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Deutschland und Österreich-Ungarn

Neue Freie Presse (Wien) Nr. 16035 vom 11. April 1909.

Ihre früheren Kämpfe und Bündnisse, ihre heutige Interessengemeinschaft und gegenseitigen Sympathien.

Es war das historische Schicksal Brandenburg-Preußens und Österreich-Ungarns, daß sie, von 1640-1866 öfter und länger verbündet und in den größten Fragen der europäischen Politik zusammenwirkend, doch über ihre Stellung und ihren Einfluß in Deutschland immer wieder zeitweise kämpfen mußten; es war die Erfüllung ihres Schicksals, daß sie nach den Auseinandersetzungen von 1866 und 1870, nach der Gründung des Deutschen Reiches in immer engere und bessere Verbindung kamen. Ihre Interessengemeinschaft wuchs immer mehr, weil die alten Streitpunkte begraben waren und auf dem wachsenden Welttheater mit seinen großen Kämpfen das Zusammenhalten beider Reiche immer nützlicher wurde. Das dreißigjährige Bündnis von 1878 hat mit der letzten europäischen Krisis seinen Höhepunkt erreicht, hat seine Stärke den übrigen Mächten gezeigt, Europa den Frieden diktiert.

Der Große Kurfürst von Brandenburg (1640-1688) stand die größere Hälfte seiner langen Regierung auf österreichischer Seite. Und als 1689 bis 1714 die kriegerischen Würfel darüber geworfen wurden, ob Frankreich ganz Europa und die damaligen Kolonien beherrschen sollte, da standen die preußischen Truppen neben den österreichischen auf Seite der Westmächte (Holland und England) gegen Frankreich und halfen zugleich die Türken aus Ungarn zu vertreiben und Österreich-Ungarn bis 1718 auf den Höhepunkt seines territorialen Umfanges zu heben. Auch unter Friedrich Wilhelm I. (1713 bis 1740) sehen wir Preußen noch überwiegend auf österreichischer Seite; aber gerade weil es unter diesem sparsamen Finanzreformer und Militärreorganisator so sehr erstarkte, so mußte unter Friedrich II. (1740-1786) der Rückschlag erfolgen. Karl VI. und Maria Theresia hatten übersehen, daß nun eine bedeutsame, reindeutsche, protestantische Kriegsmacht neben ihnen stand, die man nicht bloß ausnützen und dann wieder schroff behandeln dürfe. Mit den drei Schlesischen Kriegen, dem Erwerb Schlesiens und Westpreußens, mit den Heeres- und Finanzeinrichtungen des Philosophen von Sanssouci war der deutsche Dualismus vollendet und sah man schon, daß das junge Preußen neben dem katholischen Österreich und seinem Völkergemenge der eigentlich deutsche Staat der Zukunft sei. Freilich verstanden Maria Theresia und Josef II. die großartigen inneren Fortschritte des preußischen Rivalen fast einzuholen; aber eines hatten sie – nach der Natur ihres Staates – nicht vermocht, ihren Ländern dieselbe Einheit, dasselbe zentralistische Gefüge zu geben, wie es Preußen 1713-1786 erreicht hatte.

Der Kampf mit der französischen Republik und Napoleon I. ließ aber Preußen und Österreich nicht nur 1792-1815 den Hader vergessen, sondern schuf zwischen beiden ein Bündnis, das bis 1848/49 dauerte. Die Heilige Allianz, die Unterordnung Preußens unter Metternich und Kaiser Nikolaus von Rußland, ist kein Ruhmesblatt für Preußen. Die zwei preußischen Herrscher, die damals die Träger der Freundschaft mit Österreich waren, Friedrich Wilhelm III. und IV., waren viel unbedeutendere Fürsten als Friedrich der Große und der Große Kurfürst. Man wird heute zweifeln können, ob Preußen nicht einen großen Fehler beging, als es mit Österreich 1792 gegen Frankreich zog. Aber nachdem Napoleon sich fast mehr gegen die kontinentalen Staaten als gegen Frankreichs Hauptfeind, nämlich England, gewendet hatte, wurde die preußisch-österreichisch-russische Allianz notwendig; und ihre Folge war die Zeit von 1815-1848. Die falsche Reaktionspolitik Metternichs machte Preußen wenigstens in der Hauptsache nicht mit. Und wenn es sich dann auch noch 1850 vor Österreich in Olmütz demütigte, gerade die Ereignisse von 1848-1853, der Versuch Österreichs, in den Zollverein einzutreten und so Preußen dessen Leitung zu entreißen, mußten zum Kampfe von 1861-1870 führen, der erst ein handelspolitischer war, 1864 und 1866 ein politisch-kriegerischer wurde. Indem Bismarck Österreich einen anständigen Frieden anbot, jede Landforderung vermied, schuf er für die Zukunft die Möglichkeit eines neuen Bündnisses auf viel natürlicherer Basis.

