ganzen werden, wie Levasseur berechnet, im Jahr 1800 die Europäer in fremden Weltteilen auf 9,5 Millionen zu schätzen sein. Sie waren bis zum Jahr 1890 auf 91 Millionen gestiegen, wovon die Mehrzahl natürlich außerhalb Europas geboren ist. Immer kann die europäische Auswanderung im 19. Jahrhundert auf etwa 20 Millionen geschätzt werden.

Man hat die Erwartung ausgesprochen, daß im Jahre 2000 die Menschen europäischer Rasse, die nicht in Europa leben, 500-600 Millionen betragen werden. Zu Hause in Europa wird eine vielleicht noch etwas größere Zahl vorhanden sein. Die Tatsache, daß so in Europa und draußen 900 bis 1200 Millionen europäischer Rasse sitzen und die Welt beherrschen werden, daß die europäische und die außereuropäische Hälfte nur durchs Wasser miteinander verbunden sein wird, das wird die erheblichste politische, volkswirtschaftliche und kulturelle Erscheinung des 20. Jahrhunderts sein. Von der Art, wie sie sich durchsetzt, wie die einzelnen Nationen und Staaten daran teilnehmen, hängt die Geschichte Europas und der ganzen Welt wie der einzelnen Staaten ab. Die Teilnahme an dieser Wasserwanderung, an dieser Art der Bevölkerungszunahme wird die Stelle bestimmen, die jede Nation in Zukunft im Rang der Völker einnimmt.

Schon heute beruht ein ganz erheblicher Teil der Macht und Größe des britannischen Reichs neben seiner Herrschaft in Indien und anderen Kolonien mit außereuropäischer Bevölkerung, neben seinem Welthandel und seiner Industrie auf der scheinbar bescheidenen Tatsache, daß in Kanada, in Australien und am Kap 10 Millionen Engländer geschlossen sitzen, sich noch als Engländer fühlen und mit dem Mutterland einen Handel von 4 Milliarden Mark jährlich unterhalten. Sie werden in 100 Jahren wahrscheinlich auf 60 bis 100 oder noch mehr gestiegen sein.

Also eine Zunahme der deutschen Bevölkerung in den nächsten 100 Jahren auf 100-150 Millionen ist weder abenteuerlich, noch ist sie unerwünscht. Sie soll, sie wird, sie muß kommen, wenn wir ein großes, mächtiges Volk bleiben wollen. Und sie kann nicht wohl ausschließlich in der alten Heimat untergebracht werden. Wir müssen draußen Ackerbaukolonien und Kultivationsgebiete haben, welche den Überschuß aufnehmen. Sehen wir zu, ob und in wie weit wir die heimische Bevölkerung steigern können.

III.

Es leben heute in Deutschland im Durchschnitt 104 Menschen auf dem Geviertkilometer; unzweifelhaft können es in den nächsten zwei bis drei Generationen 120, 150, vielleicht noch etwas mehr werden. Es hängt von der Entwickelung unserer Landwirtschaft und unserer Industrie ab.

Unsere Landwirtschaft kann sicher noch erheblich größere Ernten erzeugen als heute; sie kann technisch und wirtschaftlich noch erheblich voranschreiten; sie kann die 400 Geviertmeilen Moore besiedeln. Aber allzuleicht dürfen wir uns diesen Fortschritt doch nicht vorstellen. Die Gesamtheit unserer Gutsbesitzer und Bauern muß dazu technisch und kaufmännisch auf ein ganz anderes Niveau gehoben werden, einen Umbildungsprozeß erfahren, so groß wie der ist, welchen sie von 1700-1900 durchgemacht haben. Außerdem müßten die Produktenpreise sehr steigen, wenn nur eine mäßige Erntevermehrung eintreten sollte. Führen wir das durch künstliche Mittel herbei, zum Beispiel durch sehr hohe Zölle, so entsteht daraus der heftigste innere soziale Kampf. Jede starke Preissteigerung enthielte für die Masse der Konsumenten eine Verteuerung, unter Umständen eine Verschlechterung der Lebenshaltung, eine Bedrohung unserer Konkurrenzfähigkeit auf dem Weltmarkt. Aber auch wenn wir das Äußerste annehmen, daß noch eine Verdoppelung unserer Ernten ohne zu große Mißstände und Schwierigkeiten möglich sei, daß wir statt 15 künftig 30 Millionen Tonnen Getreide aller Art (nach Abzug der Aussaat) produzieren, so wäre damit nicht die Sicherheit gegeben, daß die doppelte Menschenmenge in der Landwirtschaft Unterkommen fände; noch weniger, daß diese vergrößerten Ernten für eine doppelte deutsche Bevölkerung ausreichten.

Die intensivere Landwirtschaft müßte vor allem Kapital und Maschinen anwenden, eine fabrikmäßige werden; sie müßte in enormen Mengen auswärtige Düngemittel einführen, deren gesicherter Bezug ohne Seemacht auch problematisch ist. Der Großbetrieb müßte viel mehr siegen als heute. Verwandeln wir hingegen die großen Güter unseres Ostens oder einen erheblichen Teil derselben in kleine Bauernbetriebe, so werden dort mehr Menschen auf dem Lande leben, aber die verkäuflichen Überschüsse werden nicht in dem Maße steigen, verhältnismäßig sogar abnehmen. Außerdem ist diese Kolonisation des Ostens im Sinne einer Bevölkerungsverdichtung durch Klima und Boden an bestimmte Schranken gebunden. Es werden dort auch beim intensiveren Kleinbetrieb nie wie im Elsaß auf 100 ha landwirtschaftlicher Fläche 80 bis 100 Personen landwirtschaftlicher Bevölkerung kommen, sondern höchstens 50-70, wo heute 40 leben. Und im parzellierten Südwesten ist kein landwirtschaftlicher Fortschritt denkbar, der die 80-100 Personen landwirtschaftlicher Bevölkerung auf 100 ha bis zu 150 und 180 steigerte.

