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Das erwachende Verständnis für Aristokratie und Bureaukratie in der radikalen und sozialistischen Literatur.

Internationale Monatsschrift für Wissenschaft, Kunst und Technik. Nr. 1, Oktober 1911.

Ich habe infolge meiner historischen Studien seit Jahrzehnten eine gewisse Sympathie für die demokratischen Strömungen der Gegenwart; aber sie ist verbunden mit der scheinbar dem widersprechenden Erkenntnis, daß alle großen und gesunden Staatsbildungen in erster Linie auf starken, zentralen, meist monarchischen Gewalten sowie auf der richtigen Ausbildung erst aristokratischer, dann bureaukratischer Einrichtungen beruhten. Daß ich deshalb von unseren feudalen Konservativen ebenso wie von den radikalen Geistern und Parteien als verdächtiger Kompromißmensch angegriffen werde, habe ich stets nur als eine richtige Quittung von Seite derer angesehen, die über den Teilen und Einzelelementen der historischen Entwicklung das Ganze nicht sehen.

Ich habe seit meiner reiferen Entwicklung nie gezweifelt, daß kein Zeitalter soviel demokratische Einrichtungen ertragen könne und notwendig habe, wie die Gegenwart unserer hochentwickelten Kulturstaaten: unsere Volksbildung, unsere Presse, unser hoher Volkswohlstand wie unsere allgemeine Wehrpflicht, unsere konstitutionellen Verfassungen und die Gefahren der heutigen Klassenherrschaft haben uns dahin gedrängt: wir können nicht mehr leben ohne Teilnahme der großen Massen am öffentlichen Leben, ohne Heranziehung derselben zur Selbstverwaltung, ohne weitgehende Konzessionen an das Stimmrecht und das Organisationsrecht der unteren Klassen.

Aber daneben sind mir die Grundgedanken des demokratischen Systems, die man unter dem Begriff der Volkssouveränität zusammenfaßt, teils lächerliche, teils kindische Utopien: so der Glaube, daß die Massen und die unteren Klassen sich mehr als die oberen durch Weisheit und Tugend auszeichnen, daß ihre Entscheidungen fähig seien, große Staaten richtig zu lenken, daß alle Beamten jährlich gewählt werden müßten, daß über Krieg und Frieden das ganze Volk entscheiden solle; ich glaube weder an den unbedingten Vorzug des Einkammersystems, noch an den des allgemeinen, direkten Kopfwahlrechts. In großen Massenversammlungen, ja selbst in vielen Parlamenten habe ich stets wesentlich die eine Gefahr gesehen, daß Gefühl und Leidenschaft den Verstand, die Sachkenntnis, die Fähigkeit zu weitsichtigen, sachgemäßen Entscheidungen überwiegen.

Ich betrachte es nun als einen großen Fortschritt, daß langsam, aber sicher in den besseren, in den gebildetsten Teilen der Demokratie selbst die Einsicht in die genannten Schwächen und Grenzen aller demokratischen Einrichtungen erwacht ist. Als Herr und Frau Webb in ihrer Geschichte und Darstellung des englischen Gewerkvereinswesens den Nachweis geliefert hatten, daß diese Verbände zu ihrer Gesundung in dem Maße kamen, als sie die anfänglich vorhandenen urdemokratischen Einrichtungen abstreiften und in sich selbst eine Arbeiteraristokratie und eine Arbeiterbureaukratie schufen, welche die Arbeitermassen leiten, stimmte ich ihnen in meinem Jahrbuche XXV (1901) lebhaft zu. Und mit ähnlichen Empfindungen möchte ich heute ein paar Worte über ein lehrreiches und geistvolles Buch eines deutschen, radikalen Gelehrten, Robert Michels, sagen, den seine bisher geäußerten Anschauungen zurzeit verhindert haben, ein deutsches Katheder zu erlangen. R. Michels, Zur Soziologie des Parteiwesens in der modernen Demokratie. Philos.-soziol. Bücherei XXI. Verlag von W. Klinkhardt. 8°, 401 S. 1910.