Österreich-Ungarn war durch seine ganze große Geschichte, durch seine Stellung in Italien und an der unteren Donau, durch sein vielsprachiges Völkergemisch, durch seine großen Aufgaben gegenüber der Türkei eine europäische Macht, welche nicht in ein einheitliches Deutsches Reich eintreten konnte. Ein solches Reich war aber für Preußen und die übrigen deutschen Staaten eine Lebensbedingung (1848-1870) geworden; in der Zeit der Eisenbahnen, der neueren Technik, der neuen Industrie, in dem Zeitalter der letzten großen Aufteilung der Erde war Deutschland für immer um seinen legitimen Einfluß, um seine große wirtschaftliche und Kulturentwicklung gebracht, wenn es nicht 1848-1870 gelang, zur vollen Einheit zu kommen. Sie war unglaublich schwer herzustellen; nur einer titanischen Natur, wie Bismarck, konnte sie gelingen; alle anderen europäischen Staaten mußten sie bekämpfen, so weit sie irgend konnten. Als der damalige Prinz von Wales die Katastrophe von Sedan hörte, soll er gerufen haben: »Dafür werde ich mich dereinst rächen!« Aber absolut unmöglich wäre der Bau des deutschen Reichsgebäudes geworden, wenn man 1850-1870 die ein Viertel deutsche und drei Viertel nichtdeutsche europäische Macht Österreich-Ungarn hätte einbeziehen wollen. Das politische Kunststück gelang nur durch die drei Kriege mit Dänemark, Österreich und Frankreich, durch die russisch-preußische Allianz und die Unfähigkeit der damaligen englischen Ministerien.

Aber während dann im darauf folgenden Menschenalter die russisch-preußische Allianz erkaltete, das Verhältnis Deutschlands zu Frankreich lange ein gespanntes blieb und Großbritannien auf Deutschlands Machtaufschwung, seine Industrie, seine Schiffahrt, seine Kolonien immer scheeler sah, wurden naturgemäß die deutsch-österreichischen Beziehungen immer bessere. Niemals hat sich dies deutlicher gezeigt als in dem Moment, da Rußland über Österreich herfallen wollte und in Berlin anfragte, wie man sich dort dazu verhalten würde. Bismarck antwortete sofort, auf dem Wege nach Wien würde die russische Armee neben der österreichischen auch der deutschen begegnen. Der Angriff unterblieb auf diese Antwort. Man war mit 1878-1885 in ein ganz neues Zeitalter der Weltgeschichte eingetreten. Von 1500-1866 hatte es sich um die Ausbildung der europäischen Großmächte, ihre gegenseitige Abgrenzung und darum gehandelt, ein völkerrechtliches Gleichgewicht zwischen ihnen herzustellen, das das Aufsteigen jeder einzelnen unter ihnen zu einer alles beherrschenden, die anderen bedrohenden Weltmacht hinderte. Erst Spanien, dann Frankreich hatten derartiges versucht. Sie waren von den anderen Großmächten daran gehindert worden. Von 1866 bis heute, hauptsächlich von 1878 an, haben Rußland und Großbritannien, in gewisser Weise auch Frankreich sich aus europäischen Großmächten zu Weltmächten von ungeheurem Umfang entwickelt. Sie – vor allem Großbritannien – bekamen damit ein gefährliches Übergewicht. Aber die russische Gefahr, die seit 1885 Europa bedrohte, ist im Augenblick gebannt durch den japanischen Krieg, durch die Revolution und durch den Übergang in konstitutionelle Staatsformen. Das französische Kolonialreich und die französische Republik entfalten zur Zeit nichts das Gleichgewicht Europas Bedrohendes, Aggressives. Nur die englische Politik der Gegenwart, die anderen Staaten das Maß ihrer Rüstungen vorschreiben will, eine Anzahl europäischer Mittelstaaten in halb englische Dependenzen verwandelte, ist für den Weltfrieden mehr und mehr eine gewisse Gefahr geworden. Die Erhaltung eines völkerrechtlichen Gleichgewichtes der gesamten Großstaaten untereinander erscheint nur gesichert, wenn die zwei europäischen Zentralmächte ihre auswärtige Politik noch viel mehr als früher in volle Übereinstimmung bringen und als geschlossene Macht auftreten, wenn zugleich Rußland, Italien, die Vereinigten Staaten und Japan in relativer Selbständigkeit sich behaupten. Großbritanniens Machtminderung erstrebt keine andere Macht, aber alle anderen Staaten haben alle Ursache, das jetzt bestehende Gleichgewicht zu erhalten, von dem der Weltfriede und die aufsteigende Kultur der ganzen Erde abhängt. Preußen und Österreich haben schon im 17. und 18. Jahrhundert zusammengestanden, wenn das europäische Gleichgewicht bedroht war; jetzt haben sie in viel höherem Maße das Bedürfnis zum Zusammenschluß.

