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Karl Marx und Werner Sombart.

Schmollers Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft im Deutschen Reiche. XXXIII. l1909) 3. Hest. S. 1235-1241.

Wer an den Fortschritt der Wissenschaft glaubt, der wird auch zugeben, daß es einen solchen nicht geben könne, ohne daß die jüngeren an die älteren Generationen, die Schulen an ihre Führer anknüpfen. Und doch knüpft sich an die Bezeichnung eines Gelehrten als eines »Aners« (Hegelianers, Marxianers usw.) leicht ein Beigeschmack der Geringschätzung. Man vergißt dabei, daß der Schüler falsche, aber auch richtige Methoden, berechtigte zeitgemäße Ideale und überlebte, gesicherte Wahrheiten, aber auch voreilige und falsche Theorien vom Meister übernehmen kann. Man vergißt ebenso, daß wir in der Jugend fast alle »Aner« waren, daß viele es allerdings zeitlebens blieben, manche aber in ihren reifen Jahren ihr »Anertum« und zwar zu ihrem Vorteil abstreiften.

Von Marx möchte ich sagen, er sei zu lange und zu sehr Hegelianer und Ricardoaner geblieben, obwohl er bedeutsamer Originalität nicht entbehrte. Er hätte das Schiefe des Hegelianismus auch sicher, ähnlich wie Ranke, Zeller und viele andere, schon 1840-1860 abgestreift, wenn er Gelehrter geworden, nicht zeitlebens flüchtiger, verbannter, mit der Existenz ringender Journalist geblieben wäre. Ricardo abzustreifen war ihm freilich nach seiner Geistesverfassung schon viel schwieriger.

Sombart ist in seiner Jugend leidenschaftlicher Marxianer gewesen. Ein gut Teil davon hat er abgestreift, an einem gewissen hält er aber fest. Die anzuzeigende Bekenntnisschrift Sombart, W., Das Lebenswerk von Karl Marx. Jena 1909. will Zeugnis davon ablegen. In vielem stimmt sie mit den Schriften seiner letzten Jahre, hauptsächlich der fünften und sechsten Auflage seines »Sozialismus und soziale Bewegung 1905 Vgl. über diese die Anzeige in Schmollers Jahrbuch XXX (1906) S. 830 ff. von F. Boese. und 1908«, und zwar teilweise wörtlich überein. Aber es lohnt sich doch, hier auf seine neuere Stellungnahme zum Marxismus einzugehen. Es ist mir ein Bedürfnis, hier offen auszusprechen, was ich an Sombarts Bekenntnis berechtigt Und anerkennenswert und was ich für unrichtig halte. Zunächst ein Wort über den Inhalt des prinzipiellen ersten Teils der Schrift.

Sombart geht davon aus, daß ein Vierteljahrhundert seit dem Tode von K. Marx verflossen sei. Als er starb, habe er fast keine Bedeutung gehabt: die Sozialisten mißverstanden ihn damals; ein paar verrückte Schneidergesellen richteten ihr Gehirn an ihm vollends zugrunde, ein paar bürgerliche Nationalökonomen suchten das Nebensächliche seiner Theorien zu widerlegen, sahen den Kern nicht. Seither erst entstand der riesige praktische Einfluß und die große wissenschaftliche Marx-Literatur, hauptsächlich seit 1894, dem Erscheinen des dritten Kapitalbandes; 1894-1904 traten 280 Schriften über ihn zutage. So sei es jetzt Zeit zu fragen und eine objektive Antwort zu geben: Was hat Marx Großes geleistet für das praktische soziale Leben und die wissenschaftliche Erkenntnis?