Robert Michels, der Neffe des bekannten Handelskammerpräsidenten Michels in Köln, der Schwiegersohn eines Halleschen Universitätshistorikers, jetzt Professor in Turin, war bisher der wissenschaftlichen Welt wesentlich als sozialistischer und demokratischer Heißsporn bekannt. Von dem oben genannten Buche könnte man fast versucht sein zu sagen, es stelle seine Umwandlung aus einem Saulus in einen Paulus dar. Und doch wäre es falsch, zu behaupten, er verleugne hier seine radikale Vergangenheit. Er verbindet nur seine bisherigen Ideale mit dem ihm aufgegangenen historischen und psychologischen Verständnis, daß die europäische Demokratie in eine Krisis eingetreten sei, daß überhaupt alle ausreifende Demokratie zu einer demokratischen Aristokratie und Bureaukratie hinführe.

Er geht von dem Nachweis aus, daß alle direkte Massenherrschaft mechanisch und technisch unmöglich sei, daß alle demokratischen Bildungen Führerschaften erzeugten, daß die Entstehung von Führern eine notwendige Arbeitsteilung darstelle, daß zumal für die Zeiten starker politischer Kämpfe kriegführende Parteien die nötige Befehlskonzentration wie Entschlußfähigkeit nur durch eine Art militärischer Unterordnung unter ihre Führer erhalten. Er schildert das Führungsbedürfnis, das Verehrungsbedürfnis der Massen, die Heiligsprechung der sozialistischen Führer nach ihrem Tode, die massen- und individual-psychologischen Folgen, welche Rednertalent, Berühmtheit, Willenskraft nach sich ziehen. Er zeigt dann, wie zwischen den Führern und den Geführten wachsende Bildungsunterschiede entstehen, wie die Routine der Herrschaftsmittel sich ausbilde, wie die Inkompetenz der Massen die Unentbehrlichkeit der Führer in steigendem Maße erzeuge.

Er schildert weiter den Herrschaftscharakter der sozialdemokratischen Führer, besonders der deutschen, und zeigt, wie wenig die Erwartung, daß die immer wieder nach kurzer Zeit von der Demokratie in Bewegung gesetzte Wahlmaschine stets andere Führer emporhebe, sich bestätige, wie die lebenslängliche Erneuerung der Mandate gerade hier zur Regel werde, während die deutschen Minister durchschnittlich nur 4½ Jahre amtierten. Die Dankbarkeit der Massen, die Unersetzlichkeit der Führer, die Einsicht in die Schäden alles Wechsels, die Übung der Führer, sich, ihre Freunde und Söhne wechselsweise zu empfehlen, hätten an diesem Erfolge ebenso teil, wie die Treue an den ergriffenen Prinzipien und die gemeinsamen Schicksale. Und zu den ideellen Momenten komme bei der deutschen Sozialdemokratie die Gewohnheit, viel mehr als in andern Ländern ihre Führer, Sekretäre, Redakteure nicht glänzend, aber auskömmlich zu bezahlen. Unbezahlte Arbeit, wie in den älteren Aristokratien, sei hier nicht möglich oder sogar schädlich. Jedenfalls gebe dieser Umstand der deutschen Sozialdemokratie einen ganz anderen Charakter, als der entsprechenden Partei in Holland, Frankreich, Italien, die durch die reichsten Männer der Partei unentgeltlich geleitet würden, deren unbemittelte Führer durch fette Ämter immer wieder in andere Lager sich locken ließen.