Wir erzeugen heute etwa 15 Millionen Tonnen Getreide und brauchen 20, führen etwa 5 ein. Bei einer Verdoppelung der Bevölkerung brauchen wir 40 Millionen Tonnen; eine Vermehrung unserer Ernten auf 20, ja 25 und 30 Millionen, wie sie unter den für die Landwirtschaft günstigsten Voraussetzungen vielleicht denkbar wäre, würde uns immer noch auf eine starke Zufuhr von außen verweisen; mindestens 5-15 Millionen Tonnen hätten wir einzuführen und zu bezahlen. Das heißt, wie günstig wir auch über unsere landwirtschaftlichen Fortschritte denken mögen, wir bleiben ein Volk, das fremder Lebensmittelzufuhr bedarf; und deshalb ist unsere Existenz bedroht, wenn wir nicht seemächtig sind, uns die Zufuhrwege nicht stets offen halten, auf die Getreideexportstaaten unter Umständen mit Machtmitteln wirken können. Der Trost, daß dazu unsere Landarmee ausreiche, weil wir heute unser Getreide hauptsächlich aus Rußland beziehen, reicht nicht aus. Wir können mit Rußland in Konflikte kommen, Rußland kann die Ausfuhr verbieten. Dann sind wir sofort auf die Seezufuhr angewiesen.

Eine glückliche weitere Entwickelung unserer Industrie begegnet viel weniger engen Schranken als die unserer Landwirtschaft; Kapital, Fabrikgebäude, gewerbliche Arbeiten können in einem reichen Kulturland ganz anders wachsen als der Grund und Boden; die gewerbliche Produktion läßt sich leicht vervierfachen und verzehnfachen, wenn die landwirtschaftliche sich kaum verdoppelt. Der Verbrauch gewerblicher Leistungen und Waren kann im Inland noch sehr zunehmen, wenn die Lebenshaltung des Mittelstandes und der arbeitenden Klassen sich hebt. Und es ist das neuerdings geschehen. Unsere neueste industrielle Aufschwungsperiode beruht viel mehr auf der Steigerung des inneren Konsums als auf dem wachsenden Export von Industriewaren. Aber beides hat auch zuletzt seine Grenzen. Und doch, je dichter unsere Bevölkerung wird, desto mehr müssen wir unseren Export steigern, schon um die Einfuhr an Lebensmitteln, Rohstoffen und Kolonialwaren zu zahlen.

Daß ein solcher Zustand, je weiter er geht, Gefahren in sich schließt, hat Oldenberg mit Recht neuerdings betont, wenn er auch zu schwarz gemalt hat. So sicher wie die Produktion im eigenen Lande ist keine fremde Zufuhr von Lebensmitteln; so sicher wie der Absatz der Industrieprodukte in der Heimat ist kein Export. Aber einmal kann heute keine große Nation existieren und voranschreiten ohne großen Import und Export, ohne erheblich in die Weltwirtschaft verflochten zu werden. Und dann nimmt die Gefahr ab in dem Maße, wie ein Staat eigene Kolonien hat, wie er seemächtig wird, seine Zufuhr und seinen Export durch starke Flotten schützen kann. Die Gespenster, die Oldenbergs Rede über »Deutschland als Industriestaat« heraufbeschworen hat, verschwinden oder ziehen sich zurück, wenn unsere jetzige Ohnmacht zur See aufhört.

Freilich die Tatsache bleibt, daß alle Exportsteigerung ihre Schwierigkeit hat, von dem steigenden Konsum der anderen Staaten und Weltteile, resp. ihrer Unfähigkeit abhängt, das zu produzieren, was wir machen, was wir besser und billiger herstellen als sie. Seit 25 Jahren haben alle europäischen Staaten steigende Exportschwierigkeiten; der englische und französische Industriewarenexport ist seit lange im Stocken; auch der unserige hat von 1884 bis 1895 nicht recht zugenommen, erst seither wieder bedeutend sich gesteigert. Wird das so fortgehen? Werden uns nicht die Vereinigten Staaten, Australien, Japan, Indien bald den Rang ablaufen? Nur das höchste Maß technischen, geistigen, organisatorischen, sozialpolitischen Fortschrittes wird uns gestatten, weiter an der Spitze zu bleiben, weiter unseren Export zu steigern. Und wir sollen doch, wenn wir statt 5 künftig 10 oder mehr Millionen Tonnen Getreide oder entsprechende Mengen Düngemittel, steigende Quantitäten Rohstoffe, Kolonialwaren einführen müssen, statt wie heute für 2-3, künftig für 4-6 Milliarden Mark Fabrikate ausführen. Gewiß, das beste Mittel dafür ist die Lieferung ausgezeichneter und billiger Waren, eine kluge, weitsehende Handelspolitik, glückliche Handelsverträge. Aber all das ist nicht denkbar ohne eine gesteigerte Macht zur See, ohne daß wir in gewissem Umfange unsere Lebensmittel- und Kolonialwarenlieferanten und Fabrikatkäufer in deutschen Kolonien haben, auf die außerhalb derselben Wohnenden unter Umständen einen Druck der Macht üben, jedenfalls die Mißhandlung und Bedrohung unseres Handels durch eine Flotte hindern können. Wir kommen also, wie wir die Dinge betrachten mögen, zu dem Schlusse, daß die Basis unserer Volkswirtschaft eine zu schmale und unsichere ist, wenn wir sie nicht durch eine Seemacht von der Größe stützen, daß wir nicht jeden Tag von den großen anderen Mächten, und zwar von jeder allein unserer Aus- und Einfuhr, unseres Seehandels, unserer Kolonien beraubt werden können. Siebzig Prozent unseres Handels sind heute schon Seehandel.