Sombart antwortet: Marx war arm an sozialen Ideen, an politischen Gedanken, an eindringlichen warmen Tönen; aber er wußte zu schauen und donnernd zu sprechen, wie die alten jüdischen Propheten; er ist nur abstoßender als jene. In seinem Sozialismus fügt er bei: er leidet an Hypertrophie des Verstandes, er sieht nur das Böse in der Welt. Diese Einschränkung wiederholt er hier nicht. Auch kleidet er nicht mehr wie früher sein Lob in die Formel: seine Größe bestehe darin, daß er die höchste Form des damaligen Denkens (Hegel) mit der Kenntnis der höchsten Form des damaligen sozialen Lebens (Frankreich) vereinigt habe. Er fühlt wohl selbst jetzt, daß diese Formel mehr Angriff als Lob ist; sie bedeutet: die Annahme und Beibehaltung einer verfehlten Methode und die zeitliche und örtliche Beschränkung auf einen kleinen Ausschnitt des Lebens, aus der falsche Generalisationen folgen mußten.

Sombart stellt nun heute als Marx' Verdienst in erster Linie hin: die historische Auffassung der sozialen Bewegung und die Inbeziehungsetzung der ökonomischen, sozialen und politischen Erscheinungen und Vorgänge, die Erklärung der politischen Bestrebungen und Revolutionen aus Machtverschiedenheiten der sozialen Klassen; die dadurch gegebene Erklärung der Klassenbildung und des Klassenkampfes. »Sozialismus als Ziel, Klassenkampf als Weg hörten auf, persönliche Meinungen zu sein und wurden in ihrer historischen Notwendigkeit begriffen,« das »Proletariat wurde zum vollen Bewußtsein seiner selbst gebracht«. Es ergab sich mit Notwendigkeit das Schlagwort der Emanzipation des Proletariats. Die Herrschaft der Unternehmer mußte als das zu Beseitigende erscheinen, wenn man nicht, um vom Kapitalismus nicht erdrückt zu werden, zum unvollkommenen Kleinbetrieb zurückkehren wollte. Die Vergesellschaftung der Produktionsmittel und gemeinschaftliche Organisation, demokratischer Kollektivismus, erreichbar auf dem Wege des Klassenkampfes, das waren die notwendigen Konsequenzen.

Und hier schließt sich nun Sombart Marx noch voll und ganz an, wenn er auch beifügt, wissenschaftlich lasse sich nicht beweisen, daß der Fortschritt nur durch Kampf, durch Sieg der Stärkeren herbeizuführen sei. Jede Hoffnung aber auf wohlwollende Menschen, auf ideologische Bureaukratie sei Torheit. Marx habe so die Grundpfeiler, auf denen sich die soziale Bewegung aufbauen mußte, errichtet. »Indem Marx sie in den Fluß der historischen Entwicklung stellte, brachte er sie theoretisch in Einklang mit den bestimmenden Faktoren der Geschichte (etwa mit allen? oder nur mit einzelnen?), begründete er hierauf die realen Bedingungen der Wirtschaft und die Charakterveranlagung der Menschen, wies er ihre ökonomische und psychologische Bestimmtheit nach, wurde er der Begründer des historischen (im Gegensatz zum rationalen) oder realistischen (im Gegensatz zum utopischen) Sozialismus.«

Daneben hebt er als akzidentelle Umstände der großen Wirksamkeit von Marx hervor, daß er sein Programm eng genug faßte, um die Proletarier zu einheitlichem Bewußtsein zu bringen und anderseits nicht zu eng, so daß die Entfaltung der nationalen und sonstigen Eigenarten nicht gehemmt war (S. 22); er gibt zu, daß er seiner Theorie fiktive Werte beimischte, wie die Anrufung der Gerechtigkeit, pathetische Aussprüche gegen Ausbeutung usw., die in Widerspruch mit seinen Grundgedanken für die Bewegung der Massen nötig gewesen seien.