Michels verkennt dabei gar nicht die Schattenseite des wachsenden Beamtenheeres der Partei, die vor allem in der finanziellen Macht der oberen Führer liege: »In der Hand der Partei-Bureaukratie liegen die Presse, der Schriftenverlag und -vertrieb, die Aufnahme von Rednern in die Listen der bezahlten Agitatoren. Alle diese Einnahmequellen kann sie unliebsamen Konkurrenten oder unzufriedenen Elementen aus der Masse jederzeit sperren und sperrt sie nötigenfalls auch tatsächlich. Die Machtkonzentration in den marxistischen Parteien ist offensichtlicher als die marxistische Kapitalskonzentration im Wirtschaftsleben.« »Byzantinismus und Kadavergehorsam entstehen notwendigerweise auch in der Arbeiterpartei.«

Ein weiteres Hauptmittel, die Macht der Führer zu stärken, sieht Michels in der Presse. Mit dem Wachstum der Partei, mit ihrer Ausdehnung auf gewerkschaftliche und genossenschaftliche Tätigkeit wachse die Ohnmacht der Massen der leitenden Minorität gegenüber. Die Bemühungen, durch Dezentralisation dieser Herrschaft der Führer entgegenzuwirken, scheitern naturgemäß an dem nur durch Zentralisation erhaltbaren Machtbedürfnis der Partei. Auch aus allen Kämpfen der Führer untereinander gehe immer wieder der Sieg der leitenden Männer hervor.

Eine psychologisch historische Untersuchung, die nebenbei auf den Bonapartismus eingeht, sucht den Nachweis der historischen Notwendigkeit zu führen, welche alle Demokratie zur Oligarchie dränge. Und diese Untersuchung ergänzt dann Michels durch die soziale Analyse der Führerschaft, hauptsächlich in der deutschen Sozialdemokratie, wobei mit schlagender Sachkenntnis hauptsächlich die der Bourgeoisie entstammenden den Arbeiterführern proletarischer Abstammung entgegengesetzt werden.

Michels schildert zuletzt alle Versuche der Bekämpfung der neu entstandenen Führerschaft innerhalb der Demokratie; er weist nach, wie das Referendum, der französische Syndikalismus und der Anarchismus die natürlichen, aber gänzlich resultatlosen Anläufe seien, in denen die Demokratie versuche, ihrem notwendigen Schicksale zu entrinnen.

Und was ist nun die Synthese, zu der der Verfasser kommt? Sie ist vom Standpunkt des Radikalismus ganz pessimistisch. Er fragt: Ist es unmöglich, daß eine demokratische Partei, trotzdem sie unrettbar der Oligarchie verfällt, dauernd eine demokratisch revolutionäre Politik verfolgt? Er antwortet: Sie kann vielleicht in erschöpfendem Kampfe eine bestehende andere Oligarchie, zum Beispiel die der feudalen, der Mittelklassen verdrängen; aber die Regel wird sein, daß die Demokratie auf dem Wege zur Macht, je größer die Partei, ihre Kadres, ihre Führerschaften werden, desto vorsichtiger wird; sie verliert ihre revolutionäre Energie; sie geht auf in der Organisierung ihrer Bureaukratie, ihrer Hierarchie, in der Füllung ihrer Kassen, sie verfällt der Furcht, durch eine energische, wagemutige Taktik alles aufs Spiel zu setzen; die Organisation wird aus einem Mittel zum Selbstzweck; die Partei verliert mit der Entwicklung ihres Ruhebedürfnisses ihre revolutionären Giftzähne, sie wird zu einer konstitutionellen Oppositionspartei. Ihr Haß gilt nicht mehr den Gegnern ihrer Weltanschauung, sondern den Inhabern der Stellen, die ihre Führer selbst haben wollen.

Michels erinnert an Mommsens Wort, daß jede Demokratie stets sich selbst vernichte. Er zitiert Rousseaus Ausspruch: A prendre le terme dans la rigueur de l'acception, il n'y a jamais existé de véritable démocratie et il n'en existera jamais. Il est contre l'ordre naturel que le grand nombre gouverne et que le petit soit gouverné. Den Satz, daß die Demokratie das Grab der persönlichen Freiheit sei, gibt er durch die Antithese zu: »Wo die sozialistische Theorie darauf ausgegangen ist, die persönliche Freiheit mit Garantien zu umgeben, ist sie entweder im Uferlosen des Individualanarchismus geendet oder hat sich in Vorschlägen ergangen, die das Individuum zum Sklaven machen würde.« Er ruft Alex. Herzen dafür an, daß alle sozialen Kämpfe nur die Bemühung der Niedrigen darstellen, die Plätze der Geizigen zu erhalten, und daß sie dann selbst geizig würden.