Geben wir zu, daß nur ein geschützter Seehandel und Kolonialbesitz ein gesicherter sei, so stehen wir vor der Alternative: ohne diesen Schutz können wir zwar noch eine Weile gedeihen, werden aber bald in steigende Schwierigkeiten hineinkommen. Wir werden eine einseitige Industriestaatsentwickelung haben, in unserem Export bedroht sein, bald entweder eine massenhafte Auswanderung in fremde Länder oder zu Hause Übervölkerung und als Folge hiervon Lohndruck, Proletarisierung der Massen haben. Die hohe Lebenshaltung der englischen Arbeiter wäre undenkbar ohne die Kolonien und die Seemacht Großbritanniens. Der Ausweg steigender Auswanderung in fremde Länder hat auch nichts Verführendes, wenn wir sie mit einer solchen in eigene Kolonien oder Gebiete vergleichen, wo eine geschlossene deutsche Kultur entsteht und sich erhält. Wenn wir im 20. Jahrhundert statt 6-7 vielleicht 20 Millionen Deutsche in Kolonien und Länder anderer Mächte schicken, so werden sie in der zweiten Generation aufhören, Deutsche und Konsumenten deutscher Waren zu sein. Und sie werden uns an unvergoltenen Erziehungskosten, an mitgenommenem Kapital doch viel kosten. Die Kosten der 6 bis 7 Millionen Auswanderer in unserem Jahrhundert hat man nach einer geringen Schätzung auf 6-8 Milliarden Mark angesetzt. Die größere des 20. würde uns das Doppelte und Mehrfache kosten. Hätten wir die 6 bis 8 Milliarden Mark, die uns die Auswanderung kostete, schon im 19. Jahrhundert für Kolonien und Flotte ausgegeben, so säßen die 6 Millionen deutscher Auswanderer heute schon in einer deutschen großen Kolonie, und unsere Lage wäre eine unendlich viel bessere.

IV.

Aber ist denn die Voraussetzung, daß nur ein von einer starken Flotte geschützter Seehandel, ein durch sie gedeckter Kolonialbesitz unser wirtschaftliches Gedeihen sichere, eine richtige? Gerade sie wird so vielfach geleugnet oder mit den bekannten Argumenten abgetan, die einstens berechtigt, heute wesentlich aus dem Munde kannegießernder Bierphilister und fortschrittlicher Optimisten erklingen. Da heißt es: wir müssen eben Konflikte mit England vermeiden; als ob das unsere Regierung nicht im höchsten Maß zu tun bestrebt wäre. Oder meint man: unsere Feinde seien Frankreich und Rußland, und dafür hätten wir unser Landheer. Mit beiden haben wir aber in der Welt des Handels und der Kolonialausdehnung, d. h. auf dem Gebiet, das die Zukunft beherrscht, keine sehr verschiedenen Interessen. Jedoch ist es überhaupt falsch, diese Frage nur vom Standpunkt der nächsten europäischen Kriegswahrscheinlichkeit beantworten zu wollen. Es handelt sich um die viel allgemeinere Frage, ob die Handelspolitik heute oder in künftiger Zeit überhaupt unabhängig von der Machtpolitik und den Machtmitteln der Staaten zu führen sei. Das glaubte man und behauptete man gegen die Mitte unseres Jahrhunderts. Das sind Meinungen, die heute noch weit verbreitet sind; in den Kreisen der Friedensschwärmer, der politisch radikalen Parteien, der Arbeiterkreise herrschen sie noch vor; es sind idealistische Anschauungen, die die Kraft der sozialdemokratischen Führer ausmachen. Und deswegen muß ich hierauf eingehen, erklären, wie die praktische und theoretische Welt von den früheren entgegengesetzten Anschauungen aus zu diesem halb wahren, halb falschen Idealismus kam. Wenn man einen Gegner überzeugen will, kann man die partielle Berechtigung seiner Argumente zugeben, muß aber zugleich nachweisen, warum sie auf den vorliegenden Fall, für die Gegenwart nicht passen.

Als vom 16.-18. Jahrhundert die modernen Nationalstaaten sich bildeten, als sie um die damalige Kolonialwelt und ihre Vorteile, um den neuen Großhandel, um die Handelsvorherrschaft kämpften, konnte dies nur durch handelspolitische Maßnahmen harter Art, durch schroff nationale Schutzzoll- und Schiffahrtsgesetze, durch Ein- und Ausfuhrverbote, durch ein hartes Fremdenrecht, durch ein barbarisches Völkerrecht, durch eine brutale Ausbeutung der Kolonien, durch zahllose Handels- und Kolonialkriege hindurch geschehen. Die Lehre des Merkantilismus war: alles Schwergewicht ihrer Macht, ihrer Armeen, Flotten und Kanonen müßten die Staaten in die wirtschaftlichen Wagschalen werfen. Man lehrte, aller Handel sei nur ein Kampf; stets könne nur der eine Staat gewinnen, was der andere verliere. Durch betrügerische Handelsverträge suchte man sich zu übervorteilen; die kleinen Staaten wurden mißhandelt und ausgebeutet. Die Napoleonischen Kriege waren der letzte Höhepunkt dieser Art von Wirtschafts- und Handelspolitik, die durch Gewaltanwendung den Konkurrenten zu vernichten, ihm seine Kolonien zu nehmen, seine Handelsmarine zu zerstören suchte.

Eine entgegengesetzte Auffassung über das wirtschaftliche Verhältnis der Staaten untereinander, ihre Handelspolitik, ihre gegenseitigen Beziehungen war mit der Aufklärung, mit den nationalökonomischen Lehren A. Smiths groß geworden, und sie konnte in der langen Friedenszeit von 1815-1870 sich immer mehr ausbreiten, an Herrschaft gewinnen. Sie war auch einseitig, aber sie war humaner, idealer, sie war als Korrektur der alten Auffassung zunächst nötig und heilsam. Sie betonte einseitig den gegenseitigen Nutzen alles internationalen Handels, wollte alle Anwendung der staatlichen Machtmittel aus der wirtschaftlichen Konkurrenz der Staaten verbannt wissen. Man dachte sich alle Staaten als im ganzen an Macht gleiche, von der Natur verschieden ausgestattete und so zu friedlichem Austausch von der Vorsehung bestimmt. Ein humaneres Völkerrecht und Seekriegsrecht, eine billigere Behandlung der Kolonien, eine liberale Handelspolitik griff Platz. Man begann, Fremde und auswärtige Waren ganz anders als früher zur inländischen Konkurrenz zuzulassen. Es konnte scheinen, als ob alle Handelskriege und aller Handelsneid der Nationen verschwunden wäre, als ob die Weltwirtschaft und der moderne Verkehr von selbst mit Notwendigkeit einen ewigen Frieden, mit der vollen Gleichberechtigung aller Staaten und Menschen schaffe, daß es keine andere Konkurrenz mehr künftig geben werde, als die der wirtschaftlichen Tüchtigkeit und Leistungsfähigkeit, der Billigkeit und Güte der Waren.