Die Pläne eines ewigen Weltfriedens sind heute utopisch. Aber erreichbar ist ein Völkerrecht, ein System von Bündnissen und Schiedsverträgen, das hindert, was stets bisher in der Alten und Neueren Geschichte den Fortschritt bedrohte, das Aufsteigen eines einzelnen großen Reiches zu einer für alle anderen bedrohlichen Welt-, Handels- und Seeherrschaft, die Proklamierung einer imperialistischen Politik, welche eventuell mit Flotten und Kanonen statt mit loyaler Konkurrenz den internationalen Wettbewerb des Weltmarktes entscheiden, den Export, die Schiffahrt, die Kolonien der anderen Staaten bedrohen und vernichten will. Die heutige englische Regierung ist von derartigen Extremen gewiß frei, aber sie kann die chauvinistischen Pläne der englischen Heißsporne in der Presse, im Parlament und in der Industrie kaum mehr meistern. Das immer festere deutsch-österreichische Bündnis ist hiergegen das beste Mittel.

Deutschlands Macht und Reichtum ist von 1866 bis heute außerordentlich gewachsen; aber auch Österreich-Ungarns Finanz- und Heerwesen waren seit hundert Jahren niemals in so günstiger Verfassung. Beide Reiche zusammen halten den größeren Teil Europas in Schach. Die Gegensätze der beiden Reiche sind begraben. Man will von Wien aus Deutschland nicht mehr dirigieren, wie 1815-1866. Deutschland hat heute, außer seinen eigensten Lebensinteressen, keinen wichtigeren Beruf als die Erhaltung und Stärkung der habsburgischen Monarchie. Kein vernünftiger Mensch in ganz Deutschland denkt heute an die Möglichkeit der Einverleibung Deutsch-Österreichs; man weiß heute allgemein, daß sie uns schwächen statt stärken würde, daß sie Europa des starken Walles berauben würde, der uns gegen Rußland, den Balkan, die einseitige Herrschaft Englands im ganzen östlichen Mittelmeergebiet schützt. Und das wird in absehbaren Generationen nicht anders werden.

Und zu dieser großen vitalen Interessengemeinschaft kommt die tausendjährige Bluts- und Rassengemeinschaft, die Rechts-, Literatur-, Kunst- und Kulturgemeinschaft des heutigen Deutschen Reiches mit Deutsch-Österreich. Es gibt nicht zwei andere große Reiche, die eine solche Gemeinschaft besäßen. Der Engländer und der Nordamerikaner sind durch den Ozean und eine rasch wachsende Kulturdifferenzierung getrennt. Der frühere Gegensatz zwischen Katholizismus und Protestantismus schwächt sich im Verhältnis Deutschlands zu Österreich täglich mehr ab; das Gemeinsame der christlich-deutschen Kultur wird immer wichtiger. Die allgemeinen wirtschaftlichen Lebensbedingungen, die Gesetzgebung, die gesamten Institutionen sind ähnliche, gehen denselben Entwicklungsgang, bei aller Verschiedenheit im einzelnen. Die beiderseitige Wirtschaftsentwicklung stört sich an keinem Punkte; ihre Konkurrenz auf drittem Markte enthält nirgends eine erhebliche Bedrohung der Interessen des Verbündeten. Eine noch größere staatsrechtliche und volkswirtschaftliche Verbindung ist wohl denkbar, etwa ein ewiges völkerrechtliches Bündnis und ein Zollverein. Aber im ganzen scheint mir dazu die Zeit doch noch nicht reif zu sein. Überstürzungen in dieser Richtung könnten schädlich wirken. Nur eines scheint mir für das Auswachsen der sympathischen Bande zwischen beiden Reichen in nächster Zeit sehr dringlich wünschenswert. Das Zurücktreten, die bessere Bekämpfung des Nationalitätenhaders in Österreich-Ungarn. Es ist zu verletzend für jeden Deutschen, wie seine Landsleute heute, zum Beispiel in Böhmen, mißhandelt und an die Wand gedrückt werden. Voraussetzung für diese Besserung freilich ist, daß die Stimmungen und die politische Beurteilung der Nationalitäten- und Rassenfragen überhaupt und überall andere, vernünftigere, billigere werden als bisher.