Und doch hat er neben all diesen Verzweiflungsaussprüchen eine Hoffnung, die sich mit Recht an eine vernichtende Kritik von Marx und den Marxisten anschließt. Er sagt, sie haben eine ökonomische Doktrin von großer Anziehungskraft geschaffen, aber sobald sie sich auf staats- und verwaltungsrechtlichen sowie auf psychologischen Gebieten bewegen, fehlt ihnen jede elementarste Ahnung. Ich habe öfters ähnliches über Marx und die Marxisten gesagt. Marx weiß, sagt Michels, zuletzt nichts anderes als die Diktatur des Proletariats. Marx denkt sie sich als etwas Vorübergehendes. Sie wäre in Wirklichkeit die dauernde Diktatur einiger oligarchischer oder gar eines einzigen Führers, eines Cäsars oder Napoleons.

Indem er so den Marxismus schroff ablehnt, glaubt er doch im älteren französischen Sozialismus von St. Simon, Fourier, Considérant und in Männern, die sich, wie er glaubt, ihnen anschließen, wie Gaetano Mosia, Velfredo Pareto, Taine, Gumplowitz den Rettungsanker zu finden. In der Formel Considérants, die er als demokratisch-pazifistischen Sozialismus bezeichnet, findet er das Wort der Erlösung: das Ziel ist nicht die Beherrschung der Gesellschaft durch die niederen Volksklassen, sondern die Regierung und Organisation der Gesellschaft im Allgemeininteresse mittels der hierarchischen Intervention einer mit dem Grade der Entwicklung steigenden Anzahl von Staatsbürgern.

Michels endet mit der richtigen Erkenntnis, daß das Problem des Sozialismus nicht ein solches der Ökonomie, sondern der Psychologie, der Verwaltungstechnik, der Verfassung sei. Schade, daß ihm seine großen Studien in der heutigen, hauptsächlich ausländischen sozialen Tagesliteratur nicht Zeit gelassen haben, sich in die deutschen Rechts-, Wirtschafts-, Verfassungs- und Verwaltungs-Historiker und Nationalökonomen zu vertiefen, die seit ein bis zwei Generationen schon zu dieser Erkenntnis gekommen sind. Ich glaube, wenn er auch nur die einschlägigen sozialen Kapitel meines Grundrisses der allgemeinen Volkswirtschaftslehre gelesen hätte, so würde er gesehen haben, daß eine große Entwicklung der deutschen Staatswissenschaften ihm bisher unbekannt blieb, und daß man zur Lösung der von ihm erörterten Probleme vor allem beginnen muß mit den Fragen: wie kann die Menschheit zu Staatsgewalten kommen, die über Parteien und Klassen stehen, wie hat nach und nach eine Gerechtigkeit übende Gerichts- und Staatsgewalt sich gebildet, welche verschiedenen Spielarten der Aristokratie, der Oligarchie, der Demokratie hat es bisher gegeben, und welche aufsteigenden Entwicklungslinien deutet die welthistorische Ausbildung dieser Tendenzen und Institute an.

Immer bleibt das Buch von Michels ein anziehendes, lehrreiches: es ist mit dem Mut geschrieben, der nicht davor zurückschreckt, die eigenen bisherigen Ideale zu prüfen, zu negieren; es zeigt einen eleganten Schriftsteller und einen Gelehrten, der noch eine Zukunft vor sich hat, so wenig er hier die einseitigen Parteiphrasen und Parteiurteile seiner radikalen Vergangenheit schon ganz abgestreift hätte.

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