Das preußische Zollgesetz von 1818 hatte sich diesem Standpunkt genähert; die großen englischen Zoll- und Handelsreformen von 1842-1860 stellten sich auf ihn; Napoleon III. hatte unter Michel Chevaliers, Rouhers und Cobdens Einfluß entsprechende Grundsätze sich angeeignet. Der große englische Parteiführer der Liberalen, Cobden, verkündete, wie eben jetzt Brentano im einzelnen nachwies, die Lehre, England brauche keine teure Flotte mehr; nur die Wohlfeilheit seiner Produkte garantiere ihm seinen Welthandel und seine Handelssuperiorität; eine große Flotte sei gefährlich, errege den Haß der anderen Staaten. Nur die Reduktion der Kosten für Armee und Flotte hebe den Wohlstand. England müsse auf das Blockaderecht, das Besichtigungs- und Durchsuchungsrecht fremder Schiffe im Seekrieg, auf das Prisenrecht verzichten. Es kam die Lehre auf, die englischen Kolonien seien mehr eine Last als ein Nutzen für England, man müsse sie sobald als möglich zu selbständigen Staaten machen.

Zu diesen Bahnen bewegte sich 1840-1870 nicht bloß die englische, sondern der größere Teil der europäischen Handels- und Kolonialpolitik. Nicht bloß die Hamburger erklärten damals, jede Kriegsflotte würde ihrem Handel schädlich sein; eben der Mangel an kriegerischem Schutz draußen nötige ihre Kaufleute, so tüchtig, so ehrlich, so vorsichtig zu sein. Sie ließen sich freilich ruhig auch vom Präsidenten Jackson sagen, sie seien Hühner, welche in den amerikanischen Stall eindrängen und nur aus Mitleid nicht vom starken Pferdefuß der Amerikaner zertreten würden. Auch Bismarck vertraute in seiner älteren Zeit auf die Fortschritte des Völkerrechts und der liberalen Handelspolitik, die jedem deutschen Kaufmann die fremden, hauptsächlich die englischen Kolonien geöffnet hätten. Erst als er nach und nach durch die Tatsachen belehrt wurde, daß von einer wirklichen Gleichberechtigung der Deutschen doch nicht die Rede sei, begann er Flotte und eigene Kolonien für Deutschland höher zu schätzen. Im ganzen war dieser Standpunkt, solange Gladstone England leitete, die Kolonien immer selbständiger machte, solange diese ihre beginnende schutzzöllnerische Handelspolitik ebenso gegen England wie gegen andere Staaten richteten, nicht falsch. Es war jedenfalls mit dieser liberalen, freihändlerischen, friedfertigen, auf Gleichberechtigung aller Staaten gerichteten Tendenz ein außerordentlicher Fortschritt erzielt. Die heutige Weltwirtschaft ist auf diesem Boden erwachsen. Die weniger mächtigen Staaten, die ohne Flotten, fuhren jedenfalls dabei gut; sie konnten vorankommen, wie die Schweiz und Belgien; auch Deutschland hat großen Vorteil davon gehabt, konnte damals ohne Flotte, ohne große Macht seinen Handel und Export sehr bedeutend steigern.

Wäre England dauernd bei einer solchen Politik geblieben, wie sie Cobden verlangte, Gladstone vertrat, hätte es dauernd das Prinzip aufrecht erhalten, keine weiteren Kolonien zu erwerben, die vorhandenen selbständig zu machen, hätte es gar nach Cobdens Rat seine Flotte immer weiter reduziert, dann lägen die Dinge auch für Deutschland vielleicht so, daß es keine Flottensorgen zu haben brauchte.

Aber so heilsam die Fortschritte des Völkerrechts und des Freihandels waren, der Grundgedanke, daß in aller Wirtschafts- und Handelspolitik die Mittel der Macht nicht gebraucht werden dürften, war doch so einseitig, so überspannt, so idealistisch, daß er nicht vorhalten konnte. Schon die Schutzzollbewegung der siebziger Jahre schlug ihm ins Gesicht. Sie war eine Folge der zunehmenden internationalen Konkurrenz, der überall zunehmenden Bevölkerung, der zunehmenden Schwierigkeit, in jedem Lande die nötigen finanziellen Mittel zu schaffen, den nötigen Absatz für die eigene Produktion zu erhalten. Und in diesem Zusammenhang steht auch die neue Tendenz der Staaten auf weiteren Kolonialerwerb, auf geschützte Interessensphären in anderen Weltteilen. Die Handels- und Kolonialpolitik Englands blieb freihändlerisch, aber in ihrem Grundprinzip, in der Frage der Machtanwendung schlug sie doch mit Disraeli die entgegengesetzten Bahnen von Gladstone ein. Es zeigte sich allerwärts in den letzten 30 Jahren, daß die internationalen Konkurrenzkämpfe trotz der segensreichen Fortschritte des Völkerrechts und der liberalen Handelspolitik auch immer zugleich Machtkämpfe sind und bleiben, in denen man durch Verbote und Zölle, durch Flotten und Kolonialbesitz, wie durch kriegerische Drohungen, durch das Blockaderecht, durch Schiffsuntersuchungen, durch Verweigerung der Benützung von Kabeln und Kohlenstationen usw. tief eingreifen könne. Als 1860-1890 die letzte große Teilung der Erde sich vorbereitete, sah man, daß alle künftige Macht und aller künftige Wohlstand der Großstaaten nicht allein, aber doch wesentlich mit davon abhänge, wie sie sich in den fremden Weltteilen ausdehnen. Die Fortschritte der Industrie, der Schiffahrt, der Bevölkerung legten jedem großen Staate die Frage zu dringlich nahe, sich Märkte, Ackerbaukolonien, Machtsphären, Kohlenstationen, Kabelanschlüsse zu sichern. Jedermann gab zu, daß die großen Gebiete der Barbarei, die bisher fast ungenützten Länder nur unter der Kontrolle, unter der Verwaltung der Kulturvölker einer wirtschaftlichen Ausnützung erschlossen werden könnten. Und daran konnte man ohne steigende Flottenmacht, ohne Kämpfe und Konflikte nicht teilnehmen.