Im übrigen gibt er das meiste, was Marx an sogenannten Theorien aufgestellt hat, preis. Er verhöhnt Engels, daß er in dem Wertgesetz von Marx etwas Bedeutungsvolles sehe (S. 34). Die Formulierung der materialistischen Geschichtsauffassung lasse gerade bei Marx am meisten zu wünschen übrig (S. 35). Die angeblichen Entwicklungsgesetze der modern kapitalistischen Wirtschaftsepoche seien zum großen Teile heute als falsch erkannt. Er habe schon früher (1905) den Nachweis zu führen gesucht, »daß die Akkumulationstheorie, die Verelendungstheorie falsch, die Zusammenbruchstheorie unbegründet, die Konzentrationstheorie und die Sozialisierungstheorie einseitig und unvollständig seien; daß somit auch die Gesamttheorie der kapitalistischen Evolution haltlos geworden sei, die ja von jenen Einzeltheorien getragen worden sei.« Von dem Rettungsversuch, wie ihn Sombart im Archiv f. soz. Ges. 7, 1894, S. 555 ff. machte, den dritten Band des Kapitals in Übereinstimmung mit den beiden ersten zu bringen und ihm einen leidlichen Sinn überhaupt zu geben, findet man in den neueren Sombartschen Schriften keine Spur mehr. All das ist versunken und vergessen; die Altäre sind vernichtet, vor denen er früher opferte.

Ich könnte so fast sagen, ich selbst behandelte in meinem Grundriß (I, § 41, 3. Aufl., S. 99) Marx nicht so gar verschieden von Sombart. Ich sage da vom Sozialismus und meine damit in erster Linie hauptsächlich Marx: »Er hat eine eminent praktische Bedeutung erhalten, weil er zur Glaubenslehre, zum Ideal der zu politischen Rechten und zum Selbstbewußtsein gekommenen Arbeiter der Großindustrie wurde. Er wurde es, weil er auf große soziale und andere Mißstände und Mißbräuche kühn hinwies und deren Änderung forderte, an die radikalen und materialistischen Tagesströmungen sich anschloß, den rohen Instinkten der Masse teils mit verführerischen Zukunftsplänen, teils mit blendenden Geschichtskonstruktionen und philosophischen Formeln schmeichelte. Seine volkswirtschaftliche Bedeutung besteht darin, daß er den unklaren Optimismus der Freihandelsschule zerstörte, durch eine Analyse der Klassengegensätze und -kämpfe, des politischen und wirtschaftlichen Machtmißbrauchs sowie der unsicheren und kümmerlichen Lage der Arbeiter wichtige Erscheinungen und Gebiete der Volkswirtschaft fast neu entdeckte. Der Sozialismus hat mit Energie sich dem großen Gedanken der Entwicklung zugewandt, hat den Zusammenhang zwischen Recht, Staat und Volkswirtschaft wieder betont, hat die ganze bisherige Wissenschaft zu neuen Ideen, Fragestellungen und Untersuchungen angeregt.« Dann betone ich allerdings ebenso scharf seine Irrtümer und Grenzen, seine politische Urteilslosigkeit, seine psychologische Unfähigkeit, seine großen Gefahren in der Hand von Schwärmern und Demagogen. Was mein Urteil von demjenigen Sombarts aber außerdem wesentlich unterscheidet, ist die verschiedene Auffassung von Klassenbildung, Klassenkampf, Klassenherrschaft. Hier stimmt Sombart auch jetzt noch fast bedingungslos Marx bei, und er glaubt, die hierauf bezüglichen Ausführungen von Marx ließen sich auch ohne die Stützen, die sie in der von ihm verworfenen Marxschen Theorie hatten, aufrechterhalten.

Das scheint mir allerdings nicht möglich. Was Sombart von Marx übrig läßt, ist nur ein unförmlicher Torso, ein Körper, dem Beine und Arme, ja das Herz ausgerissen sind. Er gibt uns jetzt ein Bild von Marx, in dem sich dieser selbst nicht mehr erkennen würde.