Das 18. Jahrhundert und noch die Zeit bis 1850 hatte bei der Staatenbildung und -ordnung von oben herab die Rassen-, Sprach- und Nationalgemeinschaften so ziemlich ganz ignorieren zu können geglaubt. Es war natürlich mit dem Erwachen des Volksbewußtseins, mit dem Herabsickern einer gewissen Volksbildung bis in die unteren Schichten, mit den jämmerlichen Kleinstaatszuständen in Deutschland und Italien gegeben, daß die neue Botschaft, die Losung, die »Nationalität« müsse die Grundlage aller politischen Bildungen werden, wie eine Befreiung wirkte. Überall weckte sie neue Kräfte, belebte sie die schlummernden, hob die unteren und mittleren Klassen empor, erzeugte große politische Wirkungen. Wo es ging, wie in Italien und in Deutschland, gab die Agitation für den Nationalstaat das Schwungrad für große staatliche Neuorganisationen ab. Aber bald mußte man doch einsehen, daß gleiche Rasse, Sprache, Nationalität nur die eine, ich möchte sagen, die Naturseite der Staatenbildung ausmache. Man sah bald, wie verschieden nationale Elemente doch auch heute noch Spanien, Frankreich, Großbritannien umfassen. Kein patriotischer Schweizer kommt auf den Gedanken, aus dem französischen, italienischen und deutschen Teil der Schweiz drei besondere Staaten zu machen; kein Kanadier wollte je den englisch und den französisch redenden Teil trennen. Noch weniger haben je die verschiedenen nationalen Bestandteile der Vereinigten Staaten solchen Widersinn ernstlich erörtert. Kleine Nationalitäten- und Stammessplitter von einer halben bis sechs Millionen können heute keine großen Kulturstaaten bilden. Österreich-Ungarn wäre zu einem politischen Chaos und zur Unkultur, zur Beute für alle Nachbarn verurteilt, wenn jeder seiner Stämme einen Staat für sich bilden wollte. Die Zukunft gehört den großen Staaten; und wo die nationale Einheit, die gewiß ein großes Glück, aber keineswegs unentbehrlich ist, fehlt, müssen die verschiedenen Rassen- und Sprachenelemente sich eben vertragen und politische Formen ausbilden, wobei die verschiedenen Sprachen und Stämme in lokalen und autonomen Verbänden gewisse Funktionen und selbständige Betätigungskreise erhalten, aber doch loyal der staatlichen Zentralgewalt sich unterordnen. Auch die heutigen großen Nationen sind einstmals diesen Weg gegangen. Es gibt keinen anderen Weg zur höheren Kultur und zur politischen Macht.

Als jetzt die serbische Krise den österreichisch-ungarischen Staat bedrohte, war ja die große Majorität der Völkerschaften des Reiches hinter der festen und entschlossenen Regierung. Und dadurch wurde auch für das Deutsche Reich die gleiche Festigkeit um so leichter. Aber es ist klar, daß der Wert des österreichisch-ungarischen Bündnisses für Deutschland geringer wird, sobald die Monarchie als vom Nationalitätenhader bedroht, eventuell gelähmt erscheint. Wer in Österreich das Bündnis schätzt und befestigen will, muß dementsprechend handeln.

Wir wollten diesen Punkt nicht verschweigen. Um so weniger, als bei allem jetzigen Jubel in beiden Reichen über die Einigkeit, bei aller Steigerung der gegenseitigen Sympathien durch den jetzigen Erfolg wir uns darüber klar sein müssen, daß dieser Erprobung des Bündnisses weitere, ernstere Proben folgen werden. Die gemeinsamen Feinde beider Reiche werden aus dem jetzigen großen Erfolge derselben gewiß neue Impulse des Angriffes schöpfen.

Auch der, welcher die heute ausgelösten geistigen und Gemütsimponderabilien in der Verstärkung der gegenseitigen Sympathien mit Recht hoch einschätzt, wird gut tun, immer doch im Auge zu behalten, daß das letzte Fundament des Bündnisses die reale Interessengemeinschaft ist. Und diese wurzelt zwischen Staaten immer in den großen internationalen Machtfragen, deren Verschiebung und Umbildung. Das höchste Machtinteresse für Deutschland und Österreich-Ungarn wird in absehbaren Zeiten immer dasselbe bleiben: ohne die riesenhaften Ausdehnungssphären, wie sie England, Rußland und Frankreich haben, müssen sie wenigstens ihre Industrie, ihren Export, ihre Schiffahrt auf friedlichem Wege ausdehnen können, müssen sie sicher sein, daß nicht aus dem jetzigen Gleichgewichtssystem der Mächte eine sie bedrohende neue Weltherrschaft sich erhebt. Sie haben die beiden besten Landheere der Welt, die vereint stark genug sind, jeder anderen Koalition die Spitze zu bieten. Und sie können sich nicht verbieten lassen, daneben eine Flotte zu schaffen, stark genug, ihre Küsten und ihren Handel zu schützen.

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