Es war natürlich, daß die neuen Tendenzen da früher, dort später sich geltend machten. Es war auch wünschenswert, daß man dabei von den bisherigen Errungenschaften des Völkerrechts und der liberalen Handelspolitik das Beste zugleich festzuhalten sich bemühte, sonst kam man wieder in den Handelsneid, in die Handelskriege des 17. und 18. Jahrhunderts hinein, fiel man in die übertriebenen Mittel und Einrichtungen des Merkantilismus zurück. Es war auch begreiflich, daß man nach außen die Miene möglichst lange beibehielt, als fahre man noch im alten Kurse. Disraeli verkündete 1876, England sei keine aggressive Macht, denn es sei nichts vorhanden, was es wünschen könnte, und ähnliche schöne Worte haben auch neuerdings Rosebery und Salisbury wiederholt; – aber während Disraeli so sprach, legte er rasch nacheinander die Hand auf Natal, Cypern, Ägypten, Birma. Das großbritannische Ländergebiet dehnte sich 1866-1899 von 12,6 auf 27,8 Millionen Geviertkilometer, um 15,2 Millionen, das Dreißigfache des Deutschen Reiches aus. Die anderen Weltmächte blieben dahinter nicht zurück. Die Vereinigten Staaten wuchsen 1800-1900 von etwas über 2 auf 9,3 Millionen Geviertkilometer, also um 7,3 Millionen, Rußland 1866-1899 von 12,9 auf 22,4, also um 9,5 Millionen.

Es ist klar, daß diese hauptsächlich im letzten Menschenalter liegenden Ereignisse eine gänzlich andere politische Welt und eine ganz andere Grundlage der Weltwirtschaft und der internationalen Wirtschaftsbeziehungen schufen. An die Stelle einer Summe gleichmäßiger, friedlicher Staaten sind drei erobernde, riesenhafte Weltreiche getreten, denen alle kleinen Staaten nun als viel schwächer gegenüberstehen. Nur Frankreich und Deutschland nehmen zwischen den drei großen Eroberungs- und Kolonisierungsreichen und den kleineren Staaten noch eine Art Mittelstellung ein. Beide haben wenigstens einigen Kolonialbesitz von 2-3 Millionen Geviertkilometern erworben und sind wie die Weltreiche an der weiteren Teilung Afrikas und Chinas, an der Zukunft in der Südsee, an der Offenhaltung oder Schließung Nord- und Südamerikas für den europäischen Handel interessiert.

Der große hier geschilderte Umschwung hat in den verschiedenen Staaten in verschiedenem Maße die tapferen, harten, arroganten Gewaltmenschen, die Männer mit der Moral eines Kapitäns von Seeräubern, wie sie Brentano neulich treffend nannte, wieder mehr in den Vordergrund geschoben, ja sie teilweise an die Spitze gebracht. Aber es wäre doch nicht richtig, ihren Einfluß als die primäre Ursache der veränderten Verhältnisse zu bezeichnen. Der Umschwung der Weltverhältnisse, die notwendige Liquidation absterbender Reiche, die notwendige Teilung der Erde unter die Kulturnationen, die allein herrschen, höhere wirtschaftliche Zustände und Einrichtungen schaffen können, die Steigerung der Konkurrenz in der Weltwirtschaft haben die neuen Zustände geschaffen, aus denen heraus die heutige Spannung, der heutige Handelsneid, die Konflikte aller Art entstanden. Wir dürfen nicht vergessen, daß gerade in den freiesten Staaten, in England und Nordamerika, aus den Volks- und Masseninstinkten heraus die Eroberungstendenzen, die imperialistischen Pläne, der Haß gegen neu emporkommende wirtschaftliche Konkurrenten erwuchsen, als deren Führer die großen Spekulanten erscheinen, die mit den Manieren halb eines Seeräubers, halb eines Börsenmannes Milliarden besitzen und zugleich als politische Parteiführer und Minister auftreten.

V.

Daß aus diesen Zuständen und Spannungen heraus große Gefahren drohen, wer wollte das leugnen? Wir stehen vor der Gefahr eines Rückfalles in den Merkantilismus, einer Summe von Handels- und Kolonialkriegen, einer Bedrohung unserer freiheitlichen inneren Verfassungsformen durch die Gewaltmenschen, einer Vernichtung der völkerrechtlichen und handelspolitischen Fortschritte, welche wir der Zeit von 1775-1875 danken.

Die Eroberung von Cuba und der Philippinen durch die Vereinigten Staaten ändert die politischen und wirtschaftlichen Grundlagen der dortigen Freistaaten; ihre Tendenz, Europa vom nord- und südamerikanischen Markt auszuschließen, beschwört notwendig große Konflikte herauf. Der Krieg Englands gegen die Buren ist nur ein Glied in der Kette der Eroberungen und Weltherrschaftspläne, die Disraeli begann; die Alleinherrschaft in ganz Afrika mit Ausnahme des französischen Nordrands ist das letzte Ziel. Dabei macht eine gewisse Partei in England Miene, den Grundpfeiler seiner bisherigen Handelspolitik, die Gleichberechtigung der durch Handelsverträge mit England verbundenen Nationen mit den Engländern selbst in seinen Kolonien umzuwerfen und durch eine imperialistische Politik aus seinen Gesamtbesitzungen ein riesenhaftes, in sich geschlossenes, für die anderen Nationen ganz oder halb geschlossenes Weltreich zu schaffen. Mögen es nur mißachtete Blätter sein, wie die Saturday review, welche rufen, Germaniam esse delendam, welche ausrechnen, was jeder Engländer durch Vernichtung unserer Industrie und unseres Handels gewänne, symptomatisch sind solche Stimmen doch. Die Erinnerung ist in England nicht erloschen, daß seine Flotte 1650-1713 Hollands Reichtum, 1713-1815 Frankreichs Kolonialbesitz und Wohlstand vernichtete. Bei uns ist nicht vergessen, wie England sich bemühte, den Zollverein nicht zustande kommen zu lassen, wie es uns hindern wollte, die Hand auf Schleswig-Holstein zu legen, wie deutschfeindlich es 1870 war!