Darin stimme ich Sombart allerdings bei: die starke, ja die maßlos übertreibende Betonung der Klassenkämpfe durch Marx ist der Kern seiner Schriften und seiner Wirksamkeit, ist auch das relativ Berechtigte seiner Theorie. Auf diesem Gebiete hat Marx mit großem Auge geschaut, was frühere Zeiten und Zeitgenossen nicht sahen; hier hat er eine große Entdeckerrolle gespielt. Hier liegt seine Größe, während seine Theorien Kartenhäuser sind, die nur enge Köpfe, ohne historisch-psychologische Bildung, oder Anfänger ernst nehmen können. Aber die konkrete Gestaltung, die Marx dann seiner Klassenlehre gegeben, ist ganz einseitig, zum Teil grundverfehlt. Sie ruht auf einer ganz begrenzten Tatsachenprüfung, auf ungenügender psychologischer und historischer Kenntnis und mündet in eine rein utopische Zukunftstheorie. Es sind auch in ihr viel mehr »fiktive Werte«, als Sombart zugibt. Hier ist der Punkt (S. 17-22), wo Sombart reiner Marxianer geblieben ist, indem er folgert: Nach der Erkenntnis der Klassenbildung und der Klassenkämpfe sei der demokratische Kollektivismus, die Vergesellschaftung der Produktivmittel auf demokratischer Grundlage, die Emanzipation des Proletariats und sein Sieg, seine Herrschaft auf wirtschaftlichem und politischem Gebiet die einzig wissenschaftliche konsequente Folgerung, die berechtigte, naturnotwendige historische Konsequenz.

Hier glaube ich bei Marx wie bei Sombart eine Summe von logischen Sprüngen, von unklaren Verallgemeinerungen zu sehen, denen aller konkrete Boden fehlt. Und ich möchte sagen, indem Sombart neuerdings einmal die Gleichberechtigung der nationalen Organisation neben der Klassenorganisation betonte, mußte er sich konsequenterweise bewußt werden, daß er sich wie von den übrigen Marxschen Theorien, so auch von dieser trennen mußte.

Die Marxsche Theorie vom Klassenkampf vergißt, daß es einen Staat und eine Staatsgewalt gibt, welche die Voraussetzung aller höheren Kultur sind, und daß diese Gewalt neben dem Schutz nach außen ihre erste und größte Aufgabe in der Friedensbewahrung nach innen hat; sie vergißt, daß es unter kultivierten Menschen nie ein unbegrenztes Faustrecht, also auch nie einen ganz freien Klassenkampf geben kann. Sie übertreibt die Tatsache, daß herrschende Klassen oft und viel die Staatsgewalt für sich mißbraucht haben, zu der unhistorischen Karikatur, daß alle Staatsgewalt in der Geschichte bisher nur den höheren Klassen diene (Sombart sagt ja selbst, Marx sehe überall nur das Böse, nirgends das Gute). Marx hat so geringe historische, rechts- und verfassungsgeschichtliche Kenntnisse, daß er von dem großen historischen Fortschritt im Sinne des Rechtsstaates, von der immer weiter vordringenden Gerechtigkeit, von den immer neu und immer erfolgreicher einsetzenden Versuchen, die staatlichen Gewalten zu einer Gesetzgebung, Rechtsprechung und Verwaltung im Sinne der Gerechtigkeit zu bringen, wie ich sie (Grundriß II, § 251-252) schilderte, gar keine Ahnung hat.

Und Sombart schließt sich ihm, wie mir scheinen will, deshalb an, weil er es für einen Vorzug hält, daß Marx alle Ethik aus der Volkswirtschaftslehre hinausgeworfen habe; er verwechselt dabei zwei himmelweit verschiedene Dinge: nämlich a) die verwerfliche Eigenschaft eines Sozialgelehrten, der vom Standpunkt eines einseitigen und veralteten Religion- und Moralsystems aus die Probleme mit dem Zwecke untersucht, Nutzen für seine einseitigen moralischen Ideale zu suchen, und b) die Eigenschaft aller großen Sozial- und Staatsgelehrten, welche die psychisch-moralischen Kräfte als den Kern ihres Problems erkennen, deren Betätigung und Wirksamkeit in Religions- und Moralsystemen, in Sitte und Recht, in allen gesellschaftlichen Institutionen untersuchen, ohne jede Vorliebe für ein einzelnes System, aber mit dem klaren Blick dafür, daß ohne die Untersuchung dieser wichtigsten Ursachenkette jede gesellschaftliche Wissenschaft gänzlich auf dem Holzwege ist. Dieser Verwechslung macht sich heute eine ganze Reihe auch bedeutenderer jüngerer Gelehrter schuldig, in erster Linie, weil sie philosophischen Studien zu ferne stehen und deshalb die Untersuchung der geistig-moralischen Ursachenreihen verwechseln mit Velleitäten, die veralteten Moralsystemen entspringen.