Diejenigen, welche Deutschland mit einer Schutzzollmauer, nach dem Vorbilde Rußlands und der Vereinigten Staaten, nach dem Rezept des französischen Tarifs von 1892 umgeben wollen, sollten nicht vergessen, daß sie damit den großen Brand schüren, der überall unter der Asche des handelspolitischen Neides, der imperialistischen Pläne glimmt. Große Übertreibungen auf diesem Gebiete müssen die Popularität der Seeräubernaturen in England steigern; wenn wir Miene machen, den Engländern ihren Export von 800 Millionen Mark nach Deutschland zu nehmen, so steigern wir dort die imperialistischen Pläne, wir steigern den Einfluß der Leute, die dort die Lehre predigen, man tue besser daran, doch gleich dieses Deutschland durch eine Blockade zu ruinieren.

Gewiß denken heute nur noch wenige Engländer so; aber wenn die Dinge sich weiter zuspitzen, kann ihre Meinung verbreiteter werden. Es ist höchste Zeit, daß in allen Ländern die gemäßigten und vernünftigen Leute versuchen, die gewalttätigen, die chauvinistischen, die Seeräubernaturen im Schach und im Zaum zu halten. Es ist das nicht bloß für die ruhige, friedliche, weltwirtschaftliche Entwickelung wünschenswert, sondern auch für die inneren Zustände. Denn auch im Innern sind es diese Gewaltmenschen, diese Seeräubernaturen und Spekulanten wie Cecil Rhodes, welche vergiftend wirken, die Presse kaufen, die Ministerien und die Aristokratie korrumpieren, wegen einer bankerotten Aktiengesellschaft oder um sonstigen Geldgewinn Kriege anzetteln. Wo sie herrschen, verschwindet Scham und gute Sitte, Ehrlichkeit und Achtung vor dem Rechte; da kann der anständige und legitime Gelderwerb sich nicht halten vor dem unreellen; da steigt die Ausbeutung und Mißhandlung der übrigen Klassen der Gesellschaft, vor allem der arbeitenden, durch einen kleinen Kreis von kapitalistischen Magnaten, Geldmachern und Riesenspekulanten.

Es ist nun die falsche Annahme weiter Kreise in Deutschland, großer Teile des Bauern- und Kleinbürgerstandes, der ganzen Sozialdemokratie, des größeren Teiles der Arbeiter, daß die Pläne einer Flottenvergrößerung im gegenwärtigen Momente teils von großen Industriellen der Regierung unter den Fuß gegeben worden seien, weil sie Millionen daran gewinnen wollen, teils von enthusiastischen Kolonialschwärmern oder von chauvinistischen Seeoffizieren, von den reaktionären Feinden des liberalen Englands oder von gewalttätigen Eroberungsmenschen ausgegangen seien; und weiter, daß, wo auch der Ursprung dieser Pläne liege, jedenfalls die Gefahr entstehe, daß das Deutsche Reich in Verwickelungen und Kämpfe bedenklichster Art hineingezogen werde, daß die größere Flotte uns in koloniale Abenteuer und Seekriege verwickele, daß sie die anderen Staaten zu weiteren Seerüstungen veranlasse, den Flibustier- und Seeräubergeist in ihnen und bei uns zu Hause nähren werde, daß wir unmöglich neben der ersten Landmacht zugleich eine große Seemacht werden könnten. Ich glaube mich nicht zu täuschen, wenn ich sage, der Kern aller Opposition gegen den gegenwärtigen Flottenplan liege in solchen Gedanken.

Ich halte sie für gänzlich falsch. Aber ich begreife doch auch, wie man zu solchen Anschauungen kommen kann. Würde ich derartige Befürchtungen teilen, so stünde ich auf seiten der Flottengegner, nicht der Flottenfreunde. Die Widerlegung derselben ist insofern nicht ganz leicht, als es sich um große zukünftige Erscheinungen und Bewegungen handelt, über die man Zahlenmäßiges schwer sagen, die man nur richtig schätzen kann, wenn man das zutreffende Augenmaß für unsere und die Zustände der anderen Großstaaten, für die künftige Gestaltung der wirtschaftlichen und internationalen Verhältnisse hat. Von mehreren der gehegten Befürchtungen kann man aber doch leicht ihre Unbegründetheit nachweisen.

Daß unsere großen Eisenindustriellen gerne Bestellungen für Schiffsbauten haben wollen, ist an sich kein Vorwurf für sie. Eine blühende Eisen- und Schiffsbauindustrie ist nicht bloß ihr Interesse, sondern das der Nation. Daß sie sich durch eine ungeschickte Zusammensetzung des Flottenvereinsvorstandes den Schein gaben und den Verdacht erweckten, als ob sie allein den Seepatriotismus hätten, war taktlos, aber sie haben die Hand zu der hier nötigen Remedur geboten. Daß von ihnen aber der heute schwebende Plan der Flottenvergrößerung ausgegangen, ist eine gänzlich nichtige Verdächtigung, die nur aussprechen kann, wer die entscheidenden Personen gar nicht kennt, wer überall Betrug wittert, in jedem Minister und Fürsten einen schlechten Kerl sieht.

Die, welche die Flottenpläne auf Enthusiasten oder Chauvinisten, auf Gewalt- und Eroberungsmenschen zurückführen, zeigen damit nur, daß sie von der heutigen Weltlage, ihren Macht- und Spannungsverhältnissen keine Ahnung haben. Die Gefahren für Deutschland, seinen Handel und die Kolonien sind längst da. Sie werden nicht durch unsere starken Rüstungen erzeugt. Es handelt sich heute nur darum, ob wir ihnen weiter fast unbewaffnet entgegengehen sollen. Daß unseren größeren Seerüstungen weitere englische, russische, nordamerikanische folgen werden, ist möglich; aber das beweist nicht, daß wir nicht mit zwei statt einer Schlachtflotte doch viel gesicherter sind.

Die Kriege, Kämpfe, Demütigungen, welche uns die Flottengegner prophezeien, beschwören wir am besten durch eine stärkere Flotte. Im übrigen ist zu sagen: ohne größere Flotte ist die Gefahr entsprechend größer; ohne alle Gefahr ist das internationale Spiel der Mächte überhaupt nie; aber wir fürchten diese Gefahren nicht; und wir holen uns keine Demütigungen, wenn unsere auswärtige Politik die richtige ist, wenn wir mit der vergrößerten Flotte richtig operieren.

Die Erwartung, daß wir mit der vergrößerten Flotte auch bei uns den Eroberungsgeist, das leichtsinnige Spekulantentum, die Raubsucht von Gold- und Diamantengräbern, den Flibustiergeist von Seeräubern erzeugen, zeigt von geringer Kenntnis unserer politischen Zustände, unserer Gesellschaft, unserer Kolonialentwicklung. Wir sind noch heute im ganzen eine Nation von Welt- und von Spießbürgern; Gewaltmenschen, die auf dem Boden des Urwalds nicht so unbrauchbar sind wie zu Hause in gesitteten alten Verhältnissen, die vertreiben wir selbst aus unseren Kolonien, drängen sie in den Dienst anderer Länder. Vielleicht tun wir gut daran; jedenfalls die Gefahr, daß solche Leute uns beherrschen, unsere Politik machen sollten, ist gering. Wir sind keine kaufmännisch-kapitalistische Aristokratenrepublik, in welcher Börse und Großkapital, Minenspekulanten und koloniale Eisenbahnkönige die Kriege diktieren. Zu übermäßiger Kolonialausdehnung und zu brutalen Handelskriegen fehlen uns alle Vorbedingungen des Volkscharakters und der Staatseinrichtungen. Dazu fehlen uns die Personen, die Traditionen, der harte Geschäftsegoismus.

Wir wollen und wir werden keine chauvinistische Weltmachtspolitik treiben, nicht zu uferlosen Flotten- und Seemachtsplänen kommen. Es ist eine lächerliche Verdrehung, zu behaupten, das sei die Absicht der Regierung und der Flottenfreunde. Gewiß gibt es auch einzelne deutsche Chauvinisten, einzelne übertreibende Kolonialschwärmer und einzelne Hasser Englands, die törichte Gedanken über unsere Weltmachtspläne, über Kriege mit Großbritannien, über Kolonieeroberung haben. Aber sie sind gering an Zahl und ohne Einfluß. Vielleicht hätten wir besser das Wort Weltmacht und Weltmachtspolitik in bezug auf Deutschland vermieden; es ruft falsche Vorstellungen hervor. Es erweckt den Schein, als wollten wir von heute auf morgen die englische oder russische Politik nachahmen, als bildeten wir uns ein, eine Seemacht ersten Ranges werden zu können.

Von all dem ist ja aber bei allen vernünftigen Leuten nicht die Rede. Wir wollen weder ein Industriestaat, noch ein Kolonialstaat, noch eine Seemacht wie England werden; wir wollen ein Kontinental- und Militärstaat bleiben, wir wollen unsere Landwirtschaft nicht wie England preisgeben. Aber wir wollen unseren Handel und unsere Industrie so weit ausdehnen, daß wir leben und eine wachsende Bevölkerung unterhalten können; wir wollen unsere Kolonien verteidigen, womöglich irgendwo eine deutsche Ackerbaukolonie erwerben. Wir wollen dem überspannten Raubmerkantilismus allerwärts und einer solchen Teilung der Erde durch die drei Weltmächte entgegentreten, welche alle anderen Staaten ausschließen und zugleich ihren Handel vernichten möchte. Nur um dieses bescheidene Ziel zu erreichen, brauchen wir heute so nötig eine große Flotte, wie Preußen von 1650-1870 eine zahlreiche Landarmee brauchte, um nicht erdrückt zu werden. Auch sie war viel kleiner als die der Großmächte, aber um so viel besser. Das Gleiche hoffen wir von unserer Flotte. Wir wollen gegen die möglichen und drohenden Mißhandlungen auf dem Weltmeere und im Gebiete des Welt- und Kolonialhandels uns so weit stärken, daß uns die großen Mächte respektieren und unsere Unterstützung suchen, und daß die anderen mittleren und kleinen Staaten den Hort des Friedens und einen Schutz gegen Gewalt in uns sehen. Wie Friedrich der Große die anderen deutschen Staaten im Fürstenbunde gegen Österreichs Annexionslust sammelte, so muß heute das Deutsche Reich der Mittelpunkt einer Staatenkoalition werden, welche zwischen den Weltreichen von Gewicht, bei den großen Kämpfen derselben, hauptsächlich beim letzten Entscheidungskampf zwischen England und Rußland das Zünglein an der Wage sein kann. Das ist aber nur möglich mit einer stärkeren Flotte als heute. Mit ihr werden wir, nicht erobernd, sondern friedlich, aber zugleich stark und » toujours en vedette« wieder die Balance Europas halten können, wie in den Tagen Friedrichs des Großen und Bismarcks. Es waren die Tage, in welchen wir auch die größten wirtschaftlichen Fortschritte machten. Wir werden keine solchen Tage des Einflusses und des Fortschrittes mehr erleben, wenn wir nicht auch auf den Meeren uns eine geachtete und unter Umständen gefürchtete Stellung erwerben. Mit unserer großen Flotte werden wir von den großen Weltmächten nicht angegriffen, aber respektiert werden; sie werden bald sehen, daß wir nicht den törichten Gernegroß spielen, daß wir nicht ihre Politik nachahmen wollen. Die mittleren und kleinen Staaten werden wir gewinnen, weil sie sehen werden, daß wir sie nicht bedrohen, daß wir bereit sind, ihnen ihren Besitz, vielleicht auch ihre Kolonien zu garantieren, wenn sie einen friedlichen wirtschaftlichen Bund mit uns schließen.