Sombart spielt seit Jahren als seinen höchsten Trumpf die Bemerkung aus: Nur der Starke siege, jede soziale Klasse weiche nur der Gewalt, entschlage sich nie freiwillig ihrer Privilegien; wohlwollende Menschenfreunde und ideologische Bureaukraten seien stets einflußlos. Das ist in der Hauptsache wahr; aber das ist nicht das, worüber vernünftige Menschen streiten. Sondern die wirkliche Streitfrage ist: waren stets und stets nur Magenfrage und mechanische Gewalt das in den historischen Entwicklungsprozessen Ausschlaggebende oder auch und vielmehr ideale Vorstellungen und Hoffnungen; war das, was die großen Geister der Menschheit, die Stifter der Religionen, der Staaten, die großen Gesetzgeber und Führer der Parteien und der Klassen, die großen Philosophen und Schriftsteller lehrten und womit sie die Hunderte, die Tausende und die Millionen in ihr Gefolge zwangen und so die herrschenden und befehlenden Kräfte wurden, nicht die eigentlich beherrschende Ursache der Geschichte? Liegt die Stärke der Sozialdemokratie heute in ihren Fäusten, in ihrer Parteiorganisation oder in dem Geiste, in der moralischen Kraft ihrer Führer? Und besteht nicht die ganze Kultur der Menschheit seit Jahrtausenden aus der Kraft, welche Moral, Sitte und Recht, welche die idealen Prinzipien alles Gesellschaftslebens errungen haben? Bei der Um- und Neubildung dieser Prinzipien wie der Moralsysteme sind wirtschaftliche Individual-, Klassen-, Nationalinteressen der Rohstoff, der beachtet werden muß, dem man nicht Gewalt antun darf, der aber doch in der Hauptsache geknetet und geformt wird von jenen höheren geistigen Potenzen. Nicht einzelne ideologische Bureaukraten sehen große soziale Reformen durch, überwinden den Klassenegoismus bevorrechtigter Klassen, aber wohl geistige Bewegungen, die wie das Naturrecht, die Aufklärung, der Merkantilismus, die Theorie A. Smiths, die ganze neue Moralphilosophie, die neueren Staaten und Gesellschaften umgewandelt haben, wie es früher die großen Religionssysteme taten. –

Zum Schluß noch ein Wort über den letzten Teil der Sombartschen Broschüre, die Marx als Schriftsteller behandelt. Er knüpft an an den Gegensatz von Natur- und Geisteswissenschaft, den er im Anschluß an einige neuere Philosophen nach meiner Meinung zu absolut hinstellt, indem er das subjektive, persönliche, dichterisch geniale Element in der Entwicklung der Geisteswissenschaft, das er ganz richtig betont, doch zu sehr und zu einseitig als die einzige Grundlage der Geisteswissenschaft hinstellt. Alle Geisteswissenschaft ist ihm nur ein Nach- und Nebeneinanderstehen persönlicher Schöpfungen. Er kommt so zu dem Paradoxon, die Geschichtswissenschaft habe von Thukydides bis Mommsen keine Fortschritte gemacht. Was man von Menschenforschern erwarte, seien keine Leistungen, sondern Problemstellungen, ein Entdecken und Schauen von Menschen, »stärkstes Erlebnis mit großer Darstellungskraft.« Die gewöhnlichen kleinen Gelehrten, wie Ricardo, Senior, Thünen, Jevons, hätten freilich diese großen Sehergaben nicht, die begnügten sich mit Abstraktionskraft und Verstandesschärfe, die, wie Roscher richtig gesagt habe, Marx ganz gefehlt habe. Dafür habe er eine wunderbare Fruchtbarkeit an neuen und schöpferischen Ideen und unerhörte Gesichte, eine seltene Kunst der Sprache und der Darstellungskraft gehabt. »Die Darstellungskraft macht zuletzt den großen Menschenforscher.«