Eine solche deutsche Seemachtspolitik wird den heutigen Handelsneid und die feindseligen wirtschaftlichen Spannungen ermäßigen, sie wird der berechtigten internationalen Teilung der Arbeit die Türen offen erhalten. Wir werden uns nicht einbilden, durch die verstärkte Flotte, durch Kanonen und Torpedos seien Märkte und Absatz zu erwerben; das bleibt unseren Industriellen, unseren Kaufleuten und unserer Handelsmarine überlassen; sie müssen nach wie vor das Beste für unsere wirtschaftliche Entwicklung tun. Aber draußen zwischen allen feindlichen Mächten, in barbarischen Ländern müssen sie einen festeren Rückhalt erhalten, als sie es heute haben. Und äußerstenfalls werden wir allerdings, wenn unsere Lebensinteressen und unsere Ehre bedroht ist, auch auf der See dieselben ruhmvollen Schlachten schlagen, wie unsere Väter es bei Roßbach, bei Belle-Alliance, bei Sedan, bei Metz und Orleans getan. Äußerstenfalls muß hinter unseren Kaufleuten, hinter unserer Handelsmarine draußen die ultima ratio regum stehen. Anders ist einmal die Welt nicht. Ohne Macht keine großen Staaten und keine große volkswirtschaftliche, handelspolitische und koloniale Entwicklung. Jeder brutale, überhebende, habsüchtige Machtmißbrauch für wirtschaftliche Zwecke ist verwerflich. Aber der legitime Machtgebrauch ist auf handelspolitischem Gebiete erlaubt, ja notwendig, heilsam, erziehend für die Nation und ihre berechtigten Zwecke. Die mittleren und kleinen nicht gefürchteten Staaten, die können auch heute ohne Seemacht auskommen. Wir nicht mehr; dazu sind wir zu groß geworden; wir sind mit unseren Leistungen und unserer Konkurrenz den Weltmächten zu unbequem geworden, als daß wir mit zu schwacher Seerüstung den weiteren Konkurrenzkampf mit ihnen kämpfen dürften.

Ich darf nicht mehr darauf eingehen, Ihnen im einzelnen die Handels- und kolonialpolitischen Aufgaben zu schildern, bei denen wir der Flotte bedürfen. Nur das eine und andere erwähne ich noch kurz. Wir müssen um jeden Preis wünschen, daß in Südbrasilien ein deutsches Land von 20-30 Millionen Deutschen im folgenden Jahrhundert entstehe; einerlei, ob es ein Teil Brasiliens bleibt, ob es ein selbständiges Staatsgebilde wird, ob es mit unserem Reiche in nähere Beziehung kommt; ohne eine durch Kriegsschiffe stets gesicherte Verbindung, ohne die Möglichkeit eines nachdrücklichen Auftretens von Deutschland dort ist diese Entwicklung bedroht.

Wir werden mit einigen unserer nächsten Nachbarn sicher mit der Zeit in ein näheres Handels-, vielleicht auch Zollbündnis kommen. Das bedarf, was Österreich oder die Schweiz betrifft, keiner maritimen Machtmittel. Aber sobald es sich um die skandinavischen Reiche oder Holland handelte, sind wir ohne Flotte einflußlos, als handelspolitischer Bundesgenosse wertlos. Es ist jetzt in Holland viel von einem Zoll-, Handels- und Kolonialbündnis mit Deutschland gesprochen worden. Wir drängen uns nicht dazu; aber wenn die Holländer klug sind, wenn sie ihre Kolonien nicht eines schönen Tages verlieren wollen, wie Spanien, so beeilen sie sich, dieses Bündnis zu suchen. Wir würden ihnen die politische Selbständigkeit ihres Landes und ihrer Kolonien garantieren können, wenn sie unserem Zollsystem sich anschließen, uns in ihren Kolonien Stationen einräumen, für Seekabel, Kohlenniederlagen und Ähnliches gemeinsame Sache mit uns machten.

Die Offenhaltung und Ausnützung des mittel- und südamerikanischen Marktes, des chinesischen und ganzen ostasiatischen Marktes ist ohne einen Schutz der Kriegsflotte, ohne Niederlassungen, wie wir sie in Kiautschou haben, nicht möglich. Und wenn heute noch unser Absatz nach den europäischen Nachbar- und Kulturstaaten auch unendlich viel größer ist, als der nach diesen fernen Märkten und nach unseren eigenen Kolonien, das verhältnismäßige Wachstum nach letzteren war doch sehr viel stärker, und in 25 und 50 Jahren jedenfalls wird der überseeische Absatz dahin eine ganz andere Rolle spielen als heute. Schon heute ist von den 600-800 Millionen Mark Waren, die wir nach England schicken, ein großer Teil für jene fernen Märkte bestimmt; wir lassen ihn bisher noch über England gehen, weil wir draußen noch nicht fest genug Fuß gefaßt haben.

Doch genug. Deutschland kann und soll sich heute nicht mehr damit begnügen, im Schlepptau der großen Mächte, geduldet von ihnen bis auf Widerruf, seinen Welthandel auszudehnen. Es will nicht mehr die Kinder- und Schulstube der übrigen Welt sein, ein Land, das viele Millionen seiner Söhne hinaussendet, damit sie in nächster Generation aufhören, Deutsche zu sein. Sein Staat, seine Kraft, seine Wissenschaft und seine Technik, sein Handel und sein Ansehen in der Welt sind so groß, daß es mit Recht fordern kann, seine moralischen und geistigen Eigenschaften, sein Gemütsleben, seine Kunst, sein Fleiß, seine Institutionen stehen so hoch, daß es im Interesse der Kultur, der Menschheit fordern kann, auf Grund eigenen Rechts, eigener Kolonien, eigener Stationen, eigenen Machteinflusses seine Stelle in der Weltwirtschaft, neben und nach den großen drei Weltreichen, mindestens in gleicher Linie wie Frankreich zu behaupten. Das ist unmöglich ohne größere Flotte. Sie allein gibt uns dazu den Machtrückhalt, ohne welchen große Nationen das Größte nicht schaffen können.

Ihre Schaffung wird zugleich unserem politischen und nationalen Leben wieder den Schwung verleihen, der für jede große Fortschrittsepoche nötig ist. Was für die Tage Friedrichs des Großen der Erwerb Schlesiens, was für Kaiser Wilhelm und Bismarck die Gründung des Deutschen Reiches, das wird für die Gegenwart und das nächste Menschenalter Deutschlands Machtbegründung zur See sein. Es wird uns über die kleinliche Parteizerklüftung, über die kleinen wirtschaftlichen Alltagssorgen hinweg zu einheitlichem Handeln, zu einer deutschnationalen Politik großen Stils zurückführen.

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