Gewiß gehört Marx zu den Gelehrten, die wie Hegel und Schilling mit großer Kraft der Anschauung, der Phantasie begabt waren. Und eine gute Dosis von Phantasie ist jedem großen epochemachenden Gelehrten nötig. Aber Sombart scheint mir mit seiner Charakteristik der Geisteswissenschaft und der Persönlichkeit von Marx doch wieder einen wahren Gedanken bis zur Paradoxie zu überspannen und aus dem Wesen des Gelehrten das zu streichen, was eigentlich seine Aufgabe ausmacht – im Gegensatz zu den ideologischen Prophetennaturen, unter die ich Marx einreihen möchte, wie ihn ja auch Sombart mit den alttestamentarischen Propheten vergleicht.

Die ganze heutige Wissenschaft ist rational, geht von der empirischen Einzelforschung aus, sucht nach feststehenden Wahrheiten, deren Summierung eben das große feste Gebäude der Wissenschaft ausmacht; die Historiker und die Philosophen des Altertums waren mehr als die heutigen Dichter und Schriftsteller; die der Gegenwart, auch Mommsen, Niebuhr, Ad. Smith, sind wirkliche Gelehrte, die bei aller Kunst der Darstellung, bei großer Phantasie doch in erster Linie die gesicherten Forschungen von Dutzenden und Hunderten zusammenfassen und dadurch wirken. Ich möchte umgekehrt wie Sombart sagen: Die heutigen Naturforscher setzen die des Altertums nicht fort, weil es damals noch kaum eine Naturbeobachtung gab, die heutigen Staats- und Moralphilosophen stehen alle auf den Schultern von Plato, Aristoteles, der Naturrechtslehrer des 16. bis 18. Jahrhunderts; auch vier Fünftel dessen, was Marx geschrieben hat, sind ja nur verständlich im Anschluß an Ad. Smith und Ricardo, an die älteren Sozialisten, wenn auch das Bedeutsamste, was er geschrieben, der eigenen neuen Anschauung entstammt.

Kurz – um statt den früher Marx zugebilligten, jetzt ihm abgestrittenen theoretischen Verdiensten einen Ersatz zu schaffen, verfällt, wie mir scheinen will, Sombart in den Fehler, Marx als Schriftsteller ganz übermäßig zu loben, ihn ganz zum Dichter zu machen. Neun Zehntel, was er geschrieben, sind abstrus, kaum lesbar, langweilig. Daneben hat er eine anschauliche Prophetengabe, die an einzelnen Stellen Glänzendes leistet. Er hat Dinge gesehen, besser gesehen als alle vor ihm, weil er ein großer Mensch war. Aber deshalb besteht nicht alle Geisteswissenschaft in »Schauen«, in »Gesichten«. Sombart kehrt damit zu einem Standpunkt zurück, wie ihn Schelling predigte und damit seine Philosophie diskreditierte. Er predigt eine Art Umkehr der Wissenschaft, kaum weniger gefährlich, als die von den Orthodoxen geforderte.

Bei all dem möchte ich sagen: Marx war das Schicksal von Sombart; es ist ein anziehendes persönliches Schauspiel, wie dieser reichbegabte Geist nun seit 20 Jahren so tief und so ernst mit dem Problem ringt, gegen Marx gerecht zu bleiben und doch zuzugestehen, was falsch und unhaltbar in ihm sei.

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